Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Tödliche Sehnsucht E-Book

Sandra Brown  

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E-Book-Beschreibung Tödliche Sehnsucht - Sandra Brown

Wie weit geht man, um die zu schützen, die man am meisten liebt?Crawford Hunt will seine Tochter zurück. Nach dem Tod seiner Frau befindet sich der Texas Ranger in einer Abwärtsspirale, ist zu Büroarbeit degradiert worden und musste seine fünfjährige Tochter wegen eines Gerichtsbeschlusses weggeben. Jetzt hat er sein Leben wieder im Griff, doch das Schicksal seiner kleinen Familie liegt in den Händen von Richterin Holly Spencer. Die erkennt zwar, dass er sein Kind über alles liebt, ist aber unsicher, ob er die Verantwortung wirklich übernehmen kann. Hollys Meinung ändert sich jedoch schlagartig, als während der Anhörung ein bewaffneter Mann auftaucht und Crawford sie gerade noch vor einer Kugel retten kann. Doch der Täter wird nicht gefasst und bleibt eine Bedrohung. Crawford will Holly beschützen – aber die verbotene Anziehungskraft zwischen den beiden macht ihm das nicht leicht …

Meinungen über das E-Book Tödliche Sehnsucht - Sandra Brown

E-Book-Leseprobe Tödliche Sehnsucht - Sandra Brown

Buch:

Crawford Hunt will seine Tochter zurück. Nach dem Tod seiner Frau befindet sich der Texas Ranger in einer Abwärtsspirale, ist zu Büroarbeit degradiert worden und musste seine fünfjährige Tochter wegen eines Gerichtsbeschlusses weggeben. Jetzt hat er sein Leben wieder im Griff, doch das Schicksal seiner kleinen Familie liegt in den Händen von Richterin Holly Spencer. Die erkennt zwar, dass er sein Kind über alles liebt, ist aber unsicher, ob er die Verantwortung wirklich übernehmen kann. Hollys Meinung ändert sich jedoch schlagartig, als während der Anhörung ein bewaffneter Mann auftaucht und Crawford sie gerade noch vor einer Kugel retten kann. Doch der Täter wird nicht gefasst und bleibt eine Bedrohung. Crawford will Holly beschützen – aber die verbotene Anziehungskraft zwischen den beiden macht ihm das nicht leicht …

Autorin:

Sandra Brown arbeitete mit großem Erfolg als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman »Trügerischer Spiegel« auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher die Spitzenplätze der New-York-Times-Bestsellerliste erreicht! Ihren großen Durchbruch als Thrillerautorin feierte Sandra Brown mit dem Roman »Die Zeugin«, der auch in Deutschland auf die Bestsellerlisten kletterte – ein Erfolg, den sie mit jedem neuen Roman noch einmal übertreffen konnte. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.

Weitere Informationen finden Sie auf: www.sandra-brown.de

Von Sandra Brown bereits erschienen (Auswahl):

Envy – Neid ∙ Crush – Gier ∙ Rage – Zorn ∙ Weißglut ∙ Eisnacht ∙ Warnschuss · Ewige Treue ∙ Süßer Tod ∙ Sündige Gier ∙ Blinder Stolz (38361) ∙ Böses Herz · Eisige Glut ∙ Sanfte Rache

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Sandra Brown

Tödliche Sehnsucht

Thriller

Deutsch von Christoph Göhler

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Sollte diese Publikation Links auf Webseiten Dritter enthalten, so übernehmen wir für deren Inhalte keine Haftung, da wir uns diese nicht zu eigen machen, sondern lediglich auf deren Stand zum Zeitpunkt der Erstveröffentlichung verweisen.

Die Originalausgabe erschien 2015unter dem Titel »Friction« bei Grand Central Publishing, a division of Hachette Books Group, Inc., New York. 1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2015 by Sandra Brown Management, Ltd.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018

by Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: René Stein

Umschlaggestaltung und -motiv: www.buerosued.de

LH ∙ Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-17148-3V001www.blanvalet.de

Prolog

Die zwei standhaften Streifenpolizisten, die an der Absperrung Wache standen, beobachteten sie, ohne irgendeine Regung zu zeigen. Aber ihr war klar, dass die beiden nach dem Presserummel der letzten Tage mit Sicherheit wussten, wer sie war, und dass sie – trotz ihres unnahbaren Auftretens – zu gern gewusst hätten, warum Richterin Holly Spencer sich am liebsten an ihnen vorbeigeschlichen hätte, nur um näher an den Tatort eines Blutbades zu gelangen.

»… Einschusswunde im Brustkorb … Fesselungsmale an den Hand- und Fußgelenken … Halb im, halb außerhalb des Wassers … Gemetzel …« Mit diesen Begriffen hatte Sergeant Lester die Szene jenseits der Absperrung beschrieben und hinzugefügt, dass er ihr die »grausamen Details« noch ersparen würde. Anschließend hatte er sie aufgefordert, von hier zu verschwinden und heimzufahren, weil sie hier nichts verloren hätte und ohnehin nichts unternehmen könnte. Dann hatte er sich unter der Absperrung durchgeduckt, war in seinen Wagen gestiegen und hatte ihn in drei Zügen gewendet, bis die Scheinwerfer wieder in Richtung Tatort gezeigt hatten.

Falls Sie nicht freiwillig ging, würden die beiden Streifenpolizisten sie eskortieren, und das würde noch mehr Aufsehen erregen. Also kehrte sie langsam zu ihrem Wagen zurück.

In den wenigen Minuten, seit sie am Tatort angekommen war, trafen weitere Einsatzkräfte von verschiedenen Polizeibehörden und Rettungsdiensten ein. Eine lange Reihe von PKWs, Pick-ups und SUVs parkte inzwischen links und rechts der kleinen Abzweigung auf beiden Seiten der schmalen Landstraße. Die Abzweigung lag tief im Wald und war nur auf wenigen Straßenkarten verzeichnet. Sie war praktisch unmöglich zu finden, es sei denn, man wusste Bescheid und hielt nach dem Tierpräparator-Schild Ausschau, auf dem ein Gürteltier abgebildet war.

Heute Abend hatte sich der Fleck zu einem Hotspot entwickelt.

Die Stimmung unter den Anwesenden war beinahe festlich. Die blinkenden Lichter der Einsatzfahrzeuge erinnerten Holly an einen Karnevalsumzug. Immer mehr Gaffer trafen ein, vom Unglück angelockt wie Haie vom Blut; sie standen in kleinen Grüppchen, tauschten Gerüchte über die Zahl der Toten aus und spekulierten darüber, wer wohl wie umgekommen war.

Sie hörte, wie in einer Gruppe Wetten darauf abgeschlossen wurden, wer überlebt hatte, und hätte am liebsten laut geschrien: Das ist keine Fernsehshow!

Bis sie bei ihrem Wagen angekommen war, war sie außer Atem und ihr Mund vor Angst wie ausgetrocknet. Sie stieg ein, umklammerte das Lenkrad und presste die Stirn so fest dagegen, dass es wehtat.

»Abfahrt, Euer Ehren.«

Halb zu Tode erschrocken riss sie den Kopf herum. Als sie seine blutdurchtränkten Kleider sah, hauchte sie seinen Namen.

Der riesige rote Fleck war noch so frisch, dass er im Kaleidoskop der roten, weißen und blauen Blinklichter aufglänzte. Seine Augen funkelten sie aus tiefen Höhlen an. Auf seiner Stirn standen Schweißperlen, in denen sich einzelne Haarsträhnen verfangen hatten.

Er kauerte in der Ecke der Rückbank, verharrte dort vollkommen regungslos, das linke Bein ausgestreckt, die Spitze des blutbespritzten Cowboystiefels zum Autohimmel gerichtet. Das rechte Bein hatte er am Knie abgewinkelt. Seine rechte Hand ruhte darauf und hielt eine Pistole umklammert, deren Lauf bösartig auf sie gerichtet war.

»Das ist nicht mein Blut«, sagte er.

»Das hat Neal mir erzählt.«

Er sah an seinem langen Rumpf hinunter und stieß ein kehliges, bitteres Lachen aus. »Er war schon tot, bevor er auf dem Boden aufkam, trotzdem wollte ich ganz sichergehen. Schön blöd. Hab mir damit das Hemd versaut, und es war eins von meinen Lieblingshemden.«

Sie ließ sich weder von seiner vorgetäuschten Gleichgültigkeit noch von seiner entspannten Körperhaltung täuschen. Jederzeit konnte er explodieren, er reagierte wie Nitroglyzerin bei einer Erschütterung.

Weiter vorne begannen Streifenpolizisten, die Reihe der geparkten Fahrzeuge abzugehen und den Fahrern zu signalisieren, die Seitenstreifen freizumachen. Entweder tat sie, was man von ihr verlangte, oder man würde ihn in ihrem Auto erwischen.

»Sergeant Lester hat mir erzählt, dass …«

»Dass ich den Hurensohn erschossen habe? Stimmt. Er ist tot. Und jetzt los.«

1

Fünf Tage zuvor

Crawford Hunts erster Gedanke nach dem Aufwachen war, dass endlich der Tag gekommen war, auf den er so lange hingefiebert hatte. Noch bevor er die Augen aufschlug, spürte er, wie eine glückselige Blase in seiner Brust aufstieg und gleich darauf von einem Stich der Angst zum Platzen gebracht wurde.

Vielleicht würde es nicht so laufen, wie er es sich vorstellte.

Er duschte so effizient wie immer, doch für die Körperpflege nahm er sich heute mehr Zeit als sonst: Er verwendete Zahnseide, rasierte sich gründlicher als üblich und föhnte seine Haare, statt sie wie üblich an der Luft trocknen zu lassen. Allerdings war er nicht besonders gut in Letzterem, und so sahen seine Haare letztendlich aus wie immer – ungebändigt. Warum hatte er nicht daran gedacht, zum Friseur zu gehen?

Er bemerkte ein paar graue Strähnen an seinen Schläfen. Zusammen mit den Fältchen in den Augen- und Mundwinkeln verliehen sie ihm eine gewisse Reife.

Allerdings würde die Richterin sie wahrscheinlich als Relikte eines aufzehrenden Lebens betrachten.

»Drauf gepfiffen.« Der Selbstbetrachtung überdrüssig, wandte er sich vom Badezimmerspiegel ab, ging ins Schlafzimmer zurück und zog sich an.

Er hatte überlegt, ob er einen Anzug tragen sollte, war dann aber zu dem Schluss gekommen, dass das aufgesetzt gewirkt hätte, so als würde er sich zu sehr bemühen, die Richterin zu beeindrucken. Außerdem kam er sich in dem dunkelblauen Wollgemisch vor wie ein Bestatter. Er begnügte sich mit einem Sportjackett und einer Krawatte.

Obwohl ihm der Druck des Holsters am Rücken fehlte, beschloss er, keine Waffe einzustecken.

In der Küche machte er sich Kaffee und eine Schüssel mit Frühstücksflocken, doch kippte er gleich darauf beides in den Ausguss, weil ihm alles auf den Magen schlug. Gerade als die letzten Cheerios verschwanden, rief sein Anwalt an.

»Alles gut?« Dieselben Eigenschaften, die William Moore zu einem guten Anwalt machten, machten die Sympathien für ihn zunichte. Er hatte keine Manieren und null Charme, und obwohl er sich mit seinem Anruf nur nach Crawfords Befinden erkundigen wollte, klang seine Frage wie eine Kampfansage, auf die er eine positive Antwort erwartete.

»Geht schon.«

»Das Gericht tritt um Punkt zwei Uhr zusammen.«

»Weiß ich. Ich wünschte, es würde früher losgehen.«

»Fahren Sie davor in Ihr Büro?«

»Hab’s mir überlegt. Vielleicht. Weiß ich noch nicht.«

»Tun Sie’s. Die Arbeit wird Sie von der Anhörung ablenken.«

Crawford ließ es offen. »Mal sehen, wie es heute Morgen läuft.«

»Nervös?«

»Nein.«

Der Anwalt schnaubte skeptisch. Crawford gab zu, ein leichtes Bauchflattern zu spüren.

»Halten Sie sich genau an das, was wir besprochen haben«, sagte der Anwalt. »Schauen Sie allen in die Augen, vor allem der Richterin. Seien Sie aufrichtig. Sie schaffen das schon.«

Das klang zwar simpel, trotzdem atmete Crawford lang und tief aus. »Ich bin an dem Punkt angekommen, an dem ich alles getan habe, was ich kann. Jetzt liegt alles in der Hand der Richterin, und die hat ihr Urteil wahrscheinlich längst gefällt.«

»Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Die Entscheidung könnte davon abhängen, wie Sie sich im Zeugenstand schlagen.«

Crawford starrte stirnrunzelnd auf die Basisstation seines Telefons. »Nur gut, dass Sie mir keinen Druck machen.«

»Ich habe ein gutes Gefühl.«

»Besser als andersrum, schätze ich. Aber was ist, wenn ich heute nicht gewinne? Was mache ich dann? Falls ich nicht direkt einen Killer auf Richterin Spencer ansetze.«

»Denken Sie nicht mal daran, dass Sie verlieren könnten.« Als Crawford darauf nichts erwiderte, begann Moore zu dozieren: »Wir können es gar nicht gebrauchen, dass Sie mit Verlierermiene in den Gerichtssaal schleichen.«

»Richtig.«

»Das meine ich ganz ernst. Wenn Sie unsicher wirken, sind Sie erledigt.«

»Richtig.«

»Sie müssen mit Selbstvertrauen und Zuversicht auftreten, so als hätten Sie denen schon längst in den Arsch getreten.«

»Ich hab’s kapiert, okay?«

Endlich reagierte Moore auf den gereizten Tonfall seines Mandanten und trat den Rückzug an. »Wir treffen uns kurz vor zwei vor dem Gerichtssaal.« Dann legte er auf, ohne sich zu verabschieden.

Da Crawford bis zu seinem Gerichtstermin noch Stunden totzuschlagen hatte, unternahm er einen letzten Inspektionsgang durch das Haus. Kühlschrank, Gefrierschrank und Vorratskammer waren gut gefüllt. Gestern hatte er einen Reinigungsservice kommen lassen, und die drei fleißigen Frauen hatten das gesamte Haus blitzblank geputzt. Er räumte noch mal das Bad auf und machte das Bett. Ihm fiel beim besten Willen nichts ein, was er jetzt noch verbessern konnte.

Zuletzt ging er in das zweite Schlafzimmer, das er wochenlang für Georgias Heimkehr vorbereitet hatte, doch er gestattete sich keinen Gedanken daran, dass seine kleine Tochter ab sofort möglicherweise nicht jede Nacht unter diesem Dach verbringen würde.

Die Einrichtung des Kinderzimmers hatte er der Verkäuferin im Möbelgeschäft überlassen. »Georgia ist fünf. Sie kommt in die Vorschule.«

»Lieblingsfarbe?«, hatte sie gefragt.

»Rosa. Zweite Lieblingsfarbe Pink.«

»Haben Sie Preisvorstellungen?«

»Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Sie hatte ihn beim Wort genommen. Alles im Zimmer war rosa, bis auf das cremeweiße Bettgestell, die Wäschekommode und den Frisiertisch mit dem ovalen Spiegel, der zwischen zwei gedrechselten Spindeln aufgehängt war.

Er hatte all das ergänzt, was Georgia hoffentlich gefallen würde: Bilderbücher mit pastellfarbenen Umschlägen voller Regenbögen und Einhörner, die reinste Menagerie aus Stofftieren, ein Tutu mit dazu passenden glitzernden Ballettschuhen und eine Puppe mit rosa Prinzessinnenkleid und goldener Krone. Die Verkäuferin hatte ihm versichert, so sehe das Traumzimmer einer jeder Fünfjährigen aus.

Die Einzige, die noch fehlte, war Georgia.

Er ließ den Blick ein letztes Mal durch das Kinderzimmer wandern, verließ dann das Haus und stellte wenig später fest, dass er, ohne es bewusst vorgehabt zu haben, in Richtung Friedhof gefahren war. Zuletzt war er am Muttertag dort gewesen, als er und seine Schwiegereltern Georgia dorthin gebracht hatten, um das Grab ihrer Mutter zu besuchen, an die sie sich aber nicht mehr erinnerte.

Nachdem Georgia mit tiefernstem Gesicht wie angewiesen einen Rosenstrauß auf das Grab gelegt hatte, hatte sie zu ihm aufgesehen und gefragt: »Können wir jetzt Eis essen gehen, Daddy?«

Er hatte seine Schwiegereltern am Grab stehen lassen, damit sie ihrer verstorbenen Tochter gedenken konnten, Georgia auf den Arm genommen und sie zurück zum Auto getragen. Jedes Mal, wenn er so getan hatte, als würde er strauchelnd und stolpernd unter ihrem Gewicht zusammenbrechen, hatte sie fröhlich gequietscht. Beth hätte sich wohl nicht daran gestört. Es wäre ihr doch bestimmt lieber gewesen zu sehen, wie sich Georgia lachend auf ihr Eis gefreut hätte, als dass sie weinend an ihrem Grab stand?

Irgendwie erschien es ihm passend, Beth heute einen Besuch abzustatten, auch wenn er mit leeren Händen kam. Ihm wollte nicht einleuchten, welchen Nutzen jemand von einem Blumenstrauß haben könnte, der bereits unter der Erde lag. Auch richtete er keine Worte an den Geist seiner toten Frau, während er am Grab stand. Er hatte ihr schon vor Jahren alles gesagt, was er zu sagen hatte, und sich nach diesen verbalen Reinwaschungen nie besser gefühlt. Und Beth halfen sie definitiv nicht.

Also starrte er stumm auf das in den Granitstein gemeißelte Datum und verfluchte es, verfluchte sich für seine Schuld und gelobte anschließend, dass er alles in seiner Macht Stehende unternehmen würde, um seine Fehler wiedergutzumachen, falls ihm Georgia zugesprochen werden sollte. Hoffentlich schenkte ihm irgendein kosmischer Puppenspieler Gehör.

Holly sah kurz auf ihre Uhr, während sie im Erdgeschoss des Gerichtsgebäudes auf den Aufzug wartete. Als er ankam und die Tür aufglitt, verkniff sie sich ein Stöhnen, weil sie zwischen den Fahrgästen Greg Sanders entdeckte.

Sie machte einen Schritt zur Seite, damit alle aussteigen konnten. Sanders trat nur bis an die Schwelle, dann blieb er stehen und hinderte sie so am Einsteigen.

»Richterin Spencer«, begrüßte er sie genüsslich. »Wie schön, dass wir uns hier treffen. So können Sie mir als Erste gratulieren.«

Sie rang sich ein Lächeln ab. »Gibt es denn einen Grund zum Gratulieren?«

Er legte die Hand an die Tür, sodass sie sich nicht schließen konnte. »Ich komme gerade aus der Verhandlung. Das Urteil im Mallory-Fall? Nicht schuldig.«

Holly zog die Stirn in Falten. »Für mich wäre das kein Grund zum Feiern. Ihr Mandant stand vor Gericht, weil er einen bewaffneten Raubüberfall begehen wollte und dabei eine Supermarktangestellte niedergeschlagen hat. Die Angestellte hat dabei ein Auge verloren.«

»Aber mein Mandant hat den Laden nicht ausgeraubt.«

»Weil er glaubte, dass er die Angestellte erschlagen hat und darauf in Panik flüchtete.« Sie war mit dem Fall vertraut, doch weil der Verteidiger, Sanders, bei den Wahlen für das Richteramt am District Court gegen sie antrat, war das Verfahren an eine andere Kammer weitergeleitet worden.

Greg Sanders ließ ein selbstzufriedenes Schmunzeln aufblitzen. »Der stellvertretende Staatsanwalt hat es nicht fertiggebracht, seine Anklagepunkte zu untermauern. Mein Mandant …«

»Sie haben Ihr Plädoyer schon vor Gericht gehalten«, fiel Holly ihm ins Wort. »Ich würde nicht im Traum daran denken, Sie zu bitten, es hier und jetzt ein zweites Mal zu halten. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden?«

Sie schob sich an ihm vorbei in den Lift. Er trat aus der Kabine, drückte aber weiter mit der Hand gegen die Tür. »Ich fahre einen Sieg nach dem anderen ein. Und im November …« Er zwinkerte ihr zu. »Den alles entscheidenden Sieg.«

»Dann steht Ihnen eine enorme Enttäuschung bevor, fürchte ich.« Sie drückte den Aufzugknopf für den fünften Stock.

»Diesmal gibt es keinen Richter Waters, der Ihnen den Steigbügel hält.«

Sie belegten einen von drei Aufzügen mit Beschlag. Um sie herum verloren die Menschen allmählich die Geduld und bedachten sie mit gehässigen Blicken. Abgesehen davon, dass sie anderen Unannehmlichkeiten bereiteten, würde sie sich nicht dazu verleiten lassen, sich oder ihren Mentor gegenüber Greg Sanders zu verteidigen. »Ich habe in fünfzehn Minuten eine Verhandlung. Bitte geben Sie jetzt die Tür frei.«

Inzwischen musste Sanders sichtbar gegen den Schließmechanismus ankämpfen. So leise, dass nur sie es hören konnte, murmelte er: »Was könnte eine hübsche junge Anwältin wie Sie wohl für den alten Richter Waters getan haben, damit er sich beim Gouverneur derart für Sie ins Zeug legt?«

Das »hübsch« war nicht als Kompliment, sondern herablassend gemeint.

Sie reagierte mit einem verächtlichen Lächeln. »Ernsthaft, Mr. Sanders? Sie müssen ja extrem nervös sein, was den Ausgang der Wahl im November angeht, wenn Sie nicht mal davor zurückschrecken, dem ehrenwerten Richter Waters und mir ein Verhältnis zu unterstellen.« Ohne höfliche Aufforderung befahl sie dieses Mal laut und deutlich: »Und jetzt lassen Sie die Tür los.«

Er hob kapitulierend die Hände und trat einen Schritt zurück. »Sie werden es verbocken. Nur eine Frage der Zeit.« Die Tür schloss sich vor seinem grinsenden Gesicht.

Als Holly ihr Büro betrat, löffelte ihre Assistentin Mrs. Debra Briggs gerade einen Becher Joghurt an ihrem Schreibtisch. »Auch einen?«

»Nein, danke. Ich komme eben aus einem verbalen Waffengang mit meinem Widersacher.«

»Wenn Ihnen das nicht den Appetit verdirbt, dann wüsste ich nicht, was. Mich erinnert er immer an den alten Maulesel, den mein Grandpa damals hatte.«

»Da gibt es bestimmt Ähnlichkeiten. Langes Gesicht, große Ohren, riesiges Gebiss.«

»Ich dachte eher an das andere Ende des Mulis.«

Holly lachte. »Irgendwelche Nachrichten?«

»Marilyn Vidal hat zweimal angerufen.«

»Rufen Sie sie zurück und sagen Sie ihr, dass ich eine Verhandlung habe. Ich melde mich nach der Anhörung bei ihr.«

»Dass sie so lange warten muss, wird ihr nicht gefallen.«

Marylin war ein Energiebündel, das ihren Wahlkampf orchestrierte. Sie konnte nervtötend hartnäckig sein. »Nein, ganz sicher nicht, aber sie wird nicht daran sterben.«

Holly ging weiter in ihr Richterzimmer und schloss die Tür hinter sich. Sie brauchte ein paar Minuten für sich, um sich vor der anstehenden Sorgerechtsanhörung zu sammeln. Die Begegnung mit Sanders hatte bei ihr – auch wenn sie sich das nicht gern eingestand – ein befremdliches Unbehagen hinterlassen. Eigentlich war sie zuversichtlich, dass sie ihn bei der anstehenden Wahl schlagen würde und das Richteramt, das ihr vorübergehend zugesprochen worden war, gegen ihn verteidigte.

Doch während sie den Reißverschluss ihrer Robe zuzog, hallte in ihr seine Abschiedsbemerkung nach wie eine unheilschwangere Prophezeiung.

»Crawford?«

Er war extra früher gekommen und versuchte seither, während er im vierten Stock des altehrwürdigen Gerichtsgebäudes des Prentiss County durch eine wellige Fensterscheibe nach draußen starrte, alle negativen Gedanken aus seinem Kopf zu verbannen.

Er drehte sich um. Grace und Joe Gilroy kamen auf ihn zu, mit ernsten Mienen, wie es dem Anlass angemessen war.

»Hi, Grace.«

Seine zierliche Schwiegermutter war hübsch und hatte ein sanftes Wesen, das aus ihren Augen strahlte. Die äußeren Augenwinkel waren leicht nach oben gezogen, eine Eigenheit, die Beth von ihr geerbt hatte. Er und Grace umarmten sich kurz.

Nachdem sie sich von ihm gelöst hatte, musterte sie ihn wohlwollend. »Gut siehst du aus.«

»Danke. Hallo, Joe.«

Er gab Grace frei und reichte Beths Dad die Hand. Joe war Hobbyschreiner, was die Schwielen unterhalb der Finger bezeugten. Sein Händedruck war fest, doch eigentlich war alles an Joe Gilroy fest für einen Mann von gut siebzig Jahren.

»Wie geht es dir?«, fragte er.

Crawford lächelte angestrengt. »Exzellent.«

Joe sah nicht so aus, als würde er ihm die Übertreibung glauben, aber er sagte nichts. Genauso wenig erwiderte er Crawfords Lächeln.

»Ich schätze, wir sind alle ein bisschen nervös«, sagte Grace. Sie zögerte kurz und fragte Crawford dann, ob er mit einem guten oder schlechten Gefühl in die Anhörung gehe.

»Ob ich gewinne oder verliere, meinst du?«

Sie sah ihn gequält an. »Du solltest nicht in Begriffen wie Gewinnen oder Verlieren denken.«

»Tust du es denn nicht?«

»Wir wollen nur das Beste für Georgia«, sagte Joe. Womit er meinte, dass es das Beste für das Mädchen wäre, wenn es bei ihnen blieb. »Und ich bin sicher, dass Richterin Spencer das auch will.«

Crawford verkniff sich eine Antwort und beschloss, sich seine Argumente für den Gerichtssaal aufzusparen. Sie hier draußen vorzutragen, würde nichts bringen und nur Feindseligkeiten schüren. Es war schlicht so, dass er und seine Schwiegereltern sich heute in einem Rechtsstreit gegenüberstanden, dessen Ausgang sich massiv auf alle Beteiligten auswirken würde. Eine von beiden Parteien würde den Gerichtssaal als unglücklicher Verlierer verlassen. Falls die Richterin zu Joes und Graces Gunsten entschied, würde Crawford ihnen nicht gratulieren können, und er würde ihnen vorab bestimmt kein Glück wünschen. Er ging davon aus, dass sie ihm gegenüber ähnlich empfanden.

Da sich beide Parteien darauf geeinigt hatten, Georgia aus dem Verfahren herauszuhalten, erkundigte sich Crawford bei Grace, wo sie die Kleine für die Zeit der Anhörung untergebracht hatten. »Sie ist heute Nachmittag bei der Enkelin unserer Nachbarin. Sie war schrecklich aufgeregt, als ich sie dort abgesetzt habe. Sie wollen Plätzchen backen.«

Crawford verzog das Gesicht. »Letztes Mal waren sie in der Mitte noch ganz matschig.«

»Sie holt sie immer zu früh aus dem Ofen«, sagte Joe.

Crawford lächelte. »Sie will sie immer sofort probieren.«

»Sie muss lernen, Geduld zu bewahren.«

Crawford musste die Zähne zusammenbeißen, damit ihm das Lächeln nicht verrutschte. Sein Schwiegervater verstand es, Seitenhiebe auszuteilen, die auf Crawfords charakterliche Mängel zielten. Der hier hatte gesessen, das Timing war perfekt. Doch ehe Crawford etwas erwidern konnte, trat der Anwalt der Gilroys aus dem Lift. Die beiden entschuldigten sich und gingen zu ihm, um sich mit ihm zu beraten.

Kurz darauf traf auch Crawfords Anwalt ein. Bill Moores Schritt war so forsch wie sein Auftreten. Heute allerdings wurde sein Marschtempo von Dutzenden möglicher Geschworener gebremst, die nach dem richtigen Gerichtssaal suchten und dabei den Korridor verstopften.

Der Anwalt pflügte zwischen ihnen durch und begrüßte Crawford, bevor sie gemeinsam in Richterin Spencers Gerichtssaal traten.

Chet Barker, der Gerichtsdiener, war eine Institution, der über eine ausladende Erscheinung mit einem ebenso großen Herzen verfügte. Er begrüßte Crawford mit Namen. »Der große Tag, wie?«

»Ganz genau, Chet.«

Der Gerichtsdiener schlug ihm auf die Schulter. »Viel Glück.«

»Danke.«

Crawfords Hintern hatte kaum die Sitzfläche seines Stuhles berührt, da forderte Chet die Anwesenden auf, sich zu erheben. Die Richterin betrat den Saal, stieg auf das Podium und setzte sich auf einen Stuhl mit hoher Lehne, der Crawford unangenehm an einen Thron erinnerte. In gewisser Weise war es auch einer. Hier herrschte allein die ehrenwerte Richterin Holly Spencer.

Chet erklärte die Verhandlung für eröffnet und forderte alle Anwesenden auf, sich wieder zu setzen.

»Guten Nachmittag«, sagte die Richterin. Sie fragte die Anwälte, ob alle Parteien anwesend seien, und faltete, als die Formalitäten erledigt waren, die Hände auf dem Pult zusammen.

»Ich habe diesen Fall zwar von Richter Waters übernommen, aber mich bereits damit vertraut gemacht. So wie ich die Situation erfasse, beantragten Grace und Joe Gilroy im Mai 2010 das einstweilige Sorgerecht für ihre Enkelin Georgia Hunt.« Sie sah Crawford an. »Sie, Mr. Hunt, haben damals keinen Einspruch eingelegt.«

»Nein, Euer Ehren, das habe ich nicht.«

William Moore erhob sich. »Wenn Sie gestatten, Euer Ehren?«

Sie nickte.

Maschinengewehrfeuerschnell ratterte der Anwalt die wichtigsten Punkte von Crawfords Sorgerechtsantrag herunter und fasste zusammen, warum es nur richtig und an der Zeit sei, dass Georgia wieder zu ihm zurückkehrte. »Mr. Hunt ist Georgias Vater«, beendete er seine Salve. »Er liebt sie, und seine Zuneigung wird erwidert, wie zwei Kinderpsychologen attestieren. Ich nehme an, Sie haben eine Kopie der Gutachten?«

»Ja, und ich habe beide gelesen.« Die Richterin betrachtete Crawford nachdenklich und sagte dann: »Mr. Hunt wird Gelegenheit bekommen, seinen Fall vorzutragen, doch erst möchte ich die Gilroys zu Wort kommen lassen.«

Ihr Anwalt sprang auf, als könnte er es nicht erwarten, seine Einwände gegen Crawfords Antrag vorzubringen. »Vor vier Jahren gab es massive Zweifel an Mr. Hunts psychischer Stabilität, Euer Ehren. Er überließ seine Tochter widerspruchslos ihren Großeltern, was darauf schließen lässt, dass er sein Kind in ihrer Obhut besser aufgehoben wusste.«

Die Richterin hob die Hand. »Mr. Hunt hat zugestanden, dass es zu diesem Zeitpunkt in Georgias bestem Interesse war, sie bei ihren Großeltern zu lassen.«

»Wir hoffen, das Gericht davon zu überzeugen, dass sie auch bei ihnen bleiben sollte.« Er rief Grace als Zeugin auf. Sie wurde vereidigt. Während sie sich im Zeugenstand niederließ, schenkte Richterin Spencer ihr ein aufmunterndes Lächeln.

»Mrs. Gilroy, warum fechten Sie und Ihr Mann den Sorgerechtsantrag Ihres Schwiegersohns an?«

Grace fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Also, unser Haus war schon immer Georgias Zuhause. Wir haben alles getan, damit wir ihr eine liebevolle und fürsorgliche Umgebung schaffen.« Es folgte eine ausführliche Schilderung, was für ein gesundes Familienleben sie führten.

Richterin Spencer unterbrach sie schließlich. »Mrs. Gilroy, niemand in diesem Gerichtssaal, nicht einmal Mr. Hunt, zweifelt an, dass Sie Georgia ein wunderbares Heim geschaffen haben. Meine Entscheidung wird nicht davon abhängen, wie gut Sie für Ihre Enkelin gesorgt haben, sondern davon, ob Mr. Hunt willens und fähig ist, seiner Tochter ein ebenso gutes Heim zu bieten.«

»Ich weiß, dass er sie liebt.« Grace warf ihm einen verlegenen Blick zu. »Aber Liebe allein genügt nicht. Damit sich ein Kind geborgen fühlt, braucht es Beständigkeit und Regelmäßigkeit. Und da Georgia keine Mutter hat, braucht sie das, was dem am nächsten kommt.«

»Ihren Daddy.« Mit seinem gemurmelten Kommentar zog Crawford sich missbilligende Blicke von allen Seiten zu, auch von der Richterin.

Bill Moore drückte seinen Arm und flüsterte: »Sie kommen schon noch an die Reihe.«

Die Richterin stellte Grace noch einige Fragen, doch kurz gesagt glaubte seine Schwiegermutter, dass es einen ungesunden Bruch in Georgias jungem Leben bedeuten würde, wenn sie jetzt aus ihrer vertrauten Umgebung gerissen würde. Sie schloss mit dem Satz: »Mein Ehemann und ich fürchten, dass eine Trennung von uns sich nachteilig auf Georgias emotionale und psychologische Entwicklung auswirken würde.«

Für Crawford hörte sich die Erklärung vorgefertigt an, wie auswendig gelernt, als stammten die Worte nicht von Grace selbst, sondern von ihrem Anwalt, der sie ihr in den Mund gelegt hatte.

Richterin Spencer fragte Crawfords Anwalt, ob er Fragen an Mrs. Gilroy habe. »Ja, Euer Ehren, die habe ich.« Er trat an den Zeugenstand und kam ohne Umschweife zur Sache. »Georgia verbringt die Wochenenden oft bei Mr. Hunt, ist das richtig?«

»Ja, das stimmt. Seit wir damals das Gefühl hatten, dass Georgia alt genug ist, um woanders zu übernachten, und seit wir Crawford so weit … vertrauen konnten, erlauben wir ab und zu, dass er Georgia über Nacht bei sich behalten darf. Manchmal auch zwei Nächte.«

»Und welchen Eindruck macht Georgia auf Sie, wenn sie nach diesen Übernachtungen bei ihrem Vater wieder zu Ihnen kommt?«

»Wie meinen Sie das?«

»In welcher Verfassung, in welchem Allgemeinzustand ist sie dann? Kommt sie weinend und mit ausgestreckten Armen angelaufen, ist sie froh, dass sie wieder bei Ihnen ist? Wirkt sie eingeschüchtert, verängstigt, traumatisiert? Zeigt sie Anzeichen einer seelischen Belastung? Wirkt sie in sich gekehrt und verschlossen?«

»Nein. Sie wirkt … ganz normal.«

»Sie weint nur, wenn ihr Vater sie wieder abgibt. Stimmt das nicht?«

Grace zögerte. »Manchmal weint sie, wenn er sie zurückbringt. Aber nur gelegentlich. Nicht jedes Mal.«

»Und sie weint eher, wenn sie länger bei ihm zu Besuch war«, stellte der Anwalt klar. »Mit anderen Worten, je länger Georgia bei ihm ist, desto größer sind ihre Verlustängste, wenn sie zu Ihnen zurückgebracht wird.« Er sah, dass der Anwalt der Gilroys Einspruch erheben wollte, und winkte ihn auf seinen Platz zurück. »Unzulässige Schlussfolgerung meinerseits.«

Er entschuldigte sich bei der Richterin, aber Crawford war klar, dass es ihm keineswegs leidtat, sein Argument vor- und damit zu Protokoll gebracht zu haben.

Er wandte sich wieder an Grace. »Wann haben Sie Mr. Hunt zuletzt betrunken gesehen?«

»Das ist schon eine Weile her. Ich kann mich nicht genau erinnern.«

»Eine Woche? Einen Monat? Ein Jahr?«

»Länger.«

»Länger als ein Jahr«, wiederholte Moore. »Vielleicht vier Jahre? Als ihm die Trauer nach dem Verlust seiner Frau am schlimmsten zusetzte?«

»Ja, aber …«

»Hat Mr. Hunt Ihres Wissens je getrunken, während Georgia bei ihm war?«, unterbrach er sie barsch.

»Nein.«

»Die Beherrschung verloren und sie geschlagen?«

»Nein.«

»Hat er Georgia angeschrien, sie beschimpft oder sich in ihrer Gegenwart vulgär ausgedrückt?«

»Nein.«

»Ihr nichts zu essen gegeben, wenn sie hungrig war?«

»Nein.«

»Sie nicht angeschnallt, wenn sie im Auto saß? Sie versetzt, wenn sie auf ihn gewartet hat? Hat er je in irgendeiner Hinsicht die körperlichen oder emotionalen Bedürfnisse seiner Tochter vernachlässigt?«

Grace senkte den Kopf und gestand leise: »Nein.«

Moore wandte sich an die Richterin und breitete die Arme aus. »Euer Ehren, mit diesem Verfahren verschwenden wir die Zeit des Gerichts. Mr. Hunt hat Fehler gemacht, was er bereitwillig eingesteht. Doch seither hat er sein Leben neu geordnet. Er ist von Houston nach Prentiss gezogen, nur damit er seine Tochter regelmäßig sehen kann. Er hat sich einer Therapie unterzogen, wie es Ihr Vorgänger vor zwölf Monaten angeordnet hat. Er ist noch genauso entschlossen wie vor einem Jahr, das Sorgerecht für seine Tochter zurückzubekommen, und ich möchte in aller Form vortragen, dass es für Mr. und Mrs. Gilroy keinerlei Grund gibt, abgesehen von egoistischem Eigeninteresse, den Antrag meines Mandanten anzufechten.«

Der Anwalt der Gilroys sprang auf. »Euer Ehren, die Gründe für die Anfechtung meiner Mandanten sind aktenkundig. Mr. Hunt hat sich als unfähig erwiesen …«

»Ich habe die Akte vorliegen, danke«, fiel Richterin Spencer ihm ins Wort. »Mrs. Gilroy, Sie sind entlassen. Ich möchte jetzt Mr. Hunt in den Zeugenstand rufen.«

Grace wirkte zerknirscht, als sie aus dem Zeugenstand trat, so als hätte sie ihrer Sache einen schlechten Dienst erwiesen.

Crawford stand auf, strich seine Krawatte glatt und ging zum Zeugenstand. Chet vereidigte ihn. Crawford setzte sich und sah zur Richterin – sah ihr offen in die Augen, so wie Moore es ihm eingetrichtert hatte.

»Mr. Hunt, vor einigen Jahren weckten Sie durch Ihr Verhalten Zweifel an Ihrer Eignung, ein guter Vater zu sein.«

»Darum habe ich auch keinen Einspruch eingelegt, als Joe und Grace damals das einstweilige Sorgerecht für Georgia zugesprochen bekamen. Georgia war erst dreizehn Monate alt, als Beth starb. Sie brauchte ständige Fürsorge, und die konnte ich ihr nicht bieten. Wegen meiner Arbeitsverpflichtungen und anderer Probleme.«

»Erheblicher Probleme.«

Es war keine Frage. Darum hielt er lieber den Mund.

Die Richterin blätterte in mehreren offiziell aussehenden Papieren und fuhr dann mit einem Finger eine Seite entlang. »Sie wurden festgenommen und haben sich der Trunkenheit am Steuer schuldig bekannt.«

»Ein einziges Mal. Aber ich …«

»Sie wurden wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses angezeigt und …«

»Weil ich urinieren musste …«

»… Körperverletzung.«

»Es war eine Schlägerei in einer Kneipe. Jeder, der damals auch nur einen Schlag gelandet hatte, wurde verhaftet. Ich wurde entlassen, ohne dass …«

»Ich habe die Akte vorliegen.«

Vor Wut köchelnd saß er da und musste zuschauen, wie seine Vergangenheit über seine Zukunft hinwegwalzte. Richterin Holly Spencer kannte keine Nachsicht. Nachdem sie ihn lange und nachdenklich gemustert hatte, blätterte sie erneut in den Papieren, die sie als seine »Akte« bezeichnet hatte. Er fragte sich, wie schlimm seine Vergehen wirken mussten, wenn sie schwarz auf weiß ausgedruckt waren. Wenn ihre strenge Miene einen Anhaltspunkt bot, dann nicht besonders gut.

Schließlich fasste sie zusammen: »Sie haben alle Therapiesitzungen besucht.«

»Richter Waters hat klargestellt, dass die Sitzungen verpflichtend sind. Alle fünfundzwanzig. Ich habe darauf geachtet, dass ich keine verpasse.«

»Der Bericht der Therapeutin sieht gut aus. Ihr zufolge haben Sie bemerkenswerte Fortschritte gemacht.«

»Das denke ich auch. Ich weiß es.«

»Ich weiß Ihr Pflichtbewusstsein zu würdigen, Mr. Hunt, und ich bewundere den Eifer, mit dem Sie das Sorgerecht für Ihre Tochter, die Sie ganz offensichtlich lieben, wiederzuerlangen versuchen.«

Jetzt kommt’s, dachte er.

»Allerdings …«

Die hintere Tür des Gerichtssaals flog auf, und eine Gestalt wie aus einem Horrorfilm kam durch den Mittelgang gerannt, eine Pistole in der ausgestreckten Hand. Die erste Kugel schlug in der Wand hinter dem Zeugenstand ein, genau auf halber Strecke zwischen Crawford und Richterin Spencer.

Die zweite traf den Gerichtsdiener Chet Barker in die Brust.

2

Mehrere Schüsse wurden kurz nacheinander abgefeuert. Crawford versuchte, sie zu zählen, verlor aber den Überblick in dem Chaos, das im Gerichtssaal ausbrach.

Richterin Spencer sprang auf und schrie entsetzt Chets Namen.

Joe schubste Grace aus ihrem Stuhl auf den Boden und suchte dann neben ihr Deckung.

Die Anwälte versteckten sich eilig unter den Tischen, an denen sie saßen. Die Protokollführerin ebenso.

Als würde er den Tumult und die durch Mark und Bein gehenden Schreie gar nicht wahrnehmen, stieg der komplett in Weiß gekleidete Schütze, dessen Gesichtszüge von einer durchsichtigen Plastikmaske verzerrt wurden, über Chets reglosen Körper wie über ein belangloses Hindernis und kam weiter nach vorne, wobei ein Schuss nach dem anderen in die Wand hinter dem Richterstuhl einschlug.

All das registrierte Crawford auf einen Blick, und er reagierte instinktiv, indem er über die Absperrung hechtete, die den Zeugenstand vom Richterpult trennte, die Richterin zu Boden riss und auf ihr zu liegen kam.

Vier Schüsse? Fünf? Sechs? Crawford hatte die Pistole als Neun-Millimeter erkannt. Je nach Größe des Munitionsclips …

Crawford erahnte, wann der Schütze um den Zeugenstand herumkam und auf das Podest trat, und riss im selben Moment den Kopf herum. Der Schütze hatte ihn genau im Visier. Crawford trat mit aller Kraft nach hinten. Sein Stiefelabsatz knallte gegen die Kniescheibe des Mannes und brachte ihn aus dem Gleichgewicht. Der Arm des Schützen flog hoch, sodass der Schuss in der Decke landete. Strauchelnd stolperte der Angreifer rückwärts vom Podest, drehte sich dann abrupt um und rannte zum Seitenausgang des Gerichtssaals.

Crawford richtete sich auf ein Knie auf und beugte sich über die Richterin. Nachdem er sich überzeugt hatte, dass sie noch am Leben war, schoss er vom Podest wie ein Sprinter aus dem Startblock. Er ging kurz neben Chet in die Hocke, stellte auf den ersten Blick fest, dass er tot war, öffnete dann das Holster und zog die Dienstpistole heraus, ohne sich auch nur einen Gedanken daran zu gestatten, dass hier ein guter Mann sinnlos gestorben war.

Aus einem anderen Gerichtssaal kam ein Gerichtsdiener durch die hintere Tür gestürmt und bremste schlitternd, als er bemerkte, wie Crawford Chets Revolver darauf prüfte, ob er geladen war. Sofort griff er nach seiner eigenen Waffe.

Crawford brüllte: »Texas Ranger Hunt! Auf Chet wurde geschossen.«

»Oh, Crawford, Jesus. Was ist denn passiert?«

Hinter dem nervösen Gerichtsdiener sammelten sich immer mehr Zivilisten. »Bringen Sie die Leute in Sicherheit. Sagen Sie den Officers unten Bescheid, dass ein Amokschütze im Haus ist. Er ist maskiert und komplett weiß gekleidet. Sie sollen ihn nicht mit mir verwechseln.«

Inzwischen war er bei dem Seitenausgang angekommen, durch den der Schütze verschwunden war. Er öffnete die Tür einen Spaltbreit, wartete ab, ob alles still blieb, stieß sie dann mit voller Wucht auf und stürmte hindurch, wobei er mit der Pistole abwechselnd nach links und rechts zielte. Der lange, schmale Gang war menschenleer, bis auf eine Frau, die mit aufgerissenem Mund in der Tür zu einem Büro stand. Sie presste eine Hand auf ihre Kehle.

»Gehen Sie zurück in Ihr Büro.«

»Was ist denn los? Was war das für ein Maler?«

»Wo ist er hin?«

Sie deutete auf die Tür zur Feuertreppe. Als Crawford auf einer Höhe mit der Frau war, schubste er sie in ihr Büro zurück und zog die Tür zu. »Schließen Sie ab«, rief er ihr durch die geschlossene Tür zu. »Bleiben Sie unter Ihrem Schreibtisch und kommen Sie nicht raus. Rufen Sie die Polizei. Erzählen Sie denen, was Sie gesehen haben.«

Dann rannte er weiter zur Feuertreppe.

Aus einer anderen Bürotür streckte ein Mann den Kopf in den Gang, sah Crawford und riss die Augen ängstlich auf. »Bitte, ich …«

»Hören Sie genau zu.« Ohne Zeit mit einer Erklärung zu vergeuden, befahl Crawford ihm gepresst, Deckung zu suchen und dort zu bleiben, bis die Situation geklärt war. Der Mann zog sich in sein Büro zurück und knallte die Tür zu.

Als Crawford sich der Tür zur Feuertreppe näherte, wurde er langsamer und legte die letzten Meter vorsichtiger zurück. Er wagte einen kurzen Blick durch das kleine Drahtfenster im oberen Drittel der Tür. Als er hinter der Scheibe nichts sah, zog er die Tür behutsam auf und sicherte mit ausgestreckter Waffe die Treppe nach oben und unten. Nichts passierte.

Er trat ins Treppenhaus, blieb stehen und lauschte nach einem Geräusch oder einer Bewegung, die Aufschluss darüber geben würde, in welche Richtung der Schütze geflüchtet war. Auf einmal hörte er in seinem Rücken …

Er wirbelte im selben Moment herum, in dem ein Deputy Sheriff durch die Tür zum Korridor trat. Sie kannten sich, zum Glück, denn die Läufe ihrer Waffen zielten jeweils genau auf den Kopf des anderen. Der Deputy wollte etwas sagen, doch Crawford legte mahnend den Finger auf die Lippen.

Der Deputy zeigte mit einem Nicken, dass er verstanden hatte, und signalisierte, dass er nach unten gehen würde und Crawford nach oben gehen sollte. Vorsichtig, ermahnte Crawford ihn stumm.

Dicht an die Wand gepresst, schlich Crawford die Stufen zum nächsten Stockwerk hoch. Er öffnete die Tür zu einem Gang, der exakt so aussah wie der ein Stockwerk unter ihm. Linoleumboden, behördenbeige gestrichene Wände. Hier und da hing ein gerahmtes Porträt von einem säuerlichen, dahingeschiedenen Amtsinhaber. Türen zu mehreren Büros an beiden Seiten des Gangs.

Etwa auf der Hälfte standen zwei Männer und eine Frau mit ängstlichen Gesichtern zusammen und berieten sich leise. Einer der Männer sah, dass Crawford bewaffnet war, und hob ängstlich die Hände.

»Ich bin ein Texas Ranger«, flüsterte Crawford. »Haben Sie hier einen weiß gekleideten Mann vorbeikommen sehen?« Ihm fiel ein, wie die erste Frau den Schützen beschrieben hatte, und er ergänzte: »Einen Maler?«

Alle schüttelten die Köpfe.

»Schließen Sie sich in ein Büro ein. Halten Sie sich von der Tür fern und öffnen Sie niemandem außer der Polizei.«

Crawford huschte zurück ins Treppenhaus. Weiter unten hörte er Schritte und schloss daraus, dass der Deputy Verstärkung angefordert hatte, die sich nun vom Erdgeschoss aus, wo das Sheriff’s Office von Prentiss County untergebracht war, nach oben vorarbeitete. Offenbar waren sie unten nicht auf den Schützen gestoßen. Andernfalls würde im Treppenhaus beträchtlich mehr Lärm herrschen, wahrscheinlich wären Schüsse zu hören gewesen.

Crawford ging weiter nach oben. Auf dem Treppenabsatz des fünften Stocks trat er an die Tür und kontrollierte durch das Fenster den Gang in beiden Richtungen. Auch hier stand eine Gruppe von Gerichtsangestellten beisammen, zwar verängstigt, aber nicht hysterisch. Der maskierte Amokläufer war also nicht gerade an ihnen vorbeigerannt.

Er drückte die Tür einen Spalt auf, wehrte alle Fragen nach den Schüssen und dem Tumult ab, identifizierte sich und befahl ihnen flüsternd, Deckung zu suchen, was alle eilig taten. Danach trat er zurück ins Treppenhaus und schlich weiter ins nächste Stockwerk, das sich in der Breite nur über die Hälfte des Gebäudes erstreckte. Am anderen Ende des Gangs war eine Tür, die aufs Dach führte.

In der Ecke direkt neben der Tür lagen ein weißer Overall, eine weiße Mütze, weiße Latexhandschuhe und ein Schuhüberzieher. Wahrscheinlich würde er unter dem Haufen auch die Maske finden, doch er ließ alles unberührt.

Die Pistole des Schützen befand sich nicht unter den Sachen auf dem Haufen.

Crawford beugte sich über das Treppengeländer und schaute nach unten, wo der Deputy sowie mehrere weitere uniformierte Beamte leise nach oben vordrangen. Crawford nickte zu der Tür zum Dach hin. Einer der Beamten kehrte um, sprach einen Treppenabsatz tiefer leise in das Funkgerät an seiner Schulterklappe und zeigte danach Crawford und den anderen einen erhobenen Daumen.

Crawford wusste, dass man inzwischen mit Sicherheit den einstudierten Notfallplan ausgelöst hatte. Bestimmt hatte die Polizei das Gerichtsgebäude umstellt. Sämtliche Ausgänge waren gesichert, jeder, der das Gebäude verlassen oder betreten wollte, würde aufgehalten. Ein SWAT-Team war herbeigerufen worden und auf dem Weg hierher. Ohne Zweifel bezogen in diesen Minuten Scharfschützen Position auf den Dächern der umliegenden Gebäude.

Der Schütze hatte das nicht besonders gut durchdacht. Das hier konnte kein gutes Ende für ihn nehmen. Wenn er nicht gerade fliegen konnte, würde er das Gebäude keinesfalls als freier Mann verlassen. Und sobald er das erkannte, kam er womöglich zu dem Schluss, dass er vor seiner unvermeidlichen Festnahme noch ein paar Menschen mehr in den Tod schicken könnte. Chet hatte er bereits vor mehreren Zeugen ermordet. Warum nicht alles auf eine Karte setzen und sich einen Namen als Massenmörder machen?

Crawford schlüpfte aus seinem Sakko, ließ es auf den Boden fallen und schob die Tür zum Dach eine Handbreit auf. »Hey, Kumpel«, rief er nach draußen. »Lassen Sie uns reden.«

Insgeheim rechnete er damit, dass die Metalltür von Kugeln durchsiebt würde, doch nichts passierte. Er öffnete die Tür eine weitere Handbreit. »Ich bin Texas Ranger, aber nicht in Uniform. Ich kann Ihnen meine Marke zeigen. Ich komme jetzt raus, okay? Ich bin unbewaffnet. Ich will nur reden. Ist das für Sie okay?«

Inzwischen hatten die übrigen Officers ihn erreicht. »Bist du dir sicher, Crawford?«, flüsterte einer von ihnen ihm zu.

Er schenkte dem Mann ein sprödes Lächeln, das anzeigte, dass er sich der Gefahr durchaus bewusst war, dann schob er Chets Pistole hinten in seinen Hosenbund, öffnete die Tür weit genug, um durchschlüpfen zu können, und trat mit erhobenen Händen auf das kiesbedeckte Dach.

Seine Augen brauchten ein paar Sekunden, um sich an das grelle Sonnenlicht zu gewöhnen, doch dann sah er den Mann. Er versuchte nicht einmal, sich zu verstecken, sondern stand an der niedrigen Brüstung an der Dachkante. Ein Latino, Ende zwanzig oder Anfang dreißig, mittelgroß und leicht untersetzt.

Er sah eigentlich nicht aus wie jemand, vor dem man sich fürchten musste, wäre da nicht die Pistole gewesen, die er mit zitternder Hand auf Crawford gerichtet hielt. In der anderen Hand hielt er eine qualmende Zigarette.

Crawford hielt die Hände weiter über dem Kopf. »Ich zeige Ihnen jetzt meine Marke, okay?« Er senkte die rechte Hand langsam zu dem Ledermäppchen an seinem Gürtel und hob sie gleich wieder an, als der Mann die Zigarette fallen ließ und »No!« rief.

»Das ist keine gute Idee, mein Freund.« Der Mann stach mehrmals durch die Luft mit der Pistole in seine Richtung.

»Sie wollen mich doch gar nicht erschießen«, sagte Crawford. »Legen Sie die Waffe auf den Boden, in Ordnung? Dann wird keiner verletzt, Sie eingeschlossen.«

Trotz Crawfords beruhigendem Tonfall wurde der Mann sichtlich nervöser. Er blinzelte, so sehr lief ihm der Schweiß von der Stirn in die nervös hin und her zuckenden Augen. Als sein Blick wieder auf Crawford zu liegen kam, gab er ihm mit der Pistole ein Zeichen zurückzuweichen.

Crawford kam der Gedanke, dass er womöglich kein Englisch sprach. »Habla inglés?«, fragte er.

»Sí!« Dann, mit mehr Nachdruck: »Sí!«

Die Antwort hatte zornig und abweisend geklungen, was Crawford in seinen Zweifeln bestärkte, ob der Mann tatsächlich Englisch konnte. Er machte einen Schritt nach vorn und senkte die flache Hand zum Boden hin. »La pistola. Hinlegen.«

»No.« Er hob den zweiten Arm, um die Pistole mit beiden Händen zu fassen.

Scheiße! »Komm schon, Kumpel. Das wird kein gutes Ende nehmen, wenn … Nein!«

Einer der Officers musste aus einer anderen Tür zum Dach gekommen sein, denn er tauchte scheinbar aus dem Nichts in Crawfords Augenwinkel auf. Der Schütze sah ihn im selben Moment. Er schwenkte die Waffe auf den Deputy und drückte zweimal ab. Ohne sein Ziel zu treffen.

Anders als die Scharfschützen auf den Dächern rundum.

Der Schütze bäumte sich unter jeder einzelnen Kugel auf, dann sackte er zusammen und blieb reglos liegen.

Crawford sank in sich zusammen, lehnte sich gegen die Wand und ließ sich daran zu Boden rutschen, bis er auf seinen Absätzen hockte. Er schaute zu, wie Polizeibeamte aus der Tür zum Treppenhaus schwärmten und den Körper umringten, der blutüberströmt auf dem Kies lag.

Dann spürte er eine Hand auf seiner Schulter und blickte auf in das Gesicht des Deputys, der ihn davor gewarnt hatte, auf das Dach zu treten. »Hat er dich erwischt?«

Crawford schüttelte den Kopf.

»Da kannst du von Glück reden.« Er drückte Crawfords Schulter und ging dann weiter zu den anderen Officers, die um den Erschossenen herumstanden.

Crawfords Kopf sank nach vorn, bis sein Kinn auf der Brust zu liegen kam. »Du blöder Vollidiot.«

Jeder, der sein strafendes Gemurmel gehört hätte, hätte angenommen, dass er damit den Toten meinte. Weit gefehlt.

»Hunt?«

Crawford, der wie blind auf den Boden gestarrt hatte, hob den Kopf und sah, dass der Detective die Tür zum Vernehmungszimmer aufhielt und ihn mit einer Kopfbewegung zum Eintreten aufforderte.

Crawford musste all seine Energie aufbringen, um aufzustehen. Er fürchtete wie die Hölle, was nun folgen sollte, aber zugleich wollte er es auch endlich hinter sich bringen.

Im Vernehmungszimmer lehnte ein weiterer, Crawford unbekannter Mann in Zivil an der Wand, ließ seine Knöchel knacken und bearbeitete wütend mit dem Kiefer einen Kaugummi. Crawford fragte sich, was ihn wohl so nervös machte.

Sergeant Neal Lester, der Senior Detective, der Crawford so lakonisch ins Vernehmungszimmer beordert hatte, deutete auf einen Stuhl an dem kleinen Tisch und setzte sich ihm gegenüber. Auf der Tischplatte zwischen ihnen befanden sich ein Notizblock und ein Video-Aufnahmegerät.

Lester zog einen Kugelschreiber aus seiner Hemdtasche und klickte mehrmals mit dem Druckknopf, wobei er Crawford unfreundlich fixierte. Sie hatten sich schon nicht leiden können, als sie in dieselbe Grundschulklasse gegangen waren, und ihre beiderseitige Abneigung hatte sich noch verstärkt, als Crawford in der Highschool Neals jüngere Schwester gedatet hatte. Die Geschichte hatte sich bald wieder erledigt und nie zu etwas geführt, aber offenbar peinigte sie Neal immer noch wie ein Stachel in seinem Allerwertesten.

»Etwas zu trinken?« Er ließ die Frage nach einer Pflichtübung klingen.

»Nein, danke.«

»Das ist Matt Nugent. Wurde kürzlich zum Detective befördert.« Er nickte zu dem jüngeren Mann hin, der immer noch nicht stillhalten konnte.

Crawford nahm die Quasi-Vorstellung zur Kenntnis und nickte Nugent knapp zu.

Der grinste und entblößte dabei schiefe Zähne. »Wie geht’s so?« Unter den gegebenen Umständen eine lächerliche Begrüßung. Crawford sparte sich die Antwort und wandte sich wieder Neal Lester zu, der sein infernalisches Geklicke mit dem Kuli wiederaufgenommen hatte.

»Der Ablauf ist klar?«

Crawford nickte.

»Die Befragung wird aufgezeichnet.«

Crawford nickte.

»Bereit?«

»Wenn du es bist, bin ich es auch, Neal.«

»Wir wollen das hier offiziell halten. Bitte keine dummen Sprüche.«

Crawford hätte um ein Haar die Augen verdreht. Dass Neal Lester ein solcher Klemmarsch war, gehörte mit zu den Gründen, weshalb er ihn nie hatte leiden können. Schon als Kind hatte er sich immer an jede einzelne Regel gehalten und alle Kinder verpetzt, die das nicht taten.

Am meisten setzte es Crawford zu, dass Neal Lester sich an seinem Elend labte. Er genoss es, dass Crawford bei ihm auf dem heißen Stuhl sitzen musste.

Doch abseits aller persönlichen Gefühle war unbestreitbar, dass zwei Menschen gestorben waren und Crawford sich zum Zeitpunkt ihres Todes in der Nähe befunden hatte. Als Gesetzeshüter mussten Neal und sein nervöser Sidekick ihre Arbeit tun, und dazu mussten sie auch ihn befragen.

Er rutschte auf seinem Stuhl herum und versuchte vergeblich, seinen großen Körper in das vorgeformte Plastik zu schmiegen. »Auch recht, Sergeant Lester, wo fangen wir an?«

»Im Gerichtssaal.« Mit festem Druck seines Zeigefingers startete Neal den Recorder und nannte vorab Datum, Uhrzeit und die Namen sämtlicher Anwesenden. »Warum warst du heute im Gerichtssaal des Familiengerichts?«

»Du weißt verdammt gut, warum.«

Die Augen des Detectives wurden schmal. »Beantworte bitte meine Frage.«

Crawford holte tief Luft und antwortete im Ausatmen: »Ich war wegen einer Sorgerechtsanhörung dort.« Keiner der Detectives reagierte darauf, beide sahen ihn weiter wortlos an. Er verschränkte die Arme vor der Brust: »Es ging um das Sorgerecht für mein kleines Mädchen. Richterin Spencer wollte eben ihre Entscheidung verkünden, als der Schütze in den Raum platzte.«

»Wir haben ein Transkript der Verhandlung bis zu diesem Punkt.«

»Dann brauche ich ja nicht mehr auszuführen, wer was gesagt hat.«

»Trotzdem bin ich neugierig«, hakte Neal nach. »Was meinst du, wie die Richterin entschieden hätte?«

Crawford wollte schon sagen, dass es absolut belanglos für den Fall des Amokschützen war, was er dazu meinte, doch das verkniff er sich und antwortete stattdessen achselzuckend: »Ich hoffte auf das Beste.«

»Und fürchtetest das Schlimmste?«

Na schön, dachte Crawford. Wenn Neal sich als Arsch aufführen wollte, konnte er das auch. »Also, jedenfalls erwartete ich nicht das Schlimmste, nämlich ansehen zu müssen, wie Chet Barker vor meinen Augen niedergeschossen wird.«

Die Bemerkung brachte die beiden zum Schweigen, so wie von Crawford beabsichtigt. Um die peinliche Stille zu überspielen, die sich daraufhin breitmachte, schob Neal die Kamera einen Zentimeter näher an Crawfords Gesicht. Matt Nugent räusperte sich hinter vorgehaltener Faust.

»Bitte schildere uns das Geschehen«, sagte Neal. »Und zwar so detailliert wie möglich.«

Crawford nahm die Hände vors Gesicht und zog sie langsam abwärts, bis nur noch die Fingerspitzen sein Kinn berührten. Dann senkte er die Hände wieder, beugte sich vor und stützte die Unterarme auf die Tischkante.

»Ich war im Zeugenstand. Der Mann kam durch die Tür am anderen Ende des Saals und eröffnete sofort das Feuer. Es war die Hölle.«

Nugent bat ihn, den Schützen zu beschreiben, was er auch tat, obwohl die Malerbekleidung sowie die Maske schon als Beweisstücke gesichert worden waren. Eine Beschreibung erübrigte sich im Grunde. »Die Kapuze bedeckte sein Haar bis fast zum Rand. Er trug Handschuhe, die unter den Ärmeln verschwanden. Die Maske war der Horror. Hatte kaum Schlitze für die Augen. Zwei winzige Löcher für die Nasenlöcher. Das ganze Gesicht war plattgedrückt. Völlig verschoben.«

Er überlegte kurz und rief sich ins Gedächtnis, was sein erster Eindruck gewesen war, als die Gestalt so zielbewusst durch den Mittelgang des Gerichtssaals marschiert war. »Aber auch ohne die Verkleidung strahlte dieser Typ eine üble Aura aus, glaub ich jedenfalls. Er war extrem konzentriert. Und wild entschlossen.«

Neal nickte. »Du hast gesagt, er hätte direkt an der Tür zu schießen begonnen.«

»Als er im Saal war, gab er den ersten Schuss ab.«

»Hat er wild drauflos gefeuert? Oder gezielt?«

»Die Pistole war zur Stirnseite des Saals gerichtet. Er hielt sie auf Schulterhöhe und hatte den Arm ausgestreckt.« Er demonstrierte es. »Und er hat den Abzug so schnell wie möglich gedrückt. Bamm-bamm-bamm. Chet …« Er hielt inne und gab einen Laut des Bedauerns von sich. »Chet lief ihm mit erhobenen Armen entgegen, etwa so.« Er streckte die Hände mit offenen Handflächen vor. »Er schrie ihn an. Aufhören, stopp!, irgendwas in der Richtung. Vielleicht hat er auch nur aufgeschrien. Dann ging er zu Boden.«

»Er starb heldenhaft in Erfüllung seiner Pflicht«, bemerkte Neal.

»Ja«, seufzte Crawford. »Dafür wird er auch ausgezeichnet werden. Aber ich glaube nicht, dass er je seine Dienstwaffe gezogen hatte, in all seinen Dienstjahren nicht. Nur um dann von einem Freak mit einer Geisterbahn-Maskierung abgeknallt zu werden. Das hatte er nicht verdient.«

Chet war heute früh nicht mit dem Wissen aufgestanden, dass er an diesem Tag sterben würde. Genauso wenig wie Crawford etwas von dem gemeinen Querschläger geahnt hatte, den das Schicksal heute auf ihn abgefeuert hatte. Er rieb sich mit zwei Fingern über den Nasenrücken und sank wieder in seinen Stuhl.

Nach einer Sekunde fragte Nugent, ob er nicht doch etwas trinken wollte.

»Es geht schon. Machen wir weiter.«

Neal klickte mit seinem Stift und vermerkte etwas auf seinem Notizblock. »Also … Chet liegt am Boden. Was geschieht dann?«

Crawford konzentrierte sich in Gedanken auf die Szene im Gerichtssaal. »Chaos. Lärm. Schreie. Joe – mein Schwiegervater – reagiert blitzschnell und bringt sich und Grace in Deckung. Alle suchen panisch nach einem Versteck.«

»Alle außer Ihnen«, sagte Nugent. »Die Zeugen, die zu diesem Zeitpunkt im Gerichtssaal waren, haben ausgesagt, dass Sie über die Schranke des Zeugenstandes gehechtet sind. Können Sie sich daran erinnern?«

Er schüttelte den Kopf. »Nur bedingt. Ich habe einfach … reagiert. Ich stieß die Richterin zu Boden und habe mich …« Er beugte sich vor und krümmte den Rücken, um zu demonstrieren, wie er sie mit seinem Körper abgeschirmt hatte. »Ich hörte Kugeln einschlagen. Ich habe nichts gespürt, aber ich war so mit Adrenalin vollgepumpt, dass ich nicht hätte sagen können, ob er mich getroffen hatte. Und unter der Richterrobe konnte ich auch nicht erkennen, ob die Richterin verletzt war oder nicht. Als der Mann um den Zeugenstand herumkam und auf das Podest trat«, fuhr er fort, »drehte ich mich zu ihm um. Er zielte mit der Pistole genau auf uns. Ich weiß noch, dass ich den Atem anhielt und dachte: ›Das war’s.‹ Und dann setzte mein Überlebensinstinkt ein, schätze ich, und trat ihm gegen das Knie.«

Er beschrieb, wie der Schütze rückwärts vom Podest gestolpert war. »Vielleicht ist er dadurch in Panik geraten. Keine Ahnung. Auf jeden Fall rannte er plötzlich los und verschwand durch den Seitenausgang.«

Neal nickte, als würde das mit dem übereinstimmen, was sie bisher gehört hatten. »Und dann?«

»Dann bin ich ihm hinterher.«

Neal warf Nugent einen kurzen Blick zu, sah dann wieder Crawford an und wiederholte: »Du bist ihm hinterher.«

»Genau.«

»Einfach so.«

»Es war keine bewusste Entscheidung, falls du das damit meinst. Ich habe einfach gehandelt.«

»So wie du über das Geländer des Zeugenstands gehechtet bist.«

Er zuckte mit den Achseln. »Schätze schon.«

»Du hast gehandelt, ohne lange nachzudenken und ohne die Konsequenzen deiner Tat abzuschätzen.«

»Wie du es auch machen würdest«, feuerte Crawford zurück, »wenn du ein halbwegs brauchbarer Polizist wärst.«

»Nun, was du für ein Polizist bist, wissen wir.«

Crawford sprang auf, und sein Stuhl kippte hintenüber. Wütend fixierte er Neal, aber noch im selben Moment begriff er, dass er mit einem Zornesausbruch nur das bestätigen würde, was dieser Bastard Lester angedeutet hatte. Er drehte sich um, stellte seinen Stuhl auf und nahm wieder Platz. Dann sah er Nugent an, der krampfhaft schluckte, als wäre ihm der Kaugummi in die Kehle gerutscht und dort steckengeblieben.

»Du hast einen Schritt ausgelassen«, sagte Neal jetzt.

Er begriff, worauf Lester hinauswollte. »Ich bin kurz stehen geblieben und habe mir Chets Revolver genommen«, bestätigte er.

»Und trotz deines Adrenalinschubs warst du geistesgegenwärtig genug, um dich vor dem ersten Officer im Gerichtssaal als Texas Ranger zu identifizieren.«

»Er hatte die Hand am Holster. Ich wollte nicht erschossen werden.«

»Du hast ihm eine Beschreibung des Schützen gegeben.«

»Eine sehr knappe.«

»Und Verstärkung angefordert. Aber dann hast du Chets Revolver genommen und bist, ohne zu warten, dem Schützen hinterher. Warum?«

»Warum?«

»Nun, in Anbetracht deiner persönlichen Geschichte hättest du vielleicht etwas besonnener handeln sollen.«

»Besonnenheit hätte weitere Menschenleben kosten können.«

»Genau wie Unbesonnenheit. So wie in Halcon.«

3

Hollys Blick wurde zum Ende des Ganges gelenkt, wo eine Tür aufging und Crawford Hunt heraustrat. Er sah zerzaust und verärgert aus. Als er auf dem Weg zur Herrentoilette an ihr vorbeikam, warf er ihr einen kurzen Seitenblick zu, aber ohne etwas zu sagen.

»Bestimmt wollen sie jetzt mit mir reden«, sagte sie zu ihrer Assistentin, die sich geweigert hatte, Holly allein warten zu lassen, bis sie ihre Aussage machen konnte. »Ich bin Ihnen wirklich dankbar, dass Sie so lange geblieben sind, aber gehen Sie jetzt nach Hause und ruhen sich aus. Ich fürchte, morgen wird es drunter und drüber gehen.«

»Aber Holly …«

»Niemand weiß, wie lange sie mich hierbehalten werden.«

»Ich kann so lange bleiben, wie es sein muss. Sie sollten heute Abend nicht alleine sein.«

Marilyn Vidal hatte ganz ähnlich reagiert, als sie von der Schießerei erfahren hatte. Sie hatte sich bereiterklärt, sofort alles stehen und liegen zu lassen und von Dallas nach Prentiss zu fahren, um Holly beizustehen, doch die hatte sie davon abgehalten. »Ich rufe an, sobald und falls ich dich brauche. Im Moment herrscht hier das Chaos.«

»Im Chaos laufe ich zur Höchstform auf.«

Das war unbestreitbar, trotzdem wusste sich Holly durchzusetzen. Marilyn blieb in Dallas, doch Holly hatte strikte Anweisung, sie immer auf dem Laufenden zu halten, vor allem falls es notwendig werden sollte, eine Presseerklärung abzugeben. »Halt mit mir Rücksprache, bevor du irgendwas in ein Mikrofon sagst.«

Dennis, ihr Exfreund, hatte ebenfalls im Büro angerufen. Mrs. Briggs hatte mit ihm gesprochen und ihm erklärt, dass Holly sich tapfer halte. Sie versicherte, ihm Bescheid zu geben, falls sich etwas an Hollys Zustand ändern sollte oder falls er irgendetwas für sie tun konnte.

Allerdings verfügte Holly inzwischen über eine ganze Seilschaft an Helfern. In einer Stadt von nur zwanzigtausend Einwohnern hatte sich die Nachricht von dem Amoklauf wie ein Lauffeuer verbreitet. Richter Mason, der Verwaltungsrichter des Distrikts, hatte zum Zeitpunkt der Schießerei im Gerichtssaal nebenan gesessen und war sofort an Hollys Seite geeilt. Einige Freunde, die sie seit ihrem Umzug nach Prentiss gefunden hatte, hatten sich, fassungslos über die Geschehnisse, um sie geschart und ihr jede erdenkliche Hilfe angeboten.

So wie Holly mussten ihre Freunde untätig darauf warten, dass sie von der Polizei befragt wurde. Trotzdem war es für Holly tröstlich gewesen zu wissen, dass sie sich auf diese Menschen im Notfall verlassen konnte. Schließlich hatten alle eingesehen, dass sie hier nur ihre Zeit vergeudeten, und sich der Reihe nach verabschiedet.

Nur Mrs. Briggs war noch übriggeblieben. »Ich komme schon zurecht«, versicherte Holly ihr jetzt. »Aber ich könnte verlangen, dass ich von einem Streifenwagen nach Hause begleitet werde, falls es Ihnen damit besser geht.«

»Bitte tun Sie das. Und rufen Sie an, falls Sie es sich anders überlegen. Dann komme ich, egal, wie spät oder früh es ist.«

Ehe sie ging, nahm sie Holly dieses Versprechen ab, obwohl Holly klar war, dass sie keine fremde Hilfe in Anspruch nehmen würde. Es war ein grauenhaftes Erlebnis gewesen, doch der Täter war tot. Jetzt brauchte sie nur noch ihre offizielle Aussage zu machen, dann hatte sie das Martyrium überstanden.

In den kommenden Tagen würde Greg Sanders sie genau im Auge behalten und beobachten, wie sie auf die Krisensituation reagierte und wie schnell sie sich von dem Trauma erholte. Falls sie in irgendeiner Form Angst oder Schwäche zeigte, würde er das mit größtem Vergnügen ausschlachten.

Matt Nugent und Neal Lester traten hinter Crawford Hunt aus dem Vernehmungszimmer und kamen jetzt auf sie zu. Die beiden hatten Holly direkt nach der Schießerei noch im Gerichtssaal befragt, aber um ihre offizielle Aussage aufzunehmen, Holly gebeten, ins Erdgeschoss zu kommen, wo nicht nur das Sheriff’s Office, sondern auch das städtische Police Department untergebracht war.

Sie stand auf. »Bin ich jetzt dran?«

»Leider noch nicht, Richterin Spencer«, sagte Neal Lester. »Wir machen nur eine kurze Pause. Wir sind mit Mr. Hunt noch lange nicht durch.«

»Ich verstehe.«

»Ich weiß, wie schwer das für Sie sein muss, nach allem, was heute passiert ist. Wir werden dafür sorgen, dass Sie so schnell wie möglich hier rauskommen.«

»Ich verstehe.«

»Eine Frage hätten wir allerdings. Der Name des Verdächtigen wurde noch nicht veröffentlicht, weil wir Schwierigkeiten haben, seine nächsten Verwandten ausfindig zu machen, aber laut seinem Führerschein hieß er Jorge Rodriguez. Läutet da was bei Ihnen?«

»Nein.«

»Das überrascht uns nicht.« Nugent wirkte glücklich, dass er etwas beitragen konnte. »Er hatte einen Führerschein aus Texas, aber der war gefälscht. Ziemlich gut zwar, aber trotzdem falsch.«

»War er illegal hier?«

»Das untersuchen wir noch«, erwiderte Lester. »Aber selbst wenn, schließt das nicht aus, dass er irgendwann schon einmal in Ihrem Gerichtssaal antreten musste.«

»Möglich wäre es. Ich sitze erst seit zehn Monaten auf der Richterbank, müssen Sie wissen, aber mein Terminplan war seither zum Bersten voll. Ich habe seit meiner Ernennung schon alle möglichen Verhandlungen und Anhörungen geleitet.«

»Vielleicht ist Rodriguez auch eine Hinterlassenschaft von Richter Waters«, schlug Lester vor. »Und hegte aus irgendeinem Grund einen Groll auf ihn.«

Als bei ihrem Mentor, dem ehrenwerten Richter Clifton Waters, Krebs im Endstadium diagnostiziert worden war, hatte er ihr zugeredet, sie solle bei der Großkanzlei kündigen, in der sie seit mehreren Jahren gearbeitet hatte, und sich in Prentiss auf den Richterposten bewerben, den er freimachen würde.

Es war ein Sprung ins kalte Wasser gewesen, doch sie hatte ihn gewagt, und er hatte sich ausgezahlt. Auf Waters’ Empfehlung hin hatte Gouverneur Hutchins sie zur Richterin berufen. Ihr Vorgänger hatte den Tag noch erleben dürfen, an dem sie vereidigt worden war. Es war ein stolzer Tag für sie beide gewesen.

»Wir schicken morgen jemanden in Ihr Büro hoch«, sagte Nugent jetzt, »der sich die Gerichtsakten vornimmt und kontrolliert, ob dieser Rodriguez irgendwo auftaucht.«

»Ich werde dafür sorgen, dass Mrs. Briggs Bescheid weiß und alles vorbereitet.«

»Was ist mit der Zeit, bevor Sie herkamen?«

»Da arbeitete ich in einer Anwaltskanzlei in Dallas.«

Lester kritzelte den Namen auf einen kleinen Spiralblock, den er aus seiner Hemdtasche gezogen hatte. »Wir werden sie bitten, auch ihre Akten nach einem Rodriguez zu durchforsten.«

Sie nannte ihm einen Kontaktnamen. »Die Kanzlei wird Ihnen in jeder Weise behilflich sein, da bin ich überzeugt.«