Tom Prox 101 - Frederic Art - E-Book

Tom Prox 101 E-Book

Frederic Art

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Beschreibung

Warum wurde Sheriff Luggins erschossen? Vor dieser Frage stehen Captain Tom Prox und seine Sergeanten. Luggins hatte die Hilfe der Ghosts angefordert, wollte den Grund dafür aber erst in einem persönlichen Gespräch nennen. Dazu aber war es nicht mehr gekommen, denn am vereinbarten Treffpunkt fanden die Ranger nur noch die Leiche des erschossenen Gesetzeshüters vor.
Getrennt beginnen Tom Prox und seine Sergeanten sich in Dark City umzusehen und stoßen dabei gleich auf eine Reihe von Männern, denen ein solches Verbrechen zuzutrauen wäre. Allein, niemand scheint ein Motiv zu haben ...


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Seitenzahl: 154

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Daher also weht der Wind

Aus dem Wilden Westen

Vorschau

Impressum

Daher also weht der Wind

Von Frederic Art

Warum wurde Sheriff Luggins erschossen? Vor dieser Frage stehen Tom Prox und seine Sergeanten. Luggins hatte die Hilfe der Ghosts angefordert, wollte den Grund dafür aber erst in einem persönlichen Gespräch nennen. Dazu aber war es nicht mehr gekommen, denn am vereinbarten Treffpunkt fanden die Ghosts nur noch die Leiche des erschossenen Gesetzeshüters vor.

Getrennt beginnen Tom Prox und seine Sergeanten daraufhin, sich in Dark City umzusehen, und stoßen dabei gleich auf eine Reihe von Männern, denen ein solches Verbrechen zuzutrauen wäre. Allein, niemand scheint ein Motiv zu haben ...

Bei Einbruch der Dunkelheit hielten drei Reiter am Ufer des Salt Wash an und richteten sich ein Nachtlager. Sechs, sieben kopfgroße, runde Feldsteine bildeten die Feuerstelle. Bald darauf knisterten die Flammen unter dem alten Topf, und wenig später zog der Duft von frischem Kaffee durch die Büsche.

Im Westen stand der Mond hinter den Gipfeln der Pima Mountains. Wind kam auf, aber er brachte keine Abkühlung, nur Staub und mehlfeinen Sand. Die Luft roch nach Blüten und dem würzigen Harz der Bergakazien.

Das Lager war gut gewählt. Es wurde von dem verfilzten Strauchwerk der Uferböschung fast gänzlich umschlossen. Auf der einen Seite erstreckte sich vier Meter langes Kolbenrohr raschelnd in den Nachthimmel, die anderen drei Seiten wurden von dornigen Büschen gesäumt. Nur ein schmaler, kaum erkennbarer Trampelpfad führte von der Weide in zahlreichen Schlingen und Gegenkehren zum Wasser hinab.

Tom Prox machte zunächst eine Runde um das Camp, prüfte die nähere Umgebung und schien zufrieden. Sergeant Closter, klein und rundlich, aber von ungeheurer Vitalität erfüllt, nahm sich der Pferde an und führte sie hintereinander zum Salt Wash hinunter, während der lange Patterson, ebenfalls Sergeant der Ghost Squad, die Rolle des Küchenmeisters übernahm.

»Alles okay, Boys«, meldete der Ghostchef. »Die Stelle hier ist richtig. Eine bessere hätten wir überhaupt nicht finden können. Schätze, wir werden auf dreihundert Schritte hören, wenn sich jemand nähert.«

»Wer sollte schon kommen?«, knurrte Snuffy und rührte eifrig im Topf herum. »Wüsste wirklich niemanden, der sich für uns interessieren könnte.«

»Und Sheriff Luggins?«

»Ach der ...« Patterson grinste abfällig. »Der geht im Dunkeln doch nicht aus seinem Haus! Wetten? Ich habe ihn schon gekannt, als er noch zweiter Mann in Harolds Office oben in Montana war. Der Mann besteht doch nur aus Vorsicht und Bedenken. Der überlegt es sich dreimal, bevor er nur laut hustet! Kann mir nicht vorstellen, wie Luggins ausgerechnet in Dark City als Sheriff landen konnte. Haben die Gents denn keinen Besseren gefunden?«

»Luggins ist schon in Ordnung«, fiel Tom Prox ruhig ein. »Sicher gibt es tatkräftigere Burschen, aber manchmal sind mir Männer wie Luggins lieber. Sie schlagen nicht immer gleich über die Stränge, gehen lieber auf Nummer Sicher.«

»Du kennst ihn eben noch nicht so genau wie ich«, entgegnete der Lange im Brustton der Überzeugung. »Ich habe damals ein paar haarige Sachen mit ihm erlebt, und das hat mir gereicht, Ehrenwort! Verdammt, es stimmt schon, ich mag ihn nicht, Tom, befürchte aber, das beruht auf Gegenseitigkeit.«

Ben Closter kam mit Toms Gaul zurück.

»Verfluchte Dunkelheit! Wäre doch um ein Haar auf 'ne ausgewachsene Schlange getreten! Was sagt ihr dazu?«

»Nichts«, knurrte Snuffy. »Hier gibt's jede Menge von dem Gewürm, Dicker. Musst schon froh sein, beim Aufwachen keine im Stiefel zu finden. Ich kannte mal einen, der hat bei Schlangen ...«

»Still!«, fuhr Tom Prox dazwischen. »Was war das eben?«

Snuffy klappte den Mund zu und sah aufmerksam zur Seite. Seine Augen bohrten sich in die Nacht. Er hatte nichts gehört.

Ben rümpfte die Nase und fragte unsicher: »Den Schuss ...? War aber ziemlich weit entfernt.«

»Ja, es muss ein Schuss gewesen sein«, sagte Tom unruhig. »Klang wie ein schwerer Colt.« Er machte den Finger nass und streckte ihn steil in die Höhe, prüfte die Windrichtung. »Er braucht gar nicht sehr weit von hier gefallen zu sein. Der Wind steht dagegen. Möglich, dass es keine Meile entfernt war.«

»Bis Dark City sind's aber noch gut acht«, fiel Snuffy ein. »Kein Mondlicht für 'ne Jagd.«

»Jagd auf was?« Ben meldete Protest an. »Mann, außer den paar kümmerlichen Präriehasen und Erdhörnchen gibt's hier herum doch nichts für den Kochtopf zu erben.«

»Menschenjagd«, sagte der Ghostchef laut und klar. »Dafür braucht man kein ausreichendes Büchsenlicht. Eine Falle funktioniert in der Finsternis viel besser. Nur muss die Beute nahe genug vor dem Lauf stehen.«

»Alle Wetter, du glaubst ...?« Ben fuhr erschrocken hoch. »Soll ich mal nachschauen?«

»Nein, warte.« Tom winkte hastig ab. »Selbst bei einer Meile Entfernung können wir nichts mehr ausrichten, falls es tatsächlich jemand aus Dark City gegolten haben sollte. Wir kämen auf alle Fälle zu spät. Andererseits ... hm, vielleicht hast du recht, Ben. Also gut, löscht das Feuer, bin gleich wieder zurück! Haltet die Stellung hier und verratet unser Camp nach Möglichkeit nicht. Die Sache macht mir Sorge.«

»Zehn durch«, bemerkte Snuffy nach einem Blick auf seine dicke Taschenuhr. »Soll nicht einer von uns mitkommen, Tom?«

»Nein, keiner. Vielleicht ist alles bloß blinder Alarm. Wir werden wohl schon nervös, ehe es überhaupt richtig angefangen hat?«

Tom Prox sprang auf, rannte zu seinem Gaul hinüber und machte sich an den Sattelgurten zu schaffen. Gleich darauf führte er das Pferd über den schmalen Pfad. Die Sergeanten rührten sich nicht vom Fleck, sondern sahen dem Chef schweigend, aber mit wachen Sinnen, nach.

»Er hat gut reden, was?«, murmelte Ben Closter nach einer Weile. »Wieso hat es noch nicht richtig angefangen? Mir reicht dieser verdammte Ritt über die Pima Mountains. Seit zehn Stunden keine Rast mehr, keinen Schluck zu trinken und nichts Ordentliches zwischen den Zähnen. Und warum? Nur weil Sheriff Luggins eine Niete ist!«

»Richtig. Ich habe Tom ja gleich gewarnt, aber er hat gar nicht zugehört. Er muss irgendeinen Plan haben, Dicker.«

»Ich bin ganz wild auf seine Pläne«, giftete der Dicke aufgebracht. »Dachte, wir könnten mal für 'ne Weile eine ruhige Kugel schieben, aber jetzt kommt das hier ... Dark City! Pah, wer hat diesen Namen schon mal gehört?«

»Ich«, antwortete Snuffy todernst.

»Ausgeschlossen. Nimmst das Maul wieder zu voll, Langer! Du warst ebenso wenig in dieser verkommenen Gegend wie ich.«

»Stimmt schon, aber ich bin kein Analphabet. Ich kann sogar lesen, Dicker. Auf der Karte ist der Ort nämlich verzeichnet. Tom hat es mir gezeigt, kurz bevor wir aufbrachen.«

»Wusste gar nicht, was für gelehrige Kerle im Kommando sitzen«, entgegnete Ben gelassen. Tastend suchte er nach dem Kessel, schöpfte sich einen Becher Kaffee heraus und lehnte sich dann bequem gegen den borkigen Stamm einer Cottonwood. Nachtfalter schwirrten durch die Luft, irgendwo in der Nähe pfiff hell und aufgeregt ein Tier, vermutlich eine Ratte. Ben Closter lauschte einen Moment.

Das hat man nun davon, sinnierte Patterson mürrisch. Laufen hinter einem Schatten her und wissen nicht einmal, ob der nicht gar unser eigener ist! Luggins wird wieder mal die Pferde scheu gemacht haben. Was soll bloß dieses ewige geheimnisvolle Getue?

Minuten verstrichen, ohne dass sich etwas ereignete. Die beiden Freunde schwiegen. Ihren eigenen Gedanken nachgehend, saßen sie so still im trockenen Gras, dass ein heimlicher Beobachter sie mit einem Felsklotz verwechseln konnte.

Der Ghostchef blieb höchstens zehn Minuten weg. Er pfiff leise das Erkennungssignal, bevor er durch den Wall der Büsche zum Lager zurückkam. Snuffy legte die Winchester beruhigt neben sich auf die ausgebreitete Wolldecke.

»Sollte mich wundern, wenn ich mich tatsächlich getäuscht hätte«, murmelte Tom kopfschüttelnd. »War aber nichts festzustellen. Die Plains sind leergefegt wie ein Teller. Wenigstens, soweit ich das beobachten konnte. Nicht ein einziger Reiter unterwegs.«

»Ich jedenfalls habe nichts gehört«, wiederholte Patterson grinsend. »Pflege mir auch hin und wieder die Ohren zu waschen, Leute, und daran wird's wohl liegen.«

»Mach das Feuer wieder an, Langer«, befahl Tom, ohne weiter auf die Sticheleien des Sergeanten einzugehen. »Sieh mal nach den Gäulen, Ben. Ich meine, wir sollten dafür sorgen, dass wir sie jederzeit griffbereit in unserer Nähe haben.«

»Luggins kann sich verirrt haben«, erwiderte der Dicke. »Bei der Finsternis sieht nicht mal 'ne ausgewachsene Eule weiter als sechs Schritte. Gottverdammich, was haben wir uns bloß gedacht, dass wir ausgerechnet hier an diesem Sumpfloch Rast machen mussten?«

»Genau die angegebene Stelle«, widersprach Tom. »Am Ufer liegen die beiden versteinerten Baumstämme, und auf der anderen Seite kann man die vier einzelnen Korkeichen ausmachen. Luggins wird sich die Gegend schon bei Tageslicht genau angesehen haben. Und ob er um zehn kommt, oder erst nach Mitternacht ... was macht das schon aus? Bevor wir nicht wissen, was in Dark City gespielt wird, reiten wir nicht in die Stadt.«

»Luggins ist ein Spinner«, fauchte Snuffy. »In Montana hat er auch schon solche krummen Dinger gedreht. Ich habe dir es ja gesagt, Tom, und ich weiß, was ich von ihm zu halten habe: nichts! Er legt uns glattweg auf den Bauch, bloß, weil er vor irgendwas einen Höllenbammel hat. Ich fürchte ...«

»He, sieh ihn dir mal an«, unterbrach Sergeant Closter die Tiraden seines aufgebrachten Freundes. Im wieder aufflackernden Schein des Lagerfeuers konnten die beiden das verschmitzte und belustigte Gesicht ihres Chefs erkennen.

Tom Prox lächelte leicht. Er hatte sich auf die eine Packtasche gesetzt, seine Beine angezogen und den Hut weit ins Genick zurückgeschoben.

Jetzt bewegte er seine Zigarette wippend im Mundwinkel, ohne sie jedoch angezündet zu haben.

»Er weiß was«, entrüstete Snuffy sich. »Und wir sind die Idioten, die für Luggins und Konsorten die heißen Würmer aus dem Feuer holen dürfen.«

»Kastanien«, verbesserte Tom Prox nachsichtig. »Hört mal zu, ihr zwei komischen Vögel: Luggins ist vielleicht gar nicht so dumm, wie Snuffy annimmt. Gut, er liebt das Geheimnisvolle und Umständliche. Dagegen kann man nichts machen, das ist Charaktersache. Aber die Auskünfte über ihn waren erstklassig. Der Distriktsheriff schwört auf ihn und behauptet, er sei der beste Mann im ganzen County. Selbst wenn wir die Hälfte als übertrieben abziehen, bleibt immer noch reichlich genug übrig, um stutzig zu werden. Und noch etwas: die ,Chease Manhattan Bank' in Dark City hat Luggins' Forderung, uns kommen zu lassen, unterstützt. Man hat sogar ausdrücklich nach uns verlangt.«

»Die Burschen werden ein paar Posten im Aufsichtsrat zu vergeben haben«, konnte Ben nicht unterlassen einzuwerfen.

Er kicherte belustigt, als er sich vorstellte, er könnte mit dicker Zigarre und im dunklen Anzug hinter einem protzigen und handgeschnitzten Luxusschreibtisch sitzen und Aktien zählen oder was sonst seiner Meinung nach zu einem Vorstandsmitglied einer Großbank gehörte. Ben war bisher nie in die Lage versetzt worden, sich banktechnisch betätigen zu müssen. Seine Kenntnisse beruhten lediglich auf der Tatsache, dass es oft Gents gab, die ein ganz besonderes Interesse für Banktresore an den Tag legten und mit Hilfe von Pulver und Blei den Inhalt zu kassieren pflegten.

»Ist da was faul, Tom?«, fiel Snuffy forschend ein.

»Weiß noch nicht recht ... möglich wäre es schon. Überfälle sind bisher nicht bekannt geworden. Luggins würde sie bestimmt nicht verschwiegen haben, und die Bankfritzen erst recht nicht, schon wegen der Versicherung. Die bekommen den Schaden bekanntlich nicht ersetzt, wenn sie einen Überfall auf ihre Filialen oder auf einen ihrer Geldtransporte nicht umgehend der Behörde melden. Nein, das ist es nicht ... hm, ich habe mir da ein paar Gedanken zurechtgelegt, weiß jedoch nicht, ob sie zutreffen ... Wenn wir mal annehmen, dass Sheriff Luggins ...«

Der Rest seines Satzes ging unter in einem wütenden Revolverfeuer, das die nächtliche Stille zerriss.

Ben warf sich seitwärts zu Boden, schlug einen Rückwärtssalto und nestelte seine Waffe aus dem Holster. Patterson schaufelte zur gleichen Zeit händeweise Sand auf die lustig knisternden Flammen.

Eine Sekunde vielleicht blieb Tom Prox wie erstarrt sitzen.

Dann schnellte er nach vorn, hechtete über das kleine Feuer hinweg und ließ sich neben dem Langen ins Gras fallen.

»Mit dem Ohrenwaschen allein ist's auch nicht getan«, murmelte er noch bissig, bevor er zwischen den Sträuchern verschwand.

In der Nähe ertönte eine menschliche Stimme. Sie ging in einen langgezogenen, tremolierenden Schrei über, der immer höher in die Nacht aufstieg, bis er auf einmal mit einem schauerlichen Röcheln abbrach.

»Allmächtiger!«, entfuhr es Ben Closter erschrocken. »Was, zum Teufel, geht dort vor sich, Langer?«

»Bleib liegen«, murmelte der, während er seinen Freund ins Gras drückte. »Das sind doch Gäule, was?«

Dann war das gedämpfte Trappeln von Pferdehufen zu vernehmen. Zehn, fünfzehn Sekunden danach war es verstummt.

Drei Gäule wenigstens, registrierte Patterson.

Er zischte Ben ein paar hastige Worte ins Ohr und bewegte sich lautlos durchs Gras, verschwand im dichten Buschwerk, während er bemüht blieb, Toms Richtung einzuhalten.

»Hallo! Kommt her!«, meldete sich dessen Stimme auf einmal laut und ohne jede Rücksicht. »Bring die Handlampe mit, Ben! Macht voran, schnell!«

Der Dicke war als erster zur Stelle. Er sah Tom aufrecht und ohne jede Deckung mitten auf dem schmalen Pfad stehen, und da bemerkte er auch das dunkle, lange Bündel zu seinen Füßen.

»Goddam, was ist das?«

»Die Lampe!«, rief der Ghostchef knapp.

Grell stach der schmale Lichtkegel zu Boden, wanderte über den reglosen Körper des Toten und verharrte auf dessen eingefallenem Gesicht.

»Luggins!«, stieß Snuffy überrascht hervor. »Bei allen Teufeln, das ist doch Sheriff Luggins, Tom?«

»Selbst ohne seinen Stern am Rock hätte man es auf den ersten Blick erkennen können«, pflichtete er bei. »Sein Gesicht ...«

»Ein gemeiner, hinterhältiger Mord«, fauchte Ben entrüstet. »Und direkt vor unseren Augen! Hast du die Kerle noch gesehen?«

»Nein, nicht einen. Sie haben anscheinend Lappen um die Hufe ihrer Gäule gewickelt. Und zu Pferd waren sie schneller als Luggins. Er kam zu Fuß!«

»Sieht ganz so aus«, nickte Ben. »Mit dieser Ladung Blei kommt kein Mensch mehr auf einen Gaul hinauf.«

»Los, wir müssen hinter ihnen her«, drängte Patterson wütend.

»Hinter wem denn?«, fragte Tom und drehte sich halb zur Seite. »Sie haben wenigstens schon zwei Meilen Vorsprung, Snuffy. Das ist zu viel, um sie im Auge behalten zu können, besonders während der Nacht. Keiner von uns kennt die Gegend hier. Wir haben wirklich keine Chance. Tut mir leid, hauptsächlich wegen Luggins, aber ich sehe keine Möglichkeit, jetzt etwas zu unternehmen. Wir müssen warten, bis es hell wird.«

»Aber er wird doch nicht die ganze Strecke von der Stadt bis zum Salt Wash zu Fuß gelaufen sein?«, meldete Ben Zweifel an. »Wo, zur Hölle, ist denn sein Pferd?«

»Wenn wir es nicht die nächsten fünfhundert Meter auf dem Weg finden, müssen die Kerle es eingefangen und mitgenommen haben. Seht nach, aber schnell!«

Ben und Snuffy machten sich unverzüglich an die Arbeit, aber alles Suchen war vergebens. Sheriff Luggins Gaul blieb verschwunden.

Es war nun offensichtlich, dass weder Luggins noch die Verantwortlichen der Bankniederlassung in Dark City von Gespenstern geträumt hatten. Hier waren sehr reale Gespenster am Werk!

Philip Adams stand bereits in seinen vierziger Jahren, als er in Dark City sein Post-Office aufmachte. In den Jahren zuvor hatte kein Mensch in der Stadt das Bedürfnis nach solch einem Amt verspürt. Die wenigen Briefe und Pakete, die für Dark City bestimmt waren, brachte die Post zweimal in der Woche mit, wo sie dann in Perry Chellfords Saloon deponiert wurden, bis die Adressaten sie gelegentlich bei ihm abholten. Das klappte viele Jahre ausgezeichnet.

Dark City besaß auch noch immer keinen Bahnanschluss. Zwar wurde gemunkelt, dass schon Ingenieure dagewesen wären, um die Bahnstrecke draußen auf den Weiden zu vermessen, aber vermutlich war das nur eines der üblichen Gerüchte, die die Wunschträume der Einwohner widerspiegelten.

Niemand, der seine fünf Sinne noch beisammen hatte, konnte einen überzeugenden Grund dafür nennen, warum jemand ausgerechnet hier eine Bahnstation bauen sollte. Der Ort war bedeutungslos, wirtschaftlich wie verkehrstechnisch und damit auch vom Standpunkt der Rentabilität aus gesehen. Hier war noch niemand zu Reichtum gekommen.

Die Männer waren froh, in Ruhe leben zu können. Sie verdienten ihre paar Kröten kümmerlich durch Viehzucht und durch handwerkliche Arbeiten, oder auch auf der Suche nach Gold und ähnlichen wertvollen Bodenschätzen. Mit einem Wort: Dark City vegetierte dahin.

Bis Philip Adams eines Tages auftauchte, sich das Nest von allen Seiten ansah und kurz entschlossen Don Grobians' Haus kaufte. Das lag am Ortseingang und stand seit Monaten völlig leer.

Grobians hatte sein letztes Geld in Brandy angelegt, gleich nachdem ihm seine Frau gestorben war. Dann hatte er seinen Gaul gesattelt, ein paar Sachen gepackt, und war auf die Plains hinausgeritten, um nie wieder zurückzukehren. Adams bekam das ganze Anwesen zu einem Spottpreis, der in bar an Richter Sollins bezahlt und auf einem Sonderkonto angelegt wurde. Erben von Grobins aber hatten sich bis heute nicht finden lassen.

Die erste Zeit ging Adams Geschäft ziemlich schlecht. Dann machte er einen Vertrag mit der Postgesellschaft, ließ große Tafeln malen und das ganze Haus auf Hochglanz bringen. Er legte auch einen Mietstall an und eine winzige Bar, weil er hoffte, die wenigen Reisenden der regelmäßigen Postwagen könnten doch Gefallen an seinen bunten Flaschen finden.

Am frühen Morgen trat Philip Adams aus dem Wohnhaus, starrte prüfend in den tiefblauen Himmel und stieß die hölzernen Fensterläden im Erdgeschoss auf. Er war nicht verheiratet. Sein Haushalt wurde von zwei dicken mexikanischen Matronen versorgt, und die Männer in Dark City waren einstimmig der Ansicht, dass der Keeper schwer unter dem Pantoffel seiner Haushälterinnen stand. Wahrscheinlich sagten sie das aber nur aus purem Neid.

»Hallo«, rief ihm ein schmächtiger, weißhaariger Mann quer über die Main Street zu. »Verflucht früh auf den Beinen heute, wie? Was ist denn los, Phil?«

»Komm rüber, wir naschen einen, Ricky«, lud Adams den Alten ein. »Kann dich wohl dasselbe fragen, he?! Ist schon sechs durch, und die Post kommt um acht. Hab noch 'ne Menge zu erledigen bis dahin.«

»Wer's glaubt ...« Ricky grinste und verzog sein faltiges Altmännergesicht. Mit steifen Schritten überquerte er die ausgefahrene Straße, kam die drei Stufen zum Gehsteig herauf und half Adams die Läden festzumachen.

»Was ist eigentlich mit Luggins los, Ricky? Der muss noch in der Nacht irgendwohin geritten sein. Schätze, es war so gegen neun, als ich ihn abhauen hörte. Ja, neun war's ganz bestimmt!«

»Keine Ahnung«, sagte Ricky achselzuckend. »Seit wann interessiert dich, was Sheriff Luggins treibt?«

»Ach, ich meine bloß so«, brummte Adams leicht verlegen. »Wo er doch schließlich mein Nachbar ist.«

»Manchmal muss der eben auch nachts raus«, erwiderte der Alte mit einem sinnenden Blick zu dem flachen, sauberen Haus hin, das auf der anderen Straßenseite zwischen zwei gewaltigen Nussbäumen stand. »Schätze, er ist nach Peermont rüber.«

»Möglich. Aber so spät noch? Hm ... ich habe da so ein verdammt unangenehmes Gefühl, Ricky. Weiß nicht, was es ist, aber in letzter Zeit mache ich mir Sorgen.«

»Ja, um was denn?«

»Um Dark City, alter Freund! Ist nicht mehr das, was es früher mal war. Ich meine, bevor Luggins aufkreuzte.«