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Seit Monaten wird Al Madison gejagt. An keinem Ort kann er sich lange aufhalten, weil die Polizei gleich hinter ihm her ist. Überall hängen seine Steckbriefe. In Carringwood versuchte er einen kleinen Storebesitzer auszurauben, aber das Unternehmen ging schief, und Madison kassierte nicht einen Cent. Er braucht aber unbedingt Geld! Sein nächster Coup kann also nicht lange auf sich warten lassen ...
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Seitenzahl: 147
Veröffentlichungsjahr: 2020
Cover
Impressum
AM NAMENLOSEN FLUSS
Vorschau
Aus dem Wilden Westen
BASTEI ENTERTAINMENT
Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe
Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG
© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln
Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller
Verantwortlich für den Inhalt
Titelbild: Heinrich Berends
Illustrationen Innenteil: shutterstock
Datenkonvertierung eBook: César Satz & Grafik GmbH, Köln
ISBN 978-3-7325-9739-0
www.bastei-entertainment.de
www.lesejury.de
www.bastei.de
AM NAMENLOSEN FLUSS
Von Frederic Art
Seit Monaten wird Al Madison gejagt. An keinem Ort kann er sich lange aufhalten, weil die Polizei gleich hinter ihm her ist. Überall hängen seine Steckbriefe. In Orogrande am Rande der berüchtigten Everglades versuchte er eine Bank auszurauben, aber das Unternehmen ging schief, und Madison kassierte nicht einen Dollar. Er braucht aber unbedingt Geld! Sein nächster Coup kann also nicht lange auf sich warten lassen …
1. Kapitel
Als die Sonne über der weiten Landschaft aufstieg, war Sheriff Potter bereits bei der Arbeit. Erst sah er nach dem Wetter, ging seine beiden Pferde füttern und wusch sich unter der Pumpe im Hof.
Alvin Potter war unbeweibt, fünfzig Jahre alt und hoffte, auch den Rest seines Daseins ohne Frau zubringen zu können. Er wusste mit ihnen nichts Rechtes anzufangen, hasste ihr Gekeif und ihre Nörgeleien, und dann musste er sich von Amts wegen ja häufig mit ehelichen Streitereien auseinandersetzen. Nein, danke, er blieb lieber Junggeselle.
Natürlich hatte das auch seine Schattenseiten. Eine davon war die Tatsache, dass Potter seine sämtlichen Hausarbeiten selbst erledigen musste, vom Wäschewaschen bis zum Kochen, aber er nahm es mit diesen Dingen nicht so genau. Hemden konnte man notfalls im Laden kaufen, und es gab in Orogrande genügend Kneipen, die wild darauf waren, ihm, dem Sheriff, gegen mäßiges Entgelt mit einem kräftigen Essen unter die Arme zu greifen.
Die Stadt zählte an die dreitausend Einwohner und lag am Rande der berüchtigten Everglades von Florida. Hier endete gewissermaßen das anerkannte Gesetz. Hinter Orogrande begannen die unendlichen Sümpfe, die riesigen Schilfdickichte und das Gewirr namenloser Wasserläufe, die nach jedem Tornado oder der Regenzeit ihren Lauf veränderten, sodass selbst die genauen Karten des Gouvernements sie nicht zuverlässig verzeichneten.
Alvin Potter hatte sich zeit seines Lebens nie weiter als fünf Meilen über Orogrande in die Everglades hinausbegeben, und er gedachte es auch für die Zukunft nicht zu tun. Dort draußen hatte ein vernünftiger Mensch nichts verloren. Nur Sumpf und Wasser und Schilf … und dann natürlich diese Seminolen und die Unzahl Gesetzesbrecher, denen die unwirkliche Landschaft sicheren Unterschlupf gewährte.
Sheriff Potter hantierte in seiner altmodischen Küche herum, setzte einen Topf mit Wasser auf und ging den Kaffee holen. Er war in einer Dose mit der Aufschrift »Salz« verwahrt. Bei ihm herrschte Ordnung; da gab es nicht, dass Dinge sinnlos herumlagen. Und da außer ihm kein Mensch die Küche betrat, ließen sich Kaffee und Zucker in fremden Behältern gut aufheben, ohne dass man Gefahr lief, ein verunglücktes Essen serviert zu bekommen. Er wusste ja schließlich, wo alles zu finden war.
Jemand klopfte an die Küchentür.
»Come in!«
»He, Al«, grinste ein früher Besucher und hing den Hut an einen langen Nagel, der vorwitzig aus der Wand schaute. »Kann ich einen Topf abhaben?«
»Klar. Ist ja genug davon da.«
»Bist aber verdammt früh auf den Beinen.«
»Muss ich doch! Werd ja dafür bezahlt, dass ich euch Krücken ein Gefühl von Sicherheit gebe. Dreihundertsechzig im Monat und alles frei. Ein fürstliches Gehalt, wie? Dafür darf ich mich auch bei Gelegenheit totschießen lassen.«
»Aber nicht in Orogrande«, wehrte der Besucher ab.
Dick Traser verwaltete im Town eine Poststelle und betrieb auf eigene Rechnung nebenbei einen Mietstall. Er war mittelgroß, leicht verwachsen, mit hellblondem Haarschopf und eisgrauen Brauen, unter denen grüne Augen hervorleuchteten. Er war in Orogrande zur Welt und wahrscheinlich nie weiter als fünfzig Meilen über die Stadt hinausgekommen. Trotzdem besaß er etwas, das der Sheriff bewunderte: einen weiten Horizont, als sei er jahrelang in der Welt herumgereist.
Ich verstehe nicht, wie er das fertigbringt, sann der Sheriff missmutig. Passiert etwas in Orogrande, so ist Traser der erste, der Wind davon bekommt. Er weiß Dinge, die unsereins nicht mal im Traum ahnt. Und man kann schwören, dass auch eintrifft, was er voraussagt, als ob er einen sechsten Sinn hätte.
»Liegt was Bestimmtes vor, dass du herkommst?«, forschte Potter abwartend.
Er holte eine zweite Tasse aus dem Schrank, sah hinein und schüttelte ärgerlich die Fliegenleichen heraus. Mit dem dicken Daumen wischte er nach und stellte das Geschirr vor Dick Traser auf die rohgehobelte Küchentischplatte. Sein Besucher rutschte auf die Eckbank und streckte bequem die Beine aus.
»Well, es ist so …« Traser kratzte sich verlegen am Kinn. »Ich hörte, dass eine Sendung nach Orogrande kommt, stimmt’s?«
»Pfeifen wohl schon die Spatzen von den Dächern, wie?«
»Das will ich nicht mal sagen, Al. Ich würde sogar schwören, dass noch kein Mensch im Town Wind von der Sache bekommen hat. Aber du weißt ja, wie das mit mir ist. Ich hab’s eben im kleinen Finger …«
»Das kenn ich. Gibt wohl wieder Ärger?«
»Vielleicht – vielleicht auch nicht …«
Dröhnend setzte der Sheriff den Kaffeetopf auf den Tisch, zog sich einen Stuhl heran und stützte die Ellenbogen auf die Platte. Dabei starrte er seinen Besucher lauernd an.
»Heraus mit der Sprache, Mann!«
»Da kam gestern Abend ein Spruch durch«, begann Traser umständlich. »Klar, dass ich das erfahre, wo ich ja die Poststation habe. Und der Draht geht ja durch unsere Linie, nicht wahr? Denk daran, falls du der Meinung sein solltest, ich mische mich hier in Dinge, die mich eigentlich nichts angehen.« Und mit besonderer Betonung in der Stimme: »Ich musste ganz einfach davon wissen.«
»Schon gut.« Potter winkte ab. Hoffentlich hatte er nicht wieder einen seiner komischen Träume gehabt? Traser träumte nämlich immer; das wusste jedes Kind im Town.
»Fast neuntausend Dollar müssen es sein, Al«, sagte der Postmann leise. »Eine unheimliche Menge Geld, was?«
»Würde ich nicht mal sagen.«
»Und wenn sie dir gehörten?«
»Ja, dann«, murmelte der Sheriff gedehnt, »das wär selbstverständlich was anderes Neuntausend kämen mir gerade recht. Mann, damit würde ich auf der Stelle aus Orogrande verduften. Man könnte sich eine hübsche, kleine Ranch dafür kaufen. Nicht zu groß, muss mit zwei, drei Leuten bewirtschaftet werden können, aber so, dass sie was abwirft.«
»Siehst du«, grinste Traser, »das ist es ja, was ich meine. Es ist alles relativ. Für die Bank sind neuntausend vermutlich nur ein Klacks, über die sie kaum ein Wort verlieren werden. Aber für einen Privatmann ist es ein kleines Vermögen.«
Potter wusste noch nicht, worauf sein Besucher hinaus wollte. Irgendetwas hatte er im Sinn, sonst kam der nicht so früh ins Office.
»Zugegeben«, knurrte der Sheriff. »Und …?«
»Das Geld kommt mit der Post um neun Uhr. Die Sendung ist versichert und ordnungsgemäß aufgegeben worden. Eigentlich sehe ich keinen Anlass zur Besorgnis. Trotzdem …« Jetzt hielt er inne, nahm einen Schluck aus der dicken Tasse und betrachtete nachdenklich den Sheriff.
Potter ist ein verflucht feiner Kerl, sann Traser. Wir haben zwar keinen Grund, uns im Town Sorgen wegen Banditen und anderer Dunkelmänner zu machen, aber wenn gelegentlich mal etwas passiert, dann hat Potter noch stets die richtige Masche gefunden. Eigentlich ist es ihm zu verdanken, wenn es im Town so friedlich geblieben ist. Dabei hätten wir allen Grund, als Drehscheibe für das Gesindel des ganzen Südens zu gelten. Hinter uns beginnen die Everglades. Ein paar Meilen nördlich von Orogrande hört das Gesetz auf, da herrschen die Gewalt, der Colt, die Gemeinheit.
Sheriff Potter schob seine Zigarre in den anderen Mundwinkel, kniff ein Auge zu und lehnte sich ein Stück über den Tisch. Wie hypnotisch begann er seinen Gast zu fixieren.
»Wo steckt der Pferdefuß, Dick?«
»Ich hab da so einen merkwürdigen Traum gehabt«, murmelte der Postmann verlegen.
»Heiliges Kanonenrohr!«, stöhnte der Sheriff. »Hab ich’s mir doch gedacht! – Träume!«
»Tut mir leid, Al, ich kenne deine Einstellung. Wahrscheinlich hältst du mich auch für so einen Narren, der sich besser um seine eigenen Angelegenheiten kümmern sollte. Aber ich bin es mir schuldig, dich zu warnen. Mir und dir und auch der Bank gegenüber. Letzten Endes geht die Sendung über mein Office. Ich möchte nicht erleben, dass es eine Schweinerei gibt, Al.«
»Wie denn das?«
»Ach, da kämen verschiedene Möglichkeiten in Betracht. Pass mal auf, Al. Wir sind eine große Stadt. Weißt du vielleicht, wer schon alles in den Saloons herumgeistert und bloß darauf wartet, bis die Ladung hier ist? Geldsendungen bleiben nicht geheim. Du kannst da machen, was du willst, stets sickert irgendwo was durch.«
»Denkst du da vielleicht an etwas Bestimmtes?«
»Nein.« Traser hob bedauernd die Schultern. Der Kaffee war schlecht und heiß, schmeckte ekelhaft bitter und war ziemlich dünn. Potter sollte sich wenigstens eine alte mexikanische Haushälterin zulegen, wenn er schon nicht heiraten wollte.
»Na also, was willst du dann, Dick? Wohl wieder die Pferde scheu machen, he? Oder mich auf Trab bringen? Diese verfluchte Unkerei geht mir langsam auf die Nerven.«
»So freundlich hat mich noch niemand aufgefordert, abzuhauen«, lächelte der Postmann, ohne beleidigt zu sein. »Okay, Al, hab’s nicht bös gemeint. Aber du kennst mich ja.«
»Leider«, schnaufte der Sheriff. »Du kannst sicher sein, dass ich alles unternehmen werde, um die Sache so schnell und sicher wie möglich zu erledigen. Ich bringe das verfluchte Geld selbst in die Bank. Mir wird schon noch ein Trick einfallen, wie ich das möglichst unauffällig bewerkstelligen kann. Du lässt auf jeden Fall die Finger aus dem Spiel, klar? Dich kennt in Orogrande jedes Kind, und wenn sie dich mit einem versiegelten Sack durchs Town ziehen sehen, wissen sie, was los ist. Ich hab noch drei Stunden Zeit, bis die Post einläuft. Werde mich unterdessen ein wenig umschauen. Zufrieden?«
Dick Traser atmete erleichtert auf. Er trank den Kaffee aus, wehrte entsetzt ab, als Potter großzügig eine weitere Tasse anbot, nahm seinen verwaschenen Hut und eilte davon
Sheriff Potter rieb sich verwundert die Nase. Er sah eine Weile durchs Fenster. Ein paar Hühner scharrten im Misthaufen herum. Er hörte sein Pferd im Stall wiehern.
Noch mehrere Minuten saß er wie gebannt am Küchentisch. Er merkte nicht, dass seine Zigarre längst ausgegangen und die Asche auf die Hose gefallen war. Tausend Gedanken zogen durch seinen Kopf, drehten sich um Dick Traser und seine seltsame Begabung, Ereignisse voraussagen zu können.
Unfug, schüttelte er dann die Beklemmung von sich. Ich kann Schwätzereien kein Gehör schenken. Wo käme ich hin, wenn ich meinen Dienst auf die Angstträume Dick Trasers abstimmen würde? Müsste mir dann ’ne Hellseherin einstellen, mit Hornbrille und ’ner Eule auf der Schulter.
Obwohl er es nicht wahrhaben wollte, war er doch irgendwie beunruhigt. Zu oft schon hatten sich Trasers Ahnungen bewahrheitet. Gab es überhaupt Menschen, die einen sechsten Sinn besaßen? Die gewissermaßen in die Zukunft sehen konnten?
Er holte seinen alten Waffengürtel aus dem Schrank, schnallte ihn um und zwängte sich in den graubraunen Leinenrock. Dann stülpte er den Hut auf den Kopf, warf im Vorbeigehen noch einen Blick in den Spiegel und schloss die Officetür hinter sich ab. Unter dem Abtreter holte er das Schild hervor, das möglichen Besuchern anzeigte, dass er für eine kleine Weile unterwegs sei und bald zurückkäme, hing es an den dafür vorgesehenen Haken und schlenderte die breite Straße entlang.
Drüben im Barbershop war schon Betrieb. Zwei Gäule waren an der Stange festgebunden. Er überquerte die Straße und beschloss, sich unter das Messer Sol Hardings zu begeben.
»Hallo, Leute!«, grüßte er im Laden. »Du wirst dich noch dumm und dämlich verdienen, Sol. Nächstens machst du schon um Mitternacht deine Bude auf.«
»Heutzutage muss man jeden Nickel nehmen«, meinte der Friseur. »Nimm inzwischen Platz, Al. Dauert nicht lange. Oder hast du es eilig? Jerry wird dann wohl gerne warten.«
»Klar, kann ich«, sagte der Cowboy bereitwillig. »Machen Sie nur voran, Sheriff. Hab heute meinen freien Tag.«
»Du hörst doch auch ’ne ganze Menge, Sol«, begann der Sheriff. »Ich meine, es kommen viele Männer in deinen Laden, die so allerhand erzählen.«
»Bestimmt, Al.«
»Und die letzten Tage? War da irgendwas Außergewöhnliches? Ich meine, ist dir da nichts aufgefallen?«
»Was sollte mir schon auffallen?«
»Vielleicht Fremde? Oder bestimmte Redereien?«
Der Friseur legte das Messer auf die Marmorplatte und betrachtete den Sheriff eine Weile in der breiten Spiegelscheibe. Sein eingeseifter Kunde spitzte die Lippen und pfiff vor sich hin. Es klang nicht sehr melodisch.
»Da rasselt was im Karton, Sol«, bestätigte er schließlich. »Was ist los, Sheriff? Gibt’s Ärger?«
»Weiß nicht. Aber ich muss mich vorsehen. Hat keinen Zweck zu lamentieren, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist. Ich bin immer dafür, rechtzeitig einen Deckel aufzulegen.«
»Dich drückt doch irgendwo der Schuh, Al.«
»Wenn Sie jemanden suchen, Sheriff«, mischte sich nun der Cowboy ein, »dann gucken Sie mal bei Renkos Saloon rein. Da sitzt einer, der mir nicht gefällt.«
»So?«
»Gib nichts auf Geschwätz«, grinste der Friseur. »Wenn du hinter jedem herlaufen wolltest, der Terry nicht gefällt, könntest du ganz Orogrande ausräumen. – Quatsch nicht solchen Blödsinn, Terry.«
»Es ist aber ein Fremder«, beharrte der junge Mann.
»Du bist gut! Schätze, dass augenblicklich wenigstens zweihundert Fremde im Town herumlatschen.«
»Warum gefällt er Ihnen nicht, Terry?«, fragte der Sheriff.
»Schwer zu sagen. Wissen Sie, manchmal hat man gleich so ein komisches Gefühl, wenn man ein Gesicht zum ersten Mal sieht. Die Augen sind es bei ihm, und die fahrigen Bewegungen. Er starrt unsicher in die Gegend, als fürchte er sich vor was. Ein harter Typ, Sheriff, möchte nicht mit so einem zusammengeraten. Aber vielleicht hat Sol recht, Sheriff. Ist ’ne persönliche Abneigung bei mir. Ich mag diese Figuren nicht, die immer so tun, als wollten sie jeden auf der Stelle umlegen, nur weil sie sich gemustert fühlen.«
»Hat er was zu Ihnen gesagt? Haben Sie mit ihm überhaupt gesprochen, Terry?«
»Nee, ich werd mich hüten! Er saß zwei Hocker von mir entfernt, als ich vorhin einen schnellen Drink nahm. Bin gleich wieder draußen gewesen, Sheriff.«
»He, Al …«, rief der Friseur hinter Potter her. »Wie steht’s mit dem Rasieren?«
»Später, Sol. Komm noch mal vorbei!« Und schon war Potter aus dem Laden gerannt.
Der junge Cowboy brummelte etwas vor sich hin, Hardings wetzte sein Messer am Riemen und erging sich in düsteren Prophezeiungen über Sheriff Potters Zukunft.
»Total fertig mit den Nerven, sag ich euch! Lange macht der das nicht mehr mit.«
Inzwischen hatte Potter den »Silver Moon Saloon« erreicht. Er zählte zu den größten Hotels im Ort und gehörte Pit Renko. Der war ein guter Freund des Sheriffs, ein schwerer, grauhaariger Riese, der seit undenkbaren Zeiten in Orogrande ansässig war. Woher er stammte, wusste kein Mensch.
Vor der doppelseitigen Schwingtür hielt Potter an, rückte seine Waffe zurecht und tastete auch nach dem schwarzen Filz, als fürchte er, er könnte ihn beim ersten Windstoß verlieren. Dann drückte er entschlossen einen Türflügel auf. Er knarrte laut und quietschend.
Ein Dutzend gesattelter Pferde standen im Schatten des Verandadaches. Im Saloon dudelte ein elektrisches Klavier. Zwei Gäste behämmerten es mit ihren Bierkrügen, sodass hin und wieder ein Ton ausfiel und die Melodie einen regelrechten Hopser einlegte.
Potter ließ die Augen im Raum umherwandern. Don Comorra, der Gehilfe, stand hinter dem zehn Meter langen Tresen und unterhielt sich mit drei Gästen. Renko, der Wirt, hantierte an der Kasse.
»He, der Sheriff!«, rief Comorra verwundert, als er Al Potter erkannte. »Was soll’s sein?«
»Ein Bier«, bestellte der und setzte sich.
»Du machst aber ein Gesicht, als sei dir deine Bruchbude endlich überm Kopf zusammengestürzt«, grinste Renko gutmütig. »Das Bier geht auf meine Rechnung, Al.«
»Danke.« Immer noch suchte der Sheriff unter den Gästen nach dem Fremden, aber er kannte so gut wie jeden von ihnen. Die meisten waren Einwohner von Orogrande. Vier oder fünf gehörten zu den Mannschaften der kleinen Ranches, die westlich der Stadt im hügeligen Steppengelände lagen.
»Revolver und Hut«, begann wieder der Wirt, drückte die Lade der Kasse zu und kam näher heran, »das sieht fast nach Dienst aus …«
»Terry war vor einer Weile hier. Erinnerst du dich?«
»Sicher. Was hast du mit dem im Sinn? Sag bloß, er hätte was ausgefressen. Al, für den leg ich meine Hand ins Feuer.«
»Wer sagt denn das, he? Ich hab nur eine Frage gestellt, Pit.«
»Und ich sage: Ja!«
»Warst du in der Bar?«
»Wie hätte ich ihn denn sonst sehen können?«, grinste Renko belustigt. »Mann, was ist denn heute mit dir los?«
»Er sagt, ein Fremder hätte neben ihm gesessen, der ihm gar nicht gefiel.«
»Und das ist für einen Sheriff Grund genug, sich sofort auf den Weg zu machen, bloß, weil ein Cowboy mit der Nase eines Fremden nicht einverstanden war? Junge, du bist aber komisch.«
»Kennst du diesen Mann näher?«, bohrte Potter weiter.
»Ja und nein … Hör mal, es ist ein Gast von mir. Hat hier ein Zimmer genommen. Liegt was gegen ihn vor?«
»Wie heißt er?«
»Oh, da muss ich mal nachsehen.« Renko holte ein dickes Buch herbei, befeuchtete einen Finger und begann umständlich die fleckigen Seiten umzublättern. Endlich tippte er den ausgestreckten Zeigefinger auf die letzte Spalte der Eintragungen.
»Albert Madison nennt er sich. Kommt aus Montana.«
»Madison, Madison …«, kaute Potter wie auf einem Gummi. »Hab ich nicht schon mal irgendwo den Namen gehört?«
»So selten ist der nicht.«
»Mag sein. Hm … Hat er verlauten lassen, was er in Orogrande will?«
»Nee, ich hab ihn auch nicht ausgehorcht, Al. Wenn einer nicht von selbst damit anfängt – ich bin nicht neugierig.«
»Schon gut. Wo steckt er jetzt?«
»Vielleicht auf seinem Zimmer? Keine Ahnung …« Renko schüttelte bedauernd den Kopf. Sein Blick blieb auf Potter haften, als wollte er herausbekommen, was hier gespielt wurde.
»Kam er mit einem Gaul?«
»Klar, hat ihn im Stall eingestellt … für einen Dollar am Tag.«
»Wie lange will er bleiben?«