Tom Prox 103 - Frederic Art - E-Book

Tom Prox 103 E-Book

Frederic Art

0,0
1,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.
Mehr erfahren.
Beschreibung

Da ziehen Tom Prox und seine Leute alle Register und müssen sich schließlich doch eingestehen, den "roten Faden" in diesem Fall einfach nicht finden zu können: Die Ghost Squad jagt Keating, einen hochintelligenten Verbrecher, dem eine tödliche chemische Formel in die Hände gefallen ist. Trotz höchsten Einsatzes aber verlieren Tom Prox und Ben Closter immer wieder Keatings Spur. Auch Snuffy Patterson, der undercover als fahrender Taschenspieler durch die Saloons zieht, und Ruby Long kommen nicht weiter. Die scheut nicht einmal davor, für die gute Sache als vermeintliches Bar-Girl mit betrunkenen Cowboys anzubandeln. Ein großes, vielleicht zu großes Risiko, denn plötzlich ist Ruby verschwunden. Und als die Ghosts die Nachricht erreicht, dass ein ausgebranntes Auto mit einer nicht zu identifizierenden Frauenleiche gefunden wurde,sssss befällt die Männer eine fürchterliche Vorahnung ...


Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 165

Veröffentlichungsjahr: 2022

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Inhalt

Cover

Die Sache sieht mulmig aus

Aus dem Wilden Westen

Vorschau

Impressum

Die Sache siehtmulmig aus

Von George Berings

Da ziehen Tom Prox und seine Leute alle Register und müssen sich schließlich doch eingestehen, den »roten Faden« in diesem Fall einfach nicht finden zu können: Die Ghost Squad jagt Keating, einen hochintelligenten Verbrecher, dem eine tödliche chemische Formel in die Hände gefallen ist. Trotz höchsten Einsatzes aber verlieren Tom Prox und Ben Closter immer wieder Keatings Spur.

Auch Snuffy Patterson, der undercover als fahrender Taschenspieler durch die Saloons zieht, und Ruby Long kommen nicht weiter. Die scheut nicht einmal davor, für die gute Sache als vermeintliches Bar-Girl mit betrunkenen Cowboys anzubandeln. Ein großes, vielleicht zu großes Risiko, denn plötzlich ist Ruby verschwunden. Und als die Ghosts die Nachricht erreicht, dass eine nicht zu identifizierende Frauenleiche gefunden wurde, befällt die Männer eine fürchterliche Vorahnung ...

1. Kapitel

Die Triangle-Ranch lag östlich der Rocky Ridge und wurde im Norden vom Orofino-‍, im Osten vom Clearwater-River begrenzt. Sie war ein schöner, alter Besitz, eine der wenigen Ranches, die alle Stürme der Zeiten überstanden hatten, ob es sich dabei um Indianeraufstände, den Goldrausch oder andere Großereignisse handelte.

Die Gebäude lagen auf einer Anhöhe und waren von schattigen Bäumen umgeben. Von der Terrasse des Herrenhauses aus konnte man weit ins Land sehen, östlich bis zu den Bergen, nördlich bis dorthin, wo im grauen Dunst der Ort Pierce lag.

Auf der Terrasse stand ein Mann, die Arme auf die Brüstung gestemmt. Seine Blicke suchten unablässig das Land im Norden ab, dabei kaute er nervös auf dem Rest einer erkalteten Zigarre. Minuten vergingen, aber in der Ferne wollte sich nichts zeigen.

Der Mann gab es schließlich auf, ließ sich wütend in den Schaukelstuhl fallen. Dann faltete er die Hände über den Bauch und versuchte, ruhiger zu werden, wobei er die Augen schloss.

Fast eine Stunde war vergangen, als endlich Hufschlag erklang. Der Mann erhob sich und trat wieder an die Brüstung. Gespannt sah er auf den Reitertrupp, der soeben durch das alte Eichentor ritt. Sein Gesicht zuckte, die Fäuste schlossen sich um das Holz der Brüstung. Noch bevor die Männer hielten, brüllte er unbeherrscht: »He, Bettger, wo habt ihr den Kerl?«

Der Vormann mit den brandroten Haaren schob seinen Hut in den Nacken und sah den Rancher grinsend an.

»Er wird gerade liebevoll von zarter Frauenhand gestreichelt. Die Dame war wieder sehr schnell mit dem Colt bei der Hand. Sie hat Andy entlassen. Lange machen wir das nicht mehr mit! Nur einer kann hier Befehle erteilen. Hier kennt sich ja kein Mensch mehr aus. Wir sind doch keine Narren.«

»Zum Teufel, was ist denn das? Was soll das heißen?«

»Ist so, wie ich sagte«, knurrte der Vormann. »Wir hatten den Burschen schon in der Hand. Na, dann kam die Lady an. Ein Schuss – und schon war der Boy frei. Schießen kann sie, das muss man ihr lassen. Möchte wissen, wie sie das Ding so schnell in die Hand bekommt.«

»Und sie ist jetzt bei ihm?«

»Yeah«, grinste der Vormann. »Sicher macht sie ihm Pflästerchen auf das Näschen. Der Junge hat's gut!«

Der Mann auf der Terrasse bekam einen neuen Wutanfall. Die Boys kümmerten sich nicht darum. Auf ein Zeichen ihres Vormanns brachten sie ihre Pferde in den Korral, sattelten ab und suchten das Bunkhaus auf. Es war bald Zeit zum Mittagessen. Anschließend würde die Ablösung auf der Weide fällig sein.

»He, Bettger, wisst ihr wenigstens, wer der Bursche ist?«, fragte der Rancher.

»No, kamen nicht mehr dazu, die Papiere einzusehen. Wollte gerade eingreifen, als die Frau auftauchte. Na, für mich ist der Fall erledigt.«

Der Vormann tippte an den Rand seines Hutes und ritt zum Korral hinüber. Der Mann auf der Terrasse sah ihm einen Augenblick nach. Denn warf er sich wieder in den Schaukelstuhl.

Eine weitere Stunde verging. Dann bearbeitete der Mannschaftskoch eine mächtige Eisenschiene, um anzukündigen, dass das Essen fertig sei.

Die Geräusche übertönten die Ankunft der Reiterin. Vor dem Herrenhaus sprang sie elastisch aus dem Sattel und warf einem Boy den Zügel zu. Dann stieg sie die Stufen hinauf. Der Mann gewahrte sie erst, als sie schon an der Tür war. Er sprang auf und stürzte vor.

»Du! Du!«, schrie er. »Ich will ...!«

Die Frau hatte ihre Handschuhe ausgezogen. Leicht streifte jetzt der Stulpen aus weichem Ziegenleder die Wange des Mannes. Es war kein Schlag, aber auch keine Liebkosung, eher eine Warnung. Das Wort blieb dem Jähzornigen im Hals stecken. Er war so verstört, dass sich nur ein Röcheln aus seinem Mund quälte. Die Frau betrat die große Halle des Hauses.

»Ich verbitte mir das«, keuchte er. »Ich verbitte mir ein für alle Mal, dass du dich in meine Angelegenheit mischst!«

Die Frau ging, ohne sich um ihn zu kümmern, die geschwungene Treppe hinauf. An der Biegung blieb sie stehen. Ein fast freundliches Lächeln lag um ihren Mund.

»Wenn sich hier einer etwas zu verbitten hat, bin ich das, verstanden? Ich verbitte mir also ganz energisch, dass du meine Cowboys für deine dreckigen Machenschaften heranziehst. Die Mannschaft der ,Triangle' ist eine ehrliche, saubere Crew. Verbrecherallüren sind hier nicht üblich. So war es immer, so wird es auch bleiben. Solltest du anderer Meinung sein, kannst du deine Koffer packen. Nun Schluss, ich muss mich umziehen.«

Bevor er noch reagieren konnte, hörte der Rancher einen Reiter nahen und eilte wieder hinaus.

»Hallo, Barnaby«, grüßte der Sheriff. »Wie steht's? Was gibt es Neues? Schätze, die Hühner legen immer noch ein Ei am Tag?«

»Idiot«, knirschte der andere. »Du hast mir gerade noch gefehlt.«

»Stimmt! Ja, ja, ein Unglück kommt selten allein!«

»Was soll das heißen?«, zischte der Rancher.

»Nur so eine Redensart von mir. Schöne Sprüche gehören zum Leben wie Meerrettich zum Rindfleisch. Sie sind die Würze des Geistes, Barnaby. Aber das können Sie sicherlich nicht verstehen, was? Na ja, bei dem Geist!«

Der philosophierende Gesetzeshüter stieg umständlich vom Pferd. Solange er auf seinem Gaul saß, fühlte er sich sicher. Sobald er aber festen Boden unter den Stiefeln hatte, schwankte er wie ein Seemann im Wind.

»Sind wohl schon wieder betrunken«, grollte der Rancher. »Ist das eine Art, so Besuche abzustatten?«

Der Sheriff kam die Stufen herauf und ließ sich dann umständlich in einem Korbsessel nieder. Er langte sich eine Zigarre aus einem Kasten, der auf dem Tisch stand, und roch daran.

»Gutes Kraut«, nickte er anerkennend. »Ganz ausgezeichnete Sorte! Übrigens bin ich heute dienstlich hier. Der Dienst hat mich sozusagen trunken gemacht. Da ich leider meinen dienstlichen Rausch nicht im Office ausschlafen konnte, blieb mir keine andere Wahl.«

»Sie sind also dienstlich hier?«, fragte der Rancher ruhig. Während sich der Sheriff mit der Zigarre beschäftigte, hatte er Zeit gehabt seine Überraschung zu verdauen.

»Sozusagen, ja.« Sheriff Lyle Curtis streckte seine Beine aus. »Was gibt es übrigens heute Mittag zu essen?«

»Heute Mittag? Ich meine, das dürfte Sie verdammt wenig interessieren, wenn Sie dienstlich hier sind.«

»Man muss immer das Nützliche mit dem Angenehmen verbinden, Barnaby. Diese Frage, zum Beispiel, zielte auf das Angenehme. Können Sie noch folgen, Gent?«

»Zum Teufel, ja! Lassen Sie doch das Gequassel! Bin doch schließlich nicht Insasse einer Heilanstalt!«

»Haben Sie wirklich den Eindruck, dass Verrückte nur in Idiotenanstalten herumlaufen?« Sheriff Curtis wiegte bedächtig den Kopf und zog mit Genuss an seiner Zigarre.

»Wie wär's mit einem Schlückchen Whisky?«, fragte er dann unvermittelt. »Auf den Schreck hin muss ich unbedingt einen trinken.«

»Schreck? Was hat Sie denn so erschreckt?«

»Ach, das wissen Sie noch gar nicht? So allerhand!« Der Sheriff sah zur Decke hinauf und rollte die Augen. Dann spitzte er die Lippen und ließ einen langen Pfiff erklingen.

»Los, kommen Sie endlich zum Thema?«

»Bin doch schon dabei, lieber Freund. Möchte wissen, wo Sie Ihre Gedanken haben. Hören Sie denn gar nicht zu?«

»Was? Ich? Ja, was meinen Sie eigentlich?« Barnaby bekam einen roten Kopf.

»Hallo!«, schrie Sheriff Curtis in diesem Augenblick in den Hof. »Hallo, Andy! Wo kommst du denn her? Hast ja eine tüchtige Beule am Kopf! Armer Junge!«

Der Sheriff lief plötzlich wie ein Wiesel los. Der Cowboy wollte sich an ihm vorbeidrücken. Aber schon war der Sheriff neben dem Reiter und hielt dessen Pferd am Zügel.

»Tolle Beule«, stellte er bedauernd fest. »Hm, hm, welcher böse Bube hat denn das getan?«

»Bin ausgerutscht«, knurrte Andy. »Über 'ne Baumwurzel!«

»Habe ich mir doch gleich gesagt, eine Baumwurzel. Hm, wo war denn das?«

»Drüben beim südlichen Vorwerk, Sheriff. Sie wissen, wir haben dort im vergangenen Herbst Holz geschlagen.«

»Teufel, ja«, sagte Curtis. »So ein Unglück! Und dann bist du in den ... eh ... jetzt lässt mich mein Gedächtnis doch im Stich! Was für ein Creek fließt da vorbei, Andy?«

»Creek? Da fließt doch keiner, Sheriff. Haben da kein Wasser.«

»Toll, einfach toll!«, lachte Curtis. Er benahm sich wie ein kleiner Junge, dem ein feiner Streich gelungen ist. »Gar kein Wasser, und doch ist der liebe Andy bis zu den Knien im Wasser gewatet? Tolle Sache! Hehe, oder sehe ich weiße Mäuse!«

»Muss jetzt zum Essen.« Der Boy wurde nervös. »Lassen Sie mich weiter, Sheriff!«

Der Sheriff nickte. Er kicherte immer noch und hüpfte von einem Bein aufs andere. Andy trieb sein Pferd zum Korral hinüber. Bevor er aber absatteln konnte, sagte hinter ihm eine sanfte Stimme: »Andy! Wo hast du denn das andere Ende deines Lassos gelassen?«

Der Cowboy fuhr wütend herum. Da stand Sheriff Curtis, beide Arme auf den Zaun gelegt, und grinste spöttisch.

»Ist abgerissen, hakte sich an der verdammten Baumwurzel fest. So kam es auch zu dem Sturz.«

Wie ein Wiesel schlüpfte Curtis durch den Zaun. Jetzt stand er neben dem Pferd und hatte das Ende des Lassos in der Hand. Er untersuchte es und roch dann daran.

»Gute Sorte«, sagte er. »Feine Arbeit. Maßarbeit! Von dieser Art sollte es mehr geben in dieser Gegend.«

»Von dieser Art? Von was für einer Art? Verstehe Sie nicht!« Andy schüttelte den Kopf und ging zum Bunkhaus hinüber.

Sheriff Curtis sah ihm nach, dann beschnüffelte er wieder das Lasso. Plötzlich aber war neben ihm ein Schatten. Er hob den Kopf und sah in das bullige Gesicht Barnabys.

»Was soll der Unsinn, Curtis?«, fragte dieser grob. »Ich habe Ihre Schnüffelei satt! Entweder Sie sagen jetzt, was Sie hier suchen, oder Sie verschwinden!«

»Aber aber!« Der Sheriff schnitt eine Grimasse. »Warum so böse? Habe ich Ihnen etwas getan?«

»Sagen Sie endlich, was Sie herführt! Habe keine Lust, mich von einem besoffenen Narren hinhalten zu lassen.«

Sheriff Curtis lachte, kratzte sich hinter dem Ohr und schob den Hut über die Augen. Es schien, als hatte er den »besoffenen Narren« überhört. Barnaby hatte das Aufblitzen in den Augen des Mannes nicht gesehen.

»Wollen hineingehen«, sagte Curtis jetzt. »Habe einen mächtigen Hunger.«

»Hunger? Sie glauben doch wohl nicht, dass ich Sie zum Essen einlade?« Der Rancher lachte dröhnend.

Curtis watschelte auf das Haus zu, kletterte die Veranda empor und betrat die Halle. Im selben Augenblick kam die Frau die Treppe herunter. Sie stutzte zunächst, als sie den Sheriff sah, dann aber lachte sie herzlich.

»Hallo, Sheriff«, rief sie noch auf der Treppe. »Freue mich, Sie bei uns zu sehen. Sie bleiben doch zum Essen.«

Der Sheriff machte eine ungelenke Verbeugung. Als er sich wiederaufrichtete, warf er dem Rancher einen verstohlenen Blick zu.

»Du willst doch nicht ...«, begann dieser unsicher, aber die Frau unterbrach ihn sofort.

»Selbstverständlich will ich in Gesellschaft von Mr. Curtis speisen.« Sie lächelte. »Bitte führen Sie mich zu Tisch, Sheriff!« Sie reichte ihm ihren Arm.

»Der Sheriff ist aber dienstlich hier«, knurrte Barnaby, als sie am Tisch saßen. »Möchte wissen, was er will.«

»Sagte ich das wirklich, Barnaby? Kann mich gar nicht daran erinnern. Ist ja auch egal! Da kommt die Suppe, na, dann guten Hunger!«

Eine Weile hörte man nur das Klappern der Löffel. Curtis saß tief über seinen Teller gebeugt. Er aß hastig, als hätte er drei Tage keinen Bissen zu sich genommen. Barnaby musterte ihn ungeniert. Auf seinem Gesicht konnte man deutlich den Ekel ablesen, der ihn beim Anblick des Mannes befiel. Er merkte nicht, dass Curtis alle seine Regungen genau registrierte!

Nach der Suppe wischte sich Curtis mit dem Ärmel über den Mund und grunzte behaglich.

»Dieser Andy ist ein Schlingel«, sagte er dann. »Ein ganz großer Spitzbube!«

»Wie kommen Sie darauf, Sheriff?« Die Frau sah ihn erstaunt an.

»Nur so, Madam. Er ist über eine Baumwurzel gestolpert und dabei in einen Bach gefallen. Nur war kein Bach vorhanden in der ganzen Gegend, wo sich das abspielte. Merkwürdige Geschichten gibt es!«

»Ja, sehr merkwürdige. Ich habe Andy entlassen«, sagte die Frau. »Kann solche Leute nicht brauchen.«

»Dann stimmt es also doch, was mir Bettger sagte?«, brauste Barnaby auf. »Wie kannst du so etwas tun? Ich verstehe dich nicht.«

»Aber ich verstehe es umso besser«, warf der Sheriff ein. »Sehr gut verstehe ich das. Na, hoffentlich legt Andy schnell einige hundert Meilen zwischen Pierce und die ,Triangle'. Müsste sonst um sein Leben bangen.«

»Der Teufel hole diese Gespräche«, knirschte der Rancher.«

»Macht nichts, jetzt kommt sowieso der Braten. Na, dann guten Hunger!«

Die Mahlzeit wurde schweigend beendet. Anschließend trank man ein Glas Whisky. Der Sheriff schüttete den Stoff hinunter, als sei es Wasser. Ohne dazu aufgefordert worden zu sein, bediente er sich aus der Flasche, die auf dem Tisch stand, ein zweites und drittes Mal. Dann stand er auf und machte eine seiner komischen Verbeugungen.

»Ich bedanke mich herzlichst für die Gastfreundschaft«, sagte er. »Es hat gut geschmeckt. Ich komme bald wieder.«

»Kommen Sie gut nach Pierce«, wünschte ihm die Frau lachend. »Fallen Sie aber nicht vom Gaul!«

»He, Curtis, was war das für eine dienstliche Angelegenheit, wegen der Sie kamen?«, rief Barnaby ihm nach.

Curtis drehte sich langsam um, legte die eine Hand auf die Türklinke und lächelte geheimnisvoll.

»War wegen der Viehzählung«, erwiderte er. »Wollte nur ausrichten, dass ich bis zum nächsten Donnerstag die Bestände haben muss. So long, Barnaby!«

Er stapfte hinaus, die Flüche des Ranchers hörte er schon nicht mehr. Im Gehen lachte er still vor sich hin, so, als wäre ihm ein besonders guter Streich gelungen.

Der junge Mann, auf den Rancher Barnaby so scharf war und den eine junge Frau seiner Mannschaft wieder entrissen hatte, hatte einige Stunden nach dem Überfall den idealen Rastplatz gefunden.

Die Rocky Ridge waren ein kleines, unübersichtliches Felsengebirge. Kleine Höhlen, Felsspalten und versteckte Winkel gab es hier genug. Steve aber musste darauf achten, dass Wasser in der Nähe war, sein Pferd Futter fand und er nicht wieder so leicht zu überraschen war.

Alle diese Vorteile wies der Platz auf, den er jetzt erreicht hatte. Durch eine hochgelegene Wiese schlängelte sich ein Creek. Das Wasser war rein und klar. Die Wiese lag wie eine Oase mitten in den Felsen. Von hier führte ein kaum sichtbarer Pfad hinauf zu in einer Terrasse. Etwas weiter zurück befand sich ein schmaler Spalt im Felsen, der sich als Behausung vortrefflich eignete.

Diese Festung konnte er verteidigen. Er schleppte seinen Packen hinauf und überprüfte zuerst die Waffen. Wer konnte ahnen, was seine Gegner noch alles gegen ihn unternehmen würden?

»Möchte nur wissen, was die Kerle sich denken. Habe ihnen doch nichts getan.«

Aber Steve Trevor kannte den Westen. Irgendetwas musste dahinterstecken.

Als sich die Sonne senkte, nahm er sein Abendbrot ein.

Später machte er es sich bequem und blickte ins Tal hinunter. Nach und nach kamen die Sterne heraus. Der Abend war herrlich. In der Ferne konnte er ein einsames Licht ausmachen. Ob dort Pierce lag?

Wie oft hatte er in seiner Kindheit von Pierce erzählen hören! Immer wieder hatte sein Vater davon berichtet, aber nie war er dazu gekommen, die Reise in den Norden anzutreten. Jetzt, nachdem dieser tot war, wollte er sich den Ort ansehen, in dem sein Großvater gelebt und einen Schatz gehoben hatte.

So weit war er mit seinen Gedanken gekommen, als er plötzlich aus der Tiefe ein feines Geräusch vernahm. Es klang, als kollerten einige Steine zu Tal. Sofort packte er seine Winchester und ging in Deckung. Gewiss, es konnte sich um ein Tier handeln, ebenso gut aber konnte es ein Mensch sein, der nicht in guter Absicht kam.

Seine Augen versuchten die Dunkelheit zu durchdringen. Jetzt hörte er auch das Schnauben eines Pferdes und einen Fluch! Wer fluchte mitten in der Nacht in dieser verlassenen Gegend? Der Mann verriet sich ja, bevor er da war.

Wenige Minuten später kollerten wieder Steine bergab, und ein tiefes Schnaufen und Stöhnen wurden laut. Noch immer blieb Steve in Deckung, das Gewehr im Anschlag. Jetzt tauchte über dem Rand der Felsterrasse ein dunkler Schatten auf.

»Stopp!«, befahl Steve scharf. »Keinen Schritt weiter!«

»Nur nicht so hitzig, Freund, empfängt man so Besuch?«

»Kommt ganz darauf an, was der Besuch bringt! Habe keinen Appetit auf blaue Bohnen.«

Der Mann lachte meckernd. Dann kam er näher. Nach einigen Yards setzte er sich gemütlich auf einen Felsbrocken.

»Feine Aussicht hier«, sagte er. »Hier sollte man bleiben. Ist der richtige Ort, eine Flasche Whisky zu trinken. Komm heraus, Boy! Hab dir den Schluck von heute Mittag zurückgebracht.«

Nun wusste Steve, wo er die Stimme, dieses heisere, schleppende Organ, schon gehört hatte. Es konnte sich nur um den merkwürdigen Sheriff handeln.

Er erhob sich und kam näher, die Waffe im Anschlag. Er hatte keine Lust, hier eines unnatürlichen Todes zu sterben.

»Guten Abend«, grüßte Sheriff Curtis. »Hast dir ja ein feines Plätzchen ausgesucht, Boy.«

»Möchte wissen, wie Sie mich gefunden haben? Habe doch kein Feuer gemacht.«

»War ein Zufall. Dachte mir: Der Boy hat mir seinen letzten Whisky gegeben, muss also ein guter Mensch sein. Und gute Menschen sind so selten, dass man sie mit der Laterne suchen muss. So machte ich mich auf, dich zu suchen.«

»Sie sind ein toller Hecht«, lachte Steve. »So leicht macht Ihnen das keiner nach.«

»Bin nur ein ganz armer Teufel. Darum hat man mich auch zum Sheriff gemacht. Kannst du das verstehen?«

»No, absolut nicht!«

Der Sheriff reichte dem Boy die Flasche. Steve nahm einen kräftigen Schluck. Der Alkohol brannte wohlig in der Kehle.

»Ja, so ist das, so ist die Welt nun mal«, fuhr Curtis fort. »Habe schon oft darüber nachgedacht. Na dann prost!« Er setzte die Flasche an und trank ebenfalls.

»Und warum kamen Sie nun wirklich her, Sheriff?«

»Warum – ja, warum? Immer dieselbe Frage! Wollte nur mal sehen, Boy, wie du dich eingerichtet hast. Oder auch, ob du überhaupt noch am Leben bist. Kenne Leute, die haargenau schießen können!«

»Woher wissen Sie das?« Steve Trevor sah den Mann erstaunt an.

»Woher soll ich was wissen?«

»Nun, das mit dem Überfall, Sheriff.«

»Ach so, das. Na, man kennt doch so seine Freunde, nicht wahr? Nur die kennen mich nicht. Oder sie wollen mich nicht kennen. Ich werde selbst nicht schlau daraus. Vielleicht fühlen sie sich auch nur deshalb so sicher, weil ich immer so tue, als ob ... dabei vergessen sie, dass man so nach und nach immun wird.«

Steve lachte leise. Er kannte jetzt das Geheimnis dieses merkwürdigen Sheriffs. Er musste zugeben, dass Curtis nicht der schlechteste Mann war, den das Gesetz in Idaho in seinen Diensten hatte.

»Haben Sie eine Ahnung, Sheriff, was diese Leute gegen mich haben?«, fragte er nach einer kleinen Pause. »Ich kenne sie nicht – und sie kennen mich nicht. Trotzdem wollen sie mich umbringen.«

»Vielleicht erwarten diese Leute jemand? Vielleicht verwechselt man dich auch mit einem anderen?«

»Kann sein«, meinte Steve nachdenklich.

»Ich muss mich jetzt aber wieder auf den Weg machen.« Curtis erhob sich. »Kannst den Whisky behalten, Boy.«

»Vielen Dank, Sheriff!«

»Was ich noch sagen wollte, tu mir den Gefallen und lass dich in Pierce nicht sehen, ja? Habe keine Lust, deiner Beerdigung beizuwohnen.«

»Wenn Sie deswegen kamen, Sheriff, muss ich Sie leider enttäuschen. In zwei Tagen werde ich wieder fit sein. Dann komme ich nach Pierce. Soll mir ein Vergnügen sein, dort einen lieben Freund anzutreffen.«

»Ich habe es gewusst«, stöhnte Curtis auf. »Habe es genau gewusst!« Dann setzte er mehr für sich leise hinzu: »Er ist genauso ein Dickkopf wie sein Großvater!«