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Eigentlich soll Snuffy Patterson dem heillos überforderten Deputy von Sacramento bis zur Wahl eines neuen Sheriffs lediglich ein wenig unter die Arme greifen. Aber nicht nur, dass nicht Sacramento in Kalifornien gemeint ist, die Hauptstadt des US-Staates, sondern ein kleines, heruntergekommenes Nest, das keinerlei Amüsement verspricht.
Noch dazu haben Patterson und sein Kollege Ben Closter die Bezirksgrenze kaum erreicht, als sie bereits mit einem Überfall auf einen Goldtransport und einem Lynchopfer konfrontiert werden. Dass beide Verbrechen zusammenhängen, ahnen die beiden Sergeanten noch nicht. Und auch auf Tom Prox, ebenfalls nach Sacramento unterwegs, um gemeinsam mit Closter ins Hauptquartier der Ghosts zurückzukehren, wartet eine böse Überraschung. Denn die Gangster sind alles andere als Amateure. Im Gegenteil: Sie sind bestens organisiert und haben Augen und Ohren überall ...
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Seitenzahl: 106
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
GOLD ZIEHT GESINDEL AN
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
GOLD ZIEHT GESINDEL AN
Von Frederic Art
Eigentlich soll Snuffy Patterson dem heillos überforderten Deputy von Sacramento bis zur Wahl eines neuen Sheriffs lediglich ein wenig unter die Arme greifen. Aber nicht nur, dass nicht Sacramento in Kalifornien gemeint ist, die Hauptstadt des US-Staates, sondern ein kleines, heruntergekommenes Nest, das keinerlei Amüsement verspricht. Noch dazu haben Patterson und sein Kollege Ben Closter die Bezirksgrenze kaum erreicht, als sie bereits mit einem Überfall auf einen Goldtransport und einem Lynchopfer konfrontiert werden. Dass beide Verbrechen zusammenhängen, ahnen die beiden Sergeanten noch nicht. Und auch auf Tom Prox, ebenfalls nach Sacramento unterwegs, wartet eine böse Überraschung. Denn die Gangster sind alles andere als Amateure. Im Gegenteil: Sie sind bestens organisiert und haben Augen und Ohren überall ...
Sechs Schüsse erschütterten den stillen Morgen. Sie rollten dumpf über die Abhänge der Cilla Mountains, wurden von den hohen Felsen zurückgeworfen und verklangen irgendwo in der trockenen Steppe. Wie ein verabredetes Signal hatten diese Schüsse gewirkt.
Die beiden Reiter, die von der Passhöhe her über den schmalen, vielfach gewundenen Pfad in die Ebene zogen, hielten plötzlich an und lauschten.
Sie horchten angespannt in das vor ihnen liegende Weideland hinunter. Die Sicht war ausgezeichnet, man konnte mehrere Meilen weit blicken. Die Morgensonne warf lange, schwache Schatten. Zwischen den dornigen Mezcal-Sträuchern lag noch der Dunst der Nacht. Ein paar Vögel zwitscherten im Gebüsch. Irgendwo knackten Zweige, Blätter raschelten, aber nichts war zu sehen.
»Seltsame Sache«, murmelte Sergeant Patterson, während er angestrengt mit leicht zusammengekniffenen Augen in die Tiefe sah. »Sechs Schüsse – sonst nichts. Die sind aus einem einzigen Colt abgefeuert worden, Dicker. Kannst du dir darauf einen Reim machen?«
»Ich hab noch nicht gefrühstückt, Snuffy«, entgegnete Sergeant Closter vorwurfsvoll, als sei die Beantwortung dieser Frage eine Zumutung. »Wie kann ein völlig nüchterner Mensch darauf überhaupt eingehen? Nichts zu machen. Aber ich sehe da vorne einen Bach. Das Wasser in den Flaschen schmeckt sowieso schon wie Jauche. Werde also erst mal einen echt mexikanischen Kaffee brauen. Doch es steht dir selbstverständlich frei, inzwischen auf Banditen oder Besoffene Jagd zu machen. Ich jedenfalls bin nicht zur Special Police gegangen, um zu fasten. Lass dir das gesagt sein!«
»Hast 'ne prächtige Dienstauffassung, Dicker«, erwiderte Patterson lässig, der aufrecht im Sattel saß, ohne einen Blick zur Seite zu werfen.
Immer noch versuchte er den geheimnisvollen Schützen ausfindig zu machen. Aber hier, an den zerklüfteten Abhängen der Gebirgsausläufer, konnte man nicht einwandfrei die Richtung der Abschüsse ermitteln.
Ben schielte seitwärts zu den fünf Bäumen, die schattenspendend um eine plätschernde Quelle standen, und als der Lange keine Anstalten traf, sich zu seinem Vorschlag zu äußern, setzte er seinen Gaul in Bewegung und hielt auf die Lagerstelle zu.
Dort lockerte er die Sattelgurte, schnappte sich den Topf und sah zu seiner Freude, dass hier schon öfters Männer campiert hatten. Überall lagen rußgeschwärzte Steine herum, und trockenes Holz gab es in rauen Mengen.
»Nichts zu sehen«, sagte Sergeant Patterson, nachdem er vergeblich die Steppe mit den Augen abgesucht hatte und Ben schließlich gefolgt war. »Vielleicht hat auch nur ein übermütiger Kuhtreiber seinen Colt ausprobiert ... oder auf Karnickel geknallt. Weiß ich's?«
»Lang mal den Speck rüber«, bat Closter. »Und du musst auch den Zucker im Sack haben. Kannst dann gleich noch die Zigaretten rausholen. Meine sind alle.«
»He, bin ich vielleicht dein Diener? Selbst ist der Mann, verstanden?«, antwortete Patterson.
Ben Closter feixte hinterhältig, warf sein letztes Stück Dörrfleisch in die Pfanne und lehnte sich dann bequem gegen einen glatten Stein. Er schloss die Augen, und es sah aus, als wollte er hier seine unterbrochene Nachtruhe nachholen.
Sie waren fast die ganze Nacht über geritten, mit einer kleinen Pause kurz vor Mondaufgang, als die Dunkelheit eine Passüberquerung nicht ratsam erscheinen ließ.
Ben war also rechtschaffen müde. Außerdem quälte ihn das hohle Gefühl im Magen. Viele Lebensmittel hatten sie nicht mehr bei sich. Der Ritt über die Cilla Mountains war doch sehr beschwerlich gewesen. Zwei Tage schon hatten sie zugeben müssen, und das alles nur, weil man wieder mal irgendwo einen neuen Sheriff benötigte!
Was wird dieses Sacramento schon für ein Kaff sein, dachte Ben bei sich. Ich kenne ein anderes Sacramento, aber da ist wenigstens was los. Tingeltangel und Saloons, Spielsäle und eine schöne Menge Stores, wo man vom Kragenknopf bis zum Kutschwagen alles kaufen kann – wenn man Geld genug hat!
Haha. Ben kicherte los. Achtundzwanzig Dollar hab ich noch in der Tasche. Ob man damit große Sprünge machen kann? Aber für dieses Sacramento da unten in der Steppe wird es wohl noch reichen.
Er öffnete blinzelnd die Augen, als der liebliche Geruch nach gebratenem Speck ihm die Nase kitzelte. Der Kaffee war auch fertig. Mit einem Seufzer füllte er sich seinen Aluminiumbecher, spießte seinen Dolch in das Dörrfleisch und langte nach dem letzten Kanten Brot in der Vorratstasche. Mit aller Seelenruhe begann er zu speisen.
»Alle guten Geister!« Snuffy Patterson konnte es nicht fassen. »Bist du denn ganz verrückt geworden? Willst du vielleicht alles allein aufessen? He, wo ist mein Teil?«
Ben grinste. Er deutete mit dem Daumen seiner linken Hand schadenfroh hinter sich auf Pattersons Gaul.
Dann sagte er freundlich: »Selbst ist der Mann, Langer. Kannst meine Pfanne geliehen bekommen, wenn du magst. Musst sie dann aber auch sauber machen, verstanden? Bin ich denn etwa dein Diener?«
»Vollgefressener Fettwanst«, knurrte Snuffy ärgerlich, stand auf und begann nun seinerseits mit tiefer Verbitterung im Herzen sein Frühstück zu bereiten.
»Dieses Sacramento ...« Ben räusperte sich nach einer Weile, während er seine fettigen Finger an einem Grasbüschel abwischte. »Warst du schon mal dort?«
»Wüsste nicht, was ich dort verloren hätte. Eine blödsinnige Idee vom Chef, uns ausgerechnet dorthin zu schicken. Was kann dabei schon herauskommen?«
»Wenn du dabei bist, sicherlich nicht viel.«
»Soll ich dir schnell mal eine langen, gratis und franko ... und mit viel Gewürz?« Snuffy reichte es jetzt.
Aber Ben lachte nur herausfordernd und konterte: »Was es umsonst gibt, taugt nichts.«
»Darfst auch einen Dollar für die Ohrfeige herausrücken«, erwiderte der Lange. »Ein Spottpreis bei diesen Zeiten ... das aber nur, weil du mein Freund bist, klar?«
»Großzügigkeit war schon immer deine hervorstechendste Eigenschaft. Aber wo wir nun schon von Großzügigkeit reden: Wie wär's mit einem kräftigen Schluck aus deiner geheimen Taschenflasche?« Ben hob eilig die Hand, um dem Langen das Wort abzuschneiden, bevor er überhaupt den Mund öffnen konnte. »Sag bloß nicht, du hättest keine bei dir. Ich weiß genau, wo sie steckt. Soll ich mal nachsehen?«
»Schnüffler!« Snuffy grollte. »Nicht mal mit seinem Tröpfchen Schnaps ist man allein, wenn du nur auf drei Meilen in der Nähe bist!«
»Ich rieche Brandy noch auf viel größere Entfernungen«, erwiderte Ben selbstgefällig. »Los, mach schon, heraus mit der Pulle! Und dann wollen wir weiter. Ich möchte gegen Mittag in Sacramento sein. Hab keine Lust, mir meinen Schädel von der Sonne ausdörren zu lassen. Es wird sicher ganz hübsch heiß heute.«
Snuffy drehte mit einem scharfen Ruck seinen Kopf zur Seite. Auch Ben vernahm das Geräusch. Erst war es nur ein fernes, schwaches Rollen, aber nun verstärkte es sich von Sekunde zu Sekunde, bis sie deutlich das Knarren und Holpern eines eilig dahinjagenden Wagens hörten.
Snuffy stand auf, umrundete die Baumgruppe und kletterte auf einen kantigen Felsblock. Von hier aus hatte er einen ausgezeichneten Blick auf die Ebene. Bis dorthin mochten es noch zwanzig Meter sein. Links konnte er den schmalen Pfad erkennen, den sie nehmen mussten. Manchmal verschwand er zwischen Felsklippen und steil aufragenden Granitsäulen, die die Abhänge belebten.
Tatsächlich, eine Kutsche!
Noch war sie gut eine halbe Meile entfernt. Eine pilzförmige Staubwolke zog hinter dem Fahrzeug her wie eine riesige Fahne.
Snuffy benötigte kein Fernglas, um weitere Einzelheiten ausmachen zu können. Das Gefährt hielt ziemlich genau auf sie zu. Unter sich in der Tiefe sah er in einer Entfernung von vielleicht hundert Metern die ausgefahrenen Spuren der Straße vorbeilaufen.
Haben ein gewaltiges Tempo auf dem Kasten, wunderte er sich, und dazu noch mit so einer altmodischen Karre. Ein einziges Loch im Boden, und die ganze Herrlichkeit bricht zusammen. Das Ding hält doch keinen kräftigen Stoß mehr aus.
»Junge, Junge«, rief ihm Ben Closter verwundert zu, als er sich nun ebenfalls durch das Gewirr der herumliegenden Steinbrocken schob. »Ein ,Expresspullmaneilfrachtwagen'! Der ist ja verrückt, so ein Tempo vorzulegen. Will sich wohl partout das Genick brechen!«
Nun konnten sie auch die beiden Kutscher auf dem Bock erkennen.
»Nach dieser Eile zu schließen, holen die wohl neue Mädchen für ihre Bars in Sacramento, was? Das wäre verständlich.« Ben lächelte vor sich hin, als er daran dachte, was ein Saloonboss in Sacramento wohl bieten konnte, um überhaupt ein paar Barmädchen in diese trostlose Gegend zu locken. Nicht mal begraben wollte er hier sein.
»Schon möglich, Dicker, aber mir scheint, daraus wird nichts. Sieh mal genauer hin!«
»Alle Wetter!«, entfuhr es Ben unwillkürlich. Automatisch griff er zum schweren Colt an der Hüfte, aber auf diese Entfernung war selbst mit einer Winchester kaum etwas auszurichten. Sie mussten abwarten.
Da brachen seitwärts aus dem Gehölz unvermittelt ein paar maskierte Reiter, die heftig mit ihren Waffen in die Luft ballerten und Anstalten machten, die Kutsche anzuhalten.
Ein Überfall!
»Mir scheint wirklich, dass Sacramento einen Sheriff braucht«, sagte nun Snuffy nicht weniger überrascht. »Hier scheint ein Paradies für Rustler und Buschklepper zu sein!«
»Mann, nichts wie hin«, rief Ben ungeduldig. »Los, vielleicht schaffen wir es noch.«
»Unsinn! Willst du vielleicht im Galopp den steilen Pfad hinunter, damit sich die Gäule die Fersen brechen? Nee, ich möchte gern noch die Höchstpension erreichen. Selbst wenn wir Flügel hätten, Ben, wir kämen zu spät. Ein sauber vorbereiteter Plan, alles, was recht ist. Da, sieh, nicht mal auf Gegenwehr stoßen die Kerle. Teufel, wo gibt's denn so was? Nicht einmal die Kutscher setzen sich zur Wehr! Wenn sie wenigstens ihr Tempo erhöht hätten ... aber einfach anzuhalten und die Flossen in den Himmel zu strecken? Na, das sind ja schöne Helden in Sacramento.«
Acht Reiter zählte Sergeant Closter. Sie nahmen das Fahrzeug in die Zange, das daraufhin sofort zu bremsen begann und wenig später anhielt. Die Männer auf dem Bock streckten die Arme in die Höhe.
Alles andere war ein Werk weniger Sekunden. Zwei Männer mit dunklen Gesichtstüchern vor Mund und Nase, die breiten Hüte tief in die Stirn gezogen, sprangen von ihren Pferden, stiegen über die hohen Wagenräder auf das Dach der Kutsche und schnitten die Schnüre durch, mit denen eine kleine, sehr stabil aussehende Kiste festgezurrt war. Krachend wurde sie auf den Boden geworfen.
Ein anderer gab den Männern auf dem Bock einen Wink. Sie nahmen die Hände herab, der Kutscher griff eilig nach den Zügeln und trieb die Gäule an.
Ratternd und schaukelnd entfernte sich das Gefährt. Im gestreckten Galopp verschwanden dann auch die Banditen zwischen den Büschen.
»Das war gekonnt«, rief Ben Closter nicht ohne Bewunderung. »Das sind keine Anfänger, Snuffy. Alles in allem nicht mehr als eine Minute, stimmt's?«
»Komm!« Sergeant Patterson machte plötzlich kehrt und begann, eilig über die Geröllbrocken zu klettern.
Kurz darauf saßen sie im Sattel, lenkten die Tiere den Weg zurück, den sie gekommen waren, bogen schließlich nach links ab und versuchten, in ziemlich hohem Tempo in die Ebene hinabzukommen. Wenn sie sich ranhielten, mussten sie dem Wagen den Weg abschneiden können.
Mehr rutschend und schliddernd glitten die Gäule über den Steilhang in die Tiefe. Kleine Steine rollten vor den Hufen her, Grasbüschel wurden aus dem Boden gerissen, doch sie schafften es.
»Um die Wegbiegung«, brüllte Snuffy. »Tempo, die Karre muss jeden Moment auftauchen!«
»Ja doch!«
Ben Closter half seinem Pferd, indem er leise mit der Zunge schnalzte und sich weit über den Pferdehals legte. Aber Patterson war seinem Gesichtsfeld bereits entschwunden. Nur das Klappern der Hufe verriet, dass er noch in der Nähe war.
»Halt!«, schrie Snuffy dem heranrollenden Fahrzeug entgegen. »Anhalten, Leute!« Wild schwang er die Arme durch die Luft.
»Pass auf, dass er dich nicht überrollt!«, warnte Ben unruhig, als er aufgeholt hatte. »Zur Seite, Langer!«
Quietschend legten sich die Bremsbacken auf die hohen Wagenräder. Der Mann mit den Zügeln stemmte seine Füße gegen den Rand des Bocks und zog die Leinen kräftig an. Schnaubend kamen die Gäule zum Stehen.
»Nun, was soll's?«, rief der Kutscher herab. »Schon wieder ein Hold-up, Freunde? Seid ja mächtig emsig heute bei der Arbeit!«
Ein bärtiger Reisender steckte seinen Kopf durch das geöffnete Fenster und starrte ihnen grimmig entgegen.
»Was soll's, Pat? Schon wieder welche?«
»Braucht euch wirklich keine Mühe mehr zu geben, Boys«, erklärte der Beifahrer. »Da waren eben welche schneller. Ihr kommt 'ne Kleinigkeit zu spät, Gents. Na, macht euch nichts draus, vielleicht ein andermal.«