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Ein Mann ist verschwunden. Und da die Familie dieses Ranchers großen Einfluss hat, werden Tom Prox und seine Sergeanten beauftragt, ihn zu finden. Die Suche führt die Ghosts ins südöstliche New Mexico, an den Rand der berüchtigten Staked Plains. Eine Region, die schon vielen Ortsfremden zum Verhängnis wurde. Denn in dieser Wüstenei drohen nicht nur unerträgliche Hitze, gewaltige Stürme und eklatanter Wassermangel, sondern auch noch größere Gefahren durch Menschenhand: Eine Verbrecherbande versetzt die bunten Pfähle, die der Orientierung dienen sollen, um Reisende und Touristen in die Irre zu führen und ihnen ihr Hab und Gut abnehmen zu können. Ihre hilflosen Opfer lassen die Gangster dann zum Sterben zurück. Ein furchtbares Schicksal, das bald schon auch dem Captain der Ghosts droht ...
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Seitenzahl: 92
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
WÜSTENGEIER AM WERK
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
WÜSTENGEIER AM WERK
Von Frederic Art
Ein Mann ist verschwunden. Und da die Familie dieses Ranchers großen Einfluss hat, werden Tom Prox und seine Sergeanten beauftragt, ihn zu finden. Die Suche führt die Ghosts ins südöstliche New Mexico, an den Rand der berüchtigten Staked Plains. Eine Region, die schon vielen Ortsfremden zum Verhängnis wurde. Denn in dieser Wüstenei drohen nicht nur unerträgliche Hitze, gewaltige Stürme und eklatanter Wassermangel, sondern auch noch größere Gefahren durch Menschenhand: Eine Verbrecherbande versetzt die bunten Pfähle, die der Orientierung dienen sollen, um Reisende und Touristen in die Irre zu führen und ihnen ihr Hab und Gut abnehmen zu können. Ihre hilflosen Opfer lassen die Gangster dann zum Sterben zurück. Ein furchtbares Schicksal, das schon bald auch dem Captain der Ghosts droht ...
»McGilles? Nie gehört diesen Namen, Stranger. Hier in Lorango ist er bestimmt nicht gewesen, das würde ich wissen. Seit vier Wochen war niemand mehr in der Stadt, der uns nicht bekannt gewesen wäre. Was ist mit dem Mann?«
Der rothaarige Keeper lehnte sich ein wenig über die Theke und schaute seinen Gast forschend an. Viel passierte in Lorango wirklich nicht, sodass man froh war für jede noch so geringe Abwechslung.
Ben Closter, Sergeant der Ghost Squad, klein, dick und mit der Frisur eines wohlgenährten Abtes, rieb sich die Nase und überlegte.
McGilles hätte aber doch längst eingetroffen sein müssen. Wo konnte er bloß stecken? Konnte er noch irgendwo in den Llanos Estacados sein, in dieser unheimlichen Wüstensteppe, durch die unsichtbare Pfade führten, die nur gelegentlich von bunten Pfählen markiert wurden, damit ein Reiter auch von Wasserstelle zu Wasserstelle fand?
»Seltsam«, knurrte Ben nach einer Weile unwirsch. »Schenk mal noch einen ein, gleich doppelt, wenn ich bitten darf. Ist ein ziemlich heißer Tag heute.«
»Hier ist ein Tag wie der andere. Aber geben Sie doch einen Schuss Soda ins Glas. Ist schon mancher schnell aus den Stiefeln gekippt, wenn er mehr als vier intus hatte. Die Sonne macht einen ganz einfach fertig.«
»Was Sie nicht sagen.«
»Wort darauf, Stranger! Bleiben Sie über Nacht?«
»Hm, mal sehen, kommt ganz darauf an. Warum?«
»Na, wegen des Zimmers. Ich muss das immer rechtzeitig wissen.«
»Soll das vielleicht heißen, dass Sie ausverkauft sind? Ausgerechnet hier? Dass ich nicht lache ...«
Der Keeper verzog das Gesicht und schnaubte dann entrüstet in ein mächtiges, knallrotes Taschentuch, dass es sich anhörte, als habe ein ausgewachsener Elefant Heuschnupfen.
Dieser Gast gefiel ihm nicht. Der war für seinen Geschmack zu neugierig und zu wichtigtuerisch.
»Wenn ich Ihnen sage, dass ich es wissen muss, dann muss ich es wissen«, brummte er unverständlich. »Und damit wir uns auch verstehen, Mann: Wir sind jeden Tag ausverkauft!«
»Wie viele Zimmer habt ihr denn hier im Saloon?«, staunte Ben.
»Eins ...«
»Noch einen darauf ...« Sergeant Closter schob das leere Glas über die Theke zurück und begann sich geschickt eine Zigarette aus Maisstrohpapier und Dunhill-Tabak zu kurbeln. Er konnte das, ohne hinzusehen.
Der Saloon war um die Mittagszeit fast leer. Drüben an der Wand schliefen ein paar Gäste mit aufgelegten Armen, den Kopf auf die Tischplatte gelegt.
Fliegen summten aufdringlich vor den Fensterscheiben. Durch die schmalen Türflügel, die brettartig in Brusthöhe angebracht waren, drang in dünnen Schwaden der pulverfeine Staub von der Straße in den Saloon herein. Die Spiegel hinter den Flaschenregalen waren blind und verschmiert. Der Lack blätterte von der Theke.
Vor einer Weile hatte Ben versucht, einen Nickel zur allgemeinen Erheiterung zu opfern, aber die Musiktruhe streikte. Wahrscheinlich war irgendein Trick dabei.
»Ein paar Eier könnten eigentlich nichts schaden«, meinte Ben schließlich, um die Unterhaltung in Fluss zu halten. »Mit Speck natürlich, gut durchwachsen und nicht zu hart gebraten. Kann man bei euch so was bekommen? Und einen Topf Kaffee kannst du auch aufsetzen. Geht in einem hin ...«
Der Rothaarige verschwand durch eine schmale Tür hinter der Theke. Ben hörte ihn im Nebenraum in mexikanischer Sprache mit einer Frau keifen.
Die Luft war heiß und trocken. Der Sergeant leckte sich die aufgeplatzten Lippen und versuchte zu schlucken. Dick lag ihm die Zunge am Gaumen. Er versuchte eine Weile über schwerwiegende Probleme nachzudenken. Dabei merkte er gar nicht, wie er vor der Theke im Sitzen sachte einzuschlafen begann.
Achtzehn Stunden war er in einem Stück durchgeritten – bis auf die zweistündige Mittagspause gestern. Und nun machte sich die Erschöpfung bemerkbar. Hitze und Durst, trockene Luft und der ewige Staub ... es war eine Qual gewesen.
Sein Kopf sank ihm auf die Brust. Er schloss die Augen und hörte das Summen der Insekten und das entfernte Klappern von Geschirr aus der Küche nicht mehr. Erst das quietschende Geräusch eines Barhockers neben ihm holte ihn zurück in die Realität.
»Hallo«, knurrte ein hagerer Mann neben der Registrierkasse und sah ihn an.
»Hallo ...«
»Sagen Sie mal, Sie machen wohl Urlaub bei uns?« Der Kerl begann zu feixen und bewegte dann wortlos die Lippen, dass der erloschene Zigarettenstummel zu schaukeln begann. »Ist auch die richtige Stunde für 'nen guten Witz, Mann.«
»Ich suche Gold«, erklärte Ben Closter trocken. »Zwei leere Säcke hab ich bei mir. Aber inzwischen konnte ich feststellen, dass in Lorango genug Säcke herumlaufen. Auf zwei Beinen, Sonny.«
Der Mann schluckte betroffen und zerrte an seinem offenen Hemd, als ginge ihm die Luft aus. Seine Lider schlossen sich ein wenig. Er schien zu überlegen, ob er sich aufregen und die Zähne zeigen sollte, um die Ehre der Stadt zu retten ...
»Meinen Sie damit vielleicht mich, Mann?«
»War bloß so ein Gedankenblitz von mir«, erwiderte Ben betont ruhig. »Hab niemanden dabei angesehen, klar?«
»Ihr Glück«, brummte der Gast, flegelte sich über die Theke und versuchte, nach der Brandy-Flasche zu greifen, die der Keeper stehen gelassen hatte. »Lorango ist ein mächtig feiner Ort, damit Sie im Bilde sind, Freund. Und ich bin verdammt empfindlich, wenn jemand an uns herumnörgelt. Sie hätten ja bleiben können, wo Sie waren.«
»Ja, hätte ich ... aber so was merkt man ja immer erst, wenn es zu spät ist.«
Der Hagere drehte sich zur Seite, blickte durch den Raum und schien keinen Wert mehr darauf zu legen, sich mit dem Dicken zu unterhalten. Alberner Flegel! Wenn es nicht so heiß wäre, würde ich ihm 'ne Lektion verpassen, dachte er bei sich. Was bildet der Kerl sich eigentlich ein?
Jetzt kam auch der Wirt wieder zum Vorschein, schob einen angeschlagenen Teller vor Ben hin und stellte eine Tasse daneben.
»He, Phil!«, grüßte der Wirt den Mann.
»Schieb mal die Flasche rüber«, antwortete der.
»Wusste gar nicht, dass du schon wieder im Ort bist«, sagte der Keeper in vertraulichem Ton. »Der erste Drink geht auf meine Rechnung.«
»Okay. Sehr anständig von dir. Trinkst du einen mit?«
Die beiden begannen sich über belanglose Dinge zu unterhalten. Ben verlor bald das Interesse am Mithören, machte sich über seine Eier her und trank vier Tassen heißen Kaffee dazu. Gegen Hitze war etwas Heißes das einzig Vernünftige – obgleich natürlich ein gut gekühltes Bier auch nicht zu verachten war. Bloß ging einem das dann oft schnell in die Knie.
Mal überlegen, was ich nun anstelle ... Lorango ist eine Pleite! Und wenn der Keeper nichts von einem McGilles weiß, dann möchte ich wissen, wer sonst, überlegte Ben. Ein Saloon ist für gewöhnlich doch die Zentrale für sämtliche Neuigkeiten im Umkreis von zwanzig Meilen.
Zehn Minuten später schob Ben Closter seinen Teller von sich und legte einen Dollar daneben.
»Habt ihr auch einen Stall für meinen Gaul?«
»Gleich hinter dem Haus. Sie bleiben also, was?«
Ben wiegte ungewiss das Haupt, sah den Keeper an und dann den hageren Gesellen.
»Lorango beginnt mir zu gefallen, werde mich hier ein wenig umsehen. Ich nehme ein Zimmer, aber das, was Ihr für den Präsidenten der Vereinigten Staaten reserviert habt, klar? Und mit Privatbad und Telefon ...«
Ben ging zum Ausgang, ohne sich weiter um die verdutzten Gesichter der beiden zu kümmern. Als er nochmals über seine Schulter zurück in den Saloon blickte, bemerkte er, wie sich der Keeper weit über den Tresen lehnte und dem Hageren etwas zuflüsterte.
Na, jetzt ziehen sie kräftig über mich her und zerbrechen sich die Köpfe, was ich ausgerechnet in Lorango zu suchen habe. Von mir aus ...
Die Straße führte in einem Halbbogen durch die Ortschaft. Die meisten Häuser waren einst weiß angestrichen gewesen. Aber in den vergangenen zehn Jahre hatte wohl keiner einen Dollar für Ölfarbe übrig gehabt. Vielleicht hatte man auch eingesehen, dass es ohnehin sinnlos war, gegen den ständigen, staubigen Wüstenwind anzugehen.
Auf beiden Seiten der Straße führte ein hölzerner Gehsteig dicht an den Gebäuden entlang, von einem flachen Dach vor der Sonnenglut geschützt. Die Geländer waren morsch und an einigen Stellen schon zusammengefallen.
Unentschlossen lehnte sich Ben gegen einen Dachpfosten und blinzelte die Straße hinab. Verlegen kratzte er sich am Kinn, merkte, dass es dringend nötig war, sich zu rasieren, und steuerte quer über die Straße auf die andere Seite zu, wo er einen Barbershop entdeckt hatte.
»Einmal das Kinn mähen, Alter, aber mit 'nem scharfen Messer. Mal was von einem McGilles gehört?«
Der Friseur mochte an die Siebzig sein. Schlohweißes Haar und ein scharfes, hageres Profil kennzeichneten ihn.
Wortlos drückte er den Kunden auf einen altertümlichen Sessel. Bevor der protestieren konnte, würgte er ihm ein Betttuch um den Hals, zog die Schnüre zu und schmierte ihm den Seifenschaum ins Gesicht.
»McGilles ... McGilles!? Warten Sie, da muss ich mal überlegen ...« Wie der Kopf eines hungrigen Geiers sah das Gesicht des Barbers auf Ben herab.
»Soll von Cristobal abgeritten sein«, ergänzte Ben, nachdem er wieder ein wenig Luft bekam.
»Was? Durch die Staked Plains? Hoffentlich nicht solo, Mann?«
»Weiß nicht.«
»Ist eine ganz verteufelte Sache, verlassen Sie sich darauf. Ich war vor Jahren mal in den Llanos, aber möchte es in drei Satans Namen vergessen ...«
»Herrje, lass bloß das Kinn dran, Alter!«, japste Ben auf.
Der Friseur setzte ab und betrachtete prüfend und mit großer Sachkenntnis sein Handwerkszeug.
»Nee, einen McGilles kenne ich wirklich nicht.«
»So vor zwei Wochen müsste er hier gewesen sein.«
»Dann sind Sie ja mächtig pünktlich, was?« Der Alte wetzte das Messer an einem Lederriemen, strich sich mit der Klinge über den gewölbten Handballen.
»McGilles wird vermisst.«
»Na so was ... Sie sind dann ja wohl sein Kindermädchen?«
»Genau das, Alter.«
»Und warum interessieren Sie sich für ihn?«
»Er ist mir noch was schuldig«, verriet Ben. »Zwanzig Dollar. Ich meine, man sollte seine Pokerschulden pünktlich bezahlen. Ist schließlich Ehrensache.«
Wieder kam ein Berg steifen Seifenschaumes, und Ben schloss die Augen. Wenn der Alte ihm schon den Hals absägte, war es wohl besser, nicht auch noch zusehen zu müssen. Und von McGilles wusste er ja nichts, der Schwätzer.
Sheriff Martin gehörte nicht zu jenen Männern, die sich leicht aus der Ruhe bringen ließen. Er wollte seine zweihundertdreißig Dollar verdienen, ohne sich anzustrengen, und bislang war ihm das auch geglückt.