Tom Prox 93 - Frederic Art - E-Book

Tom Prox 93 E-Book

Frederic Art

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Beschreibung

Dieser Auftrag wird Tom Prox und Snuffy Patterson an die Grenze ihrer Belastbarkeit und manchmal auch darüber hinaus bringen. Der Captain und sein Sergeant suchen einen Mann, von dem sie nicht einmal wissen, wie er aussieht. Dieser Unbekannte soll im amerikanisch-mexikanischen Grenzland zwei Morde begangen und die Opfer regelrecht hingerichtet haben. Seine Spur führt in Richtung Norden und wird die beiden Ghosts bis in die verschneiten, eisigen und unbarmherzigen Weiten Kanadas führen. Nur, um zu spät zu kommen, denn der Mörder hat erneut zugeschlagen!


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Seitenzahl: 161

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhalt

Cover

Der Rancher und die Totenvögel

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

Vorschau

Kleines Wildwest-Lexikon

Impressum

Der Rancher und die Totenvögel

Von Frederic Art

Dieser Auftrag bringt Tom Prox und Snuffy Pat‍terson an die Grenze ihrer Belastbarkeit. Der Captain und sein Sergeant müssen einen Mann suchen, von dem sie nicht einmal wissen, wie er aussieht. Dieser Unbekannte soll im amerikanisch-mexikanischen Grenzland zwei Morde begangen und die Opfer regelrecht hingerichtet ha‍ben. Seine Spur führt in Richtung Norden, hinein in die verschneiten, eisigen und unbarmherzigen Weiten Kanadas. Nur, um zu spät zu kommen, denn der Mörder hat erneut zugeschlagen!

1. Kapitel

Es waren Wölfe in der Nähe des Frazer Rivers. In den sternklaren Nächten hörte man sie heulen. Schaurig klangen die langgezogenen Laute über die Leere der schneebedeckten Landschaft. Gelegentlich konnte man auch in weiter Ferne die dunklen Gestalten der Tiere über die Ebene streichen sehen.

Die ersten Vorboten des einsetzenden Frühlings zeigten sich schon überall. Zwischen den Schneeinseln begannen Blumen zu blühen, die wie kleine bunte Tupfen in der Verlorenheit der weißen Landschaft standen. An den vereisten Flussläufen und Bächen riss tagsüber die Eisdecke auf, und die Schollen wurden von dem klaren, reißenden Wasser den Uferrand hinaufgeschoben. Hin und wieder verfingen sie sich auch an der nächsten Stromschnelle und bildeten riesige Hügel und bizarre Hindernisse, die das Vordringen in die fast unberührte Wildnis erschwerten.

Am Nachmittag des sechsten Tages ihrer Wanderung entdeckte Sergeant Patterson weit voraus ein einsames Blockhaus, das unter den überhängenden Ästen eines urwelthaften Baumriesens aus mächtigen Stämmen errichtet worden war. Rauch quoll aus dem primitiven Schornstein. Ein leerer Hundeschlitten stand vor der geschlossenen Haustür.

»By Jove, endlich mal 'ne menschliche Behausung, Tom. Bei uns in Arizona hocken sie zwar auch nicht aufeinander, aber ich kann mich nicht erinnern, mit zwölf struppigen Kötern und einem wackeligen Schlitten in der Gegend herumgerutscht zu sein.«

»Scheint ein Posten der King Mountains Police zu sein«, stellte Tom Prox fest, als er das Fernglas in die Tasche unter den dicken Bärenfellen zurückschob. »Vielleicht können wir dort 'ne Tasse heißen Tee bekommen.«

»Bäh, Tee!« Snuffy verzog abfällig das Gesicht. »Die Engländer mit ihrer Teesauferei. Ist wirklich 'ne Kulturschande, Tom, wo sie doch so einen anständigen Whisky brauen.«

Tom schnalzte mit der Zunge, und mit Gebell und hechelndem Atem setzten sich die Schlittenhunde wieder in Bewegung. Sie zogen den schweren, langgestreckten und vollbeladenen Schlitten in raschem Tempo über den verharschten Schnee.

Hinter dem Schlitten lief Tom Prox, der mit Holzgabeln dem Fahrzeug die Richtung gab oder mit aller Kraft und mit Hilfe der ziehenden Hunde die Kufen von den Grasnarben herunterschob, wenn sich der Schlitten wegen des täglich spärlicher werdenden Schnees festgefahren hatte. Kam eine größere Schneedecke, dann konnte Prox sich mit den Füßen auf die unteren Holme des Fahrzeugs stellen und sich ziehen lassen.

Sergeant Patterson hetzte brummend neben dem Schlitten her und wartete sehnsüchtig darauf, seinen Chef in der Lenkung des Fahrzeugs ablösen zu können. Dann würde er wenigstens ein paar Meilen ohne eigene Muskelkraft vorwärts kommen können.

Sie waren auf etwa hundert Schritte am Blockhaus heran, als ein mittelgroßer, schlanker Mann mit energischen Gesichtszügen heraustrat. Seine dunklen Augen blickten die beiden Fremden aufmerksam an.

»Holla«, rief Patterson. »Kann man hier vielleicht 'n Gläschen Schnaps bekommen?«

»Kommen Sie nur herein, Gentlemen!«

»Und die Hunde?«

»Ihr eigener Schlitten?«, fragte der Mann.

»Sicher. Das heißt, wir haben ihn uns in Springhouse geliehen. Mit dem Hundegespann.«

»Ein langer Weg«, kommentierte der Mann. »Sechs Tage bis hierher, was?«

»Genau«, versicherte Tom Prox.

»Ich nehme an, dass Sie so eine Art Kollegen von mir sind, Gentleman.« Der Mann lächelte. »Trotzdem hätte ich ganz gern Ihre Papiere gesehen. Mein Name ist Anthony Hines, Sergeant der King Mountain Police. Ich habe den Posten hier zu versehen.«

»Okay«, sagte der Ghostchef und zog sich die dicken Fellhandschuhe aus. Er suchte eine Weile in den Taschen, bis er dem Sergeanten die Ausweise überreichen konnte. Der Kanadier warf nur einen kurzen Blick auf die Papiere.

»Es ist das erste Mal, dass Amerikaner so weit nach Norden vordringen«, stellte der Kanadier erstaunt fest. »Wenigstens was die Polizei anbelangt.«

Er drückte die schwere Bohlentür auf und wies einladend ins Innere des Blockhauses. Tom überlegte einen Moment, ob er das Hundegespann abschirren und den Schlitten abladen sollte.

»Lassen Sie die Tiere ruhig im Schnee liegen«, schlug Hines vor. »Den Hunden schadet es nicht. ,Sonny' hält die Meute schon im Schach.«

»Was, Sie kennen den Leithund?«

»Kunststück, ich habe mich schon gewundert, dass Colonel Nelson Ihnen sein bestes Gespann gegeben hat. Nicht einmal seine eigenen Männer bekommen die Tiere ausgeliehen. ,Sonny' ist der beste Hundeschlittenführer, den es nördlich des Toba Rivers gibt. Aber wenn Sie auch von der berühmten Special Police sind ...«

»Na, mal halblang.« Patterson winkte loyal ab, schüttelte sich den Schnee aus der unförmigen Pelzkleidung und stampfte mit den Stiefeln den Boden.

»Ich dachte, wir könnten vielleicht die Nacht über bleiben«, schlug Tom Prox vor.

»Sicher, habe Platz genug. Man freut sich über jedes ehrliche Gesicht, das unvermutet hier in der Einsamkeit auftaucht. Haben Sie zufällig eine neue Zeitung bei sich?«

»Yeah, die Vancouver Times!« Tom zog zwei Packtaschen unter den Felldecken auf dem Schlitten hervor und folgte Sergeant Hines.

»Werde Washishlash sagen, dass er die Hunde abhalftert«, erklärte der, während er die Tür sorgsam schloss. »Trockenfleisch und Brot sind genügend vorhanden.«

Er ging zu einer Seitentür und rief einige Befehle. Kurz darauf erschien ein fellbekleideter Indianer, der auf die beiden Fremden einen uninteressierten Blick warf und dann hinaus zum Schlitten ging.

Knisternd platzten die mächtigen Holzscheite in der offenen Feuerstelle. Eine angenehme Wärme zog durch den niedrigen Raum. Vor dem Kamin standen mehrere breite Sessel, mit weichen Pelzen bedeckt, und auf dem massiven Tisch summte eine Acetylen-Lampe und verbreitete ein angenehmes Licht.

Langsam und schwerfällig schälten sie sich aus den Pelzkleidungen.

»Nehmen Sie Platz«, ermunterte Hines seine Besucher ein. »Da steht die Flasche. Greifen Sie zu! An Whisky herrscht kein Mangel. Und Zigaretten und Zigarren befinden sich unter dem kleinen Tisch dort.«

»So lässt sich's leben«, meinte Snuffy zufrieden, als er sich leise stöhnend in dem Liegesessel ausstreckte. Er schob die Füße weit gegen das flackernde Feuer vor, die Stiefel hatte er abgestreift. »Will nicht hoffen, dass Sie den ganzen Winter über in der Bude hausen müssen?«

»Natürlich, etwa acht Monate im Jahr. In vierzehn Tagen werde ich abgelöst.«

»Was? Acht Monate allein in dieser trostlosen Wildnis?«

»Nur Washishlash und ich. Vorräte werden in den wenigen Sommermonaten ausreichend hergebracht. Aber es lässt sich schon leben. Radioverbindung besteht auch, nur mit der Post und mit Zeitungen klappt es nicht so recht.«

»Mensch, warum wird denn dann die Station hier draußen unterhalten?«, wollte Patterson wissen.

»So eine Wildnis wird häufig allerlei Dunkelmännern zur letzten Zuflucht. Und dann sind die Fallensteller und Jäger da, die die kurzen Sommermonate zur Jagd ausnutzen. Auch Goldwäscher kommen, und bei den Indianern muss nach Ordnung gesehen werden. Kurzum, an Arbeit ist kein Mangel. Hin und wieder kommt es auch vor, dass wir uns morgens erst regelrecht ausgraben müssen. Oft fällt der Schnee über Nacht bis vier Meter hoch.«

»Nee, wirklich keine Gegend für mich«, meinte Snuffy schaudernd.

Das Knistern des Feuers verbreitete eine beruhigende und anheimelnde Atmosphäre. Müde saßen sie in den weichgepolsterten Sesseln und sahen in die Flammen. Sergeant Hines hantierte in einem Nebenraum mit Tellern und Tassen. Von draußen klang das Bellen der Hunde zu ihnen, die der Indianer nun ausspannte und in den Zwinger auf der Rückseite des Blockhauses brachte. In weiter Ferne heulte wehklagend ein hungriger Wolf.

Sergeant Hines kam mit dem Abendessen herein. Er stellte Teller und Bestecke auf dem niedrigen Tisch ab und zog sich einen Stuhl heran.

»Ich bin zwar nicht sehr neugierig, aber es würde mich mächtig interessieren, was Sie ausgerechnet in dieser verlassenen Gegend zu finden hoffen, Captain. Sie sehen nicht aus, als ab Sie zu Ihrem Vergnügen trappen wollen.«

»Mit Jagd hat es schon was zu tun, Sergeant«, bestätigte Tom Prox. »Aber keine Silberfüchse und Marder ...«

»Ein Mensch?«

»Ja, einen Mann, den niemand von uns vorher gesehen hat. Den niemand kennt, und von dem niemand weiß, wie er aussieht. Wir wissen nur seinen Namen, aber das will nicht heißen, dass der Name auch unbedingt stimmt, er kann angenommen worden sein.«

»Und ausgerechnet hier müssen Sie ihn suchen?«

»Unsere Nachforschungen haben ergeben, dass er sich in den unzugänglichen Gebieten der Coast Range aufhalten muss.«

Der Ghostchef lächelte, obgleich sein Optimismus seit Tagen bis auf den Nullpunkt herabgesunken war. Seit er die Gegend genauer kennengelernt hatte, schien es ihm völlig aussichtslos, den Mann hier zu finden.

»Wenn sich in meinem Gebiet ein Fremder herumtriebe, würde ich es wissen«, versicherte Hines. »Die paar Menschen, die sich hierher verirren oder die das Pech haben, hier leben zu müssen, kenne ich alle genau. Vielleicht kann ich Ihnen helfen, Captain.«

Tom betrachtete den gutgebauten Police-Man nachdenklich und mit einer Spur Hoffnung.

»Harry Spencer«, sagte er dann mit Betonung in der Stimme. »Schon mal davon gehört?«

»Was für einen Beruf?«

»Keine Ahnung! Ich weiß nur, dass ich ihn finden muss. Wie viele Weiße gibt es in Ihrem Gebiet?«

»Vielleicht zweihundert.«

»Verflucht wenig. So viel bekannt ist, muss Spencer ein Einzelgänger sein. Er soll sich seit zwei Jahren in Kanada aufhalten. Zuletzt hat man von ihm gehört, dass er über die Alaska-Hochstraße nach Westen ziehen wollte. Hat sich sogar in Williams Lake eine Jagdlizenz geholt. Ich habe ein Lichtbild von seinem ermordeten Bruder bei mir. Man sagt, dass Harry verblüffende Ähnlichkeit mit dem Toten haben soll. Wo hast du das Foto, Snuffy?«

Patterson fuhr in seinem Stuhl zusammen. Verwirrt blickte er sich um. Er war gerade eingenickt.

»Muss es irgendwo in 'ner Tasche haben. Warte mal. Hier, das ist es!«

Er reichte Tom ein kleines, auf Karton aufgezogenes Bild, wie es die Polizeifotografen bei Toten aufzunehmen pflegen. Der Tote lag mit starren, offenen Augen irgendwo auf einer Bank mit einem Gesicht, das einen Hang zur Brutalität zeigte. Mit breitem, kurzem Kinn, dichten Augenbrauen und einer deutlichen Narbe auf der linken Wange.

»Kennen Sie den vielleicht?«, wandte sich Tom an den Sergeanten und reichte ihm das Bild.

Hines warf einen nachdenklichen Blick darauf. Seine Augen zogen sich zusammen, als könne er auf diese Weise seine Sinne schärfen.

»Schlechte Aufnahme«, murmelte er.

»Gewiss, wie sie halt so gemacht werden«, entschuldigte sich der Ghostchef. »Spencer war tot, als das Foto von ihm aufgenommen wurde. War ermordet worden, unten an der mexikanischen Grenze, keine zwei Meilen von Sunnyside entfernt. Ist ein kleines Kaff im Süden Arizonas, Sergeant. Am gleichen Tag fanden sie in unmittelbarer Nähe des Toten einen weiteren Toten, ebenfalls ermordet. In beiden Fällen deuten die Umstände darauf hin, dass es sich um denselben Täter handeln muss.«

»Und nun suchen Sie seinen Bruder. Deswegen also die lange, beschwerliche Reise nach Kanada?«

»Ja. Es geht nicht nur um die beiden Ermordeten, Sergeant. Man hätte auf Raubmord tippen können. Die mexikanische Grenze ist eine wilde Gegend, aber Spencer wie der andere Tote waren noch im Besitz ihrer sämtlichen Habe. Nicht ein einziger Dollar fehlte. Und das Merkwürdige daran ist, dass sowohl Spencer, der jetzt tot ist, als auch Ted Moran, der andere Tote, gar nicht in der Gegend von Sunnyside ansässig waren. Sie waren erst am Vortag nach Sunnyside gekommen. Ich habe den Eindruck, als hätte sie jemand dorthin bestellt.«

»Mord auf Einladung, was?« Der Sergeant der Bergpolizei lächelte. »Ziemlich gewagte Theorie, Captain.«

»Gebe es zu, aber es spricht auch eine ganze Menge dafür. Die Nachforschungen haben ergeben, dass Ted Moran und Dick Spencer in Sunnyside nicht aufeinandergetroffen sein können. Keiner wusste von der Anwesenheit des anderen. Sie wurden nun aber am selben Tag auf die gleiche Weise umgebracht. Stranguliert, Sergeant. Sie wissen, was das heißt!«

»Verdammt«, fuhr Hines erschrocken auf.

»Wir haben alles getan, um Licht in die Sache zu bringen. Und dabei stieß ich auf eine merkwürdige Geschichte. Sunnyside hat seit mehreren Monaten eine ganze Reihe von Morden erlebt. Die Bevölkerung ist schon ganz nervös. Kein Mensch traut sich mehr bei Dunkelheit vor sein eigenes Haus. Aber niemals wurde auch nur einem einzigen Einwohner ein Haar gekrümmt. Jedes Mal waren es Fremde, die erst kurze Zeit im Ort weilten. Und nun kommt das Tollste: Alle Toten waren miteinander bekannt! Irgendwann in ihrem Leben haben sie schon miteinander zu tun gehabt. Manche Dinge waren vielleicht nicht ganz sauber, aber im Großen und Ganzen lässt sich sagen, dass die Toten keine besonders schweren Verbrecher waren. Sie hatten alle keinen Grund, plötzlich nach Sunnyside zu reisen, um sich dort umbringen zu lassen, es sei denn ...«

»... sie hätte jemand nach Sunnyside bestellt, nicht wahr?«, vollendete Hines den Satz.

Tom nickte. »Es muss in der Gegend dieser Stadt einen Mann, wahrscheinlich sogar eine ganze Gruppe geben, der das unsaubere Geschäft erledigt. Warum, das will ich eben herausbekommen. Die Toten hatten keine näheren Verwandten, die man hätte ausfragen können. Nichts, keine auch noch so kleine Spur, war zu finden. War einfach zum Wände rauflaufen, Sergeant.«

»Das Gefühl kenne ich, Captain«, versicherte Hines mitfühlend.

»Nun, und da stießen wir in letzter Sekunde auf diesen Harry Spencer, den Bruder des einen Ermordeten. Hier kann man vielleicht den Hebel ansetzen. Zwar sind noch einige kleinere Spuren da, hinter denen Leute von mir her sind. Mich interessiert im Augenblick aber nur dieser Harry Spencer, oder wie immer er sich jetzt nennen mag. Deshalb frage ich Sie, Sergeant, kennen Sie einen Mann in Ihrem Distrikt, der etwa so aussieht wie dieser Tote?«

»Joe Blaine«, erklärte Hines bestimmt. Er drehte das Foto nach verschiedenen Seiten, um den richtigen Blickwinkel herauszufinden, blickte wieder auf und sah seinen Gast sicher an. »Ja, das kann nur Joe Blaine sein. Vor einem Jahr kam er in die Gegend. Er hat am Taseko-See eine Jagdhütte. Ist auf Biber aus, soviel ich weiß. Ein schweigsamer, mürrischer Mensch. Er kommt zwei- bis dreimal im Jahr nach Dog Creek, um die Felle abzusetzen. Wenn einer wegen eines Verbrechens in die Wildnis geht, sucht er im Allgemeinen keine Siedlungen auf, zumal er genau weiß, dass in allen besiedelten Gegenden Polizeiposten stationiert sind.«

»Hallo, Snuffy«, rief Tom. »Aufgewacht! Wir haben ihn. Spencer sitzt hier in der Gegend und macht auf Biber Jagd. Wie hieß doch der See?«

»Taseko«, wiederholte Hines. Er goss die geleerten Schnapsgläser nach. Durch die knarrende Tür kam der Indianer herein und sprach einige Worte in seinem singenden Indianerdialekt. Hines senkte zustimmend den Kopf. Dann verschwand der Mann schlurfend in einem Nebenraum. Tom hörte ihn dort mit Töpfen und Geschirr hantieren.

»Dann nichts wie los!«, fuhr Snuffy hoch. »Ich kümmere mich um die Köter. Denke, dass wir die zwei, drei Stunden bis zur Nacht noch tüchtig ausnutzen können, was?«

Sergeant Hines winkte ab. »Hat keinen Zweck, Captain. Bleiben Sie ruhig die Nacht über hier. In einer halben Stunde ist die Sonne weg. Wenn Sie die Gegend nicht kennen, kommen Sie keine vier Meilen weit. In höchstens zwei Stunden sind die offenen Flüsse wieder zugefroren, und Sie finden die Furten nicht. Außerdem brauchen Sie bis zum Taseko-See wenigstens vier Tage.«

»Verflucht«, knurrte Snuffy missgelaunt. »Vier hin, vier zurück, dazu zwölf Tage Anmarsch und Abmarsch – das ist vielleicht 'ne Reise. Bei uns in Arizona ...«

»Schon gut.« Tom winkte ab. Wenn Snuffy Patterson erst einmal mit seinen Erinnerungen auspackte, pflegte er kein Ende zu finden.

»Sie können morgen einfach der Fährte des Mannes folgen, der bei Tagesanbruch zum Taseko-Lake aufgebrochen ist«, erklärte Hines. »Ich denke nicht, dass es schneien wird. Wenn Sie sich auf der Spur halten, kommen Sie todsicher zum See.«

»Einer von Ihren Leuten?« Tom hätte gern gewusst, mit wem er in dieser menschenverlassenen Gegend den gleichen Weg teilte.

»Nein, keiner von der Mountain Police, irgendein Fallensteller. Hat sich nach anständigen Biberrevieren erkundigt. Hab ihn zum Taseko geschickt. Wenn Spencer oder Blaine, wie er sich nennt, dort ausreichende Jagdgründe findet, wird es auch für zwei reichen.«

»Na gut«, entschied der Ghostchef, als er aufstand und seine steifen Glieder reckte. »Machen wir uns also zum Taseko-See auf. Will nur hoffen, dass Blaine wirklich Harry Spencer ist. Dann wären wir ein schönes Stück weiter. Da muss vor Jahren etwas gewesen sein, womit sämtliche Ermordeten von Sunnyside zu tun gehabt haben. Vielleicht liegt da die Lösung des Rätsels.«

»Vier Tage«, murrte Snuffy wenig begeistert. »Ich habe grundsätzlich was gegen Hunde, Chef, besonders wenn man die Köter als Pferdeersatz benutzen muss. Hätte nie geglaubt, dass ich mal so auf den Hund kommen würde.«

Hines grinste erheitert. »Ich könnte Ihnen einen Gaul leihen.«

»Mann, das wär 'ne Sache!«, strahlte Snuffy. »Her mit dem Klepper. Ich steig um, Tom. Wo ist der Gaul?«

»Hinten im Stall«, meinte Hines. Washishlash ...!«, rief er laut.

Der Indianer steckte forschend seinen scharfkantigen Kopf durch den Türspalt. Der Sergeant sprach einen Augenblick leise mit ihm, dann gab er Snuffy einen Wink. Mit beflügelten Schritten eilte Patterson durch den hinteren Ausgang des Blockhauses zu den Stallungen.

Tom starrte in die flackernden Flammen des offenen Feuers. Um das Haus heulte der Wind. Wenn man genau auf die Geräusche der beginnenden Nacht achtete, konnte man schon wieder das Jaulen der Wölfe vernehmen.

»Der Frühling kommt zu spät«, meinte Hines. »Die Tiere sind ausgehungert. Das Wild hat sich in die Berge verzogen oder weiter hinunter zum Nahatlatch River. Jetzt kommen die Wölfe schon bis ans Blockhaus heran. Erst vergangene Nacht habe ich einen abgeschossen. Sie sind auf die Hütte mit dem Pemikan aus. Aber ohne das Trockenfleisch gehen mir die Schlittenhunde ein. Vor drei Tagen hat Washishlash einen Braunbär am Fluss gesehen. Um ein Haar wäre er von dem Vieh angefallen worden.«

»Eine Gegend, die es in sich hat«, bestätigte Tom Prox.

»Eine Gegend für Männer, Captain. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich liebe dieses Land trotzdem. Manchmal bin ich so weit, dass mir alles bis zur Halskrause steht, wenn die Finger und die Füße erfroren sind, wenn man die Schnauze voll hat vom ewigen Konservenfressen, wenn die Augen schmerzen von der gleißenden Helle des ewigen Schnees. Aber dann kommt der Frühling. Die Eisdecke reißt auf, die ersten Narzissen brechen durch den Schnee, und die Landschaft ist voll vom Duft der frischen Erde und der Sonne. Ich weiß nicht, ob Sie so etwas kennen, aber es ist wie 'n warmes Bad nach langer, anstrengender Reise.«

»Jetzt werden Sie aber poetisch, Sergeant.« Der Ghost lächelte.

»Verdammt, ja, und ich schäme mich dessen nicht! Was glauben Sie, könnte mich sonst hier draußen halten? Monatelang keinen Menschen sehen, jeden Tag erneut den Kampf mit der Natur aufnehmen, mit Eis und Schnee, mit Sturm und Kälte. Aber der Teufel hol's, wenn ich mir was anderes wünschen würde.«

Einen Moment schwiegen sie. Dann vernahmen sie die Schritte der beiden Männer, die ins Haus kamen.

»Na, hat's geklappt?«

»Geklappt?«, fauchte Patterson aufgebracht. Er drehte seinen knallroten Kopf Hines zu und funkelte ihn an. »Ich habe so 'n Gefühl, als ob Sie noch nie in Ihrem vereisten Leben 'n richtigen Gaul zu Gesicht bekommen haben. Das ist ja 'n Pferdesäugling, Kollege, aber kein Gaul! Das ist 'ne Karikatur eines Pferdes. Mich trifft der Schlag, Tom. Bei uns in Arizona ...«

»Um Himmels willen, halt den Mund!«

»Hättest die Krücke sehen sollen! ›Pferd‹, sagt er dazu, dass ich nicht lache. Vier Fuß hoch, zottig wie 'n Eisbärfell und keinen Zentner schwer. Das Biest muss zu viel Regen abbekommen haben, Tom. Ist wohl nass geworden und zusammengeschrumpft wie 'ne alte Wollsocke? Nee, Mann, das ist 'n Riesenkaninchen, aber kein Gaul!«