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Dass einer, dem er einst gleich zweimal zu stählernen Armbändern und zu freier Kost und Logis auf Staatskosten verholfen hat, ihn einmal um Hilfe bitten würde, ist neu für Snuffy Patterson. Aber Gangster sind eben auch nur Menschen, und so macht sich der Sergeant, wenn auch etwas missmutig, auf den Weg nach Salino.
Wie dringend Joe Dixins Beistand gebraucht hätte, das begreift der Ghost allerdings erst, als er den ehemaligen Tunichtgut ermordet auffindet ...
Tom Prox und Ben Closter haben derweil andernorts eine seltsame Brandstiftung aufzuklären, der eine alte, ohnehin baufällige Kirche zum Opfer gefallen ist. Ein Routine-Job könnte man meinen. Dann aber stößt der Ghostchef auf eine Verschwörung, die den Staat Neu-Mexiko in eine Katastrophe zu treiben droht. Und plötzlich bekommt auch der Mord an Dixin eine ganz neue Bedeutung ...
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Seitenzahl: 102
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
Das Erbe des Hinkenden
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
Das Erbe des Hinkenden
Von Frederic Art
Dass einer, dem er einst gleich zweimal zu stählernen Armbändern und zu freier Kost und Logis auf Staatskosten verholfen hat, ihn einmal um Hilfe bitten würde, ist neu für Snuffy Patterson. Aber Gangster sind eben auch nur Menschen, und so macht sich der Sergeant, wenn auch etwas missmutig, auf den Weg nach Salino.
Wie dringend Joe Dixins Beistand gebraucht hätte, das begreift der Ghost allerdings erst, als er den ehemaligen Tunichtgut ermordet auffindet ...
Tom Prox und Ben Closter haben derweil andernorts eine seltsame Brandstiftung aufzuklären, der eine alte, ohnehin baufällige Kirche zum Opfer gefallen ist. Ein Routine-Job könnte man meinen. Dann aber stößt der Ghostchef auf eine Verschwörung, die den Staat Neu-Mexiko in eine Katastrophe zu treiben droht. Und plötzlich bekommt auch der Mord an Dixins eine ganz neue Bedeutung ...
Er hatte von Westen her die öde Grausteppe durchquert und sich dann mühsam über die steilen Hänge der Silver Moon Mountains quälen müssen. Die Wege dort waren schlecht gewesen, stellenweise hatten sie nicht einmal nach aufgegebenen Schleichpfaden ausgesehen, und Markierungen hatte er unterwegs nirgends feststellen können.
Hätte sich der Kerl nicht eine andere Stelle aussuchen können? Musste ja was Wichtiges sein, wenn er sich ausgerechnet an einem Ort wie diesem versteckte. War vielleicht jemand hinter ihm her? Ehemalige Kumpels, die sich wegen irgendetwas an ihm rächen wollten?
Snuffy Patterson, Sergeant der Ghost Squad, saß zusammengesunken auf seinem starken Braunen, den Kopf auf die Brust gesenkt, den Hut tief in die Stirn gezogen, und sann über das Ziel seines überstürzten Rittes nach Salino nach.
Nicht mehr und nicht weniger als ein Brief war es gewesen, auf billigem Papier mit ungelenken Schriftzügen geschrieben, denen man deutlich anmerkte, wie schwer dem Schreiber die wenigen Zeilen gefallen sein mussten.
Nun, Joe Dixins war wohl nie ein besonders helles Kirchenlicht gewesen, mit dem Geist stand es bei ihm nicht gerade zum Besten. Aber er war wachsam und immer auf Trab, wenn sich ihm irgendwo eine Chance bot, auf die Schnelle ein paar Dollars zu verdienen.
Zweimal schon hatte Sergeant Patterson ihm einen längeren, kostenlosen Aufenthalt in einer Staatspension vermittelt. Das war für Joe nichts Ungewöhnliches. Er nahm das hin wie einen kleinen Betriebsunfall, ein tragbares Risiko, das man einkalkulieren musste, wenn man nicht gerade auf den Pfaden der Tugend wandelte.
Patterson überdachte seine verschiedentlichen Zusammenkünfte mit diesem kleinen Gauner und wunderte sich, wie es dem Kerl überhaupt gelungen war, meist durch die Maschen des Gesetzes geschlüpft zu sein und ein einigermaßen auskömmliches Dasein gefunden zu haben. Bis auf diese beiden Male eben, wo der Sergeant ihn hatte hochgehen lassen und nach San Salvador geschafft hatte, damit sie ihm einige Monate aufbrummen konnten.
An der Tatsache, dass Dixins auf Snuffys Betreiben hin ins Gefängnis gemusst hatte, war nicht zu rütteln gewesen. Trotzdem hatte sich zwischen den beiden so etwas wie eine unausgesprochene Freundschaft entwickelt. Sie achteten einander, wussten aber, dass man die Menschen nicht ändern konnte und dass nun einmal jeder seine eigenen Sorgen mit sich herumschleppte, ohne dass er von der Gegenseite Hilfe erwarten durfte.
Dixins ging dem Sergeanten nach Möglichkeit aus dem Weg, und Patterson wiederum hatte während der vergangenen Monate keinen Grund gehabt, sich um Joes heimliche Geschäfte zu Gedanken zu machen.
Dass Dixins nun plötzlich einen Brief an ihn geschrieben hatte, das war mehr als auffällig und das erste Mal seit ihrem Aufeinandertreffen vor nun mehr als sechs Jahren.
Joe musste ziemlich in der Klemme sitzen. Snuffy hätte nicht gedacht, dass der Mann überhaupt schreiben konnte. Und es war nicht einmal einer jener Schmähbriefe, die Hüter des Gesetzes gelegentlich bekamen und in denen man ihnen Mord und Totschlag androhte für den Fall, sollte man sich intensiver mit dieser oder jener faulen Sache befassen.
Nun, wir werden ja sehen, dachte sich der Sergeant. Das dort ist das Nest, und ich sitze jetzt drei volle Tage im Sattel, nur um dem Mann zu beweisen, dass die Ghost Squad kein Haufen seelenloser Bürokraten ist, lediglich darauf aus, sämtliche Jails der Staaten mit Typen seiner Art zu füllen.
Wenn jemand unsere Hilfe braucht, dann erhält er sie auch, egal, ob es Mister Rockefeller mit seinen Millionen ist oder irgendein harmloser Hobo, den sie in einem dreckigen Kaff zu Unrecht an den Galgen bringen wollen.
Patterson schaute sich um.
Zur Rechten tauchten nun die ersten Korralgatter auf. Ein wenig Vieh stand auf den Weiden, schlecht genährt und mit einem bekümmerten Blick, als litten selbst die Rinder unter der trostlosen Landschaft hier.
Am Ortseingang traf er einen rothaarigen Bengel, der mit Hilfe eines schartigen Messers an einem Weidenstock herumschnitzte. Zu den Füßen des Jungen ruhte ein mottenzerfressener Köter unbestimmbarer Rasse.
»Ho, Boy! Gibt's auch ein Hotel bei euch?«
»Na sicher ... was glauben Sie denn, wo Sie sind?«, antwortete der Bengel beleidigt. »Haben die Auswahl zwischen dem ,Silver Inn' oder ,Onkel Martins Rasthaus'. Beides erstklassige Saftläden, Stranger ...«
Der Junge mochte zehn Jahre alt sein. Dafür war er nicht gerade aufs Maul gefallen. Sollte sich nur mal den Hals waschen, der Boy, und eine nähere Bekanntschaft mit der Friseurschere würde ihm wahrscheinlich auch nichts schaden.
Snuffy grinste erheitert vor sich hin.
»Wer ist der Sheriff bei euch?«
»Oho!« Der Bengel klappte das Messer ein und ließ es in der rechten Hosentasche verschwinden. Aber er hatte Pech, denn es fiel durch die Tasche hindurch in den Staub. »Carter ist hier Sheriff. Wenn Sie Dreck am Stecken haben, hauen Sie bloß mächtig schnell wieder ab, Fremder. Der ist scharf wie 'ne Rasierklinge auf solche Leute wie Sie, sag' ich Ihnen.«
»Das ist ja erfreulich.«
»Dachte, Sie wären nicht gut auf ihn zu sprechen«, bemerkte der Junge lahm. Er schob den Daumen über die Schulter und deutete unbestimmt irgendwo in die Siedlung hinein. »Die erste Straße links, gleich das dritte Haus. Können es nicht verfehlen. Gegenüber liegt auch ,Onkel Martins Rasthaus'. Sagen Sie aber Mister Martin gleich, ich hätt' Sie geschickt. Bob Blythe ist mein Name.« Der Bengel zog den Mund schief. »Ich bekomme nämlich 'nen halben Dollar dafür, wenn ich ihm einen Kunden schicke.«
»Okay, den hast du verdient.«
Snuffy Patterson nahm die Zügel auf und wollte seinen Weg fortsetzen. Da fiel ihm aber noch etwas ein. Er schnalzte leise mit der Zunge. Das Pferd spitzte die Ohren und stand.
»He, Moment noch, Bursche! Falls ich nun nicht zu ,Onkel Martins Rasthaus' gehe, was dann?«
»Dann bleibt bloß noch das ,Silver Inn', Mister«, griente der Rothaarige verschmitzt.
»Und?« Patterson, neugierig geworden, bohrte jetzt weiter. »Wenn ich im ,Silver Inn' Quartier nehme, was wird dann aus deinem halben Dollar?«
»Den bekomm' ich so oder so«, gestand der Boy. »Hab mit beiden Saloons 'ne Abmachung getroffen, und jeder glaubt, ich schicke bloß ihm die Gents. Feine Masche, was?«
»Du bist ein netter Gauner, mein Freund«, bemerkte Snuffy missbilligend. »Dir sollte man öfters den Hintern versohlen. Na, vielleicht holt der Sheriff es noch nach. Ich denke, ich werde ihm erzählen müssen, wie hier in seiner Weltstadt Gimpel gefangen werden. Kaum ist man in dem Kaff, sitzt man bereits dem erstbesten Ganoven auf. Bursche, mit dir wird's eines Tages noch ein übles Ende nehmen!«
Grimmig nickend setzte Patterson seinen Weg fort, innerlich amüsiert über die geschäftstüchtige Ader des Jungen. Der wird es bestimmt zu was bringen im Leben. Helle muss man sein, immer auf Draht, nur dann kommt man voran!
Die Sonne stand hoch am Himmel. Es war kurz nach Mittag. Wer es sich irgendwie leisten konnte, mied das grelle Tageslicht und lag im spärlichen Schatten der weißgekalkten Gebäude in den Hängematten.
Hier und da schritt mit lahmen Schritten ein Mensch die Häuserfront ab, um gleich darauf hinter einer Tür zu verschwinden.
Die hölzernen Fensterläden waren aufgestellt. Die Hitze knallte auf die Dächer der Gebäude, erhitzte den staubfeinen Straßensand so, dass selbst die zerrupften Hühner ihre Staubbäder unterbrachen und gackernd unter den vorspringenden Dächern der Remisen und Ställe ihre Zuflucht nahmen.
Zwei Gäule standen vor »Onkel Martins Rasthaus«, ein windschiefes Haus mit zwei Stockwerken. Der Lack war längst von der Außenfront abgeblättert. Selbst das Schild am Balkon in der ersten Etage wies nur noch Reste der schwarzen Schrift auf, ein paar Buchstabenfragmente, die man mit einiger Fantasie als chinesische Schriftzeichen deuten konnte.
Snuffy dachte darüber nach, ob er erst in den Saloon oder gleich zum Sheriff hinübergehen sollte. Nun, da er am Ziel war, brauchte er nichts mehr zu überstürzen. Er hatte Zeit, viel Zeit. Im Kommando lagen sowieso keine wichtigen Dinge vor, und somit bestand berechtigte Hoffnung, ein paar Tage eine ruhige Kugel schieben zu können.
Werde zunächst zu Carter pilgern. Nachher bekommt er noch gesteckt, dass einer von der Special in der Stadt weilt, und dann spielt er gleich den Beleidigten, weil er sich übergangen fühlt. Je kleiner die Nester, umso schlimmer die Sheriffs. Sie nehmen grundsätzlich alles übel. Man kann sie nicht mehr kränken, als wenn man versucht, sie bei amtlichen Handlungen zu übersehen. Da quellen sie gleich auf wie Hefeklöße.
Eine Minute blieb Snuffy vor dem Schwarzen Brett stehen und las die Anschläge. Es waren in der Hauptsache alte Steckbriefe mit Gesichtern gesuchter Verbrecher, denen ein Witzbold aus dem Ort martialische Schnauzbärte angemalt hatte. Die Visagen erinnerten Patterson an satte Seehunde, die melancholisch aus dem Meer schauten, weil sie immer darauf hofften, einer Seejungfrau zu begegnen, obwohl sie wussten, dass es keine mehr gab.
Er klopfte gegen die Türfüllung.
»Come in!«, brüllte eine wütende Stimme von innen.
»Mahlzeit! Hoffe, ich störe nicht?«
»Tür zu!«, schrie Blas Carter. »Der ganze Dreck kommt mir ja in die gute Stube, zum Sapperlot noch mal! Wer sind Sie eigentlich?«
»Keine Ahnung«, meinte Patterson freundlich, während er den Sheriff so einfältig ansah, als wüsste der bereits, wie er hieß.
»Soll das ein Witz sein, Mann?«, schnaubte Carter grimmig.
»Hab mit keinem Gedanken daran gedacht, Sheriff. Wie käme ich denn dazu? Wer bin ich schon, dass ich mir so was erlauben dürfte?«
Snuffy sah sich nach einer Sitzgelegenheit um. Aber außer einem hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch konnte er nichts entdecken.
Carters Büro war das Muster spartanischer Einfachheit. Ein Aktenregal, ein Schrank ohne Türen, ein Schreibtisch und zwei Stühle, das war alles ... bis auf das breite Sofa, auf dem der Sheriff augenblicklich zu ruhen beliebte, das Kinn zur Zimmerdecke gestreckt, die Arme unter dem Kopf verschränkt. Ein Bild wie Kaiser Nero nach einem lukullischen Mahl. Fehlten eigentlich nur noch die Flötenspielerinnen ...
Snuffy angelte mit dem Stiefel nach dem Stuhl, schwang ihn herum und ließ sich neben dem Sofa nieder. Carter war bestimmt ein Original. Er würde seine Freude an ihm haben, das stand schon jetzt fest.
»Was gibt's?«, grunzte der Sheriff, ohne die Augen aufzuschlagen. Patterson war einen Moment versucht, ihn an der Nase zu kitzeln.
»Nichts«, sagte Snuffy. »Wüsste jedenfalls nichts Welterschütterndes zu berichten.«
»Was suchen Sie dann hier? Scheren Sie sich raus, Mann. Hab keine Sprechstunde heute, verstanden? Kommen Sie übermorgen mal wieder vorbei. Hat mich verdammt gefreut, Stranger, aber trotzdem ... bei mir können Sie augenblicklich nicht landen. Nee, nee!«
»Anstrengender Dienst, wie?«, wollte Snuffy teilnehmend wissen.
»Und ob!«
»Viel Feind ... viel Ehr! Das ist ein sehr sinniges Sprichwort, Sheriff. Auf Sie scheint es zuzutreffen.«
»Haargenau«, stimmte Sheriff Carter zu, ohne sich zu bewegen. »Wie sehen Sie überhaupt aus, Fremder? Kenn' doch Ihre Stimme nicht.«
»Wie wär's, wenn Sie ausnahmsweise mal einen Blick riskieren würden?«
»Nichts zu machen, heute ist geschlossen. Übermorgen vielleicht ... ja, da würde es passen.«
»Was halten Sie von Joe Dixins, Sheriff?«, warf Snuffy unvermittelt ein.
Jetzt endlich kam Leben in den Fleischkloß auf dem Sofa. Zuerst schwang er schnaufend die kurzen Beine über die Sofakante, warf mit einem gewaltigen Ruck seinen Oberkörper hinterher, bis er aufrecht vor Snuffy Patterson saß. Erstaunt schaute er zu Snuffy empor. Wo war denn bei dem Kerl das Ende?
»Dixins ...? Wie kommen Sie auf diesen dreimal verfluchten Namen? Was, zum Donner, haben Sie mit dem zu schaffen? Ich will Ihnen mal was sagen, Mister ...«
Snuffy angelte nach der dünnen Kette und zog die Metallmarke hervor. Schaukelnd ließ er sie wie ein Uhrenperpendikel hin- und herschwingen.
Blas Carter pfiff erstaunt vor sich hin.
»Special ...?«