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Schon seit Stunden drücken sich ein paar zwielichtige Männer im Schatten des trostlosen Bahngebäudes von Pinta herum. Sie wirken scheinbar gelangweilt, doch tatsächlich sind alle Sinne gespannt. Da taucht eine kleine Rauchwolke am Horizont auf, der Mexiko-Express donnert heran und kommt quietschend zum Stehen. Nur eine einzige Wagentür öffnet sich - und ein seltsamer Fremder steigt aus. "Hallo ... ich bin der neue Sherriff von Pinta!", sagt er zu den herumlungernden Kerlen, die ein Gesicht machen, als sei ihnen der leibhaftige Teufel begegnet ...
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Seitenzahl: 105
Veröffentlichungsjahr: 2021
Cover
RAUBVÖGEL ÜBER PINTA
Vorschau
Kleines Wildwest-Lexikon
Aus dem Wilden Westen
Impressum
RAUBVÖGEL ÜBER PINTA
Von Frederic Art
Als der Mexiko-Express, der seit Jahren nur noch an Pinta vorbeirauscht, an diesem Tag hier hält, um eine komische Gestalt auszuspucken, da ist das für die Einwohner des kleinen Kaffs im Süden Arizonas bereits eine Sensation. Dass der Stadtfrack, der keine Waffe, aber einen Korb mit einem Äffchen mit sich trägt, zudem vorgibt, der neue Sheriff zu sein, schlägt dem Fass dann endgültig den Boden aus.
Wie sollten Pintas Bürger auch ahnen, dass es sich bei dem seltsamen Vogel um Sergeant Snuffy Patterson im Undercover-Einsatz handelt? Und natürlich sind Tom Prox, sein Chef, und Sergeant Ben Closter auch nicht weit ...
Henry Moore glaubte, nicht richtig zu hören, als er die Nachricht bekam, der Mexiko-Express würde in Pinta halten, um einen Fahrgast abzusetzen.
So etwas war seit Jahren nicht mehr vorgekommen. Stets war der silbern schimmernde Luxuszug in atemlosem Tempo über die zwei Weichen der kümmerlichen Bahnstation gerast. Ganz so, als wollte er dieses Nest im Süden Arizonas stets so schnell wie möglich hinter sich lassen. Und noch nie war ein Reisender hier ausgestiegen. Warum auch? Was konnte ein Mann schon in Pinta verloren haben?
So nahm der Bahnhofsvorstand und Fahrkartenverkäufer Moore seine Trillerpfeife aus der Schublade, warf noch schnell einen Blick auf den altertümlichen Fernsprechapparat an der Wand, als halte er die soeben vernommene Nachricht für einen Bluff, und verließ dann, leicht verstört wirkend, das Office.
Ein paar Einwohner von Pinta drückten sich im Schatten des Bahngebäudes herum, rauchten und unterhielten sich über allerlei nichtige Dinge. Sie waren nur zur Station gekommen, um den einmal wöchentlich vorbeirasenden Express zu bestaunen. Vielleicht hofften sie aber auch, eines Tages den Ort mit diesem Zug für immer verlassen zu können.
Natürlich war das nur eine Hoffnung. Die Menschen gaben sich diesem angenehmen Gedanken hin und spuckten zu Boden, wenn sie die schwere Lokomotive mit heulendem Pfeifen an sich vorbeisausen sahen. Andere Sensationen hatte Pinta schließlich nicht zu bieten.
»He, Moore ...! Der hat heute aber Verspätung!«, rief Dick Hardings, der Krämer, als der Stationsvorsteher auf den Bahnsteig trat. »Schon zehn nach elf.«
»Der Zug wird heute mal ausnahmsweise hier halten«, murmelte Henry Moore. »Es steigt sogar jemand aus!«
»Prachtvoller Witz, was, Boys?« Hardings sah sich um und grinste.
Die Männer nickten ungläubig, nahmen ihre Glimmstängel aus dem Mund und spuckten sehr nachdrücklich in die Gegend.
»Kein Witz, Leute, eben hat's Morristown gemeldet«, erwiderte Moore, aber die Mienen der Männer um ihn herum verrieten zu deutlich, was sie von seiner Behauptung hielten. Sie glaubten ihm nicht ein einziges Wort!
»Na, ihr werdet es ja gleich erleben ...«
Henry Moore sah nach links, wo der glitzernde Schienenstrang sich in weiter Ferne im Glanz der Steppensonne verlor. Noch war nichts vom Zug zu sehen.
Auf der anderen Seite des Stationsgebäudes stand ein baufälliger, langer Schuppen, daneben ein primitiver Kohlenbunker, wo die Lokomotive des Bummelzuges, der einmal am Tag nach Süden und nachts wieder zurück nach Phoenix fuhr, Kohle aufnahm. Ein Geier hockte auf dem angrenzenden Holzzaun und schlief.
Überhaupt machte die ganze Station einen verschlafenen Eindruck, ganz so, wie es der Bedeutung des Ortes entsprach.
Plötzlich horchten die Neugierigen im Schatten des Hauses auf und nahmen wieder die Zigaretten aus dem Mund. Gellend meldete sich der Express. Eine kleine Rauchwolke quoll am Horizont auf, wurde größer und größer, und dann erkannten sie tatsächlich den Mexiko-Express, der ratternd über die Geleise donnerte.
Klirrend legten sich die stählernen Bremsbacken gegen die mächtigen Räder, schliddernd glitt der Zug noch ein Stück über die Schienen, bis er zum Stehen kam. Hier und dort blickten ein paar Reisende neugierig aus den Abteilfenstern. Sie sahen die trostlose Station, die herumlungernden Männer, die verblüfft das Wunder anstarrten, und dachten sich, dass ein vernünftiger Mann in einem so dreckigen Nest unmöglich überhaupt atmen konnte.
Nur eine einzige Wagentür sprang auf. Mit einem ungeschickten Satz hüpfte ein dürrer, lang aufgeschossener Mann in den Sand. Ein paar Gepäckstücke flogen hinter ihm her, dann wurde die Tür von innen zugezogen.
Henry Moore stieß kräftig in seine Trillerpfeife, und schon zog die mächtige Maschine an. Keine Minute später war der Express bereits im Dunst der Tageshitze verschwunden.
Den Männern aus Pinta schien es, als hätten sie eine Fata Morgana gesehen. Sie waren sich nicht ganz sicher, ob der Express Wirklichkeit gewesen war und hier tatsächlich für einen Moment angehalten hatte.
Aber stand nicht der seltsame Fremde immer noch stumm und verwundert neben den Schienen?!
Liebe Güte, wie sah der bloß aus? Ein Stadtfrack, was?
Enge, röhrenförmige Hosen, ein schwarzer Rock, unter dem eine schreiend buntgemusterte Weste hervorlugte, über die sich die protzige, goldene Uhrkette spannte.
Und erst das Gesicht! Eingefallen, mit scharfen Backenknochen, einer mächtigen Adlernase und buschigen Brauen, unter denen merkwürdig helle Augen blitzten. Irgendwie schienen die nicht zu dem Mann zu passen. Aber niemand achte darauf.
»Hallo!«, rief der Hagere leutselig. »Das ist doch hoffentlich Pinta, was?«
Henry Moore ging zögernd auf den Reisenden zu.
»Sagen Sie, sind Sie sich auch ganz sicher, dass Sie ausgerechnet nach Pinta wollen, Mister?«
»Todsicher, mein Freund, sofern das überhaupt Pinta ist. Nicht mal ein Schild habt ihr am Haus! Merkwürdige Zustände ...«
»Sagen Sie nichts gegen den Ort«, knurrte Moore verärgert. »Wenn es Ihnen nicht gefällt, dann hätten Sie ja nicht zu kommen brauchen. Niemand hat Sie gerufen!«
»Wirklich, ausnehmend höfliche Leute seid ihr, wie ich sehe.« Der Fremde nickte anerkennend. »Mein Name ist Patterson. Gibt's so was wie einen Wagen, der mich ins Hotel bringen kann?«
Henry Moore klappte den Mund auf, klappte ihn wieder zu und hustete laut. Einen Augenblick schien er überrascht. Dann aber entschloss er sich doch, den Fremden nicht für voll zu nehmen.
»Na sicher ... alles können Sie hier haben, Mister.«
»Mein Gepäck muss aber auch mit.« Snuffy Patterson deutete auf den Stapel Koffer und Taschen.
Die Neugierigen schoben sich langsam näher, um ja kein Wort zu verpassen. Sie beobachteten den Fremden, stießen sich heimlich in die Seiten und feixten.
Was war denn das für ein merkwürdiger Korb, der gleich neben den Beinen des Reisenden stand? Aus Rohr geflochten, mit einer kleinen, vergitterten Tür und einem stabilen Vorhängeschloss ...?
»Wird das Beste sein, Sie tragen Ihren Krempel selbst«, meinte Moore, nicht ohne Schadenfreude. »In Pinta gibt's keine dienstbaren Geister, mein Herr. Pinta ist nicht New York.«
»Das verwundert mich eigentlich«, erwiderte Snuffy Patterson erstaunt. »Hab' wirklich nur Gutes über Pinta gehört. Na, denn eben nicht ...« Er bückte sich und nahm die verschiedenen Gepäckstücke auf, schwang sich die Koffer an einem zähen Lederriemen über die Schultern und griff nach dem Tragkorb.
»Was ist denn da drin?«, erkundigte sich Henry Moore neugierig.
»Da ...? Äh, nichts von Bedeutung, nur mein Talisman.«
»Talisman ...?«, murmelten die Männer von Pinta verwundert.
»Den nehme ich immer mit auf Reisen. Kann mich nicht von ihm trennen.« Patterson nickte ernst. »Das ist mein Freund ›Monko‹, kapiert? Ein süßer, kleiner Affe ...«
»Affe ...?«, brüllten die Männer wie aus einem Mund. »Sie haben 'nen richtigen Affen bei sich?«
Snuffy Patterson sah sich erstaunt im Kreis um.
»Warum nicht, Gents? Hat jemand was gegen Affen, eh ...?«
»Hören Sie, Mister, Sie sollten sich nicht über uns lustig machen, verdammt noch mal!«, rief Henry Moore wütend. »Wenn Sie auch 'n Stadtfrack sind, so haben Sie noch lange kein Recht, hier so 'ne Welle zu machen. Möchte wirklich wissen, was Sie in Pinta wollen!«
Snuffy Patterson packte den Affenkorb, sah nach, ob er auch kein Gepäckstück vergessen hatte, und als er bereits zwei Schritte gegangen war, neigte er seinen Kopf über die Schulter und meinte leichthin: »Sagen Sie's bloß nicht weiter, Freund: Bin nämlich der neue Sheriff von Pinta. Mahlzeit ...!«
Zurück in der glühenden Mittagssonne blieben die herumlungernden Männer mit einem Gesichtsausdruck, als seien sie eben dem leibhaftigen Teufel begegnet.
Hatten Sie richtig gehört? Was hatte der ulkige Mann gesagt? Der neue Sheriff von Pinta ...? Ja, zum Teufel, sie hatten doch einen Sheriff. Was brauchten sie einen zweiten? Und so, wie der Kerl aussah, konnte man unmöglich glauben, dass er jemals einen richtigen Colt in der Hand gehabt hatte. Schon der schwache Rückstoß musste die Bohnenstange doch glattweg aus den Stiefeln hauen.
»Donnerwetter ..., das ist 'n ganz verdammter Witzbold, Männer.« Henry Moore musste sich erst sammeln. »Schätze, dass er sich umsehen wird, wenn er erst mal im Ort hockt. Bei dem muss irgendwo 'ne Schraube locker sein. Hat man so was schon gehört? Das soll 'n Sheriff sein? Junge, Junge, Burton wird ihn in die Pfanne hauen, wenn er ihm mit so 'nem Schmus kommt. Nee, nur 'n Verrückter kann nach Pinta kommen. Und dann noch mit 'nem Affen im Koffer ...!«
Moore verschwand kopfschüttelnd im Stationsgebäude. Die Männer bildeten eine Gruppe und besprachen noch die aufregende Neuigkeit. Ohne Zweifel, diesmal hatte sich für sie der Weg von Pinta zur Bahnstation gelohnt! Selbstverständlich dachte aber keiner von ihnen auch nur im Traum daran, die Erklärung des komischen Kauzes für bare Münze zu nehmen.
Captain Tom Prox saß auf seinem schweißnassen Gaul und blickte über die Landschaft. Die Gebirgszüge der Pinta Mountains lagen nun hinter ihm. Der Pfad schlängelte sich in Serpentinen über die letzten Ausläufer der Berge ins Tal hinab. Die Abhänge waren mit Fichten und Laubbäumen bewachsen. Ein drückendes Schweigen lag über allem, die Sonne stand steil am Himmel, kein Wölkchen zeigte sich. Bald hatte er es geschafft. Sehr weit konnte es bis Pinta nicht mehr sein.
Irgendwo werde ich am Rand der Ortschaft untertauchen, vielleicht in einer alten Scheune oder in einem verlassenen Blockhaus, dachte er bei sich. Die Gegend sieht ganz günstig aus. Möchte nicht gleich in Pinta auffallen. Genügt, wenn Snuffy und Ben dort aufkreuzen. Wenn ich auch noch erscheine, könnte man Lunte riechen. Drei Fremde auf einmal hält Pinta nicht aus.
Eine Weile saß Prox nachdenklich auf dem Pferd, das nun den Kopf senkte und die wenigen Grashalme abknabberte, die zu seinen Hufen wuchsen. Eigentlich könnte ich 'ne Pause einlegen. Ein solider Kaffee würde nicht schaden, und das Pferd braucht auch dringend Wasser. Der Ritt über die Pinta Mountains war schließlich kein Kinderspiel.
Der Ghostchef saß ab und bereitete sich im Schatten einiger Buchen ein Lager. Wenig später summte das Wasser über dem Feuer aus trockenen Dornenzweigen, und bald zog ein betörender Kaffee-Duft durch das dichte, filzige Buschwerk. Der Gaul stand am Bach und döste. Im Gras rannten Ameisen und Käfer umher, und als Tom sich ausstreckte, die Arme unter dem Kopf verschränkte und in den Himmel blickte, konnte er hoch oben in den Lüften die Silhouette zweier kreisender Adler erkennen. Die ganze Gegend machte einen stillen, friedlichen Eindruck. Aber der Ghostchef wusste auch, dass hinter dieser Stille viele Gefahren lauerten.
Der ganze Plan kam ihm auf einmal doch recht abenteuerlich vor. Vielleicht war es ein Wagnis, auf das sich die Ghost Squad hier eingelassen hatte. Aber man konnte das nicht so ohne Weiteres sagen, bevor nicht die näheren Umstände geprüft worden waren. Möglich war alles. Und schließlich durfte man den Hilferuf von zwei der angesehensten Bürger von Pinta, die sich an den Gouverneur von Arizona gewandt hatten, nicht einfach beiseiteschieben.
Nun, wir werden sehen ... etwas steckt bestimmt dahinter. Dass ein Sheriff säuft, ist zwar nicht gerade eine Empfehlung für eine Stadt, aber auch noch kein Grund, Brandbriefe an die höchste Regierungsstelle zu schicken. Saufen tun schließlich auch andere Menschen, ohne deswegen gleich verdächtig zu erscheinen.
Tom Prox rauchte noch eine Zigarette und beschloss dann, seinen Ritt fortzusetzen. Zunächst nahm er aber seinen Wassersack und ging zum nahen Fluss hinunter. Es war mehr die schüchterne Andeutung eines Bächleins, das sich um die gelben Sandbänke schlängelte. Die langanhaltende Trockenheit musste das Flüsschen beinahe zum Versiegen gebracht haben.
Tom streifte ein Gestrüpp und pfiff leise durch die Zähne. Sieh mal einer an, ein richtiger Pfad. Zwar reichlich überwuchert, aber ohne Zweifel ein Pfad, den vor langer Zeit jemand durch das Unterholz gebahnt haben muss. Wo führt er hin ...?, fragte er sich.
Der Pfad kam vom Ufer her. Es sah so aus, als wäre jemand mit einem Kanu den kleinen Fluss heraufgekommen und hier an Land gegangen.