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Die Agentur für Arbeit. Ein Koloß, aber auch ein Moloch. Menschen, die von ihr abhängig sind, andere Leute, die für sie arbeiten. Aber es geht auch um andere Personen, mit ihren Verrücktheiten und Obsessionen. Zwei Frauen und ein Philosoph spielen ebenfalls mit und sorgen für Wirbel.
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Seitenzahl: 319
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Thomas Häring
Unwiederbringlich
Agenten, Legenden und Tragödien der Arbeit Teil 1
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Die Protagonisten
Die Enthüllung
Mal was Anderes
Der ganz Andere
Impressum neobooks
Nein, man sollte so etwas wie das hier nicht mit Worten beginnen. Gernot stand vor dem Spiegel seiner Seele und spürte, daß er wieder einmal das für sich empfand, das für ihn am vertrautesten war: Nämlich nichts. Reich ins Heim, so lautete seit jeher sein Lebensziel. Er fühlte sich wie ein schwarzfahrender Afrikaner in der Dunkelheit, aber ihm war auch klar, daß das Leben weitergehen mußte. Im alten Griechenland wären Leute wie er ganz normal und gesellschaftlich anerkannt gewesen, doch 2500 Jahre später sah es ganz anders aus. Als Kinderschänder wurden er und seinesgleichen gebrandmarkt, man schaute voller Verachtung, Abscheu und Ekel auf sie herab, ja, selbst in den Gefängnissen waren sie der Bodensatz in der Hierarchie. War das gerecht oder handelte es sich beim Kindesmißbrauch um das letzte Tabuthema einer Gesellschaft, die keine Regeln, Gesetze und Grenzen mehr kannte? Gernot arbeitete als Fallmanager in der Agentur für Arbeit und er liebte seinen Beruf. Womöglich beruhte das sogar auf Gegenseitigkeit; wenn man sich allerdings vor Augen führte, daß jemandem wie ihm das Schicksal vieler, überwiegend junger, Menschen anvertraut wurde, dann konnte man schon zweifeln, ob das alles so in Ordnung war. Aber wer verfolgte eigentlich nicht auch immer seine eigenen Interessen? Klar, Pädophilie war kein Kavaliersdelikt, dennoch blieb festzuhalten, daß Gernot bereits als Elfjähriger auf Kinder stand, es sich bei ihm also um ein Kind handelte, welches auf Kinder abfuhr. Problematisch an der ganzen Angelegenheit war halt nur, daß er immer älter wurde, die Objekte seiner Begierde jedoch minderjährig blieben und daraus ergaben sich mit der Zeit nicht unerhebliche Probleme. War in seiner Kindheit etwas schief gelaufen, das seine angeblich abnormale Neigung erklären konnte? Eher nicht und genau das machte einen wirklich stutzig, denn woher nahm man sich das Recht, über die Vorlieben von Leuten zu urteilen? Daß es im Kinderschutzbund vor Pädophilen nur so wimmelte, war ein offenes Geheimnis, mit dem sich nur die allerwenigsten Zeitgenossen intensiver auseinandersetzen wollten. „Kinder sind unsere Zukunft“, jenen Slogan nahm Gernot immer ganz persönlich und er fühlte sich durchaus des Öfteren diskriminiert, denn die Anderen durften rumvögeln, zur Domina gehen, Sado-Maso-Spiele durchführen oder auch Dinge, eventuell sogar Tiere ficken, das wurde alles irgendwie toleriert, er dagegen stand mit seiner Neigung am Pranger und seine Mitmenschen wandten sich angewidert von ihm ab. „Kinder statt Inder“, auch der Slogan fand seine vollste Zustimmung, obwohl er im Grunde auch gegen indische Kinder nichts einzuwenden hatte, da die Abwechslung natürlich erfreute. Er war ein guter Onkel und seine beiden Neffen sowie seine Nichte liebten ihn abgöttisch. Doch er achtete peinlich genau darauf, daß er mit ihnen nicht zu lange unbeobachtet alleine war, denn er kannte sich selbst gut genug um zu wissen, daß es dann gefährlich werden würde. Seine Vorgesetzten hielten große Stücke auf ihn, denn Gernot zählte zu den erfolgreichsten und kompetentesten Fallmanagern seiner Zunft. Daß er das Vertrauen seiner Klienten und seine Macht manchmal mißbrauchte, steht auf einem anderen Blatt, ganz fest versprochen. Er lebte in einer Stadt, in der er nicht weiter auffiel, da es dort vor Menschen nur so wimmelte und wenn er seinen Abendspaziergang machte, dann ging er oft an Turnhallen vorbei und beobachtete dort die Kinder beim Sport. Hin und wieder hatte er sogar eine Freundin oder einen Freund gehabt, aber sobald die über 18 waren, interessierten sie ihn nicht mehr und er trennte sich von ihnen. Der Reiz der Unschuld, das Reine reizte ihn und er versuchte, sich vorzustellen, wie es denn eigentlich wäre, in einer Gesellschaft zu leben, in der seine Lebensform akzeptiert wurde. Es war schließlich wirklich nicht so, daß er die Kinder zu etwas zwang, das die nicht wollten, im Gegenteil. Oft verführten sie ihn und das machte es ihm natürlich leichter, zumindest war das seine Sicht der Dinge.
Jessica war eine Frau, die wollte was sie wußte. Sie mochte es nicht, wenn man sie bei ihrer Tätigkeit beobachtete, denn sie arbeitete als selbständige Freiberuflerin. Was sie genau machte, das wußte sie oft selber nicht, jedenfalls hatte sie keinen Chef und konnte sich ihre Zeit frei einteilen, was sie auch voller Leidenschaft tat. Daß sie nicht gerade kompetent war, was die ganze finanzielle Seite der Selbständigkeit betraf, störte sie nicht weiter, denn sie hatte einen kleinen Plattenladen, in den sich hin und wieder sogar ein Kunde verirrte. Musik war schon immer ihr großes Hobby gewesen und da sie mit einem Mann verheiratet war, der gut verdiente, konnte sie ihrer Leidenschaft frönen, ohne sich Gedanken darüber machen zu müssen, wie sie über die Runden kam. Früher hatte ihr Vater ihr Leben finanziert, später dann Vater Staat, mittlerweile war es Vater Abraham, wie sie ihren Gatten manchmal scherzhaft nannte, da er 15 Jahre älter war als sie und irgendwann würde Gevatter Tod sie abholen. Sie war also gefangen in einer patriarchalischen Gesellschaft, doch das störte sie nicht weiter, denn auch wenn es sich bei ihr um einen hübschen Vogel in einem goldenen Käfig handelte, so war sie sich doch darüber im Klaren, daß sie es eigentlich ganz gut erwischt hatte. Aber hin und wieder war genug zu wenig und besser löste gut ab, weshalb sie sich alle paar Wochen einen jungen Kerl angelte, den sie meistens in ihrem Plattenladen aufgegabelt hatte. Wer die ganze Angelegenheit aus der Ferne betrachtete, konnte zu dem Schluß kommen, daß Jessica ihren Plattenladen nur betrieb, um an männliches Frischfleisch zu kommen, welches sie im Stile einer Gottesanbeterin nach dem Akt tötete und verspeiste. Das war natürlich nicht wörtlich zu verstehen, auch wenn die Musikliebhaberin ihre Bettgefährten und Gespielen hin und wieder biß und an deren Ohrläppchen knabberte. Aber sollte und konnte das ewig so weitergehen? Jessica hatte schon öfter versucht gehabt, mit ihrem Mann über ihre Sexsucht zu reden, doch dem war das alles egal gewesen und von ihren Abenteuern wollte er nichts hören, denn er war genug mit sich beschäftigt. Sie hatte den Zenit ihres Lebens bereits fast überschritten und wußte deshalb, daß sie etwas ändern mußte, um nicht zu stagnieren oder gar zu regredieren. Blöd an der Sache war halt nur, daß sie finanziell abhängig war und eigentlich auch nicht wußte, was sie im Leben erreichen wollte. So war es ohnehin meistens bei den Menschen: Ihnen war oft nur klar, daß es so wie bisher nicht weitergehen konnte, doch wenn man sie fragte, was sie denn für Ziele, Wünsche und Vorstellungen hatten, dann kam da nicht viel. Jessica hatte jedenfalls eine Entscheidung getroffen und versuchte nun, einen Geldgeber für ihr neues Leben zu finden. Ihr Vater winkte desinteressiert ab, er wollte seinen Lebensabend auf der Aida verbringen, dort stellte er es sich wesentlich schöner als in einem Altenheim vor und preislich war es auch nicht teurer. Ihr Mann erklärte kategorisch, daß sie von ihm nichts zu erwarten hätte, sobald sie sich von ihm trennte und so blieb im Dreieck der männlichen Versorger nur Vater Staat übrig, der zwar auch nicht sonderlich begeistert war, als Jessica bei ihm auftauchte und um Unterstützung bat, aber er war gesetzlich dazu verpflichtet, ihr zu helfen und so begann sie ein neues Leben in einer alten Stadt, in welcher sie aber wenigstens in der Neustadt wohnte. Lieber unsicheres Glück als sicheres Unglück, lautete ihr neues Lebensmotto, doch schon recht schnell sehnte sie sich in ihren goldenen Käfig zurück, wo sie sich keine Gedanken darüber machen mußte, wie sie ihren hohen Lebensstandard finanzieren konnte. Nichtsdestotrotz gab sie nicht auf und versuchte alles, um ihren alten Mustern zu entfliehen, doch das war gar nicht so leicht, weshalb sie sich an einen Psychologen wandte, der ihr dabei helfen sollte, Automatismen ihres Lebens aufzudecken und dagegen etwas zu unternehmen. Daß es sich dabei wieder um einen älteren Mann handelte und sie so vom Regen in die Traufe kam, war eine andere Geschichte, wenigstens versuchte sie, ihr Leben neu zu ordnen.
Die Sonne hatte mal wieder ihr Erscheinen angekündigt und der Wind erfreute die Passanten mit seiner Kraft, doch in der Vermeidung der Naturgewalten waren die Leute schon immer sehr gut gewesen. Riesige Regenschirme trugen sie über ihren Köpfen spazieren, sobald es zu tröpfeln begann und wenn sie eine Möglichkeit gesehen hätten, das Wetter zu beeinflussen oder gar abzuschaffen, dann hätten sie das sicherlich getan. „Nachhilfe für jedermann - günstig, gut und gelungen“, solche Sprüche konnte man in der Fußgängerzone lesen und wer sich davon angesprochen fühlte, kam mit Senta ins Gespräch, welche da mit einem fröhlichen Grinsen im Gesicht den Menschen entgegentrat, die sich für ihr Angebot in irgendeiner Art und Weise zu interessieren schienen. Sie selbst gehörte zu Weintolligy und da ihr Verein begriffen hatte, daß es die Kinder waren, um deren Gunst man sich am allermeisten bemühen mußte, um langfristig Erfolg zu haben, gab es solche Nachhilfeangebote im ganzen Land. Früher hatten die Sektenjünger versucht, die Erwachsenen von ihren obskuren Gedankengängen zu überzeugen, doch nachdem jenes Experiment mehr oder weniger grandios gescheitert war, hatte man die Strategie geändert und kümmerte sich seitdem verstärkt um den Nachwuchs der Ungläubigen. „Was wir machen, hat Hand und Fuß. Ihr Sohn wird nicht nur wesentlich bessere Schulnoten haben, sondern sich auch in seiner Persönlichkeit weiterentwickeln“, versprach Senta einem Mann, der an ihrem Stand Halt gemacht hatte, um sich über das Nachhilfeangebot zu informieren. „Das interessiert mich nicht. Der soll einfach nicht mehr durchfallen, sonst macht seine Mutter wieder Streß“, ließ er verlauten. „Das ist für uns überhaupt kein Problem, denn wir haben eine Methode entwickelt, mit deren Hilfe es gelingt, daß die Schüler den Lernstoff in ihrem Kopf behalten und jederzeit abrufen können.“ „Hören Sie mal, wenn Sie aus meinem Zappelphilipp einen Roboter oder Zombie machen wollen, dann finde ich das nicht so prickelnd.“ „Nein, das haben Sie ganz falsch verstanden, wir machen nur etwas gegen seinen Gehirndurchfall, damit er nicht mehr durchfällt.“ „Ach so, na gut, dann versuchen wir es halt mal. Einen Augenblick noch, was ist denn dieses andere Blatt hier, auf dem irgendetwas von Klirring und Gauditing steht? Also wenn Sie nicht deutsch reden können und wollen, dann lassen Sie es meinetwegen bleiben, aber belästigen Sie uns nicht mit Ihrer komischen Sprache! Der Starrazzia hat wirklich Recht, überall nur noch Ausländer!“ schimpfte der Mann und zog kopfschüttelnd von dannen. Senta schaute ihm überrascht nach und wurde gleich danach von einer älteren Frau angesprochen: „Also, ich war früher ja Lehrerin und die Kinder waren wirklich auch oft nicht die Hellsten und die Schnellsten, aber bei der Masse an Nachhilfeangeboten heutzutage hat man wirklich das Gefühl, wir hätten nur noch Vollidioten in unseren Schulen, sowohl vor als auch hinter dem Pult.“ Senta stutzte. Was wollte ihr die Frau damit sagen? War das eine Kritikerin, eine Sympathisantin oder einfach nur eine alte Schachtel, die Aufmerksamkeit wollte? Sollte sie mit der Frau ein Gespräch beginnen oder war das Energieverschwendung, da jene vielleicht eher eine Konkurrentin oder eine Gegnerin war? So viele Fragen, die Senta nicht beantworten konnte und die Verwirrung in ihren Gehirnwindungen nahm immer groteskere Formen an. Was würde Al Don Plappert dazu sagen? Manchmal hatte Senta das Gefühl, sie wäre in der Psychiatrie am besten aufgehoben, doch dann fiel ihr jedes Mal wieder ein, daß ihr großer Meister jene verabscheut hatte und abschaffen hatte wollen. Was für ein Dilemma! Sie war schon länger bei Weintolligy, aber mittlerweile glaubte sie nicht mehr alles, was man ihr dort erzählte. Klar, sie war noch lange nicht soweit, sich von der Glaubensgemeinschaft zu lösen, denn alle ihre sozialen Kontakte lebten dort, aber sie spürte, daß sie das, was sie suchte, nicht in der Weintolligy Church finden würde. Deshalb schloß sie ihre Augen, meditierte kurz und versuchte danach zu denken.
Der Philosoph hatte wieder einmal die ganze Nacht durchgedacht und war zu der für ihn Bahn brechenden Erkenntnis gelangt, daß die Erde keine Scheide war. Geistige Höhenflüge gehörten zu seinem täglichen Geschäft, er liebte nicht das Leben und er lebte auch nicht das Lieben, doch wenn es darum ging, den Gedanken der Weisheit auf die Schliche zu kommen, dann war er ein Meister darin, Unverständliches in Allgemeinplätzen derart geschickt zu verpacken, daß die, mit denen er kommunizierte, das Gefühl hatten, sie verstünden was er meinte, obwohl er selber meistens überhaupt nicht wußte, was er da eigentlich laberte. Seine Vergangenheit hatte keine Zukunft mehr, früher war er mal Werkzeugmacher gewesen, doch irgendwie hatte ihn jene Tätigkeit nicht ausgefüllt, so daß er an der unvermeidbaren Sinnleere der Arbeit beinahe zugrunde gegangen wäre. Die Welt meinte es nicht gut mit Menschen seines Schlages, denn sie stellte ihn tagtäglich vor neue Rätsel und wenn er sich wieder einmal in das Schneckenhaus seines Elfenbeinturms zurückgezogen hatte, dann verlor er jede Bindung an die Synchronizität der Ereignisse. Grundsätzlich war der Philosoph relativ menschenscheu, lediglich seine polnische Putzfrau traf ihn zweimal pro Woche in seiner Wohnung an und wenn sie wieder einmal laut darüber schimpfte, daß er ein Messi sei, dann fühlte er sich einerseits sehr geschmeichelt, mit dem argentinischen Fußballstar verglichen zu werden, doch da er andererseits wußte, daß er im Sport immer ein Versager gewesen war, war ihm zugleich klar, daß sie damit wohl etwas Anderes meinte. In seinen jungen Jahren hatte der Mann für einiges Aufsehen und mächtig Wirbel gesorgt, als er seinerzeit die These aufgestellt hatte, die Menschheit müsse, um sich weiterzuentwickeln und als Gesamtheit zu wachsen, die Spreu vom Weizen trennen und das Unkraut radikal entfernen, damit die Leistung in der Gruppe nicht länger durch das schwächste Mitglied nach unten gezogen werden konnte. Damals hatte es einen großen Aufschrei gegeben, er war über Nacht berühmt geworden, doch das war nicht unbedingt eine angenehme Erfahrung gewesen, denn man unterstellte ihm nationalsozialistisches Gedankengut und hielt ihn für einen Menschenfeind. Dabei hatte er nur das zum Ausdruck gebracht, was eigentlich viele Leute dachten, vielleicht war genau das der Grund dafür gewesen, warum die Empörung gar so extrem war. Klar, in Deutschland gab es noch einige Tabuthemen, über die man nicht reden durfte. Wer zum Beispiel den Holocaust leugnete oder die Euthanasie ins Gespräch brachte, wurde sofort in die Zange genommen, beschimpft und ausgegrenzt. Dabei ging es oft nicht nur um die Lust an der Provokation als solcher, sondern auch um eine paradoxe Intervention mit dem Ziel, die Menschen im Land einfach nur zum Nachdenken zu bringen. Schließlich war es zum Beispiel völlig unsinnig, 90jährige Sterbenskranke mit Maschinen noch wochenlang am Leben zu erhalten, einem Leben, das fast nur noch aus Schmerzen und Dahinvegetieren bestand. Es ging dabei nicht nur um die enormen Kosten der ganzen Geschichte, sondern auch um die Frage nach dem tatsächlichen Sinn einer solchen Maßnahme. Ein Gärtner schnitt seine Bäume und Rosensträuche ja auch, damit sie sich besser entwickeln konnten, die Menschen dagegen ließen jeglichen Wildwuchs zu und regten sich dann darüber auf, daß es in ihren Städten vor Proleten und vermeintlich Asozialen nur so wimmelte. Aber das war doch alles selbst verursacht und verschuldet, daran bestand überhaupt keinen Zweifel; wenn man diese Wahrheit und banale Erkenntnis jedoch ans Tageslicht brachte, dann wurde man als Misanthrop bezeichnet und auf das Heftigste beschimpft. Wohin sollte das noch führen, wenn alle halbwegs sinnvollen Gedanken im Keim erstickt und zensiert wurden, nur damit alle in der Konsenssoße weiter schwimmen konnten, ohne darüber nachzudenken, in welcher Brühe sie sich da bewegten? Der Tag hatte sich auf den Weg gemacht, aber der Philosoph war noch in seiner Gedankenwelt versunken.
„Würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze?“ „Kommt ganz darauf an, was Sie von mir wollen.“ „Ach, nur ein bißchen plaudern. Wie ich sehe, lesen Sie gerade ein Hochglanzmagazin. Interessieren Sie sich etwa für Prominente?“ „Oh ja und wie! Das Leben der Anderen finde ich ganz spannend. Wußten Sie zum Beispiel schon, daß die zu Guttenbergs ganz großartig sind und sich selber auch total toll finden?“ „Also damit hätte ich nun wirklich nicht gerechnet. Aber wenn es da drin steht, dann wird es schon stimmen.“ „Ganz bestimmt. Und die Frau von der Leine, die ist ja auch so ein Multitalent. Diese Adeligen sind wirklich große Klasse.“ „Wie schön! Dann freue ich mich ja schon darauf, bald wieder vom Adel regiert zu werden. Vielleicht wird dann ja wieder der Frondienst eingeführt und das ius primus noctis.“ „Reden Sie gefälligst Deutsch mit mir, wir sind doch hier nicht in Bayern! Ja und das Mädchen vom Maurice Mecker, das ist dem Vater ja wie aus dem Gesicht geschnitten.“ „In der Tat, das sehe ich genauso. Aber Schönheit liegt halt auch immer im Auge des Betrachters.“ „Die arme Marlene Kischer. Hoffentlich klappt das dann mit dem Kind beim nächsten Mal.“ „Entschuldigen Sie bitte, aber ich würde mich mit Ihnen gerne über wesentlich unwichtigere Dinge unterhalten.“ „Ach so. Schade. Worüber denn zum Beispiel?“ „Über den Sinn des Lebens.“ „Nein, mit mir nicht. Ich bin keine von diesen Tratschtanten, die immer nur über diesen Quatsch labern. Ich habe Nivea, äh, Niveau und ich lege Wert auf eine gepflegte Konversation, genauso wie meine adeligen Vorbilder.“ „Aber das ist doch alles nur oberflächliches Getue ohne Substanz und Inhalt.“ „Genau das, was wir heute brauchen. Die Zeit der ideologischen Grabenkämpfe ist vorbei. Heutzutage geht es um Lösungen und nicht um Weltanschauungen.“ „Das hat doch bestimmt auch Ihr Liebling Marek Neothor gesagt, oder etwa nicht?“ „Und wenn schon? Die Menschen brauchen Vorbilder, sonst geht das alles in die Binsen. Wir müssen uns an Leuten orientieren, die Anstand, Verstand und Wohlstand verkörpern.“ „Was für ein beeindruckender Dreiklang! Wissen Sie, ich finde es ja grundsätzlich lobenswert, daß Sie sich so für andere Personen interessieren und deshalb nicht ständig um sich selbst kreisen, aber ich werde das Gefühl nicht los, daß Sie sich nur ablenken und berieseln lassen, um sich nicht mit Ihrer eigenen Existenz auseinandersetzen zu müssen.“ „Das ist nicht wahr! Ich kann sehr gut mit mir alleine sein.“ „Aber darum geht es doch überhaupt nicht.“ „Doch! Das tut es sehr wohl! Sie wollen mich nur in die Enge treiben, mit Ihren an den Haaren herbeigezogenen Unterstellungen!“ „Nein, ich möchte doch nur ein vernünftiges Gespräch mit Ihnen führen.“ „Frechheit! Was erlauben Sie sich eigentlich, Sie Schnösel!“ „Also jetzt reicht es mir langsam. Wenn, dann ist Ihr Kutti ein Schnösel, aber doch nicht ich.“ „Natürlich! Sie hacken schließlich die ganze Zeit auf ihm, mir und meinen Interessen herum.“ „Das stimmt doch überhaupt nicht. Ich versuche lediglich, eine einigermaßen sinnvolle Konversation mit Ihnen auf die Beine zu stellen, Sie dagegen verstecken sich hinter irgendwelchen Prominenten, über die von den Medien nur Zerrbilder gezeichnet werden.“ „Na und? Die Wahrheit als solche gibt es nicht und Objektivität hatte in der Presse- und Medienlandschaft schon seit jeher einen schweren Stand.“ „Donnerwetter, das waren ja jetzt richtig kluge Sätze. Wo nehmen Sie die nur her?“ „Aus der Tunten natürlich. Wir leben halt mal im Zeitalter der Massenmedien, deshalb sollten wir uns nicht darüber beschweren, daß sich die Medien in allererster Linie darauf konzentrieren, die Massen zu unterhalten und wenn die Leute immer blöder werden, dann verflacht natürlich auch das Niveau der Printmedien. Schließlich müssen sich die an die Kunden anpassen und das schreiben, was jene lesen wollen, weil sie sonst ihren Laden dichtmachen können.“ „Sehr interessant. Wir leben also im Land der Dichtmacher und Querdenker.“ „Eben nicht. Aber wen interessiert das schon?“ „Wer weiß, vielleicht die/den Leser/in hier.“
Nur wer sich zeigt, wird auch wahrgenommen; ist das der Grund dafür, daß Exhibitionisten ihre Pracht zur Schau stellen? Wer weiß, es geht oft um Aufmerksamkeit, schließlich befriedigt das Gefühl, eine von 6,5 Milliarden Ameisen zu sein, die da auf dieser Erde ziel- und sinnlos vor sich her krabbelt, nicht unbedingt. Genauso wenig erfüllt es einen mit Stolz, einer von 6,5 Millionen Hartz IV-Empfängern zu sein, aber es hilft nichts, wenn Du die Kohle brauchst, um über die Runden zu kommen. Solche Probleme beschäftigten Gernot weniger, seine Klienten vielmehr schon, aber er war einer von den Fallmanagern, die nicht immer mit dem Sozialgesetzbuch in der Tasche herumliefen, sondern durchaus pragmatisch, offen und flexibel waren. Wieder einmal saß ein Drogenabhängiger vor ihm, welcher in der normalen Arbeitsvermittlung nicht geduldet wurde, weil die Leute dort nicht wußten, was sie mit dem Typen anfangen sollten. Gernot dagegen war der Mann für alle Fälle und so legte er sich wieder einmal voll ins Zeug. „Also, Daniel, ich bin sehr stolz auf Dich, daß Du seit zwei Wochen nicht mehr gekifft hast, aber das ist erst der Anfang. Um Dich wieder fit zu machen, brauchen wir noch mehr Anstrengungen von Deiner Seite, sonst ist unser gemeinsames Projekt zum Scheitern verurteilt. Wir würden Dich gerne mal zwei Wochen auf dem Bau arbeiten lassen, um herauszufinden, wie belastbar Du körperlich noch bist.“ Der Angesprochene zuckte merklich zusammen und hätte sich in dem Moment für sein Leben gern einen Joint rein gezogen, um erst mal runter zu kommen und die schreckliche Realität etwas bunter sehen zu können. So aber mußte er sich mit den Worten seines Fallmanagers auseinandersetzen, weshalb er jenen fragend anschaute und forschte: „Und was ist, wenn ich mich weigere?“ „Dann muß ich Dich leider sanktionieren und Dir Dein Hartz IV um 30 Prozent kürzen. Weißt Du, Daniel, es ist nicht so, daß ich das hier zum Spaß mache oder um Dich zu ärgern, aber wir können natürlich nicht dabei zuschauen, wie Du da vor Dich hinsiechst und die nächsten Jahrzehnte sowohl von Deinem Gras als auch von Deinem Staat abhängig bist. Das ist nun wahrlich nicht im Sinne des Erfinders, deshalb müssen wir gemeinsam versuchen, daß Du aus der Scheiße wieder raus kommst und Anschluß findest.“ Gernot schaute sich den jungen Mann etwas genauer an, doch der war ihm zu alt, weshalb er auf seiner professionellen Schiene blieb und jenem keine Avancen machte. Daniel dagegen fühlte sich sichtlich unwohl, denn bislang war es ihm immer gelungen, den Kopf aus der Schlinge zu ziehen und nicht wirklich mit Arbeit behelligt zu werden. Doch allem Anschein nach waren die chilligen Jahre vorbei und so versuchte er das, was er schon immer am besten gekonnt hatte: Er feilschte. „Sagen wir eine Woche, zwei Wochen sind mir viel zu kraß und außerdem reicht eine Woche völlig aus, um meine Leistungsfähigkeit zu beurteilen“, fand er. „Das sehe ich anders. Eine Woche lang könntest Du uns problemlos etwas vorspielen und eine große Show abziehen, erst nach zwei Wochen wissen wir wirklich, was Sache ist“, entgegnete Gernot. Niedergeschlagen blickte der Verlierer zu Boden, da er nun wußte, was die Stunde geschlagen hatte. Die Geduld seines Fallmanagers war offensichtlich aufgebraucht, man konnte ihn nicht länger hinhalten und beschwichtigen. Also fügte sich Daniel in das Unvermeidliche und warf zum Abschluß schnell noch eine letzte Nebelkerze: „Also gut, dann muß es wohl sein, aber wenn ich mich dort verletze und wochenlang krankgeschrieben werden muß, dann ist das Ihre Schuld.“ „Ach was, so ein bißchen körperliche Arbeit hat noch niemandem geschadet“, bemerkte der Fallmanager. Daniel schaute sich den selbstzufriedenen Kerl, der da seine Hände über das Bäuchlein geschlagen hatte, noch einmal genauer an und hätte am liebsten mit „Sie müssen das ja am besten wissen“ gekontert, aber er verkniff sich die spitze Bemerkung, da er wußte, daß Gernot am längeren Hebel saß und so begann für ihn der Eintritt in die Welt der Arbeit.
Jessica dagegen hatte sich in der Agentur so verhalten, wie man es von einer Bittstellerin, als die das Age-Personal die Kunden gerne ansah, erwartet hatte und so hatte sie eine Eingliederungsvereinbarung unterzeichnet, in der festgelegt worden war, daß sie zwei Bewerbungen pro Monat zu schreiben hatte. Das fiel ihr nicht weiter schwer, denn sie war nicht dumm, doch als sie dann bei ihrem ersten Vorstellungsgespräch saß, da fühlte sie sich schon ein wenig komisch, denn irgendwie hatte sie sich das alles etwas anders vorgestellt gehabt. „Schönen guten Tag, meine Damen und Herren und willkommen zu unserem Assessmentcenter! Sie werden sich jetzt sicherlich fragen, was das alles hier soll, aber keine Sorge, ich erkläre es Ihnen. Wir möchten mit Ihnen einige Tests durchführen, Sie also nicht nur näher kennen lernen, sondern auch herausfinden, wie Sie sich in Streßsituationen, Rollenspielen und anderen Situationen verhalten. Es geht uns darum zu erkennen, welche Fähigkeiten Sie im Umgang mit anderen Menschen besitzen, denn die soft skills sind von entscheidender Bedeutung und wir als Dienstleistungsanbieter sind darauf angewiesen, daß unsere Kunden mit unseren Mitarbeitern hochzufrieden sind, ansonsten gehen sie zur Konkurrenz und wir alle haben das Nachsehen. Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie alle über bemerkenswerte Fähigkeiten verfügen, aber leider haben wir nur drei Stellen zur Verfügung und da wir so viele aussagekräftige Bewerbungen erhalten haben, haben wir beschlossen, ein Assessmentcenter zu veranstalten, in dem wir Sie erleben, wie Sie tatsächlich sind. Also dann, lasset die Spiele beginnen!“ verkündete der Mann von der Firma und Jessica war gespannt darauf, was nun kommen würde. Fünf Stunden später saß sie völlig erledigt in einem Café in der Nähe und unterhielt sich mit einer Mitbewerberin über das eben Erlebte. „Also das war wirklich kraß! Was die alles von einem wissen wollten und das für so einen beschissenen Job, in dem nur ein Hungerlohn gezahlt wird!“ ärgerte sich die andere Frau. „Aber wirklich! Dieses Rollenspiel war ja noch relativ unterhaltsam, aber als sie mich dann zu dritt in die Mangel genommen haben, da habe ich mich schon gefragt, was ich hier eigentlich will und soll“, gestand Jessica. „Mir ging es da ganz genauso. Was bilden sich die eigentlich ein? Und dann immer dieses hochgestochene Geschwall mit den ganzen englischen Wörtern, einfach fürchterlich!“ „Absolut. Das war wahrlich eine Zumutung. Aber wenn wir nicht mitmachen, dann gibt es Streß mit dem Amt.“ „Eben. Aber es wird immer schlimmer. Heute habe ich in der Zeitung gelesen, daß sie in einer Stadt im Klinikum die regulären Pflegekräfte durch angelernte Arbeitslose ersetzen wollen.“ „Was! Das geht doch nicht, so etwas kann man doch nicht machen!“ „Oh doch! Man will tolle Spitzenärzte anlocken, die natürlich jede Menge Kohle verdienen und um die bezahlen zu können, wird an anderen Stellen eingespart.“ „Dann gute Nacht, Deutschland! Wenn das so weitergeht, dann kann man das Sozial- und Gesundheitssystem irgendwann ganz vergessen und darf nur noch hoffen, daß man nicht irgendwann krank wird.“ „Das kann ja Eiter werden. Meine Güte, wo soll das alles nur enden?“ „Wahrscheinlich im sozialverträglichen Frühableben. Aber haben Sie die Krawatte von dem Obermacker gesehen? Die war ja sowas von geschmacklos.“ „Allerdings! Und erst die Schuhe, eine optische Zumutung sondergleichen.“ „Von seiner feuchten Aussprache ganz zu schweigen. Hoffentlich nehmen die mich nicht, sonst bin ich echt geliefert.“ „Bei mir ist es dasselbe. Ich habe alles dafür getan, um ausgesiebt zu werden und wenn das nicht klappt, dann habe ich wirklich ein Problem.“ Sie plapperten noch eine Weile weiter und als die Bedienung die Rechnung brachte, überlegten sie kurz, ob sie ihren Kaffee nicht von der Agentur bezahlen lassen konnten. Dann entschieden sie sich doch dafür, den Betrag eigenhändig zu begleichen, denn sonst hätte man sie am Ende noch für Sozialschmarotzer gehalten. Es reichte so schon, man wurde genug genervt.
Der Philosoph hatte sich einmal mehr in seine Welt zurückgezogen, was so aussah, daß er mit einem Pornomagazin auf der Toilette saß und sich einen herunterholte. Das machte er immer wieder gerne, denn danach fühlte er sich einigermaßen befriedigt und mußte nicht den ganzen Tag an irgendwelche sexuellen Schweinereien denken, sondern konnte sich mit den wirklich wichtigen Fragen des Lebens beschäftigen, wie zum Beispiel: Wer bezahlt meine Miete? Warum kann sich meine Wäsche nicht selber waschen? Wo zum Teufel sind eigentlich meine Hängemattenhaken? Nicht immer fand er eine Antwort, doch in den meisten Fällen gelang es ihm, sich selbst wieder auf den Boden der Tatsachen zu bringen und im Rahmen des Erlaubten und Möglichen Lösungen zu kreieren. Als Philosoph hatte man es in Deutschland nicht unbedingt leicht, denn die Philosophie wurde als etwas Nutzloses, eine brotlose Kunst, angesehen, die materiell gesehen nichts einbrachte und deswegen für die meisten Zeitgenossen nicht interessant war. Er aber hatte sich ihr mit Leib und Seele verschrieben, seine Welt waren die Bücher, oft die von großen Philosophen der Antike, aber auch er selbst hatte Einiges auf dem Kasten, was man zum Beispiel erkannte, wenn man sich näher mit seinen Thesen und Theorien beschäftigte. So schrieb er zum Beispiel in einem seiner Werke: „Die Welt als solche ist viel mehr als die Summe aus der Physis und der Psyche, denn es gibt da ja auch noch die Energien, welche uns beeinflussen und oft dazu bringen, Dinge zu tun, die wir mit dem Verstand nicht erklären können. In der Notwendigkeit der Selbstbetrachtung inbegriffen, zeigt sich bei genauerer Betrachtung die Unumkehrbarkeit der Tatsache begründet, welche Handlungsstränge die vorgefaßten Meinungen übertünchen.“ Zugegeben, nicht immer leicht verständlich, das Ganze, aber der Philosoph lebte nun mal in seiner ganz eigenen Welt, aus der ihn nur hin und wieder die Putzfrau riß, indem sie irgendein Problem mit seinen aus ihrer Sicht merkwürdigen Angewohnheiten ansprach. „Guter Mann, ich wirklich putzen gerne hier, aber Bad geht nicht, das ist eine Katastrophe. Ich komme hinein, sehe den Dreck und schreie, denn ich bleibe mit Schuhen kleben am Boden. Wenn Sie schon machen müssen wixi wixi, dann bitte in Kloschüssel hinein und spülen runter. Bitte!“ „Liebe Frau Iskaluvsky, wie lange kennen wir uns jetzt schon?“ erkundigte sich der Philosoph leicht angepißt. „Weiß nicht genau. Zwei Jahre vielleicht.“ „Also gut, seit zwei Jahren putzen Sie hier und seit zwei Jahren regen Sie sich über meine Gewohnheiten im Bad auf und ich sage Ihnen jedes Mal, daß Sie halt erst wischen müssen und dann den Rest saubermachen können.“ „Aber ich hier die Putzfrau! Ich so arbeiten wie habe gelernt in Ausbildung. Sie müssen Rücksicht nehmen auf mich, sonst ich nicht länger kann putzen hier.“ Der Philosoph stutzte. War das hier etwa ein Zwergenaufstand? Klar, er beneidete seine Putzfrau wahrlich nicht darum, seinen Dreck wegzumachen, aber schließlich hatte sie sich, soweit er sich erinnerte, freiwillig dafür entschieden. „Ich bin nun mal wie ich bin. Seien Sie lieber froh darüber, daß hier nicht noch eine Frau wohnt, sonst gäbe es noch mehr zu putzen“, behauptete er. „Das ich nicht glaube. Frau sein sauber, machen keine Schweinerei“, erwiderte die Polin. „Also gut, dann werde ich mich in Zukunft beim Onanieren etwas am Riemen reißen.“ „Nein, das ist auch nicht gut. Dann Sie machen Sack kaputt.“ „Wissen Sie was, so kommen wir nicht weiter. Erzählen Sie mir deshalb lieber etwas über die Ausweglosigkeit des Seins.“ „Oh, Leben bedeutet Schmerz. Immer nur Sorgen, Leid und Probleme. Tod aber auch nicht gut, dann Sie kommen in die Hölle, wo alles Scheiße und Qual.“ Der Philosoph notierte eifrig mit und ermunterte seine Raumpflegerin dazu, weiterzureden. Hätten seine Kritiker gewußt, daß er viele seiner Thesen von seiner polnischen Putzfrau geklaut hatte, dann wären sie noch mehr über ihn hergefallen, als sie es ohnehin schon taten. Er aber fand es nicht schlimm.
Senta hatte sich aus der Hausaufgabenhilfe zurückgezogen und war ins Basislager der Weintolligen zurückgekehrt, wo man ihr erst mal ordentlich das Gehirn wusch, was sich so anhörte: „Sag mal, Du geisteskranke Spinnerin, geht es eigentlich noch? Sollen wir Dich mal in ein Marathon-Gauditing schicken, damit Du wieder merkst, was hier eigentlich abgeht? Du sollst Dich doch nicht mit älteren Frauen über den Sinn und Unsinn des G8 unterhalten, sondern leistungsschwache Schüler anwerben, denen wir dann Nachhilfe geben und bei denen wir ein wenig nachhelfen, damit sie begreifen, wie toll unsere Glaubensgemeinschaft ist“, stellte ihr Vorgesetzter, so ein Kooperierender Titan, klar. „Aber das ist doch strategisch unklug, wenn wir uns die Doofen raussuchen und die dann manipulieren. Die geistige Elite müßte doch eigentlich unser Ziel sein“, erwähnte Senta. „Wir müssen das nehmen was wir kriegen können, das Leben ist kein Wunschkonzert. Außerdem sind die geistig Zurückgebliebenen leichter zu überzeugen und zu beeindrucken. Wir brauchen schließlich eine Masse, die uns folgt und welche die Drecksarbeit erledigt. Elite, schön und gut, aber wenn wir nur aus elitären Schnöseln bestehen würden, dann könnten wir das Ganze schnell vergessen.“ „Ich weiß nicht, ob das der richtige Weg ist. Wenn man dieser Logik folgt, dann müßte sich Weintolligy konsequenterweise nicht nur um die dummen Schüler, sondern auch um die ganzen Arbeitslosen kümmern.“ Der Mann horchte auf. Hatte er das richtig verstanden oder war wieder einmal die Stimme in seinem Kopf aktiv gewesen, welche von ihm ständig verlangte, daß er alle umbringen sollte? Senta schaute ihn gespannt an, er verweilte noch kurz in seiner geistigen Leere, bevor er reagierte. „Das ist richtig! Was für eine grandiose Idee! Ich werde sie natürlich als meine eigene ausgeben, Dir würde man so einen klugen Gedanken ohnehin nicht zutrauen. Also dann, liebe Senta, mach Dich für Deine neue Aufgabe bereit! Du wirst von nun an mit einem Informationsstand vor der Agentur für Arbeit anwesend sein und dort so viele Arbeitslose wie möglich ansprechen und versuchen, jene mit in unser Boot zu bringen. Dabei wünsche ich Dir viel Glück und Erfolg“, machte der Macker deutlich und ließ Senta mit sich und ihrer neuen Aufgabe etwas ratlos zurück. „So eine Scheiße! Was habe ich mir da nur wieder eingebrockt? Vom Regen in die Traufe, so kann es doch einfach nicht weitergehen. Ich will doch nur meine Ruhe haben und in Frieden leben, aber dafür bin ich wohl in der falschen Organisation“, kam ihr in den Sinn und so zog sie sich in den Gauditingraum zurück, wo sie sich noch einmal alles durch den Kopf gehen ließ. Sie hätte so gerne Schluß gemacht mit ihrer Karriere bei Weintolligy, aber nun hatte man ihr wieder einen Auftrag gegeben und da sie eine ziemlich pflichtbewußte Frau war, dachte sie überhaupt nicht mehr daran, alles hinzuschmeißen, sondern versuchte stattdessen, sich mental auf ihre neue Mission einzustellen. Schüler konnte man irgendwie leichter überzeugen, andererseits gab es bei denen ja meistens Eltern, die ziemlich anstrengend sein konnten. Arbeitslose dagegen waren vielleicht nicht so leicht zu knacken, aber dafür ohne Erziehungsberechtigte, welche alles wieder rückgängig machen konnten. Senta versuchte, sich in einen arbeitslosen Menschen hineinzuversetzen, schließlich mußte man die Leute dort abholen, wo sie waren und konnte nicht davon ausgehen, daß es sich bei ihnen um intellektuelle Überflieger handelte. Ausnahmen bestätigten zweifellos die Regel, jedoch stellte sich die Frage, ob Arbeitslose wirklich das passende Zielobjekt für die Sekte waren, denn viel zu holen gab es bei denen meist nicht. Andererseits brauchte man eben auch fleißige Arbeitsbienen, welche die Arbeiten verrichteten, welche man den Kooperierenden Titanen und der ganzen restlichen Elite einfach nicht zumuten konnte. Es ging also wieder einmal darum, Menschen einzufangen und für die eigene Sache zu begeistern. Stellte sich nur die Frage, ob Senta selbst noch überzeugt davon war oder nicht.
„Du kannst mich ja mal zurückrufen.“ „Wieso sollte ich das tun? Ich kenne Sie doch überhaupt nicht.“ „Ach, Entschuldigung, da habe ich Sie wohl mit jemandem verwechselt.“ „Das glaube ich nicht. Sie haben mich absichtlich angesprochen, weil Sie mich verwirren wollen.“ „Nein, das ist nicht wahr! Ich habe tatsächlich geglaubt, ich würde Sie kennen. Wie dem auch sei, wenn wir jetzt schon mal miteinander ins Gespräch gekommen sind, dann möchte ich doch die Gelegenheit nutzen, um Sie zu fragen, was Sie von unserer Bundesregierung halten.“ „Sind Sie etwa von einem Meinungsforschungsinstitut?“ „Nicht wirklich, ich interessiere mich einfach nur dafür, was der einfache Mann auf der Straße so denkt.“ „Das ist doch wirklich unverschämt! Jetzt reicht es mir bald mit Ihnen! Was wollen Sie von mir?“ „Ich will wissen was Sie denken.“ „Und warum?“ „Weil es mich interessiert.“ „Das glauben Sie ja wohl selber nicht! Sie führen etwas ganz Bestimmtes im Schilde und wollen mir nur nicht sagen, worum es sich dabei handelt. Aber das ist Ihr Problem, denn so werden Sie mich nicht zum Reden bringen.“ „Also gut, ich gestehe alles. Wissen Sie, ich habe mir die Meinungsumfragen angeschaut und dabei festgestellt, daß in diesem Land irgendetwas nicht stimmen kann, denn die CDU liegt bei 30 Prozent, die SPD zwischen 23 und 28, die Grünen aber schon zwischen 19 und 24 Prozent. Das verstehe ich nicht, denn die Grünen haben in diesem Land eigentlich fast gar nichts mehr zu sagen.“ „Aber das ist ja genau der Grund für deren Umfragehoch. Die Leute sind mit der schwarz-gelben Bundesregierung unzufrieden und da die Grünen mit dem momentanen Murks eindeutig nichts zu tun haben, weil sie fast nirgends in der politischen Verantwortung stehen, schießen sie in den Umfragen in nie für möglich gehaltene Höhen. Aber keine Sorge: Sobald sie an der Regierung sind, ist es mit dem Spuk wieder vorbei, das hat man ja an der FDP sehr schön sehen können, die sich innerhalb eines Jahres gedrittelt hat.“ „Auch so ein Phänomen, das ich nicht begreifen kann. Erst himmelhoch jauchzend, dann zu Tode betrübt. Das ist alles nur schwer nachvollziehbar, denn die Leute hätten doch wissen können, wen sie da eigentlich wählen.“ „Würde man meinen, aber wie es aussieht, war dem nicht so. Richtig spannend wird es allerdings erst, wenn die Grünen die SPD bei irgendwelchen Wahlen überholen und sich dann die Frage stellt, wer zum Beispiel den Ministerpräsidenten nominieren darf. Dann wird es heikel.“ „Ach, das ist doch alles nur nie eintreffende Zukunftsmusik, letzten Endes bleibt ja doch immer alles beim Alten und es ändert sich nicht wirklich etwas.“ „Das finde ich nicht, denn wenn die Leute mehrheitlich die Linkspartei wählen würden, dann gäbe es in Deutschland ganz bestimmt einige Veränderungen.“ „Mag sein, doch dazu wird es niemals kommen. Veränderungen und Verbesserungen sind ja auch zwei Paar Schuhe, die nur in den seltensten Fällen zusammenpassen. Werfen Sie doch nur mal einen Blick auf die USA, dort hält man vom eigenen Präsidenten auch nicht mehr sonderlich viel.“ „Wie sich die Bilder überall gleichen. Vielleicht wäre es ja doch an der Zeit für ein anderes System.“ „Ich weiß nicht so recht. Zwar sitzen dann andere Nasen an der Macht, aber dem einfachen Volk wird es genauso schlecht gehen wie zuvor.“ „Gut möglich. Das ist ja das grundsätzliche Dilemma bei fast allen Regierungs- und Regimewechseln: Wirkliche Fortschritte gibt es nicht, denn letzten Endes geht es immer nur um Macht, Geld und Einfluß, vielleicht noch um Ruhm und Beliebtheit, aber in der letzten Konsequenz dreht sich die Menschheit seit Jahrtausenden um sich selbst und im Kreis.“ „Der Kreis ist heiß. Ach ja, Poli tickt nicht richtig, aber auch das ist keine wirklich neue Erkenntnis. Nur schade für die Piratenpartei, daß deren Höhenflug jetzt erst mal gestoppt wurde.“ „Kein Wunder, schließlich haben wir ja schon bald Vollbeschäftigung. Das wird auch dieser potentiellen Rechtspartei den braunen Wind aus den Segeln nehmen.“ „Abwarten und Bier trinken.“ „Gute Idee.“
