Wenn die Magnolien blühen - Patricia Matthews - E-Book

Wenn die Magnolien blühen E-Book

Patricia Matthews

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Beschreibung

Ein Herz voll Hoffnung und Freiheit: Der bewegende Südstaaten-Roman »Wenn die Magnolien blühen« von Patricia Matthews jetzt als eBook bei dotbooks. Mississippi in den 1870er Jahren: Sie scheint alles verloren zu haben – doch niemals ihren Mut … Mit Tränen in den Augen muss Melissa Huntoon Abschied nehmen von der Plantage ihrer Familie; das Erbe wird versteigert, um die Schulden ihres Vaters zu begleichen. Alles, was der jungen Frau bleibt, ist die »Natchez Belle«, ein altes Dampfboot, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Voller Tatendrang will Melissa aus ihm einen Vergnügungsdampfer machen – aber es gibt Männer, die ihr diesen Erfolg nicht gönnen: allen voran der Bankier Crouse, der sie schon einmal zur Ehe zwingen wollte. Wo immer er auftaucht, ist auch der geheimnisvolle Luke Devereaux nicht weit. Melissa weiß, dass sie sich von diesem attraktiven Schlitzohr fernhalten sollte – und kann doch nicht verhindern, dass sie sich von ihm angezogen fühlt … Jetzt als eBook kaufen und genießen: Der historische Liebesroman »Wenn die Magnolien blühen« von Patricia Matthews. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.

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Seitenzahl: 429

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Über dieses Buch:

Mississippi in den 1870er Jahren: Sie scheint alles verloren zu haben – doch niemals ihren Mut … Mit Tränen in den Augen muss Melissa Huntoon Abschied nehmen von der Plantage ihrer Familie; das Erbe wird versteigert, um die Schulden ihres Vaters zu begleichen. Alles, was der jungen Frau bleibt, ist die »Natchez Belle«, ein altes Dampfboot, das schon bessere Zeiten gesehen hat. Voller Tatendrang will Melissa aus ihm einen Vergnügungsdampfer machen – aber es gibt Männer, die ihr diesen Erfolg nicht gönnen: allen voran der Bankier Crouse, der sie schon einmal zur Ehe zwingen wollte. Wo immer er auftaucht, ist auch der geheimnisvolle Luke Devereaux nicht weit. Melissa weiß, dass sie sich von diesem attraktiven Schlitzohr fernhalten sollte – und kann doch nicht verhindern, dass sie sich von ihm angezogen fühlt …

Über die Autorin:

Patricia Matthews (1927–2006) wurde in San Francisco geboren, studierte in Los Angeles und lebte später viele Jahre in Prescott, Arizona. Nach dem Scheitern ihrer ersten Ehe begann sie, sich intensiv dem Schreiben zu widmen – so lernte sie nicht nur ihren zweiten Ehemann, den Schriftsteller Clayton Matthews kennen, sondern legte auch den Grundstein zu einer internationalen Karriere. Patricia Matthews, die unter zahlreichen Pseudonymen veröffentlichte, schrieb zwischen 1959 und 2004 über 50 Bücher, vom Liebesroman bis zum Krimi. Für ihr Werk wurde sie mit dem »Reviewers Choice Award« und dem »Affaire de Coeur Silver Pen Readers Award« ausgezeichnet.

Patricia Matthews veröffentlichte bei dotbooks bereits die Romane »Der Wind in den Zypressen«, »Der Traum des wilden, weiten Landes«, »Der Stern von Mexiko«, »Das Lied der Mandelblüten«, »Der Himmel über Alaska«, »Die Brandung von Cape Cod«, »Der Duft von Hibiskusblüten«, »Die Jasmininsel«, »Wo die Anemonen blühen« und die »Virginia Love«-Saga mit den Einzelbänden »Der Traum von Malvern Hall« und »Das Vermächtnis von Malvern Hall«.

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eBook-Neuausgabe Juni 2021

Die amerikanische Originalausgabe erschien erstmals 1980 unter dem Originaltitel »Love’s Raging Tide« bei Pyewacket Corporation, New York. Die deutsche Erstausgabe erschien 1982 unter dem Titel »Glücksritter der Liebe« bei Heyne.

Copyright © der amerikanischen Originalausgabe 1980 by Pyewacket Corporation, New York

Copyright © 2020 Robert Thixton

Copyright © der deutschen Erstausgabe 1982 Wilhelm Heyne Verlag, München

Copyright © der Neuausgabe 2021 dotbooks GmbH, München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Pinder Lane & Garon-Brooke Associates, Kontakt: [email protected]

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design unter Verwendung von shutterstock/slonme, Johannes Kornelius, Michael Rosskothen, John Brueske, arogant, Ecco

eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (CG)

ISBN 978-3-96655-606-4

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Patricia Matthews

Wenn die Magnolien blühen

Roman

Aus dem Amerikanischen von Hans-Erich Stroehmer

dotbooks.

Kapitel 1

Es war einer jener späten Frühlingstage, die es nur am Mississippi gibt. Wie Blumenblätter strich die weiche Luft sanft über die Haut. Alles schien dieser Tag zu versprechen, aber dennoch hätte Melissa Huntoon am liebsten geweint.

Sie stand auf der geräumigen Veranda des Hauses ihrer Vorfahren und blickte über die weiten Äcker. Seit zwei Generationen schon hatte das alles ihrer Familie gehört. Melissas Augen brannten vor ungeweinten Tränen, und sie umklammerte fest den Griff des rosafarbenen Sonnenschirms; ihr Großvater hatte ihn ihr ein Jahr vor seinem Tode aus Paris mitgebracht.

Der Tag heute müßte grau sein, überlegte Melissa, und die Wolken sollten ständig weinen. Heute kam nämlich ihr Vaterhaus unter den Hammer des Auktionators – zweitausend Acker des besten Baumwollandes im ganzen Süden hatte bereits die Bank übernommen. Und heute wurde die gesamte Einrichtung des Hauses versteigert.

Melissa glättete den weiten Rock ihres Kleides mit der Hand. Aus der Entfernung würde man sie für gutgekleidet halten, das wußte sie. Niemand konnte dann die Stopflöcher erkennen. Alles nur Flickwerk genau wie im Haus, dachte sie. Der Besitz war mit unendlichen hohen Schulden belastet, die vor und nach dem Tode ihres Vaters entstanden. Am Ende des Tages würde sie kaum mehr als ihr Kleid auf dem Leib und einige persönliche Schmucksachen besitzen. Und damit sollte eine Zwanzigjährige also ein neues Leben beginnen.

Verbittert beobachtete Melissa den endlosen Strom von Pferden und Kutschen auf der Einfahrt. Wie Raubtiere wirkten sie, die es nicht abwarten konnten, bis die Beute verschlungen war.

Melissa wußte recht genau, daß nicht alle kamen, um etwas zu ersteigern. Viele erschienen nur, um sich am Anblick des Endes der mächtigen Huntoons zu weiden. Ihr Vater Jean-Paul hätte diese Leute mit Schrotschüssen empfangen, und Melissa wünschte nur, sie könnte das auch.

Aber sie konnte ja nichts unternehmen. Ihre persönliche Zofe Amalie und letzte Dienerin auf der Plantage hatte ihr geraten, erst wieder zu erscheinen, wenn alles vorüber war. Aber Melissa konnte das nicht ertragen. Schließlich war sie doch die Herrin der Eichenplantage – wenigstens bis zum Ende des Tages. Mit stolz erhobenem Haupt wollte sie bei der Auktion erscheinen. Sollten diese Neureichen doch ruhig verblüfft glotzen. Sie war eine Huntoon, und man sollte sie sehen!

Melissa hörte leise Schritte hinter sich und wußte sofort, daß es sich nur um Amalie handeln konnte. Ihre traurige Stimme legte sich etwas. Solange sie zurückdenken konnte, war Amalie stets bei ihr gewesen. Diese ältere Frau war ihre Kinderpflegerin, ihre Mutter, ihre Freundin und ihre Vertraute gewesen. Und wenn sie die Plantage verließ, wollte sie Amalie auch mitnehmen.

Eine schäbige Kutsche fuhr jetzt an der Veranda vorbei, und eine dürre Frau mit verkniffenem Mund starrte sie an. Die Kutsche fuhr bis zu den Stallungen, wo die Pferde zur Versteigerung standen.

Immer mehr Menschen kamen. Offenbar wollte sich niemand dieses Schauspiel entgehen lassen. Nun trat Amalie neben sie. »Alles in Ordnung, Kleine?«

Melissa nickte und griff nach der Hand der älteren Frau. Zu sprechen wagte sie nicht, aber sie umklammerte Amalies Hand.

Vor einigen Jahren war Melissas Mutter am Sumpffieber gestorben, und ihr verwundeter Vater kehrte aus dem Bürgerkrieg zurück. Die Kriegsjahre waren für Melissa schwierig gewesen. Aber als noch schwerer erwies es sich, mit ansehen zu müssen, wie ihr geliebter Vater dahinsiechte und jeden Tag schwächer wurde.

Melissa hatte mit Amalies Hilfe versucht, die Plantage selbst zu verwalten. Aber es wurde kein Erfolg. Die Sklaven waren jetzt frei, alles Geld der Familie hatten die Konföderierten bekommen. Nach Kriegsende verblieb den Huntoons nur das Haus und der Landbesitz. So bestand nur noch die Möglichkeit, den Besitz der Bank zu übereignen.

Wäre die Bank in den Händen eines Südstaatlers geblieben, hätte sich vermutlich manches anders entwickelt. Aber die Bank konnte sich nicht halten und wurde von einem gewissen Simon Crouse übernommen. Die Bevölkerung hier nannte ihn insgeheim einen Abenteurer und Schwindler. Dieser Abenteurer war ein schlanker Mann, der auf Frauen großen Eindruck machte. Er hatte schmale, wohlgeformte Hände und Füße. Sein großer Kopf mit der Fülle braunen Haares gab ihm, wenn man nicht genauer hinsah, sogar ein nobles Aussehen.

Melissa jedoch gehörte zu den Menschen, die die Leute ihrer Umgebung genauer betrachteten. Die Kriegsjahre hatten sie in der Beurteilung von Menschen mißtrauisch gemacht. Trotz Simon Crouses guter Manieren und äußerlicher Eleganz fiel ihr sofort der gierige Ausdruck seiner Augen auf und auch der sinnliche Mund.

Schon bei der ersten Begegnung fühlte sich Melissa in der Gesellschaft von Simon Crouse unbehaglich. In Worten konnte sie es nicht erklären, aber auf sie machte dieser Mann einen bedrohlichen Eindruck. Mochten andere Frauen ihn auch attraktiv finden, für sie blieb er ein Gauner übelster Sorte!

Aber wenn man an den Teufel denkt, dann erscheint er auch, wie ein altes Sprichwort sagt. Eine vornehme Kutsche kam auf sie zu, die von zwei zierlichen Pferden gezogen wurde. Trotz des aufwallenden Staubes erkannte Melissa, daß es Simon Crouse war.

Mehr Aufmerksamkeit erregte allerdings bei Melissa der Mann, der neben der Kutsche auf einem großen schwarzen Pferd ritt. Es war schon eine beeindruckende Erscheinung – jung, gutaussehend und in bester Kleidung. Offensichtlich begleitete er die Kutsche. Bestand irgendeine Verbindung zwischen ihm und diesem Simon Crouse?

Die Kutsche kam jetzt durch die Kurve der Auffahrt. Dann hielt sie vor den Stufen der Veranda an.

Melissas Herz begann heftig zu schlagen, und sie ermahnte sich selbst zur Ruhe. Es galt jetzt, sich würdig zu verhalten. Das wenigstens mußte sie an diesem schrecklichen Tag äußerlich zeigen.

»Miß Huntoon!« Simon Crouse war aus der Kutsche gestiegen und stand abwartend am Fuß der Treppe. Er zog seinen hohen Hut und verbeugte sich.

Wie ein Schauspieler benimmt sich der Kerl, dachte Melissa sofort bei seinem Verhalten.

Jetzt wandte sich Crouse zu dem Mann auf dem schwarzen Pferd. »Ich möchte Ihnen gerne meinen lieben Freund Mr. Luke Devereaux vorstellen.« Er machte eine Handbewegung. »Mr. Devereaux – Miß Melissa Huntoon.«

Sofort zog Luke Devereaux einen breitkrempigen Hut. »Es ist mir ein Vergnügen, Miß«, erklärte er mit sonorer Stimme. Sein Haar war hellbraun, und seine braunen Augen zeigten einen goldenen Schimmer. Er lächelte verbindlich.

Melissa entgegnete kalt: »Tut mir leid, aber ich kann das nicht behaupten. Bei den heutigen Umständen ...«

Sein Lächeln verschwand nicht. »Ich bin in keiner Weise für diese Umstände verantwortlich, Miß Huntoon.«

Melissa streifte Crouse mit einem verächtlichen Blick und erwiderte: »Vielleicht nicht. Aber bestimmt ist der sich in Ihrer Gesellschaft befindliche Mr. Crouse für meine Zwangslage verantwortlich!«

»Meine liebe Miß Huntoon, das ist schlicht gesagt nicht wahr«, entgegnete Crouse mit überlegenem Lächeln. »Ich mißbilligte es schon immer, wenn sich eine Lady auf Geschäfte einließ. Es gehört sich nicht, und der weibliche Verstand besitzt auch kein Gespür dafür. Ihre mißliche Lage ist ein typisches Beispiel dafür. Die Bank hat eine Pfandurkunde über diese Plantage, und die Zahlungen befinden sich in einem traurigen Rückstand. Ich habe hier lediglich ein geschäftliches Unternehmen durchzuführen.«

»Nennen Sie es, wie Sie wollen, Mr. Crouse. Damit ist jedoch diese erniedrigende Auktion von heute nicht entschuldigt!«

»Dabei trifft mich keineswegs allein die Schuld, Miß Huntoon. Sie haben nämlich noch andere Gläubiger, meine Liebe!«

»Jahrelang sammelte mein Vater schöne Kunstgegenstände«, erwiderte Melissa. »Auch Gemälde. Darunter befinden sich Dinge, deren Wert unschätzbar ist. Nun werden sie an Leute verkauft, die den wahren Wert überhaupt nicht würdigen können!«

»Nun, da dürfte es sich bei Ihnen um einen Irrtum handeln. Ich bewundere sie jedenfalls«, erklärte Crouse mit einer geradezu widerlichen Schlagfertigkeit. »Und aus diesem Grunde bin ich heute hier auch anwesend. Es gibt nämlich eine Anzahl von Gemälden, die ich erwerben möchte.«

»Sie?« fragte Melissa verächtlich. »Was verstehen Sie denn schon von Kunst, Mr. Crouse?«

Sein Lächeln wirkte jetzt gequält, und Melissa wußte, daß sie ihn mit ihrer Bemerkung beleidigt hatte. Allein schon dieser Gedanke bereitete ihr Vergnügen, aber sein zorniger Blick ließ sie erschaudern.

»Ich befürchte, daß eine junge Dame, die so wie Sie in völliger Abgeschiedenheit hier lebt, nicht viel von der großen Welt versteht«, erwiderte Crouse. »Sonst würden Sie nämlich nicht so schnell ein Urteil über andere Menschen fällen. Auch wenn ich Bankier bin, braucht das doch nicht zu bedeuten, daß mir die schönen Künste fremd sind. Sie werden es nicht wissen, aber ich besitze bereits eine ausgezeichnete Kunstsammlung. Und heute möchte ich sie vergrößern.«

Melissa stieg die Schamröte ins Gesicht. Ihr Mut verließ sie. »Ob das nun etwas bedeutet, weiß ich nicht«, sagte sie traurig. »Morgen gehört jedenfalls nichts mehr der Huntoon-Familie.«

Crouse trat näher zu ihr heran und wendete dabei seinen Rücken Luke Devereaux zu. Melissa blickte kurz zu dem Mann auf dem Pferd, aber er schien offenbar lediglich die heranströmenden Besucher zu beobachten.

Jetzt stand Crouse dicht vor ihr. Er war so nahe, daß sie den hungrigen Blick seiner Augen erkannte. Am liebsten wäre sie zurückgewichen, aber sie wollte nicht den Eindruck erwecken, daß sie sich vor ihm fürchtete.

»Es gibt eine Möglichkeit, daß alle diese geliebten Sachen in Ihrem Besitz verbleiben, Miß Huntoon.«

Voller Hoffnung blickte sie ihn an, aber es war ja eine sinnlose Hoffnung. Dem Mann konnte man nicht trauen. Er plante irgendeine Hinterhältigkeit. So flüsterte sie nur: »Wie denn?«

Leise erwiderte er: »Werden Sie meine Frau. Werden Sie Mrs. Simon Crouse!«

Ein eiskalter Schauer überlief Melissa. Sie konnte ihn nur noch völlig betroffen anschauen, während sein Blick sie auf eine seltsame Art zu durchbohren schien.

Melissas Gedanken rasten. »Warum?« gelang es ihr dann zu fragen.

Crouse lächelte leicht. »Ich brauche eine Frau. Jahrelang habe ich meinen Reichtum aufgebaut, und nun will ich ihn auch genießen. Die Eichenplantage soll mein neues Zuhause werden, und ich würde es sehr schätzen, wenn Sie es mit mir teilten.«

Er beugte sich noch näher heran, und sein Blick schien sie förmlich zu durchbohren. »Werden Sie meine Frau, Melissa. Ich kann Sie glücklich machen. Dann brauchen Sie die Eichenplantage nicht zu verlassen und auch nichts von Ihrem Familienbesitz zu verlieren, den Sie so sehr lieben.«

Dieser Vorschlag traf Melissa so sehr, daß sie zurückwich, bis sie die unterste Stufe der Verandatreppen unter ihren Füßen spürte.

Wieder folgte Crouse ihr, aber sie hob ihren Schirm, dessen Spitze nun genau auf seine Brust zeigte. Jetzt verzerrte sich sein Mund, und er lächelte nicht mehr.

»Mr. Crouse«, sagte Melissa mühsam beherrscht, »Sie verlangen zu viel! Wie kommen Sie überhaupt auf einen solchen Gedanken ...« Sie schüttelte den Kopf. »Und wenn ich verhungern würde, würde ich Sie nicht heiraten, Simon Crouse. Nicht die letzte Scheibe Brot würde ich von Ihnen annehmen! Stets würde ich Sie als meinen Feind betrachten. Ich nahm an, Sie wüßten das!«

Crouse erbleichte, und Melissa spürte, daß er nicht ahnte, wie sehr sie ihn haßte.

»Nehmen Sie sich in acht«, entgegnete er, und seine Stimme wurde scharf wie ein Peitschenschlag. »Ich bin ein gefährlicher Mann. Niemand sollte sich mit mir anlegen. Sie hätten Ihre Worte vorher besser überlegen sollen.«

Bei seinem harten Blick begann Melissa zu frösteln. Crouses Augen schienen sie tödlich zu durchbohren.

Doch dann überwand sie ihre Angst. »Ich brauche nichts zu bedenken«, erwiderte sie gelassen. »Ich habe lediglich meine Meinung gesagt. Ich hasse Sie, Simon Crouse. Sie haben all das, was ich an einem Mann verächtlich finde. Niemals würde ich Ihre Frau werden. Lieber verhungern!«

Crouse verzog den Mund und hob die Hand, als ob er nach ihr schlagen wollte. Aber nun trat Luke Devereaux zwischen sie.

»Ich glaube, die Auktion beginnt«, sagte er ganz gelassen, und seine Stimme schien den erschreckenden Bann zu brechen, der zwischen Melissa und Crouse bestand.

Melissa atmete schwer, als Crouse mit heiserer Stimme ihr entgegenschleuderte: »So sei es denn. Und was Sie eben über den Hungertod sagten – das könnte durchaus eintreten. Ich jedenfalls tue alles, was in meiner Macht steht, um dafür zu sorgen. Und ich besitze mehr Macht am Mississippi, als Sie sich vorstellen können. Guten Tag, Miß Huntoon.«

»Weiter! Wer bietet mehr! Weiter!«

Die heiseren Worte des Auktionators klangen wie ein Krähenschrei. Er schlug mit seinem Hammer auf den Tisch, und Melissa bemühte sich, völlig gelassen dreinzublicken. Amalie war wieder im Haus verschwunden, und Melissa stand allein auf der großen Veranda nicht weit vom Tisch des Auktionators entfernt.

Jetzt bahnte sich ein fülliger Stadtbewohner, gefolgt von zwei dicklichen rotgesichtigen Söhnen, ungeduldig seinen Weg durch die Menge. Er stampfte die Verandastufen empor und verkündete laut seinen Preis. Es handelte sich um einen handgeschmiedeten Weinkühler, der aus Frankreich stammte.

Im großen Speiseraum der Eichenplantage hatte er immer einen Ehrenplatz eingenommen; daran erinnerte sich Melissa genau. Sie hatte immer wieder den darauf eingravierten Pfauenkopf bewundert. Nun würde also dieser Tölpel von Stadtbewohner seinen ordinären Wein darin kühlen, obwohl sich vorher immer nur beste französische Getränke darin befunden hatten.

Der Weinkühler wurde nun von gierigen Händen davongeschleppt, und Melissa dachte voller Wehmut an das letzte Essen ihrer ganzen Familie im großen Speiseraum der Eichenplantage. Vor dem Krieg war es gewesen, und es schien jetzt Hunderte von Jahren zurückzuliegen.

Wieder riß die Stimme des Auktionators sie aus ihren Träumen. »Zum ersten ... zum zweiten ... und zum dritten!« Der Hammer schlug auf den Tisch. Melissa wußte, daß wieder ein Stück aus dem Familienbesitz für immer von ihr gegangen war.

»Und jetzt, meine Damen und Herren, haben wir Ihnen einen besonderen Leckerbissen anzubieten!« Der Auktionator entblößte seine Zähne und lächelte hintergründig. Dabei zeigte er auf einen jungen Mann, der ihm einen rechteckigen Kasten herantrug.

Der Bursche stellte den Kasten auf den Tisch vor den Auktionator. Voller Entsetzen erkannte Melissa, daß es sich um ihr Grammophon handelte. Ihre Mutter hatte es ihr noch kurz vor dem Tod geschenkt.

Das Gehäuse bestand aus leuchtendem Mahagoniholz. Auf dem Deckel war eine Rose eingeschnitzt, die gleichzeitig als Griff diente, um den Apparat zu öffnen. In dem Kasten befand sich ein mechanisches Wunder, das in Deutschland hergestellt worden war. Jedes Musikstück konnte damit gespielt werden, wenn man eine Grammophonplatte dafür besaß. Sechs solcher Platten hatte Melissas Mutter besessen, und jede spielte eine andere Melodie.

Melissa packte der kalte Zorn. Simon Crouse hatte ihr ausdrücklich versprochen, daß sie persönliches Eigentum behalten durfte, und dazu gehörte ganz sicher dieses Grammophon. Schon wollte sie auf den Auktionator zutreten. Aber konnte sie denn vor all diesen Menschen hier laut rufen: »Das steht nicht zum Verkauf!« Nein, es erschien ihr unmöglich.

Tränen stiegen Melissa in die Augen, und sie biß sich auf die Unterlippe. So gelang es ihr, jede Erregung vor diesen widerlichen Menschen zu verbergen.

Als sie zur Seite blickte, bemerkte sie, daß Luke Devereaux sie fragend anschaute. Als sich ihre Blicke trafen, lächelte Devereaux leicht und nickte.

»Hergestellt in Deutschland«, erklärte der Auktionator und drehte das Grammophon nach vorne, damit die Menge den Mechanismus bewundern sollte. »Und sechs Musikplatten sind auch noch vorhanden. Sechs verschiedene Melodien! Stellen Sie sich das mal vor! Wie schön würde sich ein solches Stück in Ihrem Wohnraum anhören, meine Damen und Herren. Denken Sie an die Unterhaltung und Freude, die es bringt. Nun, was wird für dieses Musikwunder geboten?«

Eine dürre Frau mit faltigem Gesicht trat vor. Melissas Herz krampfte sich zusammen. Es erschien ihr unerträglich, daß diese Erinnerung an ihre Mutter nun an eine Fremde gehen sollte. Sie bemühte sich, nicht zu weinen, als die Frau ihr Angebot machte.

»Nun mal langsam, Leute«, verkündete der Auktionator mit seiner Krähenstimme. »Das ist ein Kunstwerk. Gibt es denn niemanden mit Musikverständnis, der ein höheres Angebot macht?« Er blickte sich hoffnungsvoll um, und da hob plötzlich ein Mann seine Hand. Es war Luke Devereaux.

Voller Überraschung vernahm Melissa, daß er die Summe verdoppelte. Der Auktionator blickte die Frau fragend an: »Nun, Madam?«

Sie schnaufte laut, biß die Lippen zusammen und schüttelte den Kopf.

Jetzt schaute sich der Auktionator um. »Keine weiteren Angebote bei diesem großartigen Geschäft?« Er stöhnte leise und ließ dann seinen Hammer dreimal fallen. »Es geht also an den Herrn mit dem braunen Hut!«

Melissas Herz klopfte ganz unregelmäßig. Natürlich war sie froh, daß diese fürchterliche Frau das Grammophon nicht bekam. Aber war der andere Käufer besser? Wozu brauchte dieser Mann das? Vielleicht als Geschenk für seine Frau oder Geliebte? Nun, das spielte jetzt keine Rolle mehr. Das Grammophon war fort und alles andere auch. Sie mußte sich mit den gegebenen Tatsachen abfinden, auch wenn sie noch so hart waren.

Die weitere Auktion verlief für Melissa wie hinter Nebelschleier. Sie beobachtete alles und sah doch nichts.

Danach wanderte sie benommen ins Haus und begab sich in den Wohnraum. Dumpf hallten ihre Schritte über den Holzboden. Teppiche und Möbel gab es nicht mehr; der Raum wirkte riesig und auch schäbig. Nachdem er nun leer war, erkannte man erst die Spuren des jahrelangen Wohnens. Tapeten blätterten von den Wänden; die Farben waren vergilbt. Alles wirkte wie eine alte Frau, die sich nicht mehr gepflegt hat. Und jetzt begann Melissa in der Einsamkeit zu weinen. Tränen flossen ihr über die Wangen.

»Miß Huntoon?«

Als sie so unerwartet eine männliche Stimme hinter sich hörte, stieß Melissa einen gequälten Schrei aus, der im leeren Raum dumpf widerhallte.

Die Schritte näherten sich Melissa, aber sie drehte sich nicht herum. Erst wollte sie ihre Selbstbeherrschung wiederfinden; niemand sollte sie in diesem Zustand sehen.

»Entschuldigen Sie, wenn ich Sie erschreckte, Miß Huntoon, aber ich wollte noch mit Ihnen sprechen, bevor ich fortreite. Ich möchte Ihnen nämlich etwas geben.«

Melissa wandte sich immer noch nicht herum, aber sie erkannte die Stimme von Luke Devereaux. »Was könnten Sie mir schon zu sagen haben? Und was möchten Sie mir übergeben?«

»Das hier«, erwiderte er leise. »Aber Sie müssen es sich schon ansehen.«

Hastig rieb sich Melissa über die Augen. Warum mußte man sie denn ständig belästigen? War heute nicht schon genug geschehen? Aber dieser Mann sollte nicht glauben, daß sie ihm nicht ins Antlitz blicken konnte.

Sie wußte, daß ihr Gesicht noch Tränenspuren zeigte, aber sie drehte sich schließlich doch herum.

Luke Devereaux stand vor ihr im Licht, das durch den Türrahmen fiel, und wieder bemerkte Melissa sein blendendes Aussehen. In den Händen trug er das Grammophon und hielt es ihr jetzt entgegen.

»Ich möchte, daß Sie dies annehmen, Miß Huntoon. Bei der Auktion bemerkte ich, daß es Ihnen etwas bedeutete, und ich ...« Seine Stimme wurde unhörbar. Schließlich fuhr er fort: »Natürlich ist das eine Zumutung von mir. Wir kennen uns ja kaum. Aber diesmal sind es besondere Umstände, und ich hoffe, Sie werden mir verzeihen. Bitte, nehmen Sie es. Ich habe es nämlich nur für Sie gekauft.«

Völlig betroffen konnte Melissa ihn nur anstarren. Warum hatte er das getan? Was bezweckte er damit? War er wie dieser Abenteurer? Wollte er sie nur in der Art, wie offenbar alle Männer Frauen begehrten? Beabsichtigte er, sie auf diese Weise zu kaufen?

Offenbar konnte man ihr ansehen, was sie dachte, denn nun sagte er schnell: »Ich hoffe, daß Sie nichts anderes als eine freundschaftliche Geste dabei vermuten. Und ich versichere Ihnen, daß mit der Annahme dieses Geschenks keinerlei andere Gedanken verknüpft sind. Würden Sie mich näher kennen, dann wüßten Sie, daß ich oft so impulsiv handle. Ihr schönes Grammophon konnte ich einfach nicht den Händen dieser Frau überlassen. Jeder Narr wußte, daß sie den Wert nicht zu würdigen wußte.«

Luke lächelte, und seine schneeweißen Zähne bildeten einen schönen Kontrast zu seiner sonnenbraunen Haut. Für Melissa war das eine Situation, mit der sie nicht fertig werden konnte. Eins jedoch wußte sie – sie wollte das Grammophon wiederhaben. Während sie noch zögernd stehenblieb, trat Devereaux einen Schritt auf sie zu und hielt ihr den Kasten entgegen.

»Bitte, nehmen Sie es. Schließlich gehört es doch Ihnen. Wenn Sie das nicht tun, weiß ich nicht, was ich damit anfangen soll.«

Plötzlich mußte Melissa lächeln, und sie nickte zustimmend. »Nun gut!«

Er stellte den Grammophonkasten vor sie auf den Boden. »Darf ich ... darf ich mir noch eine weitere Freiheit herausnehmen und Sie fragen, was Sie für die Zukunft beabsichtigen? Wohin wollen Sie gehen? Haben Sie Freunde oder Verwandte in Natchez, wo Sie wohnen können?«

Melissa fühlte sich durch diese offenen Fragen plötzlich wieder in die Wirklichkeit zurückgerissen; es war fast wie ein Schlag ins Gesicht für sie. »Ich weiß es noch nicht«, entgegnete sie zurückhaltend. »Aber Amalie und ich werden es schon schaffen. Wir überleben!«

Seine braunen Augen nahmen einen unerklärlichen Ausdruck an, und er nickte. »Ja. Ich glaube das wohl auch.«

Dann verschwand seine große Gestalt durch die Tür, und Melissa empfand eine gewisse Art von Panik. Zum erstenmal verhielt sich jemand ihr gegenüber freundlich und machte sich Gedanken um sie.

An der Tür wandte sich Luke Devereaux nochmals um. »Wenn Sie aus irgendeinem Grund mit mir sprechen wollen – ich bleibe wenigstens noch eine Woche in Natchez. Crouse weiß, wo ich zu finden bin.«

Bei diesen Worten zuckte Melissa zurück. Sie hatte gar nicht mehr daran gedacht, daß er in irgendeiner Verbindung mit diesem Abenteurer stand.

Mit einer leichten Verbeugung hob Devereaux seinen Hut. »Ich wünsche Ihnen noch einen guten Tag, Miß Huntoon.« Er ging, und Melissa blickte ihm nachdenklich nach. Dann schaute sie auf das Grammophon vor sich. Das war ihr also verblieben – und auch Amalie.

Sie ließ das Grammophon stehen und ging langsam auf die Veranda hinaus, um zu erfahren, ob nach der Versteigerung auch für sie noch etwas Geld übrigblieb, nachdem die Gläubiger befriedigt waren.

Kapitel 2

»Was ist noch für mich geblieben, nachdem alle Schulden bezahlt sind?« fragte Melissa den schlitzohrigen Auktionator.

Er grinste und entblößte seine gelben Stummelzähne. »Nachdem alle ausgezahlt wurden und auch mein eigenes Honorar abgezogen ist, verbleibt noch dieses.«

Er schob ihr ein kleines Bündel Banknoten und Silbermünzen zu. Melissa verbarg ihre Enttäuschung und nahm das Geld an sich.

»Ach ja! Da ist noch die Natchez Belle.« Wieder kicherte der Mann. »Scheinbar hat niemand Verlangen nach ihr. Es erfolgte kein Gebot und so dürfte sie wohl noch Ihnen gehören.«

Melissa beschäftigten die eigenen traurigen Gedanken so sehr, daß sie zunächst nichts verstand. »Die Natchez Belle? Um Himmels willen, was ist denn das?«

»Ein altes Dampfboot. Es liegt in Natchez vertäut. Vielleicht bringen Sie es wieder in Schwung und können damit ein kleines Geschäft aufbauen. Das sollten Sie versuchen.« Er lachte albern.

Melissa blickte ihn mißtrauisch an. Jeder – selbst sie – wußte, daß die Dampfboote durch die Eisenbahn aus dem Geschäft gedrängt wurden. Eins wußte Melissa bis jetzt jedoch nicht, nämlich daß ihr Vater einen solchen Dampfer besessen hatte. Geschäfte wurden von ihrem Vater ihr gegenüber kaum erwähnt. Nach seiner Meinung sollten Frauen mit solchen Dingen nicht behelligt werden.

So besaß sie also plötzlich ein Dampfboot namens Natchez Belle. Natürlich mußte es wertlos sein, sonst hätte sich ja ein Käufer gefunden. Oder sollte das Boot genau wie Haus und Land bereits Simon Crouse gehören?

Crouse und Luke Devereaux standen neben einem Wagen, in dem die ersteigerten Güter verladen wurden. Nach kurzem Überlegen beschloß Melissa, mit den beiden zu sprechen. Sie winkte Amalie zu, ihr nachzukommen und ging zum Wagen hinüber.

Crouse wandte sich um und blickte Melissa an. Sein Gesicht wirkte zufrieden, als er die Wagenladung von Bildern und Möbeln betrachtete. Melissas Abneigung gegen diesen Mann wuchs ständig, aber sie ließ sich nichts anmerken.

»Miß Huntoon, kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?«

»Ja, Mr. Crouse. Ich habe eine Frage. Der Auktionator hat mir erzählt, daß etwas nicht verkauft wurde – und zwar das Dampfboot Natchez Belle. Er sagte, das Boot gehöre nun mir.«

Crouse lächelte überlegen. Es freute ihn offensichtlich, daß Melissa fast wie eine Bittstellerin vor ihm stand. »Und was wollen Sie nunmehr wissen?«

»Ich möchte erfahren, ob dieses Boot noch mir gehört – oder nicht.«

Crouse betrachtete sie nachdenklich, und Melissa fuhr fort: »Oder gehört es wie Haus und Land Ihnen?«

Jetzt lachte Crouse. »Nein, meine Liebe. Ein Dampfschiff ist mir nicht übereignet worden. Wenn so was vorhanden ist, gehört es natürlich Ihnen. Ich habe keine Verwendung dafür. Ist damit Ihre Frage beantwortet?«

»Ja. Ich danke Ihnen für die Zeit, die Sie mir gewidmet haben.«

Melissa wollte schon davongehen, aber Crouse hielt sie zurück. »Noch einen Augenblick, Miß Huntoon. Da Sie mein erstes Angebot nicht angenommen haben, kann ich Ihnen ein weiteres machen.«

Wie erstarrt blieb Melissa stehen und erinnerte sich an sein Heiratsangebot. Was würde dieser Mensch ihr nun vorschlagen? Sie spürte Amalies Hand auf ihrer Schulter, und das war beruhigend.

Jetzt lächelte Crouse verschlagen. »Da Sie mein erstes Angebot ablehnten, hoffe ich, daß Sie sich zu meinem zweiten überreden lassen.«

Immer noch schweigend stand Melissa da, aber sie bemerkte, daß sich Luke Devereaux genähert hatte und aufmerksam zuhörte. Irgendwie wirkte seine Anwesenheit auf sie beruhigend.

»Und worum handelt es sich bitte?« fragte Melissa leise.

»Ein Wertgegenstand ist Ihnen immer noch verblieben«, erwiderte Crouse und blickte sie durchdringend an. »Ich bin bereit, dafür gut zu bezahlen, wenn Sie ihn mir überlassen.«

Melissa verstand ihn nicht. Wovon sprach er denn? So entgegnete sie kühl: »Ich weiß nicht, was Sie wollen.«

»Ich spreche von Ihrer Zofe.« Crouse deutete auf Amalie. »Wie ich hörte, arbeitet sie gut, ist erfahren und gebildet. Ich benötige eine Frau, die meinen Haushalt führt und tüchtig in jeder Beziehung ist. Ich würde Ihnen die beachtliche Summe von fünfhundert Dollar anbieten. Damit können Sie sich eine ganze Weile über Wasser halten.«

Amalie atmete keuchend, und Melissa überlief ein leichtes Frösteln.

»Da befinden Sie sich in einem Irrtum, Mr. Crouse«, erwiderte Melissa. »Ich habe nicht das Recht, Amalie Ihnen zu verkaufen. Amalie ist meine Freundin und fast wie eine Mutter für mich. Sie war niemals eine Sklavin. Selbst wenn sie es gewesen wäre, sollten Sie als Yankee sich doch an den Krieg erinnern, den Sie geführt haben, um die Sklaven zu befreien. Und diesen Krieg haben Sie doch gewonnen! Wie könnte ich also Amalie verkaufen?«

Crouse lächelte nur noch schwach. »Wer spricht denn von einem Verkauf? Ich habe Ihnen fünfhundert Dollar geboten, um den Verlust der Dienste Ihrer Zofe auszugleichen. Ihre Freundin bekommt einen guten Lohn, erhält eine aufsichtführende Stellung und eine komfortable Unterkunft. Können Sie ihr dies bieten?«

Melissa blickte jetzt Amalie an. Wie vertraut und lieb war ihr doch dieses Gesicht. Amalie war schön, obwohl sie sich dem vierzigsten Lebensjahr näherte. Eine reine milchkaffeefarbene Haut, Augenbrauen wie Flügel und hellrote sanftgeschwungene Lippen. Dazu eine herrliche Figur.

Melissa fiel jetzt auf, wie Crouse mit heißen Blicken Amalie förmlich verschlang – mit Blicken, die sie selbst von ihm schon als unangenehm empfunden hatte.

Ekel überkam Melissa. Der Grund, warum Crouse Amalie wollte, hatte nichts mit einer Haushälterin zu tun. Wie konnten Männer nur so niedrig denken? Waren denn Frauen für sie nichts weiter als Lustobjekte? Erst wollte Crouse sie, und als er sie nicht bekam, gierte er nun nach Amalie. So und nicht anders mußte es sein.

Eins allerdings gab Melissa zu denken. Sie selbst konnte Amalie nur Hunger und ein hartes Leben anbieten. Vielleicht wollte Amalie daher sogar diesem Mann folgen.

Daher wandte sie sich mit zitternder Stimme an Amalie. »Ich kann dich nicht zwingen, bei mir zu bleiben, Amalie. Mr. Crouse bietet dir ein gutes Zuhause und bequemes Leben. Wenn du gehen willst, so kann ich das durchaus verstehen.«

Amalies glattes Gesicht zeigte keinerlei Regung, als sie Crouse anblickte, der einen Schritt zurücktrat. »Also, Melissa, ich habe eine eigene Meinung und beabsichtige nicht, sie zu ändern. Ich tue nur das, was ich immer tat – nämlich mich um dich kümmern. Aber ich danke Ihnen, Mr. Crouse. Ich weiß, daß die Freundlichkeit Ihres Herzens Sie veranlaßte, dieses Angebot zu machen.«

Crouses Lippen wurden zu einem Strich, als er schroff erwiderte: »Ganz wie Sie wollen. Ich hoffe nur, daß Sie es nicht eines Tages bedauern, Miß Huntoon. Mit dem wenigen Geld, das Sie soeben einstecken konnten, werden Sie nicht weit kommen. Sie müssen Ihr Haus verlassen und wissen nicht, wohin Ihr Weg Sie führt. Guten Tag, Miß!«

Er eilte zu seiner Kutsche, und der Mann auf dem Lastwagen lockerte bereits die Zügel, um ihm zu folgen.

Luke Devereaux hatte dem Wortwechsel schweigend gelauscht. Als Crouse davonmarschierte, mußte er lächeln. Dann tippte er gegen seine Hutkrempe und sagte leise: »Nur nicht den Mut verlieren, meine Damen!« Er bestieg sein schwarzes Pferd und ritt hinter Crouses Kutsche her.

Melissa und Amalie beobachteten schweigend, wie die beiden Wagen in einer Wolke von rotem Staub verschwanden.

Amalie murmelte etwas Unhörbares, und Melissa überkam sofort der Verdacht, daß es wenig damenhaft gewesen war. Voller Zuneigung griff Melissa nach dem Arm der Freundin. »Oh, Amalie! Ich bin so froh, daß du bleibst. Ich dachte nur, es wäre besser für dich, selbst wenn er ...«

Verbittert lachte Amalie. »Selbst wenn er–was? Ach ja, du lernst das Leben langsam kennen, mein Kleines. Und du spürtest genau, daß er nicht nur eine Haushälterin wollte.« Sie schüttelte den Kopf. »Ein Teufel ist dieser Bursche. Aber er bekommt uns nicht. Weder dich – noch mich. Wir entkommen seinen Klauen und werden überleben.«

Irgendwie beruhigte diese Feststellung Melissa. Allerdings fragte sie sich immer wieder, wie ein Überleben wohl möglich wäre.

»Komm! Wir gehen ins Haus«, unterbrach Amalies Stimme ihre Gedanken. »Ich habe deinen Raum für uns hergerichtet. Außerdem gibt es etwas Gutes zum Essen.«

Jetzt lächelte Melissa. »Du bist ja wie ein Wunder, Amalie. Ein gutes Essen? Wie hast du das denn geschafft?«

Amalie legte ihren rechten Zeigefinger nachdenklich an die Nase. »Ist dir nicht aufgefallen, daß viele unserer Gäste vorhin Picknickkörbe mitbrachten? Große Körbe mit viel Essen. Sie wurden im Schatten abgestellt, während sie an der Auktion teilnahmen. Zu viel Futter für die. Bei der Hitze soll man seinen Appetit zügeln. Das ist doch allgemein bekannt, nicht wahr, Kleines? Also tat ich nur etwas Gutes, wenn ich diese Körbe erleichterte.«

Melissa konnte sich gut vorstellen, wie Amalie sich an die Körbe herangeschlichen hatte, und sie mußte lachen. »Du bist ja einfach fürchterlich! Aber ich wüßte nicht, was ich ohne dich tun sollte.«

Amalies Augen funkelten freudig. »Ja, ich bin schon fürchterlich. Das stimmt. Aber manchmal kann man eben nicht anders sein ...« Sie zuckte mit den Schultern. »Komm jetzt mit, Kleine. Du mußt ja fast verhungert sein. Am Morgen hast du nur das kleine Ei bekommen, das ich einer Henne aus dem Nest stahl. Und mach dir keine Gedanken um die Stadtbewohner, deren Frühstückskörbe ich erleichterte. Das meiste Essen stammt von Mr. Crouse. Der Mann ist zwar ein Ekel, aber einen guten Geschmack hat er, das muß ich schon zugeben.«

Fröhlich folgte Melissa jetzt Amalie ins leere Haus. Atemlos stürmte sie in ihren eigenen Raum und blieb verblüfft stehen. Amalie hatte die Wahrheit gesagt. Außer dem verschwundenen Himmelbett und anderer Möbelstücke war es Amalie gelungen, mehr zu retten, als Melissa es sich jemals erträumt hatte.

Auf jeder Seite des Raumes lagen zwei Matratzen. Dazwischen befand sich ein kleiner persischer Teppich. Amalie hob die Decken, und Melissa konnte nur den Kopf schütteln. Auf jeder Matratze lag ein großes Kissen, und Schlafdecken gab es auch.

»Amalie, manchmal glaube ich, du kannst wie eine Hexe zaubern!« rief Melissa.

Ein seltsamer Ausdruck trat auf Amalies Gesicht, und dann lächelte sie ein wenig hintergründig. »Das wurde bereits behauptet.«

Nun blickte Melissa sich im Raum um. Vor Überraschung vergaß sie zunächst alle Sorgen, als sie entdeckte, was Amalie alles vor der Versteigerung gerettet hatte. Da stand sogar ihre große lederbezogene Reisekiste mit den Messinggriffen in einer Ecke.

»Deine Kleider befinden sich darin«, erklärte Amalie. »Und auch alle persönlichen Dinge. Dein Silberspiegel, die Haarbürste und noch mehr Kleinigkeiten.«

Auf der Kiste standen das von Luke Devereaux gerettete Grammophon und ein großer Weidenkorb.

Amalie zeigte darauf. »Voilà! Unser Essen. Setz dich auf eine der Matratzen, und dann werden wir dinieren.«

Jetzt erst spürte Melissa das nagende Hungergefühl. So setzte sie sich bequem hin und schob sich ein Kissen in den Rücken.

Amalie nahm eine Tischdecke aus dem Korb und legte sie über den kleinen persischen Teppich. Anschließend stellte sie Dinge darauf, die Melissa wie ein Festmahl erschienen.

Ein großes Weißbrot mit knuspriger Rinde; es schien frisch aus dem Backofen zu kommen. Melissa schnupperte daran und lachte begeistert.

»Warte nur ab«, meinte Amalie und stellte einen Topf mit Erdbeermarmelade daneben. Es folgten ein großes Stück Käse, ein geröstetes Hähnchen, reife Pfirsiche und zwei Flaschen, die so aussahen, als ob sich in ihnen ein sehr guter Wein befand.

Melissa schlug fröhlich die Hände zusammen, und Amalie sagte: »Wir werden heute abend gut speisen. Die Reste lege ich dann in das Quellenhäuschen. Dort bleiben sie kühl und frisch bis morgen. Nun fang an zu essen, und sei diesem freundlichen Monsieur Crouse für seine Großzügigkeit dankbar.«

Melissa brach sich ein Stück Brot ab, und schon bald erfüllten den Raum nur noch die kauenden Geräusche von zwei hungrigen Menschen. Später lehnte sich Melissa zufrieden zurück und verschränkte die Hände über dem Leib.

Amalie beobachtete sie mit einem leisen Lächeln. Wie jung und verletzlich wirkte diese Melissa doch. Keinesfalls war sie darauf vorbereitet, ihre bisher heile Welt zu verlassen und dem harten Leben gegenüberzutreten.

Amalie seufzte leise. Wenn sie jemals eine Tochter gehabt hätte, könnte sie nicht mehr Liebe für ein noch so kindlich wirkendes Wesen wie Melissa empfinden. Alles wollte sie für Melissa tun. Dennoch überkam Amalie bei dem Gedanken an die Zukunft tiefe Besorgnis.

Für sie selbst gab es gewiß keine Probleme. Für geschickte Hände fand sich immer Arbeit, und Amalie hatte sich noch niemals vor der Arbeit gefürchtet. Außerdem besaß sie Verwandte und Freunde in New Orleans, die ihr bestimmt helfen würden. Aber diese Menschen konnte sie nicht darum bitten, ein weißes Mädchen aufzunehmen – noch dazu ein Mädchen, das im Wohlstand aufgewachsen war und nichts von der wirklichen Welt wußte. Wenn sie nun bei ihr blieb, mußte sie Melissa sorgfältig erziehen und langsam an das wirkliche Leben gewöhnen.

Wieder seufzte Amalie leise auf. Melissa hatte inzwischen satt und zufrieden die Augen geschlossen. Was für ein schönes Mädchen war sie doch. Ihre vollen Lippen wirkten manchmal, als ob sie schmollten, aber das verstärkte nur den kindlichen Eindruck. Das Kinn war ausgeprägt; die Wangen leuchteten rosig.

Auf Melissas Nase befanden sich rötlichbraune Sommersprossen. Melissa haßte sie und hatte schon oft versucht, die Flecken mit Zitronensaft auszubleichen. Aber sie erschienen immer wieder.

Die Sonne stand jetzt kurz vor dem Untergang hinter den großen Eichen, und die Luft wurde kühl. Amalie zog vorsichtig Melissa Schuhe und Strümpfe aus. Dann lockerte sie ihr Leibchen und schob Melissa auf die Matratze. Das Mädchen schnaufte nur kurz auf und schlief weiter. Amalie deckte sie behutsam zu.

Nun trug Amalie den Korb mit den Lebensmitteln zum Quellhaus hinüber. Die letzte Glut der versinkenden Sonne schimmerte hinter den riesigen Eichen. Diese Plantage war seit zwanzig Jahren Amalies Heimat. Damals brachte Jean-Paul Huntoon sie als Zofe für seine Frau Mariette nach hier. Die beiden jungen Frauen hatten viel Gemeinsames, obwohl Amalie eine Kreolin war. Sklaverei hatte sie nie erlebt. Ihre Mutter stammte aus der Ehe eines Spaniers mit einer Negerin, ihr Vater war ein gutgestellter Handelsmann.

Wie gerne wäre Amalie in der Stadt, die sie so heiß und innig liebte – nämlich New Orleans – geblieben. Aber plötzlich gingen die Geschäfte ihres Vaters so schlecht, daß er Trost in der Flasche suchte. Für Amalies Mutter schien das unerträglich; sie erkrankte und starb. Die Familie zerfiel, und Amalie beschloß, sich eine ehrliche Arbeit zu suchen.

Natürlich konnte sie sich in New Orleans jederzeit der Gunst weißer Gentlemen erfreuen. Aber eine Mätresse wollte sie nicht werden.

Da kam Jean-Paul Huntoon nach New Orleans und suchte eine Zofe und Gesellschafterin für seine junge Frau. Amalie nahm diese Stellung an, und sie bereute es später niemals. Als dann Mariette starb, wurde sie zur zweiten Mutter für Melissa.

In Gedanken an vergangene Zeiten versunken, wanderte Amalie vom Park in das Haus zurück. Dabei hob sie ihren Rock, denn das Gras war vom nächtlichen Nebel bereits feucht. Plötzlich hörte sie ein raschelndes Geräusch hinter sich.

Aufgeregt drehte sie sich herum, aber schon packten sie die kräftigen Arme eines Mannes. Sie verspürte noch den Geruch von Tabak und Rum, dann jedoch wurde ihr ein Sack über den Kopf und Oberkörper gestülpt, und sie versank in völliger Dunkelheit. Sorgfältig wurden ihre Arme und Beine gefesselt.

Ihr Angreifer sagte kein Wort; Amalie vernahm lediglich seinen rasselnden Atem. Anschließend wurde sie hochgehoben und offenbar in eine Kutsche gelegt. Sie hörte das klatschende Geräusch von Zügeln und das Trappeln von Pferdehufen. Die Kutsche ruckte an, und Amalie flog schmerzhaft gegen den Rücksitz. Trotz verzweifelter Versuche konnte sie sich nicht von den Fesseln befreien.

Die Fahrt schien unendlich lange zu dauern. Ständig mußte Amalie an die nun einsam im Plantagenhaus liegende Melissa denken. Dann fiel ihr das Geräusch von anderen Wagen und Pferdehufen auf, die über Kopfsteinpflaster ratterten. Also konnte sie sich nur in Natchez befinden, denn eine andere Stadt gab es hier in der Nähe nicht. Warum hatte dieser Mann sie entführt, und wohin brachte er sie?

Dann hielt die Kutsche an. Man zog Amalie heraus und führte sie Steinstufen empor durch eine Tür. Der Fremde sprach immer noch kein Wort, sondern stieß sie grob vorwärts. Danach ging es Treppen empor, sie vernahm murmelnde Stimmen. Eine Tür schloß sich hinter ihr.

Jetzt wurden Amalie die Fesseln abgenommen und der Kornsack weggezogen. Blinzelnd im plötzlichen Licht versuchte sie, etwas zu sehen. Sie erkannte das Gesicht von Simon Crouse und bemerkte auch, daß sie sich in einem Schlafzimmer befanden.

Crouse grinste selbstzufrieden, und Amalie überkam wilder Zorn. Wie konnte dieser Mann es wagen, so mit ihr umzugehen?

Offenbar merkte Crouse ihr den Zorn an, denn er sagte: »Ich hoffe, Sie nehmen mir die Behandlung nicht übel, was? Wie ich hörte, sind die Kreolinnen heiß und voller Feuer. Nun, so ein Weibchen mag ich. Lassen Sie also Ihren Zorn ruhig an mir aus, Sie hochgestochene Lady!«

An seinen geröteten Wangen und stierendem Blick merkte Amalie, daß Crouse schwer getrunken hatte. Vernünftig war also mit diesem Mann nicht mehr zu reden. Ein Zornesausbruch würde alles nur noch verschlimmern.

»Warum haben Sie mich hierhergebracht, Mr. Crouse?« fragte sie.

Er warf den Kopf zurück und lachte höhnisch. »Na, was denkst du wohl, Weib?« Mit einer obszönen Bewegung deutete er auf eine Stelle unterhalb seines Gürtels. »Will mal hören, ob du es vermutest.«

Immer noch ruhig erwiderte Amalie: »Warum gerade ich? In der Stadt dürfte es wesentlich willigere Frauen geben. Dazu brauchen Sie mich doch nicht mitten in der Nacht verschleppen und hierherbringen.«

Sein Grinsen verschwand. Er starrte sie mit seinen rotgeränderten Augen an. Verächtlich schnaubend erwiderte er: »Weil du mich abgelehnt hast, du schwarzblütige Hure! Ich bot dir ein schönes Haus und eine gute Stellung an. Du rümpftest hochmütig deine Nase und wolltest es nicht! Jetzt wollen wir mal sehen, was du damit angerichtet hast!«

Mit einem harten Griff packte er Amalies Schultern und riß sie an sich. Sein Atem roch faulig nach Rum; seine feuchten Lippen preßten sich auf ihren Mund.

Dann versetzte er ihr eine Ohrfeige. »Weiche ja nicht vor mir zurück, du Schlampe!«

Amalie wehrte sich immer noch nicht, aber ihre Gedanken rasten, als Crouse sie wieder an sich preßte. Sie wußte, daß Schreien völlig nutzlos war. Kam jemand und sah ihre Hautfarbe, würde nichts geschehen.

Wollte dieser Crouse sie hier als Gefangene behalten? Oder sollte sie ihm nur eine Nacht zu Willen sein? Das hatte sie schon mehrfach in ihrem Leben durchgemacht, aber meist war es nur die Angelegenheit einer Stunde gewesen.

Crouses Mund löste sich von dem ihren, und er taumelte zum Bett. Sobald er sie losließ, rannte Amalie zur Tür. Aber als sie nach dem Knauf griff, stellte sie fest, daß abgeschlossen war.

Höhnisch lachend lallte Crouse: »Ja, es ist abgeschlossen. Außer mir befindet sich nur noch ein Diener im Haus, falls du beabsichtigst zu schreien. Ihn kümmert das nicht. Du solltest dich lieber mir für den Rest der Nacht hingeben – und zwar sehr intensiv.«

Nun schwankte er wieder auf sie zu und packte mit erstaunlicher Gewandtheit ihre Hüften. Dann schleppte er sie zu dem Bett und warf sie hinauf. Dabei rutschte ihr Rock bis über die Hüften empor.

Als Crouse ihr dann die Kleider vom Leibe riß und auch sich auszog, überkam Amalie der seltsame Gedanke, ob man diesen Vorgang wirklich Liebe nennen konnte. Männer wollten den Körper einer Frau besitzen und dachten gar nicht an das Wort Liebe dabei.

Nachdem das furchtbare Erlebnis vorbei war, entwand sich Amalie langsam seinen Klauen. Schnarchend lag er da, und sie betrachtete aufmerksam sein Gesicht, um sich genau an diesen Kerl erinnern zu können.

Sie nahm ihm den Schlüssel aus der Hosentasche, schloß die Tür auf und verließ den Raum. Zuvor ordnete sie ihre Kleidung. Ein träge vor sich hinglotzender und pfeiferauchender kleiner Mann saß in der Eingangshalle. Er täuschte Überraschung vor, als sie erschien. Aber er lehnte es dennoch nicht ab, sie wieder nach Hause zu bringen. »Wissen Sie, er schläft nämlich«, erklärte Amalie.

Der Mann grinste und betrachtete sie kühn und lüstern, aber er gab ihrem Wunsch nach. Auf der Fahrt zum Plantagenhaus dachte Amalie an alles und nichts. Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen, als die Kutsche vor der Eichenplantage hielt. Leise ging sie die Treppe zu Melissas Raum empor und war erleichtert, als sie das Mädchen noch schlafend vorfand.

Amalie versperrte die Tür hinter sich und ließ sich erleichtert auf die andere Matratze gleiten. Es dauerte noch eine ganze Weile, bis sie einschlafen konnte.

Wie würde sich Crouse am Morgen verhalten, wenn er feststellte, daß sie verschwunden war?

Erst jetzt wurde ihr richtig bewußt, daß Crouses Verhalten nichts weiter als ein Racheakt auf Melissas Ablehnung gewesen war. Offenbar hatte er es nicht gewagt, Melissa selbst zu vergewaltigen – schließlich war dieses Mädchen eine Weiße und gehörte zur Aristokratie des Südens. Diese Erkenntnis mochte zwar bitter für Amalie sein, aber sie entsprach genau ihren Erfahrungen, wie Kreolen im Süden behandelt wurden.

Viel wichtiger erschien ihr, ob Crouse nun seine Rachegelüste befriedigt hatte und sie beide in Zukunft nicht mehr behelligte. Eins wurde Amalie allerdings klar. Es galt, die Eichenplantage möglichst bald zu verlassen!

Kapitel 3

Melissa erwachte, als die Sonne durch das Fenster in ihr Gesicht fiel. Langsam öffnete sie die Augen und fühlte sich zufrieden und erholt. Doch dann kam ihr langsam die Erinnerung an die Wirklichkeit.

Nun blickte sie auf Amalie, die mit einer Hand unter dem Nacken immer noch schlafend auf der Matratze neben ihr lag. Leise stöhnte sie im Schlaf auf.

Sofort blickte Melissa zur Seite und kam sich vor, als ob sie unberechtigt ihrer Freundin nachspionierte. So griff sie nach den Schuhen neben dem behelfsmäßigen Bett und betrachtete sie mit Widerwillen. Diese Schuhe waren völlig heruntergelaufen, und sie benötigte dringend neue. Das würde sich jedoch im Augenblick kaum ermöglichen lassen.

Melissa gähnte leise vor sich hin und reckte sich. Sie verspürte Hunger und erinnerte sich daran, daß im Quellhaus Nahrungsmittel lagen. Allein schon der Gedanke daran ließ ihr das Wasser im Munde zusammenlaufen.

Leise erhob sie sich und schlich auf Zehenspitzen an Amalie vorbei zur Tür. Dann verließ sie geräuschlos den Raum und ging die große Treppe hinunter in die Eingangshalle. Von dort aus betrat sie den Hinterhof. Es war ein strahlender Morgen, und der Tag würde gewiß wieder sehr heiß werden.

Tief atmete Melissa den Duft der Blumen ein und eilte zum Quellhaus. Sie wollte das Frühstück für Amalie vorbereiten. Was hatte Amalie alles für sie getan; heute sollte endlich Amalie einmal bedient werden. Außerdem war der Morgen viel zu schön, um im Haus zu essen. Hinter einem großen Eichenbaum befand sich eine Granitplatte, und dort wollte sie das Essen anrichten.

Danach mußten allerdings Pläne für die Zukunft gemacht werden.

Bei diesem Gedanken erfaßte Melissa für einen Augenblick Panik. Was sollten sie nur unternehmen? Wohin sollten sie gehen? Doch sie beruhigte sich wieder. Es würde ihnen für die Zukunft schon etwas einfallen.

Sie füllte einen Krug mit Wasser aus der Quelle und wusch sich Gesicht und Hände. Dann nahm sie den Korb mit den Nahrungsmitteln auf und trug ihn zu dem Felsblock.

Als sie sich dort niederließ, mußte sie an das Grammophon denken. Dabei biß sie hungrig in das Brot und wartete nicht auf Amalie. Das Grammophon! Ein plötzliches Verlangen überkam sie, jetzt die Melodien zu hören, die ihr von der Mutter so häufig als Kind vorgespielt wurden.

Ja, dachte Melissa, heute will ich beim Frühstück Musik hören!

Leise schlich sie wieder die Treppe empor und betrat den Raum, wo Amalie immer noch schlief. Der Rückweg erwies sich als etwas schwieriger, denn das Grammophon war schwer.

Draußen setzte sie den Apparat auf die Granitplatte und bewegte bedachtsam die Kurbel, um ihn aufzuziehen. Eine Platte befand sich im Grammophon, und es war ein altes deutsches Volkslied, das Melissa besonders liebte.

Die Klänge von ›Am Brunnen vor dem Tore ...‹ erfüllten die Morgenluft. Zunächst lauschte Melissa nur, aber dann erhob sie sich und begann zu tanzen.

Das Gras war noch feucht. Sie hob ihren Rock und schwebte über den Boden. Über sich sah sie die Äste einer großen Eiche, die sie zu beschirmen schienen.

Als die Musik verstummte, vernahm Melissa mit Überraschung leises Händeklatschen. Sie blickte sich erstaunt um und erkannte Amalie neben dem Baumstamm. Aufgeregt lachte sie. »Amalie! Und ich dachte, du würdest noch schlafen. Eben habe ich mich sicher wie eine vollkommene Närrin benommen, nicht wahr? Hier im feuchten Gras umherspringen ...«

Amalie lächelte freundlich. »Nein, Kleine. Du sahst aus wie der Frühling. Ich wußte gar nicht mehr, daß du so gut tanzen kannst.« Sie trat heran und nahm Melissas Hand. »Entschuldige dich niemals für Dinge, die dir Freude bereiten. Außerdem ist es eine herrliche Idee, bei Musik zu frühstücken. Damit beginnt ein guter Tag!«

Nachdem sie gegessen und die Reste wieder in den Korb geräumt hatten, meinte Amalie: »Jetzt müssen wir uns überlegen, was wir unternehmen können.«

Melissa nickte. »Ich weiß das. Vater pflegte immer zu sagen, daß in schwierigen Situationen eine Bestandsaufnahme gemacht werden muß und dann die Möglichkeiten zu überprüfen seien, damit man logisch handelt.«

»Ein guter Rat«, erwiderte Amalie. »Also, was haben wir? Du mußt mir sagen, wenn ich etwas vergesse. Da ist die Reisekiste mit deinen Kleidern und persönlichen Dingen. Wir haben die Matratzen, Bettlaken und Decken. Die Perserbrücke, das Grammophon und Lebensmittel etwa noch für ein, zwei Tage. Dazu kommt die gewaltige Summe von zweihundert Dollar in Scheinen und Münzen.«

»Und vergiß nicht die Natchez Belle.«

»Die Natchez Belle?«

Melissa erklärte: »Das ist ein Dampfboot. Es muß sich allerdings in einem sehr schlechten Zustand befinden. Niemand hat bei der Versteigerung ein Angebot gemacht, und der Auktionator sagte mir, daß es also weiterhin zu meinem Besitz gehöre. Vorsichtshalber ließ ich es mir von Simon Crouse bestätigen.«

Bei der Erwähnung des Namens schüttelte sie sich und bemerkte, wie ein seltsamer Ausdruck auf Amalies Gesicht erschien.

»Ein Dampfboot! Und wo liegt es?«

»Im Dock bei Natchez. Ich habe mir schon Gedanken darüber gemacht und mich gefragt, wie wir es wohl nutzen können. Auch wenn es nicht mehr fahrtüchtig ist, könnten wir zumindest darauf wohnen. Wir haben doch sonst kein Dach über dem Kopf.«

Nachdenklich nickte Amalie. »Vielleicht. Wir sollten es zumindest überlegen. Morgen brechen wir auf, denn ich habe noch etwas zu tun. Außerdem habe ich eine Überraschung für dich.«

Melissa strahlte. »Eine Überraschung?«

»Ja. Und zwar im Stall.« Amalie lächelte geheimnisvoll. »Hast du schon mal überlegt, wie wir unseren dürftigen Besitz nach Natchez bringen sollen? Tragen können wir das nämlich nicht, n’est-ce pas?«

Melissas Blick wurde ernst. »Daran habe ich schon gedacht. Aber ich fand keine Antwort.«

»Nun, meine Überraschung wird uns hinbringen.«

Melissa sprang auf. »Hältst du mich zum Besten, Amalie?«

»Nein, Kleine. Komm mit!«

Amalie führte Melissa zum Stall, der in einiger Entfernung vom Haupthaus lag. Als sie das dunkle Gebäude betraten, in dem sich außer Mäusen und Ratten seit langer Zeit nichts mehr befunden hatte, hörten sie ein lautes Iah. Völlig überrascht sah Melissa, wie Amalie ein kleines Maultier ans Licht führte.

»Halte es fest«, sagte sie und gab Melissa das Seil. »Eine Karre haben wir auch noch. Sie ist nicht sonderlich groß, wird aber ausreichen, um uns nach Natchez zu bringen.«