Wie ein reißender Strom - Sandra Brown - E-Book

Wie ein reißender Strom E-Book

Sandra Brown

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Beschreibung

Das Spiel der Gefühle kennt keine Regeln

Ausgerechnet am Tag ihrer Hochzeit erfährt Banner Coleman, dass ihr Verlobter sie schändlich betrogen hat. Aber Banner denkt gar nicht daran, sich in die Rolle der verlassenen Braut zu fügen. Aus Trotz verbringt sie ihre Hochzeitsnacht nicht wie geplant in seidigen Laken, sondern auf dem Heuboden im Stall – mit Jake Langston, einem Freund ihrer Eltern. Ein Skandal liegt in der Luft! Denn ihre spontan entflammte Leidenschaft weckt Erinnerungen an eine andere verbotene Liebe, die vor zwanzig Jahren die texanische Erde erbeben ließ …

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Sandra Brown

Wie ein reißender Strom

Roman

Deutsch von Susanne Althoetmar-Smarczyk

Die amerikanische Originalausgabe erschien 1985 unter dem Titel »Another Dawn« bei Bantam Books, New York; wiederveröffentlicht 1991 und 1993 bei Warner Books, New York.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe Dezember 2012 bei Blanvalet,

einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München

Copyright der Originalausgabe © 1985 by Sandra Brown Management Ltd.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 1997 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Umschlaggestaltung: Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung eines Motivs von Kasmasov/Shutterstock.com

Redaktion: Janka Panskus

wr · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN: 978-3-641-10255-5

www.blanvalet.de

Buch

Der vermeintlich glücklichste Tag der 18-jährigen Banner Coleman wird zur absoluten Katastrophe, als in der Kirche plötzlich ein anderes Mädchen Anspruch auf Banners Verlobten erhebt. Statt in einem Himmelbett mit seidenen Laken verbringt Banner ihre »Hochzeitsnacht« aus Trotz auf dem Heuboden im Stall – und zwar mit Jake Langston, dem besten Freund ihrer Eltern.

Keine leichte Situation für den Frauenhelden Jake, der Banners Charme einfach nicht widerstehen kann. Hin und her gerissen zwischen seiner Verpflichtung gegenüber ihren Eltern und seiner Leidenschaft für Banner versucht Jake, einer Intrige auf die Spur zu kommen, deren Wurzeln in der Vergangenheit der Familie Coleman verborgen liegen.

Autorin

Sandra Brown arbeitete als Schauspielerin und TV-Journalistin, bevor sie mit ihrem Roman Trügerischer Spiegel auf Anhieb einen großen Erfolg landete. Inzwischen ist sie eine der erfolgreichsten internationalen Autorinnen, die mit jedem ihrer Bücher weltweit Spitzenplätze der Bestsellerlisten erreicht. Sandra Brown lebt mit ihrer Familie abwechselnd in Texas und South Carolina.

Von Sandra Brown bei Blanvalet bereits erschienen (Auswahl)

Schöne Lügen (35499), Ein Hauch von Skandal (36273), Sündige Seide (36388), Verliebt in einen Fremden (36519), Ein Kuss für die Ewigkeit (36620), Zum Glück verführt (36694), Wie ein Ruf in der Stille (36695), Ein skandalöses Angebot (37050), Heißer als Feuer (37131), Lockruf des Glücks (37250), Eine sündige Nacht (37251), Eine unmoralische Affäre (37252), Verruchte Begierde (37644), Gefährliche Sünden (37695), Zur Sünde verführt (37863), Unschuldiges Begehren (37958), In einer heißen Sommernacht (37985)

Prolog

Der Mann sprang auf die Füße, zog unbeholfen seine Pistole, spannte den Hahn und zielte. Dabei stieß er mit seinen stämmigen Oberschenkeln gegen die Tischkante und brachte die gefüllten Gläser zum Schwingen. Eines kippte um. Eine Zigarre rollte vom Aschenbecher und brannte ein kleines Loch in die grüne Filzoberfläche.

Jake Langston seufzte müde. In ein paar Stunden fuhr sein Zug. Er war hierhergekommen, um sich die Zeit bis dahin zu vertreiben. Mit einem oder zwei Spielchen Poker, einem oder zwei Whisky, vielleicht einer oder zwei zufriedenstellenden Nummern in einem der Betten oben. Stattdessen war er in einen Streit mit einem Rübenbauern namens Kermit geraten, dem er nur wünschen konnte, dass er mit dem Pflug geschickter umging als mit der Waffe.

»Sie nennen mich einen Betrüger?«, fragte der Farmer. Er war nicht mehr allzu nüchtern, da er es nicht gewohnt war, mehr als ein Bier zu trinken. Er schwankte wie ein Matrose bei rauer See hin und her, obwohl seine Füße fest auf der Erde standen. Sein bulliges Gesicht war schweißüberströmt und erhitzt. Die Pistole, die direkt auf Jakes Brust zielte, zitterte in seiner unsicheren Hand.

»Ich habe nur gesagt, dass ich lieber die ganzen Asse, die Sie im Ärmel haben, auf einmal sehen würde, als sie bei jedem zweiten Spiel auftauchen zu sehen.« Mit aufreizender Lässigkeit griff Jake mit seiner Rechten, seiner Schusshand, nach dem Whiskyglas und nahm genüsslich einen Schluck.

Der Farmer blickte sich nervös in der Bar um. Plötzlich war ihm bewusst geworden, welches Schauspiel er bot. Niemand sonst in dem höhlenartigen Raum bewegte sich. Die Musik war beim ersten Anzeichen von Krawall verstummt. Die anderen Spieler am Pokertisch hatten sich vorsichtig zurückgezogen wie die Wellen, die entstehen, wenn ein Stein in einen ruhigen See geworfen wird.

Der Mann gab sich alle Mühe, einschüchternd zu wirken. »Sie sind ein Lügner! Ich habe nicht betrogen. Ziehen Sie doch.«

»In Ordnung.«

Es ging alles so schnell, dass hinterher nur diejenigen, die direkt danebengestanden hatten, bezeugen konnten, was tatsächlich passiert war. In einer einzigen geschmeidigen Bewegung erhob Jake sich von seinem Stuhl, zog seine Waffe, holte mit der anderen Hand weit aus und lenkte den Arm des Farmers ab, sodass dessen Pistole nutzlos zu Boden knallte.

Kermits Adamsapfel zog sich in die Länge, ein Kloß schieren Entsetzens saß ihm im Hals. Er blickte in Augen, die so kalt und hart waren wie Eiszapfen, die nach einem eisigen Nordwind im Januar an der Dachrinne hängen. Sie waren viel Furcht einflößender als die Mündung der Pistole, die auf seine Nasenspitze zielte. Er stand jemandem gegenüber, der zwanzig Kilo leichter war als er selbst, aber durch seine eiserne Selbstbeherrschung trotzdem bedrohlich wirkte.

»Nehmen Sie sich die Hälfte des Gewinns, den Sie dort aufgehäuft haben. Ich nehme an, so viel haben Sie ehrlich gewonnen.«

Zitternd stopfte sich der Farmer die Münzen und Geldscheine in seine Hosentaschen. Er verfiel in die hektische Raserei eines Fuchses, der bereit ist, sich die Pfoten abzubeißen, um einer Falle zu entrinnen.

»Und jetzt heben Sie Ihre Waffe ganz vorsichtig auf und verschwinden von hier.«

Kermit gehorchte. Nur durch ein Wunder ging seine Pistole nicht los, als er mit zitternden Händen den Abzugshahn entspannte und sie wieder ins Pistolenhalfter steckte.

»Und ich rate Ihnen, nicht wiederzukommen, bis Sie betrügen können, ohne erwischt zu werden.«

Der Farmer fühlte sich erniedrigt, aber er war erleichtert, dass sein Herz noch schlug, dass er nicht aus einer Schusswunde blutete und dass er nicht ohne einen Cent zu seiner ewig nörgelnden Frau zurückkehren musste. Er ging und schwor sich, nie wiederzukommen.

Kaum hatte er den Raum verlassen, fuhr der Klavierspieler fort mit seinem fröhlichen Geklimper. Die übrigen Kunden der Spielhalle kehrten an ihre Tische zurück und schüttelten amüsiert den Kopf. Zigarren, die in Aschenbechern liegen gelassen worden waren, wurden wieder angezündet. Der Barmann machte sich sofort daran, die Gläser wieder zu füllen.

»Entschuldigen Sie bitte die Störung«, sagte Jake freundlich zu den anderen Spielern, während er seinen eigenen Gewinn einstrich. Er deutete auf den Geldhaufen, den der Farmer auf dem Tisch liegen gelassen hatte, und sagte: »Das könnt ihr euch teilen.«

»Danke, Jake.«

»Bis bald.«

»Weil er auf dich angelegt hat, hättest du ihn umbringen können.«

»Verdammt noch mal, das hättest du tun können! Wir hätten dich unterstützt.«

»Gottverdammtes Bauernpack!«

Unbeeindruckt zuckte Jake mit den Achseln und wandte sich ab. Sollten sie reden. Er nahm eine schlanke Zigarre aus seiner Hemdentasche, biss das Ende ab und spuckte es auf den Boden. Mit dem Daumennagel riss er ein Streichholz an und zündete sich seine Zigarre an, während er sich durch die Tische zur Bar aus Eichenholz schlängelte. Die Theke erstreckte sich über die ganze Länge des Raumes. Gerüchten zufolge war sie stückweise von St. Louis nach Fort Worth verschifft und später wieder zusammengesetzt worden. Sie war mit prachtvoller Schnitzerei verziert und mit Spiegeln bedeckt. Reihen von Flaschen und polierten Gläsern zogen sich auf ihr entlang. Die Besitzerin duldete kein Staubkörnchen darauf.

Spucknäpfe aus Messing befanden sich an strategisch günstigen Punkten entlang des Messinggeländers der Bar. In Priscilla Watkins’ Garten Eden war es nicht erlaubt, auf den Boden zu spucken. Handgeschriebene Schilder, die in Abständen von zwei Metern an der Bar angebracht waren, wiesen darauf hin.

Jake grinste. Der Boden, der auf Hochglanz poliert war, war jetzt von seiner Zigarrenspitze entweiht worden. Es bereitete ihm auch ein perverses Vergnügen, mit seinen Sporen die glänzende Oberfläche, auf die die Besitzerin dieses Etablissements so stolz war, zu verkratzen.

Priscilla. Gerade als er an sie dachte, erblickte er sie auf der untersten Stufe der geschwungenen Treppe. Sie sah so prächtig aus wie die Königin von Saba. Gekleidet in leuchtend roten Satin, der mit schwarzer Spitze abgesetzt war, wäre sie jedem Mann ins Auge gefallen. Das hatte sie schon immer getan. Als Jake ihr vor fast zwanzig Jahren das erste Mal begegnet war, hatte sie verwaschene Baumwolle getragen. Aber selbst darin hatte sie den Männern die Köpfe verdreht.

Ihr aschblondes Haar hatte sie hoch aufgesteckt, verziert mit einer purpurroten Straußenfeder, die sich an ihre Wange schmiegte und mit einem baumelnden Ohrring flirtete. Ihr Kopf war in königlicher Pose geneigt.

Dieses Bordell war ihr Reich. Sie herrschte dort wie eine Despotin. Wenn es Kunden oder Angestellten nicht gefiel, wie sie die Dinge handhabte, wurden sie kurzerhand vor die Tür gesetzt. Aber jeder in Texas wusste, dass der Garten Eden in Fort Worth im Jahre 1890 das beste Bordell im ganzen Staate war. Priscilla streckte ihren mit einem Satinslipper bekleideten Fuß aus und trat von der untersten Stufe herunter. Stolz schritt sie zur Bar und verströmte hinter sich einen Moschusduft, der aus Paris importiert worden war. Jake führte sein Whiskyglas zum Mund.

»Sie haben mich gerade einen Kunden gekostet, Mr Langston.«

Jake wandte nicht den Kopf. Stattdessen nickte er dem Barmann zu, ihm noch mal einzuschenken. »Ich glaube, du kannst es dir leisten, ein oder zwei zu verlieren, Pris.«

Dass er sie so nannte, irritierte sie. Dies bereitete ihm genauso viel Vergnügen, wie den Boden ihres Saloons zu verkratzen. Nur ein alter Freund wie Jake kam bei ihr mit so etwas ungeschoren davon.

Waren sie Freunde? Oder Feinde? Sie war sich nie ganz sicher.

»Wie ist es nur möglich, dass monatelang alles glattgeht, aber sobald du auftauchst, gibt es Schwierigkeiten?«

»Ach ja?«

»So ist es jedes Mal.«

»Dieser Rübenbauer hat auf mich gezielt! Was hast du denn erwartet, was ich tun würde? Die andere Wange hinhalten?«

»Du hast ihn provoziert.«

»Er hat betrogen.«

»Ich kann keine weiteren Schwierigkeiten gebrauchen. Der Sheriff ist diese Woche schon zweimal hier gewesen.«

»Geschäftlich oder zum Vergnügen?«

»Es ist mir ernst, Jake. Die ganze Stadt läuft wieder bewaffnet herum und will mich niederschießen. Jedes Mal, wenn es Schwierigkeiten gibt …«

»In Ordnung. Es tut mir leid.«

Sie reckte das Kinn hoch und lachte. »Das bezweifle ich. Entweder hast du Ärger am Kartentisch, oder du verursachst einen Wirbel unter meinen Mädchen.«

»Wie denn das?«

»Sie streiten sich um dich, und das weißt du verdammt genau«, fuhr sie ihn an.

Er wandte ihr den Blick zu und grinste sie unverschämt an. »Tatsächlich? Da soll mich doch der Teufel holen!«

Sie bemerkte wieder einmal, wie gut er aussah und welche attraktive Arroganz er im Laufe der Jahre entwickelt hatte. Er war nicht länger ein linkischer Junge, sondern ein Mann, den weder Männer noch Frauen übersehen konnten. Sie klopfte mit ihrem Federfächer auf seine Brust. »Du bist schlecht fürs Geschäft.«

Er beugte sich vor und flüsterte vertraulich: »Wie kommt es dann, dass du dich immer so freust, mich zu sehen?«

Verärgert verzog Priscilla den Mund, aber sie erlag seinem gewinnenden Lächeln. »In meinem Büro habe ich besseren Whisky.« Sie legte eine Hand auf seinen Arm. »Komm mit.«

Köpfe drehten sich um, als die beiden den Raum durchquerten. Es gab keinen Mann auf Erden, der Priscillas Reizen gegenüber unempfindlich gewesen wäre. Sie war auf eine lüsterne Art attraktiv, und die Geschichten darüber, was sie mit Männern alles anstellte, hatten sie zu einer lebenden Legende gemacht. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Männer zu Übertreibungen neigen, wenn sie über ihre sexuellen Abenteuer erzählen, waren die Geschichten über Priscilla Watkins doch zu weit verbreitet, um nicht eine gewisse Glaubwürdigkeit zu verbürgen. Männer wollten nicht, dass ihre Ehefrauen dieses geile, schamlose Funkeln in den Augen hatten, aber von ihren Huren erwarteten sie es.

Die meisten Gelüste der Männer entsprangen nicht ihren Erinnerungen, sondern der Neugierde und Fantasie. Nur wenige kannten jene wollüstigen Zusammenkünfte mit Priscilla aus erster Hand. Sie war wählerisch. Selbst wenn sie sich den stolzen Preis, den sie verlangte, leisten konnten, wurden die meisten von ihnen nicht auserkoren, das innere Gemach hinter der Tür, die stets verschlossen war, zu betreten. Es hütete faszinierende Geheimnisse. In diesem Augenblick beneidete jeder Mann im Raum Jake Langston.

Während die Männer ihm neidisch nachsahen, so taten die Frauen es voller Sehnsucht. Die im Raum verteilten Huren, die die Gäste bei Laune hielten, waren hart arbeitende Frauen. Sie wussten, was ein Dollar wert war. Sie mussten vernünftig denken. Ihre Zeit bedeutete Geld. Also erprobten sie ihre Verführungskünste an ihren Kunden, aber jede von ihnen hätte die paar Dollars, die sie dabei verdienten, gerne für eine Stunde der Zweisamkeit mit dem Cowboy Jake Langston eingetauscht.

Er war schmalhüftig und schlaksig, bewegte sich aber mit der katzenhaften Anmut eines Pumas und hatte auch ebensolche Muskeln. Seine enge Hose saß um sein straffes Hinterteil und die langen Schenkel wie eine zweite Haut. Der Pistolengürtel, der tief um seine Hüften geschnallt war, betonte nur seine Männlichkeit. Männer respektierten seine Schießkünste. Frauen erregte allein seine Nähe. Ein Element von Gefahr umgab ihn.

Er hatte breite Schultern und eine breite Brust, aber das störte den Eindruck seiner Schlankheit nicht. Er ging nicht einfach, er schlenderte. Die Mädchen, die das Glück gehabt hatten, ihn in ihren Räumen zu empfangen, schworen, dass alles an ihm so kühn war wie sein Gang und dass die schaukelnden Bewegungen seiner Hüfte sich nicht auf das Laufen beschränkten.

Priscilla zog einen Schlüssel aus dem tiefen Ausschnitt ihres Kleides und öffnete ihre privaten Gemächer. Drinnen ließ sie ihren Fächer auf einen modischen Stuhl mit dünnen Beinen fallen und ging zu einem kleinen Tisch hinüber. Sie goss Jake einen Drink aus einer schweren Kristallkaraffe ein, während er mit einem Klicken die Tür hinter ihnen schloss. Priscilla hob den Blick, um ihn anzuschauen. Sie ärgerte sich darüber, dass ihr Herz schneller klopfte.

War es heute Abend so weit?

Es hätte der Salon jeder Dame sein können – abgesehen von Priscillas Nacktporträt, das ein Kunde als Bezahlung gemalt hatte. Ohne jeden Zweifel war er zuvor ihr Liebhaber gewesen, so wie er sie in der Pose träger Befriedigung auf die Leinwand gebannt hatte. Das Gemälde krönte in seinem Goldrahmen die Wand hinter dem satinbezogenen Sofa, auf dem sich Kissen mit Seidenfransen türmten. Die Vorhänge an den Fenstern aus Moirétaft waren auf die gleiche Art gekräuselt wie in den meisten vornehmen Häusern zu jener Zeit. Spinnwebenzarte Deckchen zierten die Tischchen. Jedermanns Großmutter hätte sie häkeln können.

Die großen runden Glasschirme der Öllampen waren mit Blumen bemalt. Von einigen hingen Glastropfen herunter, die bei jedem Luftzug sanft klingelten. Ein dicker Teppich bedeckte den Boden zum größten Teil. In einer Ecke stand eine brusthohe Vase, in der Pfauenfedern steckten. Sie war bemalt. Auf der Zeichnung ließ eine barbusige, fesche Schäferin aus dem siebzehnten Jahrhundert einen glühend bewundernden Schäfer leiden.

Jake betrachtete den Raum. Er war schon oft hier gewesen, aber das Zimmer hatte nie von seiner Faszination verloren. Priscilla, die rebellische Tochter einer diktatorischen Mutter und eines eingeschüchterten Vaters, hatte es weit gebracht in der Welt. Jake, der damals von allen Bubba genannt worden war, hatte sie auf brachliegenden Feldern und in matschigen Bachbetten genommen. Wenn es zur Sache ging, spielte der Ort keine Rolle. Eine Hure war eine Hure, ganz gleich wo sie ihr Gewerbe ausübte.

Priscilla, die sich seiner wenig schmeichelhaften Gedanken nicht bewusst war, kam auf ihn zu und reichte ihm den Whisky. Sie zog ihm die Zigarre aus dem Mund, steckte sie sich zwischen die Lippen und nahm einen langen Zug. Bevor sie den Rauch langsam und gleichmäßig ausatmete, ließ sie ihn durch ihre Lungen strömen. »Danke. Ich lasse meine Mädchen nicht rauchen. Deshalb darf ich auch kein schlechtes Vorbild für sie sein. Komm, wir gehen ins Schlafzimmer. Ich muss mich für den Abend umziehen.«

Er folgte ihr ins nächste Zimmer. Es war sehr feminin eingerichtet, voller Spitzen, was überhaupt nicht zu ihr passte. Sie war eine zu harte Frau für so einen rüschigen, plüschigen Raum, aber Jake vermutete, dass er Teil der Fantasiewelt war, die sie ihren Kunden bot.

»Hilf mir bitte, Jake.« Sie wandte ihm den Rücken zu. Er steckte den Stumpen wieder in den Mund, hielt ihn mit seinen geraden weißen Zähnen fest und blinzelte wegen des Rauches. Seinen Drink stellte er beiseite. Geübt löste er die Haken aus den Ösen. Als er fertig war, warf sie einen Blick über ihre nackte Schulter, sagte mit heiserer Stimme: »Danke, Liebling«, und trat beiseite.

Grinsend ließ Jake sich auf das Brokatsofa fallen. Er zog auch die Füße auf das Sofa, ohne auf die Sporen an seinen Stiefeln zu achten, vom festgebackenen Schmutz ganz zu schweigen.

»Was hast du in der letzten Zeit gemacht?« Priscilla glitt mit einer Bewegung, die zu mühelos war, um nicht eingeübt zu sein, aus ihrem tief ausgeschnittenen Kleid.

Jake blies einen vollkommenen Rauchkringel in die Luft und langte nach dem Whisky. »Hab’ oben in West Virginia gearbeitet, einen Zaun gezogen von dort bis in alle Ewigkeit.«

Beredt zog sie die Augenbrauen hoch, als sie die purpurfarbenen Slipper von den Füßen schleuderte. Sie machte sich nicht die Mühe, ihre Sachen aufzuheben. Irgendwie wirkte es lüsterner, wenn sie ihre Kleidungsstücke dort fallen ließ, wo sie sie auszog. Männer hatten es lieber, wenn ihre Frauen nicht zu kleinlich waren, was Ordnung betraf, besonders wenn sie gerade ins Bett kamen. Solche Nachlässigkeit ließ bezahlten Sex spontaner erscheinen. Mit milder Zurechtweisung fragte sie ihn: »Aus dir ist also ein Zangenmann geworden?«

So nannte man Cowboys, die sich schwertaten, Arbeit zu finden, nachdem die Zeit der großen Viehtrecks vorüber war. Oft mussten sie selbst Stacheldrahtzäune ziehen, die die riesigen offenen Weideflächen eingrenzten und sie arbeitslos machten.

»Ich hab’ mich nun mal dran gewöhnt zu essen und dergleichen«, meinte Jake leichthin. Keine einzige ihrer verführerischen Bewegungen war ihm entgangen.

Ihr Korsett war eng geschnürt. Es drückte ihre Brüste nach oben, dass sie fast aus dem Hemd quollen. Sie war schon immer von der Natur wohl ausgestattet gewesen. Jake erinnerte sich an ihre großen, festen Brüste. Sie strich ihre Unterröcke zur Seite und setzte sich auf einen kleinen runden Hocker vor ihren Frisiertisch. An dem Spiegel, dem sie gegenübersaß, waren Seitenspiegel angebracht, die sie so drehen konnte, dass sie sich aus allen Winkeln betrachten konnte. Mit einer Quaste aus Lammwolle puderte sie sich Hals, Schultern und Brüste.

»Machst du Urlaub?«

Ein leises Lachen grollte in Jakes Brust. »Nein. Ich war es einfach leid, nichts anderes als Gestrüpp und Staub zu sehen. Ich habe gekündigt.«

»Was hast du jetzt vor?«

Was hatte er jetzt vor? Sich treiben lassen, bis sich ihm ein neuer Job bot. Was er schon immer getan hatte, seit er erwachsen war. Bei Rodeos konnte er einiges an Preisgeldern gewinnen, genug, um sich und sein Pferd am Leben zu halten. Es reichte sogar für ein Pokerspiel hin und wieder und für die Art von Erholung, die an Orten wie Priscillas Garten Eden geboten wurde.

»Wie viele Viehtrecks hast du mitgemacht, Jake? Ich weiß gar nicht mehr, wie oft du nach einem Viehtrieb in den Norden nach Fort Worth zurückgekommen bist.«

»Ich auch nicht. Ich bin oft nach Kansas City gezogen. Einmal bis nach Colorado. Hat mir nicht gefallen. Nette Gegend, aber verdammt kalt.« Er verschränkte die Arme hinter dem Kopf und genoss das Spektakel, wie sie Rouge auf die Brustwarzen auftrug. Auf dem Finger transportierte sie eine kleine Portion der gefärbten Salbe aus dem winzigen Glasbehälter. Sanft, fast liebevoll trug sie sie auf. »Was ist mit dir, Priscilla? Wie lange gehört dir dieser Laden schon?«

»Fünf Jahre.«

»Was hat er dich gekostet?«

Endlose Stunden auf meinem Rücken, hätte sie am liebsten geantwortet. Stunden mit dicklichen, schwitzenden Farmern, die sich darüber beklagten, dass ihre Frauen keine Kinder mehr wollten und ihnen die ehelichen Pflichten verweigerten, und wilden Cowboys, die den Gestank nach Vieh mit sich brachten.

Zuerst hatte sie in Jefferson gearbeitet, der letzten Haltestation an der Zivilisationsgrenze. Aber als die Eisenbahn nicht mehr in dieser Stadt hielt und sie auf diese Weise wirtschaftlich zerstörte, war Priscilla nach Fort Worth gekommen, wo die Schienenwege aus dem ganzen Land zusammenliefen. Es war eine raue Stadt voller Cowboys, die es nicht abwarten konnten, das Geld auszugeben, das sie auf einem Viehtransport verdient hatten.

Priscilla hatte dafür gesorgt, dass ihr Ruf gedieh. Damals bekamen die Kunden etwas für ihr Geld. Manchmal sogar mehr, als sie bezahlt hatten. Sie war beliebt. Sie sparte ihr Geld. Als sie genug hatte, ging sie zu einem ihrer getreuen Kunden, einem Bankier, und ließ ihn heimlich ihren Kaufvertrag für den Saloon unterschreiben. Sie zahlten die alte Bordellbesitzerin aus und wandelten ihn in einen erstklassigen Vergnügungspalast um, der nicht nur die umherziehenden Cowboys, sondern auch die Viehbesitzer, die sie anheuerten, anzog. Weder Kosten noch Mühen wurden gescheut, und die Investition erwies sich als weise. Nach zwei Jahren hatte Priscilla den Bankier ausbezahlt. Außer über die Empörung der anständigen Leute gab es wenig, worüber Priscilla sich Sorgen machen musste.

»Wenn du einen Job brauchst, kannst du hier einen haben – beim Kartenspiel oder als Rausschmeißer.«

Jake lachte und stellte sein leeres Glas auf das Tischchen neben das Sofa. »Nein danke, Priscilla. Ich bin ein Cowboy. Ich mag keine Wände um mich herum. Außerdem wären dann deiner Ansicht nach die Mädchen ständig in hellem Aufruhr. Das wollen wir doch nicht, oder?«, neckte er sie.

Priscilla machte ein ärgerliches Gesicht, während sie ein schwarzes Satinkleid anzog. Die purpurrote Feder in ihrem Haar hatte sie durch eine glänzend schwarze ersetzt, die an einer Similischnalle befestigt war. Jake Langston war zu unverschämt geworden. Sie unterdrückte ein Lächeln, als sie ihre Gedanken korrigierte. Jake Langston war immer schon dreist gewesen.

Heimlich beobachtete sie ihn, während sie lange schwarze Spitzenhandschuhe über Finger und Unterarme zog. Er war reifer und verdammt attraktiv geworden. Kein Wunder, dass er eingebildet war. In seiner Jugend war er ein Flachskopf gewesen. Auch seinem Haar sah man die Jahre des Reifens an, wenn auch nur geringfügig. Jene weißblonden Strähnen zogen die Frauen an wie das Licht die Motten.

Seine Haut war wie Leder gegerbt. Lange Stunden unter freiem Himmel hatten ihr einen Kupferton verliehen, der das Blau seiner Augen noch verstärkte. Um seine Augen und in beiden Mundwinkeln waren feine Linien eingegraben. Aber statt von seinem attraktiven Äußeren abzulenken, erhöhten diese Spuren, die die Witterung hinterlassen hatte und in seiner Jugend noch nicht vorhanden gewesen waren, seine Attraktivität nur noch.

Er war rau. Hart. Gefährlich. Hinter seinem trägen Lächeln schien ein Geheimnis zu lauern. Seinem Lächeln nach zu deuten, war es ein unanständiges Geheimnis, und er brannte darauf, es preiszugeben. Seine Großspurigkeit machte ihn zu einer Herausforderung, der keine Frau widerstehen konnte.

Priscilla erinnerte sich an den Jungen, den sie sexuell eingeweiht hatte. Ihre häufigen Zusammentreffen waren heißblütig, wild und leidenschaftlich gewesen. Wie würde es jetzt wohl sein? Seit Jahren schon wollte sie das wissen.

»Bleibst du eine Weile in Fort Worth?«

»Heute bin ich auf dem Weg nach Osttexas. Ich nehme den Spätzug. Erinnerst du dich an die Colemans? Ihre Tochter heiratet heute.«

»Coleman? Der aus dem Siedlertreck? Hieß er nicht Ross?« Sie wusste genau, über wen er sprach, aber sie wollte ihn provozieren, genau wie er es auch immer bei ihr tat. Es war ein Spiel, das sie jedes Mal spielten, wenn sie einander begegneten. »Und wie hieß die Frau noch? Die er aus Nächstenliebe geheiratet hat?«

»Lydia«, antwortete er knapp.

»Ja, genau. Lydia. Sie hatte keinen Nachnamen, nicht wahr? Ich habe mich immer gefragt, was sie wohl verbirgt.« Sie zog den Stöpsel aus einem kristallenen Parfümflakon und tupfte sich Parfüm hinter die Ohren, auf den Hals, die Handgelenke, den Busen. »Wie ich höre, haben sie mit dieser Pferderanch viel Erfolg.«

»Das stimmt. Meine Mutter lebt auf ihrem Besitz. Mit meinem kleinen Bruder Micah.«

»Dieser tapsige kleine Kerl?«

»Er ist jetzt erwachsen. Einer der besten Reiter, die ich je gesehen habe.«

»Was ist aus Mr Colemans Baby geworden? Das Lydia gestillt hat, bevor sie geheiratet haben?«

Jake überlegte einen Augenblick, ob er gerade Verbitterung in Priscillas Worten herausgehört hatte. Schließlich antwortete er. »Lee. Er und Micah sind vom selben Schlag. Veranstalten immer einen Riesenwirbel.«

Priscilla betrachtete ihr Spiegelbild und strich ihr Haar glatt. »Und sie haben also eine Tochter, die alt genug ist zum Heiraten?«

Jake lächelte zärtlich. »Gerade eben alt genug. Als ich sie das letzte Mal sah, trug sie noch Zöpfe, jagte hinter Lee und Micah her und bettelte, einen ausgerissenen Hengst einfangen zu dürfen.«

»Ein Wildfang?«, fragte Priscilla erfreut. Sie erinnerte sich noch genau daran, wie Jake Lydia Coleman immer mit Kuhaugen angestarrt hatte. Alle Männer auf dem Treck fühlten sich von ihr angezogen, während ihre Frauen zunächst gezögert hatten, sie bei sich aufzunehmen und zu akzeptieren. Wenn Lydia nicht Ross Coleman geheiratet hätte, wäre Priscilla wahnsinnig eifersüchtig auf sie gewesen. Es gefiel ihr, sich Lydias Tochter als ein linkisches, schlaksiges Mädchen oder einen drahtigen Wildfang vorzustellen.

»Ich nehme an, wenn sie jetzt heiratet, muss sie sich ein wenig verändert haben, seit ich sie zuletzt sah.«

Priscilla nahm ihren Fächer und drehte sich stolz vor ihm. »Nun?«

Das Oberteil ihres Kleides schloss sich eng um ihre Taille. Der Ausschnitt war weit und tief, ihre Brüste waren kaum bedeckt mit einer Spitze, die so zart war wie die ihrer Handschuhe. Ihre mit Rouge gefärbten Brustwarzen wurden durch das Muster der Spitze nicht verborgen. Der Rock ließ den Blick auf ihre schwarzen Satinpumps frei und lief hinten in einer kurzen Schleppe aus. Eine moderne Tournüre trug dazu bei, dass ihre Figur einer Sanduhr glich.

Zynische blaue Augen musterten sie unverschämt. »Sehr nett, aber ich habe ja schon immer gesagt, dass du die hübscheste Hure bist, die ich kenne.« Er beobachtete, wie Wut in ihren grauen Augen aufstieg. Sanft lachend ergriff er ihre Hand und zog sie auf das Sofa zu sich herab. Der Fächer flog ihr aus der Hand und landete auf dem Boden. Die Feder in ihrem Haar verrutschte, aber Priscilla hatte nichts dagegen, als Jake sich ihr näherte und halb auf sie rollte.

»Jetzt hast du den ganzen Abend vor mir paradiert, nicht wahr, Pris? Hm? Also, ich glaube, es ist Zeit, dass ich dir gebe, worum du die ganze Zeit gebeten hast.«

Er legte seinen Mund hart auf ihren.

Hungrig öffnete sie die Lippen, damit seine Zunge eindringen konnte. Ihre Mädchen hatten nicht übertrieben. Er wusste, was er tat. Mit diesem Kuss weckte er jede empfindsame Stelle ihres Körpers, der heftig darauf reagierte. Sein Körper war hart und geschmeidig. Sie wölbte sich ihm entgegen, während sie mit den Fingern das dichte blonde Haar in seinem Nacken zerzauste.

Mit geübter Bewegung fand seine Hand den Weg unter ihre Röcke, auf ihren Schenkel direkt oberhalb des Spitzenstrumpfbandes. Er streichelte das warme, zitternde Fleisch. Sie hob ihr Knie.

»Hm, ja, Jake, Jake«, flüsterte sie, während ihr Mund sich über seinem bewegte.

Plötzlich zog er seine freie Hand wieder unter ihrem Rock hervor. Sie dachte, er wollte seine Kleidung öffnen, und war daher verblüfft, als er eine Taschenuhr vor seinen Augen baumeln ließ und die Zeit ablas. »Tut mir leid, Pris.« Er machte ein unaufrichtiges, schnalzendes Geräusch mit dem Mund. »Ich muss meinen Zug erwischen.«

Wütend schleuderte sie ihn von sich herunter. »Du Bastard!«

Lachend rollte sich Jake vom Sofa. »Ist das die richtige Art, mit einem alten Freund zu reden?«

Da verlor Priscilla endgültig die Beherrschung. »Du dämlicher Hinterwäldler! Du unverschämter Lümmel! Hast du wirklich geglaubt, ich wollte mit dir schlafen?«

»Ja, das glaube ich tatsächlich.« Er zwinkerte ihr zu und ging in Richtung Salon. »Tut mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.«

»Bin ich nicht mehr gut genug für dich?«

Er wirbelte herum. »Du bist gut genug. Zu gut. Die Beste. Deshalb will ich dich nicht. Weil du die beste Hure weit und breit bist.«

»Du schläfst doch immer nur mit Huren.«

»Aber wenn ich sie nicht kenne, kann ich mir vormachen, es sei etwas anderes. Ich kann mir vormachen, ich sei der Einzige. Du bist eine Hure gewesen, seit ich dich kenne. Dutzende von Männern sind in deinem Bett gewesen. Für mich nimmt das der ganzen Sache die Romantik.«

Ihr Gesicht wurde lebendig, und Jake bemerkte, wie hässlich sie aussehen konnte. »Es ist dein Bruder, nicht wahr? Du bist nie darüber hinweggekommen, dass du bei mir warst, als er starb.«

»Halt den Mund!«

Er sagte das so gefühllos, dass sie erschrak. Sie ging einen Schritt rückwärts, gab aber noch nicht völlig auf. »Du bist immer noch ein blöder Tennessee-Hinterwäldler. O ja, du hast gelernt, besser zu reden. Durch dein hitziges Temperament hast du den Ruf erlangt, den Männer respektieren. Du weißt, wie man Damen entzückt. Aber unten drunter bist du immer noch Bubba Langston, ein dummer Bauernlümmel.«

An der Tür blieb er stehen. In seinen Augen blitzte nicht länger Mutwille, sie waren kalt und hart. Die Haut in seinem Gesicht spannte sich straff, die Falten in seinen Mundwinkeln vertieften sich. »Nein, Priscilla. Bubba ist vor langer Zeit verschwunden.«

Priscillas Wut ließ nach. Ihre Augen verengten sich, als sie ihn anblickte. »Ich werde dir beweisen, dass du mich immer noch willst. Das ist ein Versprechen. Eines Tages wirst du dich daran erinnern, wie es mit uns beiden war. Wir waren Kinder. Voll leidenschaftlichem Verlangen und heißblütig. Wir vergingen vor Sehnsucht danach. Es könnte wieder so sein.« Sie ging zur Tür, warf den Kopf in den Nacken und legte ihm die Hand auf die Brust. »Ich werde dich wiederbekommen, Jake.«

Jake erinnerte sich nur zu gut an jenes erste Mal, als sie zusammen gewesen waren. Jener Nachmittag hatte sich seinem Gedächtnis unauslöschlich eingeprägt. Er entfernte ihre Hand. »Rechne nicht darauf, Priscilla.«

Er schloss die Tür zu ihren Privatgemächern hinter sich und stand einen Augenblick nachdenklich da. Der Saloon hatte sich belebt. Spärlich bekleidete Mädchen glitten durch die Räume und Spielzimmer. Sie flirteten und boten den Kunden ihre Waren an. Etliche Huren blickten ihn erwartungsvoll, atemlos an.

Er lächelte, ermutigte sie aber nicht. Es lag nicht daran, dass er kein Bedürfnis verspürte. Er hatte mehrere Wochen keine Frau mehr gehabt. Priscilla hätte er nie genommen, aber er war auch nicht aus Holz. Sie unbekleidet zu sehen, der Duft nach ihrer Haut hatte ihn sehr erregt.

Noch ein Glas Whisky? Ein Kartenspiel? Eine Stunde in einem der Schlafzimmer oben, einen Augenblick des Vergessens?

»Hallo, Jake.«

Eine der Huren kam auf ihn zu. »Hallo, Sugar.« Sugar Dalton arbeitete schon für Priscilla, seit Jake hierherkam. »Wie geht’s?«

»Ich kann nicht klagen«, erwiderte sie und lächelte angesichts dieser Lüge. Die Falten, die sich auch durch ihr dick aufgetragenes Make-up abzeichneten, verrieten ihm, wie schlimm es ihr in Wirklichkeit ging und wie sehr sie ihr Leben hasste. Aber sie hatte sich auf bemitleidenswerte Weise damit abgefunden und versuchte verzweifelt zu gefallen. Jake hatte sie schon immer leidgetan. »Ich könnte dafür sorgen, dass du dich heute Abend wohlfühlst, Jake«, gurrte sie voller Hoffnung.

Ihr zuliebe war er fast versucht, sie mit nach oben zu nehmen. Stattdessen schüttelte er den Kopf. »Aber du kannst mir meinen Hut und meine Satteltasche holen. Hier ist der Coupon.« Er angelte in seiner Tasche nach dem Abholschein, und sie lief davon. Als sie zurückkam, gab er ihr fünfzig Cents Trinkgeld, viel mehr als ihre Besorgung, die er leicht selbst hätte erledigen können, wert war. »Danke, Sugar.«

»Jederzeit zu Diensten, Jake.« Sie blickte ihn einladend an.

Sollte er ihr und seinem ausgehungerten Körper eine Wohltätigkeit erweisen? Nein. Bevor er seine Meinung ändern konnte, ging er schnell durch die Menge zur Eingangstür. Er musste den letzten Zug heute erwischen. Morgen früh wurde er in Larsen erwartet.

Banner Coleman heiratete.

1

Es war Banner Colemans Hochzeitstag.

Sie fühlte sich jeder Zoll eine Braut, als sie, durch einen blumenbedeckten Wandschirm vor den Blicken der anderen verborgen, hinten in der Kirche wartete. Sie betrachtete die Leute, die einen Samstagnachmittag geopfert hatten, um zu sehen, wie sie Grady Sheldon heiratete.

Fast ganz Larsen war eingeladen worden. Und der Menschenmenge nach zu urteilen, die rasch die Kirchenbänke füllte, schienen alle, die eine Einladung erhalten hatten, ihren Sonntagsstaat angezogen zu haben und hierhergekommen zu sein.

Banner bewegte leicht die Füße; sie mochte das Rascheln des Seidenkleides um ihre Beine. Der Rock war modisch eng und über den passenden Satinpumps gerafft. Der üppige Stoff war hinten in einem weichen Bausch zusammengerafft, von dem eine kurze Schleppe herabfiel. Die Tüllpasse ihres Kleides, die sich unter ihrem Kinn wie der Kelch einer Lilie öffnete, war mit winzigen Perlen bestickt. An der sanften Wölbung ihrer Brüste war der Tüll auf die darunterliegende Seide aufgesetzt. Es war ein aufreizender Schnitt, zumal er Banners wohlgeformte Figur eng umschloss, er war aber auch von süßer Jungfräulichkeit. Der Spitzenschleier, der ihr Gesicht bedeckte, war von Larsens bester Schneiderin direkt in New York bestellt worden.

Normalerweise liebte Banner glühende Farben, aber das elfenbeinfarbene Hochzeitskleid bildete einen vollkommenen Kontrast zu ihrem rabenschwarzen Haar. Ihr Teint hatte die Farbe reifer Aprikosen – nicht buttermilchblass, wie es gerade Mode war –, weil sie gerne draußen in der Sonne verweilte, ohne den Schutz eines Schirmes, den wirkliche Damen als notwendig erachteten.

Von ihrer Mutter hatte sie die Neigung zu Sommersprossen auf der Nase geerbt. Dieser Makel wurde von den Damen in den Nähkränzchen heftig beklagt. »So ein hübsches kleines Ding, wenn sie nur besser auf die Sonne achten würde!« Banner hatte sich schon seit Langem mit ihrem Gesicht abgefunden. Es war nicht im klassischen Sinne schön, aber sie mochte es. Über so etwas Banales wie ein paar Sommersprossen konnte sie sich keine Sorgen machen. Außerdem hatte Mama sie auch. Und Mama war schön.

Ihre Augen hatte sie von beiden Eltern. Papas waren grün, Mamas whiskyfarben. Die Farbe ihrer Augen lag irgendwo dazwischen – gold mit grünen Einsprengseln. »Katzenaugen« nannten manche sie. Aber das stimmte nicht ganz, denn es war kein Grau in ihnen, nur ein dunkles Topasgold, das durch das Grün wirbelte.

Die Menge war voller Erwartung und wurde allmählich unruhig. Der Organist begann zu spielen. Der Blasebalg der Orgel pfiff nur leise. Ein Glücksgefühl stieg in Banner auf und färbte ihre Wangen pfirsichfarben. Sie wusste, dass sie wunderschön aussah. Sie wusste, dass sie geliebt wurde. Sie fühlte sich wie eine Braut.

Alle Bänke der Kirchen waren voll. Im Mittelflügel wurden die Leute höflich gebeten, näher zusammenzurücken, damit alle Platz fänden. Glücklicherweise kam von Süden eine Brise durch die hohen imposanten Fenster – sechs auf jeder Seite der Kirche –, die den Hochzeitsgästen an diesem warmen Frühlingsnachmittag Luft zufächelte. Die Herren wanden sich hin und her und zerrten an ihren unbequemen engen Kragen. Die Damen, deren Organdyrüschen raschelten, wedelten mit Spitzenfächern und Ziertaschentüchern.

Der Duft von Rosen, die an diesem Morgen frisch geschnitten worden waren, erfüllte die Luft. Auf den samtigen Blättern hingen immer noch Tautropfen. Da sie keine spezielle Farbe bevorzugte, hatte Banner entschieden, Blüten jeglicher Farbe von Rubinrot bis Schneeweiß zu verwenden. Ihre drei Brautjungfern, die nur ein paar Schritte von ihr entfernt standen, trugen pastellfarbene Kleider mit weißen Schärpen. Sie sahen so zerbrechlich aus wie die Blüten, mit denen die Kirche geschmückt war.

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