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Zwei Geschichten. Eine ernsthaftere über ein paar Leute, die sich zusammentun, um die Welt zu verändern und eine lustige, in der ein Sozialpädagoge versucht, vom Weg Abgekommene in die Mitte der Gesellschaft zurückzuholen. Alles einfache Unterhaltung, aber irgendwie trotzdem auch etwas für Zwischenzeilenleser.
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Seitenzahl: 72
Veröffentlichungsjahr: 2015
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Thomas Häring
Wolkenkuckuckskind
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Das Allerletzte
Der Tonne entgegen
Impressum neobooks
Michaela ging die Straße entlang. Sie war eine schöne Frau, aber nicht so auffallend attraktiv, daß es die Spatzen von den Dächern und die Männer von den Baustellengerüsten pfiffen. Tagsüber arbeitete sie in einem Reisebüro, nachts chattete sie mit allen möglichen Perversen, um in ihrem Leben etwas Aufregendes zu erleben. Vor einiger Zeit hatte sie sich mit einem Mann getroffen, der sich von ihr gewünscht hatte, daß sie sein Geschlechtsteil abtrennte und briet, ihn dann tötete und aufaß. Sie hatte den armen Kerl weiter verwiesen und der Mann, der die Sache in die Hand genommen hatte, saß nun im Gefängnis und war weltberühmt. Sogar ein Film war zu dem Thema gedreht worden und auf die Biographie des beißfesten Herrn wartete die Boulevardpresse schon voll triefender Sensationsgeilheit, um die ganze Sache noch einmal genüßlich ausschlachten zu können. Aber genau diese eine Grenze, die einen zur Berühmtheit machte, hatte Michaela nie überschritten und so dümpelte sie in ihrem Leben vor sich hin. Sie war Anfang 30, ziemlich fleißig und hatte sich doch irgendwie mehr versprochen und erwartet. Nicht daß sie unbedingt von einer Familie mit Kindern träumte, doch ein bißchen weniger Einsamkeit wünschte sie sich schon. Und da tauchte auf einmal Jörg in ihrem Leben auf. Sie sah ihn, wie er die Leute anquatschte, manchmal minutenlang belaberte und ihnen einen Prospekt in die Hand drückte. Sie beobachtete ihn eine Weile und bewunderte ihn immer mehr, denn er war gutaussehend, sprachgewandt und unterhaltsam. Michaela war schwer beeindruckt und ging ganz langsam an ihm vorbei, in der Hoffnung, er würde sie ansprechen, doch er ignorierte sie und so ging sie etwas enttäuscht weiter. War das schon das Ende, noch bevor es begonnen hatte? Schnell eilte sie nach Hause, machte sich was zu essen, schaute eine Weile fern und setzte sich dann an den Computer, um sich an den Perversitäten anderer Leute aufzugeilen. Ein zugegebenermaßen etwas armseliges Leben, doch sie hatte sich nun mal dafür entschieden.
Jens saß derweil in seiner Wohnung und mußte mit anhören, wie sein Freund Jörg, mit dem er seit zwei Jahren zusammenlebte, wieder mal an der Strippe hing und irgendwelche Kunden beruhigen mußte. „Nein, lieber Herr Küller, Ihr Geld ist nicht weg, Sie brauchen auch nicht die Polizei rufen, Sie müssen nur etwas Geduld haben, dann bekommen Sie alles wieder und den fetten Bonus noch dazu. Machen Sie sich keine Sorgen, auf mich können Sie sich verlassen“, versprach Jörg und beendete das Gespräch. „Wird allerhöchste Zeit, daß ich mir eine neue Handynummer zulege, sonst kommt man hier ja nie zur Ruhe“, meinte er zu seinem Freund, der entgegnete: „Du wolltest es ja nicht anders. Ich habe Dich wochenlang bekniet, etwas Seriöses zu machen, aber Du hast nur aufs Geld geschaut und das hast Du jetzt davon.“ Jörg fühlte sich zu Unrecht attackiert, ging auf Jens zu, setzte sich neben ihn und zur Verteidigung an: „Fang nicht wieder damit an! Ich sehe es halt mal nicht ein, für fünf Euro in der Stunde zu arbeiten, ich bin schließlich keine polnische Putzfrau.“ „Die wir hier sehr gut gebrauchen könnten. Überall liegt Dein Krempel rum! Und Geld verdienst Du mit diesem dubiosen Job auch nicht wirklich.“ „Ich könnte mich ja auch schön auf die Couch setzen und die Zeit verstreichen lassen.“ „Mach’ Dich nicht lächerlich! Ich arbeite jeden Tag acht Stunden im Sozialamt. Und ich will nicht, daß Du irgendwann zu meinen Klienten gehörst.“ „Deswegen mache ich diesen Anlagejob ja. Das muß halt alles erst anlaufen und sich rumsprechen, dann brummt der Laden schon. Außerdem bin ich dadurch wenigstens an der frischen Luft und lerne neue Leute kennen.“ „Die Dich hassen lernen. Also gut, lassen wir das, es hat ja doch keinen Zweck. Du mußt erst auf die Schnauze fallen, bevor Du mir glaubst. Aber erwarte nicht von mir, daß ich Dich öfter als zweimal pro Woche im Gefängnis besuche.“ Daraufhin lachten sie Beide und küßten sich zärtlich. Jörg war der Kreativere von Beiden, doch Jens brachte das Geld nach Hause und damit waren die Rollen verteilt. Um nicht zu stark von seinem Partner abhängig zu sein, hatte Jörg mit diesem Job begonnen, doch so richtig befriedigend fand er das Ganze nicht. Nur gut, daß Zuhause ein Mann auf ihn wartete, der ihn liebte und den ganzen Streß sehr schnell vergessen ließ.
Cecilie gehörte zu den Frauen, denen keine Fliege was zuleide tun konnte, denn sie war ein richtig guter Mensch. Sie wollte für alle nur das Beste und so blieben ihr oft nur die Reste. Doch das störte sie nicht weiter, da es sie zutiefst befriedigte, wenn sie sah, daß es den Anderen gut ging. Elf Jahre lang war Cecilie verheiratet gewesen, bis sie endlich in der Lage gewesen war, sich von ihrem Mann, der sie unheimlich schlecht behandelt hatte, zu trennen. „Lieber unsicheres Glück als sicheres Unglück“, hatte ihre Psychologin zu ihr gemeint und sie hatte Recht behalten. Cecilie arbeitete für die Welthungerhilfe und machte in ihrer Freizeit noch jede Menge ehrenamtlich. Zu ihrem Glück hatten sie und ihr Mann keine Kinder gehabt, denn ansonsten hätte sie sich wahrscheinlich nie von ihm scheiden lassen. In der Post lag ein Brief von ihm, den sie etwas angewidert, aber irgendwie auch interessiert, durchlas. „Liebe Ceci! Ich vermisse Dich so sehr. Allein kriege ich nichts mehr auf die Reihe. In der Wohnung stinkt es fürchterlich, das Essen vergammelt vor sich hin und ich habe keine saubere Wäsche mehr. Komm bitte zu mir zurück und schaffe wieder Ordnung in meinem Leben! Dein Dich liebender Erwin.“ Bei jedem anderen Menschen wäre Cecilie sofort hingefahren und hätte geholfen, aber nicht bei jenem Mann, der sie über ein Jahrzehnt lang schikaniert, terrorisiert und gedemütigt hatte. „Mach’s Dir selbst“, dachte sie sich angeekelt und wie sie ihn sich da vorstellte, wie er im Jogginganzug und Unterhemd in einer völlig chaotischen Wohnung vor sich hin soff und immer fetter wurde, da konnte sie sich ein schadenfrohes Grinsen nicht verkneifen. Er hatte es sich verdient, so viel stand fest.
Ludger war einer der Männer, die sehr menschenscheu waren und praktisch die ganze Zeit ihres Lebens mit Denken verbrachten. Er gehörte zu den so genannten Intellektuellen, schrieb kluge Kommentare, Kolumnen und Leserbriefe und lebte fast ausschließlich in der geistigen Welt. Das reale Leben da draußen verachtete er und ignorierte es so gut es ging. Der Mann wußte unglaublich viel, doch er scheiterte an den vermeintlich kleinen und unwichtigen Dingen, wie zum Beispiel Kaffee kochen. So hatte er aus der Unfähigkeit eine Tugend gemacht und trank fast ausschließlich Tee. Von den meisten Menschen hielt er nicht viel und seine sozialen Kontakte beschränkte er auf ein ihm erträgliches Mindestmaß. Hin und wieder besuchte er seinen Kumpel Dieter und dann diskutierten und philosophierten sie stundenlang über irgendwelche Themen, die im Grunde wirklich wichtig waren, von der breiten Masse aber mit Desinteresse gestraft wurden. Ludger hatte zwar eine Freundin, doch sie sahen sich nur sehr selten und beschränkten ihre Beziehung auf Sex und Kommunikation, ein gemeinsames Zusammenleben konnten sich Beide nicht vorstellen, da sie ihre Freiheit und Unabhängigkeit brauchten. Nachmittags saß Ludger gern in einem Café, las Zeitung und beobachtete dabei die Menschen. „Wie geschäftig sie herumrennen, als wäre das, was sie machen, das Allerwichtigste, dabei haben die wirklich wichtigen Dinge für sie überhaupt keine Bedeutung. Für mich ist das hier eine absolute Fremdwelt. Alle stürzen sich auf den Bildfänger, lassen sich berieseln und konsumieren, ich aber ziehe mich in meine Denkfluchten zurück, wo ich ungestört bin und dem nachgehen kann, was mich wirklich interessiert“, kam Ludger in den Sinn. Das war nur ein keiner Gedankenausschnitt, in der Art ging es bei ihm den ganzen Tag im Kopf rund, er war nun mal ein Denker. Natürlich ging auch er bisweilen auf Partys, doch dort fühlte er sich immer mehr fehl am Platz und war froh, wenn er wieder daheim war. Es gab wenig interessante Menschen für Ludger und das lag nicht nur an ihm und seinen hohen Ansprüchen, sondern auch an der abgestumpften und verblödeten Masse, die sich nun mal mehr für Superstars und Königskinder interessierte als für Philosophie und neue Denkansätze. Ludger war inzwischen 45 Jahre alt und es war für ihn langsam an der Zeit, seinem Leben eine Richtung zu geben. Klar, er hatte sich in seiner Nische schön eingerichtet und fühlte sich dort auch wohl, doch das brachte ihn nicht wirklich weiter. Er wußte das auch.
