Zielobjekt Null (Ein Agent Null Spionage-Thriller — Buch #2) - Jack Mars - E-Book

Zielobjekt Null (Ein Agent Null Spionage-Thriller — Buch #2) E-Book

Jack Mars

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Beschreibung

"Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe." --Books and Movie Reviews (über Koste es, was es wolle) In diesem Nachfolgebuch zu Buch #1 (AGENT NULL) in der Kent Steele Spionage Reihe, nimmt uns ZIELOBJEKT NULL (Buch #2) auf eine weitere wilde und erlebnisreiche Jagd durch Europa mit, als der Elite CIA-Agent Kent Steele damit beauftragt wird, eine biologische Waffe zu stoppen, bevor sie die Welt verwüstet – all das, während er sich mit seinem eigenen Gedächtnisverlust auseinandersetzen muss. Das Leben kehrt für Kent nur flüchtig zur Normalität zurück, bevor er von der CIA beauftragt wird, Terroristen zu jagen und eine weitere internationale Krise abzuwenden – die potenziell sogar nach verheerender ist als die Letzte. Aber mit einem Attentäter, der ihm nachjagt, einer Verschwörung in den eigenen Reihen, Maulwürfen, wohin man schaut und einer Geliebten, der er kaum trauen kann, ist Kent von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Und doch kehren seine Erinnerungen schnell zu ihm zurück und mit ihnen, Einblicke in die Geheimnisse, wer er war, was er herausgefunden hat – und warum sie hinter ihm her waren. Er erkennt, dass seine eigene Identität das gefährlichste Geheimnis von allen sein könnte. ZIELOBJEKT NULL ist ein Spionage-Thriller, der Sie bis tief in die Nacht hinein an sich fesseln wird. "Thriller-Schreiben vom Feinsten." --Midwest Book Review (über Koste es, was es wolle) Ebenfalls erhältlich ist Jack Mars' #1 meistverkaufte LUKE STONE THRILLER SERIE (7 Bücher), die mit Koste es, was es wolle (Buch #1), einem kostenlosen Download mit über 800 Fünf-Sterne Bewertungen, beginnt!

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
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Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Z i e l o b j e k t   n u l l

(ein Kent steele Spionage Thriller—buch 2)

J A C K   M A R S

Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der KENT STEELE Spionage-Thriller Serie. 

Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.Jackmarsauthor.com und registrieren Sie sich auf seiner Email-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und in Verbindung bleiben!

BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES, WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)

AGENT NULL SPIONAGE SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

Agent Null – Buch 1 Zusammenfassung (- beinhaltet in Buch 2)

Ein College Professor und Vater von zwei Mädchen entdeckt seine vergessene Vergangenheit als CIA-Feldagent wieder. Er kämpft sich durch Europa, um die Antwort darauf zu finden, weshalb sein Gedächtnis unterdrückt wurde, während er einen terroristischen Plan, dutzende Staatsoberhäupter zu töten, enttarnt.

Agent Null: Professor Reid Lawson wurde entführt und ein experimenteller Gedächtnisunterdrücker wurde aus seinem Kopf entfernt, woraufhin seine vergessenen Erinnerungen als CIA-Agent Kent Steele, der Welt auch als Agent Null bekannt, zu ihm zurückkehren.

Maya und Sara Lawson: Reids zwei jugendliche Töchter, im Alter von 16 und 14 Jahren, die nichts von der Vergangenheit ihres Vaters als CIA-Agent wissen.

Kate Lawson: Reids Frau und die Mutter seiner beiden Kinder starb zwei Jahre zuvor plötzlich durch einen ischämischen Schlaganfall.

Agent Alan Reidigger: Kent Steeles bester Freund und Feldagentenkollege Reidigger half ihm, den Gedächtnisunterdrücker einsetzen zu lassen, nachdem Steele, um einen gefährlichen Attentäter aufzuspüren, eine tödliche Spur der Verwüstung hinter sich gelassen hatte.

Agentin Maria Johansson: eine Feldagentenkollegin und Kent Steeles ehemalige Geliebte nach dem Tod seiner Frau. Johansson erwies sich als unerwartete, aber willkommene Verbündete, als er sein Gedächtnis wiedererlangte und die terroristische Verschwörung aufdeckte.

Amun: Die Terrororganisation Amun ist ein Zusammenschluss mehrerer terroristischer Fraktionen aus der ganzen Welt. Ihr größter Coup – die Bombardierung des Weltwirtschaftsforums in Davos, während die Behörden durch die Olympischen Winterspiele abgelenkt waren – wurde von Agent Null zunichtegemacht.

Rais: Ein amerikanischer Auswanderer, der zum Attentäter von Amun wurde. Rais glaubt, dass es sein Schicksal ist, Agent Null zu töten. Während ihres Kampfes bei den Olympischen Winterspielen in Sion in der Schweiz wurde Rais tödlich verletzt und sterbend zurückgelassen.

Agent Vicente Baraf: Baraf, ein italienischer Interpol-Agent, spielte eine entscheidende Rolle, den Agenten Null und Johansson zu helfen, Amun in der Umsetzung ihres Plans zu stoppen, Davos zu bombardieren.

INHALTSVERZEICHNIS

PROLOG

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

PROLOG

„Sagen Sie mir Renault“, sagte der ältere Mann. Seine Augen funkelten, als er den Kaffee unter dem Deckel des Kaffeebereiters zwischen ihnen durchlaufen sah. „Warum sind Sie hierhergekommen?“,

Dr. Cicero war ein freundlicher, heiterer Mann, jemand, der sich gerne als „achtundfünfzig Jahre jung“ bezeichnete. Als er Ende dreißig war, begann sein Bart grau zu werden, während seiner Vierziger wurde er weiß und obwohl er normalerweise ordentlich getrimmt war, war er nun, während seiner Zeit in der Tundra, voll und wild gewachsen. Er trug eine leuchtend orangefarbene Jacke, die das jugendliche Leuchten in seinen blauen Augen jedoch kaum dämpfte.

Der junge Franzose war etwas überrascht von der Frage, aber er wusste sofort, was er antworten musste, da er die Antwort schon oft in seinem Kopf wiederholt hatte. „Die WHO hat sich an die Universität gewandt, um Forschungsassistenten zu finden. Diese wiederum haben es dann mir angeboten“, erklärte er auf Englisch. Cicero war Grieche und Renault stammte von der Südküste Frankreichs, also sprachen sie in einer Sprache, die sie beide verstanden. „Um ehrlich zu sein, gab es zwei andere, denen die Möglichkeit vor mir gegeben wurde. Sie haben es aber beide abgelehnt. Wie dem auch sei, ich habe es als großartige Gelegenheit gesehen, um …“

„Bah!“, warf der ältere Mann mit einem Lächeln ein. „Ich frage nicht nach Ihrem akademischen Werdegang, Renault. Ich habe Ihren Lebenslauf sowie Ihre These über die prognostizierte Influenza B-Mutation gelesen. Sie waren übrigens ziemlich gut. Ich glaube nicht, dass ich es selbst besser hätte schreiben können.“

„Danke, Sir.“

Cicero lachte. „Sparen Sie sich Ihr „Sir“ für Konferenzen und Spendensammlungen. Hier draußen sind wir alle gleich, wir sollten nicht so förmlich sein. Nennen Sie mich Cicero. Wie alt sind Sie, Renault?“

„Sechsundzwanzig, Sir – uh, Cicero.“

„Sechsundzwanzig“, sagte der alte Mann nachdenklich. Er wärmte seine Hände über der Wärme des Campingkochers.

„Und fast fertig mit Ihrer Doktorarbeit? Das ist sehr beeindruckend. Aber, was ich wissen möchte ist, wieso sind Sie hier? Wie gesagt, ich habe mir Ihre Akte angeschaut. Sie sind jung, intelligent, zugegebenermaßen recht gutaussehend …“ Cicero kicherte. „Ich denke, Sie hätten überall auf der Welt ein Praktikum bekommen können. Aber in diesen vier Tagen, seit denen Sie bei uns sind, habe ich Sie nicht ein einziges Mal über sich selbst sprechen gehört. Wieso sind Sie ausgerechnet hierhergekommen?“

Cicero winkte eine Hand, so als wolle er seinen Standpunkt unterstreichen. Das war jedoch völlig unnötig. Die sibirische Tundra erstreckte sich in alle Richtungen, soweit das Auge reichte, grau und weiß und vollkommen leer, bis auf die tiefliegenden und schneebedeckten Berge, die sich langgezogen über den nordöstlichen Horizont erstreckten.

Renaults Wangen wurden leicht rosa. „Nun, ich werde ehrlich mit Ihnen sein, Doktor. Ich kam her, um an Ihrer Seite zu lernen“, gab er zu. „Ich bewundere Sie. Ihre Arbeit zur Verhinderung des Zika-Virus-Ausbruchs war wirklich inspirierend.“

„Nun!“, sagte Cicero herzlich. „Mit Komplimenten kommt man immer weiter – oder man bekommt zumindest einen dunkelgerösteten belgischen Kaffee.“ Er zog einen dicken Handschuh über seine rechte Hand, hob den Kaffeebereiter vom butangasbetriebenen Campingkocher und schenkte zwei Plastikbecher mit dampfendem, köstlichen Kaffee ein. Es war einer der wenigen Luxusartikel, die sie in der sibirischen Wildnis zur Verfügung hatten.

In den letzten siebenundzwanzig Tagen in Dr. Ciceros Leben war dieses kleine Lager, etwa hundertfünfzig Meter vom Ufer des Flusses Kolyma entfernt, sein zu Hause gewesen. Das Camp bestand aus vier gewölbten Neoprenzelten, einem auf einer Seite geschlossenen Segeltuch, welches vor dem Wind schütze und einem semi-permanenten kugelsicheren Reinraum. Die beiden Männer standen derzeit unter der Segeltuchüberdachung und kochten Kaffee auf einem zweiflammigen Campingkocher zwischen den Klapptischen, auf denen sich Mikroskope, Permafrost Proben, Archäologiegerätschaften, zwei robuste Allwettercomputer und eine Zentrifuge befanden.

„Trinken Sie aus“, sagte Cicero. „Es ist fast Zeit für unsere Schicht.“ Er trank seinen Kaffee mit geschlossenen Augen und ein genussvolles Stöhnen entwich seinen Lippen.

„Es erinnert mich an zu Hause“, sagte er sanft. „Haben Sie jemanden, der auf Sie wartet, Renault?“

„Das habe ich“, antwortete der junge Mann. „Meine Claudette.“

„Claudette“, wiederholte Cicero. „Ein schöner Name. Verheiratet?“

„Nein“, antwortete Renault einfach.

„Es ist in unserem Berufsfeld wichtig, etwas zu haben, nach dem man sich sehnt“, sagte Cicero wehmütig. „Es gibt einem in der oft notwendigen Abgrenzung noch einen anderen Blickwinkel. Seit dreiunddreißig Jahren darf ich Phoebe meine Frau nennen. Meine Arbeit hat mich an Orte überall auf der ganzen Welt geführt, aber sie ist immer für mich da, wenn ich zurückkomme. Während ich weg bin, sehne ich mich, aber das ist es wert; jedes Mal, wenn ich nach Hause komme, fühle ich mich wie neu verliebt. Wie man so sagt, Abwesenheit lässt die Liebe wachsen.“

Renault lächelte. „Ich hätte einen Virologen nicht für einen Romantiker gehalten“, sann er nach.

„Die zwei Dinge schließen einander nicht aus, mein Junge.“ Der Arzt runzelte leicht die Stirn. „Und doch … ich glaube nicht, dass es Claudette ist, die in Ihren Gedanken herumschwirrt. Sie sind ein nachdenklicher junger Mann, Renault. Mehr als einmal habe ich gesehen, wie Sie zu den Berggipfeln schauen, so, als suchten Sie dort in der Ferne nach Antworten.“

„Ich glaube, Sie haben Ihre wahre Berufung verfehlt, Doktor“, sagte Renault. „Sie hätten Soziologe werden sollen.“ Das Lächeln verschwand von seinen Lippen, als er hinzufügte: „Sie haben jedoch recht. Ich habe diesen Auftrag nicht nur angenommen, um an Ihrer Seite arbeiten zu können, sondern auch, weil ich mich einer Sache gewidmet habe … einer Sache, die auf Glauben beruht. Ich habe jedoch Angst davor, wohin mich dieser Glaube führen könnte.“

Cicero nickte wissend. „Wie ich schon gesagt habe, Abgrenzung ist in unserem Arbeitsumfeld oft notwendig. Man muss lernen, leidenschaftslos zu sein.“ Er legte eine Hand auf die Schulter des jungen Mannes. „Lassen Sie es sich von jemandem sagen, der schon viele Jahre Erfahrung damit hat. Glaube ist eine starke Motivation, so viel ist sicher, aber manchmal neigen Emotionen dazu, unser Urteilsvermögen und unseren Verstand zu benebeln.“

„Ich werde vorsichtig sein. Vielen Dank, Sir.“ Renault lächelte verlegen. „Cicero. Danke.“

Plötzlich knisterte das Funkgerät auf dem Tisch neben ihnen und unterbrach die beschauliche Stille unter dem Verdeck.

„Dr. Cicero“, sagte eine Frauenstimme mit irischem Akzent. Es war die Stimme von Dr. Bradlee, die sie von der nahegelegenen Ausgrabungsstätte aus anfunkte. „Wir haben etwas ausgegraben. Es wird Sie interessieren. Bringen Sie den Behälter mit. Over.“

„Wir kommen sofort“, sprach Dr. Cicero in das Funkgerät. „Over.“ Er lächelte Renault väterlich an. „Es sieht so aus, als würden wir früher zum Einsatz kommen als gedacht. Wir sollten unsere Schutzanzüge anziehen.“

Die beiden Männer stellten die noch dampfenden Kaffeebecher ab und eilten in den kugelsicheren Reinraum. Sie betraten das erste Vorzimmer, um die leuchtend gelben Dekontaminationsanzüge anzuziehen, die die Weltgesundheitsorganisation bereitgestellt hatte. Handschuhe und Plastikstiefel, welche an den Handgelenken und Knöcheln abgedichtet waren, wurden zuerst angezogen, bevor der Ganzkörperkittel, die Kapuze und zum Schluss die Maske und das Atemschutzgerät folgten.

Sie zogen sich schnell, aber fast schon ehrfürchtig still an, und nutzten die kurze Zwischenzeit nicht nur für die körperliche Transformation, sondern auch als mentale Vorbereitung, um sich nach ihrem angenehmen und beiläufigen Gespräch nun auf die nüchterne Denkweise, die für ihre Arbeit erforderlich war, einzulassen.

Renault mochte die Dekontaminierungsanzüge nicht. Sie verlangsamten seine Bewegung und machten die Arbeit mühsam. Aber sie waren absolut notwendig, um ihre Forschung durchführen zu können: einen der gefährlichsten Organismen, den die Menschheit kannte, zu lokalisieren und sicherzustellen.

Er und Cicero traten aus dem Vorraum und machten sich auf den Weg zum Ufer des Kolyma, ein langsam fließender, eisiger Fluss, der südlich der Berge und etwas östlich in Richtung Meer führte.

„Der Behälter“, sagte Renault plötzlich. „Ich hole ihn.“ Er eilte zurück zur Überdachung, um den Probenbehälter zu holen, ein rostfreier Stahlwürfel, der mit vier Verschlussbügeln verschlossen und auf allen sechs Seiten mit einem Warnsymbol für Biogefährdung versehen war. Er eilte zurück zu Cicero und die beiden machten sich auf den Weg zur Ausgrabungsstätte.

„Sie wissen, was nicht weit von hier passiert ist, nicht wahr?“, fragte Cicero durch seine Atemschutzmaske, während sie liefen.

„Ja.“ Renault hatte den Bericht gelesen. Vor fünf Monaten war ein zwölfjähriger Junge aus einem nahegelegenen Dorf krank geworden, nachdem er Wasser aus dem Kolyma geholt hatte. Zuerst wurde vermutet, dass der Fluss verseucht sei, aber als weitere Symptome auftraten, wurde das Bild bald deutlicher. Nachdem sie von der Erkrankung gehört hatten, wurden sofort Forscher der WHO mobilisiert und eine Untersuchung eingeleitet.

Der Junge hatte die Pocken. Genauer gesagt, erkrankte er an einem unbekannten Pockenvirus, der noch nie zuvor in der modernen Welt aufgetreten war.

Die Ermittlungen führten letztlich zu den Überresten eines Karibu-Rentiers in der Nähe des Flussufers. Nach eingehenden Tests wurde die Vorahnung bestätigt: Das Rentier war vor mehr als zweihundert Jahren gestorben und sein Körper war im Permafrost eingeschlossen gewesen. Die Krankheitserreger, die das Tier getötet hatten, froren mit ihm ein und lagen inaktiv unter dem Eis verborgen – bis vor fünf Monaten.

„Es ist eine einfache Kettenreaktion“, sagte Cicero. „Wenn die Gletscher schmelzen, steigen der Wasserstand und die Temperatur des Flusses. Und das wiederum taut die Lagen des Permafrosts auf. Wer weiß, welche Krankheiten sonst noch in diesem Eis lauern. Uralte Erregerstämme, wie wir sie noch nie zuvor gesehen haben … es ist sogar sehr wahrscheinlich, dass einige davon vor die Entstehung der Menschheit zurückdatiert werden können.“ Die Stimme des Arztes klang angespannt, was nicht nur auf seiner Besorgnis basierte. Es klang ebenfalls eine gewisse Begeisterung darin mit. Dies war schließlich seine Lebensaufgabe.

„Ich habe gelesen, dass in 2016 durch das Schmelzen einer Eiskappe, Anthrax in einer Wasserversorgung gefunden wurde “, kommentierte Renault.

„Das stimmt. Ich wurde mit diesem Fall beauftragt. So wie auch mit dem Fall der spanischen Grippe, der in Alaska aufgetreten ist.“

„Was ist aus dem Jungen geworden?“, fragte der junge Franzose. „Der Pockenfall von vor fünf Monaten.“ Er wusste, dass der Junge, so wie auch die fünfzehn anderen infizierten Menschen aus seinem Dorf, unter Quarantäne gestellt worden waren, aber an dieser Stelle hatte die Berichterstattung geendet.

„Er ist gestorben“, sagte Cicero. In seiner Stimme lag keinerlei Emotion; nicht vergleichbar, wie wenn er von seiner Frau Phoebe sprach. Nach Jahrzehnten in seinem Berufsfeld hatte Cicero die subtile Kunst der innerlichen Abgrenzung gelernt. „Gemeinsam mit vier anderen. Es konnte dadurch allerdings ein Impfstoff gegen den Pockenstamm entwickelt werden, sodass ihr Tod nicht völlig umsonst war.“

„Trotzdem“, sagte Renault leise, „was für eine Schande.“

Die Ausgrabungsstätte befand sich weniger als einen Steinwurf vom Flussufer entfernt. Es handelte sich um ein zwanzig Quadratmeter großes Stück Tundra, das mit Metallpfählen und leuchtend gelbem Klebeband abgesperrt worden war. Es war die vierte Ausgrabungsstätte, die das Forschungsteam im Rahmen ihrer Ermittlungen bisher enthoben hatte. Vier weitere Forscher in Dekontaminierungsanzügen befanden sich in der abgesperrten Zone und sie alle lehnten sich über einen kleinen Bereich in der Nähe des Zentrums. Einer von ihnen sah die zwei Männer ankommen und eilte zu ihnen hinüber.

Es handelte sich um Dr. Bradlee, eine ausgeliehene Archäologin der Universität von Dublin.

„Cicero“, sagte sie. „Wir haben etwas gefunden.“

„Was ist es?“, fragte er, als er sich unter dem Absperrband hindurchschlängelte. Renault folgte ihm.

„Einen Arm.“

„Wie bitte?“, stieß Renault hervor.

„Zeigen Sie ihn mir“, sagte Cicero.

Bradlee führte sie zu der Stelle ausgehobenem Permafrosts. In den Permafrost zu graben – und dabei so vorsichtig zu sein – war keine leichte Aufgabe, wusste Renault. Die obersten Schichten gefrorener Erde tauten gewöhnlich im Sommer auf, aber die tieferen Schichten wurden so genannt, weil sie in den Polargebieten dauerhaft gefroren waren. Das Loch, welches Bradlee und ihr Team gegraben hatten, war fast zwei Meter tief und breit genug, sodass ein ausgewachsener Mann darin liegen konnte.

Nicht viel anders als ein Grab, dachte Renault grimmig.

Und wie sie gesagt hatte, waren die eingefrorenen Überreste eines menschlichen Arms am Boden des Loches sichtbar, gewunden, fast skelettartig und durch die Zeit und die Erde geschwärzt.

„Mein Gott“, sagte Cicero fast flüsternd. „Wissen Sie, was das ist Renault?“

„Eine Leiche?“, vermutete er. Zumindest hoffte er, dass an dem Arm noch mehr dranhing.

Cicero sprach schnell und gestikulierte mit seinen Händen. „In den 1880er Jahren gab es nicht weit von hier direkt am Ufer des Kolyma eine kleine Siedlung. Die ursprünglichen Siedler waren Nomaden, aber aufgrund ihrer wachsenden Bevölkerungszahl beabsichtigten sie, hier ein Dorf zu errichten. Dann geschah das Undenkbare. Eine Pockenepidemie brach aus und tötete vierzig Prozent ihres Stammes innerhalb von wenigen Tagen. Sie glaubten, der Fluss sei verflucht, und die Überlebenden flüchteten schnell.

„Aber bevor sie dies taten, begruben sie ihre Toten – genau hier, in einem Massengrab am Ufer des Kolyma-Flusses.“ Er zeigte in das Loch und auf den Arm. „Die Fluten zerstören die Ufer. Der schmelzende Permafrost würde diese Leichen bald aufdecken und danach würde es nicht mehr als die einheimische Fauna benötigen, um an ihnen zu nagen und um dadurch ein Träger der Krankheit zu werden, durch die wir einer völlig neuen Epidemie ausgesetzt werden würden.“

Renault vergaß für einen Moment zu atmen, während er einen der in Gelb gekleideten Forscher in dem Loch dabei beobachtete, wie er Proben von dem zerfallenden Arm kratze.

Die Entdeckung war ziemlich aufregend; bis vor fünf Monaten war der letzte bekannte Ausbruch dieser Pocken in 1977 in Somalia gewesen. Die Weltgesundheitsorganisation hatte die Krankheit 1980 für ausgerottet erklärt. Und doch standen sie nun am Rand eines Grabes, von dem bekannt war, dass es mit einem gefährlichen Virus infiziert war, der die Bevölkerung einer Großstadt innerhalb weniger Tage stark verringern könnte – und ihr Job war es, ihn auszugraben, zu überprüfen und Proben an die WHO zurückzuschicken.

„Genf wird es bestätigen müssen“, sagte Cicero leise. „Aber wenn meine Spekulationen korrekt sind, dann haben wir gerade einen achttausend Jahre alten Pockenstamm entdeckt.“

„Achttausend?“, fragte Renault. „Ich dachte, Sie sagten, die Besiedlung sei Ende des 19. Jahrhunderts gewesen.“

„Ja, das habe ich“, sagte Cicero. „Aber dann stellt sich die Frage, woher sie – ein isoliertes Nomadenvolk – den Virus bekommen haben. Auf ähnliche Weise, würde ich mir vorstellen. Sie gruben im Boden und stießen auf etwas, das seit langer Zeit gefroren war. Der Pockenstamm, der vor fünf Monaten in dem aufgetauten Karibu Kadaver gefunden wurde, konnte bis zum Beginn der Holozänepoche zurückverfolgt werden.“ Der ältere Virologe schien seinen Blick nicht von dem Arm abwenden zu können, welcher aus dem gefrorenen Schmutz herausragte. „Renault, holen Sie bitte den Behälter.“

Renault holte den Probenbehälter aus Stahl und stellte ihn auf die gefrorene Erde nahe der Lochkante. Er öffnete die vier Verschlüsse, die ihn verriegelten, und hob den Deckel. Dort, wo er sie vorhin versteckt hatte, befand sich eine MAB PA-15. Es war eine alte Pistole, die mit ihrem vollem fünfzehn Schuss-Magazin und einem in der Kammer mit einem knappen Kilogramm allerdings nicht allzu schwer war.

Die Waffe hatte seinem Onkel gehört, einem Veteranen der französischen Armee, der in Maghreb und Somalia gekämpft hatte.

Der junge Franzose mochte Waffen jedoch nicht; sie waren ihm zu direkt, zu diskriminierend und viel zu künstlich für seinen Geschmack. Nicht wie ein Virus – die perfekte Maschine der Natur, die in der Lage war, eine komplette Spezies auszulöschen, sowohl systematisch als auch kritiklos zugleich. Emotionslos, unnachgiebig und plötzlich; genau das, was er jetzt sein musste.

Er griff in die Stahlkiste und schlang seine Hand um die Waffe. Er schwankte leicht. Er wollte die Waffe nicht benutzen. Er hatte tatsächlich Gefallen an Ciceros ansteckendem Optimismus und dem Funkeln in den Augen des älteren Mannes gefunden.

Aber alle Dinge müssen ein Ende haben, dachte er, die nächste Erfahrung wartet bereits.

Renault stand dort mit der Pistole in der Hand. Er entfernte die Sicherung an der Pistole und schoss den beiden Forschern, die auf der anderen Seite des Loches standen, emotionslos direkt in die Brust.

Dr. Bradlee stieß wegen des plötzlichen Schusses der Pistole einen erschrockenen Schrei aus. Sie stolperte zwei Schritte rückwärts, bevor Renault ebenfalls zweimal auf sie schoss. Der englische Arzt, Scott, machte einen schwachen Versuch, aus dem Loch zu klettern, bevor der Franzose es mit einem einzigen Schuss in den Kopf zu seinem Grab machte.

Die Schüsse waren donnernd und ohrenbetäubend, aber es war für über hundertfünfzig Kilometer niemand um sie herum, der sie hätte hören können.

Cicero war wie versteinert und vor Schock und Angst gelähmt. Renault hatte nur sieben Sekunden gebraucht, um vier Leben zu nehmen – nur sieben Sekunden, um die Forschungsexpedition in einen Massenmord zu verwandeln.

Die Lippen des älteren Arztes zitterten hinter seiner Atemmaske, als er versuchte, zu sprechen. Nach einer Weile stotterte er ein einziges Wort: „Wi-wieso?“

Renaults eisiger Blick war stoisch, so distanziert, wie jeder Virologe sein musste. „Doktor“, sagte er sanft. „Sie hyperventilieren. Nehmen Sie Ihre Maske ab, bevor Sie ohnmächtig werden.“

Ciceros Atemzüge waren unregelmäßig und schnell – zu schnell für sein Beatmungsgerät. Sein Blick schweifte von der Waffe in Renaults Hand, die er locker an seiner Seite hielt, zu dem Loch hinüber, in dem der nun tote Dr. Scott lag. „Ich … das kann ich nicht“, stotterte Cicero. Seine Atemschutzmaske abzunehmen, würde ihn möglicherweise der Krankheit aussetzen. „Renault, bitte …“

„Mein Name ist nicht Renault“, sagte der junge Mann. „Ich heiße Cheval – Adrian Cheval. Es gab einen Universitätsstudenten namens Renault, der dieses Praktikum erhielt. Er ist jetzt tot. Es sind seine Aufzeichnungen und seine These, die Sie gelesen haben.“

Ciceros blutunterlaufene Augen öffneten sich noch weiter. Die Ränder seines Blicks verschwommen und wurden dunkel und er drohte, sein Bewusstsein zu verlieren. „Ich … ich verstehe nicht … warum?“

„Dr. Cicero, bitte. Nehmen Sie die Atemmaske ab. Wenn Sie schon sterben, würden Sie es nicht vorziehen, dies in Würde zu tun? Mit der Sonne im Gesicht, als hinter einer Maske? Wenn Sie Ihr Bewusstsein verlieren, dann versichere ich Ihnen, dass Sie nie wieder aufwachen werden.“

Mit zitternden Fingern griff Cicero langsam nach seiner gelben Kapuze und zog sie über seine weißen Haare. Dann packte er die Atemschutzmaske und das Beatmungsgerät und nahm es ab. Der Schweiß, der sich auf seiner Stirn geformt hatte, kühlte sofort und fror.

„Ich möchte, dass Sie wissen“, sagte der Franzose, „dass ich Sie und Ihre Arbeit respektiere, Cicero. Das hier macht mir keinen Spaß.“

„Renault – oder Cheval, wer auch immer Sie sein mögen – hören Sie auf Ihre Vernunft.“ Ohne das Atemgerät und die Maske hatte Cicero genug Kraft zurückerlangt, um eine Bitte zum Ausdruck zu bringen. Es konnte nur eine einzige Motivation geben, die den jungen Mann vor ihm zu einer solch grausamen Tat treiben würde. „Was auch immer Sie damit vorhaben, bitte, überdenken Sie es noch einmal. Es ist extrem gefährlich –“

Cheval seufzte. „Ich bin mir dessen bewusst, Doktor. Sehen Sie, ich war tatsächlich ein Student der Universität in Stockholm und ich verfolgte wirklich meinen Doktortitel. Letztes Jahr habe ich jedoch einen Fehler gemacht. Ich habe Fakultätsunterschriften auf einem Anforderungsformular gefälscht, um Proben eines seltenen Enterovirus zu bekommen. Sie haben es herausgefunden. Ich wurde exmatrikuliert.“

„Dann … dann lassen Sie mich Ihnen helfen“, bat Cicero. „I-ich kann eine solche Anfrage unterschreiben. Ich kann Sie bei Ihrer Forschungsarbeit unterstützen. Alles außer dem …“

„Forschung“, sagte Cheval leise. „Nein, Doktor. Ich bin nicht hinter der Forschung her. Meine Leute warten und sie sind keine geduldigen Männer.“

Ciceros Augen füllten sich mit Tränen. „Es wird nichts Gutes dabei herauskommen. Das wissen Sie.“

„Sie liegen falsch“, sagte der junge Mann. „Viele werden sterben, ja. Aber sie werden ehrenhaft sterben und den Weg für eine bessere Zukunft ebnen.“ Cheval wandte sich ab. Er wollte den freundlichen alten Doktor nicht erschießen. „Aber in einem Punkt hatten Sie recht. Meine Claudette, sie ist echt. Und Abwesenheit lässt die Liebe tatsächlich wachsen. Ich muss jetzt los, Cicero, und Sie auch. Aber ich respektiere Sie und bin bereit, Ihnen eine letzte Bitte zu gewähren. Gibt es irgendetwas, was Sie zu Ihrer Phoebe sagen möchten? Sie haben mein Wort, ich werde die Nachricht übermitteln.“

Cicero schüttelte langsam seinen Kopf. „Es gibt nichts, was ich ihr sagen möchte, das so wichtig sein könnte, ein Monster wie Sie in ihre Richtung zu schicken.“

„Also gut. Auf Wiedersehen Doktor.“ Cheval hob die PA-15 und feuerte einen einzelnen Schuss in Ciceros Stirn. Die Wunde schäumte, als der ältere Arzt taumelte und auf der Tundra zusammenbrach.

In der atemberaubenden Stille, die folgte, nahm sich Cheval einen Moment, kniete sich hin und murmelte ein kurzes Gebet. Dann machte er sich wieder an die Arbeit.

Er wischte die Fingerabdrücke und das Pulver von der Waffe und schleuderte sie in den fließenden, eisigen Kolyma. Dann rollte er die vier Leichen in das Loch zu Dr. Scott. Mit einer Schaufel und einer Hacke verbrachte er die nächsten neunzig Minuten damit, sie und den freiliegenden, zersetzenden Arm mit teilweise gefrorenem Dreck zu bedecken. Er nahm die Ausgrabungsstätte auseinander, zog die Pfähle heraus und riss das Absperrband ab. Er nahm sich Zeit, arbeitete akribisch – niemand würde für die nächsten acht bis zwölf Stunden überhaupt versuchen, das Forschungsteam zu kontaktieren und es würde mindestens vierundzwanzig Stunden dauern, bevor die WHO jemanden zur Ausgrabungsstätte schickte. Eine Untersuchung würde sicherlich die vergrabenen Leichen aufdecken, aber Cheval wollte es ihnen nicht leicht machen. Schließlich nahm er die Glasampullen, die die Proben des zersetzenden Arms enthielten, und schob sie vorsichtig nacheinander in die sicheren Schaumstoffröhren in der Edelstahlbox, wobei er sich bewusst war, dass jede Einzelne von ihnen das Potenzial hatte, extrem tödlich zu sein. Dann versiegelte er die vier Verschlüsse des Behälters und trug die Proben zurück zum Lager. Im provisorischen Reinraum trat Cheval in die mobile Dekontaminierungsdusche. Sechs Düsen sprühten ihn aus jedem Winkel mit heißem Wasser und einem eingebauten Emulgierungsmittel ab. Als er fertig war, zog er vorsichtig und methodisch den gelben Schutzanzug aus und ließ ihn auf dem Zeltboden liegen. Es war möglich, dass sein Haar oder sein Speichel, Faktoren um ihn zu identifizieren, am Anzug sein konnten – aber er hatte noch einen letzten Schritt vor sich.

Im Kofferraum von Ciceros Geländewagen befanden sich zwei rechteckige rote Benzinkanister. Er brauchte nur einen, um zurück zur Zivilisation zu gelangen. Den anderen schüttete er großzügig über den Reinraum, die vier Neoprenzelte und die Segeltuchüberdachung.

Dann zündete er das Feuer an. Die Flamme stieg schnell und augenblicklich auf und schickte schwarzen, öligen Rauch in den Himmel. Cheval stieg mit dem stählernen Probenbehälter in den Jeep und fuhr davon. Er fuhr nicht schnell und schaute auch nicht in den Rückspiegel, um das Lager brennen zu sehen. Er nahm sich Zeit.

Imam Khalil würde ihn erwarten. Aber der junge Franzose hatte noch viel zu tun, bevor der Virus bereit war.

  KAPITEL EINS

Reid Lawson spähte zum zehnten Mal in weniger als zwei Minuten durch die Jalousien seines Heimbüros. Er wurde nervös; der Bus sollte inzwischen angekommen sein.

Sein Büro befand sich im zweiten Stock, im kleinsten der drei Schlafzimmer in ihrem neuen Zuhause in der Spruce Street in Alexandria, Virginia. Es war ein willkommener Kontrast zu dem engen, kastenförmigen Arbeitszimmer in der Bronx, welches eher der Größe eines Schranks geglichen hatte. Die Hälfte seiner Sachen war ausgepackt; der Rest befand sich immer noch in Kartons, welche im Raum verteilt standen. Seine Bücherregale waren aufgebaut, seine Bücher lagen jedoch in alphabetischer Ordnung aufeinandergestapelt auf dem Boden. Die einzigen Möbel, für die er sich Zeit genommen hatte, sie fertig aufzubauen, waren sein Schreibtisch und sein Computer.

Reid hatte sich selbst gesagt, dass heute der Tag sein würde, an dem er endlich alles sortierte und sein Büro aufräumen würde, fast einen ganzen Monat nach dem Einzug.

Er hatte es geschafft, eine Kiste auszupacken. Es war ein Anfang.

Der Bus ist nie spät, dachte er. Er ist immer zwischen dreiundzwanzig und fünfundzwanzig nach hier. Es ist drei Uhr einunddreißig.

Ich werde sie anrufen.

Er nahm sein Handy vom Schreibtisch und wählte Mayas Nummer. Er ging auf und ab und versuchte, nicht an all die schrecklichen Dinge zu denken, die seinen Mädchen auf dem Weg von der Schule zu ihrem Zuhause hätten passiert sein können.

Der Anruf wurde sofort zur Mailbox weitergeleitet.

Reid eilte die Treppe zum Eingangsbereich hinunter und zog eine leichte Jacke an; der März in Virginia war deutlich angenehmer als in New York, aber immer noch etwas kühl. Mit seinem Autoschlüssel in der Hand drückte er den vierstelligen Sicherheitscode in die Bedienungsfläche an der Wand, um das Alarmsystem in den „Außer Haus“ Modus zu schalten. Er kannte die genaue Route, die der Bus fuhr; er konnte sie bis zur Highschool zurückverfolgen, wenn es notwendig war und …

Sobald er die Haustür öffnete, kam der gelbe Bus am Ende seiner Einfahrt zum Stehen.

„Erwischt“, murmelte Reid. Er konnte sich schlecht wieder ins Haus schleichen. Er war zweifelslos gesehen worden. Seine zwei Teenagermädchen stiegen aus dem Bus und kamen den Gehweg entlang, bevor sie kurz vor der Haustür stehenblieben, die er nun, als der Bus davonfuhr, blockierte.

„Hi Mädels“, sagte er so heiter wie möglich. „Wie war die Schule?“

Seine Älteste, Maya, warf ihm einen misstrauischen Blick zu, als sie ihre Arme vor ihrer Brust verschränkte. „Wo gehst du hin?“

„Ähm … die Post holen“, sagte er zu ihr.

„Mit deinem Autoschlüssel?“ Sie deutete auf seine Faust, die tatsächlich die Schlüssel des silbernen SUV umschloss. „Probier’s noch mal.“

Ja, dachte er. Erwischt. „Der Bus war spät dran. Und ihr wisst, was ich gesagt habe, wenn ihr spät dran seid, dann müsst ihr mich anrufen. Und wieso bist du nicht an dein Handy gegangen? Ich habe versucht, anzurufen –“

„Sechs Minuten, Dad.“ Maya schüttelte ihren Kopf. „Sechs Minuten sind nicht ‚spät’. Sechs Minuten liegen am Verkehr. Es gab einen Blechschaden auf der Vine Street.“

Er ging einen Schritt zur Seite, als sie das Haus betraten. Seine jüngere Tochter Sara gab ihm eine kurze Umarmung und murmelte: „Hi Daddy.“

„Hallo Schatz.“ Reid zog die Tür hinter ihnen zu, schloss ab und drückte dann die Tasten des Alarmsystems, bevor er sich an Maya wandte. „Verkehr hin oder her, ich möchte, dass ihr mir Bescheid sagt, wenn ihr spät dran seid.“

„Du bist neurotisch“, murmelte sie.

„Entschuldige bitte?“ Reid blinzelte überrascht. „Du scheinst Neurose mit Besorgnis zu verwechseln.“

„Oh, bitte“, gab Maya zurück. „Du hast uns seit Wochen nicht aus den Augen gelassen. Nicht, seit du zurück bist.“

Sie hatte wie immer recht. Reid war schon immer ein beschützender Vater gewesen und er war dies noch mehr, seit seine Frau Kate vor zwei Jahren gestorben war. Aber in den letzten vier Wochen war er zum waschechten Helikoptervater geworden, der über seinen Kindern schwebte und (wenn er ehrlich mit sich war) vielleicht ein wenig aufdringlich schien.

Aber er war nicht bereit, das zuzugeben.

„Mein liebes, süßes Kind“, tadelte er, „während du erwachsen wirst, wirst du eine sehr bittere Wahrheit lernen müssen – dass du manchmal falsch liegst. Und genau jetzt liegst du falsch.“ Er grinste, sie allerdings nicht. Es lag in seiner Natur, zu versuchen, die Spannung mit seinen Kindern zu entschärfen, aber Maya war nicht bereit dazu.

„Was auch immer.“ Sie marschierte durch den Flur und in die Küche. Sie war sechzehn und für ihr Alter erstaunlich intelligent – manchmal, so schien es, zu intelligent für ihr eigenes Wohl. Sie hatte Reids dunkles Haar und seinen Hang zu einer dramatischen Debatte geerbt, aber in letzter Zeit schien sie eine Neigung zu jugendlicher Existenzangst oder zumindest einer schlechten Laune entwickelt zu haben. Dies war vermutlich auf eine Kombination aus Reids ständigem Herumlungern und offensichtlicher Fehlinformation über die Ereignisse, die vor einem Monat passiert waren, zurückzuführen. Sara, die Jüngere der beiden, stapfte die Treppe hinauf. „Ich werde mit den Hausaufgaben anfangen“, sagte sie leise.

Sie hatten ihn im Flur alleine stehengelassen. Reid seufzte und lehnte sich gegen die weiße Wand. Sein Herz sorgte sich um seine Mädchen. Sara war vierzehn und generell lebhaft und süß, aber wann immer das Thema aufkam, was im Februar passiert war, verstummte sie, oder verließ schnell den Raum. Sie wollte einfach nicht darüber reden. Vor ein paar Tagen hatte Reid versucht, sie dazu zu bringen, einen Therapeuten aufzusuchen, eine neutrale dritte Person, mit der sie sprechen konnte. (Natürlich musste es ein Arzt sein, der mit der CIA verbunden war). Sara lehnte mit einem einfachen und kurzen „Nein, danke“ alles ab und eilte aus dem Zimmer, bevor Reid noch ein weiteres Wort aussprechen konnte.

Er hasste es, die Wahrheit vor seinen Kindern verbergen zu müssen, aber es war notwendig. Außerhalb der Agentur und Interpol konnte niemand die Wahrheit wissen – dass er vor knapp einem Monat einen Teil seines Gedächtnisses als CIA-Agent unter dem Namen Kent Steele – unter Kollegen und Feinden auch bekannt als Agent Null – wiedererlangt hatte. Ein experimenteller Gedächtnisunterdrücker in seinem Kopf hatte dazu geführt, dass er für fast zwei Jahre alles über Kent Steele und seine Arbeit als Agent vergessen hatte, bis das Gerät aus seinem Nacken geschnitten wurde.

Die meisten seiner Erinnerungen als Kent hatte er immer noch nicht zurückerlangt. Sie waren irgendwo da drin, eingeschlossen in den Nischen seines Gehirns, aber sie tropften wie ein undichter Wasserhahn langsam zurück, meist ausgelöst von einem visuellen oder verbalen Hinweis. Die grausame Entfernung des Gedächtnisunterdrückers hatte etwas mit seinem limbischen System angerichtet, sodass die Erinnerungen davon abgehalten wurden, alle auf einmal zurückzukommen – und Reid war meistens froh darüber. Darauf basierend, was er über sein Leben als Agent Null wusste, war er sich nicht sicher, ob er sie überhaupt alle zurückhaben wollte. Sein größter Zweifel war, dass er sich an etwas erinnern würde, an das er nicht erinnert werden wollte, an eine schmerzliche Trauer oder schreckliche Tat, mit der Reid Lawson niemals leben konnte.

Außerdem war er seit dem Vorfall im Februar sehr beschäftigt gewesen. Die CIA hatte ihm dabei geholfen, seine Familie umzusiedeln; nach seiner Rückkehr in die USA wurden er und seine Mädchen nach Alexandria in Virginia gebracht, was nur eine kurze Fahrt von Washington entfernt war. Die Behörde half ihm, eine Stelle als Zeitvertragsprofessor an der Georgetown-Universität zu bekommen. Seitdem war alles wie ein Wirbelwind an ihnen vorbeigezogen: die Mädchen in der neuen Schule einzuschreiben, sich an seinen neuen Job zu gewöhnen und in das neue Haus in Virginia zu ziehen. Aber Reid hatte viel dazu beigetragen, beschäftigt und abgelenkt zu sein, indem er sich selbst viele Aufgaben erteilte. Er strich die Zimmer. Er rüstete seine Haushaltsgeräte auf. Er kaufte neue Möbel und neue Schulkleidung für die Mädchen. Er konnte es sich leisten; die CIA hatte ihm eine beträchtliche Summe für die Beteiligung an der Hinderung der Terrororganisation Amun zugesprochen. Es war mehr, als er jährlich als Professor verdiente. Sie überwiesen es in monatlichen Raten, um eine Überprüfung zu vermeiden. Die Checks wurden von einem gefälschten Verlag, welcher behauptete, eine zukünftige Reihe Geschichtslehrbücher zu erstellen, als Beratungsgebühr auf sein Bankkonto überwiesen.

Zwischen dem Geld und reichlich freier Zeit – er gab im Moment nur ein paar Vorlesungen pro Woche – blieb Reid so beschäftigt, wie er nur konnte. Denn nur für einen Moment anzuhalten, bedeutete, dass er nachdenken würde, nicht nur über sein gebrochenes Gedächtnis, sondern auch über eine weitere unangenehme Sache. Die neun Gesichter, die er gründlich überprüft hatte. Die neun Leben, die aufgrund seines Versagens beendet worden waren.

„Nein“, murmelte er leise, alleine im Eingangsbereich ihres neuen Zuhauses. „Tu dir das nicht an.“ Er wollte sich jetzt nicht daran erinnern. Stattdessen machte er sich auf den Weg in die Küche, wo Maya durch den Kühlschrank wühlte, um etwas zu essen zu finden.

„Ich denke, ich werde Pizza bestellen“, verkündete er. Als sie nichts sagte, fügte er hinzu: „Was denkst du?“

Mit einem Seufzen schloss sie den Kühlschrank und lehnte sich dagegen. „Ist in Ordnung“, sagte sie nur. Dann sah sie sich um.

„Die Küche ist schöner. Ich mag das Dachfenster. Der Garten ist auch größer.“

Reid lächelte. „Ich sprach von der Pizza.“

„Ich weiß“, antwortete sie mit einem Schulterzucken. „Du scheinst es in letzter Zeit vorzuziehen, das offensichtliche Thema zu meiden, also dachte ich mir, ich würde es auch tun.“

Er schreckte vor ihrer Direktheit zurück. Bei mehr als einer Gelegenheit hatte sie ihn nach Informationen ausgefragt, die sein Verschwinden betrafen, aber das Gespräch endete immer damit, dass er darauf bestand, seine Vertuschungsgeschichte sei die Wahrheit, und dass sie wütend wurde, weil sie wusste, dass er log. Dann würde sie es für eine Woche oder so ruhen lassen, bevor der Teufelskreis erneut begann.

„Es gibt keinen Grund für solch ein Verhalten Maya“, sagte er.

„Ich werde nach Sara schauen.“ Maya drehte sich um und verließ die Küche. Einen Augenblick später hörte er sie die Treppe hinaufstampfen. Er kniff sich frustriert in den Nasenrücken. Es war in Zeiten wie diesen, dass er Kate am meisten vermisste. Sie wusste immer genau, was gesagt werden musste. Sie hätte gewusst, wie man mit zwei Teenagern umgeht, die etwas wie das, was seine Mädchen erlebt hatten, durchgemacht hatten.

Seine Willenskraft, mit der Lüge fortzufahren, wurde schwach. Er konnte sich nicht dazu bringen, die Vertuschungsgeschichte zu wiederholen, welche die CIA ihm zur Verfügung gestellt hatte, um Familie und Kollegen darüber zu erzählen, wohin er für die Woche verschwunden war. Die Geschichte war, dass Beamte des Bundesstaates zu seiner Tür gekommen waren, um seine Unterstützung in einem wichtigen Fall zu fordern. Als Professor einer Eliteuniversität war er in der einzigartigen Position, sie bei der Nachforschung zu unterstützen. Den Mädchen war gesagt worden, dass er die meiste Zeit seiner Woche in einem Konferenzraum verbracht, über Büchern gebrütet und Computerbildschirme angestarrt hatte. Das war alles, was er sagen durfte, und er konnte keine Details mit ihnen teilen.

Er konnte ihnen sicherlich nicht von seiner heimlichen Vergangenheit als Agent Null erzählen, oder davon, dass er dabei geholfen hatte, Amun davon abzuhalten, das Weltwirtschaftszentrum in Davos in der Schweiz zu bombardieren. Er konnte ihnen nicht sagen, dass er eigenhändig mehr als ein Dutzend Menschen innerhalb nur eines Tages getötet hatte, von denen jeder Einzelne zweifellos ein Terrorist war.

Er musste an seiner vagen Vertuschungsgeschichte festhalten, nicht nur für die CIA, sondern auch, um die Sicherheit seiner Mädchen zu bewahren. Während er waghalsig durch ganz Europa gejagt war, mussten seine Töchter aus New York fliehen und waren mehrere Tage auf sich selbst gestellt gewesen, bevor sie von der CIA abgeholt und in ein sicheres Haus gebracht worden waren. Sie wären beinahe von zwei Amun-Radikalen entführt worden – ein Gedanke, der Reids Nackenhaare zu Berge stehen ließ, weil es bedeutete, dass die Terroristengruppe Mitglieder in den Vereinigten Staaten hatte. Es hatte in letzter Zeit sicher zu seinem extrem überfürsorglichen Charakter beigetragen. Den Mädchen war gesagt worden, dass die beiden Männer, die versuchten, sie anzusprechen, Mitglieder einer örtlichen Bande gewesen seien, die versuchten, Kinder in der Umgebung zu entführen. Sara schien der Geschichte zwar skeptisch gegenüber zu stehen, akzeptierte sie jedoch auf der Grundlage, dass ihr Vater sie nicht anlügen würde (weswegen Reid sich natürlich noch viel schlimmer fühlte). Das, gepaart mit ihrer völligen Abneigung darüber zu sprechen, machte es leicht, das Thema zu umgehen und einfach mit ihrem Leben fortzufahren. Maya auf der anderen Seite zweifelte an allem. Sie war nicht nur klug genug, um es besser zu wissen, sondern sie hatte während der Tortur Kontakt mit Reid über Skype gehalten, und hatte daher scheinbar ausreichend Informationen gesammelt, um Vermutungen anzustellen. Sie war selbst Augenzeugin geworden, als Agent Watson die beiden Radikalen getötet hatte, und seitdem einfach nicht dieselbe gewesen.

Reid hatte keine Ahnung, was er tun sollte, außer zu versuchen, sein Leben so normal wie möglich fortzuführen. Reid zog sein Handy aus seiner Tasche, rief die Pizzeria an der Ecke an und bestellte zwei mittelgroße Pizzen – eine mit extra Käse (Saras Favorit) und die andere mit Schinken und grüner Paprika (Mayas Lieblingspizza).

Als er auflegte, hörte er Schritte auf der Treppe. Maya kehrte in die Küche zurück. „Sara hat sich hingelegt.“

„Schon wieder?“ Es schien so, als schliefe Sara in letzter Zeit viel tagsüber. „Schläft sie nachts denn nicht?“

Maya zuckte die Achseln. „Ich weiß es nicht. Vielleicht solltest du sie fragen.“

„Ich hab’s versucht. Sie sagt mir nichts.“

„Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht versteht, was passiert ist“, schlug Maya vor.

„Ich habe euch beiden erzählt, was passiert ist.“ Lass es mich nicht noch einmal wiederholen, dachte er. Bitte zwinge mich nicht, dir wieder ins Gesicht lügen zu müssen.

„Vielleicht hat sie Angst“, fuhr Maya fort. „Vielleicht liegt es daran, dass sie weiß, dass ihr Vater, dem sie vertrauen soll, sie anlügt –“

„Maya Joanne“, warnte Reid sie. „Du wirst deine nächsten Worte sorgfältig auswählen wollen …“

„Vielleicht ist sie nicht die Einzige!“ Maya schien nicht nachzugeben. Nicht dieses Mal. „Vielleicht habe ich auch Angst.“

„Wir sind hier sicher“, sagte Reid nachdrücklich und versuchte dabei überzeugend zu wirken, selbst wenn er dies selbst nicht ganz glaubte. Er bekam Kopfschmerzen im vorderen Teil seines Schädels. Er nahm ein Glas aus dem Schrank und füllte es mit kaltem Wasser aus dem Wasserhahn.

„Ja, und wir dachten, wir wären in New York in Sicherheit“, schoss Maya zurück. „Vielleicht würde es uns die ganze Sache leichter machen, wenn wir wüssten, was los ist und was du wirklich machst. Aber nein.“ Ob es seine Unfähigkeit war, sie für zwanzig Minuten allein zu lassen oder ihr Verdacht darüber, was passiert war, spielte keine Rolle. Sie wollte Antworten. „Du weißt verdammt noch mal genau, was wir durchgemacht haben. Aber wir haben keine Ahnung, was mit dir passiert ist!“ Sie schrie jetzt fast. „Wo du hingingst, was du gemacht hast, wie du verletzt wurdest –“

„Maya, ich schwöre …“ Reid stellte das Glas auf die Theke und hob einen warnenden Finger in ihre Richtung.

„Was schwörst du?“, schnappte sie. „Die Wahrheit zu sagen? Dann sag sie mir einfach!“

„Ich kann dir die Wahrheit nicht sagen!“, brüllte er. Dabei warf er seine Arme zu beiden Seiten in die Luft. Eine Hand fegte das Glas von der Arbeitsplatte.

Reid hatte keine Zeit, nachzudenken oder abzuwägen. Sein Instinkt nahm überhand und in einer schnellen, flüssigen Bewegung, beugte er seine Knie und griff das Glas aus der Luft, bevor es auf den Boden fallen konnte.

Er nahm sofort einen bedauernden Atemzug, als das Wasser zwar leicht überschwappte, jedoch kaum ein Tropfen vergossen wurde.

Maya starrte ihn mit großen Augen an, aber er wusste nicht, ob ihre Überraschung an seinen Worten oder seiner Handlung lag. Es war das erste Mal, dass sie ihn so gesehen hatte – und das erste Mal, dass er lautstark eingestanden hatte, dass das, was er ihnen erzählte, vielleicht nicht das war, was tatsächlich geschehen war. Es war egal, ob sie es gewusst oder nur vermutet hatte. Er hatte es hinausposaunt und nun konnte er es nicht zurücknehmen.

„Glücksfall“, sagte er schnell.

Maya verschränkte langsam ihre Arme, hob eine Augenbraue und spitzte ihre Lippen. Er kannte diesen Ausdruck; es war ein anklagender Blick, den sie ganz klar von ihrer Mutter geerbt hatte. „Du kannst vielleicht Sara oder Tante Linda täuschen, aber ich kaufe es dir nicht ab, nicht mal für eine Sekunde.“

Reid schloss seine Augen und seufzte. Sie würde ihn nicht davonkommen lassen, also senkte er seine Stimme und sprach vorsichtig.

„Maya, hör zu. Du bist sehr intelligent – sicher schlau genug, um gewisse Vermutungen darüber anzustellen, was geschehen ist“, sagte er. „Das Wichtigste ist jedoch, zu verstehen, dass es gefährlich sein könnte, gewisse Dinge zu wissen. Die potenzielle Gefahr, der ihr in der Woche meiner Abwesenheit ausgesetzt wart, könnte andauernd sein, wenn ihr alles wüsstet. Ich kann dir nicht sagen, ob du richtig oder falsch liegst. Ich werde nichts bestätigen oder bestreiten. Also lass uns einfach sagen, dass … die Annahmen, die du bis jetzt getroffen hast, stimmen, solange du darauf achtest, sie für dich zu behalten.“

Maya nickte langsam. Sie schaute den Gang entlang, um sicherzustellen, dass Sara nicht anwesend war, bevor sie sagte: „Du bist nicht nur ein Professor. Du arbeitest für jemanden auf Regierungsebene – das FBI vielleicht, oder die CIA –“

„Um Gottes Willen Maya, ich habe gesagt, du sollst es für dich behalten!“, stöhnte Reid.

„Die Sache mit den Olympischen Winterspielen und dem Forum in Davos“, fuhr sie fort, „damit hattest du etwas zu tun.“

„Ich habe dir gesagt, ich werde nichts bestätigen oder bestreiten –“

„Und die terroristische Gruppe, über die sie in den Nachrichten sprechen, Amun. Du hast dabei geholfen, sie aufzuhalten?“

Reid wandte sich ab und warf einen Blick aus dem kleinen Fenster und in den Garten hinaus. Und damit war es zu spät. Er musste nichts bestätigen oder abstreiten. Sie konnte es in seinem Gesicht lesen.

„Das hier ist kein Spiel, Maya. Das hier ist ernst und wenn die falschen Leute wüssten –“

„Wusste Mom davon?“

Von allen Fragen, die sie hätte stellen können, warf ihn diese aus der Bahn. Für einen langen Moment war er stumm. Wieder einmal hatte sich seine Älteste als zu intelligent herausgestellt, vielleicht sogar für ihr eigenes Wohl.

„Ich glaube nicht“, sagte er leise.

„Und all die Reisen, die du früher angetreten bist“, sagte Maya, „das waren keine Konferenzen oder Gastvorträge, nicht wahr?“

„Nein. Das waren sie nicht.“

„Dann hast du für eine Weile aufgehört. Hast du … nach Moms … gekündigt?“

„Ja. Aber dann brauchten sie mich wieder.“

Das war ein ausreichender Teil der Wahrheit, sodass er sich nicht fühlte, als würde er lügen – und hoffentlich genug, um Mayas Neugier zu stillen.

Er drehte sich wieder zu ihr um. Sie starrte mit einem finsteren Blick auf den gefliesten Boden. Offensichtlich gab es noch mehr Fragen, die sie stellen wollte. Er hoffte, dass sie es nicht tun würde.

„Noch eine Frage.“ Ihre Stimme war fast ein Flüstern. „Hatte dieses Zeug irgendetwas mit … mit Moms Tod zu tun?“

„Oh Gott. Nein. Maya. Natürlich nicht.“

Er durchquerte schnell den Raum und schloss seine Arme fest um sie. „Denk das bloß nicht. Was mit Mom passiert ist, war medizinisch. Es hätte jedem passieren können. Es war nicht … es hatte nichts damit zu tun.“

„Ich glaube, das wusste ich“, sagte sie leise. „Ich musste nur fragen …“

„Das ist in Ordnung.“ Das war das Letzte, was er wollte. Dass sie dachte, Kates Tod hätte irgendeine Verbindung zu dem geheimen Leben, in welches er verwickelt war.

Etwas schoss ihm durch den Kopf – eine Vision. Eine Erinnerung an die Vergangenheit. Eine vertraute Küche. Ihr Zuhause in Virginia, bevor sie nach New York zogen. Bevor sie starb. Kate steht vor dir, genau so wunderschön, wie du sie in Erinnerung hast – aber ihre Stirn liegt in Falten, ihr Blick ist hart. Sie ist wütend. Sie schreit. Sie zeigt mit ihren Händen auf etwas, das auf dem Tisch liegt …

Reid trat einen Schritt zurück und löste sich aus Mayas Umarmung, als die vage Erinnerung Kopfschmerzen in seiner Stirn verursachte. Manchmal versuchte sein Gehirn, sich an bestimmte Dinge aus der Vergangenheit zu erinnern, die noch immer verborgen lagen. Wenn er versuchte, die Erinnerungen zu erzwingen, verursachten sie einen migräneartigen Schmerz im vorderen Teil seines Schädels. Aber dieses Mal war anders, merkwürdiger; er erinnerte sich eindeutig an Kate, an eine Art Streit, den sie hatten und der ihm nicht mehr bewusst gewesen war.

„Dad, ist alles in Ordnung?“, fragte Maya.

Plötzlich klingelte es an der Tür und sie zuckten beide vor Schreck zusammen.

„Ähm, ja“, murmelte er. „Es geht mir gut. Das muss die Pizza sein.“ Er sah auf die Uhr und runzelte die Stirn. „Das ging wirklich schnell. Ich bin sofort zurück.“ Er ging durch den Flur und spähte durch den Spion. Vor der Tür stand ein junger Mann mit einem dunklen Bart und leeren Blick. Er trug ein rotes Poloshirt mit dem Logo der Pizzeria.

Trotzdem blickte Reid über seine Schulter zurück, um sicherzustellen, dass Maya ihn nicht sah, und schob seine Hand in die Innenseite seiner dunkelbraunen Bomberjacke, die an einem Haken neben der Tür hing. In der Innentasche befand sich eine geladene Glock 22. Er löste die Sicherung und steckte die Waffe in die Rückseite seiner Hose, bevor er die Tür öffnete.

„Lieferung für Lawson“, sagte der Pizzalieferant mit monotoner Stimme.

„Ja, das bin ich. Wie viel?“

Der Mann hielt die zwei Pizzakartons mit einem Arm, während er in seine hintere Hosentasche griff. Reid tat instinktiv das Gleiche.

Aus seinem Augenwinkel sah er eine Bewegung und sein Blick flog nach links. Ein Mann mit einem militärischen Kurzhaarschnitt überquerte eilig den Rasen – was jedoch noch wichtiger war, war die Tatsache, dass er an seiner Hüfte eine Pistole in einem Holster trug … mit seiner rechten Hand über dem Abzug.

  KAPITEL ZWEI

Reid hob seinen Arm in die Luft, wie ein Lotse, der den Verkehr anhielt.

„Alles in Ordnung, Mr. Thompson“, rief er. „Es ist nur Pizza.“

Der ältere Mann mit gräulichem Kurzhaarschnitt und rundem Bauch, der sich in seinem Vorgarten befand, blieb plötzlich stehen. Der Pizzalieferant schaute über seine Schulter und zeigte zum ersten Mal eine Emotion – seine Augen weiteten sich vor Schock, als er die Waffe und die Hand, die darauf ruhte, sah.

„Sind Sie sich sicher, Reid?“ Mr. Thompson musterte den Pizzalieferanten misstrauisch.

„Ich bin mir sicher.“

Der Lieferant zog langsam eine Quittung aus seiner Hosentasche. „Ähm, das macht achtzehn Dollar“, sagte er verwirrt.

Reid gab ihm einen Zwanziger und noch einen Zehner und nahm ihm die Pizzakartons ab. „Behalten Sie das Wechselgeld.“

Das musste er dem Pizzamann nicht zweimal sagen. Er rannte zurück zu seinem wartenden Auto, sprang hinein und düste davon. Mr. Thompson sah ihm mit zusammengekniffenen Augen nach.

„Danke, Mr. Thompson“, sagte Reid. „Aber es ist bloß Pizza.“

„Ich mochte den Kerl nicht“, knurrte sein Nachbar. Reid konnte den älteren Mann gut leiden – obwohl er der Meinung war, dass Thompson seine Rolle, ein wachsames Auge auf die Lawson-Familie zu haben, etwas zu ernst nahm. Trotzdem hatte Reid lieber jemanden in der Nähe, der etwas übereifrig war, als jemanden, der seine Pflichten vernachlässigte.

„Man kann nie vorsichtig genug sein“, fügte Thompson hinzu. „Wie geht es den Mädchen?“

„Es geht ihnen gut.“ Reid lächelte freundlich. „Aber, ähm … müssen Sie die immer so offensichtlich mit sich herumtragen?“ Er deutete auf die Smith & Wesson an Thompsons Hüfte.

Der ältere Mann sah ihn verwirrt an. „Nun, ja … ja. Meine KWK ist abgelaufen und Virginia ist ein legaler Open-Carry-Staat.“

„… richtig.“ Reid zwang sich zu einem weiteren Lächeln. „Sicher. Nochmals vielen Dank Mr. Thompson. Ich werde Sie wissen lassen, wenn wir etwas brauchen.“

Thompson nickte und trottete dann zurück über den Rasen zu seinem eigenen Haus. Deputy Director Cartwright hatte Reid versichert, dass der ältere Mann durchaus kompetent sei; Thompson war ein pensionierter CIA-Agent, und obwohl er seit mehr als zwei Jahrzehnte nicht mehr im Dienst war, war er offensichtlich froh – wenn nicht sogar begierig darauf – wieder nützlich sein zu können.

Reid seufzte und zog die Tür hinter sich zu. Er schloss sie ab und schaltete den Alarm wieder an (was zu einem Ritual geworden war, jedes Mal, wenn er die Tür öffnete und wieder schloss) und wandte sich dann an Maya, die hinter ihm im Flur stand.

„Worum ging es denn da gerade?“, fragte sie.

„Oh nichts. Mr. Thompson wollte nur ‚Hallo’ sagen.“

Maya verschränkte ihre Arme. „Und ich dachte, wir hätten so gute Fortschritte gemacht.“

„Sei nicht albern“, spottete Reid. „Mr. Thompson ist bloß ein harmloser alter Mann –“

„Harmlos? Er trägt stets eine Waffe mit sich herum“, protestierte Maya. „Und glaube ja nicht, dass ich nicht sehe, wie er uns von seinem Fenster aus beobachtet. Es ist so, als würde er uns ausspionieren –“ Ihr Mund öffnete sich ein wenig. „Oh mein Gott, weiß er über uns Bescheid? Ist Mr. Thompson auch ein Spion?“

„Meine Güte Maya, ich bin kein Spion …“

Eigentlich, dachte er zu sich, ist das genau, was du bist …

„Ich glaube es nicht!“, rief sie. „Ist das der Grund dafür, warum er auf uns aufpasst, wenn du unterwegs bist?“

„Ja“, gab er leise zu. Er musste ihr nichts von den Wahrheiten erzählen, nach denen sie nicht fragte, aber es machte auch keinen Sinn, Dinge vor ihr zu verbergen, die sie schon richtig vermutete.

Er erwartete, dass sie wütend wurde und wieder mit Anschuldigungen um sich schlagen würde, doch stattdessen schüttelte sie den Kopf und murmelte: „Unglaublich. Mein Dad ist ein Spion und unser verrückter Nachbar ist ein Bodyguard.“ Dann fiel sie ihm, zu seiner Überraschung, um den Hals und schlug ihm dabei fast die Pizzakartons aus dem Arm. „Ich weiß, du kannst mir nicht alles sagen. Alles, was ich wollte, war ein kleines Stück Wahrheit.“

„Ja, ja“, murmelte er. „Ich riskiere schließlich nur die internationale Sicherheit, um ein guter Vater zu sein. Jetzt geh und wecke deine Schwester auf, bevor die Pizza kalt wird. Und Maya? Kein Wort davon zu Sara.“

Er ging in die Küche, holte ein paar Teller und Servietten, und schenkte drei Gläser Limonade ein. Ein paar Augenblicke später schlurfte Sara in die Küche und rieb sich den Schlaf aus den Augen.

„Hi, Daddy“, murmelte sie.

„Hallo Liebling. Setz dich. Schläfst du okay?“

„Hmm“, murmelte sie vage. Sara nahm ein Stück Pizza, biss die Spitze ab und kaute langsam und träge.

Er machte sich Sorgen um sie, aber er versuchte, es nicht zu zeigen. Stattdessen schnappte er sich ein Stück Schinken-Paprika-Pizza. Es war auf halbem Weg zu seinem Mund, als Maya dazwischen ging und es ihm aus der Hand nahm.

„Was glaubst du, was du da machst?“, fragte sie.

„… essen? Oder zumindest versuche ich das.“

„Ähm nein. Du hast ein Date, erinnerst du dich?

„Was? Nein, das ist morgen …“ Er verstummte verunsichert. „Oh Gott, das ist heute, nicht wahr?“ Er schlug sich beinahe gegen die Stirn.

„Stimmt genau“, sagte Maya mit einem vollen Mund Pizza.

„Es ist außerdem kein Date, sondern ein Abendessen mit einer Freundin.“

Maya zuckte mit den Schultern. „Gut. Aber wenn du dich nicht beeilst, wirst du zu deinem ‚Abendessen mit einer Freundin’ zu spät kommen.“

Er schaute auf seine Uhr. Sie hatte recht; er sollte Maria um fünf treffen.

„Mach schnell. Geh und zieh dich um.“ Sie scheuchte ihn aus der Küche und er eilte die Treppe hinauf.

Bei allem, was vor sich ging, und seinen ständigen Versuchen, seinen eigenen Gedanken zu entfliehen, hatte er fast das Versprechen vergessen, sich mit Maria zu treffen. In den letzten paar Wochen hatte es mehrere halbherzige Versuche gegeben, sich zu treffen, die aber immer daran scheiterten, dass einem von ihnen etwas dazwischengekommen war. Wenn er ehrlich mit sich war, war er es immer gewesen, der einen Vorwand hatte. Maria schien es endlich sattzuhaben und plante nicht nur das Treffen, sondern suchte auch einen Ort aus, der auf halbem Weg zwischen Alexandria und Baltimore lag, wo sie wohnte. Er musste ihr allerdings versprechen, dass er sich tatsächlich die Zeit nehmen würde, sie zu sehen.

Er vermisste sie. Er vermisste es, in ihrer Nähe zu sein. Sie waren nicht nur Arbeitskollegen gewesen; es gab eine Vorgeschichte zwischen ihnen, aber Reid konnte sich an den Großteil davon nicht erinnern. Tatsächlich erinnerte er sich an kaum etwas. Alles, was er wusste, war, dass er ein besonders Gefühl bekam, wenn er in ihrer Nähe war. So, als wäre er ihr wichtig – als wäre er mit einer Freundin zusammen, der er vertrauen konnte und vielleicht sogar mehr als das.

Er ging zum Kleiderschrank und entschied sich für ein Outfit, das er für angemessen hielt. Er mochte den klassischen Style, obwohl er sich bewusst war, dass seine Garderobe ihn wahrscheinlich mindestens ein Jahrzehnt älter aussehen ließ als er es war. Er zog eine Bundfaltenhose, ein kariertes Hemd und eine Tweed-Jacke mit Lederflicken auf den Ellbogen an.

„Das willst du anziehen?“, fragte Maya und erschreckte ihn. Sie lehnte im Türrahmen seiner Schlafzimmertür und kaute nebenbei auf einer Pizzakruste.

„Was stimmt damit nicht?“

„Was damit nicht stimmt, ist, dass du aussiehst, als seist du gerade einem Klassenzimmer entsprungen. Komm schon.“ Sie griff nach seinem Arm, zog ihn zurück zum Schrank und begann, in seiner Kleidung zu wühlen. „Meine Güte, Dad. Du ziehst dich an, als seist du achtzig …“

„Was war das?“

„Nichts!“, rief sie. „Aha. Hier.“ Sie zog ein schwarzes Sakko heraus – das Einzige, was er besaß. „Zieh das an, mit etwas Grauem darunter. Oder etwas Weißem. Ein T-Shirt oder ein Poloshirt. Und zieh die Dad-Hose aus und lieber eine Jeans an. Eine dunkle. Enganliegende.“

Er hörte auf seine Tochter und zog sich um, während sie im Flur wartete. Vermutlich musste er sich an diesen bizarren Rollentausch gewöhnen, dachte er. In einem Moment war er der überfürsorgliche Vater gewesen; und im Nächsten gab er den Anweisungen seiner herausfordernden und klugen Tochter nach.

„Viel besser“, sagte Maya, als er wiederauftauchte. „Du siehst fast so aus, als wärst du bereit für ein Date.“

„Danke“, sagte er. „Und es ist kein Date.“

„Das hast du bereits mehrfach gesagt. Aber du gehst mit einer mysteriösen Frau zum Abendessen und auf ein paar Drinks aus, von der du behauptest, dass sie eine alte Freundin sei, obwohl du sie noch nie zuvor erwähnt hast und wir sie noch nie getroffen haben …“

„Sie ist eine alte Bekannte –“

„Und ich möchte hinzufügen“, sagte Maya über ihn hinweg, „dass sie ziemlich attraktiv ist. Wir haben sie gesehen, als sie aus dem Flugzeug in Dulles stieg. Wenn also einer von euch beiden nach etwas mehr sucht, als nur nach ‚alten Freunden’, dann ist dies ein Date.“

„Großer Gott, du und ich werden nicht über so etwas reden.“ Reid zuckte zusammen. In seinem Kopf verfiel er jedoch in leichte Panik. Sie hat recht. Es ist ein Date. Er hatte in letzter Zeit so viele mentale Verrenkungen gemacht, dass er nicht lange genug darüber nachgedacht hatte, was ein Abendessen und Drinks wirklich für ein Paar alleinstehender Erwachsene bedeutete. „Gut“, gab er zu, „lass uns davon ausgehen, es wäre ein Date. Ähm … was muss ich machen?“

„Das fragst du mich? Ich bin nicht gerade eine Expertin.“ Maya grinste. „Unterhaltet euch. Lerne sie besser kennen. Und bitte, gib dein Bestes, interessant zu wirken.“

Reid lachte und schüttelte spöttisch seinen Kopf. „Entschuldige bitte, aber ich bin superinteressant. Wie viele Leute kennst du, die eine vollständige, mündliche Präsentation der Bulavin-Rebellion geben können?“

„Nur einen.“ Maya verdrehte die Augen. „Und gib dieser Frau bitte keine vollständige, mündliche Präsentation der Bulavin-Rebellion.“

Reid lachte und umarmte seine Tochter.

„Alles wird gut “, versicherte sie ihm.

„Bei euch auch“, sagte er. „Ich werde Mr. Thompson anrufen und ihn bitten, für eine Weile vorbeizukommen …“

„Dad, nein!“ Maya löste sich aus seiner Umarmung. „Komm schon. Ich bin sechzehn. Ich kann Sara ein paar Stunden lang allein beaufsichtigen.“

„Maya, du weißt, wie wichtig es mir ist, dass ihr zwei nicht alleine seid –“

„Dad, er riecht nach Motorenöl und alles, worüber er reden möchte, sind ‚die guten alten Zeiten’ bei der Marine“, sagte sie verärgert. „Es wird nichts passieren. Wir werden Pizza essen und einen Film gucken. Sara wird im Bett sein, bevor du zurückkommst. Wir kommen schon klar.“

„Ich denke trotzdem, dass Mr. Thompson kommen sollte, um –“

„Er kann uns wie gewohnt durch sein Fenster beobachten. Wir werden klarkommen. Das verspreche ich dir. Wir haben eine zuverlässige Alarmanlage und Sicherheitsriegel an allen Türen und ich weiß, dass du eine Waffe neben der Eingangstür hast und –“

„Maya!“, stieß Reid hervor. Woher wusste sie das? „Fass die bloß nicht an, hörst du?“

„Ich werde sie nicht anfassen“, sagte sie. „Ich sage ja nur. Ich weiß, dass sie da ist. Bitte. Lass mich beweisen, dass ich das kann.“

Reid mochte die Vorstellung ganz und gar nicht, dass die Mädchen alleine im Haus blieben, aber sie bettelte ihn förmlich an. „Erkläre mir den Fluchtplan“, sagte er.

„Das ganze Ding?!“, protestierte sie.

„Das ganze Ding.“

„Also gut.“ Sie warf ihr Haar über eine Schulter, wie sie es oft tat, wenn sie genervt war. Sie rollte ihren Blick zur Decke, während sie monoton den Plan wiederholte, den Reid kurz nach ihrer Ankunft im neuen Haus in Kraft gesetzt hatte. „Wenn jemand zur Haustür kommt, muss ich zuerst sicherstellen, dass der Alarm eingeschaltet ist, und dass die Verriegelungen und die Kette an der Tür verschlossen sind. Dann prüfe ich durch den Spion, ob es jemand ist, den ich kenne. Wenn nicht, rufe ich Mr. Thompson an und lasse ihn zuerst nachforschen.“