Alles in allem - Simone de Beauvoir - E-Book

Alles in allem E-Book

Simone de Beauvoir

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Beschreibung

Mit der unerschrockenen Freimütigkeit, die ihre Erinnerungsbücher auszeichnet, hält Simone de Beauvoir Rückschau auf ein Stück Lebens- und Zeitgeschichte: auf die Sechzigerjahre. Und aus der nüchternen Erkenntnis heraus, dass die Möglichkeit neuer Pläne nun begrenzt ist, zieht sie Bilanz. Ihre Erinnerungen legen Zeugnis ab von einem lebenslangen Kampf gegen gesellschaftliche Tabus, für Wahrheit und Gerechtigkeit.

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Seitenzahl: 1011

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Simone de Beauvoir

Alles in allem

Biographie

 

 

Aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens

 

Über dieses Buch

Mit der unerschrockenen Freimütigkeit, die ihre Erinnerungsbücher auszeichnet, hält Simone de Beauvoir Rückschau auf ein Stück Lebens- und Zeitgeschichte: auf die sechziger Jahre. Und aus der nüchternen Erkenntnis heraus, daß die Möglichkeit neuer Pläne nun begrenzt ist, zieht sie Bilanz. Ihre Erinnerungen legen Zeugnis ab von einem lebenslangen Kampf gegen gesellschaftliche Tabus, für Wahrheit und Gerechtigkeit.

Vita

Simone de Beauvoir, geboren am 9. Januar 1908 in Paris, gilt als führende Repräsentantin des französischen Existentialismus in der Literatur und als eine der wichtigsten Vordenkerinnen der europäischen Frauenbewegung. Noch während ihres Philosophie-Studiums an der Sorbonne lernte sie Jean-Paul Sartre kennen, dem sie bald Lebensgefährtin und geistige Weggenossin wurde. Für ihren groß angelegten Schlüsselroman «Die Mandarins von Paris», der die intellektuelle Elite im Frankreich der IV. Republik porträtiert, erhielt sie die höchste literarische Auszeichnung ihres Landes, den «Prix Goncourt». Simone de Beauvoir starb am 14. April 1986 in Paris.

 

Weitere Veröffentlichungen:

 

Biographische Schriften:

Kriegstagebuch

Memoiren einer Tochter aus gutem Hause

In den besten Jahren

Der Lauf der Dinge

Ein sanfter Tod

Amerika Tag und Nacht

Zeremonie des Abschieds

Briefe an Jean-Paul Sartre 1 + 2

Eine transatlantische Liebe. Briefe an Nelson Algren

 

Romane:

Sie kam und blieb

Das Blut der anderen

Alle Menschen sind sterblich

Die Mandarins von Paris

Die Welt der schönen Bilder

 

Erzählungen und Essays:

Marcelle, Chantal, Lisa …

Soll man de Sade verbrennen?

Auge um Auge

Eine gebrochene Frau

Mißverständnisse an der Moskwa

 

Studien über die Rolle der Frau:

Das Alter

Das andere Geschlecht

Impressum

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel «Tout compte fair» bei Éditions Gallimard, Paris.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Oktober 2024

Copyright © 1974 by Rowohlt Verlag GmbH, Reinbek bei Hamburg

«Tout compte fait» Copyright © 1972 by Éditions Gallimard, Paris

Covergestaltung Werner Rebhuhn

ISBN 978-3-644-05151-5

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Sylvie

Vorwort

Als mein Essay über das Alter erschien, haben mir ein paar Kritiker und einige Leser vorgeworfen, ich hätte nicht genug von meinen eigenen Alterserfahrungen gesprochen. Diese Neugier schien mir oft mehr auf eine Art Kannibalismus als auf wirkliches Interesse hinzudeuten. Gleichwohl ermutigt sie mich, meine Autobiographie zu vervollständigen. Je mehr ich mich dem Ende meines Daseins nähere, um so mehr wird es mir möglich, diese Sache, die mein Leben ist, in ihrer Gesamtheit zu erfassen: ich werde es am Anfang dieses Buches versuchen. Im übrigen sind zehn Jahre vergangen seit dem Zeitpunkt, an dem ich meinen Lebensbericht unterbrach: ich habe einiges zu erzählen.

In den früheren Bänden bin ich chronologisch vorgegangen. Ich weiß jedoch, welche Nachteile das mit sich bringt. Der Leser bekommt den Eindruck, daß man immer nur Beiläufiges mitteilen will: Vorbemerkungen gewissermaßen. Es sieht so aus, als solle das Wesentliche immer erst später, in der Zukunft erfolgen. Von Seite zu Seite hofft man vergebens, daß es greifbar wird, und schließlich ist das Buch zu Ende, ohne daß ein Ziel erreicht worden ist. Dadurch, daß ich meine Lebensgeschichte in Sätze einfange, mache ich aus ihr eine klar umrissene Realität, die sie in Wirklichkeit nicht ist. Aber zugleich wird sie auseinandergerissen und in Gestalt in sich erstarrter Momente wieder aufgereiht, während Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft unlösbar miteinander verbunden sind. Ich kann schreiben: Ich plante eine Amerika-Reise. Aber die Zukunft dieses alten Projekts ist hinter mir im Nichts versunken wie der Plan selbst, den kein neuer Aufschwung mehr zu beleben vermag. Andererseits spukten in jedem Lebensabschnitt andere, vorangegangene herum: in der Zeit meines Erwachsenseins meine Kindheit und Jugend, in der Kriegszeit die Vorkriegsjahre. Dadurch, daß ich dem Lauf der Zeiten folgte, machte ich es mir unmöglich, dieses Ineinandergreifen darzustellen. Es ist mir daher auch nicht gelungen, den verflossenen Stunden ihre dreifache Dimension zu belassen: sie gleiten gestaltlos, zu ewiger Gegenwart verdämmt dahin, losgelöst von allem, was vor dieser Gegenwart liegt und was auf sie folgt.

Indessen stand mir kein anderes Vorgehen zu Gebote. Leben war für mich ein klar auf ein Ziel ausgerichtetes Unternehmen, und um mir darüber Rechenschaft zu geben, blieb mir nichts anderes übrig, als dem Ablauf des Lebens zu folgen. Heute verhält es sich anders. Gewiß habe ich nicht vor, mich zu wiederholen: seit 1962 hat die Welt sich verändert, und ich selber habe neue Erfahrungen gesammelt. Aber kein öffentliches oder privates Ereignis hat auf meine Situation entscheidend eingewirkt: ich habe mich nicht verändert. Und es gibt noch Vorhaben, die mir am Herzen liegen, aber sie fügen sich nicht mehr zu einem einheitlichen, festen Plan zusammen. Ich habe nicht mehr den Eindruck, auf ein Ziel zuzuschreiten, sondern nur das Gefühl eines unausweichlichen Dahingleitens, dem Grab entgegen. Darum brauche ich mich nun nicht mehr an den zeitlichen Ablauf als den roten Faden zu halten. Bis zu einem gewissen Grade berücksichtige ich zwar die Chronologie, doch gruppiere ich meine Erinnerungen um bestimmte Themen.

1

Jeden Morgen, noch ehe ich die Augen öffne, erkenne ich mein Bett, mein Schlafzimmer wieder. Wenn ich jedoch am Nachmittag in meinem Studio einschlafe, befällt mich beim Erwachen zuweilen eine Art von kindlichem Staunen: warum bin ich ich? Was mich überrascht – wie das Kind, das zum Bewußtsein seiner Identität erwacht – ist, daß ich mich jetzt und hier im Zentrum dieses und nicht eines anderen Lebens befinde: durch welchen Zufall ist es dazu gekommen? Wenn ich dieses Leben von außen betrachte, kommt mir zunächst schon einmal meine Geburt unwahrscheinlich vor. Die Vereinigung jener bestimmten Samenzelle mit jenem bestimmten Ei, die die Begegnung meiner Eltern und zuvor schon ihre Geburt sowie die aller ihrer Vorfahren voraussetzte, hatte nur die Chance von eins zu einer Milliarde, zustande zu kommen. Ein nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft völlig unvorhersehbarer Zufall hat bewirkt, daß ich als weibliches Wesen auf die Welt gekommen bin. Weiterhin scheinen mir für jeden Augenblick meiner Vergangenheit tausend verschiedene Zukunftsmöglichkeiten denkbar zu sein: die Möglichkeit, krank zu werden, mein Studium unterbrechen zu müssen, Sartre nicht zu begegnen, und wer weiß, was alles noch. Einmal in die Welt geworfen, unterstand ich ihren Gesetzen und Zufälligkeiten, die von fremdem Willen, von den Verhältnissen, von der Weltgeschichte abhängig waren: ich bin mir also mit Recht der Bedingtheit meiner Existenz bewußt. Was mich schwindeln macht, ist, daß ich dazu im Grunde nicht berechtigt bin. Es gäbe kein Problem, wäre ich nicht geboren. So aber muß ich von der Tatsache ausgehen, daß ich existiere. Sicherlich hätte die Zukunft derjenigen, die ich gewesen bin, auch eine andere, als ich bin, aus mir machen können. Dann aber würde diese andere sich über sich selbst befragen. Für jemanden, der sagt: «Das bin ich», gibt es keine andere Existenzmöglichkeit. Diese zwangsläufige Koinzidenz des Subjekts mit seiner Geschichte reicht indessen nicht aus, mein ratloses Staunen zu beheben. Mein Leben, mir zugleich vertraut und fremd, bestimmt über mich; ich selbst befinde mich außerhalb davon. Worin besteht nun in Wirklichkeit dieses seltsame Phänomen?

Wie das Universum Einsteins ist es zugleich grenzenlos und begrenzt. Grenzenlos, weil es über Raum und Zeit hinweg sich bis zum Urbeginn der Welt und bis an deren äußerste Grenzen erstreckt. Ich resümiere in mir das Erbe der Erde und den Zustand des Alls in diesem Augenblick. Jeder gute Biograph weiß, daß er, um seinen Helden vorzustellen, zunächst seine Epoche, die Kultur und die Gesellschaft, der er angehört, schildern und auch, soweit es angeht, die Reihe seiner Vorfahren zurückverfolgen muß. Die Summe der Auskünfte, die man dadurch erhält, ist gleichwohl minimal, verglichen mit der unerschöpflichen Vielfalt der Verbindungen, die jedes Element einer Existenz mit dem All unterhält. Jedes bekommt zudem eine andere Bedeutung, je nachdem, unter welchem Gesichtspunkt man es betrachtet. Die Feststellung: «Ich bin in Paris geboren», stellt in den Augen eines Parisers, eines Provinzlers oder eines Ausländers nicht dieselbe Tatsache dar. Ihre scheinbare Einfachheit zersplittert sich und wird zur Vielheit, wenn man an die Millionen von Individuen denkt, die zu dieser Stadt ganz verschiedenartige Beziehungen unterhalten.

Indessen ist ein Leben auch eine begrenzte Realität. Es hat ein Zentrum der Verinnerung, ein Ich, das sich durch alle Einzelaugenblicke hindurch mit sich selbst identisch weiß. Es lebt innerhalb eines bestimmten Zeitraums, es hat einen Anfang, ein Ende, es befindet sich abwechselnd an bestimmten Stätten, wobei es seinen Wurzeln immer verhaftet bleibt und sich eine unbeweglich feststehende Vergangenheit schafft, die ihm nur beschränkte Zugangsmöglichkeiten zur Zukunft offenhält. Man kann ein Leben nicht erfassen, nicht einfangen, wie man eine Sache einfängt und erfaßt, da es nach einer Formulierung von Sartre eine totalité-détotalisée darstellt und infolgedessen nicht eigentlich ist. Wohl aber kann man sich im Hinblick auf dieses Leben gewisse Fragen stellen: Was formt ein Leben? Welche Rolle spielen Umstände, Notwendigkeit, Zufall, aber auch freie Wahl und Initiative des einzelnen dabei?

Was mir hilft, über mein eigenes Dasein nachzudenken, ist die Tatsache, daß ich es bereits erzählend dargestellt habe. «Oh! Erzählen!» sagt einer der Helden von Robbe-Grillet. Zugegeben: die Erzählung läuft auf einer anderen Ebene ab als die durch Erleben gewonnene Erfahrung; aber sie nimmt auf diese Bezug und kann es möglich machen, gewisse Züge klarer herauszustellen. Während diese das Unendliche einbezieht, löst sich jene in eine gewisse Menge von Wörtern auf, deren Zahl man mit einiger Geduld festzustellen vermöchte: diese Wörter aber verweisen auf ein Wissen, das seinerseits wiederum das Unendliche einschließt. Wenn ich schreibe: «Ich bin in Paris geboren», so versteht der Leser, an den ich mich wende, diesen Satz, ohne daß ich den Platz, den Paris in der Weltgeschichte oder auf dem Erdball einnimmt, erst zu erklären brauche. Man wendet auch ein, Erzählen bedeute ein Ersetzen der verfließenden Zwielichtigkeit des Erlebten durch die präzise Konturiertheit der geschriebenen Sätze. Tatsächlich aber sind die durch Wörter hervorgerufenen Bilder wechselnd und ungenau, und das Wissen, das sie vermitteln, ist nicht deutlich fixiert. Auf alle Fälle habe ich nicht vor, den Leser hier durch eine Art von Wachtraum zu führen, der meine Vergangenheit wieder lebendig machen soll, sondern gedenke, meine Lebensgeschichte an Hand von bestimmten Konzepten und klaren Begriffen zu überprüfen.

Unter letzteren gibt es einen, der mir als Richtschnur dienen soll: den des glücklichen Zufalls. Er hat für mich einen völlig eindeutigen Sinn. Ich weiß nicht, wohin mich Wege geführt haben würden, die mir rückblickend ebenfalls als möglich erscheinen, die ich aber nicht eingeschlagen habe. Sicher ist, daß ich mit meinem Schicksal zufrieden bin und es in keiner Hinsicht anders haben möchte, weshalb ich denn auch die Faktoren, die mir geholfen haben, es so zu führen, wie es war, als besondere Chancen betrachte.

Die erste dieser Chancen war offenbar meine Geburt. Ich habe schon gesagt, daß es eitel wäre, Spekulationen über die Zufälle anzustellen, durch die ich auf diese Erde geriet. Ich gehe von der Tatsache aus, daß ich als Tochter von Georges und Françoise de Beauvoir am 9. Januar 1908 auf die Welt gekommen bin. Von außen betrachtet ist diese für mich so schwindelerregende Besonderheit etwas vollkommen Alltägliches. Als zwei junge Angehörige der bürgerlichen Mittelschicht – sie mit zwanzig, er mit dreißig Jahren – sich verheirateten und ein Jahr darauf ein Kind bekamen, bewegten sie sich völlig im Rahmen des zu ihrer Zeit üblichen. Der Personenstand dieses Kindes stand im voraus fest: französisch, bürgerlich, katholisch; einzig das Geschlecht hatte sich nicht vorhersehen lassen. In Anbetracht der materiell gesicherten Situation meiner Eltern war es sehr wahrscheinlich, daß ich nicht vor der Zeit sterben und daß ich mit einer guten Gesundheit ausgestattet sein würde; eine klar vorgezeichnete Zukunft erwartete mich: aufmerksame Betreuung, eine nähere und entferntere Verwandtschaft, ein Kindermädchen namens Louise, eine Wohnung in Paris, das Limousin und fast mit Sicherheit die Ankunft eines zweiten Kindes.

Von vornherein machte meine Geburt mich zu einem sozial privilegierten Geschöpf und sicherte mir sehr viel mehr geistige Möglichkeiten als einer Bauern- oder Arbeitertochter. Eine andere Chance, die ich nicht so genau definieren kann, ist die Art und Weise, wie meine erste Kindheit verlief.

Alle Kinderärzte betonen heute die Wichtigkeit der beiden ersten Lebensjahre für die Entwicklung eines Individuums. Normalerweise werden gegen den achten Monat hin die Tränen des Säuglings, sein Schreien ein Mittel, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, er lernt die Durchschlagskraft dieser Äußerungen begreifen und nutzt sie als Signale: zwischen den Erwachsenen und ihm entsteht eine Wechselbeziehung. Zu dieser kommt es allerdings nicht, wird das Kind gehaßt, verstoßen oder irgendwie frustriert: Sofern es nicht stirbt, wird aus ihm ein autistisches oder schizophrenes Geschöpf. In weniger extremen Fällen erzeugen auch schon Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und fehlender Ansporn in ihm ein Gefühl der Unsicherheit und führen dazu, daß es sich ganz in sich selber verkapselt. Sartre hat am Beispiel Flauberts gezeigt, wie ein behütetes, aber ohne Zärtlichkeit, ohne die Möglichkeit eines Gedankenaustauschs aufgewachsenes, sonst jedoch mit allem wohlversorgtes und verwöhntes Kind konstitutionell passiv werden muß. Das war bei mir offenbar nicht der Fall. Ich weiß nicht, wie ich entwöhnt, wie ich zur Sauberkeit angehalten worden bin, noch wie ich darauf reagierte. Aber meine Mutter war jung, heiter und stolz darauf, ein erstes Kind zur Welt gebracht zu haben. Sie unterhielt zu mir zärtliche, liebevolle Beziehungen. Eine zahlreiche Verwandtschaft drängte sich um meine Wiege. Ich nahm die Welt vertrauensvoll in mich auf. Die Erwachsenen ertrugen meine Launen mit lächelnder Nachsicht: das überzeugte mich von meiner Macht über sie. Mein Optimismus hat diesen Anspruch, den ich von Anfang an erhob und den ich nie aufgegeben habe, gefördert, den Anspruch, stets bis zum Äußersten für meine Wünsche, Weigerungen, Handlungen und Ideen zu kämpfen. Man fordert nur, wenn man darauf rechnet, von den anderen und von sich selbst zu erlangen, was man gefordert hat: nur durch Fordern aber erreicht man es. Ich blicke dankbar auf meine ersten Jahre zurück, weil sie mir diese extreme Veranlagung aufgeprägt haben. Woher kamen die heftigen Zornanfälle, die mich packten, wenn einmal etwas nicht nach meinem Willen ging? In meinen Erinnerungen habe ich es nur ungenügend erklärt, und auch heute bin ich außerstande, es einleuchtender zu machen. Doch meine ich immer noch, daß sie heilsam für mich gewesen sind. Ich habe einen guten Start gehabt, aber sicher genügt das nicht. Ein Leben besteht nicht in der bloßen Entfaltung eines ursprünglichen Keims. Unaufhörlich läuft es Gefahr, zu scheitern, unterbrochen, verstümmelt, aus der Bahn geworfen zu werden. Indessen regt ein glücklicher Lebensbeginn das Individuum an, aus den gegebenen Verhältnissen das denkbar Beste zu machen; wenn es hingegen unglücklich ist, entsteht eine Art von Teufelskreis: Man läßt günstige Möglichkeiten ungenützt, man verschanzt sich hinter Ablehnung, Einsamkeit, allgemeiner Verneinung.

Ein Vergleich mit dem Schicksal meiner Schwester ist da sehr aufschlußreich: Ihr Lebensweg hat sich weit schwieriger gestaltet als der meinige, da sie erst das Handikap ihrer ersten Lebensjahre zu überwinden hatte. Mit zweieinhalb Jahren trage ich auf Fotografien eine entschiedene, selbstsichere Miene zur Schau, während sie im gleichen Alter eher ängstlich wirkt. Als Nachgeborene rief sie weniger Staunen und Heiterkeit hervor als das erste Kind; man bedauerte, daß sie kein Junge war; sicher hat man sie weniger angelächelt und sich auch weniger mit ihr abgegeben. Da sie innerlich unruhig und sogar ängstlich war, hieß es von ihr, sie sei «anschmiegsamer» als ich: sie brauchte Bestätigung. Man sagte auch von ihr, sie sei «mürrisch», was sie nur um so verdrießlicher machte; sie weinte häufig ohne ersichtlichen Grund. Sie hat lange gebraucht, um ihre Kindheit vollkommen zu überwinden.

Die meine ist freundlich verlaufen. Das gute Einvernehmen, das zwischen meinen Eltern herrschte, hat – ungeachtet einiger entgegengesetzter Eindrücke – in mir das Gefühl der Sicherheit bekräftigt, das mir schon in die Wiege gelegt worden war. Zudem bestand alles in allem keine Diskrepanz zwischen dem Bild, das meine Umgebung mir von mir entgegenhielt, und meiner eigenen Vorstellung von mir selbst.

Ein Kind ist ein verfremdetes Wesen. Die Welt, die Zeit, der Ort, in die es hineingeboren ist, die Sprache, deren es sich bedient, empfängt es von den Erwachsenen. Da all diese Dinge Halbgöttern gehören und auch ihren Stempel tragen, sind sie ihm nicht nur reine Utensilien, sondern das Zeichen verborgener Wirklichkeiten voll mysteriöser Tiefen. Das ist es, was man das Wunder der Kindheit nennt. Die poetische Verklärung der Kindheit, die im 19. Jahrhundert entstand, ist eine Irreführung: das Kind hat nichts Poetisches an sich; wohl aber ist es wahr, daß die Welt ihm als etwas seltsam Faszinierendes erscheint – sofern günstige Umstände ihm erlauben, sie zu erforschen und sie zu betrachten.

Die Kehrseite hiervon jedoch ist, daß es sein Bild und sogar seine Persönlichkeit von anderen geliefert bekommt; es hält dieses Bild für das Wesentliche und sich selbst für unwesentlich. Zugleich jedoch setzt es sich als Subjekt. Es befindet sich also im Mittelpunkt eines Universums, in dem es sich nur in seiner Beziehung zu den Erwachsenen sieht. Es empfindet sich als von außen her gesehen. Diese Situation kann ihm auf sehr verschiedene Weise zum Bewußtsein kommen.

Gewisse Kinder haben sozusagen überhaupt keine Kindheit. Ein kleiner Schuhputzer von fünf Jahren unterhält zu seiner Kundschaft eine Arbeitnehmer-Arbeitgeber-Beziehung, nicht aber die eines Kindes zu einem Erwachsenen. Selbst wenn er seine Einnahmen an seine Eltern abliefert, ist er doch, während er die Schuhbürste handhabt, ein autonomes Individuum, das sich in der Ausübung einer Tätigkeit ohne fremde Vermittlungen erfaßt. Andere Kinder – zumal in kinderreichen, armen Familien – sind derart vernachlässigt, daß sie kaum zum Bewußtsein ihrer selbst gelangen: im äußersten Falle werden sie – in Indien zum Beispiel – zu kleinen Wilden, die sich in der Natur verlieren. Ein Kind, das tyrannisiert, ausgebeutet, eingeschüchtert wird, hat nicht die Möglichkeit, reflektierend sich selber zu begreifen. Indessen macht in unserer heutigen Gesellschaft die Mehrheit der Kinder zugleich – wie ich nachgewiesen habe – die Erfahrung der Verfremdung wie auch der Autonomie: sogar noch das verfremdetste Kind setzt sich selber als wesentlich voraus und macht zeitweilig die blitzartige Erfahrung, daß es sich selber gegenwärtig ist. Wenn seine Persönlichkeit ihm als schmeichelhaft erscheint, so baut es sie mit Hingebung aus: es gibt sich affektiert und spielt sich auf. Sartre beschreibt in Les Mots [Die Wörter] sein eigenes Komödiantentum.[1] Hin und wieder jedoch entdeckte er die nackte Wahrheit seines Ansichseins und schnitt in hilfloser Verwirrung sich selbst vor dem Spiegel Grimassen; er fand jedoch einen heilsamen Ausweg in autonomen Betätigungen wie Lesen und Schreiben. Andere – meine Schwester, der junge Flaubert – erleben, daß ihnen ein bedrückendes Bild ihrer selbst aufgezwungen wird: sie resignieren oder lehnen sich auf. Zwischen dumpfem Groll und offenem Zorn kann es viele Kompromisse geben. Da sie häufig krank war, hatte Violette Leduc das Gefühl, für ihre Mutter eine Last und ein lebendiger Vorwurf zu sein: sie empfand sich als schuldig. In dieser Hinsicht bin ich bevorzugt gewesen. Manchmal bekam ich Wutanfälle, weil ich als Kind behandelt wurde, während ich selber glaubte, bereits ein fertiges Menschenwesen zu sein. Aber alles in allem gefiel mir meine Persönlichkeit. Gegen mein siebentes Jahr hin legte sich mein Zorn, und ich gab mich gefügig als artiges kleines Mädchen. Allerdings vergrößerte sich damals auch das Angebot an Möglichkeiten, die es mir gestatteten, mich als selbständige Persönlichkeit zu verwirklichen.

Während meiner ersten Lebensjahre wurden die Gefühle, die ich für meine Eltern und Louise empfand, durch meinen freien Willen bekräftigt, da ich sie erlebte; doch waren sie mir so natürlich, daß ich gar keine anderen hätte hegen können, und die Verhaltensweisen, durch die sie sich ausdrückten, wurden mir sozusagen zudiktiert: sie entsprachen den Aufforderungen und Erwartungen, mit denen man mir begegnete. In dieser Periode hat es auf meiner Seite nur eine einzige freie Schöpfung gegeben, die in dem Verhältnis zu meiner Schwester bestand. Die Modellvorstellung von der Familie, der meine Eltern huldigten, schloß ein, daß sie möglichst bald ein zweites Kind haben müßten. Der Zufall[2] wollte, daß dieses Kind eine Tochter war. Hätten die Dinge, wenn es ein Junge gewesen wäre, für mich irgendeine andere Wendung genommen? Ich weiß es nicht. Jedenfalls glaube ich nicht, daß ich dabei gewonnen hätte, vielmehr wäre ich dann wohl zu kurz gekommen. Ich bin der Meinung, daß ich einen der mir zuteil gewordenen glücklichen Zufälle darin sehen muß, daß ich eine Schwester bekam, daß sie zwar jünger als ich, mir aber doch altersmäßig noch sehr nahe war. Sie hat mir geholfen, mich selbst zu bestätigen. Ich persönlich ‹erfand› gleichsam die Mischung aus Autorität und Liebe, die für mein Verhältnis zu ihr bezeichnend gewesen ist. Aus eigenem Antrieb lehrte ich sie Lesen, Schreiben und Rechnen. Ich gestaltete unsere Spiele und unsere lebendigen Beziehungen. Gewiß entsprang meine Haltung ihr gegenüber dem, was ich selber war. Da ich glücklich und dem Dasein geöffnet war, hinderte mich nichts, einem jungen Wesen, auf das ich nicht eifersüchtig zu sein brauchte, mit denkbar großer Wärme zu begegnen. Unternehmend und meiner Überlegenheit gewiß, verspürte ich das Bedürfnis, durch tätiges Wirken der Passivität der Kindheit zu entrinnen: meine Schwester bot mir dafür die erträumte Gelegenheit. Gleichwohl kann ich von ‹Erfindung› sprechen, denn während die Erwachsenen mich darauf hinwiesen, wie ich mich ihnen gegenüber zu verhalten hätte, verlangte meine Schwester zunächst nichts von mir, und es gab kein Vorbild, an dem ich mich für mein Verhältnis zu ihr hätte orientieren können; ich folgte einzig meinen spontanen Regungen.

Im übrigen bestand meine Freiheit darin, gutwillig und beflissen das Schicksal auf mich zu nehmen, das mir zugewiesen war. Ich war von leidenschaftlicher Frömmigkeit erfüllt und wurde auf der Stelle die beste Schülerin des Cours Désir, das ich besuchte. Als meine Eltern sich erheblich einschränken mußten, legten sie größeren Wert auf kulturelle Werte als auf Ausgaben, die nur dem äußeren Ansehen dienten, wiewohl mein Vater zu diesen im Grunde mehr neigte. Als Hauptunterhaltung boten meine Eltern mir Lektüre, ein Vergnügen, das nicht sehr kostspielig war. Ich hegte eine wahre Leidenschaft für Bücher. Ich liebte meinen Vater, und mein Vater liebte sie; meiner Mutter hatte er immerhin einen verehrungsvollen Respekt vor ihnen beigebracht. Bücher befriedigten in mir eine Neugier, die bereits in meinen frühesten Erinnerungen eine Rolle spielte und niemals erloschen ist. Woher bezog ich diese Neugier eigentlich? Freud nimmt an, daß Neugier im Sexualtrieb wurzelt. Mir kommt es eher so vor, als sei mein Interesse an unpassenden Dingen nur ein Teil meines Wissensdranges gewesen, der mir seinerseits als ein Urphänomen erscheint.

Vielleicht ist es müßig, überhaupt nach einer Erklärung zu suchen. Jedes Kind strebt von sich aus danach, die Welt zu erforschen. Man müßte sich eher fragen, weshalb in gewissen Fällen sein Unternehmungsdrang erlischt. Ich kenne viele Gründe dafür: körperliche Schwäche, mangelnde Vitalität, Fehlen eines äußeren Anreizes als Folge von Vernachlässigung, innerem Leerlauf oder hochgradiger Vereinsamung, verfrühte sklavische Hingabe an ermüdende Aufgaben, ferner Sorgen und Ängste jeglicher Art, schwerwiegende Störungen des Gefühlslebens. Wenn ein Kind sich nicht wohl fühlt in seiner Haut, ist es zu sehr mit sich selbst beschäftigt, als daß es sich der Außenwelt zuwenden könnte. Meine Schwester war geistig aufnahmebereit, doch weniger als ich auf das Erwerben von Kenntnissen erpicht. Zaza war lebhaft und intelligent, aber ihr komplexes Verhältnis zu ihrer Familie, wozu dann später ihre Kindheitslieben, noch später die Sehnsucht danach kam, die sie noch immer verspürte, ließen ihr weniger Raum für dieses Streben, als mir zur Verfügung stand. Was mich anbelangt, so habe ich bis zum Alter von zehn oder zwölf Jahren sozusagen keine Probleme gehabt: Ich konnte ungehindert meinem Forschungsdrang frönen. Dabei war ich nicht frühreif. Als ich nahezu zwölf Jahre alt war, habe ich in Meyrignac gemeinsam mit meiner Schwester und meiner Cousine noch mit dem Kaufladen gespielt. Ich las gern Kinderbücher, denn selbst diese eröffneten mir eine Art von Einblick in das, was mich vor allem interessierte: die möglichen Variationen der Situation des Menschen und der Beziehungen der Menschen untereinander. Technische und mechanische Dinge hatten nichts Anziehendes für mich, ich hatte kein Verlangen, zu begreifen, wie irgendwelche Gegenstände hergestellt wurden und wie sie funktionierten. Alles was mit Weltgeschichte zusammenhing – sie langweilte mich erst später – und mir die Sitten vergangener Völker offenbarte, ja sogar Frühgeschichte und Paläontologie liebte ich. Ich interessierte mich für Kosmographie und Geographie und verschlang Reisebeschreibungen. Als ich Englisch lernte, entdeckte ich voll Freude eine Literatur und ein Land. Ich wollte die Vergangenheit aus größerer Nähe betrachten und von den Sternen bis zum Mittelpunkt der Erde dieses ganze mich umgebende All begreifen.

Wenn man den Zufall als ein bedeutsames Zusammentreffen zweier Kausalreihen definiert, die zuvor durch keine Finalität aufeinander ausgerichtet waren, trat ein solcher während meiner ersten zehn Lebensjahre kaum jemals ein. Zufällig blieb einzig das Faktum, daß meine Eltern mir eine Schwester und nicht einen Bruder bescherten. Jacques war mein Cousin, und ungeachtet des an Bewunderung grenzenden Respekts, den ich für ihn hegte, hat er in meiner Kindheit keine große Rolle gespielt. Der erste wichtige Zufall in meinem Dasein war, als ich mein zehntes Jahr fast vollendet hatte, die Begegnung mit Zaza im Cours Désir. Alle beide sollten wir eine katholische Privatschule besuchen, aber für keine von uns beiden hätte es unbedingt gerade diese sein müssen; darüber hinaus hätte es leicht sein können, daß wir nicht in die gleiche Klasse aufgenommen worden wären. In diesem Fall hätten wir einander zweifellos niemals kennengelernt, denn meine Eltern und das Ehepaar Mabille hatten nicht den gleichen Bekanntenkreis. Meine Kindheit hätte dann nicht die Verklärung durch eine große Freundschaft erfahren, denn meine übrigen Klassenkameradinnen flößten mir immer nur sehr gemäßigte Gefühle ein.

Kein Zufall freilich war die Art, wie ich die Begegnung mit ihr nutzte; da ich unbefangen und umgänglich war, hatte ich mich mit einigen meiner Mitschülerinnen wohl bereits angefreundet; ich hatte schon eine ‹beste› Freundin, mit der ich mich recht gut verstand, aber das war auch alles. Auf der Stelle erkannte ich Zazas Wert und machte den Versuch, mit ihr zu einem innigen Einvernehmen zu kommen. Ich setzte mich im Unterricht neben sie und redete nur noch mit ihr. Mir kam dabei zugute, wie ich dank meiner Kindheit geworden war: obwohl ich weniger spontan und lebhaft als Zaza war und sie wegen alles dessen bewunderte, worin sie sich von mir unterschied, fühlte ich mich doch durch keinerlei Schüchternheit gelähmt: es gelang mir, sie für mich zu interessieren. Ich weiß nicht mehr, ob ich meine Mutter dazu bewogen habe, Zaza einzuladen, oder ob Madame Mabille die Initiative ergriff. Auf alle Fälle war ich diejenige, die diese Freundschaft so fest knüpfte, der Zaza sich überließ, ohne zu ahnen, wieviel ich von mir in sie hineinlegte.

Wäre ohne sie mein Leben als Erwachsene anders verlaufen? Das zu entscheiden fällt mir schwer. Dank Zaza habe ich die Freude zu lieben, das Vergnügen geistigen Austauschs und täglichen Einanderverstehens kennengelernt. Sie hat mich dazu gebracht, auf meine Rolle als braves Kind zu verzichten. Sie hat mich Unabhängigkeit und Respektlosigkeit gelehrt, aber doch nur obenhin. An den geistigen Spannungen, die für meine Jugendzeit kennzeichnend waren, hat sie keinen Teil gehabt: Niemals habe ich sie mit den Vorgängen meines Innern behelligt. Ich habe sogar vor ihr sorgfältig geheimgehalten, daß ich verbotene Bücher las, daß ich Moral und Religion in Frage stellte. Lange habe ich vor ihr verborgen, daß ich nicht mehr an Gott glaubte. Bei äußeren Ereignissen hat unsere Freundschaft kaum eine Rolle gespielt. Ihr zuliebe trieb ich Mathematik; das hat mir Spaß gemacht, aber zu nichts weiter geführt. Ihr Vater empfahl meinen Eltern das College Sainte-Marie, wo ich Garric und Mademoiselle Lambert kennenlernte; Garric blieb für mich nur eine Fata Morgana, Mademoiselle Lambert jedoch hat mich dazu angeregt, mich mit Philosophie zu beschäftigen, was entscheidend für mein Leben geworden ist. Doch wie auch immer, ich hätte mit Sicherheit diesen Weg gewählt, der meiner innersten Berufung entsprach. Durch Zaza habe ich Stépha und indirekt auch Fernand kennengelernt, die mir viel gegeben haben, jedoch nichts, was wesentlich für mich war.

Somit hätte das Glück, das ich bei Zaza fand, auf mein Leben nicht nachhaltig eingewirkt? Ich bin dessen nicht sicher. Meine Familie hat in mir von meinem sechzehnten Lebensjahr an das Verlangen geweckt, aus meiner Umwelt auszubrechen, jähzornig und rachsüchtig zu reagieren, aber speziell durch Zaza habe ich entdeckt, wie hassenswert das arrivierte Bürgertum war. Gegen diese Schicht hätte ich mich unter allen Umständen gewendet, aber ich hätte den falschen Spiritualismus, den erstickenden Konformismus, die Arroganz und die bedrückende Tyrannei, die sie kennzeichneten, nicht in meinem eigenen Herzen erlebt und mit Tränen bezahlt. Daß Zaza an ihrem Milieu zugrunde gegangen ist, war für mich ein aufwühlendes Erlebnis, das ich niemals habe vergessen können. Und dann – in welch trostloser Einsamkeit hätte ich ohne Zaza meine frühe und spätere Jugend verlebt! Sie war meine einzige, nicht von Büchern abhängige, freudebringende Beziehung zum Leben. Ich hatte den Hang, mich in Form von krankhaftem Hochmut gegen die feindlichen Mächte zu wehren: meine Bewunderung für Zaza hat mich davor bewahrt. Ohne sie wäre ich vielleicht mit zwanzig Jahren mißtrauisch und verbittert gewesen, anstatt für Freundschaft und Liebe empfänglich zu sein, das heißt, die einzig geeignete Haltung einzunehmen, durch die ich diese Gefühle auch zu wecken vermochte. Ich kann mir mich selbst als Zwanzigjährige nicht anders vorstellen als ich war, aber ich kann mir auch meine Kindheit nicht ohne Zaza denken.

Warum hat es für sie keinen anderen Ausweg als den Tod gegeben, für sie, die doch so gern gelebt, geliebt, vielleicht auch geschrieben hätte? Worauf beruhte ihre Glücklosigkeit? Vor allem, glaube ich, war ihre erste Kindheit schon daran schuld. Von ihrem Vater weniger beachtet als ihre ältere Schwester, leidenschaftlich einer liebevollen Mutter ergeben, die jedoch nur selten Zeit für sie hatte, war sie, obwohl nach außen hin keck und ungeniert, im Grunde ungemein verwundbar und allen Selbstvertrauens bar. Das wird durch die letzten Worte, die sie gesprochen hat, belegt: «Ich bin ein Versager!» Sie wurde hin und her gerissen zwischen widersprechenden Regungen, deren sie nicht Herr zu werden vermochte und an denen sie schließlich zerbrach: der Liebe zu ihrer Mutter stand, als sie fünfzehn Jahre alt war, das Gefühl entgegen, das sie für ihren jungen Cousin, später das, das sie für Pradelle empfand. Infolge ihrer angeborenen Zerbrechlichkeit mußten diese Konflikte tödlich für sie werden.

Im Alter von zwölf oder dreizehn Jahren hatte ich Gelegenheit, selbst auf den Verlauf meines Daseins Einfluß zu nehmen. Mein Vater, der die Armseligkeit des Unterrichts, den das Cours Désir uns bot, nicht mehr mitansehen mochte, kam auf die Idee, uns auf ein Lyzeum zu schicken. Er meinte, wir würden dort solidere Kenntnisse erwerben, die noch dazu weniger kosteten. Meine Mutter würde vermutlich nachgegeben haben, wenn ich mich mit meinem Vater verbündet hätte. Zwei Wege lagen also offen vor mir. Doch wie in den meisten Fällen kam es mir so vor, als stünde mir die Wahl eigentlich nicht frei: mein Entschluß wurde mir vielmehr gleichsam aufgezwungen. Ich wollte mich nicht von Zaza trennen. Außerdem hing ich an meiner Vergangenheit, an meinen Schulkameradinnen als Gesamtheit, an den Klassenzimmern, in denen ich so viele Tage zugebracht hatte. In einem Rahmen, der mir vertraut war, fühlte ich mich meiner selbst gewiß; die Vorstellung, einer unbekannten Welt gegenübertreten zu müssen, erschreckte mich. Auch wußte ich die Muße zu schätzen, die ein wenig umfangreicher Stundenplan mir ließ. Ich wußte, daß der des Lyzeums weit größere Ansprüche an mich stellen würde. Ich schloß mich also ohne Zögern dem Einspruch meiner Mutter an.

Mein Vater kam dagegen nicht auf; er hatte die Entscheidung über Fragen unserer Erziehung stets unserer Mutter anheimgestellt. Schon dieser bloße Vorschlag von seiner Seite war ein unerwarteter Übergriff. Hätte indessen Zaza nicht existiert und er mich etwa durch zwingende materielle Gründe oder andere Argumente zu überzeugen vermocht – wie würde sich dann alles entwickelt haben? Zunächst hätte ich, aus meiner Umgebung gerissen und überfordert, zweifellos nur mäßige Schulerfolge zu verzeichnen gehabt und dadurch in meinem Selbstbewußtsein gelitten; doch mein weiterer Studiengang hat gezeigt, daß ich mich Veränderungen der Situation durchaus anzupassen verstand; ich wäre bestimmt bald wieder an einem guten Platz in der Klasse gelandet. Wohl hätte ich weniger geglänzt als im Cours Désir, da der Wettbewerb schärfer war, aber andererseits hätten sich doch auch viele günstige Umstände für mich ergeben: gescheite Lehrer, Schulkameradinnen mit wacher Intelligenz. Ich hätte mich nicht gezwungen gesehen, meine geistige Entwicklung wie einen Makel zu verbergen: ich wäre leichter und schneller zu meinen Zielen gelangt. Und vielleicht würde ich mich heute rückblickend voller Schaudern fragen: «Hätte ich mir nicht, sofern ich im Cours Désir geblieben wäre, alle weiteren Chancen verdorben?»

Ich bin dort geblieben, weil mein gesamtes früheres Leben es mir befohlen hat – nicht aus freien Stücken. Meine wahre Freiheit in dieser Zeit fand anderswo ihren Ausdruck, nämlich in der mühevollen, erregenden Arbeit an mir selbst, die während meiner schwierigen Jahre aus mir gemacht hat, was ich bin. Zu den Glücksfällen meines Lebens zähle ich auch, daß die Meinungsverschiedenheiten meiner Eltern in Moralfragen mich zum Widerstand zwangen. Ich beschloß, mich ganz auf mich selber zu stellen. Ich befreite mich von bestimmten Tabus. Der Plan, zu studieren, reifte stärker in mir sowie auch der, später einmal zu schreiben. Ich gestand mir ein, daß ich den Glauben an Gott verloren hatte. Auf meinen Atheismus komme ich später noch zurück. Ich möchte jedoch gleich klarstellen, daß das ungeschickte Verhalten von Abbé Martin in meiner Entwicklung keine besondere Rolle gespielt hat. Es hat mich von ihm entfernt, nicht jedoch von der Religion, an der ich eine ganze Weile noch festgehalten habe. Aber ich hatte nachzudenken gelernt und mein Glaube seine ursprüngliche Naivität abgestreift. Er war zu jenem zweifelhaften Kompromiß geworden, mit dem sich sehr viele begnügen und der darin besteht, daß man zu glauben glaubt. Ich war zu sehr aus einem Guß, um mich damit abzufinden.

Bei meiner Geburt war ich auf ein bestimmtes Gleis geschoben worden. Wie ich schon sagte, sind meine Eltern dann 1919 ‹neue Arme› geworden, woraus sich für mich eine Weichenumstellung ergab, durch die mir eine andere Bahn zugewiesen wurde. Diese sagte mir durchaus zu. Auch dies ist eine meiner Chancen gewesen. Zwar habe ich unter der äußeren Einschränkung ein wenig gelitten: unmittelbar und vor allem durch die Mißstimmung meiner Eltern. Ohne diese Veränderung jedoch würde es mir nach dem Verlassen des Cours Désir schwerer gefallen sein, meine Studien weiterzuführen.

Ich mußte damals eine Reihe von Entschlüssen fassen, aber auch hier habe ich den Eindruck, als habe die Wahl nicht bei mir selbst gelegen: ich habe lediglich weiter den Weg verfolgt, den meine Vergangenheit mir gebieterisch vorgezeichnet hatte. Seit meiner Kindheit war es mein Wunsch, einmal Unterricht zu erteilen. Als man mir nahelegte, Bibliothekarin zu werden, weigerte ich mich: die strengen Anforderungen auf dem Gebiet der klassischen Philologie und des Sanskrit schreckten mich ab. Meinen Vater, der sich für mich eine Beamtenlaufbahn wünschte, habe ich dafür zu gewinnen vermocht, mich den Lehrberuf wählen zu lassen. Ein Jahr genügte mir, um mir darüber klarzuwerden, daß ich mich nicht auf Mathematik noch auf Literatur, sondern auf Philosophie zu spezialisieren wünschte. Ich habe Mademoiselle Lambert und dank ihr dann auch meine Eltern überzeugt. Später war die Wahl der Fächer für die Zwischenprüfungen und die des Themas für meine Diplomarbeit durch die Umstände bedingt; zudem sind das nur belanglose Entscheidungen gewesen.

Eine wichtigere Entscheidung war das Unterfangen, mich im Jahre 1929 für die agrégation zu melden und sie auch zu bestehen, aber auch hier hat meine Situation den Weg bestimmt, den ich einschlagen sollte: ich war berechtigt, mich zum concours zu melden, ich erstickte in der häuslichen Atmosphäre, ich wollte möglichst früh mit allem fertig werden.

Auf diese Weise hat in all den Jahren meiner Kindheit und Jugend meine Willensfreiheit niemals die Form eines ‹Dekrets› angenommen. Sie äußerte sich in der Verfolgung eines originalen, immer wieder aufgenommenen und bekräftigten Projekts: zu wissen und auszudrücken. Es hat sich in sekundäre Projekte verzweigt, in verschiedenartige Einstellungen der Welt und den Menschen gegenüber, doch entsprangen alle diese Projekte der gleichen Quelle und der gleichen Haltung. Ich bin verschiedenen sozialen Gruppen beigetreten, ich habe die Freundschaft mit Jacques gesucht und gepflegt, verkehrte mit Studienkameraden von der Sorbonne, bin heimlich durch die Bars von Montparnasse gezogen, habe mich mit Stépha angefreundet und mir die Sympathie Herbauds zunutze gemacht. Niemals war ich passiv: ich suchte überall das Leben. Oft habe ich mich auf meinen Streifzügen auch in einer Sackgasse festgefahren. Doch bin ich auch auf unerwartete Dinge gestoßen, die mich bereichert haben, und auf alle Fälle vervielfachte mein Verhalten die Möglichkeiten einer entscheidenden Begegnung.

Von meiner Kindheit an bis zum Alter der Mündigkeit machte ich eine Entdeckung nach der anderen; mein Leben erschien mir als ein einziges Abenteuer. Zugleich jedoch war es wie jede Existenz gewissen Zyklen unterworfen. Das zeigte sich besonders auffallend in den Jahren, die ich das Cours Désir besuchte. Ich ging fast täglich dorthin, immer auf dem gleichen Wege, entweder zu Fuß oder mit der Métro, und fand immer die gleichen Lehrer und Klassengefährtinnen vor. Ein Sonntag verlief wie der andere, und die Sommerferien waren in diesem Jahr nicht anders als im vorhergegangenen. Nach der Reifeprüfung fand diese Routine ein jähes Ende. Das Collège Sainte-Marie, das Institut Catholique und zumal die Sorbonne waren für mich etwas vollkommen Neues. Ich entdeckte die Bibliothèque Nationale. Unbekannte Gesichter wurden mir allmählich vertraut. Aber noch blieb ich im Haus meiner Eltern verankert, unterwarf mich ihrem Lebensrhythmus. Erst nach Bestehen der agrégation zerbrach der alte Rahmen.

Meine Existenz während dieser zwanzig Jahre ist durch die zwiefache Kontinuität gekennzeichnet, in der sie verlief. Mein Organismus machte eine Metamorphose durch. Zugleich waren diese Jahre eine ständige Lehrzeit. Die Zeit war damals tatsächlich ein Faktor der Akkumulation: da ich ein ausgezeichnetes Gedächtnis besaß, ging mir nicht viel von dem, was ich auflas, wieder verloren. Man muß dazu jedoch anmerken, daß bei jedem Individuum, selbst wenn es von der Geburt bis in die Jahre der Reife hinein unaufhörlich fortschreitet, eine Art Dezeleration festzustellen ist. Der achtzigjährige Tolstoj hat geschrieben, daß ihn nur ein kleiner Schritt von seinem 50. Lebensjahr trenne, während sich zwischen dem Neugeborenen und dem Fünfjährigen unendliche Räume dehnten. Es liegt viel Wahrheit in diesem nur scheinbaren Paradoxon. Die Metamorphose der menschlichen Larve in ein entsprechendes Individuum hat etwas Überwältigendes. Anschließend stellt die Eroberung einer eigenen Sprache, des rationalen Denkens, des Lesens, des Schreibens und der Grundelemente des Wissens noch eine beachtliche Großtat dar, hat jedoch bereits geringere Bedeutung. Später setzt der Prozeß sich zwar fort, jedoch in verlangsamtem Tempo. Vom Standpunkt der Schule aus betrachtet lernt man in der Sekunda mehr als in der achten Klasse, an der Sorbonne mehr als in der Sekunda, doch in der Gesamtentwicklung des Individuums spielt dieser Erwerb von Kenntnissen eine geringere Rolle. (Im Rahmen dieser ‹Verlangsamung› hat es für mich jedoch ein bevorzugtes Jahr gegeben: das, in dem ich das Cours Désir verließ, und das mir dank Jacques die phänomenale Offenbarung der zeitgenössischen Literatur hat zuteil werden lassen.)

In dem Maße, wie ich heranwuchs, wandelte sich meine Situation hinsichtlieh der Erwachsenen und ihr Verhalten mir gegenüber, und diese Wandlung wirkte ihrerseits auf mich ein: ich mußte mich der Art neu anpassen, in der sie sich meinem Verhalten anpaßten. Meine Mutter hörte auf, mich auf den Schoß zu nehmen, sie begann auf eine Weise ernsthaft mit mir zu reden, die mir schmeichelte: ich nahm die Allüren eines braven Mädchens an. Unter Zazas Einfluß und zweifellos auch auf Grund meines Alters wurde ich, nahezu zwölf Jahre alt, reizbar und widerspenstig. Die strenge Reaktion unserer Lehrerinnen führte bei mir zu innerer Revolte: ich lehnte ihre Moral ab und ebenso den Gott, der sie repräsentierte. Peinlich berührte mich dabei der Abstand, der zwischen dem Bild, das sie und meine Eltern sich von mir machten, und meinem wahren Wesen bestand. Später, zu Beginn meines Studentinnendaseins, habe ich dann auf unklare Weise die Notwendigkeit in dem Sinne begreifen gelernt, wie Sartre dieses Wort versteht: das Schicksal als Exteriorität der Freiheit. Ich war aus eigenem Antrieb und, wie ich dachte, unter allgemeiner Billigung zu einer eifrigen Studentin geworden und mußte feststellen, daß ich mich in ein Monstrum verwandelt hatte. Zu Hause war ich von da an verschlossen, finster, feindselig gestimmt. Glücklicherweise haben kameradschaftliche und freundschaftliche Bindungen mir geholfen, ein erfreulicheres Bild von mir selbst zurückzugewinnen.

Während meiner ganzen Kindheit und Jugend hatte mein Dasein einen eindeutigen Sinn: das Leben als Erwachsene war sein Zweck und Ziel. Das Leben, das man mit zwanzig führt, bedeutet jedoch keine Vorbereitung auf die Existenz der Vierzigjährigen. Während sowohl für meine Umgebung wie für mich meine Aufgabe als Kind und als heranwachsendes Mädchen darin bestand, der Frau Gestalt zu verleihen, die ich in wenigen Jahren sein würde. (Deswegen haben die Mémoires d’une jeune fille rangée [Memoiren einer Tochter aus gutem Hause] jene einheitliche Romanform, die den späteren Bänden fehlt. Wie in sogenannten Entwicklungsromanen läuft die Zeit von Anfang bis zu Ende in strikter Folge ab.) Ich empfand damals meine Existenz als einen einzigen Aufstieg. Gewiß gewinnt man nichts, ohne zugleich auch etwas zu verlieren. Es ist schon zum Gemeinplatz geworden, daß man im Verlauf seiner Selbstverwirklichung Möglichkeiten aufgibt; die im Gehirn und im Körper des Kindes geschaffenen Montagen stehen denen im Wege, die man später gern errichten würde. Interessen, die sich herausgebildet haben, schließen andere aus. Meine Neigung, Erkenntnisse zu sammeln, hat mancher anderen hindernd im Wege gestanden. Der Besitz eines Gegenstandes nimmt ihr etwas vom Reiz des Neuen. Regressionen im Kindesalter bedeuten, daß man ungern heranwächst. Ich habe die Zärtlichkeit meiner Mutter, die Unbeschwertheit und die Verantwortungslosigkeit der ersten Lebensjahre sowie mein Staunen den Geheimnissen der Welt gegenüber eingebüßt. Manchmal hat die Zukunft mich erschreckt. Würde ich eines Tages das graue, reizlose Leben meiner Mutter zu führen haben? Würden meine Schwester und ich einander fremd werden? Würden wir irgendwann nicht mehr nach Meyrignac gehen? Trotz allem fiel die Gesamtbilanz ungemein positiv aus. Das einzige Skandalon in meiner Jugend ist der Tod gewesen; das Heranwachsen sagte mir zu: ich spürte, daß ich Fortschritte machte. Später wünschte ich mir, ich könnte meiner Familie entrinnen. Älter zu werden bedeutete damals für mich zugleich, heranzureifen und allmählich frei zu werden. Selbst noch in meinen dunkelsten Tagen hat mein Optimismus mich dazu ermuntert, der Zukunft mit Vertrauen entgegenzusehen. Ich glaubte an meinen Stern und meinte, alles, was mir zustoßen würde, könne nur etwas Gutes sein.

Es gibt viele Kinder und junge Leute, die das Erwachsensein wie eine Befreiung ersehnen. Andere jedoch fürchten sich davor. Zaza ist das Heranwachsen weit schwerer gefallen als mir. Die Vorstellung, sich von ihrer Mutter trennen zu müssen, verursachte ihr großen Schmerz. Die Magie ihrer Kindheit bewirkte, daß ihre Entwicklungsjahre ihr im trüben Licht erschienen, und die Aussicht auf eine Vernunftehe hatte etwas Erschreckendes für sie. Für einen Arbeitersohn ist es hart, ebenfalls Arbeiter zu werden, das heißt dazu verdammt zu sein, nichts anderes mehr zu tun als sein Dasein zu fristen. Viele junge Leute sträuben sich gegen den Übergang zur Reife: sie lehnen sich auf, begehen Delikte oder Gewaltakte, vagabundieren, nehmen Drogen und bekunden eine Todesverachtung, die bis zum Selbstmord gehen kann. Ich selber fühlte mich von der Idee, durch eine mir zusagende Tätigkeit mich selber zu erhalten, um so mehr entzückt, als die Tatsache, daß ich ein weibliches Wesen war, mich für ein Leben in Abhängigkeit prädestinierte.

Was wäre geschehen, wenn meine häusliche Situation sich anders gestaltet hätte? Darüber kann ich nur Vermutungen anstellen. Zunächst einmal die, daß meine Eltern, wiewohl wirtschaftlich ruiniert, sich anders verhalten hätten, als sie es tatsächlich taten. Wäre meine Mutter weniger zur Einmischung geneigt und minder tyrannisch gewesen, hätten mich die Grenzen ihrer Intelligenz nicht so unangenehm berührt. Groll wäre nicht an die Stelle der Zuneigung getreten, die ich ihr vordem entgegenbrachte, und ich hätte die Entfremdung zwischen mir und meinem Vater leichter zu ertragen vermocht. Hätte mein Vater, ohne seinerseits in den Kampf gegen meine Mutter einzugreifen, mir weiterhin Interesse bezeigt, würde mir das sehr geholfen haben. Hätte er offen für mich Partei ergriffen und für mich gewisse Freiheiten gefordert, die mir von ihrer Seite dann bestimmt gewährt worden wären, würde das mein Leben sehr erleichtert haben. Hätten alle beide sich freundschaftlich mir gegenüber verhalten, würde ich doch durch ihre Art, zu leben und zu denken, in Opposition zu ihnen gestanden haben. Die häusliche Atmosphäre hätte mich mehr oder weniger erstickt, und ich hätte mich vereinsamt gefühlt, nicht jedoch verstoßen, exiliert, verraten. Mein Schicksal hätte dadurch keine Veränderung erfahren, wohl aber wäre viel unnötige Traurigkeit mir erspart geblieben. Dies ist die einzige Periode meines Lebens, an die ich noch heute mit Bedauern zurückdenke. Die Krise meiner Entwicklungsjahre habe ich selbst geschürt, und sie ist fruchtbar gewesen. Aus Liebe zur Wahrheit habe ich mich aus der Geborgenheit feststehender Gewißheiten gewaltsam befreit, und die Wahrheit ist mein Lohn gewesen. Von meinem siebzehnten bis zu meinem zwanzigsten Lebensjahr hat mir die Haltung meiner Eltern tiefen Kummer bereitet, ohne daß mir irgendein Nutzen daraus erwachsen ist.

Hätten sie ihr Vermögen behalten, wäre unser Leben zwar äußerlich angenehmer verlaufen, doch ihre Stimmung würde deswegen nicht weniger gedrückt gewesen sein. Doch ich war immerhin elf bis zwölf Jahre alt, als ihre Lage sich änderte, und somit schon ein fertiges Menschenkind. Meine Mutter war von Natur aus so ängstlich und despotisch, daß sie uns keine Vergnügen hätte verschaffen können; andererseits hätte sie nicht geduldet, daß wir uns etwa ohne sie amüsierten. Sicherlich hätte ich mich mehr mit Spielen und Sport abgegeben. Wenn ich in La Grillière so fanatisch für Krocket geschwärmt habe, so deshalb, weil es in meinem Leben keine andere derartige Zerstreuung gab. Hätte es sie gegeben, wären ihr sicherlich die Phantasiespiele mit meiner Schwester mehr oder weniger zum Opfer gefallen, nicht jedoch meine Studien oder meine Lektüre. Selbst wenn ich besser gekleidet gewesen wäre und mich daraufhin wohler in meiner Haut gefühlt hätte, würde ich gesellschaftliche Veranstaltungen verabscheut haben. Nein, Geld hätte meine Kindheit und frühe Jugend nicht wesentlich verändert. Und auch wenn ich nicht gezwungen gewesen wäre, einen Beruf zu ergreifen, so hätte ich doch bestimmt die Fortführung meiner Studien durchgesetzt.

An einem einzigen, aber wesentlichen Punkt wäre die Linie meines Lebens vielleicht anders verlaufen: Jacques hätte sich eher für mich interessiert, wenn ich besser herausgeputzt gewesen wäre und über die Leichtigkeit im Umgang verfügt hätte, die man gemeinhin dem Besitz von Geld verdankt; meine Armut wäre dann nicht ein Hinderungsgrund für eine Heirat gewesen, die ihm einen Augenblick lang verlockend erscheinen mochte. Ich stelle über diese Hypothese keine weiteren Spekulationen an: und wenn er mich tatsächlich ohne Vermögen geheiratet hätte? Dazu hätte er ein anderer sein müssen, als er war, so daß diese Unterstellung sinnlos ist. Aber so, wie er war, würde er mich, hätte ich Aussicht auf eine Mitgift gehabt, ohne weiteres geheiratet haben. Wie hätte ich, wenn er mir eine Heirat vorgeschlagen hätte, bevor ich Sartre begegnet war, darauf reagiert? Es ist schwierig, sich rückblickend Träumereien über sein Leben hinzugeben: man müßte alle denkbaren Möglichkeiten greifbar vor Augen haben. Wäre mein Vater mit seiner Situation zufrieden gewesen, so hätte er nicht in mir das sichtbare Zeugnis seines Versagens gesehen, er hätte sich nicht von mir abgewandt. Trotz des feindseligen Verhaltens meiner Mutter mir gegenüber wäre mir mein Elternhaus nicht wie die Hölle und Jacques wie ein Erlöser erschienen. Ich hätte in ihm vielleicht nur einen Freund gesehen, dessen Schwächen mir nicht entgangen wären. Schon als ich davon träumte, einmal sein Leben zu teilen, flößte mir diese Vorstellung zuweilen Schrecken ein. Ich würde gezögert haben. In dem Moment jedoch, wo er von Liebe gesprochen hätte, würden eine gewisse Ergriffenheit, die physische Anziehungskraft, die zwischen uns entstanden wäre, zweifellos bestimmend auf mich eingewirkt haben.

Und dann? Würde Jacques weniger getrunken und seine Geschäfte vernünftiger gemeistert haben? Ich kann mir nicht vorstellen, daß ich die Leere ausgefüllt hätte, die in seinem Innern bestand. Für das, was ich ihm hätte geben können, war er nicht aufnahmebereit. Ich hätte sehr bald die Dürftigkeit seines Gefühlslebens entdeckt, und in geistiger Hinsicht hätte er mir nicht genügt. Dennoch hätte ich zu ihm gehalten und ebenso zu den Kindern, die wir gehabt haben würden. Ich hätte die Zerrissenheit so vieler junger Frauen kennengelernt, die, durch Liebe und Mutterschaft versklavt, dennoch ihre ehemaligen Träume nicht vergessen können.

Einer Sache jedoch bin ich gewiß, nämlich, daß ich einen Ausweg gefunden hätte. Meine ersten achtzehn Lebensjahre hatten mich in einer Weise geformt, die zu verleugnen ich außerstande war.

Es ist für mich unvorstellbar, daß ich an meinem Ehrgeiz, an meinen Hoffnungen, an allem, was ich brauchte, um meinem Leben einen Sinn zu geben, hätte Verrat üben können. Zum gegebenen Zeitpunkt hätte ich mich dagegen gewehrt, im bürgerlichen Leben unterzugehen. Ob von Jacques getrennt oder nicht, hätte ich meine Studien wieder aufgenommen, ich hätte geschrieben und mich ganz gewiß schließlich innerlich von ihm gelöst. Ich hätte viele Hindernisse zu überwinden gehabt, und mit ihnen fertig zu werden, hätte mir vielleicht ebenso weitergeholfen wie die Erleichterungen, die mir so zuteil geworden sind. Für das junge Mädchen, das ich damals war, wäre mehr als nur eine Zukunft denkbar gewesen, wenn auch die Frau, die ich heute bin, nicht imstande ist, sich selbst als eine andere zu sehen, als sie nun einmal ist.

Welche Bedeutung hat tatsächlich Jacques in meinem Leben gehabt? Eine weit geringere als Zaza jedenfalls. Den Weg zur Literatur und zur modernen Kunst hätte ich während der Jahre an der Sorbonne auf alle Fälle gefunden. Dank ihm habe ich die ‹Poesie der Bars› kennengelernt. Ich habe sie aufgesucht, und das war als eine Art von Ventil zwar nützlich für mich, gab mir indessen nicht viel. Ich habe durch Jacques mehr Qualen als Freude erlebt. Das, was er in meiner Jugend für mich darstellte, war Teil eines Traums. Vorher habe ich wenig geträumt: Zaza, die Bücher, die Natur, meine Pläne genügten mir. Als ich mich mit achtzehn Jahren in meinem Elternhaus und in meiner Haut nicht mehr wohl fühlte, fing ich an zu träumen: ich träumte nicht, eine andere zu sein, sondern ein Leben zu teilen, das mir bewundernswert schien – wie das Garrics – oder bewegend – wie das von Jacques. Dieser Traum hat lange angedauert, ohne daß ich jemals richtig an ihn geglaubt hätte. Meine Gefühle für Jacques waren künstlich übersteigert, während die für Zaza aufrichtig waren. Obwohl er in seiner Art etwas Ungewöhnliches darstellte, hatte er doch nichts Hervorstechendes, während Zaza ein Ausnahmewesen war.

An Zaza, an Jacques, am Beispiel noch vieler anderer stelle ich fest, welche Rolle in meine Beziehungen zu ihnen doch ein Mangel an Einblick von meiner Seite spielte; ich hielt sie für völlig durchschaubar, während sie eine verborgene Seite hatten, von der ich nichts ahnte. Es kam wohl vor, daß ich, wenn ich Zazas Zimmer in ihrer Abwesenheit betrat, mich fragte, worin für sie der Reiz des Daseins bestehen mochte, aber ich zweifelte nicht daran, daß dieser Reiz doch einzig in dem liegen mußte, was ich davon kannte. Es fehlte mir an Einbildungskraft, an Erfahrung, an Scharfblick. Ich brachte dem, was die Leute sagten, kindliches Vertrauen entgegen und interessierte mich nicht für ihr Schweigen. Ich war wie aus allen Wolken gefallen, als ich die Geschichte von Zazas Jugendromanze, von Jacques’ Liaison erfuhr und Fernand mir zu verstehen gab, daß er mit Stépha schlief. Indessen wäre Zaza nicht die gewesen, die sie war, nicht die Zaza, die ich liebte, ohne ihre leidenschaftliche und letztlich unglückliche Liebe zu ihrem jungen Cousin. Es war vielmehr mein eigenes Leben, das für mich undurchsichtig war, wenn ich es auch völlig zu überblicken meinte.

Erst recht war ich dem sozialen und politischen Gefüge gegenüber blind, in dem es sich entfaltete. Meine Geschichte ist typisch diejenige eines jungen Mädchens, das einer dem Bürgertum angehörigen armen Familie entstammte. Ich hatte zu den Konsumgütern, die mein Geburtsland und meine Epoche zu bieten hatten, in dem Maße Zugang, wie es dem Budget meiner Eltern entsprach. Mein Studium, meine Lektüre wurde mir von der Gesellschaft diktiert. Diese selbst lernte ich zunächst einzig durch Vermittlung meiner Eltern kennen, dann aber auch unmittelbar, ohne mich für sie zu interessieren. Diese Gleichgültigkeit war durch den Zustand der Welt bedingt: das Gefühl der Sorglosigkeit, dem man sich in der Nachkriegszeit hingab, erlaubte mir, an den Ereignissen so wenig teilzunehmen. Als ich an der Sorbonne studierte, haben meine Kameraden mich dann freilich gezwungen, mich etwas mehr damit zu beschäftigen. Ich begann die Schimpflichkeit des Kolonialsystems zu begreifen. Stépha hat mich zum Internationalismus und zum Antimilitarismus bekehrt. Ich bekannte mich nun endlich zu dem Abscheu, den ich seit langem dem Fanatismus der Rechten, dem Rassenhaß, dem bürgerlichen Wertsystem und jeglichem Obskurantismus entgegenbrachte. Die Idee einer Revolution hatte etwas Bestechendes für mich. Ich rückte mehr nach links: jeder sich selbst gegenüber aufrichtige Intellektuelle muß zwangsläufig im Namen des Universalismus für die Aufhebung der Klassen sein. Doch meine persönliche Erlebniswelt zählte damals mehr für mich als die Geschicke der Menschheit. Ich ermaß nicht, wie sehr die erste von den zweiten abhängig war, in die ich auch weiterhin keinen Einblick hatte.

Wie würde ich mich entwickelt haben, wenn ich Sartre nicht begegnet wäre? Hätte ich mich früher oder später von meinem Individualismus, dem Idealismus und Spiritualismus freigemacht, die mir bislang noch hemmend anhafteten? Ich weiß es nicht. Tatsache ist, daß ich ihm begegnet bin und daß diese Begegnung das entscheidende Ereignis meines Lebens geworden ist.

Es fällt mir schwer, zu entscheiden, wieweit sie dem Zufall zuzuschreiben war. Sie ist nicht unbedingt beiläufig zustande gekommen. Dadurch, daß ich mich für das Hochschulstudium entschied, hatte ich mir bereits ein Maximum an Chancen geschaffen, daß es zu dieser Begegnung kam: der ideale Partner, von dem ich schon mit fünfzehn Jahren träumte, mußte ein Intellektueller sein und wie ich danach verlangen, die Welt zu begreifen. Andererseits habe ich mit offenen Augen und Ohren schon gleich bei meinem Eintritt in die Sorbonne unter meinen Kameraden nach demjenigen Ausschau gehalten, mit dem ich mich am besten würde verstehen können. Schließlich trug mir auch meine Aufgeschlossenheit die Sympathie anderer Menschen ein: ich erwarb mir die von Herbaud und durch ihn die von Sartre.

Würden wir aber wohl, wenn er die agrégation ein Jahr früher bestanden oder ich mich erst ein Jahr später dazu gemeldet hätte, voneinander keine Notiz genommen haben? Das steht nicht unbedingt fest, denn Herbaud hätte unsere Bekanntschaft vermitteln können. Wie dem auch sei: wir haben uns häufig gesagt, daß diese Begegnung, wenn sie nicht im Jahre 1929 stattgefunden hätte, sehr wohl auch später noch hätte zustande kommen können: der Kreis der linksstehenden Dozenten, dem wir angehörten, war nicht sehr groß. In jedem Fall hätte ich mich der Schriftstellerei zugewandt, mit Schriftstellern verkehrt und auf Grund seiner Bücher Sartres Bekanntschaft gesucht. Zwischen 1943 und 1945 hätte mein Wunsch sich erfüllt, da damals die antinazistisch gesinnten Intellektuellen ein starkes Solidaritätsgefühl verband. Eine vielleicht andere, aber sicher sehr starke Bindung würde auch dann zwischen uns entstanden sein.

Wenn also zum Teil der Zufall uns zusammengeführt hat, so ist doch die entscheidende Bindung zwischen seinem und meinem Leben das Ergebnis einer freien Wahl: eine solche Wahl ist kein Beschluß, sondern ein sich langsam entwickelnder Vorgang. Er ist mir erstmals durch eine praktische Entscheidung, nämlich die, zwei Jahre in Paris zu bleiben, statt eine Stellung anzunehmen, bewußt geworden. Ich habe die Freundschaften Sartres akzeptiert, ich bin in seine Welt eingetreten, nicht, wie hier und da behauptet wird, weil ich eine Frau bin, sondern weil dies die Welt war, die ich seit langem ersehnte. Im übrigen hat er meine Freundschaften akzeptiert wie ich die seinen: er sympathisierte mit Zaza; bald aber sind mir von meiner Vergangenheit nur meine Schwester, Stépha und Fernand geblieben: seine Freunde waren zahlreicher und durch gefühlsmäßige Bindungen wie auch durch intellektuelle Übereinstimmung miteinander verknüpft.

Ich habe sorgsam darüber gewacht, daß unsere Beziehungen sich nicht änderten, indem ich genau abwog, was von seiner oder von meiner Seite ich zu akzeptieren oder abzulehnen hätte, um sie nur ja nicht in Frage zu stellen. Ich hätte mich ungern, aber doch ohne Verzweiflung damit abgefunden, wenn er nach Japan gegangen wäre. Ich bin sicher, daß wir einander nach zwei Jahren wiedergefunden hätten, wie es ausgemacht war. Eine wichtige Entscheidung bestand für mich darin, daß ich, anstatt ihn zu heiraten, nach Marseille gegangen bin. Bei allen anderen Gelegenheiten deckten sich meine Entschlüsse mit meiner spontanen Eingebung, in diesem Fall allerdings nicht. Ich empfand den lebhaften Wunsch, ihn nicht zu verlassen. Im Hinblick auf die Zukunft habe ich mich für das entschieden, was im Augenblick das Schwierigste für mich war. Das war das einzige Mal, da es mir schien, eine Gefahr vermieden und meinem Leben eine heilsame Richtung gegeben zu haben.

Was wäre geschehen, wenn ich ja gesagt hätte? Vermutungen darüber haben keinen Sinn. Es lag nun einmal in meinem Charakter, daß ich Achtung vor dem Empfinden des anderen hatte. Ich wußte, daß Sartre eine Ehe nicht wünschte; ich für mich allein konnte sie nicht wünschen. Es kam wohl vor, daß ich in kleinen Dingen die Führung übernahm (auch das Umgekehrte trat ein), nie jedoch habe ich ernstlich in Betracht gezogen, in entscheidenden Angelegenheiten bestimmend auf ihn einzuwirken. Angenommen, uns wäre aus irgendwelchen Gründen – die ich mir im übrigen schlecht vorzustellen vermag – eine Ehe als unumgänglich notwendig erschienen, so hätten wir, das weiß ich, einen Weg gefunden, sie in Freiheit zu führen.

In Freiheit: in welchem Umfang habe ich während der nun folgenden zehn Jahre diese Freiheit für mich in Anspruch genommen? Welche Rolle haben dabei der Zufall und die Verhältnisse gespielt?

Ich habe ein paarmal da die Initiative ergriffen, wo die Lage es von mir erforderte. Ich habe den Wunsch geäußert, wieder in größerer Nähe von Paris zu leben, und erhielt eine Anstellung in Rouen, also nicht weit entfernt von Sartre, der in Le Havre lehrte. Daß ich mich dann um einen Posten in Paris bewarb und ihn annahm, verstand sich ganz von selbst. Es war mir durchaus recht, daß Sartre ein Jahr in Berlin verbrachte. Gemeinsam haben wir dann einer ,khâgne[3] die ihm in Lyon angeboten wurde, den Unterricht in einer Prima in Laon vorgezogen, da wir mit Recht annahmen, er werde auf diese Weise rascher nach Paris zurückkehren können.

Mein eigenes Schicksal während dieser Zeit glich dem der Mehrheit der Menschen: auch ich arbeitete, um meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Meine Existenz war wie die ihre ganz auf Wiederholung eingestellt, was mich manchmal bedrückte. Doch ich war privilegiert. Die meisten Menschen hegen keinerlei Hoffnung, dieser Routine vor dem ersehnten und gefürchteten Augenblick der Pensionierung zu entrinnen. Das einzig Neue für sie ist das, was die Geburt der Kinder und ihre Entwicklung mit sich bringt. Aber auch diese Ereignisse verlieren sich allmählich in der Monotonie des Alltags. Ich dagegen hatte reichlich Muße; ich las, schloß Freundschaften, reiste. Ich machte weiterhin Entdeckungen. Mein waches Interesse der Welt gegenüber hat nie nachgelassen. Meine Beziehung zu Sartre ist stets lebendig geblieben; ich war nicht an einen häuslichen Herd geschmiedet; ich fühlte mich nicht an meine Vergangenheit gekettet, und zudem behielt ich stets den Blick auf eine verheißungsvolle Zukunft gerichtet: ich würde Schriftstellerin werden. Vor allem in diese Lehrzeit des Schreibens wurde meine Freiheit investiert. Es handelte sich nicht um einen ruhevollen Aufstieg wie den, der mich schließlich zur agrégation geführt hatte, sondern um ein zögerndes Bemühen: ohne sichtbare Fortschritte, unterbrochen von Rückschlägen und schüchternen Erfolgen.

Zufälle haben dazu beigetragen, mein Leben mit neuen Menschen zu füllen. Colette Audry hätte sich möglicherweise nicht im gleichen Lyzeum wie ich befinden, Olga, Bianca, Lise meine Vorlesungen nicht besuchen können. Bei dem Interesse, das ich anderen Menschen entgegenbrachte, wäre es unwahrscheinlich gewesen, daß keine meiner Kolleginnen, keine meiner Schülerinnen meine Aufmerksamkeit auf sich gezogen hätte. Indessen hätte ich statt dieser Begegnungen andere haben können, deren weiterer oder geringerer Beitrag zu meinem Dasein diesem je nachdem eine verschiedene Färbung zu geben imstande gewesen wäre. Es ist Zufall, daß es zu diesen und nicht zu anderen Begegnungen gekommen ist. Dieser Zufall aber vermochte nicht viel für oder gegen mich, da das Wesentliche meiner Existenz schon gesichert war.

Meine Freiheit hat sich darin ausgedrückt, wie ich diese Freundschaften pflegte. Es interessierte mich ganz besonders genau, aufzuspüren, welche Rolle sie – in Anbetracht der sich dabei ergebenden Schwierigkeiten – in meinen Beziehungen zu Olga spielte. Die Initiative, öfter mit ihr auszugehen, wurde von meiner Seite ergriffen. Gerührt über ihre Anhänglichkeit, durch