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Wenn dein Leben aus den Fugen gerät, wie findest du wieder Halt? Ballett war ihr Leben, ihre Leidenschaft. Doch durch einen Schicksalsschlag hat Aurélie ihre große Liebe verloren und aufgehört zu tanzen. Nur das Meer kann ihren Schmerz betäuben. Als sie auf Seth trifft, dessen blaue Augen sie bis in ihre Träume verfolgen, spielen ihre Gefühle verrückt. Doch für sie ist es zu früh, wieder für einen Mann etwas zu empfinden. Sie kann sich nicht fallenlassen, denn der Schmerz der Vergangenheit sitzt noch zu tief. Wird sie je wieder lieben können? Wird sie je wieder tanzen? Wird sie zurück ins Leben finden? Eine Geschichte über Verlust, Schmerz und Ängste, aber mit einem packenden Happyend.
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Inhaltsverzeichnis
Über die Autorin
Impressum
Zum Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Epilog 1
Epilog 2
Aurélie
–
Zurück ins Leben
Drama
von
Ella Green
Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren wo sie auch heute noch zusammen mit ihrem Herzensmann lebt. Seit 2014 hat sie sich den Genren Romance und Drama verschrieben. Das Schreiben ist für sie nicht nur eine Berufung, sondern das Abtauchen in eine andere Welt. Wenn sie nicht an einer neuen Geschichte arbeitet, geht sie gerne in die Berge.
Daniela Krenn Siedlerstr. 5
83714 Miesbach
www.ella-green.com
Coverdesign: Lena Spehling Korrekturleserin: Martina Schneider
Titelbild: Shutterstock Bildnr. 160909232 / Conrado
Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.
Liebe Leserin, lieber Leser,
Zwei Jahre hatte es gedauert, diese Geschichte niederzuschreiben. Zwei Jahre waren vergangen von der Idee bis zum Wort Ende. Zwei Jahre, in denen ich immer wieder überlegte, ob ich das wirklich schreiben soll.
Will jemand so was überhaupt lesen?
Ich entschied, dass die Geschichte von Aurélie hinausmusste. Ich wollte sie schreiben.
Wollte damit einen Verlust bewältigen.
Aurélie – Zurück ins Leben ist mein Herzensprojekt.
Ihr werdet vielleicht weinen, aber ihr werdet auch fühlen, wie Aurélie sich ins Leben zurückkämpft.
Und glaubt mir, es wird ein Happyend geben.
Ich wünsche euch schöne Lesestunden.
Eure Ella
Wenn dein Leben aus den Fugen gerät, wie findest du wieder Halt? Ballett war ihr Leben, ihre Leidenschaft. Doch durch einen Schicksalsschlag hat Aurélie ihre große Liebe verloren und aufgehört zu tanzen. Nur das Meer kann ihren Schmerz betäuben. Als sie auf Seth trifft, dessen blaue Augen sie bis in ihre Träume verfolgen, spielen ihre Gefühle verrückt. Doch für sie ist es zu früh, wieder für einen Mann etwas zu empfinden. Sie kann sich nicht fallenlassen, denn der Schmerz der Vergangenheit sitzt noch zu tief. Wird sie je wieder lieben können? Wird sie je wieder tanzen? Wird sie zurück ins Leben finden?
Für alle, die einen geliebten Menschen verloren haben.
In ewigem Gedenken an Max.
Der Wind wehte salzige Meeresluft zu mir herüber. Mein braunes Haar wurde davon zerzaust. Ich atmete langsam ein und wieder aus. Der Blick in die Ferne, über den Ozean, beruhigte mich. Die Möwen kreisten über dem Wasser, meine Füße wurden von den Wellen umspült, die am Ufer brachen. Man sollte glauben, dass ich glücklich war, schließlich war ich an einem Ort, an dem andere Urlaub machten. Aber ich war nicht glücklich. In mir herrschte Traurigkeit, Schmerz und Einsamkeit. Er fehlte mir so sehr. Ich schloss die Augen. Ging in mich. Versuchte, alle Gefühle zu verbannen, aber es gelang mir nicht. Ich hörte nur das Rauschen der Wellen, sonst war es still. Ich wollte seine Stimme hören.
Nie wieder würde ich ihn sprechen hören.
Nie wieder sein Lachen vernehmen.
Nie wieder seine Berührungen spüren.
Nie wieder. Zwei Worte, die so verdammt wehtun.
Der Strand war sein Lieblingsort. Unser Lieblingsort.
Hier kamen wir gerne her. Nicht nur, um meine Eltern in Montauk auf Long Island zu besuchen, sondern um die Ruhe zu genießen. Wir genossen es, unsere freien Tage fernab von New York und dem Trubel der Stadt zu verbringen. In Manhattan wurde man immer mitgerissen, stand ständig unter Strom. Aber ohne ihn konnte ich es hier nicht genießen. Ohne ihn fühlte es sich nicht schön an. Er fehlte mir jeden Tag, jede Nacht, jede Stunde, jede Minute, jede Sekunde.
Sechs Monate waren vergangen. Sechs Monate ohne ihn. Ohne sein Lachen, seine Stimme, seine Berührungen.
Nie wieder. Zwei Worte, die mich bis in meine Träume verfolgten.
Ein halbes Jahr ohne den Trubel der Großstadt, denn als er von mir ging, hatte ich New York den Rücken gekehrt. War zu meinen Eltern geflüchtet. Wollte vergessen und verdrängen. Zur Ruhe kommen. Aber nichts von all dem geschah. Ich konnte ihn nicht vergessen und schon gar nicht verdrängen. So sehr ich es auch versuchte, der Schmerz und die Trauer über seinen Verlust waren meine täglichen Begleiter.
Als ich am 23. März dieses Jahres die schreckliche Nachricht bekam, brach die Welt für mich zusammen. Wie könnte ich das jemals verarbeiten? Bilder schossen in meinen Kopf, die ich immer wieder verbannen wollte, aber es funktionierte nicht. Bilder, die ich nicht wahrnehmen wollte. Aber sie waren die brutale Realität. Er war dagelegen und man hätte glauben können, dass er schlief. Aber dem war nicht so. Er war tot. An diesem Tag hatte ich aufgehört an Gott zu glauben. Denn wenn es einen allmächtigen Vater gäbe, hätte er mir nicht einen geliebten Menschen weggenommen.
Unsere gemeinsame Wohnung in Manhattan hatte mich erdrückt. Ich konnte nicht mehr in unserem Bett schlafen, denn seine Seite blieb jede Nacht leer.
Eine Träne kullerte über meine Wange. Soviel wie ich in den letzten Monaten geweint hatte, hatte ich noch nie. Meine Tränen würden den ganzen Ozean füllen.
Eigentlich wollte ich nur ein paar Wochen bei meinen Eltern bleiben, und dann, sobald es mir besser ginge zurück nach New York. Wollte mein altes Leben weiterführen, aber ich war zu schwach. Es ging mir keinen Tag besser. Alles wovon ich träumte, zerplatzte wie eine Seifenblase. Seit sich mein Leben so geändert hatte, tanzte ich nicht mehr. Ich konnte nicht. Mir fehlte die Kraft und Motivation dazu. Ballett war meine Leidenschaft. Meinen Job als Tänzerin am Broadway gab ich auf. Zurück konnte ich im Moment nicht mehr.
Ihn, dessen Namen ich seit seinem Tod nicht mehr aussprach, hatte ich am Theater kennengelernt. Er war der Produzent eines Ballettstückes, für das ich vorgetanzt hatte. Aber ich bekam die Hauptrolle nicht. Er hatte mich nicht besetzt, aber ich erhielt einen Anruf von ihm, dass er mich kennenlernen wollte. Auf rein privater Ebene. Wir waren gemeinsam zum Abendessen gegangen und trafen uns immer öfter. Wir hatten uns ineinander verliebt.
Nervös begann ich an meinem Ehering, den ich nicht abgenommen hatte, zu spielen. Er hatte Träume. Wir hatten Träume. Doch nichts würde jemals in Erfüllung gehen, denn dieser schreckliche Unfall hatte alles zerstört.
Bis dass der Tod euch scheidet, schoss es mir in den Kopf. Nur hatte ich niemals damit gerechnet, dass er so früh von mir gehen würde. Vor zwei Jahren, an unserem Hochzeitstag hatte ich diesen Satz noch belächelt. Niemals hatte ich geglaubt, dass ich mit sechsundzwanzig Jahren Witwe sein würde. Dass ein Mensch mit fünfunddreißig Jahren so schnell aus seinem Leben gerissen wird, war nicht gerecht. Ich hatte gedacht, wir würden gemeinsam alt werden.
Ich schüttelte mich und wandte den Blick zum Haus meiner Eltern. Der schmale Weg, der zum Strandhaus führte, war gesäumt mit kleinen Büschen, dahinter sah man das Haus und den Pool. Mein Dad saß auf der Veranda auf einem Schaukelstuhl. Langsam ging ich den Weg entlang. Daddy lächelte, als er mich auf sich zukommen sah und hob seine Hand. Es war früh am Morgen und als ich vorhin zum Strand gegangen war, hatte er noch geschlafen.
Ich ging die Stufen zu ihm nach oben, setzte mich neben ihn. Wir schwiegen. Seit ich in Montauk war, hatten wir über den Tod von meinem Ehemann nicht gesprochen. Ich konnte und wollte nicht. Wir sprachen auch nicht darüber, wann und ob ich jemals zurück nach New York gehen würde. Das Apartment an der Upper East Side war unbewohnt. Jederzeit könnte ich dorthin zurück, aber ich schaffte es nicht. Mir fehlte die Kraft, mein altes Leben zu leben.
»Wie geht es dir, Aurélie?«, brach mein Dad die Stille, die zwischen uns herrschte.
Ich zuckte mit den Schultern. »Wie immer. Wie soll es mir schon gehen?«
Er griff nach meiner Hand, drückte sie sanft und seufzte leise. »Ich weiß.«
Ohne ihn und Mom wäre ich wahrscheinlich längst dahingeschieden. Sie versuchten mich immer aus dem dunklen Loch, das mich täglich mit sich riss, zu ziehen. Manchmal gelang es ihnen. Manchmal waren sie kraftlos und schafften es nicht.
»Deine Mom hat Kaffee gekocht, soll ich dir einen bringen?«
Ich nickte stumm.
Er stand auf und ging ins Innere des Strandhauses. Ich liebte ihn. Ich liebte beide. Meine Eltern lernten sich vor dreißig Jahren in Paris kennen. Mom ist Französin, daher auch mein Name Aurélie. Ich war zweisprachig aufgewachsen. Doch ich sprach selten französisch.
Ich lauschte dem Meeresrauschen und fühlte mich alleine, obwohl ich wusste, dass mein Dad jeden Moment mit einem Kaffee zu mir zurückkam. Das Krächzen der Möwen war laut und klang schrecklich. Es war nervig. Es zeigte mir aber, dass ich noch lebte und fühlen konnte. Na ja, ein bisschen zumindest, denn an dem Tag, als ich ihn aufgebahrt sah, starb auch ein Teil von mir. Der fröhliche, lebenslustige Teil. Der Teil, den ich seit sechs Monaten suchte, aber nicht mehr fand.
»Hier, bitte«, vernahm ich die liebevolle Stimme von Dad, der mir eine Tasse mit dampfenden Kaffee entgegenhielt.
»Danke.«
Er setzte sich in den Schaukelstuhl und blickte auf meine nackten Füße. »Bei diesen Temperaturen solltest du nicht barfuß umherlaufen und sie schon gar nicht ins Meer halten. Du holst dir sonst nur eine Grippe.«
»Ich weiß«, seufzte ich leise.
Es war Mitte September und die Temperaturen waren wirklich nicht dafür gemacht, barfuß zu laufen oder die Füße ins Wasser zu halten. Mein Geburtstag stand vor der Tür. Das zweite Fest, dass ich ohne ihn verbringen würde. Der 4. Juli war schon schrecklich ohne ihn. Aber mein Geburtstag würde noch schlimmer werden, denn seine Eltern waren eingeladen. Nicht das ich sie nicht mochte. Nein, so war es nicht. Aber seit seiner Beerdigung hatte ich sie nicht mehr gesehen oder gesprochen. Meine Eltern hatten hin und wieder Kontakt zu Noah und Annie Williams. Aber ich konnte nicht mit ihnen reden. Ich hatte es versucht, aber ich schaffte es nicht. Es wäre der erste Geburtstag, den ich nicht in New York verbringen würde.
»Ich meine es nur gut, Aurélie.«
Ich griff nach der Decke, die neben mir lag und deckte mich damit zu. »Ich weiß, Daddy.«
»Mom macht sich große Sorgen um dich.«
»Wann macht sie sich die nicht? Ich bin eure sechsundzwanzig jährige Tochter, die ihren Ehemann verloren hat, die bei euch wohnt, weil sie nicht fähig ist, alleine in New York zu leben.«
Er schaute mich an, nahm meine Hand und hielt sie fest. »Sie macht sich nicht nur deswegen Sorgen.«
Fragend blickte ich ihn an.
»Sie hat Angst, dass du deine Ziele aus den Augen verlierst. Ballett war immer deine Leidenschaft. Der Broadway dein zweites Zuhause.«
»Ich kann noch nicht zurück.«
»Das musst du auch noch nicht. Du weißt, wir sind gerne für dich da. Aber vergiss nicht, dass du weiterleben musst. Aurélie, wir wollen nur, dass du zurück ins Leben findest. Ich bin mir sicher, dass Clay nicht gewollt hätte, dass du dich verkriechst und deine Träume aufgibst.«
Er hatte ihn ausgesprochen. Den Namen, den wir seit sechs Monaten nicht genannt hatten. Es schmerzte, den Namen meines geliebten Mannes zu hören. Tränen sammelten sich und rannen über die Wangen. Dad stand auf, ging vor mir in die Hocke und zog mich zu sich.
»Es war an der Zeit, seinen Namen laut auszusprechen. Ich weiß, es schmerzt, aber du musst, so hart es klingt, akzeptieren, dass er tot ist. Bitte kämpfe. Bitte lebe wieder. Kämpf dich zurück ins Leben. Und lass Clay gehen. Er weiß und wir wissen, dass du ihn immer lieben wirst.«
Die Worte meines Vaters waren hart und schmerzten, aber er hatte recht.
»Ich will meine starke Tochter zurück.« Nun begann auch er zu weinen.
Wir lagen uns heulend in den Armen. Ich spürte, dass er mich liebte und es nicht böse meinte. Er und Mom wollten mir nur helfen. Aber konnte man einem Menschen, von dem ein Teil gegangen war, helfen?
Wie jeden Morgen weckten mich die Sonnenstrahlen, die sich durch die Schlitze der Jalousien drangen. Und wie jeden Tag wachte ich ohne Clay auf. Ich rollte mich zur Seite, schaute auf den Wecker und sah, dass es fünf Uhr dreißig war. Viel zu früh, um aufzustehen, aber müde war ich nicht mehr. Es kostete mich immer Kraft, dass ich morgens aus dem Bett kam, um den Tag ohne ihn zu starten. Die ersten Tage nach seinem Tod war ich nur im Bett geblieben. Hatte mich verkrochen und wollte niemanden sehen. Mit niemanden sprechen. Ich wollte alleine trauern und weinen. Meine Eltern hatten es akzeptiert, und mich eine Woche in Ruhe gelassen, damit ich alleine sein konnte. Doch dann hatten sie mich mehr oder weniger angefleht, aus meinem Zimmer zu kommen, um ein bisschen am Leben teilzuhaben. Bis auf den Strand war ich nicht rausgegangen. Ich verkroch und versteckte mich vor den mitleidigen Blicken der Einwohner von Montauk. Alle wussten, dass ich meinen Ehemann verloren hatte. Es hatte sich rumgesprochen, wie ein Lauffeuer. Ich wollte mich diesen Blicken nicht aussetzen. Die Menschen wussten nicht, wie sie mit mir umgehen sollten. Was sie zu mir sagen sollten. Wenn mir Nachbarn am Strand entgegenkamen, grüßten sie mich entweder so wie früher, als wäre nichts geschehen, oder schauten mich traurig an. Wie sollte man einer Frau, die ihren Mann so früh verloren hatte, gegenübertreten? Ich war niemanden böse. Selbst wüsste ich auch nicht, wie man jemanden behandeln sollte, der so einen Verlust erlitt. Ich konnte mir selbst nicht beantworten, wie ich von meinen Mitmenschen behandelt werden wollte.
Zum Einkaufen ging ich gar nicht, denn ich wollte der Frage: »Wie geht es dir?« aus dem Weg gehen. Auf diese Frage gab es nämlich nur eine Antwort: »Beschissen.«
Ich wollte niemanden spüren lassen, dass ich wütend war über solche Fragen. Daher blieb ich lieber im Haus. Es reichte, wenn mich Nachbarn am Strand antrafen. An manchen Tagen hätte ich sogar antworten können, dass es mir gut ginge. Aber die Tage, an denen es mir mies ging und ich sogar mit dem Gedanken an Selbstmord spielte, überwogen.
Dad hatte sich vor einiger Zeit die Nummer eines Therapeuten geholt. Klar, er wollte mir nur helfen, damit ich mich jemanden anvertraute, der mir professionell helfen könnte. Aber ich konnte nicht. Wenn ich nicht mit meinen Eltern über den Verlust von Clay sprach, wie könnte ich mit einem wildfremden Menschen darüber reden?
Ich sammelte all meine Energiereserven zusammen und stand auf. Gut, aus dem Bett war ich schon mal gekommen. Mit geschlossenen Augen atmete ich tief ein und wieder aus. Wie ging es mir heute? Weder gut, noch schlecht. Es war ein Mittelding, und war okay. Der nächste Schritt war der Weg ins Badezimmer. Auf Zehenspitzen huschte ich über den Flur zur Tür des Bads.
Meine Eltern schliefen noch und ich wollte sie um diese Uhrzeit nicht wecken. Das Licht erhellte den Raum. Ich liebte das Badezimmer, denn es war eine Wohlfühloase, in die ich gerne flüchtete, wenn ich einen beschissenen Tag hatte. Die riesige Eckbadewanne aus Marmor, die Regendusche an der Seite und die Waschbecken glänzten. Im Spiegel blickte ich mich an. Ein Anblick, denn ich mittlerweile gewohnt war. Rot geäderte Augen, fleckiges Gesicht. Die Haarfarbe ohne jeglichen Glanz. Ich hatte mich selbst aufgegeben. Kümmerte mich nicht mehr um mein Äußeres wie früher. Die Kraft, mich hübsch zu machen, fehlte mir. Ich verzichtete auf Make-up, auf das Färben der Haare und auf einen Besuch beim Frisör. Meine tägliche Pflege war nur eine schnelle Dusche oder eine lange Zeit in der Badewanne. Wenn ich zum Strand ging, band ich die Haare zusammen und zog mir eine Jogginghose und einen Hoodie an. Elegante Kleider trug ich nicht mehr. Wozu auch? Ich war ja eh den ganzen Tag im Haus. Mein Leben, das ich führte, glich dem eines Penners. Traurig.
Nie hatte ich mich so vernachlässigt, was das Optische anging. In der Highschool war ich Promqueen, auf der Bühne die hübsche Ballerina und an der Seite von Clay die schöne Frau des Broadway Produzenten. Doch von all dem war nichts mehr zu sehen.
Das grün meiner Iriden funkelte nicht mehr, es war ein leerer Blick ohne Ausdruck. Clay sagte immer, dass ich Katzenaugen hätte und dass er sie liebte.
In mir war alles schwarz. Eine absolute Leere. Es gab keine Farben mehr in meinem Leben. Sogar meine Kleidung war noch immer schwarz. Ich hatte seit der Beerdigung nichts Buntes mehr getragen.
Ich nahm die Zahnbürste, drückte einen Klecks Zahncreme hinauf und steckte sie mir in den Mund. Während ich mir die Zähne putzte, setzte ich mich auf den Rand der Wanne und schaute mich um. Mom liebte Deko und so standen überall Kerzen, Schalen mit Teelichtern und Potpourri, das herrlich duftete. Am Fensterbrett standen frische Blumen. Die Handtücher waren akribisch nach Farben im Regal einsortiert. Mom war Raumdesignerin und ließ ihr Talent nicht nur bei ihren Kunden zur Geltung kommen, sondern auch in ihrem Haus. Aber dieses Talent hatte sie mir nicht in die Wiege gelegt. Wenn ich an das Apartment von mir und Clay zurückdachte, war es ziemlich normal. Dekoartikel waren kaum vorhanden. Es war alles sehr schlicht gehalten. Vor einigen Wochen hatte ich über den Verkauf der Wohnung nachgedacht, aber ich brachte es nicht über´s Herz. Es war unsere kleine Oase in Manhattan. Aber betreten konnte ich dieses Paradies auch nicht. Ich hatte Angst, dass ich zusammenbrechen würde. Allerdings sollte ich mir wirklich irgendwann Gedanken darüber machen, wie es weiterginge. Aber nicht heute und auch nicht morgen. In ein paar Wochen oder Monaten. Vielleicht.
Seufzend erhob ich mich, spülte mir den Mund aus und wusch mein Gesicht. Die langen braunen Haare band ich zu einem Messy Bun zusammen. Für einen kurzen Moment schaute ich mich nochmal im Spiegel an. Ich versuchte zu lächeln, aber es gelang mir nicht.
****
Dick eingepackt und mit einer heißen Tasse Kaffee ging ich über die Veranda, den schmalen Weg hinunter zum Strand. Es war mein morgendliches Ritual, am Strand in den Tag zu starten. Da es noch früh am Morgen war, war kein Mensch zu sehen und ich konnte in Ruhe das Meer genießen. Die Wellen rauschten, die salzige Luft stieg mir in die Nase und ließ mich befreit atmen. Die Sonne schien vom Horizont und wärmte mich. Aber ohne Jacke wäre es zu kalt. Auf die Bitte meines Dads von gestern ging ich nicht barfuß, sondern trug Sneakers.
Ich setzte mich in den Sand, blickte auf den Nordatlantik. Der Kaffee dampfte und ich pustete in die Tasse, bevor ich einen Schluck zu mir nahm.
»Clay, bist du da?«, flüsterte ich.
Es war das erste Mal, dass ich versuchte, mit ihm zu kommunizieren. Auch wenn ich wusste, dass ich niemals eine Antwort bekäme. Ich glaubte nicht an Übersinnliches. Aber heute hatte ich das Bedürfnis mit ihm zu reden, auch wenn ich wusste, dass es nie zu einem Dialog käme, sondern ein Monolog bliebe.
»Ich vermisse dich«, sprach ich weiter. »Du fehlst mir jeden Tag und jede Nacht.«
Möwen krächzten und flogen über das Meer. Der Wind wehte und lockerte einige Strähnen aus dem Dutt. Ich nippte am Kaffee. Das Rauschen des Ozeans wurde lauter, hallte in meinen Ohren. Die Wellen wurden höher. Vor die Sonne schoben sich Wolken. Und plötzlich stieg mir ein sehr vertrauter Duft in die Nase. Es roch nach Clay. Ich konnte ihn deutlich riechen. Panisch schaute ich mich um. Niemand war am Strand. Ich war absolut alleine. Aber wie konnte es sein, dass ich sein Parfüm roch? Warum kam es mir so vor, als würde er neben mir sitzen, seinen Arm um mich legen und zu sich ziehen?
»Clay, bist du hier?«, wisperte ich.
Mein Herz begann schneller zu schlagen. Der Puls raste. Mein Körper zitterte wie Espenlaub und überzog sich mit einer Gänsehaut. Die Wellen kamen tosend auf mich zu und brachen am Ufer. Ich blickte in den Himmel. Dunkle Wolken zogen sich zusammen. Der Wind wurde stärker. Warum schlug das Wetter plötzlich um? Die salzige Meeresluft vermischte sich mit dem Geruch von Clay. Ein kalter Schauer schoss mir den Rücken hinab. Ich fröstelte. Der Kaffee dampfte aus der Tasse.
Machte sich Clay so bemerkbar? War er es, der diesen schlagartigen Wetterumschwung hervorrief?
»Du weißt, ich glaube nicht an so übersinnliches Zeug, aber mir kommt es wirklich so vor, dass du hier bist.« Ich trank den Kaffee aus, stellte die Tasse in den Sand und schloss die Augen. Tief inhalierte ich den Duft ein und ließ mich treiben. Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. Tränen sammelten sich in meinen Augen und rannen über die Wangen. Langsam legte ich mich zurück in den Sand, streckte mich und schaute in den dunklen Himmel. Regentropfen benetzten mein Gesicht und vermischten sich mit den Tränen.
»Sorry, dass ich erst jetzt anfange mit dir zu sprechen«, flüsterte ich.
Der Regen wurde stärker, tränkte meine Jacke und wischte die Tränen hinfort.
»Aurélie!« Die Stimme von meiner Mom drang zu mir herüber. »Schatz, was ist los? Geht es dir nicht gut?« Sie stand neben mir, den Regenschirm schützend über ihren Körper.
»Alles gut, Mom. Ich möchte nur allein sein.«
»Es regnet.«
»Ich weiß«, gab ich ihr lachend als Antwort. »Ich spüre es.«
»Komm bitte mit rein, du bist ja schon pitschnass.«
»Bitte lass mich noch einen Moment hier verweilen. Ich komme nach.«
»Du wirst noch krank.«
Ich schüttelte den Kopf. »Bitte, Mom. Ich brauche diesen Augenblick für mich alleine.«
Sie reichte mir den Schirm. »Dann nimm wenigstens den.«
»Danke«, entgegnete ich ihr.
»Ich lass dir Badewasser ein, du frierst doch bestimmt.«
»Noch geht es.«
»Bis später mein Schatz«, sagte sie und lief zurück ins Haus.
Mit dem Regenschirm in der Hand saß ich da und blickte mich um. »Clay, du hättest dir was anderes überlegen sollen, um dich bemerkbar zu machen. Ich bin total nass.«
Es klang irgendwie irre, dass ich laut mit jemanden sprach, der gar nicht hier war. Aber es fühlte sich richtig an.
»Warum hast du mich verlassen? Warum?«, fragte ich und begann wieder zu weinen.
Die Frage blieb unbeantwortet. Das würde sie wohl für immer bleiben.
»Antworte mir!«, rief ich laut, obwohl ich wusste, dass ich niemals eine bekommen würde. Ich schloss meine Lider, ließ die Tränen fließen. Als ich die Augen wieder öffnete, stellte ich fest, dass es aufgehört hatte zu regnen. Der Wind wurde leichter. Die dunklen Wolken waren verschwunden. Clay war gegangen und hatte mich alleine gelassen.
****
Durchgefroren, klatschnass und voller Sand, war ich ins Haus zurückgekehrt. Meine Mom hatte mich mit einem Bademantel an der Veranda empfangen. Ob sie mitbekommen hatte, dass ich am Strand laut geschrien hatte und Clay bat, mir eine Antwort zu geben? Darauf angesprochen hatte sie mich jedenfalls nicht.
Das warme Wasser wärmte mich. Kerzen erhellten den Raum. Der Duft nach Zitronenmelisse kroch mir in die Nase. Obwohl es früh am Tag war, hatte Mom die Jalousien im Badezimmer heruntergelassen. Sie meinte, ich sollte mich entspannen. Aus der Stereoanlage, die im Regal stand, drang eine leise Melodie. Mom sagte, die Musik wirkt beruhigend, was sie wirklich tat. Mit geschlossenen Augen lauschte ich den Klängen und beruhigte mich.
Ich muss zu mir finden.Muss anfangen, mein Leben ohne Clay auf die Reihe zubekommen.
Nach seinem Tod konnte ich nicht so tun, als wäre alles okay. Vielleicht sollte ich öfters mit ihm sprechen. Vielleicht würde mir das über seinen Verlust hinweghelfen. Meinen Eltern würde ich davon aber nichts erzählen. Nicht das sie dachten, ihre Tochter wäre übergeschnappt und ein Fall für die Klapse.
Klassische Musik und das Tanzen waren einst meine Leidenschaft gewesen. Ich hatte es geliebt auf der Bühne zu stehen, mich zu bewegen. Den Applaus des Publikums zu hören und die Anerkennung für meine Leistung in Empfang zu nehmen.
Als wäre es gestern gewesen, erinnerte ich mich an meinen letzten Auftritt. Es war der Tag, an dem Clay mit seinem Segelflugzeug abgestürzt war. Ich hatte am Nachmittag einen Auftritt, war gut gelaunt. Alles war wie immer gewesen. Clay hatte sich am Morgen von mir verabschiedet und ich war ins Theater gefahren. Das Publikum hatte das Ballett sehr schön gefunden und ich hörte noch jetzt das Klatschen. Nach dem Auftritt war ich hinter die Bühne gegangen, dort standen Polizisten. Nie hatte ich gedacht, dass sie wegen mir hier gewesen waren. Erst als eine meiner Kolleginnen sagte, dass die Cops mit mir sprechen möchten, überkam mich Panik. Die Polizei hatte mich gebeten mich zu setzen. Und dann bekam ich die schlimmste Nachricht meines Lebens. Clay war mit dem Segelflugzeug abgestürzt und hatte nicht überlebt. Sie hatten mich gebeten, mit ihnen mitzukommen.
Als ich meinen Clay leblos aufgebahrt sah und ihn identifizieren musste, brach ich zusammen.
Ich schüttelte mich, denn ich wollte dieses Bild, nicht in meinen Gedanken haben. Langsam atmete ich ein und wieder aus, öffnete die Augen und dachte an die schönen Zeiten mit Clay.
»Aurélie, alles okay?«, hörte ich Mom durch die Tür rufen.
»Alles bestens, danke.«
»Ich fahre in den Laden. Kommst du alleine zurecht?«
»Ja, mir geht es gut«, versicherte ich ihr.
»Okay, dann bin ich jetzt weg.«
»Sag Daddy einen lieben Gruß.«
»Mach ich, bis später.«
Ich schaute die Kerzen, die am Fensterbrett standen an. »Clay, bist du da?«
Eine Flamme zuckte plötzlich, während die anderen ganz ruhig blieben. War das wieder ein Zeichen? Machte er sich so bemerkbar? Wie vorhin am Strand roch es nach ihm. Ich inhalierte den mir vertrauten Duft.
»Du willst mir wohl beim Baden zusehen, wie du es sonst immer gemacht hast«, flüsterte ich und lächelte.
Clay war immer am Rand der Wanne gesessen, wenn ich gebadet hatte. Ab und an war er zu mir ins Wasser gestiegen. Ich liebte ihn so sehr. Er war mein Ein und Alles.
Als unser Song durch die Boxen drang, überzog sich mein Körper mit einer Gänsehaut. Zu diesem Lied hatten wir getanzt, als wir das zweite Mal zusammen ausgegangen waren. Wir hörten es uns oft an und tranken dabei ein Glas Rotwein. Ich blickte die Kerze an, deren Flamme höher war als die der anderen. Er war da. Er besuchte mich. Er wollte mit mir Kontakt aufnehmen. Oder wollte er mir etwas mitteilen? Wollte er, dass ich endlich wieder zu leben begann? Mich aus dem Loch hochzog und ohne ihn weitermachte? Die Fragen konnte ich mir nicht beantworten.
Die Musik wechselte. Es waren wieder die leisen klassischen Klänge und die Kerze, die vorhin noch hoch brannte, erlosch. Wie konnte das möglich sein? Die anderen brannten noch. Das war gespenstisch.
Langsam erhob ich mich aus dem Wasser, hüllte mich in ein Handtuch ein und stellte mich vor den beschlagenen Spiegel.
