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Ella Green

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Beschreibung

»Alexandra, gehst du jetzt endlich und setzt deinem trostlosen Leben ein Ende?« Jahrelang wurde Alexandra Lexie von Kathryn und Jeff gemobbt. Sie machten ihr das Leben zur Hölle. Doch sie ließ sich nie unterkriegen, verließ ihre Heimat Westcliff und begann in New York nicht nur ihr Studium, sondern ein neues Leben. Nie wieder wollte sie nach Westcliff zurück. Doch ihr Job als Journalistin führt sie genau zu dem Ort, den sie nie wieder betreten wollte. Um ein exklusives Interview über den Bodyguard Colin Lockhart zu erhaschen, heftet sie sich unter falschem Namen an seine Fersen. Das Vertrauen und die Gefühle werden auf beiden Seiten größer. Doch dann platzt die Bombe und Lexies wahre Identität kommt ans Tageslicht. Kann sie jemals wieder das Vertrauen von Colin gewinnen?

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

Beyond Doubt

Impressum

Über die Autorin

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Epilog

Beyond Doubt

Liebesroman von Ella Green

Impressum

Daniela Krenn

Siedlerstraße 5

83714 Miesbach

http://www.ella-green.com

© Ella Green August 2019

Cover: Art for your Book Sabrina Dahlenburg

Korrekturleserin: Martina Schneider

Alle Rechte vorbehalten. Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung der Autorin. Personen und Handlung sind frei erfunden, etwaige Ähnlichkeiten mit real existierenden Menschen sind rein zufällig und nicht beabsichtigt. Markennamen sowie Warenzeichen, die in diesem Buch verwendet werden, sind Eigentum ihrer rechtmäßigen Eigentümer.

Über die Autorin

Ella Green wurde 1983 in Oberbayern geboren. Seit 2014 hat sie sich den Genren Romance und Drama verschrieben. Das Schreiben ist für sie nicht nur eine Berufung, sondern das Abtauchen in eine andere Welt. Wenn sie nicht an einer neuen Geschichte arbeitet, geht sie gerne in die Berge oder backt Cupcakes.

Der Schwache kann nicht verzeihen.

Verzeihen ist eine Eigenschaft des Starken.

Mahatma Gandhi

Für meinen Hasali Christian.

Ich liebe dich über alles.

Prolog

»Du lebst ja immer noch.« Die böse Stimme von Kathryn Wilder drang in mein Ohr. Jedes einzelne Härchen auf meinem Körper stellte sich auf. Mir lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. Seit ich denken konnte, mobbte sie mich und machte mir das Leben zur Hölle.

»Kannst du dem Elend nicht mal ein Ende machen. Geh nach Hause und bring dich um. Du hässliche, dumme Kuh«, fuhr sie mit ihrer Stichelei fort.

Wir waren noch nie Freunde gewesen. Auf dem Kiecker hatte sie mich erst seit wir in der High School waren. Aber damit wäre bald Schluss, denn heute war der Abschlussball. Nach den Sommerferien würde es für mich in die große weite Welt gehen. Ich hatte an einer Uni in New York ein Stipendium erhalten und konnte ab dem Spätsommer Journalismus studieren. Endlich weg aus diesem Kaff. Westcliff, Colorado war meine Heimat, hier wurde ich geboren. Aber ich hatte keinen schönen Tag hier. Weder an der Schule noch zu Hause. Meine Eltern interessierten sich nicht für mich, weswegen sie gar nicht traurig waren, dass ich bald wegziehen würde. Die beiden waren mit ihren Jobs, die uns kaum über Wasser hielten, beschäftigt. Mein Dad arbeitete als Mechaniker in einer Werkstatt und meine Mom an der Kasse eines Lebensmittelgeschäfts. Da wir kaum Geld hatten und somit nie verreisten, und ich nie einem Hobby nachgehen konnte, stürzte ich mich immer in meine Bücher und war eine gute … nein, eine sehr gute Schülerin geworden.

Während der Ferien würde ich ein Praktikum in der ortseigenen Lokalzeitung machen, um ein bisschen in die Welt des Journalismus reinzuschnuppern und vor allem, um ein kleines bisschen Geld zu verdienen. Der Chefredakteur der Westcliff Local kannte mich schon lange, denn ich hatte in den letzten Jahren immer deren Zeitungen ausgetragen. Darum war es kein Problem, dass ich ein bezahltes Praktikum machen konnte, so dass ich etwas von der Materie mitbekam. Ich wollte unbedingt raus, mir die Welt anschauen und über Menschen Artikel verfassen. Mein großer Traum war es, bei der New York Times einen Job zu ergattern, doch bis dahin wäre es noch ein langer Weg.

Ich drehte mich zu Kathryn, die ihr Gift weiterhin verspritzte, um. Ihre dunklen Augen fixierten mich. Ihr Mund verzog sich zu einem süffisanten Lächeln.

»Warst du in der Altkleidersammlung, um dir diesen Fetzen zu holen?« Sie blickte sich mein Ballkleid, dass ich mir mit Müh und Not zusammengespart hatte, an. Es war nichts besonders. Aber ich fand es schön. Anders als Kathryn konnte ich mir keines von einem Schneider anfertigen lassen. Sie sah schön aus. Ihr Ballkleid war dunkelblau, mit Strasssteinen im Brustbereich besetzt und fiel weit auseinander. Ihre blonden Haare hatte sie nach oben gesteckt. Das Make-up war perfekt. Aber sie war ein böser Mensch. Vor allem zu mir.

»Ich hab dir eine Frage gestellt, du dumme Kuh! Also antworte mir.«

In meinem Hals bildete sich ein Kloß. »Das hab ich im Internet bestellt.«

»So sieht es aus. Richtig scheiße. Dass du dich gar nicht schämst.«

»Mir gefällt es«, sagte ich mutig.

Eigentlich wollte ich nicht zum Abschlussball gehen, aber meine Lehrerin Mrs. Blakely hatte mich überredet. Es würde mir bestimmt gefallen hatte sie gesagt. Dass es das nicht tat, hatte sich eben bestätigt. Mir hätte doch klar sein müssen, dass Kathryn an unserem letzten Tag, an dem wir aufeinandertrafen, mich nicht in Ruhe ließ.

»Du siehst scheiße aus.«

Ihre Worte schmerzten, aber ich beherrschte mich, so wie in all den Jahren. Nur keinen Konflikt mit ihr eingehen. Den würde ich sowieso verlieren. Ich wandte mich zum Eingang der Sporthalle, in der der Abschlussball im vollen Gange war. Die Band auf der Bühne spielte rockige Musik und viele Schüler tanzten dazu. Tanzen würde ich nicht. Ich würde wahrscheinlich mit einem alkoholfreien Punsch in der Ecke stehen und die Menschen beobachten. Gerade als ich die Halle betreten wollte, spürte ich, wie mich jemand an den Haaren packte. Na ja, jemand war die Untertreibung des Jahrhunderts, denn es war Kathryn.

»Du wirst jetzt am besten nach Hause gehen, dich im Bad einsperren und dir die Pulsadern aufschneiden. Du bist ein Niemand und wirst auch immer ein Niemand bleiben.« Sie zog so sehr an meinen Haaren, die ich zu Locken frisiert hatte, dass es schmerzte. Die Tränen sammelten sich in meinen Augen. Es wäre nicht das erste Mal, dass ich vor ihr heulte. Das wollte sie doch. Auch wenn ich mich immer zusammenreißen wollte, aber ich konnte die Tränen nie zurückhalten. Ich begann zu schluchzen und Tränen liefen mir über die Wangen. Kathryn ließ mich nicht los. Sie riss so stark an meinen Haaren, dass ich dachte, sie würde sie mir inklusive Kopfhaut rausreißen.

»Lass mich, bitte«, flehte ich und weinte, wie ein kleines Mädchen.

»Kathryn, kommst du. Wir müssen gleich auf die Bühne.« Die Stimme von Jeff Perry hallte durch den Eingangsbereich. Er war der Quaterback des Footballteams. Der wohl hübscheste Junge, den ich jemals gesehen hatte und der feste Freund von Kathryn. Die beiden mussten auf die Bühne, denn sie waren zum Abschlussballkönig und –königin gewählt worden.

Kathryn ließ mich los, stieß mich weg und lachte diabolisch auf. »Geh heim und mach endlich Schluss mit deinem minderwertigen Leben.« Dann marschierte sie zu Jeff, der mich, wie sie nur missachtend anstarrte. Nie half mir jemand, wenn mich die beiden translatierten. Keiner unternahm was. Nicht mal die Lehrer. Leider war es in dieser Kleinstadt so, dass man nur was zählte, wenn man Geld hatte. Dann hatte man was zu melden. Auf Mädchen, die wie ich nicht wohlhabend aufwuchsen, wurde nicht geachtet.

»Alexandra, willst du nicht rein und dich amüsieren?« Mrs. Blakely kam auf mich zu, hielt inne und schaute mich an.

Die Tränen liefen unaufhaltsam über meine Wangen.

»Oh Gott, was ist denn los?«

»Nichts, alles okay. Ich bin nur überwältigt, dass ich diese Schule für immer verlasse und nach den Sommerferien nach New York gehe«, log ich sie an.

Mrs. Blakely war eine der Lehrerinnen, die zwar wusste, wie Kathryn mich behandelte, mich auch ermutigte mich nicht unterkriegen zulassen, dennoch nie was dagegen unternahm. Warum hatte ich mich nur von ihr zu dieser Schnapsidee überreden lassen? Ich hätte doch wissen müssen, wie es sein würde.

»Du wirst eine ganz tolle Journalistin und New York wird dir zu Füßen liegen, davon bin ich überzeugt. Und jetzt geh rein und hab Spaß.«

Ich straffte meine Schultern, betrat die Sporthalle und ging an der Wand entlang zur Bar, an der ich mir einen alkoholfreien Punsch holte. Mrs. Blakely war mir gefolgt, gesellte sich zu mir und schaute mich eindringlich an.

»Sie können ruhig zu Ihren Kollegen«, sagte ich, denn ich wollte alleine sein, dieses Getränk schnell austrinken und verschwinden. Nicht um mir die Pulsadern, so wie es sich Kathryn wünschte, aufzuschneiden, sondern um mich in den Schlaf zu heulen und von einem besseren, schöneren Leben in New York zu träumen.

»Ich war nicht immer die Lehrerin, die ich hätte sein sollen, das tut mir sehr leid.«

Ach, was für eine Erkenntnis, nur leider einige Jahre zu spät.

»Passt schon. Ich werde bald ein tolles neues Leben beginnen.«

Sie legte ihre Hand auf meine Schulter. »Das wirst du.« Dann ging sie.

Die Musik wurde leiser, unser Rektor trat ans Mikro und verkündete den diesjährigen Abschlusskönig und seine Königin. Jeff und Kathryn betraten freudestrahlend die Bühne, ließen sich bejubeln und die Kronen aufsetzen. Sie wurden gefeiert wie Stars. Am liebsten hätte ich gekotzt. Das war so unfair. Hatten wirklich alle die Augen verschlossen und sahen nicht, wie gemein die beiden zu mir waren? Wollten sie es nicht wahrhaben? Hatten sie mir nicht geholfen, weil sie Angst hatten, dass sie dann gemobbt wurden? Diese Fragen würde mir niemand beantworten. Aber das war nun auch egal. Ab morgen würde ich bei der Zeitung arbeiten und in wenigen Wochen kehrte ich Westcliff für immer den Rücken. Hierhin wollte ich nie wieder zurück.

Den Becher mit dem Punsch stellte ich auf einem Tisch ab und verließ die Halle. Ich war dagewesen, hatte mir den Mist angeschaut. Nun konnte ich genauso gut nach Hause, denn reden würde mit mir ohnehin niemand. Die waren ja alle Fans von Kathryn und Jeff.

Die Luft war kühl. Ich hätte mir doch ein Jäckchen mitnehmen sollen. Da ich kein Auto hatte, und meine Eltern mir ihres nie liehen, war ich zu Fuß hergekommen. Nun musste ich die paar Meilen zurücklaufen. Aber die frische Luft würde mir guttun.

»Alexandra, gehst du jetzt endlich und setzt deinem trostlosen Leben ein Ende?« Wieso musste mir Kathryn nachkommen? Wollte sie nicht bejubelt werden? Ich wandte mich um. Hinter ihr standen ihre Freunde. Was bitte wollten die von mir? Ich schüttelte nur den Kopf und ging weiter. Doch so ließ sich Kathryn nicht abwimmeln. Ihre Heels klackerten auf dem Asphalt. Sie kam mir immer näher.

»Bleib stehen!«, befahl sie mir.

Aber ich tat es nicht und das war ein Fehler, das wusste ich. Kathryn packte mich an der Schulter, riss am oberen Saum meines Ballkleids und zog daran. Der Stoff war nicht fest genug, klar, das Kleid war ja nicht umsonst so günstig. Und dann passierte das wohl schlimmste, was mir je auf der High School passierte. Das Kleid riss und ich stand nur noch in Slip, weil ich für einen BH viel zu kleine Brüste hatte, da. Alle lachten und deuteten mit dem Finger auf mich.

»Du bist ja flach wie ein Brett«, rief jemand.

Schützend hielt ich die Hände vor meinen Busen, bückte mich und raffte den zerfetzten Stoff zusammen. Keiner kam mir zur Hilfe. Nicht einmal jemand von den Lehrern, wahrscheinlich waren die in der Sporthalle und amüsierten sich. Tränen schossen aus meinen Augen. Grelle Lichter von Handykameras blitzten auf. Es war klar, dass die Schüler dies für die Nachwelt festhalten mussten. Eilig rannte ich die Straße entlang. Hinter mir konnte ich das Gelächter hören. Als ich an der Kreuzung ankam, knotete ich das Kleid so gut es ging zusammen und lief mit gesenktem Kopf und weniger Selbstbewusstsein nach Hause.

Nun war es endgültig vorbei. Diese Menschen würde ich nie wieder in meinem Leben sehen. Ich musste sie hinter mir lassen. Ab morgen hatte ich mit Erwachsenen zu tun, die hoffentlich netter waren. Und in New York würde endlich mein neues Leben beginnen.

Kapitel 1

Sechszehn Jahre später

Wenn ich, wie jetzt, in den Spiegel schaute, war von der einst eingeschüchterten Alexandra Stevens nichts mehr da. Diese Person hatte ich hinter mir gelassen. Was ich meiner Freundin und Chefin Abigail Clarkson zu verdanken hatte. Sie hatte ich an der Uni in New York kennengelernt. Ja, Abigail hatte es sich damals zur Aufgabe gemacht, aus mir eine selbstbewusste Frau zu machen. Ich war sozusagen ihr Projekt. Aus Alexandra wurde Lexie. Äußerlich hatte ich eine komplette Verwandlung hinter mir. Die Straßenköterbraunen Haare wurden stufig geschnitten und leuchteten in einem satten Braun. Die Klamotten wurden trendiger und waren nicht mehr von der Heilsarmee. Abigail hatte wirklich tolle Arbeit geleistet. Wir wurden die besten Freundinnen. All das, was mir während der High School widerfahren war, ließ ich ab dem Tag, an dem ich einen Fuß in New York setzte, hinter mir.

Die Zeit während dem Studium hatte ich mit Abigail und unseren Freunden verbracht. Ich lernte Männer kennen, und hatte die ersten sexuellen Erfahrungen. Das erste Mal Alkohol konsumiert. Alles was ich als Teenager in Westcliff nie getan hatte. Auch wenn ich oft mit Abigail auf Partys gewesen war, ließ ich mein Journalismusstudium nicht schleifen. Ich hatte es mit Bravour abgeschlossen und mir standen alle Türen offen. Nur die Tür zur New York Times blieb verschlossen. Was aber nichts ausmachte, denn ich hatte einen Job im Modemagazin Grace, das Abigail und ihrem Dad gehörte, bekommen. Ja, da war viel Vitamin B im Spiel, aber Abigail wollte mich unbedingt an ihrer Seite wissen. Sie schätzte meine Fähigkeiten als Journalistin. Und so war es, dass ich jeden Monat einen Artikel über Mode, Make-up und Prominente schrieb. Das konnte man sich gar nicht vorstellen, wenn man bedachte, dass ich früher mit sowas überhaupt nicht in Berührung gekommen war oder Interesse daran hatte. Doch Abigail hatte mehr in mir gesehen. Aus dem hässlichen Entlein wurde ein wunderschöner Schwan.

Ich warf meine Haare über die Schulter, zog den roten Lippenstift nach und verließ den Waschraum, des Magazins. Heute hatten wir ein Meeting für die Jubiläumsausgabe, die im Sommer erscheinen sollte. Die Grace feierte nämlich ihren vierzigsten Geburtstag.

An den Wänden des Flurs, der hinunter zum Meetingraum führte, hingen die Cover der letzten Ausgaben. Auf jedem war eine wunderschöne Frau abgelichtet. Mich schüchterten diese Models lange nicht mehr ein, denn ich war wie sie Trendsetterin, selbstbewusst und wunderschön.

»Hi«, sagte ich zu Abigail, die an einem Tisch saß und auf die anderen Mitarbeiter wartete.

»Hi Süße, alles gut bei dir?«, wollte sie wissen und knotete sich ihre langen blonden Haare zusammen.

»Alles perfekt.« Ich setzte mich neben sie und nahm einen Stift und Block zur Hand. Später musste ich mir bestimmt einige Notizen machen. Schon jetzt war ich gespannt, über was ich einen Artikel in der Jubiläumsausgabe verfassen sollte.

Allmählich betraten meine Kollegen und Kolleginnen den Raum, nahmen sich Kaffee und Wasser und setzten sich. Als letztes kam unser Chef Mr. Wayne Clarkson. Ihn mochte ich von Anfang an. Er war groß, hatte graues Haar und trug wie immer einen Anzug.

»Guten Tag zusammen«, sagte er und stellte sich vor uns. »Wie ihr alles wisst, möchte ich heute mit euch die Themen für unsere Jubiläumsausgabe besprechen. Es soll nicht nur um Mode und den neusten Schrei in Sachen Make-up und Hairstyling gehen. Ich habe mir überlegt, dass wir uns auch etwas auf die Menschen, die Grace lesen konzentrieren. Natürlich möchte ich auch einen Artikel über einen Prominenten darin haben.«

»Daddy, so prominent ist der Mann gar nicht«, kommentierte Abigail und lachte in sich hinein.

»Noch nicht, aber er ist ein interessanter Mann und deshalb möchte ich, dass du Lexie über ihn schreibst.« Wayne wandte sich zu mir und grinste.

»Über wen soll ich denn berichten?«, fragte ich neugierig nach.

»Colin Lockhart«, ergriff Abigail das Wort und wackelte mit den Augenbrauen.

»Der Bodyguard von Sylvie DeVill?«

»Ex-Bodyguard.«

»Was habt ihr euch vorgestellt?«

»Die Presse überschlägt sich seit Wochen mit Anschuldigungen, dass er sie nicht richtig geschützt hätte. Sie machen ihn richtig fertig. Ich möchte ein exklusives Interview über ihn abdrucken, der den Menschen zeigt, der er ist. Es war ein Attentat, das weiß jeder.«, erklärte Wayne mir.

Sylvie DeVill, die Grand Dame der Modebranche, wurde vor einigen Wochen vor einem Fünfsterne Hotel in Paris erschossen. Die Medien berichteten fast täglich darüber und machten ihren Bodyguard Colin Lockhart dafür verantwortlich. Er hätte nicht aufgepasst. Würde womöglich mit dem Attentäter unter einer Decke stecken. Alles Anschuldigungen, die den jungen Mann wahrscheinlich sehr belasteten.

»Gibt es schon einen Kontakt zu ihm?«

Wayne seufzte. »Seit die Gerüchte, um ihn zugenommen haben, ist er von der Bildschirmfläche verschwunden.«

Sylvie DeVill war eine großartige Modedesignerin gewesen. Es wäre eine Herausforderung Colin Lockhart ausfindig zu machen. Aber genau so eine Herausforderung brauchte ich mal. Ich schrieb wirklich gerne über Mode und die neusten Trends, aber das war mal was ganz anderes. »Ich werde recherchieren, vielleicht finde ich irgendwas brauchbares raus«, sagte ich und notierte mir wo ich nach ihm suchen könnte.

Wayne fuhr mit dem Meeting weiter. Er teilte jedem Journalisten eine Aufgabe zu und sagte uns, dass die Deadline für die Artikelabgabe in zwei Monaten wäre. Könnte knackig werden. Zuerst müsste ich mich in das Leben von Colin einlesen, um irgendwelche Anhaltspunkte über seinen möglichen Aufenthaltsort zu erfahren.

Nach gut zwei Stunden waren die Aufgaben verteilt und Wayne hatte uns zu unseren Arbeiten entlassen. Ich saß vor dem Computer und begann meine Recherche über Colin Lockhart. Das Internet war voll mit Gerüchten über ihn. Kein Wunder, dass er abgetaucht war. Colin bezog nirgends Stellung zu den Vorwürfen. Sein Facebook und sein Instagram Account waren tot. Die letzten Einträge lagen ein paar Wochen zurück. Dennoch stöberte ich durch die Fotos, um irgendwas über ihn rauszufinden. Colin sah gut aus. Er war groß, hatte viele Muskeln, die er gerne mit freiem Oberkörper in Szene setzte. Vor allem in Fitnessstudios. Klar, er musste sich ja für seinen Job fit halten. Doch die meisten Fotos, die man von ihm fand, waren in New York oder Los Angeles aufgenommen worden.

»Wo könntest du dich nur aufhalten?«, murmelte ich vor mich hin. Grübelnd, wo ein Bodyguard untertauchen könnte, scrollte ich mich weiter durch die Bilder. Dann erblickte ich eines, dessen Hintergrund ich nur zu gut kannte. Zuerst dachte ich, ich täuschte mich, aber beim genaueren Hinsehen fiel mir ein Detail ins Auge. Colin stand an einem Straßenrand, hinter ihm sah man eine verschneite Bergkette. Das kleine Detail, dass wahrscheinlich nur ich wahrnahm, war ein Straßenschild im Hintergrund. Auf diesem stand Custer County High School. Mir schoss ein eiskalter Schauer über den Rücken. Das war meine alte Schule. Die, auf der ich gemobbt wurde.

Unter dem Bild von Colin hatte er einen kurzen Text geschrieben. »Besuch in der Heimat. Freu mich aber wieder auf New York.«

»What the fuck!«, stieß ich laut aus, sprang vom Stuhl auf und ging im Büro auf und ab.

Colin Lockhart kam aus Westcliff? Nein, das konnte nicht sein. Er war in meinem Alter, also müsste ich ihn kennen. Warum kannte ich ihn nicht? Das kann doch nicht sein. Mir schwirrte der Kopf. Um etwas runterzukommen und meine Nerven zu beruhigen, denn die flatterten, wann immer ich mit Westcliff konfrontiert wurde, ging ich in die Küche, um mir eine große Tasse Kaffee zu holen.

Abigail kam in die Küche, als ich mir eine Tasse nahm und Kaffee eingoss.

»Willst du auch einen?«, fragte ich, woraufhin sie nickte.

»Oh ja, den hab ich bitternötig.«

Ich füllte ihr ebenfalls eine Tasse und reichte sie ihr. »Du siehst angespannt aus. Alles ok? Oder macht dir die Recherche über Colin Lockhart zu schaffen?«

Seufzend nippte ich an dem Kaffee. »Das hast du vollkommen richtig erkannt.«

»Warum? Hast du was rausgefunden?«

»Ja. Und mir gefällt gar nicht, was ich über ihn erfahren habe.«

Abigail blickte mich fragend an. »Erzähl.«

»Er kommt anscheinend aus Westcliff, Colorado.«

Meiner Freundin klappte der Mund auf. »Ist nicht wahr.«

»So wie es aussieht ja. Komm mit ich zeig dir was.«

Abigail folgte mir in mein Büro, wo ich ihr das Foto mit dem Detail zeigte.

»Krass. Dann kennst du ihn?«

»Eben nicht. Sonst hätte ich dir das längst erzählt. Ich hab diesen Kerl nie in Westcliff gesehen. Mir sagt auch der Name rein gar nichts.«

»Vielleicht ging er auf eine andere Schule.«

»In Westcliff gibt es nur eine High School.«

Abigail ließ sich auf dem Stuhl vor meinem Schreibtisch nieder. »Glaubst du er ist dort untergetaucht?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Möglich. Aber wer geht freiwillig nach Westcliff?«

»Ein Mann, der sich versteckt«, kommentierte Abigail. »Dort vermutet ihn keiner. Und wie du sagst, fällt dieses Detail im Hintergrund nur auf, wenn man die Gegend kennt.«

»Hm, das stimmt. Er wäre in Westcliff definitiv vor der Presse sicher.«

»Sicherer als in New York oder Los Angeles, wo er sich sonst rumtreibt, auf jeden Fall. Was willst du jetzt machen?«

Seufzend setzte ich mich. »Ich hab keine Ahnung.«

»Du hast eine Ahnung, willst sie nur nicht aussprechen, richtig?«

Sie kannte mich gut. Zu gut manchmal. Abigail wusste, dass ich meiner Heimat den Rücken gekehrt hatte und nie wieder zurückwollte. Selbst in den Semesterferien oder zu besonderen Feiertagen war ich nicht nach Westcliff gereist. Diese Zeit verbrachte ich mit Abigail und ihrer Familie, die für mich sehr bedeutsam wurde. Bei den Clarksons fühlte ich mich immer willkommen und sie behandelten mich wie eine verlorene Tochter. Was aus meinen Eltern wurde, das wusste ich nicht. Der Kontakt war komplett abgebrochen, als ich nach New York gegangen war.

»Ich kann nicht nach Westcliff«, sagte ich und schüttelte den Kopf.

»Du hast Angst, dass dich die Vergangenheit einholt?«

»Nein, ich bin so selbstbewusst geworden in den letzten Jahren, das mir das erlebte nichts mehr anhaben kann, aber es hat dennoch einen faden Beigeschmack.«

»Aber ich denke, dort versteckt sich Colin.«

»Wie soll ich ihn dort finden?«

»Westcliff ist eine Kleinstadt und jeder kennt jeden, das sagst du selbst doch immer. Also kann es doch gar nicht so schwer sein, ihn zu finden.«

Abigail hatte recht. Schwer würde es nicht werden. Aber unbedingt nach Westcliff wollte ich nicht. Klar, die Menschen würde mich nicht mehr erkennen, so sehr hatte ich mich äußerlich verändert, aber was würde es mit meinem Inneren machen? War ich wirklich stark und selbstbewusst genug mich dem zu stellen?

»Ich überleg es mir.«

»Du weißt, mein Dad möchte in zwei Monaten das Interview vorliegen haben.«

»Setz mich bitte nicht unter Druck. Ich muss mir das gründlich überlegen. Selbst wenn ich ihn finde, muss ich Colin erstmal zu einem exklusiven Interview über ihn überreden. Ich denke, er wird nicht sonderlich begeistert sein, wenn eine Journalistin bei ihm auftaucht, um ihn auszuquetschen.«

»Du musst ihm ja nicht auf die Nase binden, dass du Journalistin bist.« Abigail zwinkerte mir zu, erhob sich und griff nach ihrer Tasse.

»Du schlägst mir nicht allen Ernstes vor, ihn anzulügen.«

»Das würde ich nicht als anlügen bezeichnen.«

»Als was dann?«

»Geheimhalten des Jobs.« Dann ging sie und ließ mich im Büro und mit meinen Gedanken alleine.

Mit der Tasse an den Lippen, der Hand an der Computermaus scrollte ich mich weiter durch das Social Media Leben von Colin Lockhart. Egal welches Foto ich mir auch ansah, er kam mir nicht bekannt vor. Die nächste Recherche führte mich auf die Webseite meiner alten Schule. Vielleicht könnte ich dort irgendwas Brauchbares finden. Mrs. Blakely unterrichtete dort noch und war mittlerweile Vertrauenslehrerin. Hoffentlich wurden keine Kids mehr gemobbt und falls doch, hoffte ich, dass die Lehrer endlich was dagegen unternahmen. In meiner Zeit hatten sie ja gekonnt die Augen geschlossen und weggesehen. Sie wollten es einfach nicht wahrhaben, dass es an ihrer High School Mobber gab, die mir das Leben zur Hölle machten.

Auf der Internetseite sah ich, dass Mrs. Blakely heute eine telefonische Sprechstunde hatte. Vielleicht könnte sie mir helfen? Wer weiß, vielleicht sagte ihr der Name Colin Lockhart was. Ich griff zum Hörer, wählte die angegebene Nummer und lauschte dem stetigen Tut tut tut.

»Custer County High School, Miss Blakely am Apparat.« Ihre vertraute Stimme war so wie damals. Sie hatte immer an mich geglaubt.

»Guten Tag Miss Blakely, hier sprich Le… äh Alexandra Stevens.«

»Alexandra, oh mein Gott, dass ich dich jemals wieder höre, hätte ich nicht gedacht.«

Sie erinnerte sich an mich. Klar, ich war eine ihrer besten Schülerinnen.

»Schön, dass Sie mich erkennen.«

»Natürlich, dich kann man nicht vergessen. Wie geht es dir? Bist du noch in New York?«

»Mir geht es ausgezeichnet. Ich lebe und arbeite in New York.«

»Wow, zu welcher Zeitung hat es dich denn verschlagen?«

»Zu einem Modemagazin.«

»Oh«, machte sie und ich konnte mir ihr Gesicht dabei sehr gut vorstellen. Sie wusste nicht, wie modebewusst ich nun war. Sie kannte noch mein altes Ich, das mit Kleidung von der Heilsarmee rumlief. Das Mädchen, das nie genug Geld hatte, um sich zu kleiden, wie es ihre Mitschülerinnen taten.

»Macht der Job Spaß?«

»Selbstverständlich.«

»Das freut mich. Gibt es einen Grund, weswegen du anrufst oder wolltest du dich nur einfach nach mir erkundigen.«

»Sagt Ihnen der Name Colin Lockhart was?« Ich fragte nicht nach, wie es ihr in den letzten Jahren erging. Ich hatte einen Job zu erfüllen und der war mir verdammt wichtig.

»Nein, noch nie gehört.«

»Keiner Ihrer Schüler hieß so?«

»Tut mir leid, Alexandra. Ich habe den Namen wirklich noch nie gehört. Suchst du den Mann?«

»Nein, ich hatte mir nur eingebildet, dass ein Junge mit diesem Namen auf der Custer County High School war.« Niemals würde ich ihr den wahren Grund sagen. Das könnte nämlich meine Arbeit beeinträchtigen.

»Kommst du mal wieder nach Westcliff? Ich habe gehört, seit du nach New York gegangen bist, warst du nicht mehr hier. Man glaubt sogar, du hättest dich umgebracht.«

»Das würde Kathryn Wilder wohl so passen. Sicherlich haben Sie von ihr sowas gehört, oder?«

Kurz wurde es still am anderen Ende der Leitung, aber ich konnte Mrs. Blakely atmen hören. »Ja, Kathryn munkelte, dass du wahrscheinlich Selbstmord begangen hast, weil du nie wieder nach Westcliff kamst.«

»Tja, den Wunsch hatte und werde ich ihr niemals erfüllen. Ich bin quietschfidel, erfreue mich bester Gesundheit und hab ein super tolles Leben hier in New York.«

»Das freut mich sehr. Wenn du doch mal nach Westcliff kommst, dann besuch mich. Ok?«

»Ja, werde ich tun.« Nein, werde ich sicherlich nicht. Wenn ich nach Westcliff fahren würde, dann nur um Colin zu finden, aber niemals, um irgendwelche Menschen aus meiner Vergangenheit zu treffen. Ich würde ja nicht mal meine Eltern besuchen. Ich war ihnen immer egal, also waren sie in meinen Leben auch nichts mehr wert.

»Bye, Miss Blakely.«

»Bye, Alexandra.« Mir stellte es die Härchen im Nacken auf, wenn mich wer bei meinem vollen Namen nannte. Seit der Uni hatte mich niemand mehr Alexandra gerufen. Für alle war ich Lexie. Und der Name passte gut zu meinem neuen Leben.

Da mir Mrs. Blakely nicht weiterhelfen konnte, musste ich auf Colins Accounts weiter recherchieren. Doch auch nach drei Stunden fand ich keine weiteren Hinweise. Nur eben dieses eine Foto, das er vor drei Jahren gepostet hatte. Verdammt. Musste ich wirklich die Suche in Westcliff fortführen? An jeder Tür klingeln, um ihn ausfindig zu machen? Das darf nicht wahr sein. Was hatte ich nur verbrochen, dass mir mein Job das abverlangte? Ich war doch immer gut und lieb. Zu jedem! Sogar zu Kathryn, wenn sie mich vor der ganzen Schule bloßgestellt hatte. Immer blieb ich ruhig. War das nun eine Art Probe, auf die ich gestellt wurde?

Ich müsste noch mal mit Wayne über das Interview sprechen. Vielleicht sah er wegen Westcliff davon ab über Colin berichten zu wollen.

Ich klopfte an der Bürotür, hörte ein »Herein« und trat ein.

»Lexie, was gibt’s?«, fragte er und bot mir einen Platz auf den Besucherstühlen an.

»Es geht um das Interview mit Colin Lockhart.«

»Hast du was rausgefunden?« Mein Chef, den ich wirklich gerne mochte, mit dem ich Thanksgiving, Weihnachten und Silvester verbrachte, schaute mich eindringlich an.

»Auf einem Foto habe ich gesehen, dass er in Westcliff war, darunter stand, dass er seine Heimat besuchte.«

»Oh, dann kennst du Colin?«

Kopfschüttelnd verneinte ich. »Mir sagt der Name rein gar nichts. Ich habe sogar vorhin mit einer ehemaligen Lehrerin telefoniert, selbst sie kennt ihn nicht.«

Wayne stützte seine Arme auf dem Tisch ab. »Na dann, ab nach Westcliff würde ich sagen. Ich gehe mal davon aus, dass er sich dort versteckt hält.«

Mein Körper verspannte sich kurz. »Wayne, du weißt, dass ich seit sechszehn Jahren nicht mehr dort war und das wollte ich so beibehalten.«

»Lexie, manchmal werden Sachen von uns verlangt, die wir nicht möchten.«

»Ja, das ist richtig.«

»Aber du bist eine meiner besten Journalistinnen, darum habe ich dich auf Colin Lockhart angesetzt. Und, da Westcliff anscheinend seine Heimat ist, die du kennst, wird es für dich leicht sein, ihn zu finden.«

Ich merkte, dass Wayne sich niemals davon abbringen lassen würde, dass ich einen anderen Bericht schreiben oder jemand anders sich nach Westcliff aufmachen sollte.

»Gib dir einen Ruck. Du bist so eine selbstbewusste Frau, du wirst dich doch von den Kleinstadtmenschen deiner alten Heimat nicht unterkriegen lassen.«

»Ich mach dir einen Vorschlag.«

Wayne zog seine Augenbraue hoch. »Auf den bin ich gespannt.«

»Ich fliege für eine Woche nach Westcliff, sollte ich ihn nicht finden oder sollte ich merken, dass es mir schlecht geht, reise ich wieder ab. Ok?«

Er streckte mir seine Hand entgegen. »Deal. Aber du wirst ihn finden und dir wird es nicht schlecht gehen.«

»Du bist ganz schön optimistisch.«

»Ja, und du solltest dir auch mehr zu trauen. Ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass du das packst und mir ein brillantes Interview auf den Tisch legen wirst.«

Ich erhob mich, nickte und verließ sein Büro. Nun musste ich mich dem stellen, was ich in den letzten Jahren verdrängt hatte. Zurück in die alte Heimat. New York für eine Woche hinter mir lassen und in die Kleinstadt eintauchen.

Ein Flug nach Denver war schnell gebucht. Von dort würde es mit einem Mietwagen nach Westcliff gehen. Und das ganze bereits in zwei Tagen. Etwas unwohl war mir schon. Aber ich dachte an die Worte von Wayne zurück. Er glaubte an mich und das bestärkte mich. Wayne gab mir immer das Gefühl etwas Besonderes zu sein, etwas was mir meine Eltern nie gaben. Sie waren zwar zufrieden, dass ich so gut in der Schule war und ein Stipendium bekommen hatte, aber sie waren auch froh, dass sie mich nicht mehr durchfüttern mussten. Würden sie mich wiedererkennen, wenn ich ihnen auf der Straße über den Weg lief?

Über das Internet buchte ich mir ein Zimmer im Westcliff Inn. Ein kleines Hotel, das es vor sechzehn Jahren schon gab.

Vor mir stand nun eine spannende Zeit. Eine Reise zurück in die Vergangenheit, aber als eine veränderte und selbstbewusste Frau.

»Ich hab es getan«, sagte ich zu Abigail, nachdem ich ihr Büro betreten hatte.

Mit großen Augen schaute sie mich an. »Was hast du getan?«

»Einen Flug, Mietauto und Hotel für meine Reise nach Westcliff gebucht.«

Sie sprang auf, kam zu mir und drückte mich. »Du wirst sehen, das wird das wohl beste Interview, das du jemals verfasst hast und ich bin mir sicher, du wirst das mit deiner Vergangenheit packen. Du wirst sie alle vom Hocker reißen. Und solltest du auf diese Kathryn treffen, gib ihr eine schallende Ohrfeige. Wenn sie fragt wofür die war, hau nochmal zu.«

Ich begann zu lachen. »So sehr mir die Vorstellung gefällt, aber du weißt genauso gut wie ich, dass ich nie gewalttätig werde.«

»Dann wird es Zeit. Irgendwie solltest du dich an dieser Tussi rächen.«

»Du kannst gerne mitkommen, und die Rache für mich übernehmen.«

Abigail seufzte auf. »So gerne ich das tun würde, aber ich hab viel zu tun für die Jubiläumsausgabe. Der Tag müsste mehr als nur 24 Stunden haben.«

»Schade, ich hätte dich wirklich gerne dabeigehabt.«

»Wann geht es los?«

»In zwei Tagen.«

»Du musst mich unbedingt immer auf dem Laufenden halten.«

»Natürlich. Du bekommst ein tägliches Update von mir.«

Wir drückten uns nochmal, bevor ich ihr Büro verließ, meine Sachen zusammenpackte und mit der Subway nach Hause fuhr.

Da ich schon immer ein Mensch war, der Tage vor seiner Reise mit dem Koffer packen begann, tat ich das, als ich zuhause angekommen war. Für meinen Trip nach Westcliff packte ich nur schöne Sachen zum Anziehen ein. Nun ja, ich hatte ohnehin nichts hässliches mehr im Schrank hängen. Röcke, Hosenanzüge, Blusen und sexy Dessous. Nicht das ich vorhatte mir einen Kerl zu angeln. Aber BH und Slip passten immer zusammen. Irgendwie hatte ich da in den letzten Jahren voll den Spleen entwickelt. Es war eine meiner Lieblingsmacken. Schöne Unterwäsche war für mich ein absolutes Must-have. Wer hätte gedacht, dass das Mädchen, dass früher nur Baumwollslips trug mal so schöne Dessous besitzen würde? An Mode war ich nie interessiert gewesen, weil ich sie mir nicht leisten konnte. Dass sich das eines Tages ändern würde, hätte ich nie für möglich gehalten.

Abigail hatte mir gezeigt, dass man auch mit wenig Geld, ich hatte während dem Studium nur einen Job als Kellnerin, toll shoppen konnte. Die Designerstücke kamen erst später, als ich bei Grace angefangen hatte. Und da wir zum Teil sogar in Fundus des Magazins stöbern durften und ich dünn war, wie ein Model, konnte ich immer wieder schöne Teile ergattern. Ach, ich liebe meinen Job. Die Zeit, in der mein Traum die New York Times gewesen war, war längst vorbei. Grace wollte ich nicht mehr missen. Alle wurden wie eine Familie für mich, allen voran Abigail und ihr Vater. Ihre Mutter war leider an Krebs gestorben als Abigail vier Jahre alt war.

Ich legte einen schwarzen BH und dazu passenden Slip in den Koffer und schmunzelte, das hatte ich an, als ich vor einem halben Jahr mit Abigail in einer Bar unterwegs war. Dort hatte ich einen sehr heißen Kerl kennengelernt. An seinen Namen konnte ich mich nicht mehr erinnern, aber an den wahnsinnig guten Sex. In Sachen das andere Geschlecht daten, war ich ein Spätzünder. Meinen ersten Kuss bekam ich mit achtzehn. Ja, ihr habt richtig gelesen! Peinlich ist mir das nicht. Es war halt einfach so, dass mich früher niemals ein Junge geküsst hätte. Ich war zu nerdy und zu vertieft in meine Schulbücher. Den ersten Sex hatte ich mit neunzehn und ich fand es ganz schrecklich. Den Jungen hatte ich auf einer Uniparty kennengelernt. Er hatte es ausgenutzt, dass ich angetrunken war und na ja, der Rest ist nur noch verschwommen da. Feste Beziehungen hatte ich bislang nur eine einzige, aber die hielt nur ein Jahr. Nick war ein süßer Kerl, leider zu süß. Er lief mir hinterher wie ein Hund. Ich hatte mich schnell an ihm sattgesehen. Der Sex war okay, ich kam auf meine Kosten, aber grandios war er nicht. Nachdem ich Schluss gemacht und den Job bei Grace angetreten hatte, war es mit festen Beziehungen vorbei. Bisher hatte ich genau einen One-Night-Stand und der war mit dem Kerl gewesen, der diese schöne Unterwäsche zu Gesicht bekommen hatte. Wenn man zusammenrechnet kommt man auf drei Kerle, mit denen ich im Bett war. Für mein Alter vielleicht wenig, aber das ist ja auch kein Wettbewerb. Niemand gab einem vor, wie viel Sexpartner man haben musste. Jeder sollte seine Sexualität so ausleben, wie er oder sie wollte und vor allem auch mit wem. Abigail war da ein wenig anders, sie liebte Sex und holte sich den wann immer sie wollte. Nein, ich würde nicht sagen, dass sie sich verhält wie eine Bitch. Abi, die es hasste, wenn ich ihren Namen abkürzte, hatte mit einem Mann eine lockere Sache. Wann immer die beiden Lust aufeinander hatten, trafen sie sich. »Unkompliziert und wirkungsvoll« so Abigails Worte.

Ich schloss den Koffer, stellte ihn in den Flur und genehmigte mir zum Abschluss dieses Tags ein Glas Rotwein. Übermorgen wäre ich um diese Uhrzeit schon in Westcliff. Puh, ob das eine gute Idee war? Auch wenn Abigail und Wayne an mich glaubten. Wer konnte mir zu 100 Prozent die Sicherheit geben, dass ich dort Colin finden würde. Das war reinste Detektivarbeit, die ich machen musste. Auch wenn der Ort klein war, würde es dauern, bis ich ihn treffen könnte.

Ich verdrehte die Augen, nahm einen Schluck von dem Wein und zappte mich durch das Fernsehprogramm, das wie immer nichts Ordentliches zu bieten hatte. Trash-TV hasste ich. Wie konnten sich Menschen nur so zum Affen machen? Und das freiwillig! Nur um für einen Moment im Mittelpunkt zu stehen und ein bisschen Geld zu bekommen? Ernsthaft? Das wollten die? Da ohnehin nichts kam, was mich interessierte, schaltete ich den TV aus, kuschelte mich mit der Decke auf mein Sofa und trank genussvoll meinen Rotwein.

Ich musste zu lachen anfangen, als mir wieder in den Kopf schoss, was Abigail meinte, was ich tun sollte, sollte ich auf Kathryn treffen. Obwohl ich kein gewalttätiger Mensch war, gefiel mir die Vorstellung ihr eine zu schallern. Interessant war, dass es Kathryn Wilder anscheinend immer noch interessierte, ob ich Selbstmord beging oder nicht. Warum wollte sie eigentlich immer, dass ich mich umbrachte? Was hätte ihr das gebracht? Ich hatte ihr nie was getan. War keine Rivalin von ihr. Jeff, ihr Freund, keine Ahnung, ob die beiden heute noch zusammen sind, hatte mich auch nie interessiert. Natürlich war er ein hübscher Junge, den man gerne aus der Ferne betrachtete. Aber niemals hätte ich mich ihn ansprechen getraut. Wir hatten zusammen Biologie gehabt. Jeff war hinter mir gesessen und ließ mich, aber auch nur weil Kathryn nicht in dem Kurs war, in Ruhe. Alles ging immer von ihr aus. Wenn ihre Freunde ohne sie unterwegs waren, behandelten sie mich wie Luft. Nur wenn Kathryn das Kommando hatte, stichelten alle auf mir herum. Warum? Mit dieser Frage hatte ich mich die letzten Jahre nicht mehr auseinandergesetzt. Weil es mir schlichtweg egal gewesen war. Doch jetzt wo ich den Boden wieder betreten würde, den ich nie wieder betreten wollte, war alles nah und greifbar. Vielleicht könnte ich die Zeit in Westcliff nicht nur mit der Suche nach Colin verbringen, sondern auch Antworten finden. Doch, wollte ich diese Antworten wirklich hören? War es nicht besser, das Vergangene ruhen zu lassen?

Der letzte Schluck Rotwein machte mich müde. Ich erhob mich, ging ins Bad und machte die abendliche Routine. Abschminken, Gesicht pflegen, Zähneputzen, Haare kämmen und ab ins Bett.

Der Mond erhellte mein Schlafzimmer, so dass ich die Rollländen nach unten machte. Wenn ich schlief musste es immer stockfinster und mucksmäuschenstill sein. Ich brauchte diese Ruhe, um selbst zur Ruhe zu kommen.

Das weiche Kissen, auf dem ich meinen Kopf gebettet hatte, roch blumig. Ich liebte dieses Waschmittel, dass ich immer benutzte. Es erinnerte mich an Blumenwiesen, von denen es in New York nur in den Parks welche gab. Diese Stadt war so viel anders als Westcliff. Aber ich mochte sie. Ich hatte mich in sie und ihre tausend Facetten verliebt, an dem Tag, als ich das erste Mal die Wolkenkratzer gesehen hatte. Für ein Mädchen aus Colorado, die nur das Landleben kannte, die noch nie ein Hochhaus gesehen, sondern nur Berge, war das gigantisch. Ein wahr gewordener Traum. Hätte ich in meiner Kindheit und Jugend nicht gelernt, wie eine gestörte, hätte ich mir diesen Traum niemals erfüllen können. Die Leistungen in der Schule hätten nicht für ein Stipendium gereicht und ich wäre womöglich wie meine Mom hinter der Supermarktkasse gelandet. Ich schüttelte den Gedanken ab. Nein, es war nichts Schlimmes, wenn man in einem Supermarkt arbeitete. Es war ein Job, mit dem man Geld verdiente. Aber, wenn man so wie ich raus wollte, die große weite Welt sehen mochte, musste man sich verdammt nochmal den Arsch aufreißen und was dafür tun. Ich möchte nicht, dass irgendwer denkt, ich verachte andere Jobs. Nein, für mich stand nur ganz schnell fest, dass ich mir mehr leisten möchte, als ich es in der Kindheit und Jugend bekam. Denn da bekam ich nichts. Geburtstage oder Weihnachten wurden von meinen Eltern gekonnt verdrängt. Klar wusste ich, dass es an diesen Tagen unter normalen Umständen Geschenke gab. Aber meinen Dad und meine Mom interessierte das nicht. Bei uns zu Hause liefen diese Tagen ab wie jeder andere. Ich war das lästige Anhängsel, das nichts bekam, aber in der Schule die beste war. Was mir nichts nutzte, denn sie schätzten es nicht. Im Nachhinein betrachtet, nutzte mir mein Streberdasein natürlich viel mehr, als ich jemals zu glauben gewagt hatte. Ich war dort, wo ich hinwollte. Und niemand würde mir das je wieder wegnehmen können. Nie wieder.

Mein Leben.

Meine Arbeit.

Das war mir so verdammt wichtig. Und nicht zu vergessen Abigail und ihr Vater. Sie waren immer für mich da. Eine Bilderbuchfamilie, wie ich sie nicht hatte.

Ich öffnete meine Lider, blickte in die Dunkelheit des Zimmers. Hör auf über das Vergangene nachzudenken. Deine Gegenwart und die Zukunft ist alles was zählt. Du bist mehr. Du bist so viel mehr als damals. Du bist perfekt. Du bist gut. Sprach ich wie ein Mantra auf, schloss die Augen und schlummerte hinweg.

Kapitel 2

Selbst die ruhigen Klänge, die aus dem Lautsprecher des Mietwagens drangen, beruhigten mich nicht. Meine Nerven flatterten. Im Magen breitete sich ein komisches Gefühl aus. In wenigen Meilen würde ich das Ortsschild von Westcliff passieren. Die Landschaft mit ihren Bergketten zog an mir vorbei. Bisher schien alles so zu sein, wie es früher gewesen war.

Der viereinhalbstündige Flug nach Denver war angenehm gewesen. Abigail hatte mich heute in den frühen Morgenstunden zum J.F.K Airport begleitet. Sie war so lange geblieben, bis ich die Sicherheitskontrolle passiert hatte und wir uns noch mal kurz zugewunken hatten. Sie hatte mir alles Gute gewünscht für meine Reise und der Suche nach Colin Lockhart. Wir würden täglich im Kontakt bleiben, hatte ich ihr versichert. Auch wenn ich mittlerweile eine selbstbewusste Frau, die sich nie mehr unterkriegen lassen würde, war, hatte ich Bammel. Aber dies müsste ich, solange ich in Westcliff war, untergraben. Niemand dürfte mich verunsichern. Niemand sollte mitbekommen, warum ich hier war. Ich hoffte, dass mich niemand erkennen würde. In den vergangenen Jahren hatten mich viele gewiss vergessen und so sollte es auch bleiben.

Das Ortsschild mit der Aufschrift Westcliff kam immer näher und näher. Und dann hatte ich es passiert. Ich fuhr die Straße entlang. Ein Navi brauchte ich nicht, denn ich kannte mich in diesem kleinen Ort noch gut aus. Die Häuser sahen aus wie früher, nur waren ein paar neue dazugekommen. Ich setzte den Blinker, bog nach links ab und sah das Westcliff Inn, in dem ich mich vorerst für eine Woche einquartiert hatte. Ob die eine Woche ausreichen würde, um Colin zu finden und ihn vor allem für eine Exclusivestory zu überzeugen, wagte ich zu bezweifeln. Womöglich musste ich meinen Aufenthalt verlängern, doch daran wollte ich gar nicht denken. Vor dem kleinen Hotel hielt ich auf dem Parkplatz an und blickte mich um. Das Westcliff Inn wurde wohl renoviert, denn es sah anders aus, als ich es in Erinnerung gehabt hatte.

Der Kies knirschte unter meinen Schuhen, als ich ausgestiegen war, um mein Gepäck aus dem Kofferraum zu holen.

---ENDE DER LESEPROBE---