BlutEhre - Günter Huth - E-Book

BlutEhre E-Book

Günter Huth

0,0

Beschreibung

Adam Rumpel hat einen Mordanschlag knapp überstanden. Er glaubt, sein normales Leben wieder aufnehmen zu können. Aber seine Gegner geben keine Ruhe. Erneut erteilen sie einen Mordauftrag. Gleich mehrere Killer machen sich auf den Weg, um Rumpel, seinen Freund Heunisch und Lena, die von Rumpel schwanger ist, zu töten. Der Polizeipräsident entscheidet, Rumpel in ein Zeugenschutzprogramm aufzunehmen. Rumpel soll gegen den festgenommenen Auftraggeber des ersten Mordanschlags als Hauptzeuge aussagen. "… als der Killer herumfuhr, um erneut zu schießen, traf ihn Rumpels Geschoss mitten in die Stirn. Wie eine Marionette, der man die Fäden abgeschnitten hat, brach er in sich zusammen. Er zuckte noch zwei-, dreimal mit den Beinen, dann lag er still. Adam Rumpel richtete sich auf. Ein Schauer lief ihm über den Rücken. Das war verdammt knapp! Schlimmes befürchtend, eilte er um das Eck des Save Houses. Der Schock ließ ihn erstarren. Seine beiden Betreuer lagen leblos am Boden. Rumpel kniete tief erschüttert neben ihnen nieder. Sie hatten ihr Leben für ihn gegeben …" → Der zweite Band einer packenden Thriller-Reihe rund um den ehemaligen Scharfschützen Adam Rumpel

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 403

Veröffentlichungsjahr: 2025

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



GÜNTHER HUTH

BlutEhre

Günter Huth wurde 1949 in Würzburg geboren und lebt seitdem in seiner Geburtsstadt. Er kann sich nicht vorstellen, in einer anderen Stadt zu leben.

Er ist Rechtspfleger (Fachjurist), verheiratet, drei Kinder. Seit 1975 schreibt er in erster Linie Kinder- und Jugendbücher, Sachbücher aus dem Hundeund Jagdbereich (ca. 60 Bücher). Außerdem hat er bisher Hunderte Kurzerzählungen veröffentlicht.

In den letzten Jahren hat er sich vermehrt dem Genre Krimi zugewandt. 2003 kam ihm die Idee für einen Würzburger Regionalkrimi. „Der Schoppenfetzer“ war geboren, der heute bereits mit dem zweiundzwanzigsten Band vorliegt.

2013 erschien sein Mainfrankenthriller „Blutiger Spessart“, mit dem er die Simon-Kerner-Reihe eröffnete, in der er eine völlig neue Facette seines Schaffens als Kriminalautor zeigt. Durch den Erfolg des ersten Bandes ermutigt, brachte er 2014 mit dem Titel „Das letzte Schwurgericht“ den zweiten Band, 2015 mit „Todwald“ den dritten Band, 2016 mit „Die Spur des Wolfes“ den vierten Band, 2017 mit „Spessartblues“ den fünften Band und 2020 mit „Jenseits des Spessarts“ den sechsten Band dieser Reihe auf den Markt.

Parallel entwickelte er das Konzept für die neue Frankenthriller-Reihe – „Adam Rumpel“.

Band 1 ist 2023 mit dem Titel POSTTRAUMATA erschienen.

Der Autor ist Mitglied der Kriminalschriftstellervereinigung „Das Syndikat“.

Die Handlung und die handelnden Personen dieses Romans sind frei erfunden. Jede Ähnlichkeit mit toten oder lebenden Personen oder Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ist nicht beabsichtigt und wäre rein zufällig.

GÜNTHER HUTH

BlutEhre

EinAdam RumpelThriller

Viele Jäger

sind des Gejagten Tod …

Quelle unbekannt

Inhalt

Prolog

Eins

Ein

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Epilog

Prolog

Es kostete ihn erhebliche Überwindung, durch das Fenster hinaus auf die schroffen Zinnen zu klettern. Sie waren Bestandteil der Dachkonstruktion des ehrwürdigen Herrenhauses eines einstigen englischen Adelsgeschlechts. Er war getrieben von Verzweiflung.

Es regnete leicht und der Wind strich, hier in fünfundzwanzig Meter Höhe über dem gepflasterten Hofareal, schneidend kalt um seine nur dürftig mit einem Schlafanzug bekleidete Gestalt. Am Himmel hetzten Wolkenfetzen über die schmale Sichel des zunehmenden Mondes und verwandelten das Areal vor dem Haus in ein Kaleidoskop aus wechselndem Licht unterschiedlicher Intensität und tiefschwarzen Schatten. Der junge Mann stand auf der Plattform des kleinen runden Turms, der ihm gerade so viel Raum bot, dass er breitbeinig nach Balance suchend stehen konnte. Von der Tiefe vor ihm trennten ihn nur die wenigen groben Zinnen, die aus der niedrigen Mauer emporragten, die den Turm umgrenzte, und die ihm gerade bis zu den Oberschenkeln reichten. Die Zinnen waren architektonische Zierde in Anlehnung an erforderliche Wehrhaftigkeit längst vergangener Zeiten, jetzt aber ohne jeden praktischen Nutzen. Der Junge fühlte, wie der Wind versuchte, die Tränen zu trocknen, die ihm hemmungslos über die Wangen liefen. Mit geschlossenen Augen, das Gesicht zum Himmel gewandt, stand er unter dem Eindruck des Fantasiebildes seiner geliebten Mutter, das sich in seine Erinnerung drängte. Alle anderen Wahrnehmungen waren ausgelöscht. Seine Mutter war Opfer eines Mörders geworden, der gnadenlos ihre Existenz vernichtet hatte. Ein schlimmer Verlust, den er versuchte, irgendwie zu verarbeiten, was ihm aber keineswegs gelang. Sie war die einzige Quelle der Liebe gewesen, die er in seinem Leben so dringend benötigte. Ein Leben im Bann eines erfolgreichen Vaters, dessen Maxime Leistungsfähigkeit und Leistungswille waren – Erwartungen, die er nicht erfüllen konnte. Nur durch ihre Zuneigung und ihr Verständnis hatte er bisher in dieser Welt der Härte und des Erfolgsdrucks überstehen können. Das Sir-Winston-Churchill-Internat, das er zusammen mit seinem Bruder besuchte, war eines der führenden Internate in England. Eine Bildungseinrichtung für Jungen aus gehobenen Kreisen, die erfolgreiche Wirtschaftsführer, Politiker und Offiziere hervorgebracht hatte. Das alles war nicht seine Welt. Ihm ging es hier sehr schlecht. Gewiss, die Lehrer und Pädagogen dieser Bildungseinrichtung gaben sich große Mühe, weil sie seinen persönlichen Verlust kannten, versuchten es aber mit einem eher pädagogischen Ansatz, der seiner verletzten Seele keine Hilfe bot. Weder sein Bruder noch die ferne Familie seines Vaters in Amerika waren hilfreiche Ansprechpartner. So fraß er alles in sich hinein, bis er nicht mehr konnte. Bis sich die Batterie seiner Lebensenergie immer stärker leerte, bis er schließlich nur noch den dringenden Wunsch verspürte, bei seiner Mutter zu sein. Eine Bö zerrte am Stoff seines dünnen Schlafanzugs. Er fror. Seine Zähne schlugen aufeinander. Er öffnete die Augen. Sofort spürte er den Sog der Tiefe, die nach ihm griff. Der Mond war hinter einer Wolkenbank verschwunden. In ihm war nurmehr eine unwiderstehliche Sehnsucht, von deren Erfüllung er nur noch einen Schritt entfernt war.

„Mama, ich komme …“, sagte er leise, dann setzte er seinen nackten Fuß auf die Mauerkrone …

War es ein Geräusch oder nur ein Gefühl? Der junge Mann in seinem Bett öffnete die Augen und starrte in die Dunkelheit, die in dem Raum vorherrschte, nur unterbrochen von skurrilen Schattenbildern, die von der Außenbeleuchtung gegen die Decke des Zimmers geworfen wurden. Er hob den Kopf etwas von seinem zusammengeknüllten Kissen und warf einen Blick hinüber zu dem anderen Bett, das in der Dunkelheit nur schemenhaft zu erkennen war. Er kniff die Augen zusammen und versuchte, unter der sich aufwölbenden Bettdecke die Gestalt seines Bruders zu erkennen, mit dem er sich dieses Zimmer teilte. Er lauschte. Es waren keine Atemgeräusche zu hören. Eigenartig, denn James schnarchte seit einigen Tagen recht vernehmlich, weil er erkältet war. Er stützte sich auf die Ellbogen und rief halblaut in die Dunkelheit: „Hey, James! – Alles okay?“

Keine Antwort. Auch nicht, als er den Ruf etwas lauter wiederholte. Jetzt war er vollständig wach! Während er mit Schwung die Bettdecke zurückschlug und seine Füße auf den kühlen Parkettboden setzte, warf er einen Blick auf das Leuchtziffernblatt seiner Armbanduhr neben sich auf dem Nachtkästchen. Gute zwei Stunden nach Mitternacht. Er erhob sich und trat, vorbei an dem breiten Arbeitstisch, der ihnen mit zwei Stühlen als gemeinschaftlicher Schreibtisch diente, an das Bett seines Bruders. Es war leer. Wahrscheinlich war er auf der Toilette. Ihr Zimmer lag im mittleren Teil des Hauptgebäudes des Herrenhauses aus dem achtzehnten Jahrhundert. Dieser Bereich des Internats verfügte über große Doppelzimmer, dafür waren die Wasch- und Toilettenräume zentral pro Stockwerk und Flügel angeordnet. Er wartete einen Moment. Eine eigenartige Unruhe erfasste ihn. Eigentlich müsste James zwischenzeitlich vom Toilettengang zurück sein. Michael hob die Bettdecke an und griff prüfend auf die Matratze. Sie fühlte sich kühl an. Sein Bruder musste das Bett schon vor einiger Zeit verlassen haben. Jetzt schaltete Michael die Deckenbeleuchtung ein. Geblendet kniff er die Augen zusammen und sah sich suchend um. Die Filzlatschen, die wegen der wertvollen Parkettböden auf den Wohnetagen vorgeschrieben waren, standen am Fuß des Bettes. Michael griff sich seinen Bademantel, der am Kleiderschrank hing. Er schlüpfte in die Latschen, dann verließ er das Zimmer. Auf dem Flur schaltete ein Bewegungsmelder die vollständige Beleuchtung ein. Nachts, wenn keine Bewegung auf den Fluren war, brannte nur eine schwache Orientierungslampe. Er legte die wenigen Schritte zur Toilette zügig zurück. Als er die Tür öffnete, schlug ihm Dunkelheit entgegen, die aber sofort durch einen Bewegungsmelder, der auch hier die Deckenbeleuchtung auslöste, vertrieben wurde. Hier war offensichtlich niemand, sonst hätte das Licht gebrannt.

„Hallo James“, rief er trotzdem, „bist du hier?“ Seine Stimme wurde von den weiß gekachelten Wänden zurückgeworfen. Hastig öffnete er die drei Kabinen. Leer! Wo war sein Bruder? Michael überlegte: Der eineinhalb Jahre jüngere James war von ihnen beiden eindeutig der Intelligentere, aber auch der Sensiblere. Das musste Michael neidlos anerkennen. Sie waren nur deshalb im gleichen Semester, weil Michael gerade eine Ehrenrunde drehte. Der gewaltsame Tod ihrer Mutter hatte sie beide schwer getroffen, aber James deutlich schwerer. Er schrammte an einer Depression entlang. Michael hatte vor ihrer Abreise ins Internat seinem Vater versprochen, auf seinen jüngeren Bruder gut aufzupassen. Der Tod der Mutter war auch für ihn ein tiefer Einschnitt gewesen, doch er war aus anderem Holz geschnitzt und begegnete der Trauer mit Wut und Härte. In ihm loderte ein brennender Hass auf den Mörder, der seiner Mutter das angetan hatte. Michael verließ die Toilette, trat wieder auf den Flur und blickte überlegend in beide Richtungen. Nach rechts ging es in Richtung des breiten Treppenabgangs, der in die große Eingangshalle führte. Nach links führte eine schmale Holztreppe ins nächste Stockwerk. Seinem Instinkt folgend, wendete er sich nach links. Schon immer, wenn James allein sein wollte, stieg er über die Treppe ins nächste Stockwerk. Dort gab es eine Stiege, die in einen der Türme des burgähnlichen Gebäudes mündete. Hier, vom Dach aus, hatte man einen wunderschönen Ausblick auf den gesamten Campus. Sein Bruder liebte diesen Platz, weil man weit ins Land hinausblicken konnte. Was allerdings zu dieser Nachtzeit und angesichts der herrschenden Dunkelheit keinen Sinn machte … es sei denn …

Michael spürte einen Adrenalinstoß, warf die Filzschuhe von den Füßen und stürmte die schmale Stiege hinauf. Wenn seinem Bruder etwas zustieß, konnte er seiner Familie nicht mehr unter die Augen treten. Ein solches Versagen würde man ihm nicht verzeihen … und er sich selbst auch nicht! Im Schein des Lichtes, das vom letzten Stockwerk auf die Stiege fiel, sah er sofort, dass die Tür zu einem der kleinen Aussichtstürme nur angelehnt war. Mit klopfendem Herzen schob er die Tür weiter auf und blickte hinaus. Er konnte gerade noch sehen, wie sein Bruder den rechten Fuß auf die Mauer zwischen zwei Zinnen setzte.

„James, nicht!!!“, schrie er mit sich überschlagender Stimme, gleichzeitig sprang er hinaus auf die Plattform und konnte gerade noch seinen rechten Arm um die Hüfte des Bruders schlingen. Der hatte jedoch schon Schwung genommen, um sich abzustoßen, so dass jetzt beide gefährlich nah über dem Abgrund taumelten. Instinktiv zerrte Michael James’ Körper zur Seite und sie stürzten gegen eine der Zinnen, die den Absturz in letzter Sekunde aufhielt.

„Lass mich!“, schrie James schluchzend seine Verzweiflung in die Nacht. „Warum hast du mich nicht gelassen?!“ Gleichzeitig verlor er jegliche Körperspannung und sackte kraftlos in sich zusammen. Keuchend zerrte Michael seinen Bruder von der Mauerbrüstung weg in Richtung Tür. Dabei kämpfte er sich auf die Beine. Ohne ihn loszulassen, schleppte er den völlig willenlosen, schluchzenden Jungen hinaus auf die Stiege und schloss mit dem Fuß die Tür. Er setzte sich auf die oberste Stufe und drückte seinen zitternden Bruder gegen seine Brust. Dort wiegte er ihn, bis James’ Tränen allmählich versiegten und er sich etwas beruhigte. Anschließend führte er ihn zurück in ihr Zimmer, legte ihn in sein Bett und deckte ihn zu. Schweigend blieb er neben ihm auf einem Stuhl sitzen, bis James irgendwann erschöpft einschlief. Michael McCallum wusste, dass etwas Grundsätzliches geschehen musste.

Eins

Die beiden Reiter stiegen von ihren Pferden im Schatten einer mächtigen, breit ausladenden Eiche, deren Blätter bereits ins Gelbliche changierten. Sofort senkten die Schimmelstute und der braune Wallach die Köpfe und begannen das im Schatten des Baumes noch grüne Gras zu fressen. Es war heiß hier im Panhandle, im Pfannenstiel, wie der nördliche Teil von Texas wegen seines speziellen Grenzverlaufs genannt wird. Hier lag der weitläufige Grundbesitz der Familie McCallum, die Old Irish C-Ranch, deren Weiden so viele Hektar Land umfassten, dass ein flotter Reiter eine ganze Woche benötigte, um die Grenzen abzureiten.

Isaak A. McCallum, das bejahrte Familienoberhaupt, nahm seinen breitrandigen Stetson ab und wischte sich mit dem Ärmel seines karierten Hemdes über die Stirn. Wortlos betrachtete er den grauen, mannshohen, monolithischen Grabstein, der aus der Felsenregion im Nordosten der Ranch stammte. Er stand an einem erst vor kurzer Zeit aufgeschütteten Grabhügel. Das Erdreich hatte unter der Hitze der Sonne bereits eine mausgraue Farbe angenommen. Verdorrte Blumen lagen darauf, die nichts mehr von ihrer ursprünglichen Schönheit erahnen ließen. Er las den Text, der mit erhabenen, glänzenden Messinglettern in den Stein eingefügt war, obwohl er ihn auswendig kannte:

„Anna-Luise Michel-McCallum

Beloved wife and mother“

Darunter die Jahreszahl. Mit etwas Abstand zu diesem Grab standen drei weitere, ähnlich gestaltete Grabsteine, deren Inschriften aber teils schon so verwittert waren, dass man sie kaum entziffern konnte. Die Steine waren bereits in die Grasnarbe der Weide eingewachsen. Isaak McCallum warf seinem Sohn Roland, der neben ihm stand, einen langen Blick zu, dann sagte er mit tiefer, beherrschter Stimme, der jedoch deutlich innere Wut und Erregung anzumerken war: „Ro, was wirst du unternehmen, um den Mörder deiner Frau und der Mutter deiner Söhne endlich seiner verdienten Strafe zuzuführen? Niemand kann ungestraft einen feigen Mord an einem Familienmitglied der McCallums begehen! Auge um Auge, Zahn um Zahn. Unsere Vorfahren haben hier draußen schon immer Recht und Gesetz in die eigenen Hände genommen. Der nächste Richter ist weit entfernt.“ Er hob den Blick und betrachtete die mächtige Eiche, deren Äste weit ausladend eine beeindruckende Krone bildeten. Roland McCallum schob seinen Stetson in den Nacken und folgte schweigend dem Blick seines Vaters. Er wusste, was nun kommen würde.

„Dieser Baum“, fuhr der alte McCallum fort, „ist ein Denkmal. Er könnte Geschichten von Vergeltung, Ehre und Gerechtigkeit erzählen. Hier hat mein Großvater Ian McCallum, dein Urgroßvater, im vorletzten Jahrhundert den Mörder von Simon Roads, seinem Vormann, aufgehängt. Ein verkommener Satteltramp, dem mein Großvater während des Viehauftriebs aus christlicher Nächstenliebe für kurze Zeit Arbeit gegeben hatte. Der Kerl dankte es ihm, indem er unter die Matratze von Roads griff, wo der seine Ersparnisse aufbewahrte. Roads erwischte den Dieb auf frischer Tat und stellte ihn zur Rede. Der Kerl zog einen Revolver und schoss dem Vormann in die Brust. Der war sofort tot. Als der Mörder versuchte, ein Pferd zu stehlen, um damit zu flüchten, schoss ihn mein Großvater vom Gaul. Der Mann lebte noch, war aber schwer verletzt. Ian McCallum ließ den Mann verbinden, dann setzte er ihn in Fesseln und ohne Sattel auf das Pferd. Anschließend rief er seine Mannschaft zusammen und sie ritten zu dieser Eiche. Sie legten dem Mörder einen Strick um den Hals und warfen ihn über diesen Ast.“ Er wies nach oben, wo ein starker Ast fast rechtwinkelig vom Stamm abstand. „Großvater gab dem Kerl noch Zeit für ein Gebet, dann schlug er dem Pferd mit der Peitsche auf die Kruppe, dass es einen Satz nach vorne machte. Damit war dem Mörder Gerechtigkeit widerfahren und seine Tat gesühnt. Den Toten vergruben sie mitten in der Prärie. Die Kojoten kümmerten sich um den Rest. Roads beerdigten sie ganz in der Nähe dieser Eiche, wo sein Mörder hingerichtet worden war.“ Der alte McCallum verstummte und zeigte mit der Hand auf den ältesten Grabstein, an dem der Zahn der Zeit genagt hatte, dann wanderte sein Blick wieder zurück zum Grabstein seiner Schwiegertochter.

„Dad, ich habe alles versucht, um den Mörder, diesen Adam Rumpel, zu bestrafen“, erklärte Roland mit heiserer Stimme. „Er ist ja auch in die Falle gegangen, die ich ihm mithilfe einer … Organisation aus dem Darknet gestellt habe. Es war alles vorbereitet, um ihn lange leiden zu lassen, ehe er sterben sollte.“ Er atmete tief durch, dabei versenkte er sich in den Anblick des grauen Steins. „Es gab allerdings Menschen im Umfeld des Mörders, die sich wunderten, als dieser Rumpel plötzlich verschwunden war. Er ist Polizist. Man kann einen Polizeibeamten nicht so einfach verschwinden lassen. Wir haben es trotzdem getan.“ Er zuckte mit den Schultern. „Da hatte der Teufel seine Finger im Spiel! Aus irgendeinem Grund gab es in der Kühlkammer der Leichenhalle, in der der Verbrecher seinen Tod erleiden sollte, einen Defekt, der unsere ganzen Pläne zunichtemachte. Im letzten Moment kam es zu einer heftigen Schießerei, bei der die Vollstreckerin verletzt wurde. Sie konnte nur knapp entkommen, ich weiß nicht, was aus ihr geworden ist.“

Der Alte schüttelte energisch den Kopf. „Nein, so darf man das nicht machen! An diesem Plan waren viel zu viele Menschen beteiligt! Eine anonyme Organisation aus dem Darknet, die man nicht kennt und offensichtlich auch nicht kontrollieren kann. No way! Du hast viel Geld bezahlt, aber du hattest über den Ablauf keine Kontrolle! Hundert Gründe, warum etwas schiefgehen kann, wie man sieht! – Nein! Das muss man selbst machen! Das musst DU selbst machen! Das bist du deinen Söhnen schuldig! Du musst seine Angst spüren und in seinen Augen den innerlichen Zusammenbruch erleben, wenn er erkennt, dass er der Strafe nicht mehr entgehen kann!“

Roland konnte seine Zweifel nicht verhehlen: „Das dürfte schwierig werden, weil der Kerl jetzt gewarnt ist. Der Vorfall zieht in Deutschland mit Sicherheit umfangreiche polizeiliche Ermittlungen nach sich. Der Mordanschlag in einem Institut für Rechtsmedizin an einem Polizisten dürfte einen gewaltigen Wirbel bei den Sicherheitsbehörden ausgelöst haben. Dieser Mörder wird sich künftig zu schützen wissen.“ Er überlegte einen Moment, dann erklärte er: „Ich werde mich nochmals mit der Plattform in Verbindung setzen. Die Leute haben versagt. Ich habe eine große Summe gezahlt und sie haben nicht geliefert. Sie sind mir was schuldig!“

Der alte Rancher machte eine wegwerfende Handbewegung und spuckte angewidert auf den Boden. „Wir McCallums haben unsere Fehden noch immer selbst ausgetragen und uns nicht auf irgendwelche Verbrecher im Internet verlassen. Du solltest nach Deutschland fahren, dir eine Waffe besorgen und den Kerl abknallen! Deine Mutter hat dich eindeutig zu sehr verweichlicht!“ Wütend trat er gegen einen Stein, dann fuhr er fort: „Morgen kommt George auf die Ranch. Dein Bruder war einige Monate in Afghanistan als Einzelkämpfer hinter der Front stationiert und wurde im Kampf verwundet. Die Armee hat ihn gestern aus dem Lazarett entlassen, er soll sich nun auf Heimaturlaub erholen. Wir werden mit ihm sprechen … das heißt, du wirst mit ihm sprechen … er kann dir sicher bei der Lösung dieses Problems helfen.“

Roland schüttelte energisch den Kopf. „Dad, das werde ich sicher nicht tun. Die Ermordung meiner Frau ist meine Angelegenheit, die ich auch selbst rächen werde. Das wirst du sicher verstehen.“

Der Alte warf seinem Sohn einen skeptischen Blick zu. Es kam nicht oft vor, dass Roland ihm widersprach. „Dann mach das aber auch!“, fauchte er. „Ich will Erfolge sehen!“

McCallum senior ließ seinen Sohn stehen und trat zu einem der Gräber, dessen noch gut leserliche Inschrift bekundete, dass hier die vor fünf Jahren verstorbene Mary B. McCallum, die Ehefrau des Ranchers und Mutter von Roland, beigesetzt war. Isaak blieb einen Moment stehen, dann drehte er sich um, setzte den Stetson auf, ergriff die Zügel seines Pferdes und schwang sich trotz seines Alters mit erstaunlicher Behändigkeit in den Sattel.

„Bleib du noch eine Weile und bedenke meine Worte.“ Er gab der Stute die Sporen, und sie sprang aus dem Stand in einen flotten Galopp. Der Alte drehte sich nicht mehr um. Roland verfolgte seinen Vater mit den Augen, bis Reiter und Pferd durch eine Bodenwelle außer Sicht gerieten. Langsam setzte er sich im Schatten des Baumes ins Gras und lehnte sich gegen den rauen Stamm. Er wusste, was sein Vater von ihm erwartete und wozu ihn die Familienehre verpflichtete. Wenn sein Vater von dem Anruf wüsste, den er am Morgen erhalten hatte, wäre seine Reaktion noch wesentlich härter ausgefallen. Als Roland die Stimme seines ältesten Sohnes Michael hörte, hatte er im ersten Moment Mühe gehabt, sie zu erkennen. Sie wirkte rau und angestrengt. Sofort schrillten bei ihm alle Alarmglocken. Michael war keiner, der aus nichtigem Anlass heraus seinen Vater anrief. Ihn beschlich eine dumpfe Ahnung. Was der Junge ihm berichtete, versetzte Roland McCallum einen tiefen Schock und übertraf alle seine Befürchtungen. Er wusste, dass James, sein Jüngster, im Gegensatz zu seinem Erstgeborenen ein sehr sensibler Junge war, dessen seelisches Gleichgewicht bisher von seiner Frau gehalten worden war. Sie hatte es geschafft, James durch ihre Liebe und Zuwendung so zu stabilisieren, dass er den Aufenthalt in England gut bewältigte. Roland hatte gehofft, dass die Rückkehr in die normalen, geordneten Abläufe des Internatslebens James helfen würde, den Verlust der Mutter zu verkraften. Wie er jetzt erfahren musste, war genau das Gegenteil eingetreten. Er legte seinen Kopf zurück gegen den Stamm und stieß über die Gräber hinweg einen lauten Wutschrei aus, in dem sein unbändiger Hass zum Ausdruck kam. Hass auf diesen Polizisten, der seine Familie zerbrochen und das Glück seiner Kinder zerstört hatte. Es schwelte in ihm wie eine heiße Glut. Jetzt musste er sich erst einmal um seinen Sohn kümmern, dann kam der Mörder dran. Über die Komplikationen mit James konnte Roland nicht mit seinem Vater sprechen, weil er genau wusste, welche Meinung der zu diesen Problemen hatte. James war seiner Ansicht nach von seiner Mutter zu sehr verzärtelt worden. Das hatte der Alte schon immer kritisiert. Seiner Meinung nach sollten beide Jungen besser in Amerika studieren und sich für einige Jahre zur Armee verpflichten.

Roland erhob sich und streifte ein paar Grashalme von seiner Jeans. Morgen würde er nach Deutschland fliegen, um das Haus der Familie zu verkaufen, und von dort aus nach England, um die beiden Jungs mit nach Hause zu nehmen. Roland plante, sie zunächst in seinem Haus in Dallas unterzubringen, bis feststand, wie es mit ihnen weitergehen sollte. Dolores, seine mexikanische Haushälterin, würde sich sicher gerne um die Jungs kümmern.

Er schwang sich in den Sattel des Wallachs und entfernte sich nach einem letzten Blick auf den Grabstein in einem leichten Trab in Richtung Ranch. Sein Privatflugzeug, eine zweimotorige Cessna, stand vollgetankt im Hangar der Ranch, sein Gepäck war bereits verstaut. Den Pilotenschein besaß er seit seiner Zeit bei der Air Force. Damals flog er Kampfjets im Irak. Nach wenigen Flugstunden hatte er Dallas Airport erreicht. Bevor er nach Europa weiterreiste, musste er aber erst noch etwas hier in den USA erledigen.

Am frühen Abend betrat McCallum ein Internetcafé im Vergnügungsviertel von Dallas. Es war im Hinterzimmer einer Bar untergebracht und nur für Mitglieder zugänglich. Er trat an den Tresen. Als der Barkeeper nach seinen Wünschen fragte, antwortete er: „Bitte ein Dark Soda.“

Der Barkeeper musterte ihn kurz, dann erwiderte er: „Dark Soda gibt es nur als doppelten Dark Soda.“

„Dann Soda pur!“, gab Roland McCallum zurück. Der Barkeeper bewegte seinen Kopf in Richtung Thekenende. McCallum marschierte den langen Tresen entlang, bis er auf einen Vorhang stieß, der eine graue Metalltür verbarg. McCallum trat dahinter, in dem Moment drückte der Barkeeper auf einen Knopf, es ertönte ein Summer und die Tür ließ sich öffnen. Er betrat einen Raum, in dem mehrere Tische mit Computerkonsolen standen, wovon einer mit einem Mann besetzt war. Als McCallum auf die Bildschirme zusteuerte, löste sich von der Wand ein kräftiger Mann, der sich ihm in den Weg stellte.

„Was möchtest du?“

„Rechner III. Ich müsste meiner Großmutter Grüße zur Verlobung schicken.“

Der Mann musterte ihn kurz und trat dann zur Seite. Das Kennwort war korrekt. Er drückte McCallum einen Zettel mit einem Code für Rechner III in die Hand. „Der Schlüssel ist eine Stunde gültig. Dann wird die Verbindung unterbrochen.“ Er gab den Weg zu einem der Rechner frei.

McCallum schaltete den Bildschirm ein und fuhr den Computer hoch. Er setzte ein an der Seite hängendes Headset auf. Als der Browser sich aufgebaut hatte, gab McCallum den Code ein und der Bildschirm verdunkelte sich. Es dauerte einen Moment, dann erschien ein pulsierender blauer Punkt. „Mach deine Eingabe!“, kam eine Computerstimme aus dem Kopfhörer.

McCallum wartete einen Moment, dann begann er leise zu sprechen. „Meine Kennung ist JetF35. Ich habe bereits eure Dienste in Anspruch genommen – und bezahlt. Es ging um die Eliminierung des Mörders meiner Frau in Deutschland. Aber leider ist der Auftrag nicht ausgeführt worden. Ich bin sehr unzufrieden und möchte gerne, dass der Auftrag nunmehr zuverlässig durchgeführt wird!“ Er verstummte. McCallum war nicht leicht zu beeindrucken, aber die beklemmende Atmosphäre in dem Raum erhöhte merklich seinen Puls. Roland McCallum wartete. Es vergingen fast fünf Minuten, dann erklärte die Computerstimme: „Dein Auftrag wird erneut angenommen.“ Das Bild verschwand, der Computer fuhr sich selbst herunter. McCallum erhob sich. Wortlos verließ er die Bar.

Ein Taxi brachte ihn nach Hause. Er ließ sich von Dolores einen kleinen Imbiss mit mexikanischen Spezialitäten zubereiten, dann richtete er sein Gepäck für den Flug nach Europa.

Zwei

Die Grundfläche des Raums betrug exakt einhundert Quadratmeter und wurde von mehreren in Reihen geschalteten Neonröhren erhellt. Er lag im zweiten Untergeschoss eines zentralen Bankengebäudes, das gegen Erdbeben, Feuer und Wasser widerstandsfähig war. In symmetrischer Anordnung enthielt er in Reihen angeordnete, schallgedämmte, klimatisierte Serverschränke. In jedem Schrank befanden sich diverse Hochleistungsrechner, die das Herz eines der größten Rechnerzentren im globalen Bankenverbund in Bern, in der Schweiz, bildeten.

In einem Büro mehrere Stockwerke darüber befand sich das Büro der Firma Dreamland Limited, ein englischer Finanzdienstleister, der begüterten Kunden risikoreiche Kapitalanlagen vermittelte. Ein Wirtschaftsprüfer hätte sich bei einer Überprüfung des Kundenstamms sicher gewundert, dass die Firma lediglich drei Unternehmen betreute, die sich alle im Ausland befanden.

Ihre Eigentümer nannten sich Alpha, Beta und Gamma. Sie hatten vor Jahren im Darknet die Plattform π Pi gegründet, die sich zu einem milliardenschweren Untergrundunternehmen entwickelte. Die Organisation war mittlerweile in der Lage, Dienstleistungen aller Art auszuführen und Waren aller Art zu beschaffen, wobei Moral, Ethik, Recht und Ordnung keinerlei Rolle spielten. Wer zahlen konnte, bekam, was er bestellte. Die Plattform π Pi bestand inzwischen aus einem Geflecht, das in den meisten Ländern dieser Erde in Tarnfirmen Basen unterhielt, die die Wünsche ihrer Kunden erfüllten. Die drei Inhaber führten die Plattform als Heads kompromisslos und mit harter Hand. Sie hatten mithilfe von KI ein Überwachungssystem entwickelt, das alle Beschäftigten kontrollierte und Fehler gnadenlos ahndete. Die Entdeckung der Zentrale in Bern war praktisch ausgeschlossen, da sie sich von ihrer Firma aus wie ein unsichtbarer Parasit in das Rechnerzentrum eingehackt hatten. Sie hatten dort eine digitale Parallelwelt geschaffen, die so programmiert war, dass die im Bankensystem vorhandenen Schutzprogramme π Pi ganz einfach ignorierten. Unter Nutzung der enormen Leistungsfähigkeit dieses Serverzentrums schwamm die Plattform gut getarnt durch das Darknet und modifizierte täglich ihre Firewalls.

Die Heads kümmerten sich nur noch in Ausnahmefällen um Probleme bei speziellen Aufträgen. Zurzeit gab es ein Problem mit einer Agentin, die bei einem Einsatz in Deutschland versagt hatte. Beta referierte: „Sie sollte in der Stadt Würzburg einen Polizeibeamten hinrichten, der die Ehefrau unseres Kunden getötet hatte. Die Hinrichtung sollte über unseren Streamingdienst live übertragen werden. Es kam zu einer Schießerei, bei der unsere Agentin schwer verletzt wurde. Das Ziel blieb unbeschadet. Der Vertrag wurde von uns nicht erfüllt. Der Kunde verlangt Erfüllung.“

„Was ist mit unserer Agentin?“, fragte Alpha nach. „Wie ich sehe, hatten wir dafür Latifa eingesetzt. Wissen wir, wo sie sich jetzt aufhält? Warum wurde ihr Tracker nicht aktiviert?“

Beta zuckte mit den Schultern. „Sie ist geflüchtet. Ich nehme an, dass sie von einem Untergrund-Arzt versorgt wurde. Fast alle unsere Feldagenten kennen Adressen, an die sie sich im Notfall wenden können.“

„Warum haben wir keinen Standort?“

Gamma schüttelte den Kopf. „Unser Trackingsystem zeigt keinen Aufenthaltsort. Sie ist kurz nach dem Einsatz in Deutschland im Bereich der Stadt Hammelburg völlig von unserem System verschwunden. Sie kennt ja die Konsequenzen bei Versagen. Vermutlich hat sie sich den Tracker herausoperieren lassen, um untertauchen zu können.“

Alpha erwiderte: „Wir haben den Ruf, unsere Aufträge ordentlich zu erledigen. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter kennen die Konsequenzen eines so massiven Versagens.“ Er musterte die beiden Kollegen, dann erklärte er: „Meines Erachtens macht dieses Problem die Neutralisierung zweier Personen erforderlich. Zum einen werden wir den ursprünglichen Auftrag, die Hinrichtung dieses Ziels in Deutschland, abarbeiten. Zum anderen ist Latifa zu finden und zu exekutieren, ehe sie uns schaden kann. Wir müssen also zwei Vollstrecker aktivieren. – Irgendwelche Einwände?“

Beta und Gamma verneinten mit einer Kopfbewegung.

„Gamma, übernimmst du die Organisation dieser Aktionen? Nimm bitte nur die absolute Elite unserer Agenten für diese Jobs.“ Gamma nickte, dann wandte er sich Beta zu. „Kannst du bitte einen Einsatzplan entwerfen? Latifa ist ausgezeichnet ausgebildet und wird sich keinen Fehler erlauben. Ich werde mittlerweile Kontakt mit unserer Basis in Italien aufnehmen. Dort haben wir einen Spitzenagenten, der für diesen Job hervorragend geeignet ist.“ – „Ein guter Plan“, kommentierte Alpha und rollte seinen Sessel näher an den vor ihm stehenden Bildschirm heran. Er öffnete auf dem Server ein Programm, mit dem er die aktuellen Aktivitäten auf der Plattform verfolgen konnte. Es handelte sich um eine Fangschaltung, die sämtliche auf der Plattform aktiven Prozesse überwachte. Sobald die abtrünnige Agentin mittels einer ihrer Identitäten im Netz aktiv wurde, würde ein Alarm ausgelöst.

Drei

Der Zusammenbruch kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Für Rumpel typisch, schlug er die Empfehlung des Polizeipräsidenten in den Wind, seine traumatischen Erlebnisse, die er in Verbindung mit dem Mordanschlag gegen seine Person erleiden musste, mit professioneller Hilfe aufzuarbeiten. Letztendlich hatte dies, wie zu erwarten war, in einer dienstlichen Weisung seines Vorgesetzten gemündet, die Rumpel allerdings erst recht zu ignorieren gedachte. Dr. Carolin Kanzler vom psychologischen Dienst des Polizeipräsidiums Unterfranken hatte ihn daraufhin mehrmals ultimativ aufgefordert, einen Termin mit ihr zu vereinbaren. Aber Rumpel hatte von Seelenklempnern jeglicher Art die Schnauze gestrichen voll. Zu frisch war noch die Erfahrung, die er mit Ärzten während der Rehabilitationsmaßnahme gemacht hatte, der er sich nach den traumatischen Ereignissen im Amtsgericht Kitzingen unterziehen musste. Bei seinem Einsatz als Scharfschütze gegen einen Geiselnehmer war ihm ein finaler Rettungsschuss misslungen, was ein Blutbad zur Folge hatte.

Rumpel war der festen Überzeugung, er könnte den überstandenen Mordanschlag auf seine Person allein verarbeiten. Natürlich wurden sofort nach dem Vorfall, der sich in der Rechtsmedizin ereignete, kriminalpolizeiliche Ermittlungen eingeleitet, um die Hintergründe aufzuklären. Alle an der Rettung Rumpels beteiligten Personen wurden vernommen. Da der Sektionsassistent, den Rumpel als Mittäter identifizierte, während des Einsatzes erschossen worden war und die Killerin fliehen konnte, liefen die Ermittlungen der Kripo vorerst weitgehend ins Leere. Computerfachleute des Landeskriminalamtes fanden zwar heraus, dass der Laptop, auf dem die Hinrichtung Rumpels ins Darknet übertragen werden sollte, mit einer Plattform im Darknet verbunden war, die Usern gegen Bezahlung derartige Grausamkeiten zum Konsum anbot. Aber auch hier liefen sich die Ermittlungen tot, da schlagartig sämtliche Verbindungen gekappt worden waren. Es gab Indizien dafür, dass das Attentat von Menschen geplant und beauftragt worden war, die in einer Verbindung zu den Opfern von Rumpels Fehlschuss standen. Hierbei geriet Roland McCallum, der Ehemann der bei dem Polizeieinsatz erschossenen Richterin Anna-Luise Michel-McCallum, in den Fokus der Polizei. Eine Vernehmung von McCallum war aber nicht möglich, da er sich mittlerweile in die USA abgesetzt hatte, wo die deutschen Ermittlungsbehörden keinen direkten Zugriff auf ihn hatten. Rein vorsorglich wurde er zur Fahndung ausgeschrieben.

Es war unvermeidlich, dass die Geschehnisse in der Rechtsmedizin Würzburg die verschiedenen regionalen und überregionalen Presseorgane auf den Plan riefen. Der Überfall auf Rumpel fand seinen Weg bis in die Abendnachrichten im Fernsehen. Sosehr die Polizei und die Rechtsmedizin sich aus ermittlungstechnischen Gründen mit Informationen auch zurückhielten, gelang es Fernsehteams und Fotografen doch, Aufnahmen im Institut selbst und von Rumpels Nachbarn Stefan Heunisch mit der Hündin Eva beim Gassigehen vor Rumpels Wohnhaus zu machen. Rumpel selbst zog sich während dieses Ansturms in seine Wohnung zurück. So blieb es ihm weitgehend erspart, durch die Medien gezogen zu werden. Um das Interesse der Presse einigermaßen in Schach zu halten, gab der Polizeipräsident ein kurzes Statement zur Ermittlungslage ab. Wie erwartet flaute das Interesse der Medien nach einigen Tagen deutlich ab, weil neue Ereignisse in aller Welt die Medien beschäftigten. Rumpel war natürlich krankgeschrieben, wodurch sich aber seine Probleme eher vermehrten, weil ihm zu Hause ganz einfach die Decke auf den Kopf fiel. Lange Spaziergänge mit Eva, der Riesenschnauzer-Hündin, sowie Gespräche mit seinem Freund Stefan Heunisch lenkten ihn zwar ab, aber der Umstand, einen derart tiefen Blick in das Reich der Toten getan zu haben, machte ihm schon zu schaffen. Der Versuch, sich durch erhöhten Whiskykonsum selbst zu therapieren, war auch nicht sehr erfolgreich. Wiederholt schlich er um das BULLEN-PUB, seine Stammkneipe, herum, scheute sich aber, sie zu betreten. Insgeheim hoffte er darauf, Lena dort zufällig zu begegnen. Seit seiner Befreiung aus der lebensbedrohlichen Situation in der Rechtsmedizin hatte er die Frau nicht mehr gesehen. Unter der ihm bekannten Telefonnummer war sie nicht mehr zu erreichen. Rumpel hatte das dringende Bedürfnis, mit ihr zu sprechen, sich bei ihr zu bedanken und die Spannungen, die bei ihrem letzten Treffen zwischen ihnen aufgetreten waren, zu bereinigen. Er hatte sich ihr gegenüber wie ein Elefant im Porzellanladen benommen – für Rumpel eine erstaunliche Selbsterkenntnis. Sicher, sie hatte Dinge von ihm verlangt, die mit seinem Berufsethos als Polizist nicht zu vereinbaren waren. Er hätte ihr gegenüber aber verständnisvoller reagieren müssen. Und da war noch die lähmende Schusswaffen-Phobie, die ihn seit seinem Fehlschuss beherrschte. Für ihn ein essenzielles Problem, an dem er arbeiten musste, wollte er weiterhin als Polizist tätig sein. Irgendwann überwand er sich und ließ sich einige Trainingstermine im Schießkeller des Präsidiums geben. Er schoss, zwar mit mäßigem Erfolg, aber er schoss! Für ihn persönlich ein echtes Erfolgserlebnis. Für seine Vorgesetzten hatte es den Anschein, als wäre er auf dem richtigen Weg, aber der Schein trog. Ihn quälten Schlaflosigkeit und ständige innere Unruhe. Wie immer, wenn Rumpel seelische Probleme hatte, versuchte er, diese zu Hause mit Whisky zu therapieren.

Es geschah an einem Mittwoch, kurz vor Mitternacht. Adam Rumpel war nach dem Genuss mehrerer Gläser Whisky auf der Couch vor dem Fernseher eingeschlafen. Er erwachte etwas schwerfällig vom Fiepen seiner Hündin, die ihren Kopf nur eine Handspanne von Rumpels Gesicht entfernt auf das Polster gelegt hatte und ihn jammernd fixierte. Er richtete sich langsam auf und fuhr sich mit der Hand über das Gesicht. Der Geschmack in seinem Mund war beißend bitter.

„Was ist denn los, mein Mädchen?“, nuschelte Rumpel. „Wir waren doch schon Gassi.“ Die Hündin stand schwanzwedelnd vor ihm. Plötzlich schlug sich Rumpel mit der flachen Hand gegen die Stirn, was einen heftigen Stich durch den Kopf auslöste.

„Mein Gott, was bin ich für ein Depp, jetzt musst du wegen mir auch noch hungern.“ Er stand auf und streckte seinen total verspannten Rücken. „Jetzt bekommst du eine Extraportion Fressi in den Napf, damit du dich nicht beschweren kannst.“ Eva sprang freudig um ihn herum und gab einen leisen Beller von sich. Was Fressi bedeutete, war für sie sonnenklar. Sie eilte voraus in die Küche und stellte sich vor ihren leeren Napf. Rumpel öffnete die Tür zur Speisekammer und holte den Deckeleimer heraus, in dem er immer einen Vorrat an Trockenfutter aufbewahrte.

„Verdammter Mist!“, entfuhr es ihm, denn der Eimer war, bis auf ein wenig Futterstaub, leer. Er hatte heute einen Sack frisches Futter gekauft, nur leider lag der noch unten in der Tiefgarage im Kofferraum des Pajero. Es kostete ihn in seinem derzeitigen Zustand einige Überwindung, sich aufzuraffen, aber er konnte Eva unmöglich hungern lassen.

„Tut mir leid, aber ich muss erst noch runter in die Tiefgarage und dein Futter hochholen.“ Eva hörte ihm mit schief gelegtem Kopf zu. Rumpel schlüpfte in die Hausschuhe, schnappte sich den Schlüsselbund und ging in Richtung Wohnungstür. Eva trippelte hinter ihm her und blieb dann stehen. Sie würde an diesem Platz warten, bis ihr Mensch zurückkam. Rumpel fuhr mit dem Aufzug hinunter in die Tiefgarage. Als er den Lift verließ, schaltete die Automatik das Licht in der Garage ein. Der Mitsubishi Pajero stand auf seinem Stellplatz. Mit der Fernbedienung öffnete Rumpel den Wagen und die Tür zum Gepäckraum. Da lag der Sack mit Trockenfutter. Rumpel seufzte, dann zog er den Sack aus dem Wagen und warf ihn sich über die Schulter. Da ging schlagartig in der gesamten Tiefgarage das Licht aus. Von einem Moment auf den anderen befand er sich in völliger Finsternis. Als hätte man einen Schalter umgelegt, sprang Adam Rumpel schreckliche Panik an. Verzweifelt riss er die Arme zur Seite, um das Ende der Schwärze zu erfühlen. Der Futtersack fiel mit einem dumpfen Laut auf den Betonboden der Garage. Rumpel öffnete den Mund und begann zu schreien. Er schrie so laut, dass sich seine Stimme überschlug. Plötzlich fühlte er einen beengenden Schmerz in der Brust, dann wurde er übergangslos ohnmächtig. Sein Kopf fiel beim Sturz auf den Futtersack, wodurch ihm zum Glück eine Verletzung erspart blieb.

Es vergingen einige Minuten, bis sich ein Paar Scheinwerfer von der sich absenkenden Einfahrt her in die Dunkelheit der Tiefgarage bohrte und alle abgestellten Fahrzeuge anstrahlte. Das indirekte Streulicht, das die erloschenen Frontscheinwerfer der geparkten Fahrzeuge reflektierte, erfüllte die Garage mit einem unwirklichen Licht.

„Wieso ist es hier stockfinster?“, wunderte sich die Fahrerin. Hatte die Sicherung ausgelöst? Alma Zeck wohnte im dritten Stock und hatte einen Stellplatz im hinteren Teil der Tiefgarage angemietet. Alma war in der Pizza-Bar Quadro Grappa im Würzburger Mainviertel als Köchin und Bardame angestellt – je nachdem, wo ihr Einsatz gerade gefragt war. Gerade hatte sie noch die Küche geputzt und zwei an den Barhockern festgewachsene Gäste hinauskomplimentiert, ehe sie nach Hause aufbrechen konnte. Sie war hundemüde und wollte nur noch unter die Dusche und dann ins Bett. Während sie langsam mit ihrem Austin Mini zu ihrem Stellplatz rollte, erfassten ihre Scheinwerfer für eine Sekunde eine am Boden liegende Gestalt. Sie trat heftig auf die Bremse. Im ersten Moment war sie völlig irritiert. Hatte sie sich das eingebildet? Sie legte den Rückwärtsgang ein und fuhr ein Stück zurück. Sie hatte sich nicht getäuscht. Im Scheinwerferlicht lag reglos ein Mann. Sie ließ den Motor laufen, holte aus ihrer Handtasche ein Pfefferspray und stieg aus. Alma war keine ängstliche Frau. Als Bardame in einem Nachtlokal, das fast ausschließlich von Männern besucht wurde, war die Singlefrau in den Mittvierzigern durchaus in der Lage, sich zu wehren. Sie näherte sich langsam dem Liegenden, der offenbar ohne Bewusstsein war.

„Hallo!“, rief sie. „Hallo!“ Keine Reaktion. Jetzt erkannte sie den Polizisten aus dem obersten Stockwerk, dem sie schon häufig im Aufzug zusammen mit seinem Hund begegnet war. Der Mann war immer ziemlich wortkarg und brachte außer einem halb verschluckten Gruß kaum einen Satz über die Lippen. Was ihr durchaus entgegenkam. „Rumpel“ stand am Haupteingang auf dem Klingelschild, wie sie beiläufig mal festgestellt hatte. Jetzt nahm sie den Sack mit Hundefutter wahr, auf dem der Kopf des Ohnmächtigen lag.

„Hallo“, rief sie erneut, dann schaltete sie das Licht ihres Handys an und leuchtete dem Liegenden ins Gesicht. „Hallo, Herr Rumpel!“ Da keine Reaktion erfolgte, beugte sie sich hinunter und legte zögernd zwei Finger an seine Halsschlagader. Der Herzschlag war kräftig und gleichmäßig. Sie musste die Rettung verständigen! Da sie aus Erfahrung wusste, dass es hier unten praktisch keinen Handyempfang gab, rannte sie ein Stück die Garageneinfahrt hinauf, bis sie auf dem Display zwei Balken erkennen konnte. Hastig wählte sie die Notrufnummer. Nach dem kurzen Gespräch mit der Leitstelle eilte sie wieder hinunter zu Rumpel. Sie zerrte heftig an dem schweren Mann herum, bis sie ihn einigermaßen in die stabile Seitenlage gebracht hatte. Mit Erleichterung nahm sie wahr, dass er atmete. Acht Minuten später, die ihr wie eine Ewigkeit vorkamen, hörte sie das Herannahen zweier Sirenen. Wieder hastete sie die Einfahrt hinauf. Da rasten auch schon das Einsatzfahrzeug des Notarztes und ein Rettungswagen des Roten Kreuzes mit heulender Sirene heran. Mit der Lampe ihres Handys gab sie Zeichen. Die Fahrzeuge bremsten und die Sirenen verstummten. Die zuckenden Blaulichter wurden von den Wänden der umstehenden Häuser gespenstisch zurückgeworfen. Im Scheinwerferlicht von Almas Auto und mithilfe einiger Taschenlampen der Rettungskräfte untersuchte der Arzt den Bewusstlosen. Nachdem er bei der Untersuchung keine Verletzungen gefunden hatte, erhob er sich.

„Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall“, stellte er fest. „Wir nehmen ihn mit!“, ordnete er an, dann wandte er sich an Alma: „Ich bin Dr. Schulze, der Notarzt. Sie kennen den Mann?“

„Kennen ist zu viel gesagt“, erwiderte sie, „er wohnt ein Stockwerk über mir. Er heißt Adam Rumpel, wohnt meines Wissens allein und ist Polizist.“ Sie deutete auf den Futtersack, der noch immer an derselben Stelle lag. „Er hat allerdings einen großen Hund. Wahrscheinlich ist der jetzt allein in der Wohnung.“

In dem Moment erschien an der Einfahrt zur Tiefgarage ein weiteres Blaulicht, das zu einem Einsatzfahrzeug der Polizei gehörte. Zwei Beamte stiegen aus und kamen in die Garage.

„Was ist passiert?“, fragte der ältere der beiden.

Während der Notarzt beobachtete, wie der Patient auf die fahrbare Trage geschnallt und von den Sanitätern die Rampe hinaufgeschoben wurde, erläuterte er den beiden Beamten den medizinischen Sachverhalt. „Diese Frau hier, die den Mann gefunden hat, hat uns alarmiert. Der Patient muss sofort in die Notaufnahme, weil wir ein ungeklärtes Krankheitsbild haben. Der Mann heißt angeblich Adam Rumpel und soll Polizeibeamter sein. Die Dame kann Ihnen sicher weiterhelfen. Wir bringen ihn jetzt ins Klinikum Mitte.“ Er nickte den Polizisten und Alma zu, dann hastete er hinauf zu seinem Wagen. Sekunden später beschleunigten die beiden Einsatzfahrzeuge und rasten mit heulenden Sirenen davon.

Einer der beiden Beamten wandte sich an Alma, während der andere die Umgebung des Futtersackes und den Kofferraum des Pajero ableuchtete.

„Polizeihauptmeister Renner“, stellte sich der Beamte vor. „Sie sind …?“

„Zeck, Alma Zeck“, gab Alma Auskunft. „Ich wohne hier …“

„Frau Zeck, Sie haben den ohnmächtigen Mann gefunden? Sie wissen, wer das ist?“

Sie nickte, dann wiederholte sie gegenüber dem Polizisten die Angaben, die sie schon gegenüber dem Notarzt gemacht hatte. „Als ich von der Arbeit heimkam, war hier in der Tiefgarage das Licht ausgefallen. Plötzlich lag der Mann vor meinem Auto. Zuerst bekam ich einen gewaltigen Schreck, dann erkannte ich Herrn Rumpel, der über mir im obersten Stock wohnt. Soweit ich weiß, lebt er allein, hat aber einen großen Hund. Ich vermute, dass das Tier oben in der Wohnung ist.“ Sie deutete auf den Futtersack.

„Okay, wir werden uns darum kümmern“, erklärte der Beamte. „Wissen Sie vielleicht, ob er zu jemand im Haus näheren Kontakt hat?“

Alma zuckte mit den Schultern. „Ich kümmere mich eigentlich nicht um die Leute. Da ich bis spät in einer Bar arbeite, schlafe ich tagsüber oft.“ Sie überlegte einen Moment, dann ergänzte sie: „Ich habe schon ein paarmal einen älteren Mann im Treppenhaus mit dem Hund gesehen. Allerdings habe ich keine Ahnung, wer das ist. Wahrscheinlich wohnt er auch hier …“

Der Polizist sprach ein paar Notizen in sein Handy, dann bedankte er sich bei ihr, nicht ohne sich noch ihre vollständigen Kontaktdaten geben zu lassen – für den Fall, dass sich noch weitere Fragen ergaben. Alma atmete auf. Wenig später betrat sie ihre Wohnung. Sie war reif fürs Bett und würde sich nach einer ausgiebigen Dusche erst mal schlafen legen.

Die beiden Polizeibeamten legten den Futtersack in den Kofferraum des Pajero und schlossen die Türen. Anschließend betraten sie den Aufzug und fuhren in den obersten Stock. Die Tür mit dem Namensschild „Rumpel“ war schnell gefunden. Entschlossen drückte Renner den Klingelknopf. Es konnte ja sein, dass noch jemand in der Wohnung war. Die sofortige Reaktion war das tiefe Gebell eines großen Hundes, der dicht hinter der Eingangstür stehen musste. Laut schallte das Bellen durch das stille Haus. Eine weitere Reaktion erfolgte auf das Läuten nicht.

„Die Geschichte mit dem Hund stimmt auf jeden Fall“, stellte Renner fest, „und anscheinend ist sonst niemand in der Wohnung.“ Seine Stimme mischte sich mit dem Bellen des Hundes. Während sie noch überlegten, wie sie weiter vorgehen wollten, waren auf der Treppe feste Schritte zu hören. Einen Augenblick später tauchte ein älterer, dynamisch wirkender Mann auf, der die beiden Uniformierten mit kritischem Blick musterte und sich ihnen zielsicher näherte.

„Meine Herren, darf ich mal fragen, was es gibt?“

Polizeihauptmeister Renner stellte sich kurz vor, dann erklärte er: „Kennen Sie Herrn Rumpel persönlich?“

„Mein Name ist Stefan Heunisch, ich bin Hauptkommissar a. D. und mit Herrn Rumpel befreundet. Ich wohne zwei Stockwerke tiefer und habe das laute Bellen der Hündin gehört. Anscheinend ist Rumpel nicht zu Hause. – Können Sie mir jetzt sagen, was der Grund Ihres Einsatzes ist?“

Renner überlegte eine Sekunde, dann erzählte er Heunisch vom Rettungseinsatz in der Tiefgarage.

„Ach du meine Güte!“, zeigte sich Heunisch betroffen. „Kollegen, Moment, ich habe einen Reserveschlüssel, den mir Rumpel für den Fall überlassen hat, dass er sich einmal ausschließt. Ich gehe runter in meine Wohnung und hole ihn. Selbstverständlich kümmere ich mich um die Hündin, sie kennt mich. Wohin hat man Rumpel gebracht? Ist es etwas Ernstes?“

„Soweit wir wissen, in das Klinikum Mitte. Zur Diagnose können wir Ihnen nichts sagen.“ Die beiden Beamten verständigten sich kurz mit Blicken, dann meinte Renner: „Würden Sie bitte den Schlüssel holen? Wenn wir sehen, dass die Hündin Ihnen vertraut, ziehen wir ab.“

„Geht klar“, gab Heunisch zurück, dann trat er an das Türblatt und versuchte, die noch immer bellende Hündin zu beruhigen. „Eva, ruhig, sei schön brav! – Alles ist gut!“ Das Bellen verstummte.

„Ich sehe, der Hund reagiert auf Sie. Damit ist unsere Anwesenheit nicht mehr erforderlich. – Übrigens, den Sack mit dem Hundefutter, das Herr Rumpel offenbar holen wollte, haben wir in den Pajero gelegt.“ Die beiden grüßten und betraten den Aufzug.

Heunisch holte den Ersatzschlüssel aus seiner Wohnung und betrat kurz darauf Rumpels hell erleuchtetes Appartement. Eva, die Riesenschnauzerhündin, stand hinter der Tür und begrüßte ihn freudig winselnd und schwanzwedelnd. Heunisch sah sich um. Der Fernseher lief und mehrere Lampen brannten. Es war offensichtlich, dass Rumpel die Wohnung tatsächlich nur kurz verlassen wollte. Eva verfolgte Heunisch mit ihren Blicken, dabei warf sie ihrem Futternapf immer wieder begehrliche Blicke zu. Auf der Anrichte stand ein Eimer, in dem Rumpel, wie Heunisch wusste, immer einen Vorrat an Hundefutter aufbewahrte.

„Also hat dein Herrchen Futter für dich holen wollen und war dabei aus unerfindlichen Gründen zusammengebrochen“, überlegte er halblaut, dann wandte er sich in Richtung Tür. „Dann werde ich mal in die Tiefgarage gehen und dich von deinen Leiden erlösen.“ Als er die begeisterte Reaktion der Hündin bemerkte, schlug er vor: „Du kommst jetzt ganz einfach mit zu mir. Nicht, dass du mir wieder das ganze Haus zusammenbellst.“

Heunisch schaltete den Fernseher aus, dann löschte er in der ganzen Wohnung die Lichter. Eine gute halbe Stunde später lag Eva gesättigt in Heinischs Wohnung in ihrem Hundekorb, den der pensionierte Kriminalbeamte schon vor längerer Zeit für die Besuche der Hündin angeschafft hatte. Gleich darauf setzte sich Heunisch auf seine Couch und telefonierte mit dem Klinikum Mitte. Ein paar Minuten später hatte er die Gewissheit, dass Adam Rumpel vor Kurzem dort eingeliefert worden war. Nachdenklich klopfte er mit den Fingernägeln auf den Telefonhörer. Heunisch hatte jetzt ein kleines Problem. Es hieß Lena. Seit Lena und er Rumpel aus dem Kühlfach in der Rechtsmedizin befreit hatten, hatte er Lena nicht mehr gesehen. Er hatte bei seiner eigenen Vernehmung bei der Kripo zu den Ereignissen in der Rechtsmedizin zwar mitbekommen, dass Dr. Lena Kohlhepp ebenfalls als Zeugin aussagen musste, aber sie waren sich dabei nie begegnet. Heunisch, der sich in der Rechtsmedizin nach ihr erkundigte, erfuhr nur, dass sich die Frau nach den traumatischen Erlebnissen einige Zeit hatte beurlauben lassen. Das Verhältnis zwischen Rumpel und Lena war für ihn nicht durchschaubar. Vor dem Überfall auf Rumpel hatte er den Eindruck gehabt, dass sich die beiden menschlich nähergekommen waren. In der letzten Zeit hatte Rumpel Lena aber nicht mehr erwähnt. Jetzt überlegte Heunisch, ob er Lena nicht über den Zusammenbruch Rumpels informieren sollte. Er zögerte, weil er sich nicht in das Verhältnis zwischen den beiden einmischen wollte. Soweit überhaupt eines bestand. Auf der anderen Seite konnte sie ja selbst entscheiden, was sie aus dieser Information machen wollte. Noch immer hatte er die private Handynummer Lenas in seinem Telefon gespeichert. Mit einem entschiedenen Druck auf die Kurzwahltaste wählte er die Nummer. Das Freizeichen ertönte, die Nummer wurde gewählt. Heunisch ließ es mehrmals anläuten, dann sprang die automatische Bandansage an, die ihm mitteilte: „Die gewählte Nummer ist zurzeit nicht erreichbar.“ Heunisch legte auf. Wie es aussah, hatte Lena ihr Handy ausgeschaltet, wollte also offenbar nicht kontaktiert werden. Konnte das Feuergefecht an ihrem Arbeitsplatz in der Rechtsmedizin und die Beinahe-Ermordung von Rumpel sie so traumatisiert haben? Er rief sich zur Ordnung. Lena war mit anderen Maßstäben zu messen als er. Bei dem Kampf in der Rechtsmedizin war auch ihr Leben bedroht gewesen. Sie war Obduzentin und an lebensbedrohliche Extremsituationen absolut nicht gewöhnt. Logisch, dass sie völlig fertig sein musste. Er würde es später noch einmal bei ihr versuchen. Jetzt musste er sich erst einmal um seinen Freund Rumpel kümmern.

Vier

Zwei Tage später.

Seine Stimme war rau und heiser. Er sprach mit gedämpfter Lautstärke, unterbrochen von kleinen Pausen. Das Reden strengte ihn sichtlich an. Vor ihm stand ein Glas Wasser, von dem er hin und wieder einen Schluck nahm. Er saß, bekleidet mit einem dunkelblauen Jogginganzug, an dem quadratischen Tisch in dem nüchtern eingerichteten Krankenzimmer der neurologischen Klinik der Universität Würzburg. Seine Hände lagen ineinander verschränkt vor ihm auf der grauen Resopal-Platte. Ein nervöses Zucken der Finger konnte er nicht vollständig unterdrücken. Sein Blick war gesenkt. Er wirkte völlig in sich gekehrt.