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"Das Mädchen mit den Millionen" entfaltet die Geschichte einer jungen Erbin, deren plötzliches Vermögen zum Katalysator eines vielschichtigen Spiels aus Gesellschaft, Finanz und Gefühl wird. In Salons, Vorstandsetagen und auf kontinentale Schauplätzen verknüpft Oppenheim gesellschaftlichen Roman und Spannungsliteratur: schnelle Dialoge, szenisch gesetzte Übergänge, episodische Zuspitzungen und eine allwissende, ironisch distanzierte Erzählinstanz. Thematisch kreisen die Kapitel um die Sichtbarkeit des Kapitals, die Verhandlung weiblicher Handlungsfreiheit im männlich dominierten Markt sowie die moralische Preisgabe, die Reichtum einfordert—ein Panorama des edwardianischen Milieus, geprägt von eleganter Oberflächlichkeit und latenter Gefahr. E. Phillips Oppenheim (1866–1946), berühmt als "Prince of Storytellers", verband kommerzielle Erfahrung und kosmopolitische Beobachtung mit literarischer Produktivität. Seine Nähe zu Geschäfts- und Diplomatenkreisen, Reisen und serieller Publikationspraxis speisen die Authentizität seiner Finanz- und Intrigenstoffe. Wiederkehrend interessiert ihn die poröse Grenze zwischen Respektabilität und kalkuliertem Regelbruch—ein Motiv, das auch diese Erzählung treibt und zeitgenössische Ängste vor modernem Geldverkehr und internationaler Verflechtung bündelt. Empfehlenswert für Leserinnen und Leser klassischer Spannungs- und Gesellschaftsromane wie für historisch Interessierte: Das Buch unterhält mit präzisem Tempo und zeigt zugleich, wie Massenliteratur der Frühen Moderne Geschlecht, Kapital und Reputation verhandelt. Als elegant komponiertes Zeitdokument bietet es Vergnügen und Analysepotenzial in einem.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die Prinzessin hörte, daß die Zofe eintrat. Sie öffnete die Augen und wandte den Kopf ungeduldig zur Tür.
»Annette«, sagte sie vorwurfsvoll, »haben Sie mich denn nicht verstanden? Habe ich nicht gesagt, daß Sie mich unter keinen Umständen heute nachmittag stören sollten?«
Annette bot ein Bild der Verzweiflung. Die hochgezogenen Augenbrauen und die beweglichen Hände verrieten ihre Erregung.
»Madame, habe ich das nicht alles dem Herrn gesagt? Ich habe ihn gebeten, später noch einmal vorzusprechen, weil Madame böse Kopfschmerzen hätten. Ich habe ihm gesagt, daß ich meine Stelle riskiere, wenn ich Madame störe. Und was hat er geantwortet? Ich würde meine Stelle ebensogut verlieren, wenn ich nicht hinaufgehen und ihn melden würde. Er war sehr ungehalten. Er kommt in einer dringenden Angelegenheit.«
»Von wem sprechen Sie denn eigentlich?«
»Aber natürlich von Major Forrest, Madame. Er wartet unten.«
Die Prinzessin schloß die Augen eine Sekunde, öffnete sie dann langsam wieder und nahm den kleinen, vergoldeten Handspiegel von dem Tisch an ihrer Seite.
»Drehen Sie das Licht an!«
Der bis dahin im Halbdunkel gelegene Raum erstrahlte nun im Licht eines großen Kronleuchters, und die Prinzessin betrachtete sich kritisch. Sie betupfte ihr Gesicht mit einer Puderquaste und legte dann den Spiegel wieder fort.
»Annette, Sie werden Monsieur sagen, daß ich wirklich sehr leidend bin. Aber da er nun einmal in einer so dringenden Angelegenheit gekommen ist, will ich ihn empfangen. Drehen Sie das Licht wieder aus, ich kann mich in dieser Verfassung nicht recht sehen lassen. Und legen Sie die Spitzen ein wenig zurecht. So.«
»Madame sehen nur ein wenig blaß aus«, versicherte die Zofe. »Das macht nichts. Diese Engländerinnen haben alle eine zu rote und gesunde Farbe. Ich werde es Monsieur bestellen.«
Sie verschwand. Kurze Zeit später trat ein großer, tadellos gekleideter Herr ein. Sein nicht allzu volles Haar war geschickt frisiert, seine Gesichtszüge aber waren hart und ausdruckslos. Seine Augen standen ein wenig zu dicht zusammen. Annette zog sich zurück, nachdem sie ihn hineingeführt hatte.
»Setze dich hierher, Nigel, wenn du mit mir sprechen willst«, sagte die Prinzessin. »Aber geh bitte leise, ich habe fürchterliche Kopfschmerzen.«
»Das ist kein Wunder in diesem vollständig abgeschlossenen Raum«, entgegnete er etwas unhöflich. »Es riecht hier, als ob du Weihrauch verbrannt hättest.«
»Das liebe ich«, erwiderte die Prinzessin ruhig, »und es ist auch zufällig mein Zimmer. Sage mir schnell, was du zu sagen hast.«
Er ließ sich nieder, nahm ihre Hand, führte sie an die Lippen und behielt sie dann in der seinen.
»Entschuldige bitte, daß ich so wenig auf dein Befinden Rücksicht genommen habe, aber es scheint sich in den letzten Tagen alles gegen mich verschworen zu haben. Mein Glück hat mich verlassen, das fällt mir auf die Nerven.«
Sie sah ihn neugierig an. Sie war etwas über die mittleren Jahre hinaus, und ihr Gesicht zeigte die Spuren des bewegten Lebens, das sie hinter sich hatte. Aber sie hatte noch schöne Augen, und die kosmetischen Salons in der Bond Street taten ihr Bestes, um ihre Schönheit zu konservieren.
»Was ist denn los, Nigel? Hast du Unglück im Spiel gehabt?«
Er runzelte die Stirn und zögerte einen Augenblick, bevor er antwortete.
»Ena, zwischen uns besteht seit jeher die Abmachung, daß wir einander stets die Wahrheit sagen. Du sollst also erfahren, was mich bedrückt. Man hat im Klub eine offene Abneigung gegen mich. Ich kann nicht genau sagen, was es ist, aber ich merke es sofort, wenn ich ins Spielzimmer trete. Seit mehreren Tagen fällt es mir schwer, mich an einer Bridge-Partie zu beteiligen. Als ich heute nachmittag mit Harewood, Mildmay und noch einem anderen zu spielen begann, haben sich nach kurzer Zeit zwei von ihnen entschuldigt und sind gegangen. Ich habe natürlich getan, als ob ich nichts merkte, aber die Antipathie ist nun einmal da, und meine Lage ist verteufelt schwierig.«
Sie sah ihn scharf an.
»Etwas Positives liegt aber nicht vor? Es hat doch keinen Skandal oder Auftritt gegeben?«
»Nein«, sagte er aufgebracht. »Ich bin doch nicht so dumm, daß ich das riskiere. Aber es will eben keiner mehr mit mir spielen. Nur der junge Engleton hält noch meine Stange. Dem könnte ich allerdings im Bridge so viel Geld abnehmen, daß mir die ganze andere Gesellschaft gestohlen bleiben kann. Wenn ich ihn nur von den anderen wegbringen könnte, wenn ich irgendwo eine kleine Partie arrangieren könnte! Ich müßte ihn einmal eine oder zwei Wochen lang für mich allein haben.«
Die Prinzessin sah nachdenklich aus.
»Um diese Zeit zu verreisen, ist ganz unmöglich«, sagte sie nach einiger Zeit. »Außerdem bist du doch eben erst zurückgekommen.«
»Ja, das ist wohl unmöglich. Das würde gerade jetzt gar nicht passen. Es sieht so aus, als ob ich davonlaufe. Vor einer Woche sprachst du doch darüber, daß du eine Villa unten am Fluß mieten wolltest. Hast du den Plan weiter verfolgt?«
»Das geht leider nicht. Ich habe mich bereits hier mehr engagiert, als ich sollte. Dieses Haus, die Dienerschaft, die Wagen kosten ein kleines Vermögen. Ich darf mir die Rechnungen gar nicht ansehen. Es ist nicht daran zu denken, daß ich noch ein zweites Haus dazunehmen kann.«
Major Forrest schaute düster auf seine glänzenden Lackstiefel.
»Verdammtes Pech!« sagte er halblaut. »Man müßte irgendwie einen ruhigen Platz auf dem Lande ausfindig machen. Wenn Engleton, wir beide und vielleicht noch ein oder zwei Mitspieler zusammen wären, könnte ich durchhalten. Augenblicklich steht es wirklich verzweifelt.«
Seine Hand, die auf der Stuhllehne lag, zitterte nervös.
»Mein lieber Nigel, hole dir aus dem kleinen Schränkchen dort einen Kognak. Ich kann nicht sehen, wie du hier so schlapp und bleich sitzt und zitterst, als ob dir der Tod auf den Fersen wäre.«
Er folgte ihrer Aufforderung.
»Ich hoffte, daß du ein wenig mehr Teilnahme für mich zeigen würdest, Ena.«
»Du bemitleidest dich ja selbst schon genug, das ist also überflüssig. Aber setze dich wieder her, wir wollen vernünftig miteinander reden.«
»Ich spreche doch vernünftig, aber ich bin tatsächlich in einer entsetzlichen Lage. Glaube nicht, daß ich Geld von dir will. Ich weiß, daß du schon alles für mich getan hast, und es handelt sich jetzt auch nicht um ein paar hundert Pfund. Meine einzige Hoffnung ist Engleton. Kommt dir denn kein guter Gedanke?«
Die Prinzessin stützte den Kopf leicht auf die langen, gepflegten Finger ihrer rechten Hand. Sie war noch eine schöne Frau und verstand es, sich vorteilhaft zu kleiden. Geschmack und Eleganz waren ihr angeboren, und ihre Gestalt wies noch klassische Linien auf. Sie betrachtete interessiert den Mann, der ihr in den letzten Jahren am nächsten gestanden hatte, und es kam ihr plötzlich zum Bewußtsein, daß er sie in dieser Verfassung nicht mehr fesselte. Sein Versagen in einer schwierigen Lage war ihr peinlich. Sie sah ihn zum erstenmal ohne Maske; er zeigte sich nicht länger als der kalte, berechnende Zyniker. Er war nicht mehr Herr der Situation, sondern das Schicksal hatte ihn gedemütigt. Sie erkannte die Tragödie in dem Blick seiner grauen Augen, an dem Zittern seiner Lippen. Seit vielen Jahren war er ein Glücksritter ohne festes Einkommen gewesen, aber nun schien seine Existenz ernstlich bedroht zu sein. Seine Freunde, die dauernd Verluste beim Spiel mit ihm erlitten, trennten sich von ihm und ließen ihn allein.
»Nigel, du enttäuschst mich sehr. Ich kann nicht sehen, wenn ein Mann schwach wird. Es liegt doch nichts gegen dich vor. Vor allem darfst du dich jetzt nicht furchtsam oder feige zeigen! Ich will einmal nachdenken, ob ich diese kleine Partie, von der du eben gesprochen hast, irgendwie zustande bringen kann. Was hast du eigentlich heute abend vor?«
»Nichts Besonderes. Engleton hat mich zum Essen eingeladen.«
»Mir kommt schon eine Idee«, sagte die Prinzessin langsam. »Vielleicht wird nichts daraus, aber auf jeden Fall lohnt es sich, den Versuch zu machen. Hast du schon meinen neuen Verehrer gesehen – Mr. Cecil de la Borne?«
»Meinst du etwa diesen gigerlhaft aufgeputzten Stutzer, mit dem du gestern im Park spazierenfuhrst?«
Die Prinzessin nickte.
»Ich habe ihn erst vor einer Woche kennengelernt, und er ist äußerst aufmerksam. Er hat irgendwo in Norfolk einen Landsitz. Jeanne und ich werden heute abend mit ihm im Savoy speisen. Du kommst einfach mit Engleton dazu. Ich werde schon alles arrangieren. Vielleicht entwickelt sich daraus etwas. Er sagte mir gestern, daß er bald nach Norfolk zurückkehren müßte.«
»Den Namen kenne ich gut. Es ist eine sehr alte katholische Familie von gutem Adel. Also, ich werde mit Engleton kommen, wenn du es so einrichten kannst. Aber ich habe keine Hoffnung, daß er uns nach so kurzer Bekanntschaft schon alle einlädt.«
Die Prinzessin sah nachdenklich vor sich hin.
»Überlasse das nur mir«, sagte sie nach einer Weile. »Ich habe einen Plan. Auf jeden Fall bist du um viertel nach acht im Savoy und bringst Lord Ronald Engleton mit.«
Forrest schaute sie bewundernd an. Seit Jahren hatte er diese Frau beherrscht, aber heute war sie zum erstenmal die Stärkere.
»Wir werden pünktlich erscheinen. Engleton wird nur zu glücklich sein, wenn er Jeanne trifft.«
Die Prinzessin seufzte.
»Heutzutage sind alle Männer so schrecklich egoistisch und gewinnsüchtig.«
Die Prinzessin nahm eine Salzmandel und versuchte dann den Sekt. Sie trug ein wunderbares Abendkleid aus schwarzem Samt und Brokat, und sie wußte, daß in diesem Dämmerlicht niemand unterscheiden konnte, ob ihre blendende Perlenkette echt oder unecht war. Die Indisposition vom Nachmittag war längst vergessen, und sie nickte ihrem Gastgeber liebenswürdig zu.
»Cecil, es ist wirklich charmant von Ihnen, daß Sie meine beiden Freunde sofort eingeladen haben. Major Forrest ist gerade von Ostende gekommen, und ich brenne natürlich darauf, von meinen Bekannten dort zu hören und zu erfahren, was man jetzt dort trägt. Auch mit Lord Ronald unterhalte ich mich sehr gern. Andere Leute nennen ihn vielleicht ein wenig sonderbar, aber ich halte ihn nur für sehr jung.«
Cecil de la Borne hob sein Glas und verneigte sich geschmeichelt vor der Prinzessin.
»Ich kann Ihnen nur versichern, daß es mir die größte Freude macht, Major Forrest und Lord Engleton kennenzulernen. Aber noch mehr freut es mich, daß ich Ihnen damit einen Gefallen getan habe.«
Sie sah ihn mit einem bezaubernden Augenaufschlag an, senkte dann aber sofort den Blick. Dieses kleine Manöver verfehlte seine Wirkung niemals. Cecil wandte sich an Forrest.
»Sie waren in Ostende, wie ich höre. Ich wollte selbst später in der Saison einige Tage hingehen.«
»Das würde ich an Ihrer Stelle nicht tun«, entgegnete der Major. »Man kann dort eigentlich nichts unternehmen, und immer zu spielen, ist gerade auch nicht besonders interessant. Höchstens kann man sich am Strand die Zeit vertreiben, aber der Massenbetrieb sagt mir nicht zu.«
»Sie sind aber auch zu früh gefahren«, bemerkte die Prinzessin.
»Ein wenig später kommt die bessere Gesellschaft«, gab Major Forrest zu. »Da mag es erträglicher sein. Ich war sehr enttäuscht.«
Nun mischte sich zum erstenmal Lord Ronald in die Unterhaltung. Er hatte eine große, hagere Gestalt. Seine Kleidung entsprach den letzten Pariser Modevorschriften, und die Art und Weise, wie er seine Krawatte band, zeigte, daß er in diesen Dingen ein Meister war. Er hatte intelligente Züge, nur die Partie um den Mund und der Unterkiefer waren etwas schwach entwickelt.
»Ich habe in Ostende nur bemerkt, daß alles furchtbar teuer ist. Solch ein gutes Glas Sekt wie dies hier haben wir während der ganzen Zeit nicht bekommen.«
»Ich freue mich, daß Ihnen der Sekt zusagt«, erwiderte Cecil. »Ostende scheint also nichts für mich zu sein. Ich bin nicht reich genug, um zu spielen, und da ich mein ganzes Leben schon an der Küste zugebracht habe, so ist mir das Baden in der See nichts Neues. Ich werde also lieber zu Hause bleiben.«
»Wo liegt eigentlich Ihr Besitz?« fragte die Prinzessin. »Sie haben es mir schon einmal erzählt, aber ich habe es leider wieder vergessen. Diese englischen Namen kann man so schwer behalten.«
»Ich lebe in Salthouse, einem kleinen Dorf in Norfolk. Es liegt in der Nähe der Marktstadt Wells. Eine ganz entlegene Gegend.«
»Ich habe bis jetzt noch nie davon gehört, aber ich wollte in der nächsten Zeit eine Autotour durch Norfolk machen. Bei der Gelegenheit könnte ich Sie ja einmal besuchen.«
Cecil de la Borne sah erfreut auf.
»Das wäre großartig. Sie müssen dann auch Ihre Tochter mitbringen. Sie glauben gar nicht, wie sehr mich das freuen würde.« Er warf einen Seitenblick auf das junge Mädchen an seiner linken Seite. »Die Chausseen sind ausgezeichnet, und die Gegend ist wirklich interessant.«
»Seien Sie vorsichtig, sonst nehmen wir Sie noch beim Wort«, sagte die Prinzessin. »Ich warne Sie, sich eine ganze Gesellschaft auf den Hals zu laden. Major Forrest und Lord Ronald wollen nämlich auch an der Fahrt teilnehmen.«
»Es ist eigentlich nur eine Idee«, bemerkte der Major leichthin. »Ich frage ja nicht viel nach Pferden, aber ich glaube kaum, daß wir Engleton vor den Rennen in Goodwood zur Teilnahme bewegen können.«
»Im Gegenteil, mir ist dieser Gedanke äußerst sympathisch«, warf Lord Ronald dazwischen. »Ich glaube, daß Sie sich um diese Dinge mehr kümmern als ich. Ich bin auf jeden Fall dabei – aber unter einer Bedingung.«
»Nun?« fragte die Prinzessin.
»Sie müssen in meinem Wagen fahren. Ich hatte bis jetzt noch keine Gelegenheit, ihn richtig auszuprobieren. Es ist ein Siebensitzer – wir haben alle darin Platz und können das ganze Gepäck bequem darin unterbringen.«
»Das ist ja glänzend – ist das tatsächlich Ihr Ernst?«
»Natürlich! Es ist jetzt hier in der Stadt zu heiß, und ich liebe den Aufenthalt auf dem Lande.«
»Entzückend! Einer unserer Freunde hat einen wunderbaren Wagen und der andere einen herrlichen Landsitz. Aber wir wollen Sie lieber nicht überfallen, Cecil. Wir sind zu viele.«
»Je mehr, desto besser«, erwiderte Cecil frohgelaunt. »Wenn Sie sich wirklich auf dem Lande erholen wollen, kann ich Ihnen mein Haus nur empfehlen. Viel Abwechslung werde ich Ihnen allerdings nicht bieten können.«
»Eine Erholung brauchen wir. Das Leben hier ist tatsächlich zu anstrengend. Wir haben die Saison diesmal etwas zu früh begonnen, und wir werden nicht durchhalten. Erst seitdem ich diese junge Dame mit dem großen Vermögen in die Gesellschaft einführe, weiß ich, welch eine beliebte Persönlichkeit ich bin.«
Jeanne, ihre Stieftochter, hatte bisher geschwiegen. Sie war noch sehr jung; ihre bleichen Wangen, ihre dunklen, feurigen Augen und ihr lebhaftes Temperament verrieten ihre fremde Nationalität.
»Das wundert mich so sehr«, sagte sie. »Ich kann es nicht verstehen. In London scheinen alle Leute je nach der Größe ihres Vermögens beliebt oder unbeliebt zu sein.«
»Aber ich gebe Ihnen mein Wort«, beeilte sich Lord Ronald zu versichern, »daß das nicht auf alle Leute zutrifft.«
Sie sah ihn gleichgültig an.
»Es ist ja möglich, daß es Ausnahmen gibt, aber im allgemeinen stimmt es.«
»Aber um Himmelswillen, liebes Kind, mache doch nicht solche Bemerkungen«, sagte die Prinzessin. »Wie kann man nur in deinem Alter derartige Gedanken äußern!«
»Sagen Sie mir doch, Lord Ronald, würde ein junges Mädchen, das gerade aus dem Pensionat kommt, so liebenswürdig behandelt und auf Händen getragen werden, wenn sie nicht ein großes Vermögen besäße?«
»Ich kann mich natürlich nicht für andere verbürgen«, entgegnete der Lord. »Ich kann nur von mir selbst sprechen.«
Die letzten Worte hatte er leise zu Jeanne gesagt, aber sie zuckte nur die Schultern und erwiderte seinen Blick nicht. De la Borne hatte die beiden beobachtet und runzelte leicht die Stirne. Es kam ihm der Gedanke, daß Engleton vielleicht doch kein so angenehmer Gesellschafter sein würde.
»Nun, Miß Le Mesurier wird ja bald herausfinden, wer ihre wahren Freunde sind«, meinte er.
»Es gibt eine sehr einfache Lebensregel«, bemerkte Major Forrest. »Man kann allen Leuten solange trauen, bis sie etwas von einem wollen. Dann ist es immer noch Zeit, argwöhnisch zu werden.«
Jeanne seufzte.
»Wenn man solange warten soll, hat man sich vielleicht schon hoffnungslos verliebt. Es ist wirklich eine komplizierte Welt.«
»Die drei Monate, die du erst in der Gesellschaft verkehrst, sind doch eine sehr kurze Zeit. Warte doch, bis du wenigstens eine Saison mitgemacht hast, bevor du dir ein abschließendes Urteil bildest.«
De la Borne unterbrach diese Unterhaltung.
»Wir wollen doch lieber über den beabsichtigten Besuch in Salthouse sprechen«, wandte er sich an die Prinzessin. »Hoffentlich entschließen Sie sich wirklich, mich zu besuchen. Sie könnten sich dort tatsächlich ausruhen und erholen. Man sagt, daß wir das gesündeste Klima von ganz England haben. Und abends kann man ja Bridge spielen. Wenn Miß Jeanne gerne baden möchte, so will ich nur bemerken, daß unser Park sich bis ans Meerufer hinzieht.«
»Das klingt ganz bezaubernd«, erklärte die Prinzessin. »Das ist gerade das, wonach wir uns sehnen. Wir haben natürlich viele Einladungen bekommen, aber ich bin gerade nicht sehr begierig, auch nur eine einzige anzunehmen, denn ich weiß, daß Jeanne sich für das übliche Leben auf den Landsitzen nicht besonders interessiert. Ich selbst bin nicht sehr empfindlich, aber ich muß wirklich sagen, daß unser letzter Aufenthalt auf dem Lande sich nicht gerade für ein junges Mädchen eignete.«
»Entscheiden Sie sich doch und nehmen Sie meine Einladung an«, bat Cecil.
»In den nächsten Tagen werde ich Ihnen Antwort geben. Wir werden wohl sicher kommen.«
Einige Minuten später verließ die kleine Gesellschaft den Speisesaal und begab sich in das Foyer, um dort den Kaffee einzunehmen. Die Prinzessin richtete es so ein, daß sie neben Forrest saß.
»Nun, habe ich nicht alles glänzend eingeleitet? Das ist doch die beste Gelegenheit, die du überhaupt haben könntest. Wir werden dort ganz allein sein, und zu gleicher Zeit ist es auch ganz gut, daß du einige Wochen von London fort bist. Sollte es dort nicht nach Wunsch gehen, so können wir ja unter irgendeinem Vorwand wieder verschwinden.«
Der Major nickte.
»Aber ich weiß noch nicht recht, wer eigentlich dieser junge de la Borne ist. Wie kommt es, daß er uns einlädt, wo wir ihm doch noch vollständig fremd sind?«
Die Prinzessin lächelte schwach.
»Siehst du denn nicht, daß er noch ein ziemlich ungeschickter Junge ist? Er ist erst vierundzwanzig und hat noch nicht viel von der Welt gesehen. Er erzählte mir, daß er zum erstenmal auf längere Zeit in London war. Er bildet sich ein, daß wir beide uns ein wenig ineinander verliebt haben, und Jeannes Vermögen sticht ihm natürlich in die Augen. Unter allen Umständen möchte er uns gerne bei sich haben. Laß ihn doch. Ich bin ganz froh, wenn ich auf ein paar Wochen aus London fortkomme, um einmal nicht immer diese ewigen Mahnbriefe sehen zu müssen. Die Geschäftsleute könnten mich doch tatsächlich bis zum Ende der Saison in Ruhe lassen.«
Forrest, dessen Hoffnung wieder gestiegen war, hielt den Plan für ausgezeichnet.
»Sicher wird alles nach Wunsch gehen. Auf einem so einsamen Landsitz kann man ja abends nichts anderes tun als Bridge spielen. Und niemand kann dazwischen kommen.«
»Wenn du jetzt einige Zeit nicht in den Klubs erscheinst, und wenn du nach deiner Rückkehr einige Spiele verlierst, wird sich dein Ruf bestimmt wieder bessern, und du bist aus den Schwierigkeiten heraus.«
»Dieser junge de la Borne lebt hoffentlich nicht mit Verwandten zusammen, die ihn bevormunden könnten?«
»Ich weiß nichts davon. Seine Eltern sind Lot. Aber aus ihm können wir kein Geld herausholen, denn er ist ziemlich arm, soweit ich unterrichtet bin. Wir müssen Engleton bei guter Laune halten. Wenn der mit uns spielt, genügt das ja vollkommen.«
»Frage ihn doch noch ein wenig aus, und wenn alles in Ordnung ist, möchte ich so schnell als möglich dorthin aufbrechen.«
Ihre Unterhaltung wurde häufig unterbrochen, da viele Bekannte sie grüßten. Nur Jeanne sah sich interessiert um, den anderen war das bunte Leben und Treiben hier schon allzu vertraut.
»Wie lange werden Sie noch in London bleiben?« wandte sich die Prinzessin jetzt an Cecil.
»Morgen oder übermorgen muß ich abreisen«, antwortete der junge Mann düster. »Aber es wäre mir nur halb so unangenehm, wenn Sie sich wirklich entschließen könnten, mich zu besuchen.«
Auf einen Wink der Prinzessin rückte er seinen Stuhl etwas näher zu ihr heran.
»Wenn wir diesen Ausflug zu Ihnen überhaupt machen, möchte ich gern übermorgen abfahren. Für Donnerstag habe ich einige Einladungen, von denen ich mich gern drücken würde. Ein schrecklich langweiliges Essen und dergleichen mehr. Sind Sie am Donnerstag schon wieder zu Hause?«
»Wenn Sie wirklich kommen, nehme ich morgen den ersten Frühzug.«
»Ich glaube, daß ich es Ihnen versprechen kann. Seien Sie mir nicht böse, aber mehr als in London können wir uns schließlich auch bei Ihnen nicht langweilen. Ich möchte Jeanne nicht auf einen der Landsitze mitnehmen, trotzdem wir überallhin eingeladen sind. Sie wissen warum. Sie ist wirklich noch ein zu großes Kind, und ich fürchte, daß sie einen unangenehmen Eindruck von diesem Leben gewinnt und wieder ins Kloster zurückgehen will. Sie hat mir schon so etwas angedeutet.«
»Sicherlich wird sie sich von dem Leben in Salthouse nicht abgestoßen fühlen«, erklärte Cecil eifrig. »Außer Ihnen werde ich überhaupt keine Gäste haben. Halten Sie das nicht auch für das Beste?«
»Ja. Aber bitte machen Sie unseretwegen keine großen Umstände. Wir wollen ja gerade das ruhige Leben auf dem Lande ein wenig genießen.«
»Sie sollen alles so finden, wie Sie es wünschen. In der kurzen Zeit, die mir bleibt, kann ich ja auch keine großen Vorbereitungen treffen. Kommen Sie nur, und sehen Sie, wie ein armer englischer Landedelmann lebt, dessen Einkommen und Besitz langsam zusammengeschrumpft sind. Hoffentlich machen Sie mir nachher keine Vorwürfe, wenn Ihnen der Platz zu langweilig erscheint.«
Die Prinzessin erhob sich und reichte ihm die Hand.
»Also abgemacht. Ich danke Ihnen auch für den entzückenden Abend, Cecil. Jeanne und ich müssen noch auf eine oder zwei Stunden nach Harlingham House. Schicken Sie mir doch morgen früh eine kurze Mitteilung, wie Ihr Landsitz genau heißt, und geben Sie mir auch eine kurze Beschreibung des richtigen Weges, damit wir nicht in die Irre fahren. Hoffentlich haben Sie beide« – sie wandte sich an Forrest und Lord Ronald – »nichts dagegen, wenn wir ein oder zwei Tage früher aufbrechen, als wir ursprünglich planten.«
»Nicht im mindesten«, versicherte Lord Ronald.
»Und Miß Le Mesurier? Will sie wirklich auf all die glänzenden Einladungen verzichten?« fragte Cecil.
Jeanne lächelte ihn freudestrahlend an, wie sie es nur selten tat.
»Ich bin so froh, daß wir von London weggehen, und ich bin wirklich sehr gespannt darauf, das englische Landleben kennenzulernen.«
Cecil neigte sich über ihre Hand.
»Ich schätze mich glücklich, daß ich Ihnen einen Begriff davon geben darf.«
Andrew de la Borne stand in der großen Halle vor dem offenen Kamin. Von seinem Ölzeug tropfte das Seewasser herab, aber er achtete nicht darauf. Er war groß, stattlich, braungebrannt, und trug einen schwarzen, wenig gepflegten Bart. Nach seinem Äußeren hätte man ihn für einen gewöhnlichen Fischer aus dem Dorfe halten können.
Cecil kam eben die Treppe herunter und betrachtete seinen Bruder halb ironisch, halb ärgerlich. Er selbst war sehr elegant gekleidet und schien in seinen innersten Gefühlen beleidigt zu sein, als er über das wunderbar geschnitzte, aber etwas altersschwache Geländer der Treppe zu seinem Bruder hinüberschaute. Er war schlank, mittelgroß, und sein grauer Anzug saß tadellos. Die Schattierung seiner Krawatte paßte vorzüglich zu der Farbe seiner Augen und dem Ton seines Anzugs. Seine Schuhe und Strümpfe entsprachen der letzten Pariser Mode. Die Haare hatte er sorgfältig glatt nach hinten gebürstet, und in den feinmanikürten Fingern hielt er eine Zigarette. Er war zwar blaß, und leichte, blaue Schatten zeigten sich unter seinen Augen, aber robuste Gesundheit gehörte ja nicht zu den Forderungen der Gesellschaftskreise, zu denen er zählen wollte. Man hätte fast glauben können, er sei einem Modejournal entsprungen.
Er sah seinen Bruder durch das Monokel an und seufzte.
»Aber Andrew, ich bin wirklich erstaunt, dich so zu sehen«, sagte er verstimmt. »Du solltest doch etwas mehr auf dein Äußeres geben. Weißt du denn nicht, wie schrecklich du aussiehst? Und der Fußboden leidet doch unter dem Wasser!«
»Ach, darauf kommt es doch gar nicht an, Cecil«, erwiderte sein Bruder in guter Stimmung. »Du benimmst dich ja so vornehm, daß es für die ganze Familie reicht. Und Seewasser gibt keine Flecken. Dieser Boden ist schon oft genug damit aufgewaschen worden.«
»Aber wo warst du denn? Was hast du gemacht?« fragte Cecil aufgebracht.
Andrews Gesichtszüge verfinsterten sich. Er dachte nicht gern an die letzten Stunden.
»Ich mußte auf die See hinaus, um ein unvernünftiges, junges Mädchen zu retten. Kate Caynsard war in ihrem kleinen Ruderboot draußen im Sturm. Es war so gut wie Selbstmord, und sie wäre auch in den Wellen umgekommen, wenn ich sie nicht mehr rechtzeitig erreicht hätte.«
»Du hast sie gerettet?«
Andrew, der sein ganzes Leben im Freien zugebracht hatte, und dessen Züge in Wind und Wetter gehärtet waren, sah seinen Bruder kühl und vorwurfsvoll an. Cecil war bleicher als sonst, und es lag Schuldbewußtsein in seinem fragenden Blick. Andrews Stimme klang streng, als er jetzt sprach.
»Ja, es gelang mir, wieder zurückzukommen«, sagte er grimmig. »Es war ein hartes Stück Arbeit. Beinahe hätten wir beide daran glauben müssen.«
»Ach, sie ist verrückt! Die ganzen Caynsards sind so merkwürdige Leute.«
»Kate ist genau so vernünftig wie du oder ich. Sie ist wagemutig, und ihr Leben gilt ihr nichts. Aber daraus folgert noch lange nicht, daß sie verrückt ist. Du hättest einmal sehen sollen, wie sie nachher mein kleines Boot in die Bucht steuerte, während die Flut zurückkam und eine Bö unsere Segel peitschte. Es war großartig!«
»Wozu erzählst du mir das alles?«
»Warum spielt Kate Caynsard mit ihrem Leben, als ob es weniger wert wäre als die Makrelen, die sie fängt? Weißt du das?«
Cecil ließ sein Monokel fallen und zuckte verächtlich die Schultern.
»Seit wann bin ich denn verpflichtet, mich um dieses Dorfmädchen zu kümmern? Zu starke Fußgelenke und derbe Gesundheit haben mir an Frauen noch nie gefallen. Ich habe einen feineren Geschmack.«
»Kate Caynsard gehört nicht zu diesen Leuten im Dorf. Sie lebt ihr eigenes Leben, und sie stammt aus einer älteren Familie als wir.«
»Darf ich dir nun aber wenigstens sagen, daß es am Platze wäre, dich vor der Ankunft unserer Gäste umzukleiden?«
»Warum sollte ich das tun?« fragte Andrew ruhig. »Es sind ja nicht meine Freunde. Ich kenne sie kaum bei Namen, und wenn ich sie hier aufnehme, so tue ich es nur um deinetwillen. Warum sollte ich mich in meinem Ölzeug schämen? Ich habe nicht den Ehrgeiz, ein repräsentatives Mitglied der Gesellschaft zu sein«, fügte er mit leichter Ironie hinzu.
Sein Bruder sah ihn verächtlich an.
»Das könnte auch wirklich niemand behaupten«, sagte er sarkastisch. »Du läufst hier herum wie ein Fischer oder wie ein gewöhnlicher Arbeiter. Schon seit Jahren habe ich dich nicht in einem anständigen Anzug gesehen. Niemals kleidest du dich zum Essen um – du siehst immer aus wie ein Bauer. Und dabei bist du doch mein älterer Bruder, und ich muß dich meinen Freunden als das Familienhaupt der de la Bornes vorstellen, bei dem sie zu Gast sind. Du kannst dich nicht darüber wundern, daß mir das nicht paßt.«
Es trat ein kurzes Schweigen ein, dann wandte sich Andrew mit einem leichten Achselzucken zur Treppe.
»Es ist auch gar nicht nötig, daß ich dich durch meine Gegenwart belästige. Ich werde nach der Insel hinübergehen, und du kannst hier deinen Freunden und Bekannten gegenüber den Gastgeber spielen, solange es dir Spaß macht. So ist uns beiden geholfen.«
Cecil war im allgemeinen stolz darauf, seine inneren Gefühle verbergen zu können, wie es die Regeln der vornehmen Gesellschaft vorschrieben. Aber jetzt konnte er seine Erleichterung doch nicht ganz geheimhalten. Das war ein Vorschlag, der alle Schwierigkeiten befriedigend löste.
»Eine fabelhafte Idee, Andrew, wenn du dich drüben wirklich wohlfühlst. Du würdest dich sicher mit meinen Gästen kaum verstehen können, denn sie haben eine ganz andere Lebenseinstellung als du. Aber es ist mir natürlich unangenehm, daß ich dich gewissermaßen aus dem Hause verdränge.«
»Darüber brauchst du dir keine Sorgen zu machen«, erwiderte Andrew kühl.
»Sie lieben den Sport nicht, und da du nicht Bridge spielst –«
Andrew war bereits verschwunden. Cecil steckte sich eine neue Zigarette an.
»Ein ausgezeichneter Gedanke!« sagte er zu sich selbst. »Wenn er bloß so vernünftig ist, sich überhaupt nicht sehen zu lassen.«
Er klingelte, und der Hausmeister erschien, den er erst kürzlich in London engagiert hatte.
»Sorgen Sie dafür, daß der Boden hier aufgewaschen wird, James.« Er zeigte mißmutig auf die Wasserlachen. »Und nehmen Sie den Südwester dort weg. In einer Stunde servieren Sie den Tee, wenn die Herrschaften ankommen. Beschaffen Sie auch noch Whisky und Soda, und vergessen Sie Liköre und Sandwiches nicht.«
