Der Aufstand der Massen - José Ortega y Gasset - E-Book

Der Aufstand der Massen E-Book

Jose Ortega Y. Gasset

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Beschreibung

José Ortega y Gassets 'Der Aufstand der Massen', ursprünglich 1930 veröffentlicht, ist eine tiefgründige Analyse der sozialen und kulturellen Dynamiken, die den Übergang von Elite-dominierten Gesellschaften zu solchen der breiten Massen kennzeichnen. Mit einem scharfsinnigen Blick für die subtilen Verflechtungen des modernen Lebens untersucht Ortega die Emergenz des 'Homo massificatus', wie er die Massengesellschaft bezeichnet, und die daraus resultierenden Herausforderungen für traditionelle Werte und die individuelle Freiheit. Sein Stil vereint philosophische Rigorosität mit literarischer Eleganz und ermöglicht so eine immersive Auseinandersetzung mit den drängenden Fragen der menschlichen Existenz in einer sich rapide verändernden Welt. Ortega y Gasset war ein spanischer Philosoph und Essayist, dessen Werk stark durch die sozialen Umbrüche seiner Zeit geprägt war. Geboren 1883 erlebte er den Niedergang der alten Weltordnung und die Entstehung neuer gesellschaftlicher Strukturen. Diese Erfahrungen flossen in seine kritische Reflexion über die moderne Massenkultur ein. 'Der Aufstand der Massen' ist ein Resultat seines Bestrebens, eine fundierte Diagnose der gesellschaftlichen Pathologien des 20. Jahrhunderts zu liefern. Für alle, die sich eingehend mit den kulturellen und sozialen Veränderungen des vergangenen Jahrhunderts beschäftigen wollen, ist 'Der Aufstand der Massen' eine unverzichtbare Lektüre. Der Leser wird eingeladen, über die tiefgreifenden Implikationen der Massenkultur nachzudenken und zugleich die Bedeutung individueller Freiheit in unserer zunehmend homogenisierten Welt zu erkunden. Diese meisterliche Abhandlung inspiriert dazu, über die Konsequenzen der modernen Demokratie und die Herausforderungen der Zeitgenossenschaft nachzudenken.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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José Ortega y Gasset

Der Aufstand der Massen

Übersetzer: Helene Weyl
e-artnow, 2025 Kontakt:

Inhaltsverzeichnis

I. Die Tatsache der Überfüllung
II. Das Steigen des Historischen Niveaus
III. Die Höhe der Zeit
IV. Wachstum des Lebens
V. Eine Statistische Tatsache
VI. Es Beginnt die Analyse des Massenmenschen
VII. Edles Leben und Gemeines Leben oder Energie und Trägheit
VIII. Warum die Massen in Alles Eingreifen, und Warum sie nur mit Gewalt Eingreifen
IX. Primitivismus und Technik
X. Primitivismus und Geschichte
XI. Die Epoche des „zufriedenen Jungen Herrn"
XII. Die Barbarei des Spezialistentums
XIII. Die Grösste Gefahr der Staat
XIV. Wer Herrscht in der Welt?
XV. Die Untersuchung Mündet in das Eigentliche Problem

I. DIE TATSACHE DER ÜBERFÜLLUNG

Inhaltsverzeichnis

Es gibt eine Tatsache, die das öffentliche Leben Europas in der gegenwärtigen Stunde — sei es zum Guten, sei es zum Bösen — entscheidend bestimmt: das Heraufkommen der Massen zur vollen sozialen Macht. Da die Massen ihrem Wesen nach ihr eigenes Dasein nicht lenken können noch dürfen und noch weniger imstande sind, die Gemeinschaft zu regieren, ist damit gesagt, daß Europa heute in einer der schwersten Krisen steht, die über Völker, Nationen, Kulturen kommen kann. Eine Krisis solcher Art ist mehr als einmal in der Geschichte eingetreten. Ihre Kennzeichen und Folgen sind bekannt. Sie heißt der Aufstand der Massen.

Zum Verständnis des ungeheuren Vorgangs ist es gut, daß man von vornherein vermeidet, den Worten „Aufstand", „Massen", „soziale Macht" einen ausschließlich oder vorzüglich politischen Sinn beizulegen. Das öffentliche Leben ist nicht nur politisch, es ist zugleich, ja zuvor geistig, sittlich, wirtschaftlich, religiös; es umfaßt alle Kollektivbräuche und schließt die Art der Kleidung wie des Genießens ein.

Wir nähern uns dieser historischen Erscheinung vielleicht am besten, wenn wir uns auf eine visuelle Erfahrung stützen und einen Zug unserer Zeit herausheben, der „mit Augen zu sehen" ist.

Er ist leicht aufzuweisen, wenn auch nicht leicht zu analysieren; ich nenne ihn die Tatsache der Anhäufungen, der Überfüllung. Die Städte sind überfüllt mit Menschen, die Häuser mit Mietern, die Hotels mit Gästen, die Züge mit Reisenden, die Cafes mit Besuchern; es gibt zu viele Passanten auf der Straße, zu viele Patienten in den Wartezimmern berühmter Arzte; Theater und Kinos, wenn sie nicht ganz unzeitgemäß sind, wimmeln von Zuschauern, die Badearte von Sommerfrischlern. Was früher kein Problem war, ist es jetzt unausgesetzt: einen Platz zu finden.

Das ist alles. Gibt es ein einfacheres, bekannteres, alltäglicheres Vorkommnis in unserem Leben? Wir wollen jetzt durch die Oberfläche dieser schlichten Tatsache hindurchstoßen und werden überrascht aus ihr einen Springquell aufsteigen sehen, der das weiße Licht des Tages, dieses gegenwärtigen Tages, zu dem ganzen Reichtum seines verborgenen Farbenspiels zerbricht.

Was sehen wir, und woher unsere Überraschung? Wir sehen die Menge als solche im Besitz der von der Zivilisation geschaffenen Einrichtungen und Geräte. Doch kaum haben wir uns ein wenig bedacht, so überrascht uns unsere Überraschung. Wie denn? Ist nicht dies der Idealzustand? Die Eisenbahn hat ihre Sitze, das Theater seine Plätze, das Hotel seine Zimmer, damit sie besetzt werden. Zweifellos; dennoch ist es Tatsache, daß früher solche Anstalten und Verkehrsmittel nicht voll zu sein pflegten, während sie heute die Fülle nicht fassen und Menschen, die sich gern ihrer bedienten, umkehren müssen. So folgerichtig und natürlich die Erscheinung aussieht, es läßt sich nicht leugnen, daß sie bisher unbekannt war, daß somit ein Wechsel, eine Veränderung vorgefallen ist, die unser Erstaunen wenigstens im ersten Augenblick rechtfertigt.

Überraschung, Verwunderung sind der Anfang des Begreifens. Sie sind der eigenste Sport und Luxus des geistigen Menschen. Darum ist es seine Zunftgebärde, die Welt aus staunend geweiteten Augen zu betrachten. Alles in der Welt ist merkwürdig und wunderbar für ein paar wohl geöffnete Augen. Dies eben, das Sichwundern, ist eine Götterfreude, die dem Fußballspieler versagt ist, den Denker aber im unaufhörlichen Rausch des Schauenden durch die Welt treibt. Sem Zeichen sind die starrenden Augen. Darum gaben die Alten Minerven die Eule bei, den Vogel, der immer geblendet ist.

Menschenansammlungen, Überfülltheit waren früher nicht häufig. Warum sind sie es jetzt?

Diese Mengen sind nicht aus dem Nichts aufgetaucht. Es leben heute ungefähr ebensoviele Menschen wie vor fünfzehn Jahren. Nach dem Krieg hätte die Zahl eher abnehmen sollen. Hier stoßen wir auf die erste wichtige Bemerkung. Die Individuen, die diese Mengen bilden, gab es vorher, aber nicht als Menge. In kleinen Gruppen oder einzeln über die Welt verteilt führten sie offenbar ein uneiniges, ungeselltes, getrenntes Leben. Ein jeder — Individuum oder kleine Gruppe — nahm einen Platz, vielleicht seinen eigenen, auf dem Lande, im Dorf, in der Stadt, im Großstadtviertel ein. Jetzt plötzlich erscheinen sie zu Verbänden zusammengefaßt, und unsere Augen sehen überall nur Mengen. Überall? Nein; gerade an den vornehmsten Stellen, die, als verhältnismäßig verfeinerte Schöpfungen der menschlichen Kultur, vorher ausgewählten Gruppen, mit einem Wort den Eliten vorbehalten waren.

Die Menge ist auf einmal sichtbar geworden und nimmt die besten Plätze der Gesellschaft ein. Früher blieb sie, wenn

wie immer, zu bilden, ist es notwendig, daß sich zuvor jeder einzelne aus besonderen, verhältnismäßig persönlichen Gründen von der Menge trennt. Sein Anschluß an die Gruppe ist sekundär und nachträglich gegenüb er der Tatsache, daß er sich vereinzelt hat, und geschieht darum zum guten Teil aus Übereinstimmung im Nicht-übereinstimmen. Es gibt Fälle, in denen der distanzierende Charakter der Gruppen offen zutage tritt; etwa bei den englischen Sekten, die sich „Non-conformists" nennen, das heißt Gemeinschaft derjenigen, die einander nur in bezug auf ihre Meinungsverschiedenheit mit der großen Masse gleichen. Dieser eigentümliche Zug, daß die wenigen sich zusammentun, gerade um sich von den vielen zu trennen, haftet der Bildung jeder Elite an. Mallarme, als er einmal von dem spärlichen Publikum sprach, das einem erlesenen Musiker zuhörte, sagte mit Feinheit, jenes Publikum betone durch die kleine Zahl der Anwesenden die große Menge der Abwesenden.

Streng genommen läßt sich das Masse-sein als psychische Tatsache definieren, ohne daß dazu die Individuen in Mengen auf treten müßten. Man kann von einer einzigen Person wissen, ob sie Masse ist oder nicht. Masse ist jeder, der sich nicht selbst aus besonderen Gründen —im Guten oder im Bösen — einen besonderen Wert beimißt, sondern sich schlechtweg für Durchschnitt hält, und dem doch nicht schaudert, der sich in seiner Haut wohlfühlt, wenn er merkt, daß er ist wie alle. Man stelle sich vor, ein einfacher Mensch fragte sich, ob ihn besondere Eigenschaften auszeichnen, ob er für dies oder das Talent hat, ob er irgendwie hervorragt, und er müßte sich gestehen, daß er in keinem Betracht ungewöhnlich ist. Dieser Mensch wird sich mittelmäßig und alltäglich, schlecht begabt vorkommen; aber er wird sich nicht als Masse fühlen.

Wenn von auserwählten Gruppen die Rede ist, pflegt gewohnheitsmäßige Heuchelei den Sinn dieses Wortes zu verdrehen, indem sie tut, als sei ihr unbekannt, daß nicht der Anmaßende, der sich den arideren überlegen glaubt, der auserwählte Mensch ist, sondern jener, der mehr von sich fordert als die anderen, auch wenn er in seiner Person diese höheren Forderungen nicht zu erfüllen vermag. Man kann die Menschheit einteilen — und diese Unterscheidung trifft etwas sehr Wesentliches — in solche, die viel von sich fordern und sich selbst mit Schwierigkeiten und Pflichten beladen, und andere, die nichts Besonderes von sich fordern, die sich begnügen, von einem Augenblick zum anderen zu bleiben, was sie schon sind, ohne Drang über sich hinaus — Bojen, die im Winde treiben.

Das erinnert mich daran, daß der orthodoxe Buddhismus zwei verschiedene Religionen kennt, eine strenger und tiefer; bequemer und platter die andere: den Mahayana — großer Wagen oder große Bahn — und den Hinayana — kleiner Wagen, unterer Weg. Das Entscheidende ist, ob wir unser Leben auf den einen oder anderen Wagen stellen, auf möglichst viele oder möglichst wenig Ansprüche.

Die Einteilung der Gesellschaft in Masse und Elite ist daher keine Einteilung nach sozialen, sondern nach menschlichen Kategorien; sie braucht nicht mit der Rangordnung der höheren und niederen Klassen zusammenzufallen. Es ist klar, daß man in den höheren Klassen, wenn sie es gerade geworden sind und solange sie es in Wahrheit sind, mit mehr Wahrscheinlichkeit Menschen findet, welche den „großen Wagen" erwählt haben, während sich die niederen normalerweise aus undifferenzierten Individuen zusammensetzen werden. Aber streng genommen gibt es in jeder sozialen Klasse eine echte Masse und eine echte Elite. Wie wir später sehen werden, ist die Vorherrschaft der Masse und des Gewöhnlichen selbst in den Gruppen von exklusiver Tradition ein Merkmal unserer Zeit. So macht sich im geistigen Leben, das seinem innersten Wesen nach spezielle Gaben fordert und voraussetzt, der zunehmende Triumph der unqualifizierten, unqualifizierbaren und durch ihre besondere Anlage gerade nicht qualifizierten Pseudointellektuellen geltend. Ebenso in den noch erhaltenen Gruppen des „Adels" bei Männern und Frauen. Dagegen findet man heute nicht selten unter den Arbeitern, die sonst als reinstes Beispiel dessen gelten konnten, was wir Masse genannt haben, Menschen von hervorragender seelischer Zucht.

Es gibt aber in der Gesellschaft Geschäfte, Tätigkeiten, Ämter verschiedenster Art, die ihrer inneren Natur nach speziell sind und sonach nur von einer ebenfalls speziellen Begabung gut besorgt werden können. Zum Beispiel gewisse Lebens- und Kunstgenüsse, oder auch die Aufgaben der Regierung und des politischen Urteils über öffentliche Angelegenheiten. Früher wurden solche Spezialberufe von berufenen — wenigstens dem Anspruch nach dazu berufenen — Minderheiten ausgeübt. Die Masse verlangte keinen Anteil daran; sie verhehlte sich nicht, daß sie, wenn sie sich einmischen wollte, auch jene besonderen Fertigkeiten erwerben, das heißt aufhören mußte, Masse zu sein. Sie kannte ihre Rolle in einem gesunden sozialen Kräftespiel.

Wenn wir nun auf die zu Anfang ausgesprochenen Tatsachen zurückkommen, so werden wir in ihnen unzweideutige Anzeichen für einen Haltungswechsel der Masse erkennen. Es geht aus ihnen hervor, daß die Masse entschlossen in den Vordergrund der Gesellschaft vorrückt; sie besetzt die Lokale, benutzt die Geräte, genießt die Vergnügungen, die ehedem nur den wenigen zustanden. Daß zum Beispiel -die Lokale nicht für die Massen bestimmt waren, ist klar, denn sie sind viel zu klein; das Volk überbordet sie beständig und demonstriert damit ad oculos, in der anschaulichsten Weise, die neue Tatsache, daß sich die Masse, ohne daß sie aufhörte, Masse zu sein, an die Stelle der Eliten setzt.

Gewiß wird es niemand beklagen, daß die Leute sich in größerer Zahl und höherem Maße amüsieren, wenn sie nun einmal Lust und Mittel dazu haben. Schlimm ist nur, daß diese Usurpation sich nicht allein im Bereich der Vergnügungen abspielt und abspielen kann, sondern eine allgemeine Haltung der Zeit ist. So glaube ich — vorwegnehmend, was wir später sehen werden—, daß die politischen Umwälzungen der jüngsten Jahre nichts anderes als ein Imperium der Massen bedeuten. Die alte Demokratie wurde durch eine kräftige Dosis Liberalismus und Verehrung für das Gesetz gemildert. Wer diesen Grundsätzen diente, war verpflichtet, bei sich selber eine strenge Zucht aufrechtzuerhalten. Unter dem Schutz des liberalen Prinzips und der Rechtsnorm konnten die Minoritäten leben und wirken. Demokratie und Gesetz, legale Lebensgemeinschaft, waren Synonyma. Heute wohnen wir dem Triumph einer Überdemokratie bei, in der die Masse direkt handelt, ohne Gesetz, und dem Gemeinwesen durch das Mittel des materiellen Drucks ihre Wünsche und Geschmacksrichtungen aufzwingt. Es ist falsch, die neue Lage so zu deuten, als sei die Masse der Politik überdrüssig und betraue spezielle Personen mit ihrer Ausübung. Das war früher der Fall, und das war die Demokratie. Damals war die Masse überzeugt, daß schließlich und endlich trotz all ihrer Fehler und Mängel die Politiker etwas mehr von den öffentlichen Fragen verstünden als sie. Jetzt dagegen glaubt sie, es sei ihr gutes Recht, ihre Stammtischweisheiten durchzudrücken und mit Gesetzeskraft auszustatten. Ich bezweifle, daß es noch eine geschichtliche Epoche gegeben hat, in der die Masse so umweglos regierte wie in unserer Zeit. Darum spreche ich von einer Hyperdemokratie.

Dasselbe geschieht auf den übrigen Gebieten, ganz besonders auf dem intellektuellen. Vielleicht unterliege ich einem Irrtum; aber der Schriftsteller, wenn er die Feder zur Hand nimmt, um über einen Gegenstand zu schreiben, den er lange erwogen hat, kann nicht umhin, zu denken, daß mittelmäßige Leser, die sich nie mit diesen Fragen beschäftigten, wenn sie ihn lesen, es nicht tun, um etwas von ihm zu lernen, sondern im Gegenteil, um über ihn abzuurteilen, sobald er nicht mit den Plattheiten übereinstimmt, die sie im Kopf haben. Wenn die einzelnen, aus denen die Masse besteht, sich für besonders begabt hielten, hätten wir es nur mit einem Fall persönlicher Täuschung, aber nicht mit einer soziologischen Umwälzung zu tun. Charakteristisch für den gegenwärtigen Augenblick ist es jedoch, daß die gewöhnliche Seele sich über ihre Gewöhnlichkeit klar ist, aber die Unverfrorenheit besitzt, für das Recht der Gewöhnlichkeit einzutreten und es überall durchzusetzen. Wie es in Nordamerika heißt: Anderssein ist unanständig. Die Masse vernichtet alles, was anders, was ausgezeichnet, persönlich, eigenbegabt und erlesen ist. Wer nicht „wie alle" ist, wer nicht „wie alle" denkt, läuft Gefahr, ausgeschaltet zu werden. Und es ist klar, daß „alle" eben nicht alle sind. „Alle" waren normalerweise die komplexe Einheit aus Masse und andersdenkenden, besonderen Eliten. Heute sind „alle" nur noch die Masse.

Das ist die ungeheure Tatsache unserer Zeit, geschildert ohne Beschönigung ihres brutalen Aussehens.

II. DAS STEIGEN DES HISTORISCHEN NIVEAUS

Inhaltsverzeichnis

Dies ist die ungeheure Tatsache unserer Zeit, geschildert ohne Beschönigung ihres brutalen Aussehens. Sie ist überdies eine beispiellose Neuheit in der Geschichte unserer Zivilisation, die in ihrem ganzen Verlauf nichts Ahnliches aufzuweisen hat. Sollten wir ein Analogen dafür finden, so müßten wir in einen von dem unseren völlig verschiedenen Lebenskreis eintauchen; wir hätten uns in die antike Welt und in die Stunde ihres Niedergangs zu versetzen. Auch die Geschichte des römischen Reiches ist die Geschichte der Erhebung und Herrschaft der Massen, welche die führenden Minderheiten absorbieren und auflösen, um selbst ihre Stelle einzunehmen. In jener Zeit tritt gleichfalls die Erscheinung der Ansammlungen, der Überfüllung auf. Sie mußte darum, wie Spengler sehr gut beobachtet hat, nicht anders als unsere eigene, kolossale Bauten aufführen. Das Zeitalter der Massen ist das Zeitalter des Massigen.1

Wir leben unter der brutalen Herrschaft der Massen. Ausgezeichnet; schon zweimal haben wir diese Herrschaft „brutal" genannt; dem Gott der Gemeinplätze wäre sein Tribut entrichtet; das Billett in der Hand, könnten wir nun

standen; sie empfingen sie wie die Geschwulst das Messer. Nein, wer die hohe Aufgabe der Aristokratien fühlt, wird durch das Schauspiel der Masse gespornt und entflammt wie der Bildhauer von der Gegenwart jungfräulichen Marmors. Die echte Aristokratie einer Gesellschaft gleicht in nichts jener beschränkten Gruppe, die den Namen der „Gesellschaft" für sich allein in Anspruch nimmt, die sich selbst „die Gesellschaft" nennt und schlechthin davon lebt, sich einzuladen oder nicht einzuladen. Da alles in der Welt seine Tugend und Bestimmung hat, kommt in unserer großen Welt auch dieser kleinen „eleganten Welt" die ihrige zu, aber sie ist sehr untergeordnet und nicht zu vergleichen mit den herkulischen Geschäften der echten Aristokratien. Ich hätte nichts dagegen, über den Sinn des scheinbar so sinnlosen Lebens dieser Eleganten zu sprechen; aber unser Gegenstand ist jetzt ein anderer, von größeren Verhältnissen. Denn auch diese vornehme Gesellschaft selbst geht offenbar mit der Zeit. Eine tonangebende junge Dame, ganz Jugend und Gegenwart, ein Stern erster Größe am Zodiakus der Madrider Eleganz, machte mich sehr nachdenklich, da sie zu mir sagte: „Ich mag keinen Ball, zu dem nicht mindestens achthundert Personen geladen sind." Aus dieser Äußerung sah ich, daß der Stil der Massen jetzt in allen Lebensschichten triumphiert und sich selbst an jenen äußersten Enden durchsetzt, die den happy few vorbehalten schienen.

Ich lehne darum jede Interpretation unserer Zeit, die den positiven Sinn hinter der Herrschaft der Massen übersieht, genau so ab wie alle jene Deutungen, welche diese Herrschaft friedlich und unbesorgt ohne einen Schauder des Entsetzens hinnehmen. Jedes Schicksal ist in seinem tiefsten Grund spannungs- und leidvoll. Wem nicht die Gefahr der Zeit auf den Nägeln gebrannt hat, der ist nicht ins innere Gehäuse des Schicksals gedrungen, er hat nur seine kränkliche Wange berührt. Uns bedroht die moralische Erhebung der Massen, die hemmungslos, gewalttätig, unlenkbar und zweideutig ist wie jedes Schicksal. Wohin führt sie uns? Ist sie ein radikal Böses oder ein mögliches Gut? Sie ist da, ungeheuer über unserer Zeit aufgerichtet wie ein Riese, ein kosmisches Fragezeichen, dessen ewig zweideutige Gestalt halb an Richtblock und Galgen, aber halb auch an etwas gemahnt, das ein Triumphbogen sein möchte.

Die Tatsache, die wir sezieren müssen, läßt sich unter folgenden beiden Gesichtspunkten betrachten: Erstens, die Lebensmöglichkeiten, die heute den Massen offenstehen, decken sich zum großen Teil mit denen, die früher ausschließlich den wenigen vorbehalten schienen. Zweitens, gleichzeitig lassen sich die Massen von den Eliten nicht mehr führen, sie verweigern ihnen Gehorsam, Gefolgschaft, Respekt, sie tun sie ab und nehmen selbst ihren Platz ein.

Mit der ersten Behauptung soll ausgedrückt werden, daß die Massen an den Genüssen teilhaben und sich der Geräte bedienen, die von auserwählten Gruppen erfunden wurden und früher nur diesen zu Gebote standen. Sie haben Neigungen und Bedürfnisse erworben, die bisher für verfeinert galten, weil sie das Vorrecht der wenigen waren. Ein einfaches Beispiel: 1820 gab es in Paris keine zehn Badezimmer in Privathäusern; man lese daraufhin die Memoiren der Comtesse de Boigne. Aber mehr noch: die Massen kennen und üben heute viele Techniken verhältnismäßig gut, die früher nur Einzelne handhabten.

Und nicht nur materielle, sondern, was wichtiger ist, auch politische und soziale Techniken. Im 18. Jahrhundert machten gewisse kleine Gruppen die Entdeckung, daß jedes menschliche Wesen vermöge der bloßen Tatsache seiner Geburt und ohne die Notwendigkeit irgendwelcher besonderen Befähigung gewisse grundlegende politische Rechte, die sogenannten Menschen- und Bürgerrechte, besäße und daß streng genommen diese allen gemeinsamen Rechte die einzigen seien, die es überhaupt gäbe. Jedes andere Recht, das sich an besondere Gaben heftet, wurde als Vorrecht verdammt. Es war dies zunächst ein bloßer Lehrsatz und Einfall einiger weniger; dann begannen diese wenigen, von ihrer Idee praktischen Gebrauch zu machen, sie durchzusetzen und besagte Rechte zu beanspruchen; es handelte sich um die vornehmsten Eliten. Für das Bewußtsein der Masse jedoch waren jene Rechte während des ganzen 19. Jahrhunderts, wenn sie sich auch mehr und mehr dafür als für ein Ideal begeisterte, nichts, was ihr zukam; sie übte sie nicht aus und machte sie nicht geltend; ihr Leben und ihr Gefühl von sich selbst blieb unter den demokratischen Gesetzgebungen dasselbe wie unter dem alten Regime. Das Volk — wie man es damals nannte — das Volk wußte, daß es souverän war, aber es glaubte nicht daran. Heute ist jenes Ideal Wirklichkeit geworden, noch nicht in den Gesetzgebungen, die äußerliche Schemata des öffentlichen Lebens sind, aber im Herzen jedes einzelnen, wie er immer stehen möge, einschließlich des Reaktionärs; das heißt selbst für denjenigen, welcher die Institutionen verletzt und mit Füßen tritt, in denen jene Rechte anerkannt werden. Wer die wunderliche sittliche Lage der Massen nicht erfaßt hat, kann nach meiner Meinung nichts von dem verstehen, was heute in der Welt geschieht. Die Souveränität des unqualifizierten Individuums, des Menschen als solchem, die früher eine Idee oder ein legislatives Ideal war, ist jetzt als wesentlicher Inhalt in das Bewußtsein des Durchschnittsmenschen eingegangen. Und man merke wohl: wenn etwas, das ein Ideal war, zum Bestandstück der Wirklichkeit wird, hört es unerbittlich auf, Ideal zu sein. Die Würde und magische Höhe, welche Attribut des Ideals ist und ihm seine Macht über den Menschen gibt, verfliegt. Die gleichmachenden Rechte, die jene großherzige demokratische Erleuchtung entdeckte, sind aus Zielen und Idealen Ansprüche und unbewußte Voraussetzungen geworden.

Nun wohl, jene Rechte hatten nur den einen Sinn: die Menschenseelen ihrer inneren Knechtschaft zu entreißen und in ihnen ein Gefühl der Freiheit und Würde aufzurichten. War es nicht dies, was man wollte? Dem Durchschnittsmenschen das Bewußtsein geben, daß er Herr seiner selbst und seines Lebens sei? Man hat es erreicht. Warum beklagen sich die Liberalen, die Demokraten, die Fortschrittler von vor dreißig Jahren? Sollten sie etwa wie Kinder die Sache gewollt haben, aber nicht ihre Folgen? Man wollte den Durchschnittsmenschen zum Herrn machen. Dann darf man sich nicht wundern, wenn er nach seinem eigenen Gutdünken handelt, wenn er alle Genüsse verlangt, entschlossen seinen Willen durchsetzt, jede Unterordnung verweigert und auf niemanden hört, wenn er seine Person und seine Liebhabereien pflegt und sich sorgfältig kleidet; es sind dies einige der ständigen Begleiterscheinungen des Herrenbewußtseins. Jetzt finden wir sie in dem Durchschnittsmenschen wieder.

Wir sahen, daß dem Durchschnittsmenschen heute ein vitales Repertorium zur Verfügung steht, wie es bis jetzt für die höchsten Schichten kennzeichnend war. Nun stellt aber der Durchschnittsmensch den Boden dar, über dem sich die Geschichte jedes Zeitalters bewegt; er ist in der Geschichte, was das Meeresniveau in der Geographie. Wenn also das mittlere Niveau jetzt da Hegt, wohin sonst nur die Eliten gelangten, besagt das schlicht und einfach, daß sich das geschichtliche Niveau plötzlich erhöht hat — nach langen unterirdischen Vorbereitungen, aber in seinen Äußerungen plötzlich, mit einem Sprung, in einer Generation. Die menschliche Lebenshaltung als Ganzes ist gestiegen. Der Soldat von heute, möchte man sagen, hat vieles vom Hauptmann; die menschliche Heerschar besteht schon aus lauter Hauptleuten. Man braucht nur die Energie, die Entschiedenheit und Unbekümmertheit anzusehen, mit der sich heute irgendein beliebiger Mensch durch das Dasein bewegt, den Genuß, der sich bietet, ergreift und seinen Willen durchsetzt.

Alles Gute und alles Böse der Gegenwart und unmittelbaren Zukunft haben ihre Ursache und Wurzel m diesem allgemeinen Steigen des historischen Pegelstandes.

Hier öffnet sich uns ein unerwarteter Ausblick. Daß heute das mittlere Lebensniveau dem der alten Minoritäten entspricht, ist neu für Europa; aber es bestimmte von vornherein die Gestaltung Amerikas. Man denke, um ein konkretes Beispiel zu nehmen, an den Grundsatz der Gleichheit vor dem Gesetz. Das Bewußtsein, Herr seiner selbst und jedem anderen gleich zu sein, ist eine Lebensstimmung, zu der in Europa nur hervorragende Gruppen gelangten; in Amerika herrscht sie seit dem 18. Jahrhundert, also praktisch von Anfang an. Und eine neue, noch merkwürdigere Übereinstimmung: Wie diese seelische Verfassung in dem europäischen Durchschnittsmenschen auftritt und seine allgemeine Lebenshaltung steigt, nimmt das Dasein auf dem alten Kontinent in all seinen Ordnungen plötzlich eine Form und Färbung an, die viele zu der Äußerung veranlaßte, Europa amerikanisiere sich. Die das sagten, maßen der Erscheinung keine besondere Bedeutung bei; sie glaubten, es handle sich um einen leichten Wechsel der Sitten und Gebräuche, um eine Mode, die sie, durch den äußeren Anschein irregeführt, irgendeinem Einfluß Amerikas auf Europa zuschrieben. Damit hat man nach meiner Meinung die Frage verflacht, die viel verästelter, überraschender und tiefer ist. Die Galanterie möchte mich jetzt verleiten, den Menschen über dem Meer zu sagen, Europa habe sich in der Tat amerikanisiert und es sei dies einem Einfluß Amerikas auf Europa zu danken. Doch nein, die Wahrheit kollidiert mit der Höflichkeit, und sie muß siegen. Europa hat sich nicht amerikanisiert. Es hat noch keinen nennenswerten Einfluß von Amerika empfangen. Eins wie das andere nimmt, wenn überhaupt, erst jetzt seinen Anfang; die jüngste Vergangenheit jedoch, der Keimboden der Gegenwart, weiß nichts davon. Wir stoßen hier auf ein hoffnungsloses Gewirr schiefer Vorstellungen, die uns, Amerikanern und Europäern, den Blick trüben. Der Triumph der Massen und die darauf folgende gewaltige Hebung des vitalen Niveaus sind in Europa aus inneren Gründen nach zwei Jahrhunderten fortschreitender Erziehung der Massen und einer damit gleichlaufenden wirtschaftlichen Bereicherung der Gesellschaft entstanden. Nur das Ergebnis fällt mit dem entscheidenden Zug des amerikanischen Lebens zusammen; und aus diesem Grund, weil der moralische Zustand des europäischen Durchschnittsmenschen jetzt mit dem des Amerikaners übereinstimmt, versteht er zum erstenmal das amerikanische Leben, das ihm solange dunkel und rätselhaft war. Es handelt sich also nicht um einen Einfluß, der ein wenig verwunderlich,der eher ein Rückfluß wäre,sondern um etwas, woran man am wenigsten dachte: es handelt sich um einen Ausgleich. Schon immer kam es den Europäern so vor, als wenn in Amerika der durchschnittliche Lebensstandard höher wäre als auf dem Kontinent. Diese nicht gerade tief eindringende, aber einleuchtende Erkenntnis gab zu der nie in Zweifel gezogenen Meinung Anlaß, daß Amerika die Zukunft sei. Man begreift, daß ein so verbreiteter und verankerter Glaube nicht in der Luft hing — wie Orchideen, die der Sage nach ohne Wurzeln im Raum wachsen. Sein Grund war eben die vage Überzeugung von einem höheren Lebensstandard jenseits des Ozeans, der übrigens in Widerspruch zu dem, am europäischen gemessen niedrigen, Niveau der amerikanischen Eliten stand. Aber die Geschichte nährt sich wie die Landwirtschaft von den Tälern und nicht von den Gipfeln, von der durchschnittlichen Höhe der Gemeinschaft und nicht von ihren Spitzen.

Wir leben in der Zeit des Ausgleichs; die Vermögen gleichen sich aus. Die Kultur der verschiedenen Gesellschaftsklassen gleicht sich aus, die Geschlechter gleichen sich aus. Nun wohl: es gleichen sich auch die Kontinente aus. Und da der Europäer vital tiefer stand, hat er bei dieser Nivellierung nur gewonnen. Von dieser Seite gesehen, bedeutet der Aufstand der Massen einen unermesslichen Zuwachs an Lebenskraft und -möglichkeiten, gerade das Gegenteil also von dem, was wir so oft über den Niedergang Europas hören. Eine unklare und grobe Wendung, bei der man nicht recht weiß, worauf sie sich bezieht, auf die europäischen Staaten, die europäische Kultur oder, was diesem allem zugrunde liegt und unendlich viel schwerer wiegt: auf die europäische Vitalität. Von den Staaten und der Kultur Europas werden wir später ein Wörtlein reden, und für sie gilt vielleicht die zitierte Wendung; was aber die Lebenskraft angeht, so müssen wir von vornherein feststellen, daß von ihrem Abstieg zu sprechen, ein krasser Irrtum wäre. Anders ausgedrückt wird meine Behauptung vielleicht überzeugender oder doch weniger unwahrscheinlich wirken; ich meine, daß sich heute ein durchschnittlicher Deutscher. Spanier, Italiener in seiner Lebensführung weniger von einem Amerikaner oder Argentinier unterscheidet als vor dreißig Jahren. Und das ist eine Tatsache, welche die Amerikaner nicht vergessen sollten.