Der Bergdoktor 1918 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 1918 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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1,49 €

Beschreibung

Seit ihr Vater frühzeitig verstorben und die Mutter an Multipler Sklerose erkrankt ist, sorgt die junge Magd Evi allein für ihre Familie. Umso schlimmer ist die Situation, als sie ihre Stellung verliert. Verzweifelt sinnt sie auf einen Ausweg. Eine Ausschreibung könnte ihre Rettung sein: Ein Großbauer sucht jemanden, der eine Ferienanlage in der Nähe von St. Christoph bewirtschaftet. Evi bewirbt sich und wird angenommen. Allerdings gibt es einen Haken: Der Besitzer verlangt, dass sie die Anlage gemeinsam mit seinem Sohn David bewirtschaftet. Nachdem anfänglich weder Evi noch David von diesem Arrangement sonderlich begeistert sind, merken die beiden doch ziemlich schnell, dass sie gut miteinander auskommen - und mehr als das! Doch die wachsende Nähe zwischen den beiden wird nicht von jedem gern gesehen. Und gerade als sich alles zum Guten zu wenden scheint, ist Evi eines Morgens plötzlich spurlos verschwunden ...

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EPUB

Seitenzahl: 127




Inhalt

Cover

Impressum

Abschied im Mai

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf

Datenkonvertierung eBook: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-7325-6394-4

www.bastei-entertainment.de

Abschied im Mai

Um Glück und Liebe betrogen

Von Andreas Kufsteiner

Seit ihr Vater frühzeitig verstorben und die Mutter an Multipler Sklerose erkrankt ist, sorgt die junge Magd Evi allein für ihre Familie. Umso schlimmer ist die Situation, als sie ihre Stellung verliert, verzweifelt sinnt sie auf einen Ausweg. Eine Ausschreibung könnte ihre Rettung sein: Ein Großbauer sucht jemanden, der eine Ferienanlage in der Nähe von St. Christoph bewirtschaftet. Evi bewirbt sich und wird angenommen. Allerdings gibt es einen Haken: Der Besitzer verlangt, dass sie die Anlage gemeinsam mit seinem Sohn David bewirtschaftet.

Nachdem anfänglich weder Evi noch David von diesem Arrangement sonderlich begeistert sind, merken die beiden doch ziemlich schnell, dass sie gut miteinander auskommen – und mehr als das! Doch die wachsende Nähe zwischen den beiden wird nicht von jedem gern gesehen. Und gerade als sich alles zum Guten zu wenden scheint, ist Evi eines Morgens plötzlich spurlos verschwunden …

Folgt er mir etwa?

Bang blickte Evi Lindauer über ihre Schulter zurück, aber auf dem gewundenen Weg zwischen den Wiesen hindurch war niemand zu sehen. Nur in der Ferne war noch das wütende Röhren ihres Chefs zu hören.

Oder vielmehr ihres Ex-Chefs. Für Evi war es ausgeschlossen, weiterhin für ihn als Magd zu arbeiten. Den wüsten Flüchen nach zu urteilen, mit denen er sie bedacht hatte, wäre ihm daran wohl auch nicht mehr gelegen.

Evi raffte ihre zerrissene Bluse vor der Brust zusammen und hetzte weiter. Bald blieb die Männerstimme hinter ihr zurück, nur die Stille dieses Frühlingsnachmittags umgab sie. Die Sonne schien warm auf ihren Rücken herab, und Vögel zwitscherten in den Kiefern am Wiesenrain.

Trotzdem war Evi angespannt wie ein Pfeil auf der Sehne. Beinahe fühlte sie noch die kräftigen Pranken des Bauern auf ihrem Körper. Vermutlich würde sie die grünen und blauen Flecken noch tagelang spüren.

Getrunken hatte er, der Zellgerber, und kein Nein gelten lassen wollen. Als er sie vor einigen Wochen eingestellt hatte, war sie dankbar gewesen. Nun war sie froh, ihm entronnen zu sein. Knapp war es gewesen, sehr knapp sogar …

Natürlich hatte Evi die Gerüchte gehört, warum es keine Magd lange bei ihm aushielt, aber sie hatte das Geld dringend gebraucht und war entschlossen gewesen, auf sich aufzupassen. Im Dorf erzählte man sich, dass der alleinstehende Bauer den Hof nur widerwillig von den Eltern übernommen hatte. Seine wahre Leidenschaft galt der Musik, in der ihm jedoch der Erfolg verwehrt blieb. Er ertränkte seine Frustration im Alkohol, und der Selbstgebrannte machte ihn unberechenbar.

Ihren Tritt in sein Allerheiligstes würde er wohl auch noch eine Weile spüren …

Evi schluckte trocken, aber das Engegefühl in ihrem Hals hielt sich hartnäckig. Bang schaute sie sich um. Niemand zu sehen.

Also weiter, rasch weiter!

Evi eilte den Weg hinauf und atmete auf, als das Haus ihrer Familie vor ihr auftauchte. Gleich geschafft!

Sie stürmte durch das Gartentor und spürte, wie die Beklemmung von ihr abfiel. Das vertraute Zuhause versprach Sicherheit.

Im Garten blühte ein bauschiger Teppich aus gelben Primeln. Der Abendwind strich über die Blüten und verteilte ihren süßen Duft. Jetzt, gegen Abend dufteten die Blumen stärker als am Tag. Damit wollten sie die ersten Nachtfalter anlocken, um von ihnen bestäubt zu werden.

Der Anblick des sonnengelben Meeres half Evi, ruhiger zu werden. Wie gut es war, wieder daheim zu sein!

Nach dem langen Winter war es eine Wohltat, dass sich der Schnee endlich in die höheren Regionen des Zillertals zurückzog und es wieder blühte. Nur vereinzelte Wolken sprenkelten den violetten Abendhimmel und versprachen eine kühle und sternenklare Nacht.

Die junge Magd atmete auf. Sie ging ins Haus, in ihr Zimmer hinauf und schälte sich aus ihren Sachen. Die Jeans stopfte sie in die Waschmaschine, und die Bluse verstaute sie in ihrem Nähkorb. Vielleicht konnte sie den Ärmel reparieren. Der Stoff war gerissen, als der Bauer an ihrer Bluse gezerrt hatte.

Evi erschauerte und huschte nach nebenan ins Badezimmer, um sich den Schrecken vom Leib zu duschen. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, warf sie einen prüfenden Blick in den Spiegel.

Ihre blonden Haare waren zu einem Zopf gebunden, der sie jünger als fünfundzwanzig wirken ließ. Dazu trugen auch die Sommersprossen bei, die ihren Nasenrücken sprenkelten und zu tanzen schienen, wenn sie lachte.

Danach war ihr im Augenblick jedoch ganz und gar nicht zumute. Ihre weit aufgerissenen grünen Augen verrieten, dass ihr der Schrecken noch in allen Gliedern steckte.

Noch einmal lasse ich es net so weit kommen, grübelte sie und streifte ein hellblaues Frühlingskleid über. Auf den Hof kann ich auf keinen Fall zurückkehren!

Ob sie dem Gendarmen von dem Vorfall erzählen sollte? Jemand musste den Bauern zur Verantwortung ziehen, sonst versuchte er es bei der nächsten Magd wieder, und die hatte womöglich nicht so viel Glück wie Evi.

Zum Freund machte sie sich den Bauern damit sicher nicht, aber sie befürchtete, dass ihr nichts anderes übrig blieb. Sie würde es sich nie verzeihen, wenn einer anderen Frau etwas zustieß, weil sie nichts gesagt hatte …

Nachdenklich verließ Evi das Haus und umrundete es. Im hinteren Teil des Gartens kniete ihre Mutter zwischen den Tomatenbeeten und zupfte Unkraut aus. Ein Eimer stand neben ihr, bereits zur Hälfte mit dem unerwünschten Grün gefüllt.

Heide Lindauer war eine zierliche Frau mit kurzen, hellblonden Haaren, deren Züge Anzeichen ihrer Erkrankung trugen. Sie war an Multipler Sklerose erkrankt, der Krankheit, der man viele Gesichter nachsagte, und das stimmte auch. Sehstörungen, Schwäche in den Gliedern oder Lähmungen waren nur einige der Symptome, die bei einem Schub der Krankheit auftreten konnten.

Die MS war unberechenbar. Man wusste nie, wann ein Schub auftrat und welche Beschwerden er bringen würde.

Trotzdem klagte ihre Mutter nie und werkelte von früh bis spät im Garten. Sie baute das Obst und Gemüse an, das sie daheim brauchten. Alles, was sie nicht selbst verwendeten, verkauften sie an den Dorfladen. Das half beim Wirtschaften.

Seit dem Tod von Evis Vater war das Geld knapp. Ihre Mutter konnte nur eingeschränkt arbeiten, und ihr jüngerer Bruder ging noch zur Schule. Also verdiente Evi den Lebensunterhalt.

Und nun stand sie ohne Arbeit da!

Habe ich den Bauern womöglich unbewusst ermutigt?, grübelte sie. Nein, ich war vorsichtig, hab nie ein Wort abseits der Arbeit verloren. Es war der Alkohol, der ihm die Sinne vernebelt hat.

Ein leises Seufzen entfuhr ihr.

Als sie Evis Schritte hörte, blickte ihre Mutter auf.

»Oh, du bist es, Liebes«, stellte sie erfreut fest. »Ich dachte, Toni wäre endlich heimgekommen.«

»Toni? Sollte er net in seinem Zimmer sein und Hausaufgaben machen?«

»Das sollte er, aber er war den ganzen Nachmittag net da.«

»Dann erledigt er wieder alles auf den letzten Drücker und wundert sich später, wenn er schlechte Noten schreibt. Ich werde nachher mit ihm reden und …« Evi stutzte, als ihr die geröteten Augen ihrer Mutter auffielen. »Mei, geht es dir net gut? Ich kann mich um das Unkraut kümmern. Ruh dich ruhig ein bisserl aus.«

»Das ist net nötig. Mir geht es ganz gut. Es ist nur … Heute ist ein Brief von der Bank gekommen.« Ihre Mutter richtete sich auf, zog einen Gartenhandschuh aus und strich sich zittrig mit dem Handrücken über die Stirn, als wollte sie einen unliebsamen Gedanken wegwischen. »Wir sind mit drei Raten für den Kredit im Verzug.«

»Ich weiß. Wir hatten um einen Aufschub gebeten.«

»Und der wurde abgelehnt. Sie haben uns den Kredit gekündigt und verlangen die gesamte Summe auf einmal, sonst nehmen sie uns das Haus weg.«

»Was sagst du da?« Bestürzt sah Evi ihre Mutter an. Sie hatte geglaubt, dieser Tag könne nicht noch schlimmer werden, aber offenbar hatte sie sich geirrt.

»Wir haben zwei Wochen, um das Geld aufzutreiben. Wenn wir es net schaffen, müssen wir ausziehen, und das Haus wird versteigert.« Ihre Mutter bemühte sich, ruhig zu sprechen, aber ihre Stimme zitterte verräterisch.

Das Blut schoss Evi zum Herzen.

Das darf net geschehen, dachte sie erschrocken. Hier ist unser Zuhause, wo sollen wir denn sonst hin? Wir haben doch nichts … Mei, dieser verflixte Kredit! Ich wusste, dass wir uns damit übernehmen, aber was hätten wir denn machen sollen?

Der fürchterliche Sturm im letzten Herbst hatte das halbe Dach weggerissen und allerhand Schäden angerichtet. Die hatten sie herrichten lassen müssen. Und nun, da alles repariert war, mussten sie fort? Nein, das konnte Evi nicht zulassen!

»Ich werde mich darum kümmern«, versprach sie leise, aber entschlossen. »Bestimmt stunden sie uns den Betrag, wenn wir persönlich vorsprechen. Der Mitarbeiter kennt uns und weiß, dass wir unsere Schulden bezahlen, nur eben net so viel auf einmal.«

»Glaubst du wirklich, darauf lassen sie sich ein?«, fragte ihre Mutter bang.

Evi nickte zuversichtlicher, als ihr zumute war.

Heide strich ihr über die Wange.

»Was würde ich nur ohne dich machen, Liebes?«, flüsterte sie.

Die Schatten unter ihren Augen verrieten, dass die vergangenen Nächte für sie alles andere als erholsam gewesen waren. Ihre Erkrankung zehrte an ihr.

»Wie kommt es eigentlich, dass du heute eine Stunde früher als sonst daheim bist?«, fiel ihr dann auf.

»Ich habe gekündigt. Es ging net anders.«

»Gekündigt? Jessas, warum denn? Der Bauer hat doch net etwa …« Erschrocken hielt sich Heide die Hand vor den Mund.

»Hat er net, aber er wollte es.« Evi ballte die Hände zu Fäusten.

»Ach, Evi, es tut mir so leid! Ich wusste, dass ihm net zu trauen ist. Du hast nur unseretwegen die Stelle angenommen.«

»Ich finde schon etwas anderes.« Evi war sich nicht sicher, wem sie Mut zusprechen wollte: ihrer Mutter oder sich selbst. Die Zukunft gähnte wie ein dunkler Schlund vor ihr und drohte sie zu verschlingen.

Drei Dinge warteten nun auf sie: Sie musste einen Termin mit ihrer Bank ausmachen, sich eine neue Arbeit suchen und ihren Bruder an seine Hausaufgaben erinnern. Das zumindest sollte nicht so schwierig sein.

»Wo ist denn Toni, Mutterl?«

»Vermutlich ist er mit seinem Freund zum Autorennen gegangen. Ich habe es ihm verboten, aber er hat net auf mich gehört.«

»Ein Autorennen?« Entsetzt riss Evi die Augen auf. Ihr Bruder war fünfzehn und hatte noch nicht einmal einen Führerschein! »Was denn für ein Autorennen?«

***

Das Autorennen fand in einem abgelegenen Seitental statt. Mehrere Teilnehmer aus der näheren Umgebung trafen sich, um gegeneinander anzutreten. Heimlich, versteht sich, denn legal waren diese Wettkämpfe nicht.

Das war alles, was Evi von ihrer Mutter erfahren hatte. Ihr Bruder wollte bei dem Rennen zuschauen. Teilnehmen konnte er mangels eines Wagens nicht. Zumindest hoffte sie das.

Zuerst die Bank, dann hole ich Toni ab, entschied sie und radelte hinüber ins Dorf.

Sie hatte beschlossen, gleich noch in ihrer Bankfiliale vorzusprechen und um einen Aufschub der Zahlungsverpflichtung zu bitten. Der Brief mit der Kündigung des Kredits wog schwer in ihrer Tasche. Sie würde keine Ruhe haben, ehe das nicht in Ordnung gebracht war.

Kurz hatte sie erwogen, das Auto ihrer Mutter zu nehmen, aber es hatte schon viele Kilometer auf dem Tacho und wurde geschont, damit es noch möglichst lange hielt. Sie nutzten es nur, wenn ihre Mutter zu einer Untersuchung oder zu einer Behandlung fahren musste.

Jede Aufregung war Gift für Heide, weil sie einen neuen Schub heraufbeschwören konnte. Aus diesem Grund hielt Evi Sorgen, so gut es eben ging, von ihr fern. Hoffentlich konnte sie ihre Mutter an diesem Abend wegen des Kredits beruhigen, sonst stand ihnen allen eine schlaflose Nacht bevor.

Evi hatte Glück: Die Zeiger der Kirchturmuhr zeigten kurz vor achtzehn Uhr an, als sie ihr Fahrrad vor der Bankfiliale abstellte. Aus Zeitgründen verzichtete sie darauf, es anzuschließen, und stieß schwungvoll die Eingangstür auf.

Außer ihr war kein Kunde mehr in dem Schalterraum. Hinter der Scheibe aus Panzerglas saß Georg Fellmann und sortierte einen Stapel Papiere.

Georg und Evi waren zusammen zur Schule gegangen. Er hatte nach dem Abschluss eine Banklehre gemacht, während sich Evi als Magd verdingt hatte. In seinem dunklen Anzug wirkte Georg älter, als er war.

»Grüß dich, Georg.« Ihre Schritte hallten in dem spärlich eingerichteten Raum wider. Ihre Hände waren eiskalt. Es musste ihr gelingen, einen Aufschub zu erwirken. Es musste!

»Evi?« Georg blickte hoch. »Wir schließen gerade.«

»Ich muss unbedingt mit dir sprechen. Bitte, nimm dir ein paar Minuten Zeit für mich.«

»Na schön. Worum geht es denn?«

»Heute ist ein Brief von euch gekommen.« Evi tastete in ihrer Tasche nach dem Schreiben, aber Georg winkte ab.

»Lass nur. Ich weiß Bescheid. Ich habe den Brief selbst verfasst, und das habe ich wirklich net gern getan. Es tut mir sehr leid für euch, ehrlich, Evi.«

»Gewähre uns bitte einen Aufschub bei den Zahlungen.«

»Das würde ich, wenn es möglich wäre, aber es geht leider net. Ihr seid mit drei Raten im Verzug.«

»In den vergangenen Monaten waren wir ziemlich klamm. Wir werden den Kredit bis auf den letzten Cent zurückzahlen, das verspreche ich dir. Aber das schaffen wir leider net so schnell, wie es vereinbart war.«

»Es tut mir leid, aber da kann ich nichts machen.«

»Bitte, Georg.« Evis Herz pochte heftig gegen ihre Rippen. »Es muss doch eine Möglichkeit geben!«

»Mir sind die Hände gebunden.« Er sah sie mitfühlend an. »Ich würde dir gern helfen, aber die Vorschriften kommen von der Geschäftsleitung. Ich kann das leider net ändern.«

»Aber ihr gebt uns nur zwei Wochen Zeit, um eine fünfstellige Summe aufzutreiben. Wo soll ich denn in der kurzen Zeit so viel Geld hernehmen? Soll ich etwa eine Bank überfallen?«, versuchte Evi einen schwachen Scherz.

Darüber konnte ihr Gegenüber nicht lachen. Schweigend hob er die Hände zum Zeichen, dass er ihr nicht helfen konnte.

Evi biss sich auf die Lippen. »Wir brauchen nur ein bisserl mehr Zeit«, machte sie noch einen Versuch. »Dann überweisen wir die Raten wieder pünktlich.«

»Dafür ist es leider zu spät, der Kredit wurde euch bereits aufgekündigt. Ihr hättet früher herkommen und gemeinsam mit uns nach einer Lösung suchen sollen. Das habt ihr versäumt.«

»Weil ich dachte, wir würden das Geld zusammenbekommen, aber es ist jedes Mal eine andere Rechnung dazwischengekommen. Bitte, Georg …«

Mit einem Mal konnte sie kaum atmen. Panik wallte kalt wie Eis durch ihren Körper.

»Und wenn wir einen anderen Kredit aufnehmen, um diesen zu begleichen?«, machte sie dann einen anderen Vorschlag.

»Ein anderer Kredit würde euch net gewährt. Das wäre auch net ratsam. Damit würdet ihr eure Schwierigkeiten nur verschlimmern und die Zinsen in die Höhe treiben.«

Das war Evi klar, aber einen anderen Ausweg sah sie nicht. Nein, Georg konnte ihr nicht helfen, das sah sie nun ein. Sie würde sich etwas anderes einfallen lassen müssen.

Ratlos murmelte sie einen Abschied und wankte aus der Filiale. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi.

Was mache ich denn nun?, hämmerte es in ihrem Kopf. Mutter und Toni brauchen ein Zuhause. Ich kann net zulassen, dass wir unseres verlieren. Was kann ich tun? Was?

Während sie noch überlegte, bemerkte sie einen Teenager, der ihr mit einem Mops an der Leine entgegenkam. Es war Linus, ein Klassenkamerad ihres Bruders.

»Linus?« Evi winkte ihm.

Der Fünfzehnjährige murmelte etwas, was nicht zu verstehen war. Dann senkte er hastig den Kopf und wollte auf die andere Straßenseite wechseln, aber Evi kam ihm zuvor und vertrat ihm den Weg.