Der Bergdoktor 2003 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2003 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Ein Haus voller Erinnerungen Warum eine Frau zum Schweigen verdammt wurde Von Andreas Kufsteiner "Dr. Burger, wir brauchen dringend Ihre Hilfe. Könnten Sie in ein paar Minuten in den ersten Stock kommen?" Schon als er die Wirtin des Berghotels ebenso diskret wie zielstrebig auf seinen Tisch zusteuern sieht, beschleicht Martin Burger ein ungutes Gefühl. Der lauschige Abend mit seiner geliebten Frau Sabine wird wohl leider ein jähes, ungeplantes Ende nehmen. In einem Zimmer im ersten Stock findet der Bergdoktor kurz darauf ein völlig verzweifeltes junges Mädchen, das in seinem Schmerz kaum ansprechbar ist. Melanie ist eigentlich in Begleitung ihrer Mutter aus Wien angereist, doch Selma Jakoby ist spurlos verschwunden. Einzig einen Brief hat sie ihrer geliebten Tochter hinterlassen, und dessen Inhalt schockiert auch Dr. Burger ...

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Seitenzahl: 136

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Inhalt

Cover

Impressum

Ein Haus voller Erinnerungen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2019 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: My Good Images / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9040-7

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Ein Haus voller Erinnerungen

Warum eine Frau zum Schweigen verdammt wurde

Von Andreas Kufsteiner

„Dr. Burger, wir brauchen dringend Ihre Hilfe. Könnten Sie in ein paar Minuten in den ersten Stock kommen?“ Schon als er die Wirtin des Berghotels ebenso diskret wie zielstrebig auf seinen Tisch zusteuern sieht, beschleicht Martin Burger ein ungutes Gefühl.

Der lauschige Abend mit seiner geliebten Frau Sabine wird wohl leider ein jähes, ungeplantes Ende nehmen. In einem Zimmer im ersten Stock findet der Bergdoktor kurz darauf ein völlig verzweifeltes junges Mädchen, das in seinem Schmerz kaum ansprechbar ist.

Melanie ist eigentlich in Begleitung ihrer Mutter aus Wien angereist, doch Selma Jakoby ist spurlos verschwunden. Einzig einen Brief hat sie ihrer geliebten Tochter hinterlassen, und dessen Inhalt schockiert auch Dr. Burger …

„Ein wunderbarer Abend, Martin. Ich bin so froh, dass wir endlich einmal wieder Zeit für uns allein haben“, flüsterte Sabine Burger zärtlich ihrem Mann zu, während sie sich langsam im Tanz wiegten.

„Ich wünschte, das könnten wir uns öfters gönnen. Aber irgendwie kommt immer die Arbeit dazwischen. Ich kann dankbar sein, dass ich so eine verständnisvolle Frau wie dich habe“, gab Dr. Burger zurück und zog seine Sabine noch enger an sich.

Ja, bisher war wirklich alles wunderbar verlaufen. Die Burgers verbrachten endlich einmal wieder einen Abend im Berghotel „Am Sonnenhang“ und hatten sich zunächst von Leo Hofbacher, dem weit über die Grenzen des Zillertals hinaus bekannten Koch, mit einem raffinierten Menü verwöhnen lassen. Dann hatten sie von der Hotelterrasse aus den Sonnenuntergang verfolgt, was auch für sie, die damit vertraut waren, immer noch ein besonderes Erlebnis bedeutete.

Still saßen sie da, hielten sich an der Hand, die Augen auf den Feldkopf gerichtet, der als höchster von fünf weiteren Bergen das Tal begrenzte. Feurig sprühten und funkelten die Gletscherzungen in der Glut der untergehenden Sonne, bis sie in abendlichem Dunst versanken und sich helle Schleier aus den Almwiesen erhoben.

Dann wurden auf den Tischen Kerzen angezündet, Musik erklang und Martin hatte Sabine zum Tanz aufgefordert, ein langsamer Walzer, der ganz der romantischen Stimmung entsprach, in die sie sich gleiten ließen. Sie tanzten sogar Wange an Wange. Sabine schloss die Augen und gab sich ganz dem Augenblick hin.

Und es bedeutete auch keine Ernüchterung, als die Musiker eine Pause einlegten und Martin seine Frau wieder zurück an ihren Tisch geleitete. Es war ihr Lieblingsplatz, etwas zurückgesetzt und versteckt vor den anderen Gästen, den die Kastlers, denen das Hotel gehörte, immer für sie reservierten.

Dr. Burger hatte Champagner bestellt und stieß mit seiner Frau an. Tief sah er seiner Sabine in die schönen braunen Augen, in denen goldene Pünktchen funkelten. Und das brachte die Erinnerung an ihre erste Begegnung zurück.

„Weißt du noch, Liebling, wie wir uns zum ersten Mal gesehen haben?“, fragte er mit weicher Stimme.

Das war mittlerweile zu einem Ritual zwischen ihnen geworden, sich an den ersten Augenblick ihrer Beziehung zurückzuerinnern, wie es bei Paaren, die sich immer noch liebten, oft der Fall ist.

„Wir könnte ich das vergessen, Schatzerl! Wie ein Blitzschlag hat es mich getroffen, als du mich so seltsam angesehen hast. Danach war nichts mehr wie zuvor. Sogar die Tante Rika, bei der ich ja nicht so oft zu Besuch gewesen bin, hat es sofort bemerkt und hat vielsagend gelächelt“, erwiderte sie.

„Es waren deine schönen braunen Augen, Sabine! Ich hab mich buchstäblich in dich verschaut. Und alles Übrige – dein blonder Haarhelm und die schöne, schlanke Figur – hab ich gern als Dreingabe genommen“, schloss er neckend.

Sabine biss ihn zärtlich ins Ohr.

„Ganz vorsichtig!“

„Dabei war ich damals schon ein ziemlich alter Krauterer“, warf Martin ein.

„Du willst also noch Komplimente hören, sonst ist der Abend wohl doch nicht so gekrönt“, sagte sie mit schief geneigtem Kopf.

„Ich bin sechzehn Jahre älter als du, inzwischen schon einundfünfzig“, erklärte Martin Burger mit gewichtiger Miene.

„Und ich bin der Trost deines Alters“, spottete sie. „Reicht es, wenn ich dir sage, dass du immer noch der Mann meiner Träume bist? So hab ich ihn mir immer vorgestellt – sportlich, mit markanten Zügen, ein Hauch von Silber an den Schläfen …“

„Ja, ja, ich glaub dir“, unterbrach er sie hastig und auch etwas verlegen, was sie mit Genugtuung erfüllte.

Dann flüsterte sie ihm etwas ins Ohr, und er stieß einen überraschten Laut aus, was Sabine zum Kichern brachte.

Dann aber wurde er ernst.

„Wir haben großes Glück gehabt miteinander, ich hab ja damals schon alle Hoffnung aufgegeben“, murmelte er leise.

Das Schicksal hatte es in der Vergangenheit nicht gut gemeint mit Dr. Burger. Schon im Alter von elf Jahren hatte er seine Mutter verloren und war von Zenzi Bachhuber, dem guten Geist des Doktorhauses, aufgezogen worden. Dann hatte er geheiratet, doch seine junge Frau Christl war bei der Geburt des ersten Kindes gestorben. Auch das Neugeborene hatte nicht überlebt. Außer sich vor Schmerz hatte er die geliebte Heimat verlassen, um in München den Facharzt für Chirurgie abzulegen. Erst als sein Vater, Dr. Pankraz Burger, die Praxis nicht mehr leiten konnte, war er in die Heimat zurückgekehrt.

Und hier, in St. Christoph, widmete er sich mit ganzer Kraft seinen Patienten. Die Arztpraxis erhielt einen Anbau mit Operationssaal, Labor und Röntgenraum, obendrein noch zwei Krankenzimmer für Notfälle. So war es nicht verwunderlich, dass die Dörfler die Praxis bald die „Mini-Klinik“ nannten und stolz auf diese Einrichtung waren. Auch Martin erhielt einen Beinamen. Da er mit seinem Freund Dominikus Salt, dem Leiter der Bergwacht, schon manchen Einsatz unternommen und leichtsinnige Kletterer aus Bergnot gerettet hatte, hieß er allgemein „der Bergdoktor“.

Und das bezog sich auch auf die Art und Weise, wie er mit seinen Patienten umging. Denn ihm lag nicht nur die Linderung ihrer körperlichen Leiden und Zipperlein am Herzen, sondern er nahm sich auch ihrer Nöte und Kümmernisse an. Ihm konnten sie ihre Geheimnisse anvertrauen, er wusste Rat.

Martin hatte nicht mehr gehofft, noch einmal persönliches Glück zu erleben, und seinen Beruf in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt. Bis er auf Sabine traf und sie schon bei der ersten Begegnung sein Herz gewann. Und nicht nur das – sie erwiderte seine Liebe mit unerwarteter Leidenschaft.

Seine Sabine, die nicht gezögert hatte, ihre Karriere als Anästhesistin an einer großen Wiener Klinik aufzugeben, dazu ihren Freundeskreis und das abwechslungsreiche kulturelle Leben einer pulsierenden Großstadt. Sie war zu ihm nach St. Christoph gezogen und hatte es, wie sie immer wieder beteuerte, keinen Augenblick bereut.

Und er, der Einzelgänger stand bald im Mittelpunkt einer lebhaften Familie. Tessa, ein bald neunjähriges Findelkind, war von ihnen zuerst in Pflege genommen, dann aber adoptiert worden. Filli, der eigentlich Philipp hieß, würde demnächst in die Schule kommen, und die kleine Laura, einst ein Sorgenkind, war nun eine muntere Zweijährige.

Wie sehr er es liebte, ein Zuhause zu betreten, wo jetzt Kinderlärm toste! Die Zeit der Einsamkeit und inneren Leere war nun endgültig vorbei. Und all das verdankte er Sabine, seiner geliebten Frau, die auch die Säule seines Alltags war. Denn wenn immer es zu einem Engpass in der „Mini-Klinik“ kam, brachte sie ihr medizinisches Fachwissen ein und hatte so schon manche bedenkliche Situation zu einem guten Ende gebracht.

„Das ist doch eine meiner Lieblingsmelodien!“, erklang Sabines Stimme und riss ihn aus seinen Erinnerungen.

Die Musiker hatten wieder ihre Instrumente aufgenommen und spielten mit neu erwachter Inbrunst.

„Ja, man könnte es meinen.“

Sie erhoben sich, und Sabine schmiegte sich in Martins Arme, der ihr die Melodie beim Tanzen in etwas abgewandelter Form ins Ohr summte.

***

Die Burgers, die selbstvergessen diesen schönen Abend genossen, konnten nicht ahnen, was sich nur ein Stockwerk höher im Sporthotel am Sonnenhang zutrug.

Hedi Kastler, die energische Hotelchefin, war auch mit ungewöhnlichen Situationen und mit ungewöhnlichen Gästen vertraut. So wie beispielsweise ein Hotelgast, der für seine Riesenspinne ein größeres Behältnis und französisches Bett verlangte, damit er seinen ganz besonderen Liebling nachts in seiner Nähe hatte. Er hatte drei glückliche Wochen im Hotel verbracht, ausschließlich neben der Riesenspinne, und beim Abschied die gesunde Bergluft gerühmt. Allerdings war es für Hedi in dieser Zeit schwierig gewesen, jemanden zu finden, der die Reinigung der Räume übernommen hatte.

„Warum muss der Anderl grad heut auf dieser Tagung sein“, haderte Hedi und klopfte noch einmal an die Tür des Zimmers, doch es erfolgte keine Reaktion.

Andi Kastler war der Ehemann der Hotelchefin, der nicht nur durch rustikale Kleidung, sondern gelegentlich auch durch rustikales Auftreten auffiel. Er hätte schon die richtigen Worte gefunden, damit sich die Tür unverzüglich öffnete, oder aber von vornherein zu dem Zentralschlüssel gegriffen.

„Und du bist sicher, dass die beiden net doch fortgegangen sind?“, fragte Hedi zum wiederholten Mal.

Das Zimmermädchen nickte heftig mit dem Kopf.

„Die Susi kann das auch bezeugen. Außerdem haben wir vorhin so einen seltsamen Laut gehört, wie einen unterdrückter Schrei …“

Susi, eine üppige junge Frau, bestätigte diese Angabe wortreich. Nichts davon konnte ihre Chefin beruhigen.

„Und wenn sie krank und hilflos sind?“, fragte ihre Kollegin Anni und bekreuzigte sich danach zweimal.

„Mal den Teufel net an die Wand“, erwiderte Hedi unmutig, schien aber diese Möglichkeit zu überdenken. Dann kam sie zu einem Entschluss.

„Ihr beide bleibt hier stehen, und ich bitte jemanden um Hilfe. Ihr rührt euch net vom Fleck, verstanden?“

Die beiden nickten eingeschüchtert.

Die Burgers hatten sich gerade wieder auf ihren Platz zurückbegeben, als sich Hedi Kastler näherte. Nichts ließ darauf schließen, dass etwas vorgefallen war, denn die Hotelchefin besaß eine eiserne Selbstbeherrschung, die sie sich im Laufe ihrer Tätigkeit im Sporthotel Sonnenhang angewöhnt hatte. Ihre kunstvolle Lockenfrisur – ein helles, nicht ganz echtes Blond – saß unverrückbar fest, und das exquisite, tief ausgeschnittene Dirndlkleid schmeichelte ihrer wohlgeformten Gestalt.

Sie nickte lächelnd einzelnen Gästen zu, blieb hin und wieder stehen, um charmant zu plaudern, alles war wie sonst. Dennoch beschlich den Bergdoktor eine unangenehme Vorahnung, die sich noch verstärkte, als Hedi zielbewusst ihren Platz ansteuerte.

„Ist alles zufriedenstellend?“, sagte sie so laut, dass man es an den Nachbartischen deutlich hören konnte.

Dann aber beugte sie sich unvermittelt vor und flüsterte Dr. Burger zu:

„Wir brauchen dringend Ihre Hilfe. Könnten Sie in ein paar Minuten in den ersten Stock kommen?“

Sie wartete erst gar nicht seine Antwort ab, sondern ging geschmeidig zu den Nachbartischen. Irritiert hörte Martin, wie Hedi perlend lachte.

„Was war denn das?“

Sabines eben noch gelöster Gesichtsausdruck hatte einen fragenden Ausdruck angenommen. Unwillkürlich griff sie nach Martins Arm.

„Es scheint einen Notfall im ersten Stock zu geben …“

„Danach sieht es aber gar nicht aus. Oder die Chefin ist eine ausnehmend gute Schauspielerin“, meinte Sabine.

„Unangenehme Dinge müssen von den Gästen ferngehalten werden. Das ist sonst schlecht für das Geschäft.“

Dr. Burgers Miene hatte sich verdüstert.

„Aber Schatzl, wie redest du denn daher? So kenn ich dich gar nicht. Wenn nun aber wirklich jemand in Not ist …“

„Aber heute bin ich als Privatperson hier“, meinte Martin, erhob sich aber gleichzeitig von seinem Platz.

Hedi Kastler war bereits wieder in den ersten Stock zurückgekehrt, wo die beiden Zimmermädchen bedrückt ausgeharrt hatten. Als sie den Bergdoktor erblickten, malte sich Erleichterung auf ihren Zügen.

„Und es ist wirklich jemand da drinnen?“, fragte Dr. Burger skeptisch.

„Ja, ich hab gehört, wie …“, begann Anni, brach aber ab, als durch die Tür ein lang gezogenes Stöhnen erklang.

„Die Tür muss geöffnet werden“, erklärte der Bergdoktor kategorisch.

Die Hotelchefin zögerte nun nicht länger, den Zentralschlüssel zu benutzen, und die Tür des Hotelzimmers schwang auf. Dr. Burger betrat als Erster die luxuriöse Suite und steuerte dann das Schlafzimmer an, aus dem die Klagelaute drangen. Die schweren Vorhänge waren vorgezogen, sodass Halbdunkel herrschte, und Martin schob sie ein Stück beiseite.

Auf einem zerwühlten Doppelbett lag zusammengekrümmt eine kindliche Gestalt, in ihren Händen hielt sie ein verknülltes Schreiben. Das Mädchen schien seine Anwesenheit nicht wahrzunehmen, sondern stöhnte nur immer wieder leidvoll auf.

Dichtes hellblondes Haargelock fiel ihr über das Gesicht, sodass er ihre Züge nicht wahrnehmen konnte. Ihrer zierlichen Gestalt nach hielt er sie für ein Kind an der Schwelle des Erwachsenwerdens. Das weite, aufwendige Nachthemd, das sie trug, gab wenig von ihrem Wuchs frei.

„Kannst du mit mir reden?“, fragte er freundlich, berührte sie aber nicht.

Doch sie reagierte nicht auf seine Ansprache, wie versteinert verharrte sie in ihrer unnatürlichen Stellung.

Er ließ seinen Blick herumschweifen, und die Anzahl der Gepäckstücke, die sich im Raum befanden, legte die Vermutung nah, dass das Mädchen in Begleitung gekommen war.

Plötzlich murmelte das Mädchen etwas Unverständliches vor sich hin, und der Bergdoktor beugte sich rasch zu ihm nieder. Er glaubte etwas wie „verlassen“ zu hören, war sich aber nicht sicher. Es würde sich doch nicht etwa um eine Liebestragödie handeln?

Doch Hedi Kastlers Auskunft entkräftete diesen Verdacht.

„Sie ist mit ihrer Mutter zusammen gekommen“, sagte die sonst so resolute Hotelchefin mit sichtlichem Unbehagen.

„Und wo hält sich die Mutter augenblicklich auf? Es wäre doch eine große Hilfe, wenn die Mutter des Mädchens …“

„Sie ist offensichtlich verschwunden“, fiel Hedi ihm ins Wort. „Wir haben natürlich als Erstes versucht, sie ausfindig zu machen.“

Sie klang leicht gekränkt, als hätte man ihre Kompetenz als Hotelchefin angezweifelt. In dieser Hinsicht war Hedi Kastler ziemlich empfindlich.

„Ja, natürlich“, gab Martin schnell von sich.

Dass die Mutter unauffindbar war, kam ihm noch bedenklicher vor als das tränenreiche Ende einer Liebesgeschichte.

„Wie heißt das Mädchen eigentlich?“

Eine Frage, die er schon längst hätte stellen können, aber wahrscheinlich hatte der Champagner ihm doch etwas die Sinne verwirrt.

„Melanie Jakoby“, gab die Hotelchefin ohne Umschweife zur Antwort, auf Hedi Kastler war eben Verlass.

Wieder beugte er sich zu dem Mädchen hinunter.

„Melanie, Liebes“, sagte er väterlich, „kannst du mich hören? Sag mir doch, was hier vorgefallen ist.“

Melanies Antwort bestand darin, dass sie das Schreiben losließ. Der Bergdoktor zögerte nicht, es an sich zu nehmen und die flüchtig hingeworfenen Zeilen zu entziffern. Sie waren von einem Menschen geschrieben, der sich in höchster Erregung befand oder schwer erkrankt war – vielleicht trafen sogar beide Vermutungen zu.

Melanies Mutter – das war der Unterschrift zu entnehmen – kündigte an, dass sie ihre über alles geliebte Tochter für immer verlassen musste. Für sie sei aber gesorgt, fuhr sie fort. Die knappe Mitteilung endete folgendermaßen:

„Du hast immer wissen wollen, wer dein Vater ist, und hast es mir übel genommen, dass ich geschwiegen habe. Doch nun, am Ende meines Lebens, sage ich dir seinen Namen. Er heißt Severin Laubacher und ist ein Hofbauer in der Nähe von St. Christoph. Ich möchte, dass du ihn kennenlernst, damit du nicht allein auf der Welt bist. Er ist ein guter Mensch. Deshalb sind wir hierhergekommen, damit sich der Kreis schließt.“

Erschüttert ließ der Bergdoktor das Schreiben sinken. Kein Wunder, dass dieses Mädchen, dieses Kind, in tiefe Verzweiflung verfallen war. Denn es schien so, als ob die geliebte Mutter ihrem Leben ein Ende setzen wollte …

Aber noch war es nicht zu spät.

„Melanie – wo könnte deine Mutter sein? Hör mir zu!“, sagte er in völlig verändertem Tonfall, der seine Wirkung nicht verfehlte.

Das Stöhnen verebbte, und das Mädchen richtete sich auf, was sie große Anstrengung zu kosten schien. Melanie war kein Kind mehr, sondern eine junge Frau von so großer Schönheit, dass der Bergdoktor für einen Augenblick beeindruckt schwieg. Auch wenn ihr Gesicht verweint und verschwollen war, so fielen doch das Ebenmaß ihrer Züge und die großen samtdunklen Augen auf, die einen Gegensatz zu dem hellen Blond ihrer Haare bildeten. Und einen vollen Mund hatte sie, mit einer reizenden kleinen Kerbe in der Unterlippe.

Wieder ging ein Zittern durch ihren schmalen Körper, aber dann ging sie endlich auf Dr. Burgers dringliche Frage ein.

„Meine Mutter ist nicht mehr bei mir. Das fühle ich. Ganz kalt ist es in mir“, erwiderte sie flüsternd.

„Was meinst du damit genau? Hat sie dich hier zurückgelassen und ist woanders hingegangen?“, wollte Martin wissen.

„Sie ist jetzt dort, wohin ihr niemand folgen kann.“

„Du meinst damit sicher, dass deine Mutter tot ist“, sagte Martin, der allmählich die Geduld verlor.

Das sollte er sofort bereuen.