Der Bergdoktor 2010 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2010 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Im Zillertal hält man auf alte Traditionen. Der Hexenlauf zu Fasching ist eine, die man ganz besonders schätzt. Immer wieder finden sich junge Mädchen zusammen, die sich die "Hexen vom Hexenstein" nennen und entsprechend verkleiden. Das Fest startet mit einem Skirennen, dem "Hexenlauf", später findet dann eine zünftige Hüttenparty statt. Neben Krapfen und allerlei Schmankerln gibt es vor allem den sogenannten "Hexentrunk", dessen Rezept sorgsam geheim gehalten wird. Allerdings werden dem Gebräu in der Vergangenheit die seltsamsten Nebenwirkungen nachgesagt: Burschen, die eher wankelmütig waren, verliebten sich Hals und Kopf und bestellten bald darauf das Aufgebot. Und es besteht auch kein Zweifel darüber, dass etliche Kinder dem "Hexentrunk" ihr Leben verdanken. Doch was in diesem Jahr passiert, das gab es noch nie und sorgt für mächtig Aufregung im Dorf ...

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Seitenzahl: 136

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Inhalt

Cover

Impressum

Der Hexentrunk

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Bastei Verlag / von Sarosdy

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9164-0

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der Hexentrunk

Dr. Burger und ein unheimlicher Brauch

Von Andreas Kufsteiner

Im Zillertal hält man auf alte Traditionen. Der Hexenlauf zu Fasching ist eine, die man ganz besonders schätzt. Immer wieder finden sich junge Mädchen zusammen, die sich die „Hexen vom Hexenstein“ nennen und entsprechend verkleiden.

Das Fest startet mit einem Skirennen, dem „Hexenlauf“, später findet dann eine zünftige Hüttenparty statt. Neben Krapfen und allerlei Schmankerln gibt es auch den sogenannten „Hexentrunk“, dessen Rezept sorgsam geheim gehalten wird. Allerdings werden dem Gebräu in der Vergangenheit die seltsamsten Nebenwirkungen nachgesagt: Burschen, die eher wankelmütig waren, verliebten sich Hals und Kopf und bestellten bald darauf das Aufgebot. Und es besteht auch kein Zweifel darüber, dass etliche Kinder dem „Hexentrunk“ ihr Leben verdanken.

Doch was in diesem Jahr passiert, das gab es noch nie und sorgt für mächtig Aufregung im Dorf …

„Endlich! Wir haben schon gedacht, wir müssten ohne dich gehen!“, rief Tessa aus und fiel ihrem Vater um den Hals, kaum, dass er das Doktorhaus betreten hatte.

Dr. Burger war unerwartet zu einem Notfall auf einen abgelegenen Hof gerufen worden, und die ärztliche Betreuung hatte sich als langwierig und anstrengend erwiesen. Doch jetzt war die junge Mutter, die ihr erstes Kindl etwas vorzeitig bekommen hatte, außer Gefahr, und das Neugeborene war kräftig und gesund.

Hatte er sich bei der Heimfahrt noch erschöpft gefühlt, so belebte ihn sein Familienleben sofort wieder. Dabei herrschte im Wohnzimmer ein wildes Durcheinander von Fastnachtsmasken, Kostümen, Schminkutensilien, Hüten und was sonst noch zum Verkleiden dazu gehört. Rauhaardackel Poldi trug eine Rolle mit Fastnachtsschlangen im Maul herum, Konfetti wirbelte durch die Luft. Aber Dr. Burger liebte seine umtriebige Familie, die ihn die Schattenseiten seines Berufs vergessen ließ.

Er küsste seine Frau, die mit einem federgeschmückten, großrandigen Hut kaum wiederzuerkennen war.

„Endlich etwas Abwechslung! Wie schön, einmal eine geheimnisvolle Fremde küssen zu dürfen“, neckte er sie.

„Nimm dich in Acht“, raunte Sabine an seinem Ohr.

Tessa machte sich wieder bemerkbar, um ihrem Vater ihre Kostümierung vorzuführen. Sie trug zwei Teufelhörnchen in ihren schwarzbraunen Locken, die ihr den Kosenamen „Schneckerl“ eingebracht hatten, aber gleichzeitig schwang ein rosa Tüllröckchen um ihre Hüften.

„Ja, so etwas“, meinte Martin Burger, „halb Teufelchen, halb Prinzessin. Wie ist denn das gekommen?“

„Da ist die rote Rita dran schuld“, meinte Philipp, der Filli genannt werden wollte.

Er war drei Jahre jünger als seine fast neunjährige Schwester, und hatte den blonden Haarschopf und die braunen Augen von seiner Mutter geerbt. Rita, Tessas Freundin, mochte er gar nicht so recht, denn sie hatte die Angewohnheit, seine Haare zu verwuscheln, und überhaupt war sie eben sehr frech.

„Ja, dieses Mal wollte die Rita halt Prinzessin sein, und jetzt hat sie mein Krönchen auf dem Kopf“, erklärte Tessa. „Dafür hab ich die Teufelshörnchen bekommen. Die machen doch auch was her, oder?“

„Auf jeden Fall“, meinte ihr Vater und verbiss sich ein Lächeln, denn Tessa mit ihren dunklen Brombeeraugen sah wirklich entzückend aus.

Dann fiel Martins Blick auf seinen Sohn, der sichtlich unschlüssig war.

„Und du, Filli? Als was willst du dich verkleiden?“

„Als Arzt! Aber in dem weißen Umhang schau ich eher wie ein Gespenst aus, hat die Tessa gesagt. Leihst du mir deine Arzttasche?“

„Auf keinen Fall! Die ist auch viel zu schwer für dich.“

„Damit könnte er der Rita einen schönen Schrecken einjagen“, warf Tessa ein und kicherte.

„Ich glaube, du musst dich für etwas anderes entscheiden. Zieh doch diesen Tirolerhut hier auf, ein bisschen dunkle Farbe ins Gesicht, dann bist du der Wildschütz Jennerwein“, schlug Dr. Burger vor.

Damit war Filli sofort einverstanden, und Tessa half ihm, sich das Gesicht zu schwärzen.

„Wie findet ihr mich?“

Dr. Pankraz Burger, Martins Vater, war aus dem angrenzenden Kabinettl, das er bewohnte, hervorgetreten und präsentierte sich als Napoleon. Auf irgendeine Weise war er an eine altertümliche Uniform gelangt, die jedes Jahr im Fasching zu Ehren gelangte.

„Imponierend, Vater“, erwiderte Martin.

Pankraz, ein guterhaltender Mann von siebenundsiebzig, der lediglich mit einer gewissen Leibesfülle zu kämpfen hatte, reckte sich stolz und versuchte sein Rollenvorbild Napoleon nachzuahmen, was nicht ganz gelang.

Doch darüber machte sich niemand lustig.

Plötzlich verspürte Dr. Burger ein starkes Hungergefühl, wohl ausgelöst durch den unwiderstehlichen Duft von Faschingskrapfen aus der Küche. Als hätte sie es erraten, kam Zenzi Bachhuber, die gute Seele des Doktorhauses, aus der Küche und hielt ihm einen Teller mit frisch gebackenen Krapfen entgegen.

Zenzi war eine hagere Frau von dreiundsechzig, an deren Hinterkopf unverrückbar ein Haarknoten thronte. Sie machte einen strengen Eindruck und hatte auch eine strenge Vorstellung von Kindererziehung. Allerdings wandte sie die nie an, denn sie liebte die Kinder und überhaupt „ihre Familie“ heiß und innig.

Zenzis Wort hatte Geltung im Doktorhaus. Schon im Alter von elf Jahren hatte Martin seine Mutter verloren, und Zenzi hatte ihn aufgezogen.

„Das kannst du noch essen, bis die anderen fertig sind“, meinte sie und kehrte in ihr Küchenreich zurück.

Dr. Burger sah mit Staunen, dass an ihrem Haarknoten eine bunte Blume wippte, und das, obwohl Zenzi in ihrer Sittenstrenge für den Fasching nicht allzu viel übrig hatte. Sicher hatten ihr die Kinder diesen ungewöhnlichen Haarschmuck aufgenötigt.

Sogar die kleine Laura, mit ihren zweieinhalb Jahren das jüngste der Doktorkinder, hatte eine rot bemalte Nasenspitze und Glitzer im Haar. Sie saß auf dem Sofa und beobachtete mit großen Augen das Treiben um sie herum.

„Und du, Martin? Womit willst du uns überraschen?“, wollte Sabine wissen, und in ihren Augen begannen goldene Pünktchen zu sprühen.

Hilflos spähte Martin herum, bis er zwischen den ganzen wild verstreuten Teilen einen schwarzen Zylinder entdeckte, denn er nun schief aufsetzte, was bei den Kindern Gelächter hervorrief.

„Ich bin dein Galan, ganz zu Diensten, teure Sabine“, sagte er schmeichlerisch und küsste ausgiebig ihre Hand.

„Was ist ein Galan?“, wollten Tessa und Filli sofort einstimmig wissen.

„Eine Art ständiger Begleiter“, erklärte Martin, etwas Besseres fiel ihm nicht ein, und Sabine konnte ihr Lachen kaum unterdrücken.

„Aber du kannst mir noch ein Bärtchen auf die Oberlippe malen, Tessa“, sagte er schnell, um weiteren Fragen einen Riegel vorzuschieben.

„Jesses, wie schaust du aus, Martin? Man könnt‘ glauben, bei dir wär der Johannistrieb ausgebrochen“, entfuhr es Zenzi sichtlich erschüttert, als Martin danach in die Küche ging, um den Teller abzusetzen.

„Nicht vor den Kindern“, flüsterte er in scherzendem Ton. „Und du, willst du wirklich nicht mit zum Hexenstein kommen?“

„Du weißt doch, dass ich mir nix daraus mache. Ich geh lieber zur Jeggl-Alma, die hab ich eh schon lang nimmer besucht …“

„Hat sie ein neues Likörchen?“, unterbrach er sie, halb warnend, halb neckend.

„Nein. Es gibt Kaffee und ein paar von meinen Krapfen. Dann schauen wir uns im Fernsehen noch etwas an, vielleicht von dort, wo die Leut besonders närrisch sind, das rheinische Köln zum Beispiel. Bist du jetzt beruhigt?“

„Sicher, wenn‘s dabei bleibt.“

Dann ergriff er rasch die Flucht, um sich nicht ihrem Unmut auszusetzen. Zenzi hatte sich nämlich in der Vergangenheit mit ihrer Busenfreundin Alma, die den Gemischtwarenladen führte, einige Likörverkostungen gegönnt, deren Folgen ärztliche Maßnahmen erforderlich gemacht hatten.

Nun erfolgte ein geräuschvoller Aufbruch. Lauras Buggy wurde im Kofferraum verstaut, und Pankraz nahm den Dackel energisch auf den Arm. Als Poldi ebenfalls im Heck untergebracht wurde, brach er in lautes Geheul aus.

Die Kinder stritten sich ein wenig um den Platz auf der Rückbank, wo schon Laura in ihrem Kindersitz krähte, und ihr Vater rief nach hinten: „Ihr habt Platz genug, das ist kein schottisches Taxi“, was natürlich Tessa und Filli zum Lachen brachte, als er erklärt hatte, was er damit meinte.

Und dann – endlich – fuhren sie zum Hexenstein, wo heute der traditionelle Hexenlauf stattfinden sollte.

***

Im Zillertal hielt man auf alte Traditionen, und der Hexenlauf zu Fasching war eine, die man ganz besonders schätzte. Immer wieder fanden sich junge Mädchen zusammen, die sich die „Hexen vom Hexenstein“ nannten. Sie waren allesamt auf Skiern groß geworden und liefen bei dem wilden Rennen begeistert um die Wette.

Die Piste am Hexenstein, die auch als Rodelstrecke genutzt wurde, konnte natürlich nicht mit der am Feldkopf verglichen werden, wo sogar internationale Abfahrtsrennen stattfanden. Sie war auch längst nicht so lang, dafür aber recht tückisch durch Kurven und Kuppen. Schon manchem Sportler, der sich über die Hexensteiner Piste lustig gemacht hatte, war bald das Lachen vergangen. Besonders, wenn er von der Dorfjugend für seine „Liegendfahrt“ verhöhnt wurde.

Ja, die Burschen im schönen Zillertal konnten schon recht grausam sein.

Zu dem alten Brauch hatten sich noch neuere gesellt. Den Burschen passte es natürlich nicht, dass nur die Madeln im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit standen. Und so fand nach dem Hexenlauf noch die Abfahrt der Burschen statt. Es hatte sich eingebürgert, dass der Gewinner die anschließende Feier mit der siegreichen Hexe verbringen durfte.

Und da es sich bei den Hexen allesamt um blitzsaubere, muntere Madeln handelte, war der Andrang natürlich groß. Um das Ganze noch reizvoller zu machen, erfuhr man nicht den Namen der maskierten Siegerin, sondern nur die Nummer, die sie – wie alle anderen – während der Fahrt trug.

Als die Burgers eintrafen, hatten sich schon viele Zuschauer jeden Alters, vor allem aber junge Leute, eingefunden. Das letzte Stück waren sie zu Fuß gegangen, und es war ihnen gelungen, einen Platz zu finden, von dem aus sie gute Sicht auf die Rennstrecke hatten.

Es herrschte eine ausgelassene Stimmung. Fast alle trugen Kostüme, die sie mehr oder weniger unkenntlich machten, einige sogar die historischen Narrengewänder, die bei Kindern einen besonders furchterregenden Eindruck hinterließen.

Die Burgers allerdings wurden sofort erkannt und freundlich begrüßt, denn sie waren beliebt im Tal.

„Wir haben heuer richtig Glück mit dem Wetter“, meinte Sabine, die sich bei ihrem Mann eingehängt hatte.

Sie ließen den Blick umherschweifen und genossen die wunderbare Aussicht. Das Hochtal wurde von einer Gebirgskette begrenzt, die aus sechs Wächterbergen bestand. Der Feldkopf war der höchste von ihnen, und seine Gletscherzungen funkelten und gleißten im strahlenden Sonnenlicht. Der Bergwald, hinter dem die schrundigen Felswände aufwuchsen, wirkte gegen den Schnee noch dunkler und abweisender.

Tief verschneit lag das Tal da, denn nach Weihnachten war unaufhörlich Schnee gefallen, sodass manche kleinen Ortschaften völlig abgeschnitten waren. Viele der alten Bäume auf den Streuobstwiesen waren unter der Schneelast zusammengebrochen.

Doch inzwischen waren die Hofplätze und Zufahrten wieder vom Schnee freigeschaufelt, der nun in hohen Wällen rechts und links von Straßen und Wegen aufgetürmt war. Denn es war schon vorgekommen, dass auch die Piste am Hexenstein nicht mehr zugänglich war.

Sehr zum Leidwesen der Dorfjugend, die dem Hexenlauf jedes Jahr entgegenfieberte. Genauso wie der anschließenden Gaudi mit Musi, Tanz und Böllerschießen.

Ja, es ging dann hoch her im sonst so friedlichen Zillertal, und es rankten sich manche Geschichten um dieses Ereignis, bei dem sich nicht wenige Paare gefunden hatten. Und zusammenblieben ihr Leben lang.

Heute aber war ein Tag, der alles zu überstrahlen schien.

Ein tiefes Glücksgefühl ergriff Martin Burger. Wie dankbar er doch dafür sein durfte, in dieser herrlichen Naturlandschaft leben zu dürfen! Noch mehr aber dafür, dass er mit Sabine eine Frau an seiner Seite hatte, die er über alles liebte und mit der er eine Familie gegründet hatte.

Denn das Schicksal hatte es nicht immer gut gemeint mit Dr. Burger. Nicht nur, dass seine Mutter schon so früh verstorben war, so verlor er auch seine erste Frau Christl durch unerwartete Komplikationen bei der Geburt des sehnlichst erwarteten Kindes. Das Neugeborene hatte sie mit sich zu den Engeln genommen, und Martin hatte der Schmerz aus der geliebten Heimat weggetrieben.

In München hatte er seinen Abschluss in Chirurgie gemacht und war erst wieder nach St. Christoph zurückgekhert, als sein Vater die Praxis nicht mehr allein führen konnte.

Martin hatte nicht mehr auf ein persönliches Glück gehofft und die Arbeit ganz in den Mittelpunkt seines Lebens gestellt. Die Praxis hatte einen Anbau erhalten, in dem Labor, Röntgen und ein Operationssaal für Notfälle untergebracht waren, auch zwei Krankenzimmer standen zur Verfügung.

Daher wurde die Praxis bald die „Mini-Klinik“ genannt, und die Einrichtung erfreute sich bald eines guten Rufs weit über St. Christoph hinaus.

Auch Dr. Burger hatte einen Beinamen erhalten, für die Dörfler und die Bauern der umliegenden Gehöfte hieß er „der Bergdoktor“. Nicht nur, weil er mit seinem Freund Dominikus Salt, dem Leiter der Bergwacht, schon manchen leichtsinnigen Touristen aus Bergnot gerettet hatte, sondern weil er sich neben den körperlichen auch der seelischen Leiden seiner Patienten annahm.

Dann aber schien ihn das Schicksal für das erlittene Leid entschädigen zu wollen. Bei einem Patientenbesuch war er der jungen Anästhesistin Sabine Rodenwald aus Wien begegnet, und als er ihr zum ersten Mal in ihre schönen braunen Augen gesehen hatte, in denen goldene Pünktchen funkelten, war es um ihn geschehen.

Auch Sabine war sofort hingerissen gewesen von ihm. Und das hatte sich bis zum heutigen Tag nicht geändert. Sie beteuerte immer wieder, dass er ihr mit seiner sportlichen Figur, den markanten Zügen und dem Silberschimmer an den Schläfen immer noch gefiel, obwohl er – nunmehr einundfünfzig – doch sechzehn Jahre älter war als sie.

Und im Doktorhaus ging es bald sehr lebhaft zu. Tessa war eigentlich ein Findelkind, das zunächst von den Burgers in Pflege genommen und später adoptiert worden war. Doch inzwischen gehörte sie untrennbar zur Familie, genau wie die leiblichen Kinder der Burgers, Filli und Laura.

Es war nicht immer leicht gewesen, besonders als Laura ihnen beinahe durch eine heimtückische Krankheit entrissen worden war. Doch inzwischen war sie geheilt, und die Burgers durften sich von ganzem Herzen an ihren Kindern erfreuen.

„Eben kommen die Hexen“, rief Tessa mit lauter Stimme, und der Bergdoktor schrak aus seinen Gedanken auf.

Laura jammerte, weil sie nichts sehen konnte, und ihr Vater nahm sie rasch auf die Schultern, sodass sie glücklich aufjauchzte.

Beifall und Zurufe aus der Menge erschallten, als die Hexen vom Hexenstein sich den Zuschauern zeigten, ehe sie zur Abfahrtsrampe gebracht wurden. Sie trugen höchst abschreckende Masken, die auch die Haare bedeckten und nur Öffnungen für Augen und Mund freiließen. Um ihre Skianzüge hatten die Mädchen bunte Fetzen gebunden, sodass auch die Gestalten kaum erkennbar waren und sie sich nur durch die aufgeheftete Startnummer unterschieden.

Dominikus Salt, der wenig Vergnügen aus dem Hexenlauf zog, wie seine griesgrämige Miene verriet, gesellte sich zu ihnen.

„Hoffentlich bricht sich keine den Hals“, brummte er düster.

„Das sind doch Hexen, die tun sich schon nichts“, ließ sich Tessa vernehmen.

Nun musste Dominikus doch lachen.

„Hoffen wir, dass du recht hast, Tessa!“

Er zupfte an einem ihrer Löckchen und setzte seinen Weg fort, um von einer besseren Position aus das Geschehen beobachten zu können.

Und dann waren sie da. Sie schienen ihnen geradezu entgegen zu schweben. Die bunten Hexengewänder flatterten, funkelnde Schneeschleier stoben um sie auf, es war ein Schauspiel, dem etwas Urtümliches, Archaisches anhaftete.

Eins der Mädchen jedoch, tollkühn und gewandt, setzte sich an die Spitze, es trug die Nummer sechs. Und schon kam der Ruf auf: „Nummer sechs, sie siegt, die Hex!“

Dreimal durften die Hexen laufen, und jedes Mal war das Mädchen mit dieser Nummer die Erste.

„Hoch die Hex Nummer sechs“, schrien ein paar Burschen, die anscheinend nicht mehr ganz nüchtern waren, im Chor.

Die Siegerin wurde von allen Seiten umringt, und man gratulierte ihr überschwänglich. Erst als das zweite Rennen, welches die Burschen bestritten, angekündigt wurde, löste sich das Gedränge wieder auf.

Die jungen Männer fuhren kraftvoll und schnell, doch keineswegs so anmutig und elegant wie die Mädchen. Auch sie trugen Masken und Nummern, ihre bunten Umhänge hoben sich bei der rasenden Abfahrt. Ein Schrei löste sich aus der Kehle des Siegers, und er hob die Skistöcke triumphierend in die Höhe.

Er trug die Nummer sechs.

Und als hätte ihn dieser Sieg ermutigt, fuhr er bei den beiden letzten Läufen noch verwegener und ging als der endgültige Gewinner hervor.

Es gab noch mehr Jubel, Hände griffen nach ihm, und er konnte gerade noch verhindern, dass man ihn auf die Schultern nahm.

„Nummer sechs bekommt die Hex!“, johlten ein paar der Burschen und noch einiges mehr, was nicht gerade für Kinderohren bestimmt war.

Doch Tessa und Fillis Aufmerksamkeit war bereits auf etwas ganz anderes gerichtet. Ein paar Buden waren aufgestellt worden, es gab Glühwein und Schmankerln, aber auch einen Stand mit Süßigkeiten.