Der Bergdoktor 2067 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2067 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Zwei traurige braune Augen schauen Gundi geradewegs ins Herz hinein. Eigentlich wollte sie nur Futterspenden im Tierheim vorbeibringen, aber nun stockt sie und erfährt vom Schicksal des abgemagerten Sennenhundes. Bei einem Unfall hat Beppo seinen Menschen verloren. Seine Hinterbeine sind gelähmt. Mit täglichen Behandlungen könnte sich sein Zustand verbessern, aber dafür fehlt dem Team des Tierheims die Zeit. Seine Zukunft scheint nichts Gutes mehr zu bringen. Gundi geht der Hund nicht mehr aus dem Sinn. Sie lebt seit einer großen Enttäuschung allein und spürt, dass sie ihm helfen kann. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und nimmt Beppo auf. In jeder freien Minute arbeitet sie mit ihm, massiert und trainiert ihn, und allmählich lernt er wieder laufen. Doch während es Beppo immer besser geht, schwindet Gundis eigene Zuversicht. Eines Tages findet Dr. Burger sie bewusstlos im Wald ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 128




Inhalt

Cover

Beppo wittert die Gefahr

Vorschau

Impressum

Beppo wittert die Gefahr

Die Bergwacht braucht die Hilfe des mutigen Sennenhundes

Von Andreas Kufsteiner

Zwei traurige braune Augen schauen Gundi geradewegs ins Herz hinein. Eigentlich wollte sie nur Futterspenden im Tierheim vorbeibringen, aber nun stockt sie und erfährt vom Schicksal des abgemagerten Sennenhundes. Bei einem Unfall hat Beppo seinen Menschen verloren. Seine Hinterbeine sind gelähmt. Mit täglichen Behandlungen könnte sich sein Zustand verbessern, aber dafür fehlt dem Team des Tierheims die Zeit. Seine Zukunft scheint nichts Gutes mehr zu bringen.

Gundi geht der Hund nicht mehr aus dem Sinn. Sie lebt seit einer großen Enttäuschung allein und spürt, dass sie ihm helfen kann. Schließlich gibt sie sich einen Ruck und nimmt Beppo auf. In jeder freien Minute arbeitet sie mit ihm, massiert und trainiert ihn, und allmählich lernt er wieder laufen.

Doch während es Beppo immer besser geht, schwindet Gundis eigene Zuversicht. Eines Tages findet Dr. Burger sie bewusstlos im Wald ...

»Du bist früh dran, Gundi.« Eine Wolke Pfeifenrauch ausstoßend, stemmte sich Hias von den überdachten Stufen des Tierheims hoch.

Er saß gern hier, um sich eine Pfeife anzuzünden, von der Arbeit zu erholen oder bei schönem Wetter in einem der Westernromane zu schmökern, von denen er daheim eine ganze Sammlung besaß.

An diesem Tag pledderten dicke Regentropfen auf das Vordach, und der kühle Nordwind machte jeden Aufenthalt im Freien rau und ungemütlich.

Die Gummistiefel des graubärtigen Tierpflegers schmatzten auf dem regennassen Untergrund, als er neben Gundis weißen Kombi trat.

»Ich hatte noch gar net mit dir gerechnet.«

»Hab ein bisserl früher Feierabend gemacht.« Gundi öffnete die Tür des Hecks und blinzelte Hias unter der Kapuze ihrer Regenjacke zu. »Nachdem ich so lange net hier war, wollte ich euch net warten lassen.«

»Du bist ein Engel. Mei, wenn ich zwanzig Jahre jünger wär', würd' ich dich um eine Verabredung bitten.« Er zwinkerte ihr zu. »Was bringst du uns heute Schönes?«

»Allerhand feine Sachen: Sechs Kisten mit Futter, dazu Kittenmilch, Putzmittel und ein halbes Dutzend Haustierbetten. Die sind wunderbar kuschelig. Am liebsten hätte der Chef sie selbst behalten, aber davon konnte ich ihn zum Glück abbringen.«

»Mei, was würden wir nur ohne dich anfangen?« Hias sah die Kisten sorgsam durch, dann nickte er bedächtig. »Damit kommen wir über die nächste Zeit.«

Der Wind zerrte Gundi die Kapuze vom Kopf. Rasch zog sie sie wieder hoch.

»Hilfst du mir, die Sachen reinzutragen?«

»Freilich.« Er wuchtete die erste Kiste aus dem Auto und trug sie in den Lagerraum des Tierheims. Gundi nahm sich den nächsten Karton vor und folgte dem alten Tierpfleger. Dabei wurde sie vom lebhaften Gebell der Hunde begrüßt, die in ihren Zwingern hochsprangen und freundlich wedelten.

Das Tierheim »Waldeck« war in einem langgezogenen flachen Gebäude am Rand von Innsbruck untergebracht. Hier draußen gab es nichts als Wald und einsame Wanderwege, und so störte es niemanden, wenn die Hunde ein Eichhörnchen anbellten.

Nachmittags kamen die Gassigeher – ehrenamtliche Helfer, die mit den vierbeinigen Bewohnern des Tierheims kuschelten, großzügig Streicheleinheiten verteilten und Runden mit den Hunden drehten.

So war auch Gundi dazu gestoßen. Sie hatte einen Aufruf mit der Bitte um Unterstützung in der Zeitung gelesen und sich spontan gemeldet. Fünf Jahre war das inzwischen her. So vieles hatte sich inzwischen in ihrem Leben verändert, aber ihre Liebe zu dem Tierheim nicht.

Sie arbeitete als Tierarzthelferin für Dr. Hartl, einen niedergelassenen Veterinär. Ihn hatte sie überzeugt, in seiner Praxis eine Box für Futterspenden aufzustellen. Die wurde immer gut gefüllt, denn das »Waldeck« genoss einen ausgezeichneten Ruf. Gundi kam einmal in der Woche vorbei und brachte die Spenden her. In den vergangenen beiden Wochen war sie allerdings nicht da gewesen ...

»Hattest du einen schönen Urlaub?« Hias stapfte neben Gundi zurück zu ihrem Auto, wandte sich um und wischte sich mit dem Handrücken über die Stirn.

»Sehr erholsam war's. Nannei und ich waren am Starnberger See campen. Wir hatten fast immer schönes Wetter und konnten wandern. Nur einmal hat es nachts gewittert. Mei, hat das geblitzt! Das war uns net geheuer, deshalb sind wir vorsichtshalber mit unseren Schlafsäcken ins Auto umgezogen und haben dort die Nacht verbracht. Und das war ein Glück. Der Sturm hat in der Nacht allerhand Äste abgerissen. Einer ist auf einem anderen Zelt gelandet. Mehrere Camper sollen schwer verletzt worden sein.«

»Mei, dann war der Urlaub für sie gelaufen.«

»Das fürchte ich auch.« Gundi strich fast liebevoll über den Kotflügel ihres Autos. Es hatte schon ein paar Beulen und Dellen, brachte sie aber zuverlässig überallhin und war auch groß genug für ihre Lieferungen für das Tierheim.

»Deine Urlaubskarten haben mich sehr gefreut.« Der Tierpfleger lächelte sie an, und die Fältchen um seine Augen vertieften sich. »Sonst ist alleweil nur Werbung in der Post – oder noch schlimmer, Rechnungen. Deine Zeilen waren ein Sonnenstrahl.«

»Das freut mich. Ihr habt mir gefehlt, Hias. Sehr sogar.«

»Wir haben dich auch schon arg vermisst.«

»Es tut mir leid, dass mein Chef mich net vertreten hat. Ich hatte ihn gebeten, einmal vorbeizuschauen und eine Lieferung herzubringen, aber er hat anscheinend keine Zeit gefunden.«

»An mangelnder Zeit lag es bestimmt net«, brummte Hias. »Er lässt sich nur gern für jeden Handgriff bezahlen, und das können wir ihm net bieten.«

Darauf wusste Gundi nichts zu erwidern, denn es steckte durchaus ein wahrer Kern in den Worten des Tierpflegers.

Sie brachten die Lieferung ins Lager, dann machte Gundi ihre gewohnte Runde. Sie verteilte Streicheleinheiten und Liebkosungen an die Bewohner.

Hunde, Katzen und allerlei Kleintiere hatten hier einen Unterschlupf gefunden. Es gab zwei Wasserschildkröten, einige Vögel – und natürlich Lucki. Lucki war eine weiße Ratte. Sie war blind. Jemand hatte sie halb verhungert vor dem Tierheim in einem Karton ausgesetzt. Hias hatte sie aufgepäppelt, seitdem saß sie ständig auf seiner Schulter und wich nicht von seiner Seite. Wenn sie müde war, rollte sie sich unter seinem Kragen zusammen, sodass nur ihre Nasenspitze hervorlugte.

»Lulu!« Gundi öffnete die Gittertür, die zu der Katzen-WG führte, wie sie die beiden gemütlich eingerichteten Räume für sich nannte.

Die weiße Katzendame flitzte ihr entgegen und strich ihr maunzend um die Beine. Sie war mit schlimmen Bisswunden gefunden und im Tierheim behandelt worden. Vermutlich hatte sie eine Auseinandersetzung mit einem wesentlich größeren Hund gehabt. Ihren Besitzer hatten sie nie ausfindig machen können. Aber Lulu ging es wieder gut. Aus dem schwachen Fellbündel war eine energiegeladene Katze geworden.

Sie forderte maunzend ihre Streicheleinheiten ein, und Gundi enttäuschte sie nicht.

»Sie hat schon Interessenten«, erzählte Hias. »Ein älteres Paar, das bereits eine Katze hat und sich Gesellschaft für sie wünscht.«

»Wie schön! Und ... oh! Es gab Zuwachs!« Gundi hatte die vier Kitten entdeckt, die sich noch ein wenig schüchtern versteckt hielten.

»Für die suchen wir noch ein Zuhause, aber so süß, wie sie sind, sollte uns das gelingen. Bei Lucy dagegen ...« Er unterbrach sich und seufzte leise.

Gundi hob die alte Katze auf ihren Schoß und streichelte sie. Lucy lebte schon seit einigen Jahren im »Waldeck« und hatte kaum Chancen, noch in ein eigenes Zuhause vermittelt zu werden. Ihr fehlte der rechte Hinterlauf, und sie konnte ziemlich eigensinnig sein. Ihre schlechten Zähne waren saniert worden, nun gab es jedoch ein anderes Problem ...

»Kannst du einmal nach ihrem rechten Ohr sehen?«, bat Hias. »Sie schabt es ständig irgendwo und maunzt.«

Gundi nickte und besah sich das Ohr genauer. Dabei entdeckte sie einen übelriechenden Ausfluss. Eine Entzündung!

»Das muss sich der Chef anschauen«, stellte sie fest. »Lucy braucht ein Antibiotikum, würde ich sagen. Ich werde ihn anrufen und bitten, vorbeizukommen.«

»Dank' dir.«

Gundi setzte ihren Schützling wieder ab und verließ die Katzenunterkunft.

Im nächsten Zwinger lag ein mageres Fellbündel, das sie noch nicht kannte. Zusammengerollt und so apathisch, dass sich etwas in ihr verkrampfte. Ein Sennenhund!

»Wer bist du denn, mein Großer?«, sprach sie ihn sanft an.

Da hob er den Kopf und sah sie an. Mit seinen braunen Augen schien er ihr direkt ins Herz hineinzuschauen. Und bevor sie noch etwas sagen konnte, rutschte er auf seinem Bauch näher an die Gitterstäbe heran und wedelte freundlich.

»Das ist Beppo«, erklärte Hias mit einem leisen Seufzen in der Stimme.

»Beppo also. Da ist man zwei Wochen net da, und schon gibt es Zuwachs.« Sie langte durch die Gitterstäbe und ließ den Hund an ihrer Hand schnuppern. Er wedelte heftiger. Das war seine Erlaubnis, ihn zu berühren.

Sanft kraulte Gundi ihn, zauste sein zotteliges Fell und streichelte seinen Hals. Er wedelte so wild, dass sein gesamtes Hinterteil in Bewegung geriet.

»Was fehlt ihm?«, wollte sie wissen. »Er rutscht net grundlos über den Boden, nicht wahr?«

»Leider net. Er hat seinen Menschen bei einem Unfall verloren. Er saß auch mit im Auto und hat einiges abbekommen. Seine Hinterbeine wollen nimmer so, wie sie sollen. Dein Chef hat ihn operiert. Er sagt, mit täglichen Massagen und Übungen könnte sich sein Zustand verbessern, aber das ist net so einfach. Wir haben so viele Tiere hier, und ich hab das Gefühl, dass ich net genug Zeit für ihn übrig habe. Das macht einen fertig, weißt du?«

»Hias, ich weiß, wie viel du für die Tiere tust.«

»Aber es ist net genug. Das ist es nie.« Sein Blick verdunkelte sich. »Ich fürchte, Beppo hat sich aufgegeben. Er frisst kaum noch etwas. Schon seit Tagen net.«

»Er frisst net?« Gundi strich sacht über das Fell des Hundes. »Darf ich es versuchen?«

»Sicher doch.« Hias nickte dankbar und holte eine Schale und Hundefutter. »Ich muss noch die restlichen Zwinger putzen. Dann komme ich zu euch.«

»Alles klar.« Gundi öffnete die vergitterte Tür und holte den Sennenhund heraus. Sie trug ihn zu der Bank, die im Schutz des Vordachs stand, und holte ihren Rucksack aus dem Auto, ehe sie sich zu ihm setzte.

»Ich hab seit heute früh auch noch nix gegessen. Wollen wir zusammen essen?« Sie holte die Box mit belegten Broten aus ihrem Rucksack. Auch eine Schale mit Obstsalat hatte sie dabei. Bevor sie saß, füllte sie den Futternapf des Hundes und sprach leise mit ihm. Auf das Futter zupfte sie ein paar Stücke der Wurst von ihrem Brot. »Die ist lecker, wirst schon sehen. Probier ruhig mal.«

Beppo schnupperte am Napf – und sekundenlang fürchtete sie schon, er würde das Futter ablehnen, doch da senkte er den Kopf tiefer und begann zu fressen! Gundi fiel ein Stein vom Herzen. Es gab also noch Hoffnung für ihn!

»Net zu glauben!« Hias schob eine Schubkarre vor sich her, blieb nun stehen und schaute kopfschüttelnd zu dem Hund, der seinen Napf bis auf das letzte Krümel leerte. »Du hast wirklich einen Draht zu Tieren, Gundi.«

»Ich wünschte nur, mein Vermieter würde mir ein eigenes Tier erlauben. Leider sind Haustiere bei ihm streng verboten.«

»Wer stellt denn solche Regeln auf? Ein Zuhause ohne ein Tier ist einfach nur ein Haus.«

»Wem sagst du das.« Gundi seufzte leise. Sie mochte ihre Wohnung. Sie war hell und gemütlich und, auch sehr wichtig, bezahlbar. Trotzdem war der Preis dafür hoch, denn sie musste auf eine Katze oder einen Hund verzichten. Das fiel ihr schwer. Sie war auf einem Bauernhof mit vielen Tieren großgeworden. Ohne ein Haustier klaffte eine Lücke in ihrem Leben wie eine ständig ziehende Wunde.

»Dein Vermieter weiß net, was ihm entgeht«, brummte Hias. »Wir sollten Tiere gut behandeln. Sie lieben uns mehr als wir uns selbst.«

Gundi blickte auf Beppo, der zutraulich ihre Finger abschleckte, und ihr Herz wurde weit und warm.

»Dir hat's geschmeckt, was?«, fragte sie lächelnd. »Weißt du was? Morgen komme ich wieder und wir essen zusammen. Was hältst du davon?«

Beppo stupste sie mit der feuchten Nase an, als wollte er sagen: Abgemacht!

Hias zog die Augenbrauen hoch. »Gib nur Acht, dass du dein Herz net an ihn verlierst. Das gibt nur Kummer, wenn du keinen Hund halten darfst.«

»Er braucht mich. Zumindest für eine Weile. Ich werde morgen wiederkommen.« Gundi vergrub die Finger in seinem Fell. Dann besann sie sich und holte ihr Handy aus der Tasche, um ihren Chef anzurufen und ihn zu bitten, nach der Katzendame Lucy zu sehen.

Begeistert war er nicht davon, an diesem Nachmittag noch vorbeizukommen. Er wollte in ein Konzert, aber bis das begann, waren es noch einige Stunden, und so ließ er sich erweichen. Mit dem Hinweis, dass er einen Aufpreis für den Hausbesuch berechnen würde, versprach er, vor dem Konzert vorbeizukommen.

Tatsächlich dauerte es keine zwanzig Minuten, bis sein Jeep vor dem Tierheim anhielt und er ausstieg. Dr. Lorenz Hartl war ein sehniger Mittvierziger, mit sonnengebräunter Haut und einer Vorliebe für maßgeschneiderte Garderobe. An diesem Abend trug ihr Chef einen dunklen Anzug zu glänzenden Lederschuhen.

»Danke, dass Sie so schnell hergekommen sind«, sagte Gundi.

»Für Sie tue ich alles, das wissen Sie doch.« Er schaute ihr tief in die Augen, und ein träges Lächeln umspielte seine Lippen. Dass Gundi abwehrend auf seinen Ehering schaute, schien er nicht zu bemerken.

»Lucy ist drüben in der WG«, sagte Gundi.

»Nun, dann bringen wir es hinter uns.« Er zog seine Anzugjacke aus und legte sie ordentlich über den Beifahrersitz, ehe er sich einen Kittel überstreifte.

Gundi ging ihm voraus und spürte seinen Blick wie ein Insekt über ihren Körper streifen. Ihr Chef flirtete schon seit einiger Zeit mit ihr. Anfangs hatte sie das nicht weiter ernst genommen, denn er machte keinen Hehl daraus, dass er Frauen generell anziehend fand. Er war ein Frauenschwarm und nutzte das auch weidlich aus. An Gundi prallte sein Charme ab, aber gerade ihre Zurückhaltung schien ihn anzuspornen. Sie fühlte sich immer unwohler, wenn sie mit ihm allein war.

Immerhin: Er war ein ausgezeichneter Tierarzt, der bei Lucy nicht nur eine ausgedehnte Entzündung des Gehörgangs feststellte, sondern auch das richtige Medikament in seinem Wagen hatte, sodass die Behandlung unverzüglich beginnen konnte.

»Danke«, brummelte Hias.

»Ein Dank ist nicht nötig«, wehrte der Tierarzt ab. »Meine Rechnung folgt.«

Gundi bemerkte, dass Hias zusammenzuckte. Oha. Offenbar war die Spendenkasse schon wieder leer ...

»Würden Sie vielleicht auch nach Beppo sehen? Hias sagt, er frisst schlecht.«

»Beppo? Wer soll das sein ... Ach ja, der Sennenhund.« Ihr Chef schüttelte den Kopf. »Für den kann ich nix weiter tun. Er bräuchte eine intensive Therapie, aber wer soll die bezahlen? Ganz zu schweigen von der Zeit, die man investieren müsste. Mein Rat wäre es, ihn zu erlösen. Er hat nichts Gutes mehr vor sich.«

»Kommt net infrage!«, wehrte Hias ab. »Er hat eine Chance verdient!«

»Das Leben ist nun mal kein Wunschkonzert. Und net jeder, der eine Chance verdient, bekommt auch eine.« Der Tierarzt zuckte die Schultern.

Gundi schaute sich nach dem Sennenhund um. Er schien zu spüren, dass über ihn gesprochen wurde. Ihr wurde ganz weh ums Herz, denn er schmiegte sich in den hintersten Winkel des Zwingers und zitterte am ganzen Leib!

***

Ihre Brüder lästerten bei jedem Besuch, dass Gundis Wohnung kaum größer als ein Schuhkarton war. Das war natürlich übertrieben – wenn auch nicht sehr.

Tatsächlich bestand ihr Zuhause aus zwei Zimmern, in die gerade die allernötigsten Möbel passten. Gundi störte das nicht. Sie hatte ihr Zuhause so eingerichtet, wie sie es mochte: Die Wände waren in warmem, sanftem Gelb und einem lichten Waldgrün gestrichen. Die Yogamatte war unter dem Bett verstaut. Am Fenster stand der Sessel, in dem sie gern las oder mit ihrem Laptop auf dem Schoß im Internet surfte. Ihr Lieblingsstück war eine moosfarbene Lampe, die ihre Freundin Nannei für sie gebastelt hatte und die auf ihrem Schreibtisch stand.