Der Bergdoktor 2068 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2068 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Erst nach dem viel zu frühen Tod seiner geliebten Mutter erfährt Mathis den Namen seines Vaters. Ein richtiger Mistkerl muss dieser Lukas Salainer sein. In dem Brief, den Marie ihrem Sohn hinterlassen hat, liest er, was dieser Haderlump seiner Mutter angetan hat. Zum Teufel hat er sie gejagt und sogar geschlagen, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Sie sollte ihn in Ruhe lassen und das Kind abtreiben. Unbändige Wut steigt in Mathis auf. Er hasst diesen Mann geradezu. Und so macht er sich, nachdem er seine Mutter zu Grabe getragen hat, auf zum Salainerhof in St. Christoph, um mit diesem gewissenlosen Kerl abzurechnen und ihm zu zeigen, aus welchem Holze sein Sohn geschnitzt ist ...

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Seitenzahl: 133

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Inhalt

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Die letzte Aussprache

Vorschau

Impressum

Die letzte Aussprache

Finden ihre Herzen am Grab der Mutter endlich Frieden?

Von Andreas Kufsteiner

Erst nach dem viel zu frühen Tod seiner geliebten Mutter erfährt Mathis den Namen seines Erzeugers. Ein richtiger Mistkerl muss dieser Lukas Salainer sein. In dem Brief, den Marie ihrem Sohn hinterlassen hat, liest er, was dieser Haderlump seiner Mutter angetan hat. Zum Teufel hat er sie gejagt und sogar geschlagen, als er erfuhr, dass sie schwanger war. Sie sollte ihn in Ruhe lassen und das Kind abtreiben.

Unbändige Wut steigt in Mathis auf. Er hasst diesen Mann geradezu. Und so macht er sich, nachdem er seine Mutter zu Grabe getragen hat, auf zum Salainerhof in St. Christoph, um mit diesem gewissenlosen Kerl abzurechnen und ihm zu zeigen, aus welchem Holze sein Sohn geschnitzt ist ...

Dr. Burger hatte gerade seinen Arztkittel ausgezogen und stand im Begriff, hinüber zu seiner Familie zu gehen, als Bärbel Tannauer, seine Sprechstundenhilfe, ihm mitteilte, dass soeben noch ein Notruf vom Friedhof eingegangen sei.

»Vom Friedhof?«, vergewisserte er sich.

»Ja, eine Frau ist dort an einem Grab zusammengebrochen und hat wohl das Bewusstsein verloren. Das hört sich net gut an.«

»Dann beeil' ich mich besser.«

Martin Burger nahm seinen Arztkoffer und verließ die Praxis. Auf das Auto konnte er verzichten, denn der Friedhof lag in Fußnähe.

Er hoffte, dass es sich nur um einen Schwächeanfall handelte und nicht um einen völligen Zusammenbruch aus Trauer um den Tod eines geliebten Menschen.

Bertl Moosbacher, ein Mann wie ein Baum und noch keine sechzig, kam ihm wieder in Erinnerung. Am Grab seiner geliebten Frau, die weit vor der Zeit gestorben war, hatte er einen tödlichen Herzinfarkt erlitten, und keine ärztliche Kunst hatte ihn mehr retten können.

»Es hat ihm das Herz gebrochen. Seit der Schule waren sie unzertrennlich, er hat net ohne sie sein können«, hatten die Dorffrauen einander zugeflüstert, und manch eine hatte sich mit ihrem Tücherl eine Träne abgetupft.

Niemand wusste besser als Dr. Burger, wie überwältigend das Gefühl der Trauer und des Verlustes sein konnte. Doch er schob diese Gedanken schnell beiseite. Er brauchte seine ganze Kraft für das, was vor ihm lag.

Schon als er auf dem Kiesweg über den kleinen Dorffriedhof von St. Christoph eilte, erblickte er an einem schmalen Grab an der hinteren Mauer ein paar Dörflerinnen, die sich um eine in sich zusammengesunkene Frau am Boden scharten.

»Gott sei Dank, dass Sie da sind, Herr Doktor«, sagte eine der älteren Frauen mit gedämpfter Stimme. »Sie will einfach nimmer richtig zu sich kommen, die Arme.«

Er beugte sich über sie und rief sie sanft an. Kurz schien sie ihn wahrzunehmen, dann schlossen sich ihre Augen wieder. Dr. Burger sah sofort, dass sich die Frau in einem sehr schlechten Zustand befand. Er befürchtete sogar, dass sie an einer schweren Krankheit litt und nicht mehr lange zu leben hatte.

Dabei war sie noch verhältnismäßig jung, sie mochte die vierzig höchstens um ein paar Jahre überschritten haben. Aber ihr Gesicht zeigte Spuren des Leidens, und ihre Hände waren von harter Arbeit schrundig und aufgerissen.

Er verabreichte ihr ein kreislaufstärkendes Mittel, und langsam kam sie wieder zu sich. Ihr Blick klärte sich, aber ihr Gesicht blieb weiterhin besorgniserregend blass. Sie sah zu den Frauen hin, die sich in den Schatten eines großen Eibischbusches zurückgezogen hatten, jedoch immer wieder herüberschauten, damit ihnen nichts entging.

Dr. Burger wollte der Kranken aufhelfen, doch sie war zu schwach, und so blieb sie an einen Grabstein gelehnt sitzen.

»Das ist das Grab meiner Eltern, ich wollt von ihnen Abschied nehmen. Und dann ...« Sie stockte kurz. »Dann wollte ich noch jemanden besuchen, aber dazu wird es net mehr kommen. Ich hab geglaubt, dass ich noch ein wenig mehr Zeit hätte.«

»Man wird dir helfen«, versprach ihr Dr. Burger wider besseres Wissen.

Sie richtete sich weiter auf und beugte sich nahe an sein Ohr.

»Es hat mich innerlich zerfressen, so wie manche Menschen von ihrer Bosheit innerlich zerfressen werden«, flüsterte sie. »Ich hab nur noch einen einzigen Wunsch ...«

Die Frau sah sich suchend um, bis sie eine große, kantige Tasche erspähte, die durch den Sturz weggeschleudert worden war. Dr. Burger hob sie auf und hielt sie ihr hin. Sie öffnete mit zitternden Fingern den Verschluss und beförderte ein dickes Kuvert zutage, in dem sich offensichtlich wichtige Dokumente befanden.

»Das ist für meinen Sohn bestimmt. Er wird darin die Antwort auf alle Fragen finden, die ich ihm nie beantworten wollte. Seine Adresse steht auf dem Umschlag. Er studiert in Wien. Ich hab gehofft, ihn noch einmal sehen zu können, aber ich hab zu lange gewartet. Ich bitte Sie, das zu verwahren, bis er kommt.«

Ehe Dr. Burger ihr versichern konnte, dass er sich mit ihrem Sohn in Verbindung setzen würde, sackte ihr Kopf zur Seite, das Sprechen hatte sie sichtlich angestrengt. Er rief hastig die Rettung an, damit sie nach Schwaz in die Klinik gebracht wurde, und machte die Dringlichkeit des Einsatzes deutlich.

Als die Todkranke abtransportiert wurde, war sie bereits in ein tiefes Koma gefallen, aus dem sie vermutlich nicht mehr erwachen würde.

Die Frauen zerstreuten sich langsam, und auch Dr. Burger schritt der Friedhofspforte zu. Einmal blieb er stehen, und es war ihm, als ob ihn ein kalter Hauch anwehte. Dann aber fasste er sich wieder und kehrte in die Praxis zurück, wo er die Unterlagen, die ihm anvertraut worden waren, in einen kleinen Tresor legte.

Vorher prägte er sich den Namen ein, der auf dem Kuvert stand. Vielleicht wussten sein Vater oder die Bachhuber-Zenzi, der gute Geist des Doktorhauses, etwas über Mutter und Sohn. Denn ursprünglich mussten sie wohl aus St. Christoph stammen.

Wie so oft wurde im Doktorhaus mit einiger Verspätung zu Abend gegessen, weil seine Familie auf seine Rückkehr gewartet hatte. Es wurde ihm sofort leichter ums Herz, als ihm der fröhliche Lärm seiner beiden ältesten Kinder entgegenschallte.

Kaum stand Dr. Burger in der Stube, da hing auch gleich die fast neunjährige Tessa an ihm und stellte neugierige Fragen. Filli, der nächstes Jahr in die Schule kommen würde, griff nach seiner Hand, sichtlich erfreut über die Rückkehr seines Vaters. Das jüngste Kind, die zweieinhalbjährige Laura, war bereits ins Bett gebracht worden.

Tessa war ein entzückendes Kind mit ihren Brombeeraugen und dem schwarzbraunen Lockenhaar, was ihr den Beinamen »Schneckerl« eingebracht hatte. Sie war lebhaft, besaß viel Fantasie und brachte ihre Eltern oft zum Lachen.

Dann begrüßte ihn Sabine, seine Frau, mit einem zärtlichen Kuss. Feinfühlig, wie sie war, erkannte sie sofort, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, und strich ihm tröstend über die Schulter.

Sabine war das Glück seines Lebens. Trotz des Altersunterschieds – sie war fünfunddreißig und damit sechzehn Jahre jünger als ihr Mann – waren sie sich in tiefer Liebe verbunden. Mit dem blonden Haar, den braunen Augen, in denen goldene Pünktchen funkelten, und der schlanken Gestalt bot sie einen reizvollen Anblick, der immer noch die gleiche Anziehungskraft auf ihn ausübte wie zu Beginn ihrer Beziehung.

Sie wusste auch, dass er vor den Kindern nicht über die Schattenseiten seines Berufs sprechen wollte, sodass Geduld angebracht war. Und so stellte sie keine Fragen, sondern wartete auf den richtigen Augenblick.

»Wir haben die ganze Zeit auf dich gewartet, Martin«, meldete sich nun Zenzi Bachhuber zu Wort. »Es hat schon ausgeschaut, als ob du heut gar nimmer heimfinden tätest.«

Die Hauserin war aus der Küche getreten und wollte gerade zu einer längeren Gardinenpredigt anheben, als sie Dr. Burger ins Gesicht sah und jäh verstummte.

»Es gibt den aufgewärmten Eintopf von heut Mittag. So schmeckt er noch besser. Eine Süßspeise steht auch noch im Kühlschrank«, erklärte sie schnell.

Zenzi war eine hagere Frau Anfang sechzig, deren graues Haar meistens zu einem Knoten am Hinterkopf zusammengefasst war. Sie gab sich oft schroff und vertrat feste Prinzipien, was die Kindererziehung anbelangte, die sie aber glücklicherweise nie anwandte, denn sie hatte ein gutes Herz und liebte »ihre Familie« über alles.

Die Hauserin hatte Martin Burger, der bereits im Alter von elf Jahren seine Mutter verloren hatte, mit aufgezogen, und ihr Wort galt etwas im Doktorhaus.

»Etwa die Mandelcreme mit Sahne?«, wollte Tessa sofort wissen und fuhr sich schon mit der Zunge über die Oberlippe.

»Das wirst du schon sehen, du Naschkatzerl, du neugieriges«, gab Zenzi zurück und unterdrückte ein Lächeln.

»Was höre ich da, es gibt eine Süßspeise? Etwa deine unvergleichliche Mandelcreme, Zenzi?«, ertönte eine sonore Stimme.

Pankraz Burger, Martins Vater, hatte gerade rechtzeitig zum Abendbrot sein Kabinettl verlassen, das an das Wohnzimmer grenzte. Er war ein stattlicher Mann von siebenundsiebzig Jahren, neigte jedoch zur Leibesfülle, was ihn, wie er fand, würdig erscheinen ließ. Seine Schwiegertochter war da ganz anderer Meinung.

»Auf die Süßspeise verzichtest du besser, und von dem gehaltvollen Eintopf solltest du auch nur einmal nehmen«, gab Sabine sofort zu bedenken.

»Wie kann eine so schöne Frau wie du nur so grausam sein«, klagte Pankraz und sah sie so schmachtend an, dass alle in Gelächter ausbrachen.

Zenzi setzte die Terrine mit dem köstlich duftenden Eintopf nachdrücklich auf den Tisch.

Der Rauhaardackel Poldi, mit einem ausgezeichneten Geruchssinn ausgestattet, verließ sofort sein Körbchen unter der Treppe und ließ sich unter dem Tisch an der Seite von Pankraz nieder. Dieser reichte ihm verlässlich immer wieder ein Leckerchen hinunter, wenn er sich unbeobachtet glaubte.

»Und der Poldi bekommt höchstens ein halbes Würstl«, sagte Sabine sofort.

»Ja, ich weiß. Der Poldi und ich sind einfach überfüttert«, erwiderte Pankraz düster.

»Das stimmt. Ihr seid die einzigen in der Familie, die net schlank sind«, ergänzte Filli, dessen gute Beobachtungsgabe nicht immer auf Begeisterung stieß.

»Vielleicht sollten wir gar nix mehr an diesem Tisch essen, was meinst du, Poldi?«, sagte Pankraz unwirsch.

Poldi gab einen Laut von sich, als habe er sein Herrchen verstanden.

»Jetzt reicht es aber. Da vergeht einem ja der Appetit. Vielleicht können wir uns darauf einigen, dass der Poldi ein Würstl statt zwei bekommt und du, Vater, nur noch einen halben Nachschlag«, erklärte Martin leicht gereizt.

»Damit müssen wir uns wohl abfinden, net wahr, Poldi«, gab Pankraz mit wehmütiger Miene zurück.

Sabines Mundwinkel zuckten, aber sie enthielt sich jeden Kommentars.

So verlief das Abendbrot in friedlichem Einvernehmen. Tessa erzählte kichernd von dem letzten Streich ihrer Freundin, der frechen rothaarigen Rita, die das Klassenbuch auf der Rückseite mit Schnellkleber bestrichen hatte.

»Der arme Herr Werth! Er hat das Klassenbuch einfach net mehr vom Pult wegbekommen«, schloss sie.

»Ich hoff nur, sie ist ordentlich dafür bestraft worden. Das Madel ist kein guter Umgang für dich«, meinte Zenzi erbost.

»Der Herr Werth hat gesagt, er denkt sich etwas aus ...«

»Und sicher vergisst er es dann wieder«, beendete Zenzi aufgebracht den Satz.

»Oder wir diskutieren über die Bestrafung«, entgegnete Tessa vergnügt.

»Früher war alles ganz anders! Da hatten die Kinder noch Ehrfurcht vor ihren Lehrern. Wohin soll das nur führen.«

»Wir haben aber den Herrn Werth alle gern und gehen auch gern in die Schule«, fiel ihr Tessa ins Wort.

»Wenigstens das«, gab Zenzi säuerlich zurück.

»Und wie war das mit der Süßspeise?«, fragte Tessa nach und lächelte sie so schelmisch an, dass der strengen Zenzi das Herz dahinschmolz.

»Das wirst du gleich sehen.«

Es gab tatsächlich die Mandelcreme, eine der Spezialitäten Zenzis. Pankraz verlor alle Zurückhaltung und löffelte genießerisch seine Portion, zuletzt stieß er einen Seufzer aus und lehnte sich zufrieden auf seinem Stuhl zurück. Allerdings mied er den Blick seiner Schwiegertochter.

Er wusste, dass Sabine sich aufrichtig um seine Gesundheit sorgte, und trotz der häufigen Geplänkel wegen seines Essverhaltens waren sie einander sehr zugetan. Darüber hinaus empfand er große Dankbarkeit für sie, denn sie hatte aus seinem vereinsamten Sohn wieder einen glücklichen Mann gemacht und ihm die geliebten Enkel geschenkt.

***

Später, nachdem die Kinder zu Bett gegangen waren und ihr Großvater ihnen eine Gutenachtgeschichte vorgelesen hatte, setzten sich alle noch eine Weile zu einem Glaserl Wein auf die Terrasse, um den milden Frühsommerabend zu genießen.

Nun fasste Dr. Burger knapp zusammen, was sich auf dem Friedhof von St. Christoph zugetragen hatte. Seine innere Erschütterung war ihm immer noch anzumerken.

»Wie alt ist die unglückliche Frau denn?«, wollte Sabine wissen.

»Höchstens Mitte vierzig. Sie hat immer hart arbeiten müssen, das hat man ihr angesehen«, gab ihr Mann Auskunft.

»Also noch mitten im Leben.«

»Immer mehr Menschen erkranken schon in jüngeren Jahren an Krebs, und manche überstehen es nicht«, erwiderte er bedauernd.

»Was hat sie denn hier gewollt?«, mischte sich Zenzi in das Gespräch ein.

»Sie hat das Grab ihrer Eltern besucht, aber darüber hinaus hat sie noch weitere Pläne gehabt. Am schlimmsten finde ich, dass das Schicksal es ihr net mehr gestattet hat, sie vor dem Ende ihres Lebens in die Tat umzusetzen. Das hat ihr nämlich sehr am Herzen gelegen, und deshalb hat sie mir auch noch die Papiere anvertraut, bevor sie ins Koma gefallen ist.«

»Du wirst dich sicher darum kümmern, wie ich dich kenne«, meinte Sabine.

»Ja. Und vielleicht kann einer von euch mir schon weiterhelfen. Auf dem Umschlag stand der Name ihres Sohnes, er heißt Mathis Kerner. Das ist auch der Name seiner Großeltern, die von hier stammen. Kennt ihr die Familie?«

Pankraz zog überlegend die Brauen zusammen.

»Das ist schon lang her. Die hatten einen kleinen Hof in einem Weiler, mehr weiß ich net.«

Zenzi jedoch verfügte über eine weitaus größere Fülle an Wissen, was die Bewohner von St. Christoph und Umgebung betraf. Das war darauf zurückzuführen, dass die Jeggl-Alma, die Besitzerin des Gemischtwarenladens, ihre Busenfreundin war.

Das Geschäft befand sich unweit des Doktorhauses in der Kirchgasse und diente gleichzeitig als Treffpunkt der Dorffrauen und Bäuerinnen, was zu allerhand Klatsch und Getratsche führte.

Auch wenn Dr. Burger den Tratsch aufs Schärfste missbilligte, so hatte er durch Zenzi doch schon manches erfahren, was ihm zu einem besseren Verständnis für die Lebenssituation eines Patienten verholfen hatte.

»Arme Leut waren die Kerners«, wusste Zenzi zu berichten. »Sie mussten sich von Jahr zu Jahr durchschlagen, denn sie hatten nur ein paar Äcker, die net viel hergaben. Eine Tochter haben sie gehabt, erinnere ich mich, aber die ist verschwunden, kaum dass sie volljährig war. Darüber sind sie net hinweggekommen, heißt es. Früh sind sie gestorben, alle beide, und der Hof ist verfallen. Schließlich hat der Nachbar das Land aufgekauft und sonst alles dem Erdboden gleichgemacht. Eine traurige Geschichte, wenn man mich fragt.«

»Und die Tochter ist zum Sterben hierhergekommen«, warf Pankraz ein.

Sein Glaserl Wein, bester Veltliner aus dem Weinviertel, wollte ihm plötzlich nicht mehr schmecken.

Die Stimmung hatte sich unversehens verdüstert, und ein kühler Abendwind kam auf, der alle frösteln ließ.

»Ich glaube, ich schreibe noch ein bisserl an meiner Chronik«, sagte Pankraz und erhob sich als Erster.

Die anderen taten es ihm gleich. Zenzi verschwand noch einmal in der Küche, während Pankraz, sein Glaserl Wein in der Hand, das Kabinettl ansteuerte.

Seit Jahren schon schrieb er an seiner Zillertaler Chronik, sammelte unentwegt Legenden und Dorfgeschichten, die er in Kirchenbüchern und Archiven fand. Vieles war auch nur mündlich weitergegeben worden, und so hatte ihm nicht selten ein altes Weiblein in abgelegenen Weilern alte Sagen und Märchen ganz aus dem Gedächtnis erzählt.

Die Kinder liebten seine Geschichten, doch manche waren so unheimlich und grausam, dass sie schon Angst und Schrecken in ihnen hervorgerufen hatten. Nachts waren Tessa und Filli dann von Albträumen gequält worden, sodass sie Zuflucht im Bett ihrer Eltern gesucht hatten.

Danach war Pankraz untersagt worden, »gruselige« Geschichten vorzulesen, und er beschränkte sich inzwischen auf Märchen, die von schönen Waldfeen und gütigen Berggeistern handelten, die Verirrten weiterhalfen.

»Komm, Poldi, Zeit für das Körbchen«, rief er dem Rauhaardackel zu, der ausnahmsweise sofort gehorchte.

Martin und Sabine stiegen ins Obergeschoss, um wie jeden Abend, ehe sie zu Bett gingen, nach den Kindern zu sehen.

Laura schlief mit halb offenem Mund, ihr Plüschtier »Fröschli« fest an sich gedrückt. Tessa atmete kaum hörbar und hielt ein Kissen umarmt. Sabine zog die halb heruntergeglittene Decke zurecht und strich ihr leicht über das dunkle Haar.

Filli umklammerte sogar im Schlaf noch sein Lieblingsauto, einen roten Feuerwehrwagen.