Der Bergdoktor 2077 - Heimatroman - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor 2077 - Heimatroman E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Irgendetwas stimmt mit diesem Mann nicht! Darüber sind sich die Dörfler einig. Lukas Spengler wohnt seit einigen Monaten in St. Christoph, aber kaum jemand bekommt ihn zu Gesicht. Tagsüber verlässt er sein Haus niemals, die Fenster sind mit dichten Vorhängen verhängt. Nur nachts sieht man ihn manchmal in seinem Garten. Welches Geheimnis hütet der einsame Mann? Als Marisa, die seit einiger Zeit unter Schlafstörungen leidet und sich dann stundenlang im Bett herumwälzt, schließlich aufsteht und in den Garten geht, begegnet sie Lukas. In dieser Nacht erfährt sie nicht nur sein Geheimnis, sondern sie verliert ihr Herz ...

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Seitenzahl: 126

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Inhalt

Cover

Sonnenstrahl des Herzens

Vorschau

Impressum

Sonnenstrahl des Herzens

Sie war immer für andere da – und vergaß ihre eigenen Träume

Von Andreas Kufsteiner

Irgendetwas stimmt mit diesem Mann nicht! Darüber sind sich die Dörfler einig. Lukas Spengler wohnt seit einigen Monaten in St. Christoph, aber kaum jemand bekommt ihn zu Gesicht. Tagsüber verlässt er sein Haus niemals, die Fenster sind mit dichten Vorhängen verhängt. Nur nachts sieht man ihn manchmal in seinem Garten. Welches Geheimnis hütet der einsame Mann?

Als Marisa, die seit einiger Zeit unter Schlafstörungen leidet und sich stundenlang im Bett herumwälzt, schließlich aufsteht und in den Garten geht, begegnet sie Lukas.

In dieser Nacht erfährt sie nicht nur sein Geheimnis, sondern sie verliert ihr Herz ...

Bleigraue Wolkentürme ballten sich über dem Zillertal zusammen und ließen nicht den kleinsten Strahl Morgensonne durch. Das dumpfe Donnergrollen in der Ferne riss kaum noch ab und verhieß nichts Gutes.

In den Nachrichten wurde vor den Unwettern gewarnt, die über die Berge zogen und mit Sturm, Hagelschauern und Blitzschlägen für Verwüstung sorgten. Wer nicht unbedingt hinausmusste, sollte in den nächsten Stunden besser daheimbleiben.

Diese Wahl hatte der Bergdoktor nicht. Vom Windeck-Hof war ein Notruf mit der Bitte um schnelle Hilfe gekommen. Die Bäuerin war im Stall verletzt worden. Etwas Genaueres wusste er noch nicht. Nur, dass es schlimm stehen musste, sonst hätte ihn der Bauer nicht so früh am Morgen aus dem Bett geholt.

Dr. Martin Burger umklammerte das Lenkrad fester, als eine Sturmbö über seinen Geländewagen hinwegfegte und ein Ruck durch das Fahrzeug ging, als wäre es ein Stier, der zur Seite ausbrechen wollte.

Sorgenvoll spähte der Bergdoktor zum Himmel. Verflixt, das sah nicht gut aus. Er konnte von Glück sagen, wenn er es bis zum Hof schaffte, bevor der Himmel seine Schleusen öffnete und ein Platzregen niederging, der alles überschwemmte!

Während der Nacht war es im Doktorhaus drückend heiß gewesen. Daran hatten auch die weit aufgerissenen Fenster nichts ändern können. Viel Schlaf hatte seine Familie nicht bekommen.

Dabei hatte der Sommer noch nicht einmal richtig angefangen. Wenn es wieder einmal so heiß wurde in der Nacht, könnten sie ihre Schlafstellen vielleicht in den Garten verlegen. Das würde den Kindern bestimmt gefallen. Ein Abenteuer direkt vor ihrer Haustür.

Mitten in seine Gedanken hinein, zerriss in der Ferne ein silbriger Blitz das Dunkel.

Unwillkürlich zählte Martin Burger die Sekunden mit. Zehn ... elf ... zwölf ...

Das Grollen wurde lauter.

Noch vier Kilometer war das Gewitter entfernt. Und es kam näher! Der Sturm jagte die Wolkengebilde über den Himmel und zerrte an den Wipfeln der Kiefern, welche die gewundene Bergstraße säumten.

Der Bergdoktor richtete den Blick konzentriert auf die Straße. Er hatte den größten Teil seines Lebens hier im Zillertal verbracht, und er wusste, wie unberechenbar Unwetter heroben sein konnten. Man musste jederzeit mit einer unliebsamen Wendung rechnen ...

Wie zur Bestätigung tauchte hinter einer Kurve plötzlich ein umgestürzter Baum auf, der die Fahrbahn versperrte.

Endstation!

Der Stamm der Kiefer war so dick, dass ein Mann ihn nicht mit beiden Armen umfassen konnte. Mannshoch ragte der Wurzelballen in die Höhe. Dr. Burger seufzte verhalten. Hier gab es vorerst kein Durchkommen.

Er hielt an, griff zu seinem Mobiltelefon und gab durch, dass die Kameraden von der Feuerwehr die Straße räumen mussten. Mona hatte an diesem Morgen Dienst in der Leitstelle und versprach, das weiterzugeben. Sie warnte ihn jedoch auch, dass alle Teams bereits im Einsatz waren und dass es Stunden dauern würde, bis sich jemand um den Baum kümmern konnte.

Der Sturm sorgte in der gesamten Umgebung für Schwierigkeiten. Sobald ein Team frei wurde, würde sie es heraufschicken.

Dr. Burger bedankte sich und legte sein Telefon auf den Beifahrersitz. Dann wendete er seinen Wagen und fuhr ein Stück zurück, bis ein Forstweg von der Straße abging. Hier bog er ab und fuhr durch den Krähenwald weiter.

Das war ein Umweg, der ihn nicht nur wertvolle Zeit kostete, sondern auch tüchtig durchrüttelte. Der Untergrund war steinig und uneben. Dr. Burger steuerte seinen Wagen um die ärgsten Bodenlöcher herum, trotzdem rumpelte es gehörig.

Ab und zu trommelte etwas auf das Dach seines Autos. Kiefernzapfen! Der Sturm ließ sie regelrecht von den Bäumen regnen.

Dr. Burger fuhr weiter, so schnell es eben ging.

Er lebte in St. Christoph, einem hoch gelegenen Dorf im Zillertal. Das Doktorhaus stand am Waldrand, nur einen Steinwurf von der weißen Kirche entfernt.

Seine Praxis war im Anbau untergebracht. Die Behandlungszimmer waren hochmodern und verfügten über allerlei neue medizinische Geräte. Die waren auch häufig dringend notwendig, weil das Dorf bei Unwettern oder kräftigen Schneefällen immer wieder mal von der Außenwelt abgeschnitten war. Und erfahrungsgemäß kam es meistens gerade dann zu Notfällen, die weiterführende Untersuchungen erforderten.

Martin Burger liebte seine Arbeit und kümmerte sich gern als Hausarzt um das Wohlergehen seiner Patienten. Er hatte immer ein offenes Ohr, auch bei privaten Sorgen, und so wurde er im ganzen Tal liebevoll »Bergdoktor« genannt.

Erneut schlug etwas lautstark auf sein Autodach.

Ein abgerissener Ast! Unwillkürlich zog er den Kopf ein und drosselte das Tempo.

Endlich lichtete sich der Wald vor ihm und gab den Blick auf grüne Hänge frei. Bei schönem Wetter hatte man von hier oben einen herrlichen Ausblick auf die Zillertaler Berge. Jetzt verhüllten Wolkenschleier die Sicht und tauchten alles in diesiges Grau.

***

Der Windeck-Hof stand auf einer Anhöhe. Ein Stall und eine Scheune schlossen sich an das gepflegte Bauernhaus an. An einer Hauswand rankte sich ein uralter Marillenbaum empor. Das Anwesen wurde seit fünf Generationen von der Familie Windeck bewirtschaftet.

Seit einigen Jahren führten Magnus und seine junge Frau Gesa den Betrieb. Kinder hatten sie noch nicht. Neben der Haltung von Milchkühen und Hühnern züchteten sie auch Hunde. Die waren die Leidenschaft der jungen Bäuerin. Ihre Mopswelpen waren kerngesund und begehrt. Sie wurden bis nach Deutschland und die Niederlande verkauft.

Auf dem Wanderweg, der am Hof vorbeiführte, kämpfte ein einsamer Mann gegen den Sturm an. Er lief vornübergebeugt und hielt seinen Hut mit einer Hand fest, während die andere unter den Riemen seines Rucksacks geschoben war. Seine festen Wanderschuhe und die Funktionskleidung wiesen ihn als Wanderer aus. Aber bei diesem Wetter?! Der Unbekannte schien geradewegs am Hof vorbei und hinauf zum Hexenstein marschieren zu wollen.

Was, um alles in der Welt, hatte er denn vor?

Alarmiert hielt Dr. Burger seinen Wagen an, stellte den Motor ab und stieg aus.

»Hallo?«, rief er. »Brauchst du vielleicht Hilfe?« Er duzte den Fremden, wie es heroben üblich war, auch wenn man sich nicht kannte.

Der Wanderer drehte sich um und kam die wenigen Meter zurück.

»Hilfe? Na, ich brauch keine Hilfe.«

»Bis zur nächsten Almhütte sind es gut zwei Stunden Fußmarsch. Das schaffst du nimmer, bis das Wetter losbricht.«

»Das hoffe ich auch sehr.« Der Unbekannte grinste unter seiner Hutkrempe hervor. »Ich will spektakuläre Fotos von dem Gewitter schießen. Für meinen Blog. Ich bin der Strobl-Rufus«, stellte er sich vor und zog erwartungsvoll eine Braue hoch.

Martin Burger sagte der Name nichts.

»Ich führe den Blog ›Bergfeuer‹.« Der Bursche neigte den Kopf. »Der ist ziemlich bekannt.«

»Ich fürchte, ich bin net oft genug im Internet unterwegs, um den zu kennen, aber eines weiß ich: Uns steht ein schweres Unwetter bevor. Du solltest umkehren und dir ein sicheres Dach über dem Kopf suchen. Ich kann dich nachher auch mit ins Dorf nehmen, wenn du magst.«

»Das ist wirklich net nötig. Hab mich ja extra wegen des Wetters an den Aufstieg gemacht.«

»Es könnte gefährlich werden ...«

»Das stört mich net. Ein bisserl Nervenkitzel macht ja gerade den Reiz aus. Alles gut. Ich bleibe eine Weile im Dorf. Wir sehen uns sicherlich noch. Servus!«

»Warte ...« Dr. Burger schüttelte den Kopf, als sich der junge Bursche umwandte und davonstapfte – offenkundig taub für die Warnungen. Und er marschierte geradewegs auf die dunkle Wolkenwand zu ...

Wem net zu raten ist, dem ist net zu helfen, ging es ihm durch den Kopf. Sorgenvoll umrundete er sein Auto und nahm seine Einsatztasche samt Handy vom Beifahrersitz.

Als er sich kurz darauf dem Stall näherte, stürmte ihm der hochgewachsene Jungbauer entgegen und wedelte aufgeregt mit den Armen.

»Gott sei Dank, sind Sie da, Herr Doktor!« Magnus stieß hörbar den Atem aus. Er trug nichts als Jeans und ein T-Shirt, das einmal weiß gewesen sein musste, auf dem sich jetzt jedoch dunkelrote Flecken abzeichneten. Auch seine Hände waren blutrot verschmiert.

Dr. Burger stürmte auf ihn zu.

»Wo ist Gesa?«

»Drinnen!« Magnus deutete hinter sich zum Stall. »Bei der Erna, unserer besten Milchkuh, hat sich die ganze Nacht das Kalben angekündigt, aber es ging net voran. Das Kalb lag net richtig, und der Tierarzt war net greifbar. Seine Frau sagte am Telefon etwas von einem Notfall drüben in Bergfelden. Also wollte die Gesa das Kleine selber drehen, aber die Mutter hat sie getreten. Genau vor die Brust. Seitdem kann Gesa schlecht atmen, und sie hustet Blut! Ich hab furchtbare Angst um sie.«

Eine oder mehrere gebrochene Rippen, raste es dem Bergdoktor durch den Kopf. Vermutlich ragte mindestens eine in die Lunge. Das war ganz und gar nicht gut!

»Hast du den Rettungswagen gerufen?«

»Hab ich. Er soll in ...« Magnus spähte auf seine Armbanduhr. »... in dreizehn Minuten hier sein.«

»Vermutlich wird es ein bisserl später. Ein Baum versperrt die Straße hierherauf. Ich bin durch den Wald gefahren, das wird der Rettungswagen auch müssen.« Dr. Burger deutete zum Stall. »Bringst du mich zu ihr?«

»Freilich. Bitte, kommen Sie hier entlang, Herr Doktor.« Der junge Landwirt eilte mit langen Schritten voran.

Im Inneren des Stalls war es hell und warm. Der Geruch von Stroh und Tieren mischte sich mit einem anderen, metallenen, der dem Arzt Sorgenfalten in die Stirn grub.

Magnus führte ihn zu einer Box, die von den anderen Tieren abgetrennt war. Darin standen eine braun gefleckte Milchkuh mit ihrem Kälbchen. Auf dürren Beinchen stakste es durch das Stroh.

Die junge Bäuerin saß an das Holz der Box gelehnt und hielt den Kopf gesenkt. Ihr Atem kam mühsam und rasselnd. Blut sickerte von ihrem Mundwinkel. Sie blickte nicht auf, als er sich vor sie kniete.

»Gesa, ich bin es, Doktor Burger. Kannst du mich hören?«

Nun hob sie doch den Kopf, schien jedoch durch ihn hindurchzusehen. Ein heftiger Hustenanfall schüttelte sie. Blut sprühte. Ihre bläulich verfärbten Lippen verhießen nichts Gutes. Sie bekam nicht genügend Sauerstoff!

Wenn sich eine Rippe in ihre Lunge gebohrt hatte, konnte jede Bewegung ihren Zustand dramatisch verschlechtern.

»Ich muss dich untersuchen, Gesa, damit ich weiß, wie ich dir helfen kann. In Ordnung? Ich werde vorsichtig sein, das verspreche ich dir.« Er tastete nach ihrem Puls, als sie sich plötzlich aufbäumte und röchelnd an die Kehle griff.

Was er befürchtet hatte, war eingetreten: Ihre Lunge kollabierte! Ein Pneumothorax!

Der Rettungswagen würde in frühestens acht Minuten hier sein, aber der jungen Bäuerin blieben keine acht Minuten mehr.

Noch nicht einmal fünf!

»Deine Lunge fällt in sich zusammen, Gesa. Dadurch bekommst du net genügend Luft. Ich muss eine Drainage legen. Das wird wehtun, aber danach kannst du wieder atmen.« Der Bergdoktor öffnete seine Tasche und zog ein Skalpell, Mull und einen Drainageschlauch heraus. Seine Patientin krallte die Finger ins Stroh. Er setzte einen Schnitt am zweiten Rippen-Zwischenraum und führte den Schlauch ein.

Zischend entwich die Luft aus dem Pleuraspalt. Der Unterdruck in der Lunge war wiederhergestellt. Gesa schnappte japsend nach Luft.

»Bleib ganz ruhig sitzen«, mahnte er und klebte den Schlauch mit Pflaster fest. Gesa war immer noch alarmierend blass. Er maß ihren Blutdruck und erkannte bestürzt, dass der viel zu niedrig war. Eine bläuliche Schwellung zeichnete sich auf ihrem Brustkorb ab.

Unwillkürlich knirschte er mit den Zähnen. Blutete sie womöglich in den Brustkorb hinein?

Sie musste so schnell wie möglich ins Krankenhaus, wo sie gründlich untersucht werden konnte!

»Was kann ich tun, um zu helfen, Herr Doktor?« Die Stimme des Jungbauern vibrierte. Er musste nicht fragen, um zu wissen, dass es schlimm um seine Frau stand. Sehr schlimm sogar.

»Warte draußen auf den Rettungswagen und lotse die Helfer her, sobald sie eintreffen«, bat Dr. Burger.

»Mach ich.« Magnus nickte und ließ keinen Blick von seiner Frau. »Bitte, Herr Doktor, retten Sie Gesa. Sie ist mein Ein und Alles.«

»Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht«, versprach Dr. Burger ihm und hoffte inständig, dass das genug sein würde.

***

Drei Bergsteiger bei Blitzschlag am Schwarzachsteig verletzt. Die Rettung musste ausrücken, um die Urlauber vom Berg zu holen ...

Mei, wer geht denn bei einem Gewitter zum Klettern? Zenzi Bachhuber schaute von der »Tiroler Tageszeitung« auf und zuckte zusammen, als vor dem Fenster ein greller Blitz aufflammte. Nur einen Atemzug später krachte ein Donnerschlag, der die Kaffeebecher auf dem Regal klirren ließ.

Gestern ein Gewitter und heute schon wieder eines, sann sie. Noch dazu so früh am Morgen. Das Wetter wurde auch immer turbulenter. Hoffentlich gab es nicht gleich wieder ein Unglück am Berg. Schlimm genug wütete das Wetter auf jeden Fall.

Sie trat ans Küchenfenster und spähte hinaus in den Garten. Den hegte und pflegte sie liebevoll. Deshalb blutete ihr auch das Herz, als sie nun mit ansehen musste, wie sich Hagelkörner, groß wie Taubeneier, in den Regen mischten.

Und der Sturm! Der zerrte an den Obstbäumen, riss Äste ab und wirbelte alles umher, was nicht niet- und nagelfest war. Die Tomaten knickten wie Strohhalme, dabei hatte sie die erst am vergangenen Wochenende angebunden. Gegen den Hagel hielt das freilich nicht.

Und die Himbeeren? Die hatten im letzten Jahr getragen wie noch nie. Reichlich Himbeerkuchen hatte sie damit gebacken. Ob das heuer wieder gelingen würde? Hoffentlich ruinierte das Unwetter nicht gerade alles!

Eine Sturmbö fauchte rüttelnd um das Fenster.

Unwillkürlich prüfte Zenzi, ob es auch wirklich gut verschlossen war. Dabei richtete sie den Blick hinauf zum Hexenstein. Am Fuß des schrundigen Berges stand der Windeck-Hof. Dorthin war der Bergdoktor am frühen Morgen gerufen worden. Weil ihr Zipperlein sie bei dem schwülwarmen Wetter nicht hatte schlafen lassen, war Zenzi bei seinem Aufbruch hellwach gewesen.

Hoffentlich passiert ihm auf der Fahrt nix, sorgte sie sich. Die Straßen waren alles andere als sicher bei diesem Wetter.

Ein stummes Gebet stieg aus ihrem Herzen in den Himmel hinauf. Sie kümmerte sich seit über vierzig Jahren um die Bewohner des Doktorhauses. Begonnen hatte sie als Wirtschafterin, aber inzwischen war sie längst ein Teil der Familie. Trotz der langen Zeit würde sie sich wohl niemals daran gewöhnen, wenn sich jemand von ihren Lieben in Gefahr begab. Die Notfalleinsätze des Bergdoktors waren häufig riskant, und jedes Mal konnte sie erst aufatmen, wenn er wohlbehalten wieder daheim war.

Fröhliches Gelächter hallte durch das Doktorhaus. Die Kinder störten sich nicht an dem Gewitter, das über ihr Heimattal hinwegzog. Sie spielten mit dem Familiendackel, ließen sich von ihm durch das Haus jagen, kullerten mit ihm über den Boden und juchzten, wenn er ihnen Gesicht und Hände abschleckte.

Die Türklingel riss Zenzi aus ihren Gedanken.

Sie lief durch den Hausflur, öffnete und prallte zurück, als eine Bö ihr einen Schwall Regenwasser entgegenwehte.