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Das Jammertal liegt nur einen Steinwurf von St. Christoph entfernt - und doch ist es wie eine eigene Welt: einsam, verwildert, fast unbewohnt. Nur ein Hof wird dort noch bewirtschaftet - von den Haidingers, die jeden Fremden misstrauisch beäugen. Als der Bergdoktor zu einem Hausbesuch gerufen wird, findet er den alten Friedrich Haidinger im Sterben. Der Patient kann kaum noch sprechen - und doch spürt Dr. Burger, dass der Mann etwas loswerden will, bevor es zu spät ist. Auf dem Rückweg glaubt der Bergdoktor dann, im Gebüsch ein blasses Kind gesehen zu haben. Ein Irrtum, sagt der Förster. Im Jammertal gibt es keine Kinder. Doch kurz darauf berichtet auch Dr. Burgers Tochter von einem verwahrlosten Mädchen, das sie beobachtet hat. Aber niemand vermisst ein Kind. Niemand kennt ein Kind. Und trotzdem lässt der Gedanke den Bergdoktor nicht mehr los: Was, wenn im Jammertal jemand lebt, der offiziell gar nicht existiert?
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Seitenzahl: 131
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Inhalt
Dr. Burger und das Mädchen aus dem Jammertal
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
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Rikes Schicksal bringt selbst den Bergdoktor an seine Grenzen
Von Andreas Kufsteiner
Das Jammertal liegt nur einen Steinwurf von St. Christoph entfernt – und doch ist es wie eine eigene Welt: einsam, verwildert, fast unbewohnt. Nur ein Hof wird dort noch bewirtschaftet – von den Haidingers, die jeden Fremden misstrauisch beäugen.
Als der Bergdoktor zu einem Hausbesuch gerufen wird, findet er den alten Friedrich Haidinger im Sterben. Der Patient kann kaum noch sprechen – und doch spürt Dr. Burger, dass der Mann etwas loswerden will, bevor es zu spät ist.
Auf dem Rückweg glaubt der Bergdoktor dann, im Gebüsch ein blasses Kind gesehen zu haben. Ein Irrtum, sagt der Förster. Im Jammertal gibt es keine Kinder.
Doch kurz darauf berichtet auch Dr. Burgers Tochter von einem verwahrlosten Mädchen, das sie beobachtet hat. Aber niemand vermisst ein Kind. Niemand kennt ein Kind. Und trotzdem lässt der Gedanke den Bergdoktor nicht mehr los: Was, wenn im Jammertal jemand lebt, der offiziell gar nicht existiert?
Dr. med. Martin Burger, genannt der Bergdoktor, hatte den Großteil seines Lebens im Zillertal verbracht. Er war in dem idyllischen Ort St. Christoph aufgewachsen. Als Landarzt und begeisterter Bergsteiger kannte er St. Christoph vom Tal bis zu den Gipfeln der sechs Berge, die den Ort bewachten: vom Kirchplatz, wo sich schmucke Häuser um die Pfarrkirche mit ihrem Zwiebelturm scharten, bis zu den abgelegensten Berghöfen und Weilern, von Altenacker am Kuckuckssee bis nach Mautz jenseits des Hexensteins oder hinauf nach Hohenluft.
Doch es gab Gegenden, in die auch er nur selten kam: etwa das sogenannte Jammertal. Es war klein, zerklüftet, auf einer unwegsamen Straße zu erreichen und nahezu unbewohnt. Der einzige Hof dort – sofern man die bescheidene Landwirtschaft so nennen wollte – gehörte der Familie Haidinger.
»Na endlich! Schauen Sie zu, dass Sie den Vater wieder auf die Beine kriegen«, empfing Eckehart Haidinger den Bergdoktor knurrig an der Tür des Wohngebäudes.
Der Jungbauer musste um die vierzig sein. Nicht, dass er seinen runden Geburtstag mit den Spezln beim Ochsenwirt in St. Christoph gefeiert hätte! So etwas gab es für die Haidingers nicht. Erstens blieb man unter sich und misstraute allen, die nicht zur Familie gehörten. Und zweitens bestand der einzige Zweck des Lebens in harter Arbeit. Feste, Vergnügungen und Müßiggang jeder Art waren dem alten Haidinger ein Gräuel, und sein Sohn schien ganz nach ihm zu geraten.
Argwöhnisch lehnte er sich aus der Haustür und hielt Ausschau, ganz so, als befürchtete er, Dr. Burger könnte eines der vielen Laster aus dem Ort mitgebracht haben.
Hinter Eckehart stand die Jungbäuerin Heidrun, die Hände ineinander verkrampft. Sie war die Schwester des Bauern und mit fünfunddreißig, erzählte man sich, noch unberührt wie die Jungfrau Maria. Ihr Bruder ebenso. Wie sollten sie auch Partner finden, wenn sie von früh bis spät auf ihrem abgelegenen Hof schufteten?
Trotzdem hatte Dr. Burger nie gehört, dass sich die beiden über ihr freudloses Dasein beklagt hätten. Vielmehr eiferte Eckehart seinem Vater in allem nach. Und Heidrun blieb still und ergeben an seiner Seite. Man konnte auch sagen: Sie verkümmerte, durchfuhr es den Bergdoktor beim Anblick ihres hageren, verhärmten Gesichts.
»Folgen Sie mir, Herr Doktor«, bat sie ihn mit gesenktem Kopf. »Ich bringe Sie zum Vater.« Unwillig trat Eckehart zur Seite, um Martin Burger einzulassen.
Hinter Heidrun schritt der Bergdoktor durch die dunkle Diele. Alle Türen, die davon abführten, waren geschlossen, sodass er keinen Blick in die Küche oder Stube erhaschen konnte.
Die Jungbäuerin blieb vor dem Kabinett stehen und klopfte.
»Bist du wach, Vater?«, rief sie halblaut. »Der Herr Doktor ist da, um nach dir zu sehen.«
Sie erhielt keine Antwort. Nach kurzem Warten öffnete sie die Tür.
Sogleich schlug dem Bergdoktor ein vertrautes Aroma entgegen. Der Krankengeruch – anders konnte man ihn nicht nennen – erfüllte das gesamte Kabinett.
Dieses war spärlich möbliert. Es gab darin einen Schrank, eine Regalwand und einen Schreibtisch, auf dem ein kleiner, alter Röhrenbildschirmfernseher stand. Er war zum ausziehbaren Sofa hin gewandt, das als Bett diente.
Dr. Burger trat näher. Mit geschultem Blick musterte er den Altbauern auf dem Sofa. Die gelbliche Gesichtsfarbe des Haidingers, seine trüben Augen und die eingefallenen Wangen, von denen die Haut in schlaffen Falten hing, bestätigten seinen Verdacht: Um den Patienten stand es schlimm. Sehr schlimm sogar! Womöglich würde heute noch sein letztes Stündlein schlagen.
»Wie lange ist er schon krank?«, fragte er, ohne sich umzuwenden.
Der Haidinger schien zwar zu begreifen, dass neben ihm jemand stand, doch in seinen Augen sah Dr. Burger weder Neugier noch Erkenntnis.
Eckehart trat neben den Bergdoktor. Er war nicht allzu groß gewachsen, dafür aber stämmig wie ein Ochse.
»Eine Zeit lang halt«, erwiderte er knapp. »Spielt das eine Rolle?«
Von der Tür her ergänzte Heidrun in einem Flüsterton: »Seit dem Herbst hat sich sein Zustand jeden Tag verschlechtert. Ich hab ihn oft angefleht, Sie zu rufen ...«
»Herrje, wir kennen deine alte Leier!«, fiel ihr Eckehart barsch ins Wort. »Und der Bergdoktor schert sich genauso wenig drum wie ich.« Er wandte sich an Martin Burger: »Meine Schwester hat sich in den Kopf gesetzt, dass Sie am Vater ein Wunder vollbringen können.« Sein abschätziger Ton ließ keinen Zweifel daran, was er selbst davon hielt. »Also, dann schauen Sie zu, dass Sie ihn wieder auf die Beine kriegen!«
»Das übersteigt wohl die Grenzen dessen, was Medizin vermag«, erwiderte Dr. Burger bedauernd. In Gedanken ging er rasch seine Möglichkeiten durch. »Leidet er unter starken Schmerzen? Ich kann ihm etwas geben, um sie zu lindern ...«
»Auf keinen Fall!«, unterbrach ihn Eckehart mit Bestimmtheit. »Das wär' ihm gar nicht recht. Pulver und Tabletten sind für das verweichlichte Stadtvolk. Damit hat er sein Leben lang nichts anfangen können.«
Dr. Burger schaute von ihm zu dem Patienten. Dieser öffnete den Mund. Doch nur ein Stöhnen entrang sich seiner Kehle.
Sogleich eilte Heidrun an den Männern vorbei zu ihm. Sie sank vor dem Sofa auf die Knie und umfasste die fleckige, blutleere Hand ihres Vaters.
»Sag nichts!«, bat sie ihn eindringlich. »Davon wird's nur schlimmer. Beweg stattdessen den Kopf. Ein Nicken für Ja, ein Schütteln für Nein. Wie wir es geübt haben.« Sie warf einen raschen Seitenblick auf Dr. Burger, und er sah Tränen in ihren Augen schimmern. Doch ihre Stimme klang fest, als sie den Patienten fragte: »Möchtest du ein Schmerzmittel?«
Fast unmerklich bewegte der alte Bauer den Kopf von links nach rechts.
»Hab ich doch gesagt«, grummelte Eckehart. Seine Augen waren trocken. Das Leid seines Vaters schien ihm gleichgültig zu sein – doch dieser erste Eindruck mochte täuschen. Manche Menschen waren schlicht und einfach nicht in der Lage, ihrem Mitgefühl Ausdruck zu verleihen.
Eckehart ergriff Heidruns Arm und zog sie hoch.
»Jetzt geh! Mach dich in der Küche nützlich, statt hier herumzuflennen«, befahl er ihr barsch.
Gehorsam ließ Heidrun die Hand des Altbauern los und huschte mit gesenktem Kopf davon.
»Sie gehen besser auch, wenn Sie eh nichts für ihn tun können«, forderte Eckehart den Bergdoktor auf. Er hob die Stimme, als sollte ihn Heidrun bei der Tür hören: »Ich hab von Anfang an gesagt, Sie zu rufen wär' die größte Schnapsidee!«
Das langte. »Im Gegenteil! Mich zu rufen, wäre vollkommen richtig gewesen«, entgegnete der Bergdoktor scharf. »Nicht erst jetzt, wo es mit ihm zu Ende geht, sondern schon vor einem halben Jahr.«
Der Jungbauer öffnete den Mund. Dr. Burger ließ ihm keine Gelegenheit zu einer Erwiderung.
»Und ich gehe erst dann, wenn mein Patient das will.« Er hockte sich vor das Sofa und griff genau wie zuvor Heidrun nach der Hand des Altbauern. Leise fragte er ihn: »Möchtest du, dass ich bei dir bleibe?«
Der Haidinger bewegte das Kinn von links nach rechts. Zugleich aber umklammerte er mit erstaunlicher Kraft Dr. Burgers Finger.
»Ich«, stöhnte er. »Ich ...«
Fragend sah Dr. Burger zu Eckehart hoch, doch der zuckte mit den Schultern.
»Woher soll ich wissen, was das heißt?« Er wandte sich seinem Vater zu. »Halt den Mund, wenn du nichts Gescheites zu sagen weißt!«, fuhr er ihn an.
Seine Unbeherrschtheit verstörte Dr. Burger. Für einen kurzen Moment glaubte er in Eckeharts Augen etwas flackern zu sehen, das fast wie Furcht aussah. Der Ausdruck aber verschwand im Nu.
So plötzlich, wie sie ihn überkommen waren, verließen den Altbauern die Kräfte. Seine Finger erschlafften, und sein Arm sank zu Boden. Seine hagere Brust hob und senkte sich in gleichmäßigem, wenn auch leicht pfeifendem Atem: Er war eingeschlafen.
Eckehart musterte ihn mit undurchschaubarer Miene.
»Gehen Sie!«, forderte er den Bergdoktor erneut auf, ohne den Blick von seinem sterbenden Vater zu wenden. »Hier gibt es nichts mehr für Sie zu tun.«
Er hatte wohl recht. Trotzdem jagte die Nüchternheit und Gefühlskälte, mit der er dieses Urteil fällte, Dr. Burger einen Schauder über den Rücken.
»Rufen Sie mich an, wenn sich sein Zustand weiter verschlechtert«, bat er Eckehart.
Dieser erwiderte nichts. Seine verschlossene Miene ließ Martin Burger bezweifeln, dass er dem Ersuchen Folge leisten würde. Nach einem letzten, langen Blick auf seinen schlafenden Patienten verließ der Bergdoktor das Kabinett.
Heidrun musste seine Schritte in der Diele hören, denn sie hastete aus der Küche.
»Ist der Vater ...?« Sie führte den Satz nicht zu Ende.
»Er schläft.« Dr. Burger erwiderte ihren Blick. Eindringlich fügte er hinzu: »Ich habe deinem Bruder schon gesagt: Ruft mich bitte sofort an, wenn sich sein Zustand weiter verschlechtert.«
Sie nickte stumm. Im nächsten Moment senkte sie ertappt den Kopf und nestelte nervös an der cremefarbenen Schürze ihres dunkelgrünen Dirndls.
Schwere Schritte näherten sich aus dem Kabinett. Gleich darauf schob sich Eckehart neben den Bergdoktor.
»Zeit zum Herumstehen und Schwatzen hast du alleweil!«, knurrte er seine Schwester an. »Und die Suppe für den Vater kocht sich inzwischen von selbst, oder wie?«
»Wie viel isst er denn?«, warf Dr. Burger rasch ein.
Eckeharts Miene wurde verschlossen, und er antwortete nicht. Mit gesenktem Blick wisperte Heidrun: »Heut' Mittag war's net mal ein Löffel voll.«
Das passte zum Gesamtzustand des Altbauern. Dr. Burger legte eine Hand auf Heidruns Schulter.
»Mach dir keine Vorwürfe«, redete er ihr gut zu. »Sein Körper ist eben am Ende. Du hast immerhin darauf bestanden, dass ein Arzt kommt. Das war vernünftig von dir.« Wenn auch viel zu spät, ergänzte er im Stillen.
Heidrun versteifte sich unter seiner Berührung. Und Eckehart baute sich mit finsterer Miene vor dem Bergdoktor auf. Er reichte diesem zwar nur bis zum Kinn, trotzdem schien er drauf und dran zu sein, sich auf den Landarzt zu stürzen.
»Lassen Sie gefälligst die Finger von ihr!«, herrschte er Martin Burger an. »Kein Bursche darf meine Schwester anfassen, bevor er ihr einen Ring an den Finger steckt. Und ich nehm' net an, dass Sie das wollen.« Die letzten Worte klangen geradezu höhnisch.
Unbeirrt erwiderte Dr. Burger seinen Blick.
»Wenn dir so viel an deiner Schwester liegt, würde ich vorschlagen, dass du ein bisschen freundlicher mit ihr redest.«
Eckeharts Gesicht lief vor Empörung rot an. Der Bergdoktor fuhr fort: »Gerade jetzt wäre es für euch beide wichtiger denn je, dass Bruder und Schwester zusammenhalten. Ihr habt ja nur den Vater und einander.«
Eckehart ballte die Hände zu Fäusten.
»Schleichen Sie sich von meinem Hof!«, herrschte er Dr. Burger an. »Sofort! Oder ...« Mit erhobenen Fäusten machte er einen weiteren Schritt auf den Bergdoktor zu. Sein Atem ging heftig.
Heidrun presste erschrocken eine Hand auf ihren Mund. Ein letztes Mal drückte Dr. Burger tröstend ihre Schulter, ehe er losließ.
Langsam, um Eckeharts Zorn nicht noch mehr herauszufordern, wandte er sich zum Gehen.
»Ihr könnt mich jederzeit anrufen«, erinnerte er die Geschwister, vor allem aber Heidrun. »Auch außerhalb der Praxis-Öffnungszeiten. Für Notfälle bin ich Tag und Nacht erreichbar.«
Mit diesen Worten nahm er seinen Abschied und verließ das ungastliche Haus.
***
Eckeharts zornige Miene verfolgte den Bergdoktor, während er seinen Geländewagen zurück in Richtung St. Christoph lenkte. Das Dahinscheiden eines geliebten Menschen, noch dazu des Familienoberhaupts, war eine schwere Prüfung und Belastung. Da konnte es durchaus passieren, dass unbedachte Worte fielen oder gar jemandem die Hand ausrutschte!
Trotzdem war der Bergdoktor in seiner langjährigen Praxis selten einem so unangenehmen Menschen wie dem Haidinger-Sohn begegnet. Wenn es nach Eckeharts Verhalten seiner Schwester gegenüber ging, verdiente ihr Wohnort seinen Namen Jammertal!
Dabei hatten sie sich für den Hof ein reizendes Fleckchen ausgesucht. Die tief stehende Märzsonne fiel auf die Wiesen entlang des holprigen Fahrwegs und den Wald dahinter und tauchte alles in goldenes Licht. Bis auf den Fahrweg wirkte das Tal idyllisch und naturbelassen, auch von der kleinen Landwirtschaft sah man schon keine Spur mehr. Wurzeln und Steine ragten aus dem Boden.
Nicht zum ersten Mal war der Bergdoktor für die guten Reifen seines Geländewagens dankbar. Die Haidingers besaßen bloß einen Zweispänner für ihre Haflinger. Wahrscheinlich kam außer ihm nie ein Autofahrer hierher!
Kaum dachte Martin Burger das, erspähte er im goldenen Licht vor sich die Kreuzung am Ende des Tals. Der holprige Fahrweg traf dort auf die Straße nach St. Christoph. Ein Geländewagen parkte am Wegesrand. Sein Fahrer hatte die Tür geöffnet und lehnte sich weit aus der Kabine, um mit einem Spaziergänger zu plaudern.
Beide wandten den Kopf nach dem Wagen des Bergdoktors, und der Spaziergänger lüpfte seinen Hut.
»Grüß Sie, Herr Doktor!«
Martin Burger bremste und fuhr rechts ran.
»Grüß dich, Fabian!« Förster Reckwitz' Jagdhund beschnupperte neugierig seinen Geländewagen. Poldi, der Familiendackel der Burgers, war zwar schon eine Weile nicht mehr darin mitgefahren, doch Hasso verfügte über einen ausgezeichneten Geruchssinn!
»Mit wem bist du denn hier verabredet?«, erkundigte sich Martin Burger bei Förster Reckwitz. An eine zufällige Begegnung war in dem fast unbewohnten Tal schwerlich zu glauben; vor allem, weil der Fahrer des Geländewagens ebenfalls die Kleidung eines Försters trug.
Fabian Reckwitz richtete sich zu seiner vollen Größe auf.
»Das ist mein neuer Kollege, Herr Doktor: der Jungförster Alexander Gaberle.«
Der »Neue« sprang dem Wagen. Mit wenigen langen Schritten war er bei Dr. Burger und streckte diesem die rechte Hand entgegen.
»Grüß Gott! Ich bin der Alex. Hier in den Bergen sind ja alle per Du, net wahr?«
»Fast alle«, verbesserte ihn Dr. Burger schmunzelnd. Der feste Händedruck des Burschen gefiel ihm. Die Schwielen an seinen Fingern erzählten von harter Arbeit. »Ich bin Martin Burger, der Landarzt von St. Christoph. Die meisten hier nennen mich den Bergdoktor.«
»Haben Sie Ihre Praxis im Ort?«, erkundigte sich Alex. Auf Dr. Burgers leise Ermahnung hin hatte er sogleich vom vertraulichen Du zum respektvolleren Sie gewechselt. »Das wäre gut zu wissen – falls ich in Zukunft einmal zu Ihren Patienten zählen soll.«
Der Bergdoktor nickte. »Am Ende der Kirchgasse, du kannst die Praxis nicht verfehlen.« Neugierig musterte er den jungen Förster. »Das heißt also, du bleibst längere Zeit hier?«
»So Gott will«, bestätigte der Bursche.
Erklärend warf der Reckwitz ein: »Der Kollege ist der neue Förster des Jammertals. Und wenn Sie mich fragen, Herr Doktor: Diese Entscheidung war längst überfällig! Aber Sie wissen ja, wie langsam die Mühlen der Bürokratie bei uns mahlen.« Missbilligend schüttelte er den Kopf. »Die da oben glauben tatsächlich, unsereins würde tagein, tagaus nur am Hochsitz hocken und dort womöglich auch gleich das eine oder andere Nickerchen halten. Deswegen wär' net viel dabei, wenn wir zu unserem eigenen jahrelang ein fremdes Revier mitbetreuen müssen! Dabei schaut das Leben eines Försters ganz anders aus. Der Tag hat kaum genug Stunden für alles, was ich erledigen muss. Aber das brauch' ich Ihnen net zu erzählen, gell?«
»Das weiß ich«, versicherte ihm Dr. Burger. Als Bub war er oft mit den Spezln durch den Wald gestromert. Und der alte Förster Treichl, der nun sein Patient war, hatte ihm von seinen vielen Pflichten berichtet.
Er wandte sich an Alex. »Dann wohnst du hier im Jammertal? Im Forsthaus?«
