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Ein Baby? Dafür hatte Theresa ganz bestimmt noch keine Pläne. Nach ihrem Abschluss an der Uni wollte sie ihre Freiheit genießen und reisen. Doch jetzt verändern zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest alles. Es war nur dieses eine Mal. Ein Skiwochenende im Zillertal, ein Moment der Unbeschwertheit - und Lukas Brandner, der charmante Skilehrer, der ihr den Kopf verdrehte. Eine Nacht, die mehr bedeutete, als Theresa damals ahnte. Nun werden sie Eltern. Doch Lukas reagiert nicht auf ihre Anrufe und Nachrichten. Also macht sich Theresa selbst auf den Weg ins Zillertal. Inzwischen ist sie im fünften Monat schwanger, aber man sieht es ihr kaum an. Ihre schlanke Figur und die weiten, bunten Kleider verbergen ihr süßes Geheimnis. Als Lukas plötzlich vor ihr steht, ist er völlig überrumpelt. Noch bevor Theresa ihm von dem Baby erzählen kann, zieht er sich zurück. Er nennt ihre gemeinsame Nacht einen Fehler und schließt eine Wiederholung voll und ganz aus. Theresa ist am Boden zerstört. Als sie wegen plötzlicher Beschwerden die Hilfe des Bergdoktors sucht und sich ihm anvertraut, macht er sich große Sorgen. Er kennt den wahren Grund, warum Lukas jede Bindung meidet und nicht im Traum daran denkt, eine eigene Familie zu gründen ...
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Seitenzahl: 128
Veröffentlichungsjahr: 2026
Cover
Inhalt
Ein Tag voller Wunder
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Impressum
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Inhaltsverzeichnis
Inhaltsbeginn
Impressum
Als die Hoffnung schon erloschen war, zeigte das Leben sein schönstes Gesicht
Von Andreas Kufsteiner
Ein Baby? Damit hat Theresa ganz sicher nicht gerechnet. Nach ihrem Uniabschluss wollte sie frei sein, reisen und das Leben genießen. Doch jetzt verändern zwei Striche auf einem Schwangerschaftstest alles.
Es war nur dieses eine Wochenende im Zillertal: Schnee, Leichtigkeit und Lukas Wegscheider, der charmante Skilehrer. Eine einzige Nacht – mit Folgen, die Theresa damals nicht erahnte. Nun werden sie Eltern.
Als Lukas auf keinen ihrer Anrufe reagiert, fährt Theresa schließlich selbst nach St. Christoph, um ihm die Wahrheit zu sagen – und muss erkennen, dass manche Wahrheiten Herzen nicht verbinden, sondern endgültig zerbrechen ...
»Du solltest wirklich noch zum Arzt gehen, bevor wir losfliegen.« Jeanette strich ihr beruhigend über den Rücken. »Es ist doch net normal, dass dir ständig übel ist. Hier daheim kannst du dich zwischendurch ausruhen, aber sobald wir unterwegs sind, wird das nimmer so einfach sein.«
Theresa brachte nur ein gedämpftes Keuchen hervor. Sie kauerte vor der Toilette und hatte soeben das Wenige, das sie sich zum Frühstück hinuntergezwungen hatte, wieder ausgespuckt. Nun ließ das flaue Gefühl in ihrem Magen zwar nach, aber ihre Beine fühlten sich an, als wären sie mit Pudding gefüllt.
Sie stemmte sich hoch, spülte sich den Mund aus und sank dann matt auf den Rand der Badewanne. Der Blick ihrer Freundin – die zugleich auch ihre Mitbewohnerin war – bohrte sich in ihr blasses Gesicht.
»Theresa?«
Was sollte sie bloß antworten?
Die Wahrheit steckte wie ein dicker Klumpen in ihrer Kehle und wollte ihr noch nicht über die Lippen. Sie strich sich mit dem Handrücken über die Stirn, als könnte sie damit die Erinnerungen in ihrem Kopf vertreiben. Erinnerungen an sonnige Tage im Zillertal, an die Stunden, die sie mit Lukas verbracht hatte, und an die unausweichliche Trennung ...
Auf der Ablage standen die beiden wasserfesten Taschen, die Jeanette und sie bereits mit Seifenstücken, Medikamenten und der nötigsten Kosmetik für ihre Reise gefüllt hatten. In wenigen Tagen wollten sie in die USA fliegen und auf dem Appalachian Trail wandern. Dieser beliebte Fernwanderweg führte auf 3.510 Kilometern entlang der Ostküste durch die Wildnis, Nationalparks und die herrlichsten Landschaften, die man sich nur denken konnte.
Theresa hatte zahlreiche Dokumentationen über den Trail gesehen, hatte Blogs verschlungen und Bücher gewälzt. In den Wäldern gab es Schwarzbären, Elche, Luchse und zahlreiche andere Tiere; dazu gewaltige Bäume, die sie noch nie in ihrem Leben gesehen hatte; und Bergspitzen, von denen sich unvergessliche Aussichten boten.
Sie konnte es kaum erwarten, all diese Wunder der Natur mit eigenen Augen zu sehen. Dabei waren Jeanette und sie realistisch genug, um zu wissen, dass der gesamte Weg zu viel für sie wäre. Darum würden sie auch nicht den kompletten Weg wandern, sondern »nur»' einen rund tausend Kilometer langen Abschnitt.
Es sollte das Abenteuer ihres Lebens werden!
Sie hatten lange auf die Reise gespart und sich gründlich vorbereitet. Ihre Ausrüstung war gut durchdacht und erprobt.
Sie waren bereit.
Vor Ort würden sie sich noch die allerletzten Sachen besorgen, darunter unbedingt auch Bärenspray, um im Notfall einen Grizzly abwehren zu können. Denn die gab es auch auf dem Trail. Das war einer der Punkte, die Theresa Kopfzerbrechen bereiteten. Im Internet hatte sie gelesen, dass Grizzlys Begegnungen mieden und man sicher vor ihnen war, solange man sie nicht mit seinem Proviant anlockte. Trotzdem war ihr nicht wohl bei dem Gedanken, dass sich nachts ein Grizzly an ihr Zelt anschleichen konnte.
Wobei das momentan ihre kleinste Sorge war ...
Erneut krampfte sich ihr Magen zusammen.
Hastig beugte sie sich wieder über die Toilettenschüssel, brachte aber nur noch gelblichen Schleim hervor.
Als sie sich wieder aufrichtete, reichte ihre Freundin ihr den Zahnputzbecher, der mit frischem Wasser gefüllt war. Dankbar spülte sie sich den Mund aus.
»Soll ich einen Arzt zum Hausbesuch herbitten?« Jeanette wirkte ehrlich besorgt.
»Das ist net nötig«, brachte Theresa leise hervor.
»Also, ich finde schon. Seit Tagen spuckst du immer wieder. Und du siehst so blass aus, dass man meinen könnte, du würdest jeden Moment umkippen. Wenn du net zum Arzt gehen willst, dann rufe ich einen.«
»Das musst du net.«
»Theresa ...«
»Wirklich net. Ich war schon beim Arzt.«
»Du ... Warte! Was?« Verwirrt blinzelte ihre Freundin. »Du warst schon beim Arzt? Warum hast du denn nix davon erzählt?«
Theresa schluckte, weil die Worte wie Krümel in ihrer Kehle hingen.
Jeanette legte ihr eine Hand auf den Arm.
»Was hat er gesagt?«
Noch immer konnte sie nicht antworten.
»Theresa? Allmählich machst du mir wirklich Angst.« Jeanettes Augen weiteten sich. »Ist es etwa ... ist es Krebs?« Seitdem ihre Mutter vor elf Jahren einem Krebsleiden erlegen war, war die Erkrankung für sie der allerschlimmste Albtraum.
Das wusste Theresa, weil sie einander so gut kannten wie Schwestern. Sie teilten sich eine Wohnung, seit sie vor fünf Jahren mit dem Studium begonnen hatten. Was erst nur eine praktische Wohngemeinschaft gewesen war, hatte sich zu einer echten Freundschaft entwickelt. Und so verschieden sie auch waren – Jeanette, die Sportskanone, und Theresa mit ihrem guten Gehör für Fremdsprachen – sie verstanden sich gut und hatten schon so manchen Lebenssturm zusammen überstanden.
Beide wollten sie Lehrerin werden. Jeanette würde im Herbst eine Stelle antreten, während Theresa einen Vertrag ab dem kommenden Frühjahr unterschrieben hatte. Bis dahin wollte sie reisen und etwas von der Welt sehen.
Nach ihrer Wanderung würde Jeanette heimfliegen, während es für Theresa nach England gehen sollte. Sie hatte vor, als Haussitterin zu arbeiten, um sich den Aufenthalt zu verdienen und so viel wie möglich von Land und Leuten zu sehen.
Doch jetzt waren all ihre Pläne auf den Kopf gestellt ...
Theresa schüttelte den Kopf.
»Ich bin net krank«, brachte sie leise hervor. »Ich bin schwanger.«
»Du ... Was?«, wiederholte ihre Freundin und die Sorge in ihrem Gesicht wich Verblüffung.
Theresa konnte ihr ansehen, dass sie überlegte, wie das möglich war. In den vergangenen Jahren hatte es kaum eine nähere Bekanntschaft mit einem Mann für sie gegeben. Sie hatte gelernt, gearbeitet und dann wieder gelernt. Zeit für eine Beziehung war nie geblieben.
Bis auf ein einziges Mal.
Verstehen leuchtete plötzlich im Gesicht ihrer Freundin auf.
»Unser Ski-Wochenende im Zillertal«, flüsterte sie. »Dieser nette Typ ... der Skilehrer ... Wie hieß der noch mal? Leonard? Linus?«
»Lukas«, erwiderte Theresa.
»Mei, war der heiß. Gut eins neunzig groß und gebaut, als hätte man seinen Körper aus einem Marmorblock herausgemeißelt.« Jeanette seufzte leise. »Ich hätte in seinen blauen Augen versinken können, aber er hat immer nur dich angeschaut.«
Theresa schwieg. Sie war unvorsichtig gewesen. Ein einziges Mal. Und nun änderten die beiden Striche auf dem Schwangerschaftstest einfach alles.
»Ich kann das immer noch net glauben«, gestand ihre Freundin. »Ein Baby ist unterwegs? Wirklich und wahrhaftig?«
»Wirklich und wahrhaftig.«
»Ich muss mich hinsetzen.« Jeanette ließ sich neben sie auf den Rand der Wanne sinken. »Ein Baby. Das kommt wirklich überraschend.«
»Wem sagst du das.«
»Und Lukas ... ist er ...«
»Der Vater? Ja.« Theresa nickte kaum merklich. Eine Nacht hatte sie mit ihm verbracht. Von Liebe war nie die Rede gewesen. Sie hatten sich gut verstanden und waren beschwingt von der schönen Zeit gewesen. So hatte eins zum anderen geführt. Und nun wurden sie Eltern.
Ein leises Stöhnen entfuhr ihr.
Sie konnte es nicht fassen. Ausgerechnet sie, die jeden ihrer Schritte plante und sorgfältig abwog, die Listen schrieb und nie von einem einmal gefassten Plan abwich ... Sie hatte sich zu einem Urlaubsflirt hinreißen lassen. Mit einem Mann, von dem sie kaum mehr wusste, als dass er umwerfend attraktiv war ... und nicht im Traum an eine feste Bindung dachte.
Daran hatte Lukas nämlich keinen Zweifel gelassen. Keine falschen Versprechungen. Keine Schmeicheleien. Nein, er hatte ehrlich gesagt, dass er keine Beziehung suchte. Damals war das für sie auch okay gewesen. Ihre Lebenspläne sahen ja auch noch lange keine eigene Familie vor.
Jetzt jedoch lagen die Dinge anders.
»Ein Baby.« Jeanette schüttelte bedächtig den Kopf. »Was sagt Lukas denn dazu?«
»Nichts.«
»Nichts?!«
»Ich hab es ihm noch net gesagt.«
»Ach so, ich verstehe. Aber du willst es ihm doch sagen, oder etwa net?« Ihre Freundin neigte den Kopf. »Was wirst du denn jetzt machen?«
»Ganz ehrlich? Ich hab keine Ahnung. Das überfordert mich gerade ziemlich.« Theresa zog die Schultern hoch und ließ sie langsam wieder sinken. »Ich hab mir gedacht, wir laufen erst einmal den Trail, wie wir es geplant hatten. Unterwegs werde ich viel Zeit haben, um mir Gedanken über die Zukunft zu machen.«
»Das ganz sicher. Wir werden immerhin mehrere Wochen unterwegs sein.«
»Genau. Und wer weiß: Vielleicht seh' ich hinterher klarer ...«
***
Zwei Monate später
Klarer sehen? Schön wär's!
Theresa konnte nicht fassen, wie naiv sie gewesen war.
Sie hatte gehofft, ihre Tour würde ihr helfen, sich über die Zukunft klar zu werden und herauszufinden, wie sie Lukas die Neuigkeiten am besten mitteilte.
Doch in Wahrheit war ihre Reise mehr eine Flucht gewesen.
All die neuen Eindrücke und Bilder hatten nicht überdecken können, dass sie eine Entscheidung treffen musste. Immer wieder hatte sie darüber nachgedacht, wie sie ihr Leben nun einrichten sollte. Sie hatte gehadert und gehofft, Pläne geschmiedet und wieder verworfen. Und nun war sie genauso schlau wie vor ihrer Reise.
Nun, nicht ganz.
Eine Erkenntnis hatte sie doch gewonnen: Wie es weitergehen würde, konnte sie nicht allein entscheiden. Da hatte Lukas auch noch ein Wörtchen mitzureden. Ihre Schwangerschaft ging sie beide an. Aus diesem Grund hatte sie beschlossen, ins Zillertal zu reisen und es endlich hinter sich zu bringen.
Sie würde Lukas sagen, dass sie von ihm schwanger war.
Jeanette und sie hatten ihre Wanderung wenige Tage vor dem geplanten Ende abgebrochen, weil Jeanette bei einem besonders steilen Abstieg so unglücklich weggerutscht war, dass sie sich den Fuß gebrochen hatte. Ein einfacher Bruch, der jedoch das Ende ihrer Reise besiegelt hatte.
Sie waren zusammen nach Hause geflogen, nachdem ihre Freundin medizinisch versorgt worden war. Nun ließ sich Jeanette von ihren Eltern umsorgen, während ihr Fuß heilte. Und Theresa fuhr mit dem Zug nach Mayrhofen und reiste von dort mit dem Bus weiter nach St. Christoph.
Das Zillertal zeigte sich an diesem Junitag von seiner schönsten Seite. Die Sonne schien auf die schroffen Gipfel, von denen die höchsten selbst jetzt noch verschneit waren. Braune Kühe sprenkelten die Wiesen, und je höher der Bus kam, desto grüner wurde die Landschaft.
Eine Weile fuhr der Bus durch dichten Wald. Als der sich schließlich lichtete, breitete sich ein Bergdorf vor ihnen aus. Es lag in einem Seitental, so entlegen, dass die Hektik der modernen Welt noch keinen Weg hierher gefunden zu haben schien.
Gepflegte Bauernhöfe schmiegten sich an die grünen Hänge. Und der Turm einer weißen Kirche ragte in der Mitte des Dorfes auf. Im Westen stand ein gelbes Barockschlössl auf einer Anhöhe, und auf der anderen Seite des Dorfes war ein hübsches Hotel im Alpenstil zu sehen.
Als der Bus anhielt, nahm Theresa ihren Rucksack und stieg aus.
Die Luft war angenehm warm, und das muntere Zwitschern von Vögeln wehte heran. Doch in Theresas Bauch flatterte und grummelte die Aufregung. Obwohl ihr die Morgenübelkeit schon seit einigen Wochen nicht mehr zu schaffen machte, war es ihr an diesem Tag doch wieder flau zumute.
Das lag jedoch nicht an ihrer Schwangerschaft, sondern an der bevorstehenden Begegnung mit Lukas.
Er hatte deutlich gemacht, dass er sie nicht wiedersehen wollte. Sie hatte ihn mehrmals angerufen und ihm zahlreiche Nachrichten geschickt, in denen sie ihn um ein Gespräch gebeten hatte, aber er hatte auf keine ihrer Nachrichten reagiert und sich stattdessen in Schweigen gehüllt.
Ein klares Signal.
Doch sie musste ihm von ihrer Schwangerschaft erzählen. Also fasste sie sich nun ein Herz und machte sich auf den Weg zu dem kleinen Haus am Waldrand, in dem er lebte. Unterwegs staunte sie darüber, wie anders das Dorf jetzt im Sommer aussah als im Winter, als alles weiß vom Schnee gewesen war.
Sie machte mit dem Handy ein paar schöne Fotos, die sie ihrer Freundin schickte.
Jeanette antwortete prompt.
Die Fotos sind herrlich, aber schieb es jetzt nicht länger auf. Bring es einfach hinter dich und sag es ihm. Er wird dir schon nicht den Kopf abreißen. Und wenn doch, bekommt er es mit mir zu tun. Du bist nicht allein. Vergiss das nie. Hab dich lieb, J.
Theresa strich mit einem Finger über das Display.
Dann schob sie ihr Telefon zurück in den Rucksack und setzte ihren Weg fort.
Inzwischen war sie im vierten Monat schwanger, aber man sah es ihr kaum an. Sie war schon immer sehr schlank gewesen, und unter den weiten und farbenfrohen Flatterkleidern, die sie so liebte, zeichnete sich ihr Bauch noch nicht weiter ab.
Einmal, als der Weg gar zu steil wurde, blieb sie stehen, strich über ihren Bauch und hielt Zwiesprache mit ihrem Kind.
Ich tu das hier für dich, mein Spatzerl. Damit du deinen Vater eines Tages kennenlernen kannst. Ich wünschte nur, ich hätte ihm schon von dir erzählt und alles wäre gut zwischen uns.
Mit einem leisen Durchatmen setzte sie ihren Weg fort.
Lukas wohnte in einem alten Forsthaus. Es war überwiegend aus Holz gebaut und verfügte über einen Balkon, der in der ersten Etage um das ganze Haus herumlief. Im Garten blühte und grüßte es, als würde er der Natur freien Lauf lassen, aber die herrliche Blumenpracht wucherte gewiss nicht wild, sondern wurde sorgsam gepflegt.
Theresa klopfte das Herz bis zum Hals, als sie an die Haustür trat und den Daumen auf die Türklingel presste.
Im Inneren war eine Glocke zu hören.
Doch niemand kam, um ihr zu öffnen.
Sie versuchte es erneut, aber wieder machte niemand auf.
Natürlich, das hätte sie sich denken können. Es war mitten am Tag. Sicherlich würde er arbeiten. Sie musste sich gedulden und ...
»Der Lukas ist net da«, rief eine helle Stimme über den Gartenzaun.
Theresa schaute sich um und sah ein Mädchen von etwa fünfzehn oder sechzehn Jahren, das ein Wägelchen hinter sich herzog und offenbar Werbebroschüren austrug.
»Hallo.« Theresa lächelte sie an. »Weißt du zufällig, wo ich ihn finden kann?«
»Freilich. Hab ihn vorhin im Dorfladen getroffen. Er hat sich einen Imbiss gekauft und der Jeggl-Alma erzählt, dass er heute am Hexenstein neue Wegweiser aufstellt. Wenn du dem Weg da drüben folgst, solltest du ihn früher oder später finden.« Das Madel deutete auf einen Pfad, der am Waldrand tiefer in den Krähenwald hineinführte.
Theresa bedankte sich und beschloss, ihr Glück zu versuchen.
Vielleicht würde es im Wald leichter sein, Lukas ihre Neuigkeiten zu überbringen.
Auf neutralem Boden, sozusagen.
***
Beherzt schritt Theresa aus und folgte dem Pfad, der sich unter uralten Kiefern bergauf schlängelte. Flechten hingen von den Zweigen und wiegten sich sacht im Wind. Die Luft war wunderbar klar und duftete warm nach Holz und etwas, das Theresa nicht genau benennen konnte.
Nach einer halben Stunde sah sie ein Forstfahrzeug mit Ladefläche vor sich und hörte kräftiges Hämmern.
Lukas war gerade dabei, eine Tafel mit einer Wanderkarte aufzustellen.
Ihr Herz machte einen Satz, als sie ihn vor sich sah. Seine aufgerollten Ärmel entblößten kräftige, gebräunte Unterarme, seine blonden Haare waren von der Sonne gebleicht, und er bewegte sich mit der Energie eines Mannes, der seine Ziele kannte und geradewegs darauf zuging. Er stand seitlich von ihr, sodass sie das verschmitzte Funkeln in seinen Augen nicht sehen konnte, das ihr damals im Winter so gut gefallen hatte.
