Der Bergdoktor - Folge 1716 - Andreas Kufsteiner - E-Book

Der Bergdoktor - Folge 1716 E-Book

Andreas Kufsteiner

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Beschreibung

Noch ist die Sonne nicht über den Bergen aufgegangen und der Tau glitzert auf den Wiesen, als Burgl ganz leise aufsteht, ihr dunkles Trachtenkleid anzieht und den schwarzen Spitzenschal umlegt. So etwas trägt man, wenn man einen Bittgang macht. Niemand merkt, als sie den Hof verlässt und zum kleinen Marienkircherl eilt. Dort sinkt sie auf die Knie und spricht unter heißen Tränen ihr Bittgebet: "Maria, hilf mir aus meiner Not! Ich trage ein schreckliches Geheimnis im Herzen -"

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Inhalt

Cover

Impressum

Bittgang im Morgengrauen

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe der beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2015 by Bastei Lübbe AG, Köln

Verlagsleiter Romanhefte: Dr. Florian Marzin

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: Michael Wolf / Bastei Verlag

Datenkonvertierung E-Book: Blickpunkt Werbe- und Verlagsgesellschaft mbH, Satzstudio Potsdam

ISBN 978-3-8387-5763-6

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Bittgang im Morgengrauen

Als die Magd Burgl keinen anderen Ausweg mehr wusste

Von Andreas Kufsteiner

Noch ist die Sonne nicht über den Bergen aufgegangen, und der Tau glitzert auf den Wiesen, als Burgl ganz leise aufsteht, ihr dunkles Trachtenkleid anzieht und den schwarzen Spitzenschal umlegt. So etwas trägt man, wenn man einen Bittgang macht.

Niemand merkt, als sie den Hof verlässt und zum kleinen Marienkircherl eilt. Dort sinkt sie auf die Knie und spricht unter heißen Tränen ihr Bittgebet: »Maria, hilf mir aus meiner Not! Ich trage ein schreckliches Geheimnis im Herzen …«

Es war früher Nachmittag, die Hitze flimmerte über dem Hochtal von St. Christoph.

Selten war es im Juni so heiß gewesen wie heuer. Der Sommeranfang und das Johannisfest waren gebührend gefeiert worden. Eine knappe Woche hatte der Juni noch Zeit, das Heu auf den Wiesen zu trocknen, bis es knisterte und süß duftete.

Burgl saß am Leitenbach, nicht weit vom Sternheimer-Hof entfernt, und blickte auf das wilde Wasser.

Der Bach stürzte weiter oben am Felsenjoch unterhalb vom Feldkopfmassiv als Wasserfall über das Gestein, ehe er weiter unten in den weitläufigen Leitenwiesen ruhiger wurde.

Aber auch dort schäumte er an manchen Stellen übermütig auf, sprang waghalsig übers Geröll, wie ein junger Gamsbock und erfrischte im Sommer Mensch und Tier. Denn der Leitenbach war kalt und brachte die kristallene Kühle der Gipfel mit ins Tal hinunter.

Den Forellen gefiel es in dem nimmermüden Gebirgsbach, sie mochten das sprudelnde Auf und Ab und flitzten über die vom Wasser flach geschliffenen Steine, die der Bach im Laufe ungezählter Jahre angehäuft hatte. Bei Sturm und Regengüssen schwoll er rasch an und riss alles mit sich, was ihm im Wege lag.

Hinter all dem Rauschen und Sprühen lag dennoch eine tiefe, wunderbare Stille, denn die Geräusche und Klänge der Natur hatten etwas Heilsames an sich und taten der Seele gut.

Das erfuhr auch Burgl immer wieder. Sie lebte im Einklang mit der Natur. Wald und Berge, Wolken und Himmel waren ihre Freunde und Beschützer. Das war schon so gewesen, bevor sie aus dem Ötztal nach St. Christoph gekommen war.

In ihrer Kindheit und Jugend hatte sie nur wenig Erfreuliches erlebt. Der grantelnde, strenge Vater, die stets nörgelnde Mutter und ihr zwei Jahre älterer Bruder Toni, der immer und überall die Nummer eins gewesen war, dazu der alte, düstere Hof mit seinen verwinkelten Stuben und Kammern, all das hatte sie zutiefst bedrückt.

Kaum jemand war bei der Familie Wallner zu Besuch gewesen, weil man auf dem Hof an allem gespart hatte, sogar an einer Tasse Kaffee oder an einem freundlichen Wort für die Nachbarn.

Sonne, Wärme und ein bisschen Freude waren Burgls einzige Wünsche gewesen. Ein bisschen Freude gab es doch ganz bestimmt irgendwo, auch für sie, daran hatte sie fest geglaubt.

Vielleicht hatte sie sich deshalb im Alter von knapp zwanzig Jahren dem Geschwender-Franz versprochen, so, wie es ihre Eltern übrigens gewünscht hatten. Vielleicht hätte ja in der Ehe alles besser werden können. Franz hatte sie anfangs umgarnt und ihr versprochen, der beste Ehemann zu werden.

Doch dem herrischen Bauern aus Sölden war es in Wirklichkeit nur darum zu tun gewesen, die hübsche Walburga mit dem hellbraunen Haar nach seinen Wünschen zu formen, damit sie genauso wurde, wie er es sich vorgestellt hatte: Nämlich eine allzeit willige und arbeitsame Ehefrau.

Zum Glück hatte Burgl ziemlich rasch gemerkt, worauf es ihm angekommen war. Auf die Liebe jedenfalls nicht und schon gar nicht auf ihr Wohlergehen.

Es war das einzig Richtige, das ich so schnell wie möglich weggegangen bin, dachte Burgl und rupfte ein paar Grashalme aus, die sie dann ins Wasser warf. Der Bach trug das Gras geschwind davon.

Von weiter oben kam jetzt ein Sträußerl geschwommen, zuerst gelber Hahnenfuß, dann rosa Lichtnelken, dann blaue Glockenblumen. Das Wasser trug die Blumen wie bunte Schiffchen an dem Madel vorbei.

Burgl lachte.

Lorenz hatte also wieder mal gemerkt, dass sie hier war. Und da kam er auch schon von der oberen Lichtung her, auf der seine Hütte stand.

Er hatte sie selbst zusammengebaut und nannte sie scherzend seine »Villa«. Brauchte jemand, der einen ansehnlichen Hof im Dorf sein eigen nannte, eine aus Zirbelholz gezimmerte »Villa?« Wohl kaum.

Aber Lorenz Breitner dachte wie Burgl. Je näher er am Puls der Natur war, desto besser. Hier, in den einsam gelegenen Leitenwiesen, kamen sogar die Murmeltiere nah an die Menschen heran und warteten darauf, dass man ihnen – wenn auch mit einer gewissen Vorsicht – einen Leckerbissen anbot.

»Wie lange willst du mich heute wieder von der Arbeit abhalten?«, rief Burgl ihm entgegen. »Lorenz, fahr lieber wieder hinunter auf deinen Hof. Du hast doch bestimmt noch viel zu tun.«

»Eins nach dem anderen«, erwiderte er gemächlich. »Eile mit Weile, hat mein Ahnl immer gesagt. An so einem schönen Sommertag darf man sich eine Auszeit gönnen. Du bist ja auch hier, Burgl.«

»Stimmt. Aber ich geh gleich wieder.« Sie wies in die Richtung, in der das Anwesen der Sternheimers lag. »Schau, man sieht von hier aus das feste Dach und das hübsche Glockentürmchen. Es gibt leider nur noch wenige Höfe mit so einem Türmchen. Auf dem Sternheimer-Hof bin ich jetzt seit zwei Jahren daheim. Mir ist es noch nie so gut gegangen wie dort.« Sie lächelte. »Julia ist meine Freundin geworden, beinahe wie eine Schwester, obwohl sie es als Hoftocher net nötig hätte, sich mit einer Magd anzufreunden. Alle behandeln mich mit Respekt. Das ist keine Selbstverständlichkeit.«

»Du sollst dein Licht net unter den Scheffel stellen«, zitierte Lorenz Breitner. »Das ist ein bekanntes Sprichwort. Eigentlich stammt es aus der Bibel, wenn ich mich net irre.«

»Du irrst dich net. Ich kenne es.«

»Und warum machst du dich dann kleiner, als du bist, Burgl? Du hast deinen Beruf von Grund auf erlernt. Eine Hauswirtschafterin ist eine Expertin und kein Hascherl. Ohne dich würde auf dem Sternheimer-Hof vieles im Argen liegen.«

»Nein, das sicherlich net. Als ich dort anfing, war eigentlich alles gut und ordentlich beisammen. Aber weil sich die Bäuerin wegen ihrer Erkrankung schonen musste, wurde eine Hilfe gebraucht«, entgegnete das Madel. »Ich bin gern geblieben, weil ich nach ein paar Monaten zur Familie gehörte. Niemand wollte mich gehen lassen. Es war ein großartiges Gefühl, willkommen zu sein.« Nun wurde sie ernst. »Daheim bei meinen Eltern und meinem Bruder war ich immer nur das fünfte Rad am Wagen, also total überflüssig. Wenn ich mir das Geld für die Haushaltungsschule und den Abschluss in Innsbruck net nebenher als Serviermadel verdient hätte, wäre ich ein einfaches, ungelerntes Aushilfsdirndl geblieben. Mein Vater meinte, ich würde eh heiraten, und ein Beruf sei überflüssig. Arbeiten kannst du ja wenigstens, dann tu’s auch, sagte er immer. Meine Mutter nahm mich nie in Schutz, sie zuckte meistens die Schultern und tat, als sei ihr alles egal. Mein Bruder lachte nur ganz laut.«

»Eine Frechheit«, regte sich Lorenz auf. »Ich hoffe, du hast diesen groben Menschen endgültig den Rücken gekehrt.«

»Ja. Obwohl es wehtut, wenn man merkt, dass die eigenen Eltern so hart sind. Es musste sein, dass ich so rasch wie möglich ging. Vater hätte sonst darauf bestanden, dass ich den Franz heirate. Es wäre mir bei ihm nicht gut ergangen, er wollte mir immer nur seinen Willen aufzwingen. Du bist zu jung und unerfahren, daher sag ich dir, was du tun musst – diesen Satz hab ich ständig vom Franz gehört.«

Sie schauderte noch im Nachhinein. Trotzdem sprach sie leise weiter: »Bei Nacht und Nebel bin ich weg, zuerst nach Innsbruck, weil ich meinen Abschluss zur Hauswirtschafterin machen wollte. Daheim hab ich mich net gemeldet. Manchmal telefoniere ich jetzt mit meiner Mutter, aber nur kurz, denn es gibt wenig zu sagen. Sie ist ziemlich kleinlaut geworden und fragt am Telefon, ob es mir gut geht. Mit Vater oder Toni will ich net reden. Meine Mutter weiß, dass ich net zurückkomme – nie mehr. Ich werde mich niemals mehr wie ein dummes Ding behandeln lassen, das nur zum Putzen taugt.«

»Du bist ein sehr, sehr tapferes Madel! Mit deinen fünfundzwanzig Jahren hast du viel durchgemacht, Burgl.« Lorenz kannte ihre Geschichte, sie hatte schon mehrmals mit ihm über ihre Vergangenheit gesprochen.

Er merkte, dass es sie erleichterte, sich immer wieder den Schmerz über diese düstere Zeit von der Seele zu reden. Irgendwann würde sie von den quälenden Erinnerungen befreit und endlich richtig frei sein.

Außer Lorenz Breitner wussten noch die Familie Sternheimer Bescheid und Dr. Martin Burger, der Bergdoktor, dessen Praxis in der Kirchgasse lag.

Burgl hatte sich dem Arzt anvertraut, als sie nach einem schweren Fieberanfall zusammengebrochen war. Vor lauter Pein nach all den schweren Jahren war ihre Widerstandskraft sehr schwach geworden, sodass sie eine Weile mit ständigem Fieber und unterschwelligen Infekten zu tun gehabt hatte. Wie viele Narben diese lieblosen Jahre in Burgls Seele hinterlassen hatten, war auch heute noch nicht klar.

Aber sie konnte wieder lachen und sich von Herzen freuen, besonders auch über das Glück der anderen. Denn sie war eine selbstlose, herzliche junge Person.

Burgl war froh, wenn um sie herum die Sonne schien und wenn alles in Ordnung war.

Sobald sie glaubte, dass irgendetwas nicht stimmte und dass Unfrieden herrschte, bekam sie Angst und bemühte sich, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Wenn Spannungen in der Luft lagen, fühlte sie sich an früher erinnert.

Viel zu oft hatten sich ihre Eltern gestritten, meistens ums Geld und darum, wie man noch mehr sparen konnte. Dabei wäre der Geiz nicht nötig gewesen, denn es gab in der Familie Wallner keine finanziellen Probleme, die einen strengen Sparkurs nötig gemacht hätten.

Die angespannte Atmosphäre im Haus war durch die Streitereien manchmal so sehr angeheizt worden, dass Burgl es nicht mehr ertragen hatte. Schon als Kind war sie in den Wald gelaufen, um sich zu verstecken. Jedes Mal, wenn sie dann wieder heimgekommen war, hatte sie eine Strafe auf sich nehmen müssen.

Als kleines Madel war sie nach ihren Ausflügen in den Wald ohne Nachtessen zu Bett gegangen, weil »ungehorsame« Kinder es ja nicht anders verdient hatten (das war ein Standardsatz ihres strengen Vaters gewesen).

Später waren verächtliche Worte seitens der Eltern über sie hereingeprasselt (»Wenn du schon wegrennst und wenn’s dir daheim net gefällt, dann geh doch gleich woanders hin!«). Die Häme und das Gelächter ihres Bruders hatte Burgl mit der Zeit gar nicht mehr beachtet.

Toni war leider schon als Bub aus der Spur gekommen, heute hielt er sich für einen Großbauern, obwohl er es nicht einmal schaffte, den Wallner-Hof zu renovieren und ein paar neue Maschinen anzuschaffen. Das wäre dringend nötig gewesen.

Der Grund, weshalb Burgl ihren Eltern stets im Weg gestanden hatte, war die Tatsache, dass die beiden nach dem Sohn kein weiteres Kind mehr gewollt hatten, und zwar wegen verbissener Eheprobleme. Also auf keinen Fall noch ein Kind!

Nach einem flüchtigen Versöhnungsversuch hatte es sich jedoch herausgestellt, dass es dieses zweite, unterwünschte Kind geben würde. Es war natürlich unfassbar, dass die unschuldige Kleine von Anfang als Puffer für den Frust und die ehelichen Zwistigkeiten ihrer Eltern gedient hatte.

Lorenz versuchte seit einiger Zeit alles Mögliche, um Burgls Herz zu erobern. Er hatte sie lieb gewonnen, mehr als sie ahnte. Sie wollte eh nichts davon hören. Auch jetzt nicht.

»Könntest du dir nicht mal ein bisserl Zeit für mich nehmen?«, fragte er und griff nach ihrer Hand.

»Ich sitze doch hier, und wir reden miteinander, Lorenz. Außerdem treffen wir uns ziemlich oft im Dorf.«

»Das reicht mir nicht.«

»Aber mir.« Burgl blickte ihn mit ihren klaren, blauen Augen unverwandt an. »Lorenz, ich möchte, dass es so bleibt, wie es ist. Auf keinen will ich riskieren, dass in meinem Leben wieder etwas schiefgeht. Derzeit ist alles so schön, dass es ein großer Fehler wäre, wenn ich etwas ändere.«

»Wenn wir zwei zusammen sind, dann läuft bestimmt nichts schief, Burgl.«

»Ich weiß net. Man muss vorsichtig sein, das hab ich in meinem Leben erfahren müssen. Immer auf der Hut sein! Du und ich, wir sind gute Freunde. Das gefällt mir. Daher sag ich dir noch einmal: Alles soll für mich so bleiben, wie es jetzt ist! Auch für dich ist es besser, wenn wir genauso weitermachen wie bisher.«

Sie stand aus dem Gras auf und strich ihren Rock glatt.

»Ich muss jetzt auf den Hof zurück, Lorenz. Am Freitag – das ist der Siebenschläfer-Tag – gibt’s ein lustiges kleines Fest auf der Amselhütte am Leitenberg. Ich geh auf einen Sprung hinauf. Wenn du magst, dann komm doch auch mal vorbei.«

»Ja, freilich, gern!«

»Aber ganz unverbindlich!«, rief sie ihm im Davongehen zu. »Denk dir ja nix, Lorenz. Und schau net so drein, als ob du eine Kröte verschluckt hast!«

***

Julia Sternheimer war ein patentes Madel. Sie hatte eine Ausbildung zur Hotelfachfrau gemacht, aber derzeit war sie auf dem elterlichen Hof im Einsatz.

Seitdem ihre Mutter kränkelte, übernahm die junge Hoftochter täglich zusammen mit Burgl alle Arbeiten in Haus und Garten. Und wenn sonst noch etwas anfiel, was die »Mannsleut« nicht schafften, dann war das für die beiden jungen Frauen auch kein Problem.

Die »Mannsleut« setzten sich aus dem Altbauern Veit Sternheimer, Julias Bruder Stefan und den Knechten Egid und Joschi zusammen. Eventuell konnte man noch den immer gut gelaunten »Peterl« hinzuzählen, der auf seine Weise mithalf.

Peterl hatte nämlich vier sehr lange Beine und eine durchdringende Stimme, die manchen Besucher erst einmal in Schrecken versetzte.

Mit anderen Worten, der Vierbeiner mit dem markanten, leicht kantigen Kopf bellte tief und so entschieden, dass sich niemand in die Nähe des Hofes wagte, der etwas Übles plante. Alle anderen fanden sehr rasch heraus, dass der große Hund (ab und zu wurde er auch liebevoll »das Peterle« genannt) sehr freundlich zu allen war, die ein gutes Herz hatten oder wenigstens ein halbwegs gutes. Damit musste man ja auch schon zufrieden sein.

Ein Schoßhündchen war das Peterle allerdings nicht, auch wenn er Streicheleinheiten liebte. Bestimmt wäre er gern zu der Familie aufs Sofa gesprungen, aber kann das eine ausgewachsene, reinrassige Dogge? Nein, auf keinen Fall. Also blieb der brave Riesenhund vor den Sesseln, dem Kanapee und anderen Sitzgelegenheiten liegen, wenn sich die Hofbewohner nach Feierabend entspannten.

Jetzt beobachtete Peterl aufmerksam und mit der ihm angeborenen Gelassenheit alles, was Julia gerade tat.

Es freute ihn, dass er mehrere Frauchen hatte und mehrere Herrchen.

Julia war eindeutig sein Frauchen mit der goldenen Nummer eins. Und ihr Bruder Stefan, der den Hof übernehmen würde, das Haupt-Herrchen. Denn die beiden hatten ihn vor drei Jahren als kleines Hundebaby aus der Zucht im Bregenzer Wald geholt und ganz lieb behandelt.

Diese herzliche, warme Fürsorge würde Peterl nie vergessen. Man hatte ihm sogar bei der Ankunft auf dem Hof ein Kuschelkörbchen und Welpen-Spielzeug bereitgestellt und dafür gesorgt, dass die samtgraue Hauskatze ihn nicht anfauchte, sondern so eine Art Patentante für ihn wurde.

Heute amüsierte sich jeder darüber, wenn Peterl und die graue Katze Minna in trauter Eintracht über den Hof spazierten und Einigkeit demonstrierten.

Was tat Frauchen denn da? Sie stäubte sich etwas ins Gesicht, das wie ganz feiner Sand aussah. Was für ein Schmarrn!

»Schau net so neugierig, Hunderl«, lachte Julia. »Ich muss mich ein bisserl zurechtmachen. Ein Hauch Puder kann net schaden. Ich hab gleich eine Verabredung mit Luis, und ich möchte ihm gefallen. Du weißt ja, dass wir heiraten wollen. Nach der Hochzeit nehme ich dich natürlich mit auf den Lindenhof, Peterl, das steht fest. Luis hat schon gesagt, dass es ihm recht ist. Allerdings musst du dich dann weiterhin ohne Eifersüchteleien mit Koni vertragen. Du weißt ja, dass er ein Hängeohr hat. Es sieht lustig aus, aber man darf ihn weder in dieses Ohr zwicken noch hineinpusten. Merk dir das.«

Kein Problem!, dachte Peterl in seinem kantigen Kopf.

Koni war ein spaßiger Wirbelwind, ein Border Collie, mit dem man durch die Wiesen spurten und sich ein paar Albernheiten erlauben konnte.

Natürlich ging das mit dem Hängeohr eigentlich gar nicht, wenn man ein reinrassiger Hund war. Und Koni hatte ja eigentlich einen Stammbaum. Aber wie auch immer, Peterl blickte großmütig über diesen kleinen Schönheitsfehler hinweg und war gut Freund mit dem munteren Hütehund. Frauchen konnte also ganz beruhigt sein. Und für welchen Termin war denn nun die Hochzeit mit dem feschen jungen Bauern vom Lindenhof angesagt?

»Gut, dass bis zur Hochzeit im Oktober noch ein bisserl Zeit ist«, seufzte Julia und griff nach ihrem Lippenstift. »Wir haben viel zu tun, Peterl. Es soll ja alles gut vorbereitet werden. Du wirst übrigens am Hochzeitstag eine festliche Schleife tragen, das sag ich dir jetzt schon. Ich werd mich darum kümmern, dass noch eine Hilfe auf den Hof kommt, wenn ich gehe. Burgl kann net alles allein machen, und ob es der Mutter mal wieder besser geht, kann man derzeit net wissen.«

»Wuff«, machte Peterl so laut, dass die Fensterscheiben erbebten. Frauchen malte sich die Lippen an und redete dabei. Das konnte nicht gut gehen!

»Viel zu rot«, entschied Julia. »Das sieht ja aus, als ob ich in einen Farbtopf gefallen wäre. Klatschmohnrot! Ich nehme lieber ein feines Rosa. Das wird Luis besser gefallen.«

Die knallrote Farbe wurde entfernt. Peterl fand es nun doch zu langweilig, weiter zuzuschauen.

Er verabschiedete sich mit einem entschuldigenden Blick (»Nix für ungut, Frauchen«) und verdrückte sich nach draußen. Herrlich, dieser sonnige Tag und noch herrlicher, dass Joschi, der jüngere der beiden Knechte, ihm geradewegs eine ansehnliche Kauwurst vor die Nase hielt!

»Extra für dich, Zamperl, weil du ein ganz Braver bist«, durfte er sich zusätzlich zu der Wurst auch noch als Lob anhören.

Ob es Hunde gab, die es besser hatten? Daran glaubte Peterl nicht. Er fühlte sich jedenfalls rundum wohl und strahlte daher eine freundliche Gelassenheit aus, um die ihn so mancher Mensch beneidete hätte – und wahrscheinlich auch der eine oder andere Hund.

Nur in puncto Leckerbissen war Peterl ein bisschen egoistisch. Obwohl er jedem vierbeinigen Kollegen ein gutes Leben und schmackhafte Leckereien gönnte, so wäre er in diesem Moment wohl kaum bereit gewesen, die Wurst mit einem anderen zu teilen. Man musste bei aller Selbstlosigkeit ja auch mal an sich denken!

Julia war mit ihrer »Verschönerung« fertig und flatterte in einem hellblauen Sommerdirndl die Treppe hinunter. Luis fand allerdings immer, dass sie gar nicht so viel an sich herumpinseln und zupfen sollte, weil sie eh bildhübsch war.

Es machte Spaß, wenn man an so einem wunderbaren Nachmittag mit dem Liebsten verabredet war. Luis hatte heute Zeit. Sie auch, und wenn sie wollten, konnten sie ihr zärtliches Treffen auf seinem Hof ganz lange ausdehnen …

Vielleicht hatte er ja auch eine Überraschung für sie parat. Ja, das wäre schön! Einen Ausflug vielleicht oder eine Einladung zum Essen am Abend bei Kerzenschein und Musik, genau das hätte sie sich gewünscht.

Luis war wirklich ein toller Mann, aber manchmal fehlte es ihm an Fantasie. Er fand es auch gar nicht so wichtig, romantische Ideen aus dem Ärmel zu schütteln. Dabei konnte er, wenn er nur wollte!

Vor einem Jahr, als sie beide damit begonnen hatten, sich näher kennenzulernen, war ihm stets etwas Großartiges eingefallen. Er hatte ihr Herz auch dadurch gewonnen, weil er ihr mit kleinen Überraschungen eine Freude machen wollte. Das hatte sie davon überzeugt, wie wichtig sie ihm war.

Jetzt legte er sich nicht mehr so sehr ins Zeug, obwohl er immer noch viel aufmerksamer war als andere Burschen. Aber romantische Ideen? Überraschungen? Fehlanzeige!

Klar, dachte Julia, er denkt, dass er mich fest an der Leine hat, wozu soll er also dann noch viel Aufhebens machen?

Irgendwie war es ja auch ganz logisch. Sie erwartete nicht, dass er ihr mit Blumen zu Füßen lag und ihr bei jedem Treffen den Himmel auf Erden versprach. Ein bisschen mehr Zärtlichkeit wäre freilich schön gewesen …

Einerlei – sie liebte ihn über alles.

Luis war der Beste, er sah gut aus (so und nicht anders musste er sein, ihr Traummann!), und er dachte nie an irgendwelche anderen Mädchen. Nicht mal mehr an die, mit denen er vor Julia geturtelt hatte. Oder auch mehr. Ein Klosterbruder war er nicht gewesen, aber auch kein Draufgänger. Ein paar Erfahrungen musste ein Mann schließlich machen, sonst wusste er ja gar nicht, wie er sich verhalten sollte, wenn er die Richtige nach langem Suchen in den Armen hielt!

»Ich bin die Richtige und damit seine zukünftige Frau«, flüsterte Julia vor sich hin. »So und nicht anders soll es sein.«

Leise öffnete sie eine Tür im Parterre und spähte in die Stube, in der ihre Mutter auf dem Sofa lag.

Leni Sternheimer brauchte Schonung und viele Stunden, in denen sie sich ausruhen konnte.

»Schläfst du, Mamilein?«, fragte Julia.

»Nein, Töchterchen, komm nur herein.«

Julia hing sehr an ihrer Mutter, genau wie ihr Bruder Stefan. Leni Sternheimer war immer für ihre Kinder da gewesen und auch heute noch galt ihre Sorge dem Sohn und der Tochter, natürlich auch ihrem Mann. Leider konnte sie sich nicht mehr so um ihre Lieben kümmern, wie sie es sich wünschte. Das machte ihr sehr zu schaffen.

Seitdem sich vor mehr als zwei Jahren sehr seltsame Beschwerden bei ihr gezeigt hatten, war sie in ständiger Behandlung bei Dr. Burger. Oft sah sie sich außerstande, eine angefangene Arbeit zu Ende zu führen.

Manchmal ging es ihr eine Weile recht gut, sodass es fast wie früher war. Aber dann fiel ihr wieder alles aus den Händen, sie zitterte vor Nervosität, sie schwitzte und ängstigte sich, weil ihr Herz wie rasend klopfte. Kein Wunder, dass sie dann nichts mehr tun konnte und in Panik geriet.

Hyperthyreose, ein schwieriges Wort, das mit »Überfunktion der Schilddrüse« zu übersetzen war, so lautete die Diagnose. Ohne Medikamente kam die Altbäuerin vom Sternheimer-Hof gar nicht mehr zurecht.

Außerdem litt sie unter sogenannten thyreotoxischen Krisen, die den Blutdruck in die Höhe trieben und das Herz so sehr anstachelten, dass es zu einem Vorhof-Flimmern kommen konnte.

Dann war ärztliche Hilfe dringend notwendig, weil sonst im schlimmsten Fall Lebensgefahr bestand. Manchmal traten diese Krisen nachts auf, wenn die Sternheimerin ruckartig aus einem unruhigen Schlaf erwachte. Dann bekam sie panische Angst und klammerte sich entsetzt an ihren Mann, der sofort den Doktor anrief.

Momentan fühlte sich die Sternheimer-Bäuerin zwar wohl, aber die Krankheit brodelte weiter in ihr. Immer war unterschwellig die Angst da und vor allem die Unruhe, die ein typisches Symptom der Erkrankung war.

»Hast du auch alle deine Tabletten genommen, Mama?«, erkundigte sich Julia.

»Wie immer. Ich schlucke alles, was mir Dr. Burger verordnet hat. Aber wenn ich doch mal die eine oder andere Pille vergesse …«

»Das darfst du nicht! Auf gar keinen Fall!«, ermahnte Julia ihre Mutter. »Ich weiß, dass es ziemlich viele Medikamente sind. Aber du brauchst sie. Wir dürfen uns nichts vormachen. Der Doktor sagt, dass die Überfunktion bei dir sehr ausgeprägt ist und dass man trotz der Medikamente an die Grenzen stößt.«

»Ja, und deshalb soll ich operiert werden. Aber das will ich net.« Leni Sternheimer blickte ihre Tochter verzagt an. »Ich versteh gar net, wie so eine Operation funktionieren soll.«

»Dr. Burger wird dir ganz bestimmt helfen«, tröstete Julia ihre Mutter. »Er kann dir genau erklären, weshalb die Operation nötig ist und wie es dann weitergeht.«

»Das mag sein. Trotzdem lass ich mich nie und nimmer an der Schilddrüse operieren«, stemmte sich die Bäuerin dagegen. »Ich weiß net viel davon, aber ich hab mal irgendwo gelesen, dass es eine schwierige Angelegenheit ist. Es können Folgeschäden auftreten. Davor hab ich Angst. Es ist schlimm, dass ich überhaupt vor allem Angst hab. Mein Herz rast, ich darf mich net aufregen, aber wenn bloß mal irgendwo eine Tasse umfällt, durchzuckt mich ein Schrecken, als ob das Dach zusammenbricht. Und das alles, weil dieses kleine Ding da in meinem Hals verrückt spielt!«

Die Sternheimerin holte tief Luft. Auch das fiel ihr schwer, weil sie dauernd das Gefühl hatte, nicht durchatmen zu können. Manchmal konnte sie das wirklich nicht, dann japste und keuchte sie vor sich hin.

»Du willst sicher zum Luis gehen«, wandte sie sich an ihre Tochter. »Ich will dich mit meinem Gejammer net aufhalten. Fesch bist du, Kind. Ihr zwei werdet ein schönes Paar abgeben bei eurer Hochzeit. Wenigstens ist das etwas, worauf ich mich freue. Die Hochzeit, richtig festlich und feierlich, das ist für uns alle ein Höhepunkt in diesem Jahr. Du wirst es gut haben auf dem Lindenhof, Julia. Dein Luis ist ein Mann, um den dich viele Madeln im Dorf beneiden.«

»Leider«, scherzte Julia. »Wenn ich net sicher wäre, dass er nur mich liebt, dann hätte ich vielleicht Grund zur Eifersucht. Aber er ist mir treu.«

»Umgekehrt ist’s genauso. Du wirst ihm auch net untreu werden, Madel.«

»Nein, es gibt ja auch eh keinen Mann, der Luis das Wasser reichen könnte. Und jetzt schlaf ein bisserl. Die Burgl wird gleich zurück sein und dir nachher deinen Tee aufbrühen. Sie ist ein Stündl zum Leitenbach gegangen. Dort gefällt es ihr doch so gut.«

Leni Sternheimer nickte. »Ich weiß. Dem Himmel sei Dank, dass wir die Burgl haben. So eine liebe, geschickte und gescheite Person! Es ist eine Schande, dass man sie daheim so schlecht behandelt hat. Aber ich hoffe, dass sie bald darüber hinweg ist.«

Nun wurde die Bäuerin müde. Sie verlangte nach Schlaf, aber der ständig auf Hochtouren laufende Motor in Lenis Körper riss sie auch des Nachts immer wieder in die Höhe. Sie kam einfach nicht mehr zur Ruhe, es sei denn, sie nahm Schlaftabletten. Und auch dann wachte sie auf und brauchte lange, um noch einmal einzuschlafen, bevor das Morgenläuten von der Pfarrkirche heraufschallte.

Julia verließ das Stübchen, in dem ihre Mutter sich so gern ausruhte, weil sie vom Sofa aus aufs Gebirge schauen konnte. Es war das frühere »Spinnstüberl«, in der Ecke stand noch ein uraltes Spinnrad, das inzwischen als echte Rarität galt.

Draußen rannte Burgl fast in die Hoftochter hinein.

»Warum hast du’s so eilig?« Julia schüttelte den Kopf. »Was fährt in dich, Burgl? Und ganz rot bist du im Gesicht vor lauter Hitze. Oder hast du wieder den Lorenz getroffen?«

»Er war droben in seiner Hütte und hat mich natürlich weiter unten am Bach gesehen.«

»Und deshalb bist du so rot wie eine Tomate?« Julia lachte.

»Schmarrn. Den Lorenz seh ich doch alleweil«, verteidigte sich die Burgl. »Ich hab den Verdacht, dass er mir absichtlich ein bisserl nachläuft. Kaum bin ich im Dorf, taucht er an der Ecke auf. Sitz ich in der Kirche oder zünde ich ein Kerzerl am Marienaltar an, dann steht er plötzlich auch da.«

»Kein Wunder. Er ist verliebt in dich«, neckte Julia die junge Hauserin, mit der sie sich wirklich so gut verstand wie mit einer Schwester.

Vom Alter her hätten die Mädchen freilich Zwillingsschwestern sein müssen, denn sie hatten beide vor Kurzem ihren fünfundzwanzigsten Geburtstag gefeiert – Julia Anfang Mai, Burgl mittendrin am fünfzehnten Mai.

Zwei »Maiköniginnen«, wie Julias Bruder mit einem breiten Grinsen behauptet hatte. Ihm fiel immer etwas Passendes ein. Und Humor hatte er auch, denn er verlangte scherzhaft von den Mädchen gebührenden Respekt – immerhin war er achtundzwanzig und somit ganze drei Jahre älter als Julia und Burgl. Dass er auf diesen Respekt vergeblich wartete, verstand sich von selbst …

»Lorenz ist schon eine ganze Weile verliebt in dich«, wiederholte Julia kichernd. »Merkst du das denn net, Burgl?«