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Einen feierlichen Ton wählt Siegfried Unseld im Eingangssatz seines ersten Briefs an Peter Handke: „ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.“ Mit diesem Schreiben vom August 1965 setzt eine Korrespondenz ein, in der nach annähernd 600 Briefen Peter Handke dem Verleger zum 75. Geburtstag gratuliert: „Du bist und warst wie selten einer zum stillen, wohltätigen Dasein und Mitgehen (und Vorausschwimmen) fähig.“ Über einen Zeitraum von mehr als 35 Jahren besprachen Peter Handke und Siegfried Unseld das ihnen Wichtigste schriftlich: die Literatur, die Bücher, unterrichtete der Autor den Verleger von seinen Vorhaben, hielt Unseld schriftlich seine Eindrücke über die neuen Manuskripte fest, diskutierten beide Erscheinungstermin und Ausstattung von Büchern, Publikationsstrategien und Kritikerrezensionen. Am Leitfaden der intensiven Arbeit an und für Literatur eröffnet dieser Briefwechsel völlig neue Einsichten in die Bedingungen des Schreibens und der Verbreitung von Büchern, zeichnet die intellektuelle Biographie beider Korrespondenten, ihr unablässiges Arbeiten an neuen Ausdrucksformen sowie deren materiellen, geographischen, politischen und persönlichen Begleitumstände. Konflikte zwischen beiden sind unausweichlich – ebenso unausweichlich ist es, daß sie beigelegt werden, denn für Peter Handke wie für Siegfried Unseld gilt: allein die Literatur schafft Möglichkeiten eines freien Lebens, in dem Phasen des Glücks vorherrschen können.
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Seitenzahl: 911
Veröffentlichungsjahr: 2012
In förmlichem Ton formulierte Siegfried Unseld den Eingangssatz seines ersten Briefs an den nicht einmal 23jährigen Peter Handke: »ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.« Mit der Zusage einer Publikation des Debütromans Die Hornissen setzt 1965 eine Korrespondenz ein, die nach über 600 Schreiben mit einem handschriftlichen Brief des Autors endet. Unter dem 18. April 2002 heißt es: »Lieber Siegfried, Du bist der Verleger, und also bist Du es, dem ich das beiliegende Stück ›Untertagblues‹, entstanden zwischen Dezember und jetzt, schicke. Ich wünsche Dir ein gutes Lesen.«
Über einen Zeitraum von mehr als 35 Jahren besprachen Peter Handke und Siegfried Unseld das ihnen Wichtigste schriftlich: die Literatur, die Bücher, unterrichtete der Autor den Verleger von seinen Vorhaben, hielt Unseld schriftlich seine Eindrücke über die neuen Manuskripte fest, diskutierten beide Erscheinungstermin und Ausstattung von Büchern, Publikationsstrategien und Kritikerrezensionen. So entfaltet sich die innere Biographie des Autors Peter Handke und des Verlegers Siegfried Unseld.
Am Leitfaden der intensiv-emphatischen Arbeit für und mit Literatur eröffnet dieser Briefwechsel weitreichende Einsichten in die Bedingungen des Schreibens und der Verbreitung von Büchern, macht das unbedingte Streben dieses Autors nach poetischer Wahrheit und entsprechenden neuen Ausdrucksformen deutlich. Konflikte sind dabei unausweichlich – ebenso unausweichlich ist es, daß sie beigelegt werden, denn für Peter Handke wie für Siegfried Unseld gilt: Allein die Literatur schafft Möglichkeiten eines freien Lebens, in dem Phasen des Glücks vorherrschen können.
Peter Handke, geboren 1942 in Griffen, Österreich, lebt heute bei Paris. 1966 erschien sein erster Roman, Die Hornissen. Sein erzählendes, dramatisches, lyrisches und essayistisches Werk erscheint im Suhrkamp Verlag und umfaßt mehr als 70 Einzelbände.
Siegfried Unseld, geboren 1924 in Ulm, leitete von 1959 bis zu seinem Tod im Oktober 2002 den Suhrkamp Verlag. Er wurde mit der Ehrendoktorwürde zahlreicher Universitäten ausgezeichnet. Mit dem Verhältnis zwischen Autor und Verleger beschäftigte er sich auch in theoretisch-historischer Perspektive in seinem Buch Goethe und seine Verleger.
Raimund Fellinger arbeitet als Lektor im Suhrkamp und Insel Verlag.
Peter Handke
Siegfried Unseld
Der Briefwechsel
Herausgegebenvon Raimund Fellingerund Katharina Pektor
eBook Suhrkamp Verlag Berlin 2012
© Suhrkamp Verlag Berlin 2012
Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,
des öffentlichen Vortrags sowie der Übertragung durch
Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile.
Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form
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ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert
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verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Satz: Hümmer GmbH, Waldbüttelbrunn
Umschlag: Hermann Michels und Regina Göllner
Umschlagfoto: Ruth Walz
eISBN 978-3-518-79800-3
Die Briefe 7
Anhang 727
Nachwort, von drei Verfassern 729
Bildnachweis 746
Quellen und Literatur 747
Werkverzeichnis 757
Personenregister 766
Frankfurt am Main2
10. August 1965
Sehr geehrter Herr Handke,
ich freue mich, Ihnen mitteilen zu können, daß wir nach genauer Lektüre Ihres Manuskriptes uns entschieden haben, Ihre Arbeit in den Suhrkamp Verlag zu übernehmen.3 Ich glaube, daß sich Ihre Arbeit neben denen von Peter Weiss und Ror Wolf gut ausnehmen und die Perspektiven dieser Autoren weiterführen wird.
Nun scheint mir freilich ein Gespräch über Einzelheiten erforderlich zu sein. In Ihrem Manuskript befinden sich manche Austriazismen und auch einige umständliche Formulierungen, an denen doch noch gefeilt werden sollte. Es wäre das beste, könnte dies in einem Gespräch geschehen. Führt Sie Ihr Weg ohnehin einmal nach Frankfurt?
Wenn wir im Laufe der Monate September oder Oktober eine Verständigung darüber herbeiführen könnten, so würden wir das Buch noch in der ersten Hälfte 1966 herausgeben.
Ich freue mich sehr, daß ich Ihnen dies mitteilen kann. Ich sehe Ihr Manuskript gerne bei uns als Buch.
Mit freundlichen Grüßen
[Siegfried Unseld]
Altenmarkt 6, A-9112 Griffen, Kärnten, ist die Adresse des ersten Briefs von S. U. an P. H. P. H. studierte 1965 im vierten Jahr Rechtswissenschaften an der Universität Graz und bewohnte wäh10rend dieser Zeit (den Brief erhält er in den Sommerferien) ein Untermietzimmer in Graz-Waltendorf, Rosenhang 6.
2Die Adresse des Suhrkamp Verlags lautete zwischen dem 1. April 1963 und dem 1. Januar 1969: Grüneburgweg 69, 6 [60323] Frankfurt am Main, Ende 1968 übersiedelte der Verlag in die Lindenstraße 29-35, 6 [60325] Frankfurt am Main.
3Die Hornissen sind die erste Buchpublikation von P. H. Vermittelt durch seinen Freund Alfred Kolleritsch ließ er das Manuskript im Frühjahr 1965 Elisabeth Borchers zukommen, die als Lektorin im Luchterhand Verlag (sie wird später seine Lektorin bei Suhrkamp) arbeitete; sie lehnte eine Veröffentlichung ab. Gleichzeitig sandte der Grazer Hispanist und Übersetzer Anton Maria Rothbauer das Typoskript an Walter Boehlich im Suhrkamp Verlag. Dieser schrieb am 2. Juni 1965 nach Graz: »Sehr geehrter Herr Handke, ich weiß nicht, ob Herr Rothbauer Ihnen schon ein wenig mit dem Zaunpfahl gewinkt hat, und deswegen beeile ich mich, Ihnen zu sagen, daß Ihr Manuskript unser Interesse in einem Grad erregt hat, der uns veranlassen wird, uns ausführlicher mit Ihnen zu unterhalten. Nur bitten wir Sie um einen geringen Aufschub, da wir erst unsere Vertreterbesprechung hinter uns bringen möchten und müssen.« P. H. antwortete am 14. Juli 1965 aus Griffen: »Sehr geehrter Herr Boehlich, den ›Wink mit dem Zaunpfahl‹ habe ich zur Kenntnis genommen. Nun ist es aber möglich, daß ein weiterer Wink in Graz mich nicht erreichen wird, weil ich für längere Zeit nicht dort sein werde. Deshalb schreibe ich jetzt: Sollte es notwendig sein, mir etwas mitzuteilen, so teilen Sie mir es bitte über die im Briefkopf angegebene Adresse mit; die Mitteilung wird mir von hier, da ich zur Erledigung einer Arbeit ins Ausland verreise, nachgeschickt werden, so daß ich mich danach werde richten können.« Boehlich hatte das Manuskript seinem Kollegen Chris Bezzel weitergereicht. Der hatte in einem (undatierten) Lektoratsgutachten die Publikation empfohlen: »peter handke erzählt genau, konkret wie homer ist die art der beschreibung. konkret ist ebenso das beschribene, die geschichte von drei brüdern, von denen einer (der erzähler) erblindet, ein zweiter ertrinkt, der dritte vermißt wird. konkret ist der schauplatz: eine dörfliche welt in einer abgelegenen gegend. die einzelnen kurzen stücke, aus denen der roman zusammengesetzt ist, sind ›einfache‹ szenen, nahaufnahmen, oft parodistische grundrisse des alltäglichen lebens, so anschau11lich gegeben, daß die dichte der dinge sprachliche gestalt annimmt. dieser dichte der dinge steht nun aber eine offenheit des geschehens gegenüber, so daß alles in die schwebe kommt. die grundperspektive des buches bedingt dies: ebenen, zeiten, personen und handlungsstränge verschränken sich fast völlig, jede figur, jedes ereignis wird relativiert, die ichform des erzählens wechselt mit ›du‹ und ›er‹, wodurch der autor nicht mehr weiß als der leser und beide auf vermutungen angewiesen sind. die metaphern erweisen sich als zeichen für vieles, möglichkeit und wirklichkeit sind im gleichgewicht. das antike motiv des blinden, der zum ›seher‹ wird, findet durch handke eine neue gestaltung: ein blinder setzt sich durch erinnernde und tastende vorstellung die welt, die er verloren hat, wieder zusammen, er versucht, sich ein ›bild‹ zu machen. und nur ›dadurch, daß er sich etwas ausdenkt, vermag er sich zu behaupten.‹ DIE HORNISSEN sind scheinbar zeitlos, wir lesen nichts von tod und zerstörung. aber gerade durch das fast völlige aussparen des krieges wird – im motiv der insekten – ein schweigen realisiert, das dem bewußtsein als übermächtige bedrohung erscheint, für die wörter wie ›bomber‹ und ›krieg‹ nur metaphern sind. was von nicht wenigen autoren der moderne angestrebt wurde und wird: die völlig offene fabel, bei der nichts sich verfestigt, aber auch nichts sich verflüchtigt, die den leser nicht abzieht von seiner eigenen existenz, sondern ihm zum modell wird für mögliches leben – in diesem werk ist es auf bezwingende art gelungen. peter handke setzt mit seinem ersten roman DIE HORNISSEN die epische linie eines peter weiss und eines ror wolf (›Fortsetzung des Berichts‹) [Peter Weiss, Der Schatten des Körpers des Kutschers, erschien 1960, Ror Wolf, Fortsetzung des Berichts, 1964 im Hauptprogramm des Suhrkamp Verlags.] legitim und vielversprechend fort.« Laut Bezzel handelt es sich um den »entwurf zu meinem gutachten, das aber kaum länger war«. Das Manuskript wurde angenommen »aufgrund meines gutachtens (und ohne ein gespräch mit unseld darüber)« (Bezzel, Brief vom 24. Juni 2012 an Wolfgang Kaußen). Als der Brief von S. U. vom 10. August 1965 in Griffen ankam, war P. H. mit seiner Freundin und späteren Ehefrau, der Schauspielerin Libgart Schwarz, in Varna an der bulgarischen Schwarzmeerküste. Die Nachricht von der Annahme übermittelte ihm seine Mutter (siehe Adolf Haslinger, Peter Handke, S. 104).
[Graz]
25. August 19651
Sehr geehrter Herr Doktor,
Ihre Nachricht hat mich über die Maßen gefreut. Zu dem Gespräch über die Einzelheiten bin ich gern bereit, zumal mir in der Zwischenzeit selber einige kleine Stellen verdächtig erschienen sind. Ich möchte zu diesem Zweck am 13. oder 14. September nach Frankfurt kommen. (Im Oktober werde ich einer Prüfung wegen weniger »Zeit haben«.) Bitte, lassen Sie mich wissen, ob der genannte Termin Ihnen recht ist.2
Die Ehre für mein Manuskript, die ihm geschieht, indem es in Ihrem Verlag erscheint, freut mich so, daß das Ereignis mir noch jetzt nicht ganz geheuer ist.
Mit herzlichen Grüßen
Peter Handke
Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk von S. U.: »C. Bezzel bitte benachrichtigen. U«.
2Am Tag der Niederschrift der Antwort begann P. H., die Reise zu organisieren. Er bat Emil Breisach, den damaligen Präsidenten des Forums Stadtpark, in einem Brief um einen Fahrtkostenzuschuß von 700,– Schilling, den dieser am nächsten Tag bewilligt, mit der Auflage, das Geld zurückzuzahlen, falls der Verlag die Reisekosten übernähme (siehe Peter Handke – Alfred Kolleritsch, Schönheit ist die erste Bürgerpflicht, S. 5f.). P. H. schrieb am 27. August 1965 aus Griffen eine Postkarte an Libgart Schwarz, die ihn auf der Reise nach Frankfurt begleitete: »S. g. Fräulein Libgart Schwarz. Libgart! Das Manuskript wird im Suhrkamp Verlag erscheinen, wahrscheinlich im Frühjahr. Ich sollte nur zur Ausmerzung einiger Austriazismen und umständl. Wendungen im September zu einem ›Gespräch‹ nach Frankfurt. Vielleicht kannst Du mitfahren. […] Jetzt kann mir wenig mehr passieren. D. P.« (ÖLA SPH/LW/Korrespondenz Schwarz, Libgart)
Frankfurt am Main
13. September 1965
Lieber Herr Handke,
auch im nachhinein bin ich sehr froh über unser Gespräch. Nach Ihrem Manuskript freute es mich besonders, Sie nun auch persönlich kennenzulernen. Ich bin überzeugt, daß Sie mit diesem Manuskript am Anfang einer achtbaren Laufbahn stehen, und ich hoffe, daß wir in einer langen, guten und produktiven Verbindung bleiben.1
Ich bestätige nochmals, daß wir Ihren Roman »Die Hornissen« im Frühjahr des nächsten Jahres herausbringen werden. Sie wollten Herrn Dr. Bezzel noch einige Korrekturen zuschicken. Es wäre mir angenehm, wenn dies noch in diesem Monat oder jedenfalls in der ersten Oktoberhälfte geschehen könnte. Wir wollen dann das Manuskript in Satz geben, um in Ruhe die Herstellung betreiben zu können.2
Ich wiederhole hier noch einmal die vereinbarten Bedingungen. Sie erhalten für dieses Manuskript à conto der Honorare einen Betrag von DM 3.600,–; davon sind DM 1.200,– bei Abschluß des Vertrages, weitere DM 1.200,– am 31. 12. und die dritten DM 1.200,– bei Erscheinen des Buches fällig. Die Honorare werden vom Broschurpreis des Buches errechnet, der ungefähr bei DM 12,– liegen wird (Ladenpreis ungefähr DM 16,–). Sie erhalten vom 1. bis 3. Tausend 10 % vom Broschurpreis, vom 4. bis 10. Tausend 12 % und vom 11. Tausend an 15 %. Das sind die Bedingungen, die wir bei ersten Büchern haben, sie wurden auch bei Paul Nizon3 und Ror Wolf eingeräumt. In den nächsten Tagen erreicht Sie ein ausführlicher Vertrag. Erschrecken Sie nicht über den Umfang des Vertrages, aber es hat sich in der Erfahrung doch bewährt, daß von Anfang an alle Rechtsbeziehungen klargelegt werden.
Mit herzlichen Grüßen und allen guten Wünschen für Sie
[Siegfried Unseld]
14P. S.: Wir erwarten dann auch von Ihnen noch die erbetene Vita und bitte möglichst auch ein oder zwei Fotos.
Das Gespräch fand am 9. September 1965 im Verlag statt. P. H. datierte es im Rückblick auf den August 1965 und notierte: »Nach der Annahme der Hornissen Fahrt zum Verlag. Vorstellung beim Verleger, in seinem Büro im Grüneburgweg in Frankfurt. Ich übernächtig, an keiner der Autobahnraststätten zwischen München und F. ein Zimmer frei. ›Verleger‹? Unwissenheit des Zweiundzwanzigjährigen. Siegfried Unseld nicht nur im Dastehen im Raum gar übermächtig. (Übernächtig/übermächtig.) Riesengesicht. Und was für dunkle Augen – ich für deren Schönheit erst mit den Jahrzehnten offen. Und was für ein riesiger blauer Pickel auf der Riesenwange: bei meiner Erwähnung dessen fast vier Jahrzehnte später ein entschiedenes Kopfschütteln. Er seinerzeit: »Sie, Schriftsteller? Keine Chance, höchstens mit Theaterstücken.« (P. H., Zeit mit Siegfried Unseld (ohne Zeitwörter), in: P. H., Meine Ortstafeln, Meine Zeittafeln, S. 422)
2Chris Bezzel lektorierte DieHornissen mit dem Autor brieflich und telefonisch: Es ging dabei vor allem um die Austriazismen, die Kapitelüberschriften in der Marginalspalte oder die Erstveröffentlichung einzelner Kapitel. Weder das ursprüngliche Typoskript noch spätere Arbeitsstufen noch die Druckfahnen haben sich erhalten.
3Paul Nizon, Canto, der Debutroman des Autors, erschien 1963 im Hauptprogramm des Suhrkamp Verlags.
Frankfurt am Main
23. September 1965
Lieber Herr Handke,
ich schicke Ihnen anliegend den angekündigten Vertrag zu. Bitte erschrecken Sie nicht über den Umfang des Vertrages, aber es scheint mir doch besser, präzise alle Rechtsbeziehungen zwischen uns zu regulieren. In zukünftigen Fällen 15können wir dann jeweils auf diesen Vertrag aufbauen. Ich schicke Ihnen zwei Ausfertigungen zu und bitte Sie, mir eine mit Ihrer Unterschrift versehen wieder zurückzuschicken.
Es mag sein, daß der Suhrkamp Verlag Anfang November in Wien eine Buchpremiere für Tumlers neues Buch veranstaltet. Ich werde Ihnen noch Bescheid geben, es wäre schön, wenn wir uns dann wieder träfen.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr
[Siegfried Unseld]
Graz
30. September 1965
Sehr geehrter Doktor Unseld,
vielen Dank für Ihren Brief. Ich hoffe auch, daß ich vielleicht im November mit Ihnen zusammentreffen könnte. Beiliegend schicke ich Ihnen den unterschriebenen Vertrag; ich danke Ihnen nochmals. Wegen verschiedener Kleinigkeiten werde ich noch mit Dr. Bezzel in Verbindung treten. Die Vita und das Foto kann ich Ihnen erst in den nächsten Tagen schicken.1
Sehr herzliche Grüße
Peter Handke
Am 22. Oktober 1965 erinnerte Chris Bezzel P. H. brieflich erneut an Foto und Vita, woraufhin dieser ihm am 26. Oktober 1965 seine »Lebensdaten« schickte, die bis auf kleine Änderungen für den Buchumschlag der Erstausgabe von Die Hornissen übernommen wurden: »geboren am 6. Dezember 1942 in Griffen, Kärnten. 1944-48 in Berlin. Volksschule in Griffen. 1954-59 humanistisches Gymnasium in einem Internat für Priesterzöglinge. Die letzten 16zwei Jahre der Gymnasialstudien in Klagenfurt. 1961 Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Graz. Erste Veröffentlichungen in der Zeitschrift ›manuskripte‹ des forum stadtpark Graz. Außer dem Roman: Kürzere Prosa, ein Stück: ›Publikumsbeschimpfung‹.« Das Forum Stadtpark, Graz, wurde 1959 gegründet; siehe Brief 10, Anm. 2. Dagegen benötigte P. H. einige Zeit, um zu publizierbaren Fotos zu gelangen. Jene Aufnahmen, die sein erstes öffentliches Erscheinungsbild prägten – also in Zeitungsrezensionen der Hornissen oder anläßlich der Veröffentlichung des Romankapitels Das Kartenspiel in Dichten und Trachten (Heft 27, 1966, S. 32-37) gedruckten –, entstammten einer Fotoserie von Otto Breicha. Darauf ist P. H. mit noch relativ kurzen Haaren, dicker schwarzer Brille und einer Winterjacke mit Fell zu sehen. P. H. schickte sie am 8. Februar 1966 an den Verlag.
Frankfurt am Main
8. Oktober 1965
Lieber Herr Handke,
wäre es Ihnen möglich, am 3. November nach Wien zu kommen? Um 11 Uhr vormittags wird in der Gesellschaft für Literatur von Tumler eine Lesung und ein Gespräch mit mir sein. Am Abend möchte ich Sortimenter zu einem Abendessen einladen. Ich wäre sehr froh, wenn Sie dabei sein könnten.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
[Siegfried Unseld]
Graz
21. Oktober 1965
Lieber Dr. Unseld,
vielen Dank für Ihre Einladung. Ich werde gern am 3. November nach Wien kommen und freue mich, Sie sprechen zu können.
Ich habe gerade mit Ach und Krach ein Stück geschrieben. Es heißt »Publikumsbeschimpfung« und ist mein erstes und mein letztes. Ich möchte es nun hier in Graz zur Erprobung im Forum Stadtpark aufführen lassen und auch sonst dazu sehen, daß ich es vielleicht anbringe. Wahrscheinlich muß ich mich dazu an Sie wenden. Ich frage Sie deshalb um Rat, was zu tun ist oder ob überhaupt etwas zu tun ist.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Peter Handke
Frankfurt am Main
25. Oktober 1965
Lieber Herr Handke,
schönsten Dank für Ihren Brief vom 21. Oktober. Ich freue mich sehr, daß wir uns in Wien sehen und sprechen können. Ich werde am Dienstagnachmittag nach Wien kommen. Vielleicht können wir uns gleich am Abend um 19 Uhr treffen, auch damit wir uns über Ihr Stückproblem unterhalten können; ich wohne im Royal.1 Wenn nicht, erwarte ich Sie dann spätestens bei der Veranstaltung der Literarischen Gesellschaft am 3. November um 11 Uhr.2
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
[Siegfried Unseld]
18Das Hotel Royal befindet sich in der Singerstraße 3, im 1. Bezirk in Wien.
2Am 3. November 1965 referierte S. U. in der Österreichischen Gesellschaft für Literatur im Palais Wilczek über die Programmatik der Verlage Suhrkamp und Insel, danach las Franz Tumler aus Aufschreibung aus Trient. Roman, der gerade im Suhrkamp Verlag erschienen war. Am Abendessen mit den Inhabern der österreichischen Auslieferung von Suhrkamp und Insel sowie Wiener Buchhändlern nahmen teil: Thomas Bernhard, Peter Handke, Zbigniew Herbert, Franz Tumler und Wolfgang Kraus. Im Reisebericht Wien 2. bis 4. November 1965 hielt S. U. fest: »Peter Handke. Mit ihm traf ich zweimal zusammen. Der Eindruck blieb gleich oder verstärkte sich. Ich glaube, wir haben da einen hochinteressanten Autor gewonnen. Ich habe ihm angekündigt, daß bis Ende November die Fahnen-Sendungen [von Die Hornissen] beginnen. Wir wollen von dem Buch Leseexemplare etwa in einer Anzahl von 250 herstellen, die dann mit besonderer Berücksichtigung der Wiener und Grazer Sortimenter verschickt werden sollen. Erscheinungstermin des Buches nicht später als 20. März. Peter Handke gab mir dann sein Sprechstück ›Publikumsbeschimpfung‹, das ist eine sehr originelle Sache, die sehr reizvoll ist. Die Aufführungschancen sind schwer zu beurteilen, doch sollte man es natürlich versuchen. Das Stück liegt jetzt beim Forum Theater in Graz, das es vielleicht im Frühjahr aufführen will; ebenfalls ist die Zeitschrift ›manuskripte‹ an einer Veröffentlichung des Stückes interessiert. Ich möchte Herrn Braun bitten, das Stück sogleich zu lesen und mit mir dann das weitere zu besprechen.«
Graz
5. November 65
Lieber Dr. Unseld,
eine Bitte, die ich leider nicht mehr aufschieben kann: Könnten Sie Ihre Honorarabteilung anweisen, mir zumindest mitzuteilen, was mit meiner seit über 1 1/2 Monaten fälligen Honorarrate geschehen ist? Ich habe am 5. 11. bei der Abtei19lung angefragt, aber man hat mir bis jetzt nicht einmal geantwortet. Ich brauche Ihnen keine Genrebilder von meiner Lage zu geben. Es ist einfach unangenehm, von einem Tag zum andern von geliehenem Geld zu leben. Hätte ich diese lange Verzögerung im vorhinein gewußt, hätte ich mich wenigstens um eine Arbeit umsehen können. So warte ich täglich auf eine Erklärung von seiten Ihrer Abteilung.
Ich hoffe, Sie sind nicht ungehalten, daß ich mich, nachdem ich mich anscheinend erfolglos an Ihre Honorarabteilung gewendet habe, nun an Sie wende.
Vielen Dank im voraus (für Ihre Erklärung) und im nachhinein (für Ihre liebe Einladung nach Wien)
Ihr
Peter Handke
Frankfurt am Main
18. November 1965
Lieber Herr Handke,
jetzt bin ich wirklich einmal im eigenen Hause auf die Schliche des Verlagsbürokratismus gekommen. Unsere Honorarbuchhaltung hat Ihnen am 5. Oktober wegen der Steuerbefreiung geschrieben, Sie haben darauf auch brav geantwortet. Ihre Unterlagen wurden dem hiesigen Finanzamt eingereicht, das wegen der vorweihnachtlichen Steuertätigkeit überlastet ist und den Antrag noch nicht bearbeitet hat, und da in der Buchhaltung ein Schematismus besteht, Zahlungen nur dann ohne Steuerabzug zu leisten, wenn diese Bescheinigung vorliegt, ist die Zahlung bisher unterblieben. Das tut mir sehr leid, ich entschuldige mich dafür.
Ich habe folgendes veranlaßt: heute ist Ihnen die erste Rate 20telegraphisch zugegangen, die zweite Rate, die am 31. Dezember fällig gewesen wäre, schicken wir ebenfalls jetzt schon ab, freilich auf normalem Wege; ich nehme aber an, sie wird Sie innerhalb von acht Tagen erreichen. Im übrigen wäre es gut, Sie hätten ein Konto, damit wir zukünftig Überweisungen leichter tätigen können. Bitte entschuldigen Sie nochmals das Versehen, es wird nicht wieder vorkommen. Ich habe meiner Buchhaltung auch entsprechende Anweisung gegeben, daß sich der Fall auch nicht bei anderen Autoren wiederholt.
Ich habe »Publikumsbeschimpfung« jetzt gelesen und den Text auch meinen Mitarbeitern im Theaterverlag gegeben. Wir stimmen überein, es ist Ihnen da ein wirklich schönes Stück gelungen, das auch Aufführungschancen hat. Ich möchte für den Verlag und Theaterverlag Suhrkamp Publikations- und Aufführungsrechte für das Stück erwerben.1 Wir könnten als Vorauszahlung auf die anfallenden Honorare einen Betrag von DM 1.200,– vereinbaren. Sind Sie damit einverstanden, wenn ich Ihnen einen solchen Vertrag zuleite? Sind Ihre Absprachen mit dem Forum Theater definitiv? Wir möchten von uns aus die Theater sehr bald auf dieses Stück aufmerksam machen. Dabei spielt es natürlich eine Rolle, ob wir die Uraufführung oder eine deutsche Erstaufführung vergeben können. Wenn Sie schon definitive Abmachungen haben, so wollen wir dann in unserem Vertrag diese Aufführung ausklammern. Ich überlege mir noch eine Form, wie man das Stück publizieren könnte. Sie deuteten an, daß die Zeitschrift »manuskripte« es bringen möchte. Das kann man machen, und doch hat es eigentlich wenig Wirkung, die Zeitschrift kommt ja doch so etwas außerhalb der Öffentlichkeit heraus. Andererseits werden andere Zeitschriften kaum etwas abdrucken, was in den »manuskripten« stand.2 Für eine separate Veröffentlichung, etwa innerhalb der »edition suhrkamp«, ist der 21Text freilich, selbst bei großzügigem Druck, zu schmal. Aber wer weiß, ob Sie vielleicht doch noch etwas in der Schublade haben oder im Kopf, so daß wir zu einem späteren Zeitpunkt einen Band machen könnten.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr(e) Conradi / Unseld
in Abwesenheit von Dr. Unseld
Am 8. Dezember 1965 schrieb Karlheinz Braun an P. H.: »Sehr geehrter Herr Handke, es wird Zeit, daß ich Ihnen schreibe und mich Ihnen vorstelle als denjenigen, der sich bei Suhrkamp mit dem beschäftigt, was mit dem Theater zu tun hat, also auch mit der ›Publikumsbeschimpfung‹. Herr Dr. Unseld gab mir Ihr Sprechstück, ich hatte es gleich gelesen, mit einiger Begeisterung, muß ich sagen. Das hat Witz und Tiefe, beschäftigt sich mit dem, mit dem sich alle dramatischen Autoren beschäftigen müßten – aber Sie machen es auf eine derart direkte Weise, daß einem – und hoffentlich auch denen, auf die es gemünzt ist – die Spucke wegbleibt. Das sollten wir unbedingt machen, ich glaube, Herr Dr. Unseld hat es Ihnen auch schon geschrieben, und ich habe Ihren Antwortbrief gelesen [siehe Brief 11], in dem Sie von weiteren Stücken schreiben, von einem ersten (Weissagen) und einem geplanten (mir hochinteressanten), der Beichte. Der richtige Start auf dem Theater scheint mir die ›Publikumsbeschimpfung‹ zu sein. (Welcher Dramatiker hätte wohl schon damit angefangen?) Da das Grazer Projekt sich wohl inzwischen zerschlagen hat (was sicherlich ganz gut ist), sollten wir uns überlegen, was wir tun können.1. Zuerst müssen wir die Textbücher herstellen. Dazu brauche ich den ›endgültigen‹ Text. Ich kann mir vorstellen, daß der Text, den Sie uns schickten, der endgültige Text ist. Jedenfalls wüßte ich Ihnen keine Änderungsvorschläge (theoretisch) zu machen. Was eventuell noch zu ändern wäre, das müßte sich aus den Proben ergeben. Das Ganze scheint mir eine Sache des Rhythmus zu sein, der Ökonomie, der Form. Das alles ist aber letzten Endes nur bei der praktischen Arbeit endgültig zu klären (wenn man kein Beckett ist). Bitte schreiben Sie mir, ob dies der endgültige Text ist, bzw. schicken Sie noch die eventuellen Änderungen und die An22merkungen, die Sie in Ihrem Brief an Fräulein Conradi erwähnen. Wir werden dann sofort die Textbücher herstellen. 2. Sie sollen dann auch den entsprechenden Bühnenvertrag erhalten. 3. Wie wäre es mit einer Uraufführung in Ulm. Die Ulmer sind einiges gewöhnt und Ulrich Brecht, der Intendant, verläßt mit dem Ende dieser Spielzeit Ulm, um als Intendant nach Kassel zu gehen. Er könnte sich mit der ›Publikumsbeschimpfung‹ in Ulm verabschieden und mit demselben Stück in Kassel anfangen. Was meinen Sie zu diesem Plan? Ich fände das einen guten Anfang. Bitte schreiben Sie, ich warte derweil noch mit allem ab; ich möchte nichts tun, was Ihnen nachher nicht gefällt.« P. H. antwortete am 12. Dezember 1965: »Ich freue mich sehr, daß Ihnen mein Stück gefällt. Ihr Brief hat mir auch einen gewissen Ansporn für das geplante Stück gegeben. Mit Ihren Vorschlägen bezüglich der Aufführung (Sie schreiben von Ulm und Kassel) bin ich sehr einverstanden. Ich habe für das Stück ganz wenige Änderungen vorzuschlagen, und die möchte ich gleich hier anführen. [Es folgt eine Liste mit vier Korrekturen zur Publikumsbeschimpfung, die sich mit Seitenangaben auf ein Typoskript beziehen.] […] Ich schicke Ihnen auch die zum Stück gehörigen Regeln für die Schauspieler, die ich gern im Textbuch drin hätte.« Die »Regeln für die Schauspieler« unterscheiden sich vom einzeilig getippten Typoskript des Stücks durch eine großzügigere Gestaltung. Sie wurden von P. H. mit »11. 12. 65« datiert (siehe DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke, Peter). Dem Brief liegt außerdem eine Typoskriptseite mit einem neuen Schluß, einer modifizierten »Beschimpfung«, bei.
2Das erste Heft der österreichischen Literatur- und anfangs auch Kunstzeitschrift manuskripte, von Alfred Kolleritsch und Günter Waldorf gegründet und herausgegeben, erschien 1960. P. H. veröffentlichte darin ab 1964 – unter anderem im Heft 12 von 1964, S. 20-23, Aus dem Roman Die Hornissen: Die Liturgie.
Graz
23. November 19651
Liebe Frau Conradi,
vielen Dank für Ihren ganz unbürokratischen Brief. Ich danke Ihnen auch für die Mühe, die Sie sich wegen meines Honorars gemacht haben.
Ich habe ein Konto (ein recht formelles freilich): 31028 Steiermärkische Sparkasse, Graz, Eisernes Tor.
Ich bin sehr froh, daß Sie das Stück nehmen wollen. Es ist eigentlich mein erster derartiger Versuch, ich habe sonst immer nur Prosa geschrieben. Nur vor einem Jahr, zu einer Zeit, da ich (wie auch heute) von der Beatmusik begeistert war, habe ich ein kurzes, etwa fünfzehn bis zwanzig Minuten langes Sprechstück geschrieben, mit Namen »Weissagung«, das von drei oder vier Sprechern gesprochen wird und nach den Klangelementen der Beatmusik, vor allem der »Rolling Stones« | (= eine Beatgruppe) | (nicht lachen) gemacht ist. Inhaltlich (oder sprachlich) besteht es aus rhythmisch aneinandergereihten Tautologien, die völlig unlogisch aufeinander folgen und nur ein Klangbild ergeben, durch Überschneidung, gemeinsames Sprechen, Sprechen im Kanon, Litaneien etc. (»Die Fliegen werden sterben wie die Fliegen. Die Hyänen werden heulen wie die Hyänen. Der Verrückte wird rennen wie ein Verrückter …«: so ähnlich fängt es, glaube ich, an.) Ich schreibe das deshalb, weil Sie sagen, die »Publikumsbeschimpfung« sei für die »Edition Suhrkamp« zu kurz. Vielleicht könnte man die »Weissagung« dazutun. Außerdem habe ich noch einen Stückplan »im Kopf«: zu diesem aber ist mir der Knopf noch nicht ganz aufgegangen.
Ich bin überzeugt, daß die »Publikumsbeschimpfung« aufführbar ist. Darum ist sie auch geschrieben. Ich möchte 24noch eine Anleitung schreiben, wie ungefähr man es machen sollte. Es gibt nur eine Schwierigkeit: Sprecher dafür zu finden. Wie Sie wissen, hatte ich die Absicht, das Stück zur Erprobung hier in Graz im Forum bringen zu lassen. (Das ist übrigens kein richtiges Theater, das wäre eine Übertreibung, aber es hat eine Abteilung, die für das Theater zuständig ist.) Es ist nun unmöglich, es hier zu bringen, weil ich fast niemanden wüßte, der es machen könnte. Also habe ich diese Absicht nicht mehr. Vielleicht gibt es in Deutschland andere junge Schauspieler. Das Forum hat zudem keinen großen Theaterraum, und der gehört halt dazu. Für intime Experimentierbühnen ist das Stück ungeeignet, für einen Keller ganz und gar. Es gehört in ein normales großes Haus, in das die bekannten Theaterbesucher gehen. Vielleicht müßte zu seiner Aufführung ein eigenes Ensemble gegründet werden, das von einem Theater zum andern fährt. (Eine Illusion)
Sollte die »Publikumsbeschimpfung« (mit den zwei anderen Stücken) in der »ES« erscheinen können, so wäre das der Idealfall in meinen Augen. Man hätte die Gewähr, daß es unter die Leute kommt. Es kann ja auch gelesen werden, wozu es in einer Zeitschrift weniger Chancen hat. Ich jedenfalls lese Stücke, die in Zeitschriften stehen (wie im »Theater heute«), recht ungern, während ich Stücke, die in der »Edition Suhrkamp« stehen, wenn nicht schon gern lese, so doch mindestens gern zu lesen anfange. Das Stück in eine Anthologie von Theaterstücken zu bringen, ist ein Unding. Außerdem wäre es in der »Edition Suhrkamp« ein Buch, und so könnte ich das Stück trotzdem mit Ihrer ausdrücklichen Genehmigung in der Zeitschrift »manuskripte« drucken lassen, die zwar wahrscheinlich wirklich außerhalb der von den Konsumenten gebildeten Öffentlichkeit erscheint, aber sicher auch ihre Funktion hat, wie man so sagt, und zwar als die einzige diskutable Literaturzeitschrift hier in Österreich.
25Entschuldigen Sie, daß der Brief so lang geworden ist.
Sie schreiben, ob ich einverstanden sei, daß Sie mir den Vertrag zuleiten. Und ob ich das bin.2
Herzliche Grüße
Ihr
Peter Handke
| N. S. Inzwischen ist mir auch das 3. Stück klar geworden. Es soll »Beichte« heißen und dauert ca. 30 Minuten. Es sprechen ein junger Mann und eine ebensolche Frau. Die Thematik ist ähnlich sprachintern wie bei den zwei ersten. Aufgebaut ist es aus Redensarten, die die Beichtenden in der Kirche gebrauchen (»Ich habe den Namen Gottes totgeschwiegen, ich habe sündige Gedanken gehabt etc.«), die Welt wird in Beichtformeln gefaßt. Ich möchte diese unlogisch reihen und untersetzen mit nichtssagenden Aussagen als Kontrast: (»Ich bin über Straßen gegangen«) sowie mit juristischen Formeln (»Ich habe mir fremdes Gut angeeignet«). Gebeichtet wird ans Publikum. Es ist ein ähnliches Beatband-Stück wie die zwei ersten.
Dazu habe ich eine kleine Abhandlung über die Beatles geschrieben, die man dem allen voranstellen könnte. Bitte, schreiben Sie, ob Sie damit einverstanden wären. Und Entschuldigung noch einmal.
Ihr P. H. |
Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk von S. U.: »Dr. Braun, Ritzerfeld z. K.«.
2Helene Ritzerfeld sandte am 13. Dezember 1965 P. H. den Publikations- und Aufführungsvertrag für die »Publikumsbeschimpfung« nach Graz mit der Bitte, »den Vertrag auch Ihrerseits zu prüfen«. Am 5. Januar 1966 retournierte sie P. H. den von S. U. gegengezeichneten Vertrag.
Frankfurt am Main
30. November 1965
Lieber Herr Handke,
der letzte Brief, den Sie vom Verlag erhalten haben, war von meiner Sekretärin, Fräulein Conradi unterschrieben. Doch ich habe ihn ihr selbst diktiert, und es lag mir daran, mich für das Vorausgegangene zu entschuldigen.
Ich hoffe, Sie haben nicht nur die fällige Rate, sondern auch die anderen zwei Raten, die für Ende Dezember vorgesehen waren, erhalten. In Zukunft werden wir alle Beträge auf Ihr Konto bei der Steiermärkischen Sparkasse überweisen.
Könnten Sie mir die »Weissagung« zugehen lassen? Wie ich Ihnen ja schon sagte, gefällt mir »Publikumsbeschimpfung« sehr. Ich werde Ihnen einen Aufführungsvertrag, der auch Publikationsrechte enthält, zuleiten. Nach der Lektüre der »Weissagung« können wir dann immer noch die Frage besprechen, wie wir die Sachen veröffentlichen wollen. Auch die »Beichte« klingt sehr verlockend. Sie finden mich immer zur Lektüre bereit.
Wir haben jetzt auch die ersten zwanzig Fahnen des Satzes der »Hornissen« zurückerhalten. Ich bin einigermaßen entsetzt über Ihre Korrekturen, die teilweise Neusatz und damit sehr hohe Kosten verursachen. Ich wäre Ihnen doch dankbar, wenn Sie Änderungen und Korrekturen auf das Unumgängliche reduzierten. Im allgemeinen ist es ja so, daß Autoren, wenn sie mehr als 10 % der Satzkosten verursachen, für diese Kosten aufkommen müssen (die jetzigen Kosten belaufen sich auf 45 %). Das soll, wie gesagt, nicht heißen, daß Fehler nicht korrigiert und wichtige Verbesserungen nicht vorgenommen werden sollen, aber es hat wenig Sinn, den Text in den Fahnen gewissermaßen neu zu schreiben.1
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
[Siegfried Unseld]
27P. H. hatte die Fahnenkorrekturen direkt an die Herstellungsabteilung geschickt. Die Korrekturarbeiten dauerten bis Ende Dezember.
Graz
5. Januar 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
Sie haben in Ihrem letzten Brief nicht erwähnt, ob es gegen Ihren Willen ist, daß die »Publikumsbeschimpfung« in der Zeitschrift »manuskripte« erscheint. In Ihrem vorletzten Brief schrieben Sie, Sie hätten nichts dagegen, nur würde es sonst wohl keine andere Zeitschrift bringen wollen. Ich habe mich dann trotzdem dafür ausgesprochen.
Jetzt habe ich das Stück dem Redakteur der »manuskripte« gegeben, weil es so ausgemacht war.1 Ich bekomme selbstverständlich kein Honorar dafür. Man könnte einen Vermerk zusetzen: »mit freundlicher Genehmigung usw.«. Ich schreibe Ihnen, um mir Ihr Einverständnis zu sichern.
Zudem habe ich noch vor Weihnachten das zweite Stück abgeschlossen. Ich nenne es jetzt »Selbstbezichtigung«, weil es nicht nur Formeln aus der Beichtsprache enthält, sondern aus allen Weltanschauungssprachen. Es ist ungefähr fünfzig Minuten lang und ein Sprechstück. Soll ich es Ihnen schicken?
Im übrigen herzliche Grüße und alles Gute in diesem Jahr für Sie und Ihren Verlag
Ihr
Peter Handke
Anlage2
29P. H. ist befreundet mit Alfred Kolleritsch, dem Herausgeber der manuskripte.
2Nicht ermittelt. Vermutlich das Typoskript der Weissagung, eines »Sprechstücks für vier Sprecher«. Es umfaßt samt Titel-, Copyright- und Mottoblatt 12 Seiten. Auf der Rückseite des letzten Blattes hat P. H. als Entstehungszeitraum »6.-9. 10. 1964« eingetragen (siehe DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke, Peter).
Frankfurt am Main
12. Januar 1966
Lieber Herr Handke,
ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 5. Januar. Ich habe nichts dagegen, daß Sie die »Publikumsbeschimpfung« in der Zeitschrift »manuskripte« veröffentlichen. Der Vermerk, den Sie anfügen, würde genügen.1
Bitte schicken Sie mir die »Selbstbezichtigung« zu. Ich lese sie gerne und werde dann auch prüfen, was wir dafür tun können.
Mit allen guten Wünschen
Ihr
[Siegfried Unseld]
P. H., Publikumsbeschimpfung, erschien in: manuskripte, Heft 16, 1966, S. 15-23, mit dem Hinweis »(Copyright by Suhrkamp Verlag)«.
Graz
24. Januar 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
vielen Dank für Ihren letzten Brief. Ich schicke Ihnen diesmal das Stück, ich habe es noch einmal überarbeitet.1
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Peter Handke
Vielen Dank auch für die Übersendung des Leseexemplares der »Hornissen«. Ich habe dazu freilich keinen Brief bekommen, daß ich es korrigieren sollte. Es sind noch einige Setzfehler drin.
Die Satzvorlage von Selbstbezichtigung besteht aus 17 eng und einzeilig geschriebenen Typoskriptseiten (siehe DLA, SUA, A: Suhrkamp Verlag, Handke, Peter).
Frankfurt am Main
26. Januar 1966
Lieber Herr Handke,
ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 24. Januar. Den Eingang der »Selbstbezichtigung« kann ich bestätigen. Sie hören wieder von uns.
Das Leseexemplar ist ein Korrekturexemplar. Wir erbitten es zurück, freilich nur noch mit reinen Satzfehlerberichtigungen, jetzt können wir keine stilistischen Änderungen mehr durchführen.1
Herzliche Grüße
Ihr
[Siegfried Unseld]
31P. H. sandte seine Korrekturen an die Herstellungsabteilung, Chris Bezzel bestätigte den Erhalt brieflich am 10. Februar 1966.
Frankfurt am Main
16. März 1966
Lieber Herr Handke,
ich habe eben die ersten Bindemuster Ihrer »Hornissen« in Händen gehabt und gab noch Anweisung für letzte Änderungen, die die Farbe des Rückenschildes und des Kopfschnitts betrafen. Danach wird jetzt also die Auflage, die schon vorbereitet ist, gebunden. Wir werden morgen wieder ein Exemplar haben, das dann in Ordnung ist, ich hoffe dies jedenfalls. Dieses Exemplar lasse ich Ihnen dann zugehen. Ich bin sehr gespannt, wie Ihnen das Ganze gefällt. Ich bin sehr froh darüber, daß wir das Buch in dieser Weise gemacht haben. Es ist ein Erstling, auf den Sie sehr stolz sein dürfen, und ich bin sicher, daß es nicht unser letztes Buch ist, das wir gemeinsam machen. Wir druckten eine Auflage von 3.000 Exemplaren. Ihr Honorar beträgt 10 % vom Ladenpreis (DM 16,–), also DM 1,60 pro Exemplar. Nach unserem Vertrag sind Ihnen weitere DM 1.200,– bei Erscheinen des Buches zu überweisen. Dieser Betrag geht in diesen Tagen an Ihre Bank. Sie dürfen über 30 Freiexemplare verfügen. Sollen wir Ihnen diese nach Graz schicken? Bitte, geben Sie Antwort, wohin Sie sie haben wollen.
Ich freue mich sehr über dieses Buch und hoffe, es wird seine Wirkung tun. Im übrigen erschien schon gestern in der »FAZ« eine gute Besprechung, die ich Ihnen fotokopiert beilege.1
Inzwischen hat Sie auch die Einladung der Gruppe 47 nach Princeton erreicht. Ich habe Herrn Hans Werner Richter 32gebeten, Sie einzuladen. Hoffentlich können Sie es einrichten, es wäre sehr schön, wenn wir einige Tage gemeinsam in Amerika verbringen könnten.
Herzliche Grüße
Ihr
[Siegfried Unseld]
Helmut Scheffel, An der Erfahrungsgrenze, in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15. März 1966. Er schrieb: »Das hohe Niveau von Handkes Demonstration zeigt sich in der Nutzung sprachlicher Möglichkeiten. Es ist ein Genuß zu sehen, wie hier etwa grammatische Formen im Dienste der ästhetischen Absichten gebraucht werden. Da werden Modi ebenso durchexerziert wie der Gebrauch von Verbzeiten und ihre Konkordanz, der Gebrauch der verschiedenen Personen ebenso wie die Komparation. […] Gewiß ist der Roman keine ganz leichte Lektüre, aber eine lohnende. So wie es sich gelohnt hat, unsere Sehweise beim Betrachten von Bildern seit einer Reihe von Jahrzehnten zu ändern und neu einzuüben. Ein Roman, der uns als erkennende Wesen in Frage stellt, ein Autor, der weiß, worauf es ankommt, und der Grundlagenforschung betreibt. Man vertraue sich ihm an.«
Graz
22. März 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
herzlichen Dank für Ihren Brief und für die Zusendung der ersten Kritik und des Buchexemplars.
Das Buch schaut, glaube ich, großartig aus, und ich bin mehr als zufrieden damit. Ich danke Ihnen nochmals sehr für die Mühe, die es Ihnen sicherlich gemacht hat. Jetzt kann man nur auf die Reaktion warten.
Die Kritik in der »FAZ« hat mir sehr gefallen, sie ist, glaube ich, auch gut geschrieben.
33Ich danke Ihnen auch, daß Sie die Einladung nach Princeton veranlaßt haben. Ich werde alles daran setzen, daß ich kommen kann. Ich glaube, es ist fast sicher. Ich freue mich sehr auf diese Reise, ich war noch nie in den Vereinigten Staaten.1
Für heute herzliche Grüße
Ihr
Peter Handke
N. S. | Die mir zustehenden Buchexemplare wird man wohl oder übel nach Graz schicken müssen. Ich wüßte sonst nicht. |
Die Jahrestagung der Gruppe 47 fand 1966 zwischen dem 22. und 24. April in der Whig-Hall der Princeton-University statt. P. H. las aus seinem zweiten Roman Der Hausierer (eine veränderte Version des gelesenen Textes wurde gedruckt in: Akzente, 5/1966, S. 467; siehe auch Brief 19, Anm. 3) und kritisierte in einer improvisierten Rede die zeitgenössische deutschsprachige Literatur. Deren Eingangssatz lautete: »Ich bemerke, daß in der gegenwärtigen deutschen Prosa eine Art Beschreibungsimpotenz vorherrscht. Man sucht sein Heil in einer bloßen Beschreibung, was von Natur aus schon das billigste ist, womit man überhaupt Literatur machen kann.« (Tonbandprotokoll der Rede von P. H., zitiert nach Adolf Haslinger, Peter Handke, S. 110f.) Sämtliche Lesungen und Diskussionen der Tagung kann man auf der Website der Universität Princeton nachhören: <http://german.princeton.edu/landmarks/gruppe-47/recordings-agreement/recordings/>). Die Erläuterungen von P. H. zu seiner Rede erschienen unter dem Titel: Beschreibungsimpotenz. Zur Tagung der Gruppe 47 in USA, in: konkret, 6/1966, S. 32f.; wiederabgedruckt unter dem Titel Zur Tagung der Gruppe 47 in Princeton in: P. H., Ich bin ein Bewohner des Elfenbeinturms, S. 29-34. »Peter Handke, ein sehr junger Autor aus Graz, zum erstenmal anwesend auf einer Gruppentagung, der selber einen nur aus knappsten Aussagesätzen bestehenden Text vorgelesen hatte, einen durch kühn kalkulierte Zwischenschnitte verwandelten Kriminalroman, 34und der schon vorher durch seinen Oppositionsgeist aufgefallen war, als er (›Entschuldigung, wenn ich etwas unsachlich bin‹) Höllerers Erzählung als geistlos bezeichnet hatte, stand nach Piwitts Lesung [aus einem unveröffentlichten Roman] auf: Hier wie anderswo in der deutschen Literatur herrsche Beschreibungsimpotenz – wenn man nichts mehr weiß, kann man wenigstens noch beschreiben –, alles Schöpferische, jegliche Reflexion fehle, diese Prosa sei läppisch und idiotisch, und läppisch und idiotisch sei auch die Kritik, deren Instrumentarium zur Not gerade noch der alten Beschreibungsliteratur gewachsen sei, bei allem Andersartigen aber nur noch schimpfen oder Langeweile konstatieren könne. Es war ein Aufstand gegen so gut wie alles, was sich an Literatur und Kritik auf dieser Tagung präsentiert hatte, nicht sehr artikuliert zwar, selber Geschimpf, doch radikal gemeint.« Dieter E. Zimmer, Gruppe 47 in Princeton, in: Die Zeit, 6. Mai 1966. Im Anschluß an die Tagung reiste P. H. durch die USA.
Graz
20. Juni 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
vor einigen Tagen habe ich die Besprechung meines Romans in der »Zeit« gelesen. Ich weiß nicht, ob Sie mich verstehen werden: aber ich kann mich damit schwer abfinden. Wie ist es nur möglich, daß das Buch Leuten zur Besprechung gegeben wird, die von vornherein voreingenommen sind und sich nicht einmal die Mühe geben, das zu verbergen. Diese unsensibel, unintelligent, gehässig geschriebenen Kritiken, die nun Mode zu werden scheinen, hat mein Buch nicht verdient, trotz der Schwächen, die ich mir gern nachsagen lasse, wenn sich die Besprechung dem Niveau meines Buches anpaßt. Ich frage mich nur, was man dagegen unternehmen könnte. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß mir das Buch sehr am Herzen liegt und daß ich, obwohl 35ich es vor zwei Jahren geschrieben habe, im großen und ganzen davon überzeugt bin. Diese Voreingenommenheit dagegen kann ich nicht verstehen. Es liegt mir doch an dem Roman viel mehr als an den Stücken. Ich frage nun nicht nur mich, sondern auch Sie, weil ich Vertrauen habe, was ich tun könnte. Ich möchte zeigen, daß die Urteile in der »Zeit«1 und in der »Welt«2 verlogen und leichtfertig sind, sehe aber keinen Weg. Gern würde ich einen »großen« Artikel gegen all diese Kritiker schreiben, die die Konsumliteratur, zum Beispiel die Romane eines Günter Grass, zur literarischen Norm erheben wollen. Andererseits möchte ich mein Buch rehabilitieren.3 Eine Buchhandlung in Würzburg hat mich zu einer Lesung eingeladen, auch Bayreuth. Vielleicht ließe sich weiter etwas machen.
Noch eine Frage habe ich: der Residenzverlag hat mich gefragt, ob ich, aus patriotischen Motiven, etwas für ihn hätte. Ich habe allerdings einige Geschichten, die ich zumeist vor dem Roman geschrieben habe, nicht sehr gute, nicht sehr schlechte, für Ihren Verlag eher nicht geeignet. Soll ich dem Residenzverlag positiv antworten?
Vielen herzlichen Dank nochmals für die schönen Tage in Frankfurt, und entschuldigen Sie den langen Brief.4
Ihr
Peter Handke
Wolfgang Werth, Schreibmuster, in: Die Zeit, 17. Juni 1966. »Das Buch zerschellt gerade an jenen Spiegeltricks, Eselsbrücken und Hilfskonstruktionen, die es haltbar machen sollen. Daß der Autor Verschiedenes, einander Widersprechendes gleichzeitig erreichen will, führt dazu, daß er letzlich gar nichts erreicht. ›Die Hornissen‹ bleiben ein Sammelsurium von Ansätzen, Skizzen, Glossen, Wortregistern und literarischen Kopien, die Handkes Belesenheit gerade in Sachen ›Schreibmuster‹ verraten – eben jener Literatur, gegen die er auf der Princeton-Tagung der Gruppe 47 in vielberedetem Alleingang polemisiert hat. War das wirklich der Autor der ›36Hornissen‹? Das zweite Buch von Peter Handke wird dieses Vexierrätsel vielleicht lösen.«
2Heinz Piontek, Ein symptomatisches Debüt. Peter Handkes Erstling »Die Hornissen«, in: Die Welt, 12. Mai 1966: »[…] Peter Handke, 1942 in Kärnten geboren, möchte uns mit seinen ›Hornissen‹ ein X für ein U vormachen. Das, was er konformistisch einen Roman nennt, ist eine Masse von kurzen Beschreibungen, die er nach einem ausgeklügelten System derart angeordnet hat, daß der Eindruck einer durchgehenden Bewegung entsteht, der Anschein einer Fabel. In Wirklichkeit jedoch rührt sich nichts, der Autor tritt auf der Stelle, nach den ersten fünfzig Seiten ist er mit seinem Latein am Ende, redet – im genauen Sinn des Wortes – drum herum. Stoff, der für eine Erzählung ausgereicht hätte, wird so lange aufgeblasen, bis er Romanumfang annimmt: auch das ist symptomatisch für die jungen deutschen Erzähler.«
3P. H. antwortete den Kritikern seines Romans Die Hornissen, speziell Jakov Lind, und zwar in der Einleitung zum Vorabdruck seines zweiten Romans Der Hausierer in: Akzente, 5/1966, S. 467 (siehe Brief 18, Anm. 1). Der hatte in einer Besprechung des Romans (Zarte Seelen, Trockene Texte, in: Der Spiegel, 11. Juli 1966) erklärt: »Was mich an den ›Hornissen‹ am meisten bekümmert, ist die Aufgeblasenheit der Sprache, die völlig ›straight‹ ohne jeden Schimmer Humor serviert wird. […] Und das bekümmert einen wirklich, weil nämlich Handke jung, begabt und intelligent ist und weil er (auch das ist dem Buch zu entnehmen) Gefühl hat. Er ist kein kalter, trockener Mensch, sondern ganz im Gegenteil eine hypersensible, leicht reizbare, etwas deprimierte Seele. Diese Überempfindlichkeit ist das Kennzeichen einer ganzen Generation junger Schriftsteller. Sie fühlen zart wie die sprichwörtlichen Mimosen und schreiben so trocken und leblos wie gestriges Laub. Ihre Überempfindlichkeit führt zu einem introvertierten Herumkramen.« Die Bemerkung von P. H. trägt den Titel Wenn ich schreibe: »Zu einer programmatischen Erklärung über meine Arbeit bin ich im Augenblick nicht sehr aufgelegt. Was Jakov Lind sagt, sagt er halt. Den Fortgang der Literatur wird er nicht aufhalten. […] Sicher ist, daß Lind und seinesgleichen, engagiert wie sie sind, bis in alle Ewigkeit kritiklos die literarischen Formen jener Gesellschaft verwenden werden, die sie zu kritisieren glauben. Ich selber bin nicht engagiert, wenn ich schreibe. Ich interessiere mich 37für die sogenannte Wirklichkeit nicht, wenn ich schreibe. Sie stört mich. Wenn ich schreibe, interessiere ich mich nur für die Sprache; wenn ich nicht schreibe, ist das eine andere Sache.« Der Lektor Chris Bezzel antwortete in einer mit Geniale Hornissen betitelten Glosse Wolfgang Werth in der Zeit vom 15. Juli 1966: »Zweierlei wünsche ich Ihnen: die Pflichtlektüre von Finnegans Wake im Original und die von Faulkners ›Als ich im Sterben lag‹. Wenn sie beide Werke durchgearbeitet hätten – ich bin überzeugt, Sie schämten sich Ihrer törichten Rezension der ›Hornissen‹ von Peter Handke, ich bin überzeugt, Sie fingen an, ein wenig von dem zu begreifen, was ›Wirklichkeit‹ in der Literatur heute ist. Und Sie hören auf, von ›Schreibmustern‹ zu reden, wo es sich um die geniale Realisation einer genialen epischen Idee handelt. Vielleicht schrieben Sie dann eine klügere Rezension des Buches von Handke. Wohl kaum läsen wir dann Ihre Besprechung in der ZEIT, die von Monat zu Monat weniger verbergen kann, wie weit sie hinter der Kunst heute zurückbleibt.«
4P. H. hielt sich in Frankfurt auf anläßlich der Uraufführung von Publikumsbeschimpfung (Theater am Turm, 8. Juni 1966) im Rahmen der von Karlheinz Braun und Peter Iden geleiteten Experimenta 1 (Regie: Claus Peymann, die vier Sprecher: Michael Gruner, Ulrich Haas, Claus Dieter Reents, Rüdiger Vogler). Einige Stationen beim Druck des Textbuchs (siehe Brief 10, Anm. 1) bis zur Aufführung: Am 1. Februar 1966 sandte Karlheinz Braun die Ablehnungsschreiben zweier Dramaturgen P. H., der am 4. Februar antwortete: »Freilich sind solche Äußerungen noch kein Beweis für die Güte des Stücks, und auch ins Recht gesetzt fühle ich mich dadurch noch nicht: sie sind höchstens ein Beweis für Leichtfertigkeit und Vorurteil. Dabei habe ich nicht einmal ein ›experimentelles‹ Stück geschrieben, sondern nach meiner Auffassung ein höchst ›natürliches‹. Ich wollte eigentlich kein Stück mehr schreiben (weil ich nur ›Epiker‹ sein möchte), aber jetzt reizt es mich doch: in (fernerer) Zukunft vielleicht: ein ironisches Stück mit einer Menge Handlung, in dem die Konvention sozusagen auf die Spitze getrieben wird. Aber das hat lange Zeit.« Mitte Februar teilte Braun P. H. brieflich mit, das Stück solle während der Experimenta in einer Produktion des Ulmer Theaters uraufgeführt werden. Am 24. März 1966 änderte sich »nun doch noch einmal alles«, erklärte Braun. »Jetzt macht es in Frankfurt der Re38gisseur Claus Peymann mit vier Schauspielern der Städtischen Bühnen und der Landesbühne. Die Uraufführung ist, wie geplant im Rahmen der Experimenta 1, Anfang Juni. Die Proben werden bereits Anfang April beginnen. Es wäre gut, wenn Sie mit dem Regisseur möglichst Anfang der Proben einmal ausführlich sprechen könnten – womit sich eine Gelegenheit ergäbe, nach Frankfurt zu kommen. Über die beiden anderen Sprechstücke bin ich im Gespräch, wahrscheinlich kommen sie in Heidelberg und in Oberhausen heraus.« P. H. zeigte sich in seiner Antwort vom 28. März 1966, »froh, daß das Stück in Frankfurt aufgeführt wird. Vielleicht wird es also möglich sein, daß ich am Anfang der Proben hinkomme, es wäre jedenfalls sehr wichtig. Vor einer Woche ungefähr habe ich den Beatlesfilm (den ersten) [A Hard Day's Night des Regisseurs Richard Lester, 1964] zum x-ten Mal gesehen, und er hat mir noch immer sehr gefallen. Man müßte aus dem Stück eine richtige Show machen, vielleicht einer der Sprecher als Schlagzeuger.« Am 17. Mai 1966 berichtete ihm Braun: »Die Proben zur ›Publikumsbeschimpfung‹ laufen sehr gut. Das Stück erweist sich als außerordentlich theatralisch und wirkungsvoll. Peymann macht es ganz richtig. Die vier Sprecher quälen sich entsetzlich mit dem Text ab, der wirklich nicht leicht zu lernen ist. Es wäre gut, wenn Sie mindestens 8 Tage vor der Premiere in Frankfurt auftauchten, dann gibt es immer noch die Möglichkeit, das eine oder andere was Ihnen nicht gefällt zu streichen. Oberhausen macht die ›Weissagung‹ zusammen mit der ›Publikumsbeschimpfung‹ [siehe Brief 26, Anm. 1], das Dritte Programm des Deutschen Fernsehens zeichnet die Frankfurter ›Publikumsbeschimpfung‹ auf (für 5.000,– DM Honorar), der Hessische Rundfunk bringt die ›Publikumsbeschimpfung‹ als Hörspiel. Das Staatstheater Braunschweig wird in seinem Studio-Programm in der nächsten Spielzeit ebenfalls die ›Publikumsbeschimpfung‹ machen. Ansonsten noch viele Kleinigkeiten in Presse und Funk. Ich freue mich, daß wir uns bald wiedersehen. Für Publicity haben Sie reichlich in Princeton gesorgt.«
Frankfurt am Main
22. Juni 1966
Lieber Herr Handke,
ich habe gar nichts gegen lange Briefe, im Gegenteil, ich danke Ihnen dafür. In der Sache selbst nehme ich freilich einen anderen Standpunkt ein. Es ist völlig sinnlos, auf Kritiken direkt zu reagieren. Jeder Kritiker hat das Recht, seine Meinung zu äußern, und insofern sie nicht ehrenrührig ist, ist jeder, der an die Öffentlichkeit tritt, angehalten, diese Kritik auch anzunehmen. Inwiefern sie in den einzelnen sachlichen Punkten zutrifft, ist eine ganz andere Frage. Ich kenne Wolfgang Werth sehr genau, er hat eine andere Einstellung zu den Dingen, aber er ist keineswegs ein alter, verkalkter Kritikaster, sondern ein sehr junger Mann, dem man Voreingenommenheit nicht vorwerfen kann. Ich möchte Ihnen also dringend raten, ja, ich flehe Sie an, nichts gegen diese Kritiken zu schreiben, am besten überhaupt nicht auf sie zu reagieren, sie sind weder verlogen noch leichtfertig, jedenfalls im Falle der »Zeit«. Wir werden sehr darauf bauen, daß die Wirkung Ihres Buches länger besteht als die solcher Kritiken in den Tagesjournalen.
Beim Residenz Verlag würde ich vielleicht so verfahren, daß Sie ihm lediglich Abdruckrechte, aber keine weitergehenden Verlagsrechte einräumen. Wenn der Verlag damit nicht einverstanden wäre, zöge ich doch lieber vor, daß Sie uns die Geschichten schickten und wir dann von uns aus mit dem Residenzverlag sprächen.
Herzliche Grüße
Ihr
[Siegfried Unseld]
Frankfurt am Main
22. August 1966
Lieber Herr Handke,
ich überlege mir, ob es richtig wäre, Sie während der Messe vor einem ausgewählten Kritikerkreis lesen zu lassen. Das kommt auch etwas darauf an, welchen Text Sie zur Lesung anbieten können. Wäre es wohl möglich, daß Sie mir zwei oder drei Vorschläge machten und mir diese Texte zuschickten? Die Sache ist eilig.
Herzliche Grüße
Ihr
[Siegfried Unseld]
P. H. übersiedelte von Graz nach Düsseldorf-Unterrath, in die Wattenscheiderstraße 2/708, mit Libgart Schwarz, die in Düsseldorf ein Engagement am Theater hatte.
Düsseldorf[-Unterrath]
29. August 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
herzlichen Dank, daß Sie erwogen haben, mich vor den Kritikern lesen zu lassen. Aber ich glaube, das wird nicht möglich sein. Von dem Roman habe ich zwar schon recht viel Material da, aber es ist erst wenig so ausgearbeitet, daß man's wirklich vorlesen könnte. Ich meine, die Sätze in den einzelnen Kapiteln sind noch nicht richtig aufeinander abgestellt, sondern ich habe mir nur einfach einmal wahllos die für ein Kapitel in Frage kommenden Sätze aufgeschrieben.1 Von dem, was schon ganz fertig ist, habe ich 41einen Teil ja schon in Princeton gelesen, obwohl sich inzwischen auch daran viel geändert hat. Es tut mir leid, daß ich Ihnen nicht dienen kann, ich würde mindestens noch eine Woche brauchen für ein ordentliches fertiges Stück, und von einer anderen Sache als dem Roman haben Sie wohl nichts. Ich hätte gern etwas gelesen. Aber mit unfertigen Sachen möchte ich doch nicht kommen. Verzeihen Sie mir also meine Einstellung.
Und eine Bitte: wäre es, glauben Sie, möglich, daß ich in einer angesehenen Zeitung oder Zeitschrift ab und zu Bücher rezensiere? Selbstverständlich werde ich mich selber dafür interessieren, aber ich dachte, vielleicht wäre es nicht allzu schlimm für Sie, mir dabei irgendwie zu helfen (nicht beim Rezensieren). Es geht mir nicht so sehr um ein Honorar, sondern um die Möglichkeit, meine Meinung von Literatur (ohne Beschimpfungen) zu erklären. Ich möchte nicht klein beigeben.
Und vielen Dank für Ihre Freundlichkeit, die Sie mir bisher immer erwiesen haben. Ich werde mich bemühen, sie zu verdienen.
Herzlich
Ihr
Peter Handke
P. H. hatte in Princeton aus seinem zweiten Roman Der Hausierer gelesen. Das Notieren von Sätzen, aus denen dann die »Texte« montiert werden bzw. die als Modelle dienen, ist ein Arbeitsverfahren von P. H. Von seinen Notizen zum Hausierer hat sich eine kleine Sammlung erhalten, die P. H. in das Programmheft einer Urfaust-Inszenierung der Vereinigten Bühnen Graz 1965/66 (großteils in Stenographiekürzel) geschrieben hat (siehe: Peter Handke. Eine Ausstellung über Leben und Werk, S. 40).
Frankfurt am Main
1. September 1966
Lieber Herr Handke,
schönsten Dank für Ihren Brief. Ihren Standpunkt verstehe ich voll und ganz, verschieben wir also die Lesung.1
Jetzt noch etwas anderes. Ich bin mir nicht mehr im klaren, ob ich Ihnen berichtet habe, daß wir mit dem Rowohlt Verlag eine Lizenz für eine Taschenbuch-Ausgabe der »Hornissen« vereinbart haben. Dieses Buch kann frühestens im Herbst 1968, also in zwei Jahren, erscheinen. Es wird deswegen auch nicht den Gang des jetzigen Buches stören. Wir aber haben da eine zweite Möglichkeit, Leserschichten zu erreichen. Der Rowohlt Verlag zahlt ein Honorar von DM 3.000 – (für 30 [000] Exemplare); das Honorar ist zur Hälfte bei Abschluß des Vertrages fällig, zur anderen Hälfte bei Erscheinen der Ausgabe 1968. Diesen Betrag teilen wir uns nach unserem Vertrag. Ihnen stünden dann, wenn wir den Vertrag schließen, in Kürze 750 DM zur Verfügung.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
[Siegfried Unseld]
Auf dem Empfang für Literaturkritiker während der Frankfurter Buchmesse (21. September-27. September 1966) um 17.00 Uhr in der Klettenbergstraße 35 (seit 1959 präsentiert jeweils ein Autor den Auszug aus einem Manuskript, das im folgenden Jahr als Buch erscheint) las am 22. September 1966 Thomas Bernhard aus Verstörung.
Frankfurt am Main
19. Oktober 1966
Lieber Herr Handke,
hat Sie eigentlich der »Offene Brief« von Grass in der »Münchner Abendzeitung« erreicht? Und wenn ja, haben Sie irgendwie darauf reagiert? Falls dies geschehen ist, so informieren Sie mich doch bitte. Falls nicht, so sollte man das wahrscheinlich auf sich beruhen lassen.1
Herzliche Grüße
[Siegfried Unseld]
Günter Grass, Bitte um bessere Feinde. Offener Brief an Peter Handke, in: Sprache im technischen Zeitalter, Oktober 1966, S. 318-320; Vorabdrucke finden sich in: Stuttgarter Zeitung, 20. September 1966, sowie in: Münchner Abendzeitung, 1./2. Oktober 1966. »Lieber Herr Handke, nun haben Sie es geschafft. Ihre leichtfüßig zitierbare Rede zum Thema ›Beschreibungs-Impotenz‹ hat Ihnen zu einem Podest verholfen, dessen Höhe das unausgesetzte Herabsagen Ihrer knappen Aussagesätze, die niemals Beschreibungssätze sind, erlaubt. Jetzt erst, Monate nach Ihrem Sieg, während Sie gewiß Ausschau halten nach neuen Feinden, will ich das Dankeschönsagen nicht vergessen. […] Nicht die Gruppe 47, sich selbst wollten Sie öffentlich anklagen, als Sie die planen Beschreibungskünste Ihrer Kollegen zerdonnerten; es war nicht Ihr Ergeiz, ›Aufhänger‹ rasch geschriebener Artikel zu werden, vielmehr befanden Sie sich konstant auf der Flucht vor Journalisten. Jedes Interview lehnten Sie standhaft ab. Bescheiden wollten Sie hinter Ihrer Leistung zurückstehen.« (Zitiert nach: Günter Grass, Werke, Band 11, S. 178ff.) P. H., Bitte kein Pathos! Antwort auf den offenen Brief von Günter Grass, in: Münchner Abendzeitung, 22./23. Oktober 1966.»Lieber Herr Grass, seltsame Briefe sind das, die den, an den sie sich richten, mit einer Verspätung von 17 Tagen und da nur durch einen Zufall erreichen. […]Trotzdem vielen Dank.44Sie müssen mir nur erlauben, daß ich versuche, Ihnen meine Antwort ebenso offen zu schreiben, erstens, weil ich noch nie an jemanden einen offenen Brief geschrieben habe, zweitens, weil es mir Spaß macht, einmal einen offenen Brief zu schreiben, und dann, weil ich glaube, man sollte überhaupt viel öfter offene Briefe schreiben.Ich möchte nicht ironisch werden, obwohl das Thema (Sie wissen es) dazu verlockt. Ihr Brief ist so ironisch gewesen, daß ich, ehrlich, nicht recht schlau daraus geworden bin. Nur einmal, gegen Schluß, ist mir klargeworden, wie Sie es meinen. Sie sagten, ich wollte in Princeton mich selber anklagen. Sie sagten, ich befand mich konstant auf der Flucht vor Journalisten. Sie sagten, ich lehnte jedes Interview standhaft ab.An dieser Stelle habe ich Ironie sofort kapiert: Aha, dacht ich, da gibt er mir's aber! […] Sie machen es mir zum Vorwurf, daß ich mich habe fragen lassen. Warum hätte ich die Attitüde des Davonlaufens annehmen sollen? Warum hätte ich mich verstecken sollen? Sie werden doch nicht behaupten, ich hätte ein Interview gewollt?Der Großteil Ihres Briefes an mich richtet sich wohl gegen Robert Neumann, dessen Artikel ich kenne, und für einen ganz großen Mist halte [Robert Neumann, Spezis. Gruppe 47 in Berlin, in: konkret 5/1966, S. 34-40]. Aber warum das Pathos, Herr Grass? Warum richten Sie den Brief an mich? Sie wissen, als einer der wenigen, die (sonst) differenzieren, daß ich mich in Princeton nicht gegen die ›Beschreibung‹ gerichtet habe, sondern dagegen, daß man sich das Beschreiben zu leicht macht, daß sprachlich der Drive fehlt usw. Sie wissen es, aber Sie schließen sich denen an, die sagen, ich hätte mich selber bezichtigt. Sie tun auch so, als hätte ich mich überhaupt aus Reklamegründen zu Wort gemeldet und wissen doch, daß es eine Augenblickhandlung war, die dann, aus Mangel an Differenzierung der Kritiker, der Beurteilung meiner Arbeiten nur geschadet hat. Daß das so kommen würde, ist mir nach den ersten Reaktionen gleich aufgefallen. Die unzähligen Nachhinker der Literatur, die auf Bedeutung, Tiefe und Werten bestehen, hatten ihren ›Aufhänger‹: sie glaubten, sie könnten überhaupt der ›Beschreibung‹ heimleuchten, die doch immerhin gegen die Bedeutungskrämerei der alten Literatur eine Erholung ist.Lieber Herr Grass, Sie bitten mich um bessere Feinde der Gruppe 47. 45Mich? Sie wissen, daß ich kein Feind der Gruppe bin, nie sein kann, weil ich zu wenig von ihr weiß. Ich finde nur die meisten Kritiker in ihr (Marcel Reich-Ranicki, Joachim Kaiser, Walter Jens, Hans Mayer) indiskutabel. Warum schreiben Sie jedoch, ernsthaft, einen offenen Brief an mich? Ich würde mich vielmehr freuen, könnten Sie mir einmal privat einen schicken. Ich wohne hier in Düsseldorf, Wattenscheider Straße 2/708. Herzlich Ihr P. H.«
[Düsseldorf-Unterrath]
24. Oktober 19661
Lieber Herr Doktor Unseld,
sollte noch immer der Plan bestehen, »Die Hornissen« zu übersetzen, ist es dann möglich, daß ich das Übersetzungsexemplar, sehr wenig, korrigiere? Das dürfte wohl möglich sein. Vielen Dank im voraus für Ihre Antwort.
Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Peter Handke
Der Brief trägt den handschriftlichen Vermerk von S. U.: »Feltrinelli«.
Frankfurt am Main
25. Oktober 1966
Lieber Herr Handke,
meinen herzlichen Glückwunsch zur großen Rezension in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und auch zu der daraus [zu] schließenden schönen und erfolgreichen Aufführung in Oberhausen. Diese Rezension wird viel bewir46ken, davon bin ich überzeugt, Sie werden aus den dritten in die ersten Programme kommen.
Über Ihre Bemerkung Ihres Verwandtschaftsgrades Brecht gegenüber habe ich sehr lachen müssen.1 Bitte schicken Sie mir Ihre Entgegnung auf Grass.
Werden Sie bloß nicht zu übermütig, seien Sie fleißig, arbeiten Sie, schreiben Sie.
Ihr
[Siegfried Unseld]
P. H., Weissagung und Selbstbezichtigung hatten Uraufführung am 22. Oktober 1966 an den Städtischen Bühnen Oberhausen in der Regie von Günther Büch. Die vier Sprecher der Weissagung: Hans Joachim Paulmann, Wolfram Weniger, Klaus Rott, Ulrich Hoffmann; die beiden Akteure der Selbstbezichtigung: Hans Joachim Paulmann und Renate Heymann. Albert Schulze Vellinghausen, Salut dem Nachwuchs! in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. Oktober 1966. Dort heißt es: »Wie ein Herbstwind, der das Laub welker Theatralik hinwegkehrt, fegten die zwei kleinen Stücke Peter Handkes über die Bretter der Kammerspiele in der Stadthalle von Oberhausen. Enormer einhelliger Erfolg! Dabei ist dieser wunderbar begabte, vielleicht geniale Beatle aus dem Lande Kärnten (geboren 1942 in Griffen bei Graz) nicht einmal vom Himmel gefallen. Er nimmt die Sprache beim Wort. Da liegt sein Eigensinn, das ist seine Stärke. […] Anschließend gab es im Foyer eine vortreffliche Beat-Band. Ein neues Publikum anzuziehen, wahrhaft nicht das schlechteste Mittel. Glück zu! Entgegen dem Staub, dem Gips und der Langeweile, dem einfallslosen Konformismus, welche so gerne die Bühne regieren.« Den beiden Stücken vorangestellt war bei jeder Aufführung Bertolt Brecht, Der Jasager und der Neinsager. Das Programmheft der Spielzeit 1966/67 druckte 20 Fragen von Günther Büch an P. H. ab. Gefragt, was er mit Brecht gemeinsam habe, antwortete er: »Die gleiche Zahl von Buchstaben im Nachnamen und den Verleger.«
Frankfurt am Main
26. Oktober 1966
Lieber Herr Handke,
schönsten Dank für Ihren Brief vom 24. Oktober. Bisher hat sich nur Feltrinelli zu einer Übersetzung der »Hornissen« entschlossen. Ihn werden wir benachrichtigen. Im übrigen nehmen wir die Stimmen zu der Aufführung auch dazu auf, um nochmals bei den ausländischen Verlagen nachzuhaken.
Herzliche Grüße und nochmals herzlichen Glückwunsch
Ihr
[Siegfried Unseld]
[Düsseldorf-Unterrath]
30. Oktober 1966
Lieber Herr Dr. Unseld,
