Der Kandidat (Ein Luke Stone Thriller—Buch 5) - Jack Mars - E-Book

Der Kandidat (Ein Luke Stone Thriller—Buch 5) E-Book

Jack Mars

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Beschreibung

"Einer der besten Thriller, die ich dieses Jahr gelesen habe. Die Geschichte ist gut durchdacht und hat einen von Anfang an am Haken. Der Autor hat großartige Arbeit geleistet, Charaktere zu entwerfen, die glaubenswürdig sind – einfach eine Freude. Ich kann die Fortsetzung kaum abwarten." --Books and Movie Reviews, Roberto Mattos (über Koste es was es wolle) DER KANDIDAT ist Buch 5 der Bestseller Thriller-Reihe über Luke Stone, die mit KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch 1) beginnt – kostenlos als Download erhältlich und mit über 500 Fünf-Sterne-Rezensionen! Weil China damit droht, durch die Einforderung ihrer Staatsschuld die USA in den Bankrott zu treiben, sind die amerikanischen Staatsbürger bereit für radikale Veränderungen. Präsidentin Susan Hopkins tritt für ihre Wiederwahl an und ist am Boden zerstört, als sie das Wahlergebnis sieht. Ihr Rivale – ein cholerischer Senator aus West Virginia, der als Wahlversprechen den Abwurf von Atombomben auf Inseln im Südchinesischen Meer abgegeben hatte – hat wider aller Erwartungen gewonnen. Präsidentin Hopkins weiß jedoch, dass sie ihr Amt nicht an ihn abtreten kann. Das zu tun, würde den Dritten Weltkrieg auslösen. Sie muss beweisen, dass die Wahl sabotiert wurde und den drohenden Krieg mit China stoppen. Mit niemandem, an den sie sich sonst wenden kann, kontaktiert sie Luke Stone, den ehemaligen Anführer einer Elite-Einsatztruppe des FBI. Der Einsatz könnte nicht höher sein – ihr Befehl lautet, Amerika vor seiner größten Bedrohung zu bewahren: Seinem eigenen gewählten Präsidenten. Doch während sich die Ereignisse nur so überschlagen, stellt sich heraus, dass es vielleicht selbst für Luke Stone bereits zu spät ist. Ein Politthriller mit unablässiger Action, einem dramatischen internationalen Hintergrund und rasender Spannung stellt DER KANDIDAT Buch 5 der Bestseller-Reihe über Luke Stone dar – eine explosive Buchreihe, die den Leser bis spät in die Nacht fesselt. "Eine Thriller-Erzählung wie von den ganz Großen. Thriller-Fans, die sowohl ein intrigantes und präzise erschaffenes internationales Setting lieben, sowie die Glaubhaftigkeit und psychologische Tiefe eines Hauptcharakters, der gleichzeitig vor professionelle und private Herausforderungen gestellt wird, werden diese fesselnde Geschichte nur schwer aus den Händen legen können." --Midwest Book Review, Diane Donovan (über Koste es was es wolle) Buch 6 der Luke Stone Reihe – UNSERE HEILIGE EHRE – ist ebenfalls jetzt verfügbar.

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Seitenzahl: 429

Veröffentlichungsjahr: 2020

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DER KANDIDAT

(EIN LUKE STONE THRILLER—BUCH 5)

J A C K   M A R S

Jack Mars

Jack Mars ist der USA Today Bestseller Autor der LUKE STONE Thriller Serie, welche sieben Bücher umfasst (und weitere in Arbeit). Er ist außerdem der Autor der neuen WERDEGANG VON LUKE STONE Vorgeschichten Serie und der AGENT NULL Spionage-Thriller Serie. 

Jack würde sich freuen, von Ihnen zu hören. Besuchen Sie seine Webseite www.jackmarsauthor.com und registrieren Sie sich auf seiner Email-Liste, erhalten Sie ein kostenloses Buch und gratis Kundengeschenke. Sie können ihn ebenfalls auf Facebook und Twitter finden und in Verbindung bleiben!

Copyright © 2020 von Jack Mars. Alle Rechte vorbehalten. Mit Ausnahme der Bestimmungen des U.S. Copyright Act von 1976 darf kein Teil dieser Publikation ohne vorherige Genehmigung des Autors in irgendeiner Form oder mit irgendwelchen Mitteln vervielfältigt, verbreitet oder übertragen oder in einer Datenbank oder einem Datenabfragesystem gespeichert werden. Dieses eBook ist nur für Ihren persönlichen Gebrauch lizenziert. Dieses eBook darf nicht weiterverkauft oder an andere Personen verschenkt werden. Wenn Sie dieses Buch mit einer anderen Person teilen möchten, erwerben Sie bitte für jeden Empfänger ein zusätzliches Exemplar. Wenn Sie dieses Buch lesen und es nicht gekauft haben, oder es nicht nur für Ihren Gebrauch gekauft wurde, dann geben Sie es bitte zurück und kaufen Sie Ihr eigenes Exemplar. Danke, dass Sie die harte Arbeit dieses Autors respektieren. Dies ist ein Werk der Belletristik. Namen, Charaktere, Unternehmen, Organisationen, Orte, Ereignisse und Vorfälle sind entweder das Produkt der Phantasie des Autors oder werden fiktiv verwendet. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Personen, ob lebendig oder tot, ist völlig zufällig.

BÜCHER VON JACK MARS

LUKE STONE THRILLER SERIE

KOSTE ES WAS ES WOLLE (Buch #1)

AMTSEID (Buch #2)

LAGEZENTRUM (Buch #3)

UMGEBEN VON FEINDEN (Buch #4)

DER KANDIDAT (Buch #5)

DER WERDEGANG VON LUKE STONE

PRIMÄRZIEL (Buch #1)

PRIMÄRKOMMANDO (Buch #2)

EINE AGENT NULL SPIONAGE-THRILLER SERIE

AGENT NULL (Buch #1)

ZIELOBJEKT NULL (Buch #2)

JAGD AUF NULL (Buch #3)

EINE FALLE FÜR NULL (Buch #4)

AKTE NULL (Buch #5)

RÜCKRUF NULL (Buch #6)

ATTENTÄTER NULL (Buch #7)

KÖDER NULL (Buch #8)

INHALT

KAPITEL EINS

KAPITEL ZWEI

KAPITEL DREI

KAPITEL VIER

KAPITEL FÜNF

KAPITEL SECHS

KAPITEL SIEBEN

KAPITEL ACHT

KAPITEL NEUN

KAPITEL ZEHN

KAPITEL ELF

KAPITEL ZWÖLF

KAPITEL DREIZEHN

KAPITEL VIERZEHN

KAPITEL FÜNFZEHN

KAPITEL SECHZEHN

KAPITEL SIEBZEHN

KAPITEL ACHTZEHN

KAPITEL NEUNZEHN

KAPITEL ZWANZIG

KAPITEL EINUNDZWANZIG

KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG

KAPITEL DREIUNDZWANZIG

KAPITEL VIERUNDZWANZIG

KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG

KAPITEL SECHSUNDZWANZIG

KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG

KAPITEL ACHTUNDZWANZIG

KAPITEL NEUNUNDZWANZIG

KAPITEL DREISSIG

KAPITEL EINUNDDREISSIG

KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG

KAPITEL DREIUNDDREISSIG

KAPITEL VIERUNDDREISSIG

KAPITEL FÜNFUNDDREISSIG

KAPITEL SECHSUNDDREISSIG

KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG

KAPITEL ACHTUNDDREISSIG

KAPITEL NEUNUNDDREISSIG

KAPITEL VIERZIG

KAPITEL EINUNDVIERZIG

KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG

KAPITEL DREIUNDVIERZIG

KAPITEL VIERUNDVIERZIG

KAPITEL FÜNFUNDVIERZIG

KAPITEL SECHSUNDVIERZIG

„Der Tod ist vorzuziehen, da jedes Schicksal besser ist denn Tyrannei.“

KAPITEL EINS

02. November

02:35 Uhr Eastern Standard Time

Nahe des Tidal Basin – Washington, D.C.

„Okay“, sagte der Mann, während sein Atem in weißen Wolken davondriftete. „Was machen wir hier eigentlich?“

Es war schon spät. Die Nacht war kalt und ein leichter Regen fiel vom Himmel.

Sein Name war Patrick Norman und er sprach mit sich selbst. Er war Privatdetektiv, jemand, der es gewohnt war, lange Zeit alleine zu verbringen. Mit sich selbst zu reden war Teil seiner Arbeit.

Er stand auf dem betonierten Pfad nahe dem Ufer. Außer ihm war niemand zu sehen. Noch vor einem Moment hatte ein Obdachloser bedeckt von Zeitungspapier auf einer Bank ungefähr 50 Meter entfernt von ihm gelegen. Jetzt war er verschwunden und das Zeitungspapier lag auf dem nassen Boden verteilt.

Von Normans Standpunkt aus konnte er das Lincoln Memorial zu seiner Rechten sehen. Direkt vor ihm hinter dem Tidal Basin befand sich die Kuppel des Jefferson Memorials, beleuchtet in schimmerndem Blau und Grün. Die Lichter spiegelten sich auf dem Wasser wider.

Norman war schon lange im Geschäft und diese Art von Treffen mochte er am liebsten. Spät nachts an einem abgelegenen Ort, Treffen mit jemandem, der versuchte seine Identität zu verbergen – riskant. Aber das hatte sich schon oft bezahlt gemacht. Wenn nicht, wäre er jetzt nicht hier.

Auf dem betonierten Pfad ging ein Mann ging langsam auf ihn zu. Er war groß und trug einen langen Regenmantel und einen Hut mit weiter Krempe, der ihm tief ins Gesicht gezogen war. Norman beobachtete ihn, während er sich ihm näherte.

Plötzlich spürte er eine Bewegung hinter sich. Norman drehte sich um und sah, dass zwei weitere Männer da waren. Einer von ihnen war der Obdachlose von eben. Er war schwarz und hatte zerrissene Arbeitshosen und eine schwere Winterjacke an. Die Jacke war nass, fleckig und mit Dreck beschmutzt. Sein Haar stand in wirren Büscheln und Locken ab. Der zweite Mann war ein nichtssagender Niemand, ebenfalls in einer Regenjacke und mit einem Hut auf seinem Kopf. Er hatte einen buschigen schwarzen Schnauzbart – wenn Norman in später hätte beschreiben müssen, wäre das das einzige, was er über ihn aussagen könnte. Er war zu überrascht, um sich andere Details zu merken.

„Kann ich den Herren weiterhelfen?“, sagte Norman.

„Mr. Norman“, sagte der große Mann hinter ihm. Er hatte eine sehr tiefe Stimme. „Ich denke ich bin es, mit dem Sie reden wollen.“

Norman ließ seine Schultern fallen. Sie spielten mit ihm. Wenn sie ihm weh tun wollten, hätten sie das wahrscheinlich längst getan. Das beruhigte ihn ein wenig – sie waren offensichtlich Regierungsangestellte. Geister. Spione. Geheimagenten würden sie sich wahrscheinlich selbst nennen. Doch keine mysteriöse Informationsquelle, die ihm Geheimnisse verraten würde. Diese Typen hatten ihn mitten in einer verregneten Nacht hierherbestellt um ihm… was genau zu sagen?

Sie verschwendeten seine Zeit.

Norman drehte sich um. „Und Sie sind?“

Der Mann zuckte mit den Schultern. Ein Lächeln war unter seinem Hut zu erkennen. „Es ist nicht wichtig, wer ich bin. Was wichtig ist, ist für wen ich arbeite. Und ich kann Ihnen sagen, dass meine Vorgesetzten mit Ihrer Arbeit sehr unzufrieden sind.“

„Ich bin der Beste, den es gibt“, sagte Norman. Er antwortete ohne zu zögern. Er sagte es, weil er daran glaubte. Man konnte sich über vieles streiten. Aber eine Sache, die niemals zur Debatte stand, war die Qualität seiner Arbeit.

„Das haben sie auch geglaubt, als sie Sie angestellt haben. Ich denke, Sie können mir zustimmen, wenn ich sage, dass sie sehr geduldig gewesen sind. Sie haben Sie ein Jahr lang bezahlt, ohne Resultate zu erhalten. Doch plötzlich ist all diese Zeit vergangen und es wird langsam eng. Sie sind inzwischen dazu gezwungen worden, eine andere Richtung einzuschlagen. Sie haben gehofft, dass es nicht dazu kommen müsste. Die Wahl ist in fünf Tagen.“

Norman schüttelte seinen Kopf. Er hob seine Hände, die Handflächen nach oben. „Was kann ich Ihnen sagen? Sie wollten, dass ich Hinweise auf Korruption finde und ich habe mein Bestes getan. Es gab keine. Sie ist vielleicht vieles, aber nicht korrupt. Sie hat keinerlei Verbindungen zu den Geschäftsinteressen ihres Ehemanns, ob öffentlich oder privat. Ihr Mann verwaltet nicht einmal mehr die Tagesgeschäfte seiner Firma und die Firma hat keine Regierungsaufträge, weder hier noch sonst wo. Ihr gesamtes außereheliches Vermögen ist als Treuhandvermögen angelegt, ohne jeglichen Input von ihrer Seite – eine Maßnahme, die sie ergriffen hat, seit sie vor 15 Jahren zum ersten Mal in den Senat gewählt wurde. Es gibt keine Hinweise auf Bestechungen, nicht einmal ansatzweise.“

„Also sind Sie daran gescheitert, etwas zu finden?“, fragte der Mann.

Norman nickte. „Ich bin daran gescheitert –“

„Sie sind also gescheitert.“

Norman ging ein Licht auf, etwas, das er nicht bedacht hatte, da ihn noch nie jemand um so etwas gebeten hatte.

„Sie wollten, dass ich etwas finde“, sagte er, „egal, ob tatsächlich etwas da ist oder nicht.“

Die Männer um ihn herum sagten nichts.

„Wenn das so ist, warum haben sie es mir nicht gleich gesagt? Ich hätte ihnen gesagt, dass sie das vergessen können und dieses Missverständnis wäre nie zustande gekommen. Wenn Sie Gerüchte in die Welt setzen wollen, sollten Sie keinen Privatdetektiv anstellen, sondern einen Publizisten.“

Der Mann starrte ihn nur an. Sein Schweigen und das seiner beiden Handlanger, machte ihn nervös. Norman fühlte, wie sein Herz anfing, schneller zu schlagen. Sein Körper zitterte leicht.

„Haben Sie Angst, Mr. Norman?“

„Vor Ihnen? Kein bisschen.“

Der Mann blickte die beiden Männer hinter Norman an. Sie packten ihn, ohne ein Wort zu sagen. Sie blockierten seine Arme, zerrten sie hinter seinen Rücken und zwangen ihn auf die Knie. Die Feuchtigkeit vom Gras sickerte sofort durch seine Hosenbeine.

„Hey!“, schrie er. „Hey!“

Schreien war eine altbewährte Taktik, die er vor vielen Jahren in einem Selbstverteidigungskurs gelernt hatte. Sie hatte ihn schon einige Male gerettet. Wenn man angegriffen wird, sollte man so laut schreien, wie man nur kann. Das verunsichert den Angreifer und sorgt oft dafür, dass umstehende Personen zu Hilfe kommen. Niemand erwartet ein lautes Opfer, da man im Alltag nur selten die Stimme erhebt. Die meisten Opfer sind leise. Das war die schmerzhafte Wahrheit – schon viele Personen wurden beraubt, vergewaltigt oder ermordet, weil sie zu gut erzogen waren, um zu schreien.

Norman holte tief Luft, um den lautesten Schrei seines Lebens loszulassen.

Der Mann riss Normans Kopf an den Haaren nach oben und stopfte ein altes Tuch in seinen Mund. Es war riesig, nass und dreckig vor Öl, Benzin oder einer anderen Substanz und der Mann rammte es tief hinein. Er brauchte mehrere gewaltsame Anläufe, damit es richtig feststeckte. Norman konnte nicht glauben, wie tief es hineinging und wie es seinen gesamten Mund ausfüllte. Seine Kiefer waren so weit auseinandergespreizt, wie es nur ging.

Er konnte das Tuch nicht herauswürgen. Sein ätzender Geruch und der Geschmack waren unerträglich. Sein Magen rebellierte. Wenn er sich jetzt übergeben würde, würde er ersticken.

„Guh!“, sagte Norman. „Guh!“

Der Mann schlug Norman gegen den Kopf.

„Schnauze!“, zischte er.

Sein Hut war ihm vom Kopf gefallen. Jetzt konnte Norman seine wilden und gefährlichen blauen Augen sehen. Er sah weder Mitleid in ihnen noch Wut. Oder Humor. Sie zeigten überhaupt keine Emotionen. Unter seinem Mantel zog er eine schwarze Pistole hervor. Einen Moment später hatte er einen langen Schalldämpfer in der Hand. Langsam, sorgfältig, ohne jegliche Eile, schraubte er den Schalldämpfer auf den Lauf seiner Waffe.

„Wissen Sie“, fragte er, „wie diese Pistole klingen wird, wenn ich sie abfeuere?“

„Guh!“, sagte Norman. Sein gesamter Körper zitterte unkontrolliert. Sein Nervensystem war am Durchdrehen – so viele Signale, die gleichzeitig verarbeitet werden wollten. Alles, was er tun konnte, war Zittern.

Zum ersten Mal bemerkte Norman, dass der Mann schwarze Lederhandschuhe trug.

„Es klingt, als würde jemand Husten. Das denke ich mir jedes Mal. Als würde jemand so leise wie möglich Husten, als wollte er niemanden stören.“

Der Mann drückte die Waffe an die linke Seite von Normans Kopf.

„Gute Nacht, Mr. Norman. Es tut mir leid, dass Sie Ihre Arbeit nicht erledigen konnten.“

* * *

Der Mann betrachtete die Überreste von Patrick Norman, dem ehemaligen Privatdetektiv. Er war ein großer, dünner Mann gewesen und hatte einen grauen Regenmantel und einen blauen Anzug angehabt. Sein Kopf war zerstört, die rechte Seite offen aufgrund der Austrittswunde. Blut sammelte sich um ihn und begann, durch das nasse Gras und auf den Weg zu laufen. Wenn es so weiterregnen würde, würde das Blut wahrscheinlich einfach weggewaschen werden.

Aber die Leiche?

Der Mann gab die Pistole an einen seiner Helfer weiter, an den, der sich als Obdachloser verkleidet hatte. Er hatte ebenfalls Handschuhe an, kniete sich neben der Leiche nieder und drückte ihr die Waffe in die rechte Hand. Sorgfältig drückte er jeden von Normans Fingern an verschiedene Stellen der Pistole. Er ließ sie ungefähr 15 Zentimeter von ihm entfernt auf dem Boden liegen.

Dann stand er auf und schüttelte traurig seinen Kopf.

„Eine Schande“, sagte er mit einem Londoner Akzent. „Noch ein Selbstmord. Wahrscheinlich hatte er zu viel Stress auf der Arbeit. Zu viele Rückschläge. Zu viele Enttäuschungen.“

„Wird die Polizei das glauben?“

KAPITEL ZWEI

08. November

03:17 Uhr alaskischer Zeit (07:17 Uhr Eastern Standard Time)

Berg Denali

Denali Nationalpark, Alaska

Luke Stone bewegte sich nicht.

Er war in der Hocke und saß absolut still da, auf einem Flachdach hinter einer Brüstung aus grobem Zement. Die Nacht war heiß, die Luft war schwer – es war heiß genug, dass sich seine Kleidung mit Schweiß vollgesogen hatte. Er atmete schwer, seine Nasenflügel bebten, aber er machte keinerlei Geräusch. Sein Herzschlag in seiner Brust war langsam aber hart, wie eine Faust, die rhythmisch gegen eine Tür schlägt.

Bumm-BUMM. Bumm-BUMM. Bumm-BUMM.

Er lugte hinter der Ecke der Brüstung hervor. Vor ihm warteten zwei Männer mit dichten Bärten und automatischen Gewehren auf ihren Schultern. Sie standen am Rande des Gebäudes und beobachteten den Hafen unter ihnen. Sie unterhielten sich leise und lachten über etwas. Einer von ihnen zündete sich gerade eine Zigarette an. Luke griff hinunter zu seinem Bein, dort, wo sein Jagdmesser mit Klebeband an seiner Wade befestigt war.

Während Luke zuschaute, tauchte der große Ed Newsam auf. Er näherte sich von rechts und sah nahezu gelassen aus.

Er näherte sich den Wachen. Sie hatten ihn entdeckt. Ed hob seine Arme in die Luft, ging aber weiter auf sie zu. Einer der beiden brummte etwas auf Arabisch.

Luke schoss um die Ecke, sein Messer in der Hand. Eine Sekunde verging. Er raste auf die Männer zu, seine schweren Schritte krachten auf dem Kieseldach. Drei Sekunden, vier.

Die Männer hörten ihn und drehten sich um.

Jetzt griff Ed an, schnappte den Mann, der ihm am nächsten stand, am Kopf und verdrehte ihn gewaltsam nach rechts.

Luke schlug seinen Gegner in die Brust und beförderte ihn auf den Boden. Er landete auf ihm und drückte sein Messer mit aller Kraft in die Brustplatte des Mannes. Es glitt beim ersten Versuch hindurch. Er legte eine Hand auf den Mund der Wache und spürte seine borstigen Barthaare. Er stach wieder und wieder zu, rein und raus, schnell wie der Kolben einer tödlichen Maschine.

Der Mann wehrte und wand sich, er versuchte Luke hinunterzustoßen, aber Luke schlug seine Hände beiseite und stach weiter zu. Das Messer machte bei jedem Stich ein feuchtes Geräusch.

Der Mann ließ seine Arme langsam sinken. Seine Augen waren noch offen und er war noch am Leben, aber er hatte keine Kraft mehr, sich zu wehren.

Bring es zu Ende. Bring es jetzt zu Ende.

Luke riss den Kopf des Mannes nach oben, seine freie Hand immer noch auf seinem Mund und ließ seine Klinge über seine Kehle gleiten. Ein Blutstrom pulsierte hervor.

Das war’s.

Luke ließ die Hand auf seinem Mund, bis der Mann weggetreten war. Er starrte nach oben in den schwarzen Nachthimmel, während das Leben seinen Gegner langsam verließ.

„Schau deinen Mann an“, sagte Ed. „Schau hin!“

„Ich will nicht“, sagte Luke. Er starrte nur weiter in den Himmel, die Millionen von Lichtern der Milchstraße über ihm. Er konnte etliche Sterne sehen. Es war… Ihm fehlten die Worte. Schön war nur eines von denen, das ihm in den Sinn kam. Er wollte nie wieder etwas anderes als diese Sterne sehen. Er wusste, was ihn erwarten würde, wenn er wieder nach unten schauen würde – er hatte es schon zu oft gesehen.

„Du musst hinsehen, Mann“, sagte Ed weich. „Es ist dein Job hinzusehen.“

Luke schüttelte seinen Kopf. „Nein.“

Aber er hatte keine Wahl. Er blickte auf die Leiche unter sich. Der schwarze Bart des Dschihadi war verschwunden. Anstelle des rauen Gesichts waren die schönen Züge einer Frau getreten. Das lockige schwarze Haar war jetzt lang, weich und hellbraun.

Luke hatte seine Hand immer noch auf ihrem Mund. Ihre leblosen blauen Augen starrten ihn an, ohne etwas zu sehen – die Augen seiner Frau, Becca.

Ed flüsterte jetzt. „Du hast es getan, Mann. Du hast sie umgebracht.“

Luke schreckte auf.

In tiefster Dunkelheit setzte er sich kerzengerade hin, während sein Herz immer noch wie wild pochte. Er war nackt und sein Körper war schweißgebadet. Sein Haar war ein langes, verfilztes Durcheinander. Sein blonder Bart war so dick wie der eines heiligen Kriegers des Islam. Mit seiner Frisur und dem Bart konnte man ihn leicht mit einem Obdachlosen verwechseln.

Er war in einen dicken Schlafsack eingewickelt – ausgelegt für extreme Temperaturen, bis zu 20 Grad unter null. Außerhalb seines kleinen Zelts heulte der Wind – das Zelt flatterte wie verrückt, ein Geräusch, das den Wind fast übertönte. Er war alleine auf fast 5000 Meter Höhe am westlichen Hang des Denali und der Berg war bereits mitten im Winter. Ein Schneesturm war vor zwei Tagen aufgezogen und hatte bis jetzt nicht aufgehört.

Seitdem hatte er kein Feuer machen können. Er hatte das Zelt seit 40 Stunden nicht verlassen, außer um Wasser zu lassen. Es waren noch weitere 1000 Meter bis zum Berggipfel und es sah so aus, als würde er es nicht mehr dorthin schaffen. Vielleicht würde er es nirgendwo mehr hinschaffen.

Er war denkbar unvorbereitet hierhergekommen – das wurde ihm jetzt klar. Er hatte genug Wasser für vier Tage – es war ihm vor zwei Tagen ausgegangen. Inzwischen musste er Schnee essen und aufgetautes Eis trinken, um genug Wasser zu bekommen. Aber das war nicht das größte Problem. Feste Nahrung war schlimmer. Er hatte einen Stapel getrockneter Mahlzeiten mitgebracht. Von ihnen war jetzt fast nichts mehr übrig. Als der Sturm aufgezogen war, hatte er begonnen, die Mahlzeiten zu rationieren. Er nahm weniger als die Hälfte Kalorien zu sich, die er normalerweise täglich benötigte – zum Glück hatte er sich seit zwei Tagen kaum bewegt und sparte Energie, wo er nur konnte.

Er hatte sich nicht die Mühe gemacht, einen Campingkocher mitzunehmen. Er hatte kein Radio, also hatte er keine Ahnung, was der Wetterbericht vorhersagte. Er war mit einem privaten Helikopter eingeflogen worden und hatte sich nicht beim Parkservice gemeldet. Niemand außer dem Piloten wusste, dass er hier draußen war und er hatte ihm nur gesagt, dass er ihm Bescheid geben würde, wenn er fertig war.

„Versuche ich, mich selbst umzubringen?“, fragte er sich laut. Er erschreckte sich fast vor dem Geräusch seiner eigenen Stimme.

Er kannte die Antwort. Nein. Nicht unbedingt. Wenn es passierte, okay, aber er versuche nicht aktiv zu sterben. Man könnte behaupten, dass er das Schicksal herausforderte, unnötige Risiken einging, seitdem Becca gestorben war.

Aber er wollte leben. Er wollte überleben. Wenn er das nicht schaffen würde…

Als Ehemann war er eine Niete gewesen. Als Vater hatte er versagt. Mit 41 Jahren war seine Karriere vorbei – vor zwei Jahren hatte er sich aus dem Regierungsdienst verabschiedet und sich keinen Ersatz gesucht. Er hatte schon eine Weile nicht auf seine Konten geschaut, aber er nahm an, dass er fast kein Geld mehr hatte. Das einzige, was er einigermaßen gut konnte, war in rauen und unnachgiebigen Umgebungen zu überleben. Und töten – darin war er auch gut. Abgesehen davon war er eine komplette, elende Niete.

Vielleicht würde er hier auf diesem Berg sterben, aber diese Aussicht machte ihm keine Angst.

Er fühlte sich leer… wie betäubt.

„Ich sollte mir überlegen, wie ich hier rauskomme“, sagte er, aber er murmelte nur vor sich hin. Hier wäre ein annehmbarer Ort, um zu sterben und es wäre nicht einmal besonders schwer. Alles was er tun musste war… nichts. Schließlich – schon bald – würde ihm das Essen ausgehen. Geschmolzenen Schnee zu trinken würde ihn nicht besonders lange versorgen. Er würde langsam schwächer werden, bis es am Ende unmöglich wäre, aus eigener Kraft wieder abzusteigen. Er würde verhungern. Irgendwann würde er einfach einschlafen und nie wieder aufwachen.

Was sollte er nur tun?

Plötzlich fing er an zu schreien, wie aus reinem Instinkt.

„Gib mir ein Zeichen! Sag mir, was ich tun soll!“

In dem Moment machte sein Telefon ein Geräusch, das er schon lange nicht mehr gehört hatte – es klingelte. Er erschreckte sich und sein Herz setzte einen Moment lang aus. Der Klingelton war so laut, wie man ihn nur stellen konnte. Es war ein Rocksong, den sein Sohn, Gunner, vor zwei Jahren eingestellt hatte. Luke hatte ihn nie geändert. Er hatte ihn absichtlich behalten. Es war seine letzte Verbindung zu ihm.

Er schaute das Handy an. Es kam ihm fast lebendig vor, wie eine giftige Viper – man musste sich vorsehen, wie man sie anfasste. Er nahm es in die Hand, überprüfte die Nummer und ging schließlich ran.

„Hallo?“

Er hörte nur Statik. Natürlich, das dicke Zelt blockierte das Satellitensignal. Er müsste nach draußen gehen, um den Anruf anzunehmen – kein besonders angenehmer Gedanke.

„Ich muss Sie zurückrufen!“, rief er in den Hörer.

Obwohl er sich beeilte, dauerte es mehrere Minuten, die Schichten an Kleidung anzuziehen, die er benötigte. Es war zu kalt draußen, um sich nur etwas überzuwerfen. Er öffnete den Reißverschluss des Zelts und krabbelte nach draußen in den Sturm. Der Wind und das beißende Eis schlugen unmittelbar auf sein Gesicht. Hoffentlich ging es schnell.

Er hängte eine Lampe an das Zelt und stolperte ein paar Meter weiter. Er hatte eine starke Taschenlampe dabei und drehte sich alle paar Meter um, um die Richtung zurück zu überprüfen. Abgesehen von seinem Zelt gab es hier draußen keine Lichter und er konnte nur etwa 20 Meter weit sehen. Schnee und Eis wirbelten um ihn herum.

Er drückte den Knopf, um zurückzurufen und hielt das Telefon an sein Ohr. Er stand da wie eine Statue und hörte dem Piepsen zu, während das Telefon Daten mit dem Satelliten austauschte und versuchte, den Anruf durchzustellen.

„Stone?“, sagte eine tiefe männliche Stimme.

„Ja.“

„Die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“

Einen kurzen Augenblick war es still in der Leitung.

„Luke?“, sagte eine weibliche Stimme.

„Frau Präsidentin“, rief Luke. Er konnte nicht anders, als zu lächeln. „Ganz schön lange her.“

„Viel zu lange“, sagte Susan Hopkins.

„Welchen Umständen verdanke ich diese Ehre?“

„Ich stecke in Schwierigkeiten“, sagte sie. „Du musst herkommen.“

Luke dachte einen Moment lang nach. „Äh, ich bin in der tiefsten Wildnis. Es wird ein bisschen schwer, zu –“

„Das ist egal“, sagte sie. „Wo auch immer du bist, ich schicke ein Flugzeug. Oder einen Hubschrauber. Was auch immer du brauchst.“

„Ein freundlicher Bernhardiner wäre zunächst mal nicht schlecht“, sagte Luke. „Einen mit diesen kleinen Whiskeyfässern um den Hals.“

„Abgemacht. Er kann dir auch ein Sandwich mitbringen, falls du Hunger hast.“

Luke lachte fast. „Das klingt gut. Und wenn ich fertig gegessen habe, wäre ein Hubschrauber tatsächlich nicht schlecht.“

„Auch abgemacht. Bevor wir auflegen gebe ich dich an jemanden weiter, der deine Koordinaten aufnimmt und dir ein Taxi schickt. Du weißt, wie es bei uns läuft. Rundum-Service.“

Luke musste zugeben, dass er erleichtert war. Nur wenige Augenblicke zuvor hatte er keine Möglichkeit gehabt, von diesem Berg zu entkommen. Jetzt hatte er seine zweite Chance. Er hatte nicht gewusst, ob er sterben oder leben wollte – doch jetzt war es ihm klar. Das Rauschen seines Blutes, als sie gesagt hatte, sie könnte jemanden schicken, hatte es ihm verraten. Die Erkenntnis war in seinem Kopf vielleicht noch nicht angekommen, doch sein Körper wusste es.

Er wollte leben.

Trotz allem, was er durchgemacht hatte, wollte er leben.

„Was ist passiert?“, sagte Luke.

Sie zögerte und er bemerkte, wie ihre Stimme nur ganz leicht zitterte. Trotz des Windes konnte er es hören. „Gestern war die Wahl.“

Luke dachte darüber nach. Er war so lange untergetaucht, dass er keine Ahnung gehabt hatte, was für ein Datum heute war. Irgendwo weit weg, in einer anderen Welt, führte man noch Wahlkampf. Die Räder der Regierung drehten sich unaufhörlich weiter. Es gab Dinge, die diskutiert werden wollten und wichtige Entscheidungen, die man treffen musste. Es gab die Medien und Nachrichtensprecher, die miteinander diskutierten. An all diese Dinge hatte er lange nicht mehr gedacht. Er hatte sogar fast vergessen, dass sie überhaupt existierten.

Lange Zeit schwiegen sich die beiden an.

KAPITEL DREI

08:03 Uhr Eastern Standard Time

Das Oval Office

Das Weiße Haus, Washington, D.C.

„Dieser Bastard“, sagte jemand im Zimmer. „Er hat sie gestohlen, ganz einfach.“

Susan Hopkins stand in der Mitte des Oval Office und starrte auf den großen Flachbildschirm an der Wand. Sie war wie betäubt, als hätte sie einen Schock erlitten. Auch wenn sie konzentriert zuschaute, hatte sie Schwierigkeiten, klare Gedanken zu fassen. Es war einfach zu viel, um es verarbeiten zu können.

Sie war sich ihrer Kleidung nur zu bewusst. Ein dunkelblauer Anzug und eine weiße Bluse. Sie fühlte sich unwohl. Vor langer Zeit hatte er ihr wie angegossen gepasst – es war ein Maßanzug – aber heute war ihr klar, dass sich ihr Körper verändert hatte. Der Anzug saß nicht mehr. Die Schultern des Jacketts waren zu lose, die Hose zu eng. Ihre BH-Träger schnitten unangenehm in ihren Rücken.

Zu viele Mitternachtssnacks. Zu wenig Schlaf. Zu wenig Sport.

Sie seufzte tief. Ihre Arbeit würde sie noch ins Grab bringen.

Zur gleichen Zeit gestern, kurz nachdem die Wahlbüros geöffnet hatten, war sie eine der ersten Personen in den Vereinigten Staaten gewesen, die ihre Stimme abgegeben hatten. Sie war mit einem breiten Lächeln auf den Lippen aus der Kabine gekommen und hatte ihre Faust gen Himmel gereckt – ein Bild, das zahlreiche TV-Kameras und Fotografen eingefangen hatten. Sie war voller Optimismus auf den Wahltag zugegangen und die Umfragen hatten mehr als 60 Prozent für sie vorhergesagt – ein überwältigender Sieg.

Und jetzt das.

Während sie zuschaute, erklomm ihr Gegner, Jefferson Monroe, das Podium in seinem Hauptquartier in Wheeling, West Virginia. Auch wenn es erst acht Uhr morgens war, war eine Menge Mitarbeiter und Förderer noch da. Überall wo die Kameras hinzeigten, waren große rot-blau-weiße Abraham Lincoln-Hüte zu sehen – sie waren zu so etwas wie einem Markenzeichen für Monroes Kampagne geworden. Sie und die aggressiven Schilder, auf denen der Kriegsschrei seiner Kampagne stand: AMERIKA GEHÖRT UNS!

Uns? Was sollte das überhaupt bedeuten? Im Gegensatz zu wem? Wem sonst sollte es gehören?

Aus dem Zusammenhang schien es klar: Den Minderheiten, nicht-Christen, Homosexuellen… was einem nur einfiel. Außerdem war es klar, an wen es insbesondere gerichtet war – an chinesische Einwanderer und chinesisch-stämmige Amerikaner. Erst vor ein paar Wochen hatte die chinesische Regierung damit gedroht, amerikanische Schulden zurückzufordern und damit einen Staatsbankrott auszulösen. Diese Tatsache hatte es Monroe ermöglicht, die Angst vor den Chinesen in den letzten Tagen vor der Wahl besonders zu schüren. Monroe kam diese Angst zugute. Laut ihm war jeder Einwanderer ein Geheimagent für die imperialistischen Absichten der Regierung in Peking, oder für chinesische Oligarchen, die amerikanische Immobilien und Unternehmen aufkauften. Laut ihm musste man mit eiserner Faust handeln, damit die Chinesen Amerika nicht übernahmen.

Und seine Anhänger glaubten ihm nur zu gern.

Jefferson Monroes Erzfeinde, und damit die Erzfeinde seiner Anhänger, waren die Chinesen. Die Chinesen waren Amerikas große Nemesis und das blauäugige ehemalige Model im Weißen Haus war entweder zu dumm, das zu erkennen, oder sie war selbst von den Chinesen eingekauft worden.

Monroe blickte mit seinen tiefliegenden stahlblauen Augen über die Menge. Er war 74 Jahre alt, hatte weiße Haare und ein Gesicht, das von tiefen Linien gezeichnet war – ein Gesicht, das viel älter schien als es war. Wenn man allein nach dem Gesicht ging, könnte man ihn auf 100 schätzen, oder auf 1000. Aber er war groß und stand aufrecht da. Er schlief nur drei bis vier Stunden pro Nacht und schien auch nicht mehr zu brauchen.

Er trug ein frisch gebügeltes Anzughemd ohne Krawatte, dessen Kragen weit offenstand – eines seiner Markenzeichen. Er war ein Milliardär, oder zumindest fast, aber natürlich war er ein Mann des einfachen Volkes. Ein Mann, der sich aus dem Nichts hochgearbeitet hatte. Er kam aus armen Verhältnissen aus den Bergen von West Virginia. Ein Mann, der, trotz seines neuen Reichtums, sein ganzes Leben lang die Reichen und Schönen verabscheut hatte. Ein Mann, der nichts mehr verabscheute als die Liberalen, insbesondere aus dem Nordosten, insbesondere aus New York. Er würde es sich nicht bieten lassen, für die Jungs aus Washington, D.C. in einen extravaganten Anzug mit Krawatte gesteckt zu werden. Praktischerweise überspielte er die Tatsache, dass er selbst zu Washington, D.C. gehörte. Seit 24 Jahren war er bereits im Senat tätig.

Susan schätzte, dass zumindest ein Kern an Wahrheit in seinem öffentlichen Bild steckte. Er kam tatsächlich aus ärmlichen Verhältnissen in Appalachia – so viel war bekannt. Und er hatte sich von dort aus hochgearbeitet. Aber er war alles andere als ein Mann des Volkes. Um dorthin zu kommen, wo er heute war, hatte er sich schon früh mit zwielichtigen Gestalten angefreundet. Als junger Mann war er ein Schläger für die Pinkerton-Agentur gewesen und hatte Kohlearbeiter mit Schlagstöcken eingeschüchtert. Er hatte seine gesamte frühe Karriere damit verbracht, die Interessen der Kohleindustrie zu vertreten und für weniger Regulierungen gekämpft, weniger Sicherheit am Arbeitsplatz und weniger Arbeiterrechte. Und er war reich für seine Bemühungen belohnt worden.

„Ich habe es euch gesagt“, sagte er ins Mikrofon.

Die Menge explodierte vor lautem Jubel.

Monroe beruhigte sie mit nur einer Handbewegung. „Ich habe euch gesagt, dass wir Amerika zurückerobern werden.“ Der Jubel ging erneut los. „Ihr und ich!“, rief Monroe. „Wir haben es geschafft!“

Die Jubelrufe veränderten sich und verwandelten sich langsam in einen Chor, den Susan nur zu oft gehört hatte. Die Rufe hatten eine seltsame Rhythmik an sich, wie ein Walzer oder eine Art Ruf-und-Antwort Gesang.

„AMERIKA! GEHÖRT UNS! AMERIKA! GEHÖRT UNS! AMERIKA! GEHÖRT UNS!“

Es ging weiter und weiter. Susan wurde ganz schlecht. Aber wenigstens sangen sie nicht mehr „Schmeißt sie raus!“ – das war eine Zeit lang ebenfalls beliebt gewesen. Das erste Mal, als sie das gehört hatte, hatte sie fast geweint. Sie wusste, dass viele von ihnen wahrscheinlich nur mitgerissen wurden. Aber wenigstens ein paar dieser Verrückten wollten sie vermutlich wirklich hängen sehen, weil sie angeblich eine Verräterin war und mit den Chinesen unter einer Decke steckte. Dieser Gedanke machte ihr schwer zu schaffen.

„Genug mit leeren Fabriken!“, rief Monroe. Er streckte eine Faust triumphant gen Himmel. „Genug mit den unkontrollierten Verbrechen in unseren Städten! Genug mit dem menschlichen Abschaum! Genug mit den chinesischen Verrätern!“

„GENUG!“, antwortete die Menge vereint, ein weiterer ihrer Lieblingsschreie. „GENUG! GENUG! GENUG!“

Kurt Kimball, ausgeruht, aufmerksam, groß und stark wie immer, mit seinem glatt rasierten Kopf, stellte sich vor den Bildschirm und schaltete mit der Fernbedienung den Ton aus.

Es war, als wäre ein Zauberspruch von Susan abgefallen. Plötzlich war sie sich ihrer Umgebung wieder bewusst. Sie war zusammen mit Kurt, seiner Beraterin Amy, Kat Lopez, dem Verteidigungsminister Haley Lawrence und ein paar weiteren Personen hier in der Sitzecke des Oval Office. Die Anwesenden waren Susans engste Vertraute.

Marybeth Horning, Susans Vizepräsidentin, war ebenfalls per Videokonferenz zugeschaltet. Nach dem Vorfall am Mount Weather hatten sie die Sicherheitsprotokolle verändert. Marybeth und Susan sollten zu keiner Zeit am selben Ort sein. Was eine Schande war.

Marybeth war Susans Heldin. Die ultraliberale ehemalige Senatorin aus Rhode Island hatte mehr als zwei Jahrzehnte an der Brown University gelehrt. Sie wirkte schüchtern und zerbrechlich mit ihrem grauhaarigen Bob und der runden Großmütterchen-Brille.

Aber in diesem Fall täuschte das Aussehen. Sie war jemand, der sich eifrig für Arbeiter-, Frauenrechte sowie Rechte für Homosexuelle und die Umwelt einsetzte. Aus ihrer Feder stammte die Gesundheitssysteminitiative, die Susans Regierung ins Leben gerufen hatte. Marybeth war gleichzeitig ein bescheidenes Genie, eine Geschichtsgelehrte, sowie eine würdige politische Gegnerin, die sich zu wehren wusste.

Ein weiterer trauriger Fakt war, dass Marybeth in Susans altem Haus, dem Marineobservatorium, lebte. Das Haus war einer von Susans liebsten Orten auf der ganzen Welt. Es wäre schön, wenn sie ab und zu dort vorbeischauen könnte.

„Das ist ein Problem“, sagte Kurt Kimball, während er auf den stummen Fernseher zeigte.

Susan lachte fast laut auf. „Kurt, ich habe schon immer Ihr Talent für Untertreibungen bewundert.“

Jefferson Monroe hatte ein Wahlversprechen abgegeben – ein Versprechen! – dass er an seinem ersten Amtstag den Kongress um eine Kriegserklärung gegen China ersuchen würde. Tatsächlich, und die meisten nahmen ihn nicht ernst, wenn er das sagte, hatte er impliziert, dass der erste Zug des amerikanischen Militärs ein taktischer Nuklearschlag gegen Chinas künstliche Inseln im Südchinesischen Meer sein würde. Er hatte außerdem versprochen, dass er Sicherheitsmauern um die Chinatowns in New York, Boston, San Francisco und Los Angeles errichten würde. Er hatte behauptet, dass er das gleiche von den Kanadiern in Vancouver und Calgary verlangen würde.

Die Kanadier hatten diese Idee natürlich verworfen.

„Das Land ist verrückt geworden“, sagte Kurt. „Und wir erwarten, dass Monroe Sie erneut dazu auffordern wird, eine Abdankungsrede zu halten, Susan.“

Kat Lopez schüttelte ihren Kopf. Als Susans Stabschefin war Kat in den letzten Jahren in vielerlei Hinsicht gewachsen. Sie war außerdem um ungefähr zehn Jahre gealtert. Als sie ihre Arbeit angetreten war, war sie unverhältnismäßig schön und jugendhaft für ihre 37 Jahre gewesen – jetzt sah man ihr ihre 39 Jahre deutlich an. Falten waren auf ihrem Gesicht aufgetaucht, grau hatte sich unter das schwarz ihrer Haare gemischt.

„Damit sollten Sie noch warten, Susan“, sagte sie. „Wir haben Hinweise auf massenweise Wahlunterdrückung in fünf südlichen Staaten. Außerdem gibt es Hinweise auf Manipulierung der Wahlmaschinen in Ohio, Pennsylvania und Michigan. Die Ergebnisse sind noch zu eng, als dass man sie als definitiv betrachten kann – nur weil die Nachrichtensender ihn in vielen Staaten zum Sieger erklärt haben, heißt das nicht, dass wir das auch tun müssen. Wir können dafür sorgen, dass sich diese Sache noch Wochen, wenn nicht Monate, hinzieht.“

„Und damit eine Präsidentschaftskrise auslösen“, sagte Kurt.

„Das können wir durchstehen“, sagte Kat. „Wir haben schon schlimmeres überlebt. Die Amtseinführung ist erst am 20. Januar. Wenn es so lange dauert, dann ist es halt so. Wir haben Zeit. Wenn es tatsächlich Betrug gab, werden unsere Analysten ihn entdecken. Wenn es Wahlunterdrückung gibt, wie wir vermuten, werden wir klagen. In der Zwischenzeit sind wir immer noch die Regierung.“

„Ich stimme Kat zu“, schaltete sich Marybeth per Monitor ein. „Ich sage wir kämpfen bis zum Schluss.“

Susan blickte zu Haley Lawrence. Er war groß und schwer und hatte ungepflegte blonde Haare. Sein Anzug war so voller Falten, als hätte er in ihm geschlafen. Er sah aus, als wäre er erst vor zehn Minuten aus einem Alptraum erwacht. Abgesehen von ihrer ähnlichen Größe war er das genaue Gegenteil von Kurt Kimball.

„Haley, Sie sind der einzige Republikaner in diesem Raum“, sagte Susan. „Monroe gehört zu Ihrer Partei. Ich möchte hören, was Sie denken, bevor ich eine Entscheidung treffe.“

Lawrence nahm sich Zeit, bevor er antwortete. „Ich würde nicht sagen, dass Jefferson Monroe wirklich ein Republikaner ist. Seine Ideen sind viel radikaler als konservativ. Er umgibt sich mit wütenden und nachtragenden Menschen. Er ist eine Gefahr für den Weltfrieden, unsere soziale Ordnung und die Ideale, auf denen unser Land basiert.“

Haley atmete tief ein. „Ich würde es hassen mit ansehen zu müssen, wie er und seine Leute das Oval Office und diese Gebäude besetzen, selbst wenn es sich herausstellt, dass er tatsächlich gewonnen hat. Wenn ich Sie wäre, würde ich mich ihm so lange es geht in den Weg stellen.“

Susan nickte. Das war, was sie hören wollte. Es war Zeit, in den Kampf zu ziehen. „Okay. Ich werde nicht abdanken. Wir gehen nirgendwo hin.“

Kurt Kimball hob seine Hand. „Susan, ich mache bei allem mit, was Sie für richtig halten, so lange Sie sich der Konsequenzen bewusst sind.“

„Die da wären?“

Er begann sie an seiner Hand abzuzählen, in keiner bestimmten Reihenfolge.

„Indem Sie nicht freiwillig abdanken, brechen Sie mit einer zweihundert Jahre alten Tradition. Man wird Sie eine Verräterin nennen, eine Thronräuberin, eine Möchtegern-Diktatorin und vielleicht Schlimmeres. Sie werden das Gesetz brechen und könnten angeklagt werden. Wenn sich herausstellt, dass die Wahl nicht manipuliert wurde, werden Sie eitel und töricht erscheinen. Sie könnten Ihren Eintrag in den Geschichtsbüchern der Zukunft ruinieren – im Moment noch ist Ihr Vermächtnis lupenrein.“

Jetzt hob Susan ihre Hand.

„Kurt, mir sind die Konsequenzen klar“, sagte sie und seufzte ausgiebig.

KAPITEL VIER

11. November

16:15 Uhr Eastern Standard Time

Mount Carmel Friedhof

Reston, Virginia

Eine einzelne frisch geschnittene Rose lag auf dem braunen Gras. Luke starrte den Namen und die Widmung an, die in den schwarzen Marmor geritzt waren.

REBECCA ST. JOHN

Leben, Lachen, Lieben

Der trostlose wolkige Tag ging bereits zu Ende und es wurde langsam Nacht. Ein Zittern fuhr ihm durch den ganzen Körper. Er war von der langen Reise nach Osten erschöpft. Er hatte sich glattrasiert, sein Haar war wieder kurz – keine lange Mähne mehr, die ihn vor der Kälte schützte. Er blickte über den Friedhof, über die vielen Reihen an Grabsteinen, die die Hügel in einem stillen Vorort von Washington, D.C. bedeckten.

Er blickte in den silberfarbenen Himmel. Als sie geheiratet hatten, hatte Becca seinen Namen angenommen. Scheinbar hatte sie unter ihrem Mädchennamen ins Grab gehen wollen. Das tat weh. Damit war ihr Bruch komplett. Er schüttelte fast seine Faust in Richtung Himmel, in Beccas Richtung, wo auch immer sie jetzt sein mochte.

Hasste er sie? Nein. Aber sie machte ihn sehr, sehr wütend. Sie hatte ihm die Schuld für alles gegeben, was in ihrer Ehe falsch gelaufen war, bis hin zu ihrem eigenen Tod am Krebs.

Auf der Zufahrt zum Friedhof am Fuße des Hügels, nur etwa 100 Meter entfernt, fuhr eine schwarze Limousine vor und parkte neben Lukes unscheinbarem Mietwagen. Er schaute zu, während ein Chauffeur in einer schwarzen Jacke und Mütze die Hintertür des Fahrzeugs öffnete.

Zwei Gestalten kamen zum Vorschein. Eine von ihnen war jung und männlich, groß wie sein Vater. Der Junge trug Jeans, Sneakers, ein Anzughemd und eine Windjacke. Die andere Gestalt war alt und weiblich, ging ein wenig gebeugt und trug einen langen schweren Wollmantel, um sich vor der feuchten Herbstluft zu schützen. Luke musste nicht lange überlegen, wer sie waren – er wusste es bereits.

Luke hatte gemogelt. Natürlich hatte er das. Vor fünfzehn Minuten hatte er genau diese Limousine verfolgt. Als er erkannte, wohin sie unterwegs war, hatte er sich dazu entschlossen, sie zu überholen. Die beiden Personen kamen jetzt langsam den Gehweg hinauf, Arm in Arm. Audrey, Beccas 72-jährige Mutter und Gunner, Luke und Beccas 13 Jahre alter Sohn.

Luke blickte für einen Moment zur Seite, während sie sich näherten. Er suchte den Horizont ab, als wäre etwas Interessantes dort zu finden. Als er zurückblickte, waren sie fast da. Er beobachtete, wie sie sich näherten. Audrey bewegte sich langsam und sah vorsichtig auf ihre Füße – sie wirkte älter, als sie war. Gunner passte sich ihr an und stützte sie. Es schien, als würde die langsame Geschwindigkeit ihm zu schaffen machen – als wäre er ein junger Hengst voll mit ungenutzter Energie, der in einem engen Stall gefangen war. All die Frustration, die sich angestaut hatte und die nur darauf wartete, zu explodieren.

Gunner starrte Luke für ein paar Sekunden verwirrt an. Es waren fast zwei Jahre vergangen, seit sie sich das letzte Mal gesehen hatten – eine lange Zeit für einen Jungen seines Alters – und für einen Moment schien er nicht zu wissen, wer vor ihm stand. Seine Züge verdunkelten sich, als er erkannte, dass er seinen Vater anblickte. Dann sah er zu Boden.

Audrey erkannte Luke sofort.

„Können wir dir helfen?“, sagte sie, bevor sie überhaupt am Grab standen.

„Du nicht“, sagte Luke. Audrey und ihr Mann, Lance, hatten ihn nie als Schwiegersohn akzeptiert. Ihr Einfluss war bereits toxisch gewesen, bevor Becca und er überhaupt ihr Ehegelübde ausgetauscht hatten. Luke hatte Audrey nichts zu sagen.

„Was machst du hier, Dad?“, fragte Gunner. Seine Stimme war tiefer. Luke konnte den Anflug eines Adamsapfels erkennen – das war neu.

„Die Präsidentin hat mich hergerufen. Aber ich wollte euch zuerst sehen.“

„Deine Präsidentin hat verloren“, sagte Audrey. „Sie hat sich wie eine Verrückte im Weißen Haus verschanzt und weigert sich, ihre Niederlage zuzugeben. Ich habe schon immer gewusst, dass mit ihr etwas nicht stimmt. Jetzt kann es die ganze Welt sehen. Hat sie etwa gehofft, Kaiserin zu werden?“

Luke sah Audrey an. Er nahm sich Zeit und betrachtete sie von oben bis unten. Sie hatte tiefliegende Augen, die so dunkel waren, dass man sie fast für schwarz halten konnte. Sie hatte eine Hakennase, die wie ein Schnabel aussah. Ihre Schultern waren gekrümmt und ihre Hände wirkten unglaublich zerbrechlich. Sie erinnerte ihn an einen Vogel – an eine Krähe, oder vielleicht an einen Geier. Auf jeden Fall an einen Aasfresser.

„Sie hat verloren“, sagte Audrey erneut. „Sie sollte darüber hinwegkommen und sich darauf vorbereiten, die Macht an den Gewinner abzutreten.“

„Gunner?“, sagte Luke und ignorierte Audrey. „Können wir reden?“

„Ich habe Rebecca gesagt, sie soll dich nicht heiraten. Ich habe ihr gesagt, dass es in einer Katastrophe enden würde. Aber ich hätte mir niemals ausgemalt, dass es so schlimm sein würde.“

„Gunner?“, wiederholte Luke, aber sein Sohn sah in nicht an. Luke sah, wie eine Träne an seiner Wange herunterlief. Er schluckte schwer.

„Ich will mich einfach nur entschuldigen.“

Das wirkte nicht richtig. Eine Entschuldigung? Das wäre nicht annähernd genug. Das wusste Luke. Es würde mehr als nur eine Entschuldigung benötigen, damit er alles wiedergutmachen konnte, falls das überhaupt möglich war. Das war es, was er Gunner sagen wollte. Er wollte ihm sagen, dass er alles tun würde, einfach alles, wenn das nur bedeuten würde, dass er wieder ein Teil seines Lebens werden konnte.

Er hatte einen schrecklichen Fehler begangen. Er würde den Rest seines Lebens daran arbeiten, ihn wiedergutzumachen.

Gunner sah ihn an und weinte jetzt. Tränen strömten über sein Gesicht. „Ich will nicht mit dir reden.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich will dich nicht sehen. Ich will dich einfach nur vergessen, verstehst du das nicht?“

Luke nickte. „Okay. Okay, das kann ich respektieren. Aber ich möchte, dass du weißt, dass ich dich liebe und dass ich immer da sein werde. Hast du meine Nummer noch? Du kannst mich anrufen, wenn du deine Meinung änderst.“

„Ich habe deine Nummer nicht mehr“, sagte Gunner. „Und ich werde meine Meinung auch nicht ändern.“

Luke nickte erneut. „Dann lasse ich dich in Ruhe.“

Audrey rief Luke hinterher, während er den Weg entlangging. „Das ist eine gute Idee“, sagte sie.

„Lass den Jungen in Ruhe.“ Dann lachte sie, ein verrücktes Gackern, das fast wie ein Hustenanfall klang, wenn Luke es nicht besser gewusst hätte.

„Lass uns mit unseren Toten in Ruhe.“

KAPITEL FÜNF

16:57 Uhr Eastern Standard Time

Bubba’s Lounge

Chester, Pennsylvania

Niemand erinnerte sich daran, wer Bubba gewesen war.

Die kleine Bar stand seit dem Zweiten Weltkrieg hier an der Straßenecke am südöstlichen Ende von Chester, nahe des Flusses. Zehn verschiedene Besitzer hatten sich die Klinke in die Hand gegeben und sie hatte schon immer Bubba’s geheißen, so weit man sich erinnerte. Doch niemand wusste genau warum.

„Schätze sie wird aufgeben“, sagte ein Mann an der Bar.

„Wurde auch Zeit“, sagte ein anderer.

Marc Reeves arbeitete heute. Marc war ein Oldtimer, 67 Jahre alt. Er hatte über die letzten 25 Jahre hinweg immer mal wieder an dieser Bar Bier ausgeschenkt und hatte drei verschiedene Geschäftsführer miterlebt. Er war hier gewesen, während diese Stadt langsam den Bach runterging. In einer Stadt, in der fast jedes andere Geschäft früher oder später zugenagelt wurde, war Bubba’s ein Erfolgsgeschäft. Aber trotzdem blieben die Besitzer nie lange.

Der Laden holte seine Ausgaben wieder rein – das war das Problem. Er schrieb weder rote noch schwarze Zahlen. Hier zu arbeiten oder hier zu trinken war besser, als die Bar zu besitzen. Wenigstens bekam man so etwas für seine Mühen.

In der Ecke hinter der Bar stand sich ein großer alter Farbfernseher. Zu dieser Tageszeit befanden sich vier oder fünf Tagtrinker auf den Hockern, die ihre Sozialversicherungschecks und was auch immer von ihren Lebern übrig war verschwendeten. Normalerweise lief der Sportsender. Heute war es jedoch anders. Heute hielt die Präsidentin ihre erste Pressekonferenz, seitdem sie die Wahl verloren hatte.

Marc war skeptisch gewesen, als sie ihr Amt angetreten hatte, insbesondere wenn man die Umstände bedachte, unter denen es geschehen war. Aber er hatte sie liebgewonnen. Insgesamt dachte er, dass sie gute Arbeit geleistet hatte. Sie und das Land als Ganzes hatten einige Schwierigkeiten überstanden. Also hatte er gestern etwas getan, was er nur selten tat – er hatte seine Stimme für sie abgegeben. Es war das erste Mal seit zwölf Jahren, dass er in einem Wahllokal gewesen war.

Nicht jeder war seiner Meinung.

„Ich mag den Neuen“, sagte ein dicker Mann an der Bar. Man nannte ihn Skipper. Aber wahrscheinlich hatte er in seinem Leben noch nie einen Fuß auf ein Schiff gesetzt. „Was hat Susan Hopkins je für Chester, Pennsylvania getan? Das will ich mal wissen. Es ist Zeit, dass jemand diese ganzen Chinesen davon abhält, in unser Land zu kommen.“

„Und unsere Jobs zurückbringt, wenn er schon dabei ist“, sagte ein Mann namens Steve-O. Steve-O war so dürr, dass Marc unwillkürlich an einen Pfeifenreiniger denken musste, wenn er ihn sah. Er kam jeden Tag her und trank Bier und Bourbon. Marc hatte noch nie gesehen, wie Steve-O auch nur einen Bissen fester Nahrung zu sich nahm. Es schien, als würde er sich nur von Alkohol ernähren.

Marc trocknete gerade Biergläser ab, die aus dem Geschirrspüler kamen. „Steve-O, du bekommst doch seit zwanzig Jahren Behindertengeld.“

„Ich meinte ja nicht meinen Job“, sagte Steve-O.

Ein paar der Anwesenden lachten.

Auf dem Fernsehbildschirm tauchte jetzt ein leeres Podium auf. Es war umgeben von amerikanischen Flaggen.

„Meine Damen und Herren“, sagte eine leise Stimme, „die Präsidentin der Vereinigten Staaten.“

Susan Hopkins kam von rechts auf die Bühne. Sie trug einen beigefarbenen Hosenanzug und trug ihr Haar in einem kurzen blonden Bob. Wunderschön. Marc erinnerte sich an eine Zeit, in der sie Model gewesen war. Insbesondere an eine gewisse Sports Illustrated Badeanzug-Ausgabe von vor 25 Jahren. Damals war er ein Mann mittleren Alters gewesen, verheiratet und Familienvater. Ihre Bilder waren nahezu herzzerreißend gewesen – sie war himmlisch, unerreichbar, wie von einer anderen Welt. Er konnte nicht in Worte fassen, wie sie auf ihn gewirkt hatte. Und wenn überhaupt, dann sah sie jetzt noch besser aus – bodenständiger, reifer. Marc mochte Frauen, die ein wenig Erfahrung hatten.

„Zieh dich aus, Baby!“, sagte Steve-O, woraufhin erneut einige Anwesende kicherten.

Marc hatte Steve-O heute sechs Shots und sechs Biere in den letzten Stunden serviert. Steve-O war sichtlich angetrunken. Und er fing an, Marc auf die Nerven zu gehen. „Bald gibt’s nichts mehr für dich, Steve-O.“

Steve-O schaute ihn an. „Was?“

„Halt die Schnauze oder geh nach Hause, hab‘ ich gesagt.“

Marc drehte sich zurück zum Fernseher. Hopkins hatte noch nichts gesagt. Es schien, als müsste sie ihre Emotionen unter Kontrolle bringen. Das war es also. Sie würde ihr Amt abtreten. Es hatte so gewirkt, als wäre sie beliebt gewesen, aber letzten Endes hatte sie nur eine Amtszeit regiert – und noch nicht mal eine volle.

„Meine verehrten Mit-Amerikaner“, sagte sie.

Die Bar war still. Auch der Raum, in dem sie ihre Rede hielt, war fast still – Marc konnte lediglich das Surren und Klicken von Kameras hören.

„Ich werde mich kurzfassen. Wir haben eine harte Kampagne hinter uns, in der zwei sehr unterschiedliche Visionen von Amerika miteinander gekämpft haben. Eine dieser Visionen ist voll von Optimismus, Verständnis und Stolz dafür, was wir als Nation geschafft haben. Die andere ist eine Vision voll mit Wut, Verzweiflung, Ressentiment und sogar Paranoia. Sie stellt unsere Nation als ruinierte Landschaft dar, die nur durch einen Mann gerettet werden kann. Und sie verspricht uns Gewalt – Gewalt gegen unseren wichtigsten Handelspartner, sowie Gewalt gegen unsere eigene Gesellschaft, gegen unsere Nachbarn und gegen unsere Freunde.

„Ich bin mir sicher, Sie wissen, für welche Vision ich einstehe. Ich kann keine Weltanschauung akzeptieren, die auf Rassismus, Vorurteilen und Misstrauen basiert. Und doch wäre meine Aufgabe unter normalen Umständen, trotz aller Bedenken, dem augenscheinlichen Gewinner dieser Wahl zu gratulieren und ihn willkommen zu heißen, damit die Macht friedlich in seine Hände übergehen kann, so wie es unsere Demokratie will.“

Sie machte eine Pause. „Doch dies sind keine normalen Umstände.“

Marc richtete sich auf. Er spürte, wie ein Kribbeln seinen Rücken hinunterlief. Er schaute sich um und blickte die Männer an, die an seiner Bar saßen. Jeder einzelne von ihnen klebte geradezu am Bildschirm. Jeder von ihnen war plötzlich aufmerksam geworden, wie Tiere, die spürten, dass sich ein Gewitter nähert. Was wollte sie damit sagen?

„Meine Kampagne hat Beweise dafür gefunden, dass es in mindestens fünf Staaten Unregelmäßigkeiten bei der Stimmabgabe gab, einschließlich Wahlunterdrückung, aber ebenfalls offene Manipulation und eventuelles Hacken von Wahlmaschinen. Wir haben Grund zur Annahme, dass die Wahl gestohlen wurde, nicht nur von unserer Kampagne, sondern vom amerikanischen Volk. Wir haben das FBI sowie das Justizministerium bereits kontaktiert und erwarten eine vollständige, unabhängige Untersuchung. Bis diese Untersuchung abgeschlossen ist – egal wie lange es dauert – kann und werde ich die Ergebnisse dieser Wahl nicht anerkennen und werde meinen Pflichten als Präsidentin der Vereinigten Staaten und meinem Amtseid nachgehen, unsere Konstitution zu wahren und sie zu schützen. Vielen Dank.“

Präsidentin Hopkins ging zurück nach rechts und verließ die Bühne. Die Stimmen der Reporter überschlugen sich, schrien Fragen in den Raum und versuchten, ihre Aufmerksamkeit zu gewinnen. Blitzlichter blinkten wie wild. Der Kamerawinkel wechselte und fokussierte sich auf die Präsidentin, während sie durch eine Seitentür hinter einem Meer von riesigen Geheimdienstagenten verschwand. Sie hatte keine einzige Frage beantwortet.

„Was soll das bedeuten?“, fragte Steve-O. „Kann sie das einfach so machen?“

Niemand antwortete ihm.

KAPITEL SECHS

17:48 Uhr Eastern Standard Time

34. Stock

Das Willard Intercontinental Hotel, Washington, D.C.

„Sind wir kein Rechtsstaat?“, schrie der Mann in den Telefonhörer.

Seine Füße lagen auf dem großen polierten Eichenschreibtisch und er blickte durch die deckenhohen Fenster seines Büros auf die Lichter des Kapitols. Draußen war es bereits dunkel – zu dieser Jahreszeit ging die Sonne früh unter.

„Das möchte ich mal gerne wissen. Denn wenn wir doch ein Rechtsstaat sind, hat diese Frau, diese Besetzerin im Weißen Haus, schleunigst ihre Koffer zu packen. Sie hat verloren und Jefferson Monroe hat gewonnen. Jefferson Monroe ist der gewählte Präsidentschaftskandidat der Vereinigten Staaten. Und wenn sie bis zum Tag der Amtsübergabe nicht draußen ist, werden wir sie einfach rausschmeißen, wie ein Gerichtsvollzieher einen Mietnomaden rausschmeißt.“

Der Mann schwieg ein paar Sekunden und hörte dem Reporter am anderen Ende der Leitung zu.

„Natürlich können Sie mich zitieren. Drucken Sie jedes Wort von dem, was ich gesagt habe.“

Er beendete das Gespräch und legte den Hörer zurück auf den Schreibtisch. Er warf einen Blick auf seine Uhr und seufzte. Seit fast einer Stunde hatte er mit verschiedenen Reportern gesprochen, seit Susan Hopkins von der Bühne und aus dem Raum verschwunden war, in dem sie ihre lächerliche Pressekonferenz abgehalten hatte.

Sein Name war Gerry O’Brien. Mit seinen 50 Jahren war er sehr groß und so dünn wie ein Stock. Sein Haar lichtete sich und sein Gesicht war scharfkantig. Er wog immer noch genau so viel wie an dem Tag, an dem er die Universität abgeschlossen hatte. Er lief Marathons, war ein Triathlet und hatte in den letzten Jahren an Mud und Survival Runs teilgenommen. Alles, was hart war, was einen so richtig forderte, Extremsport, bei dem Teilnehmer bewusstlos am Wegesrand zurückblieben, sich die Eingeweide auskotzten, oder den Hügel herunterfielen und sich ihre Knie aufschlugen – das war genau das Richtige für ihn.