Der Notarzt 518 - Karin Graf - E-Book

Der Notarzt 518 E-Book

Karin Graf

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Beschreibung

Als Silja Schneider mit zwei vollgepackten Koffern vor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik steht, glaubt sie, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben: ein Neuanfang als Pflegerin in der berühmten Notaufnahme, weit weg vom Waisenhaus, von der Armut - und von den Geistern ihrer Vergangenheit, die seit ihrem siebten Geburtstag unerbittlich an ihr zerren. Doch noch bevor sie richtig ankommt, wird sie Zeugin eines dramatischen Unfalls direkt vor der Klinik. In der Hektik der Notaufnahme trifft sie auf Dr. Peter Kersten und sein engagiertes Team - und auf den neuen Kollegen Dr. Quentin Haidecker: einen außergewöhnlich begabten Facharzt mit drei Abschlüssen, brillanter Kompetenz - und Abgründen in der Seele, die er selbst nicht versteht. Während Silja um ihren Platz im Team ringt und versucht, ihr dunkles Kindheitstrauma hinter sich zu lassen, kämpft Quentin Nacht für Nacht gegen Albträume von einem schreienden Mädchen am Fenster. Beide ahnen nicht, dass ihre Wege sich nicht zum ersten Mal kreuzen - und dass "damals" viel näher ist, als sie glauben ...

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Seitenzahl: 118

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Inhalt

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Die Geister von damals

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Impressum

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Inhaltsverzeichnis

Inhaltsbeginn

Impressum

Die Geister von damals

Ein jugendlicher Fehler – und ein Mann, der nie Frieden fand

Von Karin Graf

Als Silja Schneider mit zwei vollgepackten Koffern vor der Frankfurter Sauerbruch-Klinik steht, glaubt sie, endlich ihren Platz im Leben gefunden zu haben: ein Neuanfang als Pflegerin in der berühmten Notaufnahme, weit weg vom Waisenhaus, von der bedrückenden Armut – und von den Geistern ihrer Vergangenheit, die seit ihrem siebten Geburtstag unerbittlich an ihr zerren.

Doch noch bevor sie richtig ankommt, wird sie Zeugin eines dramatischen Unfalls direkt vor der Klinik. In der Hektik der Notaufnahme trifft sie auf Dr. Peter Kersten und sein engagiertes Team – und auf den neuen Kollegen Dr. Quentin Haidecker: einen außergewöhnlich begabten Facharzt mit drei Abschlüssen, brillanter Kompetenz – und Abgründen in der Seele, die er selbst nicht versteht.

Während Silja um ihren Platz im Team ringt und versucht, ihr dunkles Kindheitstrauma hinter sich zu lassen, kämpft Quentin Nacht für Nacht gegen Albträume von einem schreienden Mädchen am Fenster. Beide ahnen nicht, dass ihre Wege sich nicht zum ersten Mal kreuzen – und dass »damals« viel näher ist, als sie glauben ...

»Haben Sie mir was mitgebracht?«

Dr. Peter Kersten, der Leiter der Notaufnahme an der Frankfurter Sauerbruch-Klinik, schaute Prof. Lutz Weidner erwartungsvoll an, als dieser am Montagmorgen den Bereitschaftsraum betrat.

Der Chefarzt war eine ganze Woche lang weg gewesen. Nicht im Urlaub, sondern auf einer einwöchigen Tour durch das ganze Land. Mit dieser Rundreise hatte er auf die Einladungen der Chefärzte kleinerer Krankenhäuser reagiert, die ihn in verschiedenen Angelegenheiten um Rat und Unterstützung gebeten hatten.

Lutz Weidner hatte sich im Laufe der Jahre einen landesweit herausragenden Namen als Kardiologe und als Leiter einer der besten und größten Kliniken erarbeitet. Nicht wenige Kollegen wollten lieber von ihm als von der Ärztekammer, den Pharmavertretern oder sonst jemandem beraten werden.

Einmal im Jahr besuchte der Chefarzt der Sauerbruch-Klinik jene zumeist kleinen Kliniken, deren Chefärzte sich regelmäßig an ihn wandten, und unterstützte die Kollegen, so gut er konnte.

Jetzt beantwortete Prof. Weidner Peters Frage mit einem »Ja, natürlich!«, und einem schelmischen Grinsen. Er steckte die Hand in eine seiner beiden dick ausgebeulten Kitteltaschen, förderte eine knisternde Zellophantüte daraus zutage und stellte diese vor den Notarzt auf den Schreibtisch.

»Bitte sehr, für Sie, mein lieber Kollege. Ein Souvenir vom Nürnberger Lebkuchenmarkt. Das sind gebrannte Mandeln, falls Sie das nicht gleich selbst sehen.«

Peter lachte. »Danke! Da werden Kindheitserinnerungen wach. Als ich noch klein war, gab's die immer auf dem Weihnachtsmarkt, und wenn ich mir was aussuchen durfte, dann waren es immer gebrannte Mandeln.«

»Als ob ich es gewusst hätte«, schmunzelte der Chefarzt, zog sich einen Stuhl dicht an Peters Schreibtisch heran und setzte sich. Er nickte Dr. Elmar Rösner, dem rothaarigen Assistenzarzt der Notaufnahme, dankend zu, als dieser einen Becher Kaffee vor ihn auf den Tisch stellte, und griff abermals in eine seiner prall gefüllten Kitteltaschen.

»Für Sie etwas Ordentliches, Kollege Rösner«, sagte er und drückte dem immer hungrigen jungen Arzt ein ziemlich großes, in funkelnd rotes Stanniolpapier eingewickeltes Etwas in die Hand.

»Das ist ein original Lübecker Marzipanbrot. Wohl bekomm's!«

»Lecker! Danke!« Elmar setzte dazu an, die Verpackung von der Köstlichkeit zu reißen, doch er hielt mitten in der Bewegung inne. »Ich glaube, ich schlinge es nicht gleich selbst runter, ich beherrsche mich und bringe es Mila mit nach Hause.«

Peter Kersten hielt sich eine Hand vor den Mund, weil er lachen musste und Angst hatte, einige der gebrannten Mandeln, mit denen er sich den Mund vollgestopft hatte, könnten ihm herausfallen.

»Da bin ich aber gespannt, wie lange du das aushältst, Elmar«, sagte er grinsend.

»Ich auch!« Der Assistenzarzt seufzte tief und senkte den Kopf. Dann kam ihm eine Idee. »Könntest du das für mich aufbewahren, Peter?«, fragte er. »Und falls ich versuchen sollte, dich dazu zu überreden, es mir vor Dienstschluss wiederzugeben, dann ... dann gibst du es mir bitte nicht.«

Peter schnitt eine Grimasse. »Ich weiß nicht, ob ich mich zwischen dich und etwas Essbares stellen will«, entgegnete er. »Ich habe nämlich meine eiserne Rüstung nicht dabei, und ohne sie bin ich nicht sicher, ob ich das überleben würde.«

Elmar runzelte die Stirn. »Du übertreibst, Peter«, murmelte er und fügte nach einer Weile leise hinzu: »Aber nicht sehr.«

Prof. Weidner musste lachen, als er den sehnsüchtigen Blick sah, mit dem der junge Kollege auf die Leckerei in seiner Hand starrte.

»Essen Sie es auf«, riet er Elmar. »Es ist die gute Absicht, die zählt. Und ...« Er steckte erneut die Hand in die Kitteltasche. »Das hier bringen Sie Ihrer entzückenden kleinen Tochter mit.«

Er gab Elmar ein ebenso rot verpacktes Herz aus Marzipan.

»Nein, nein, ich weiß, dass Mila eigentlich Ihre Schwägerin ist«, kam er der Belehrung des Assistenzarztes zuvor. »Sie ist die kleine Schwester Ihrer Lebensgefährtin, das weiß ich natürlich. Aber erstens behandeln Sie die Kleine wie Ihr eigenes Kind und zweitens ... eine fünfjährige Schwägerin, das klingt irgendwie komisch. Also lassen Sie sich das Marzipanbrot mit gutem Gewissen schmecken und ...«

Er brach ab und lachte laut auf, denn Elmar sah wie ein Feldhamster aus, der im Herbst mit bis zum Platzen vollgestopften Backen zu seinem Winterquartier unterwegs ist.

Der rothaarige Assistenzarzt zuckte mit den Schultern.

»Na und?«, nuschelte er mit vollem Mund. »Ich trete in wenigen Wochen zur Facharztprüfung an, muss enorm viel lernen und brauche deshalb viele Proteine und viel Zucker für mein Gehirn.«

»Wenn es um seine fast schon krankhafte Verfressenheit geht, hat er immer eine faule Ausrede parat«, bemerkte Peter belustigt. »Aber jetzt zurück zu meiner ersten Frage: Haben Sie mir etwas mitgebracht, Chefarzt?«

Er schüttelte den Kopf, als Prof. Weidner auf die mittlerweile nur noch halb volle Zellophantüte deutete.

»Nein, das meine ich nicht. Es war sehr nett von Ihnen, diesbezüglich an mich zu denken, aber ich habe Sie um etwas anderes gebeten. Wissen Sie es nicht mehr?«

»Doch.« Lutz Weidner nickte ernst. »Natürlich weiß ich es noch, und ich habe auch tatsächlich gefunden, worum Sie mich gebeten haben. Eine sehr vielversprechende Pflegerin. Silja Schneider.«

»Okay. Und ...?« Peter zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Sie ist noch sehr jung«, fuhr Lutz Weidner fort. »Sie hat erst vor wenigen Wochen ihr Pflegestudium beendet, verfügt jedoch bereits über sehr viel Erfahrung, weil sie sich ihr Studium als Hilfsschwester selbst verdienen musste. Sie ist erst neunzehn, wirkt jedoch schon sehr erwachsen. Das Leben ist nicht sonderlich sanft mit ihr umgegangen. Das hat ihr eine frühe Reife und eine tiefe Ernsthaftigkeit beschert.«

»Klingt gut. Haben Sie sie gleich mitgebracht? Ist sie vielleicht auch da drin?« Peter deutete auf die prall gefüllten Kitteltaschen des Chefarztes.

»Nur wenn ich sie vielleicht versehentlich eingesteckt habe. Aber eher nicht.« Prof. Weidner schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe sie in Warburg in einer Praxisgemeinschaft als unterbezahlte Sprechstundenhilfe gefunden. Sie hat mein Angebot sehr gerne angenommen.«

Er zuckte mit den Schultern. »Der Kollege, der die Praxisgemeinschaft leitet, ist jetzt ziemlich böse auf mich. Aber das ist mir egal. Frau Schneider musste dort auch sämtliche Praxisräume putzen und Botendienste erledigen. Ich mag es nicht, wenn junge Pflegerinnen so schamlos ausgebeutet werden.«

»Ich auch nicht«, stimmte Peter ihm zu. »Wann kommt sie?«

»Nun ... sie benötigt verständlicherweise ein paar Tage, um ihre Angelegenheiten dort zu regeln. Sie wird mich anrufen, wenn sie alles erledigt hat und abreist.«

»Sehr gut! Und? Noch was?«

»Sie Nimmersatt!«, seufzte Prof. Weidner. »Dr. Quentin Haidecker. Er hat vor wenigen Wochen seine Facharztprüfung bestanden. Prüfungen, sollte ich sagen.«

»Für?«

»Unfallchirurgie, Innere Medizin und Intensivmedizin.«

Peter sog zischend die Luft ein. »Alle drei Fachrichtungen auf einmal? Das ist beachtlich! Dann ist er wohl schon etwas älter?«

»Siebenundzwanzig.«

»Boah! Dann ist es noch beachtlicher!«

»Das dachte ich auch«, erwiderte der Chefarzt. »Und er ist außerordentlich sympathisch. Ein bisschen depressiv ist er mir vorgekommen, aber das werden Sie ihm schon austreiben, nicht wahr?«

Peter nickte. »Wenn ich kann, dann gerne. Wenn ich es nicht schaffe, bitte ich Lea, ihn sich einmal anzugucken. Und wo haben Sie ihn gefunden? Auch in Warburg?«

»Nein, in Sonneberg. Man hat ihm in der kleinen Klinik, in der er ausgebildet wurde, angeboten, er könne für sein bisheriges Gehalt als Assistenzarzt weiterarbeiten, bis einer der älteren Kollegen in den Ruhestand ginge. Man konnte sich dort keinen weiteren Facharzt leisten, wollte aber auch nicht gerne auf ihn verzichten.«

Peter legte den Kopf schief. »Und wie lange hätte er da warten müssen, um als Facharzt entlohnt zu werden?«

»Rund zehn Jahre lang.«

Peter lachte trocken auf. »Das ist schon eine Zumutung.«

»Richtig. Deshalb hat auch er mein Angebot gerne angenommen. Er kommt morgen. Auch er muss erst noch seine Angelegenheiten in Ordnung bringen.«

»Klar. Super! Vielen Dank, Chefarzt. Das ist ja wie Weihnachten. Ich freue mich sehr.«

Prof. Weidner stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Mir ist schon lange klar, dass Sie hier dringend Verstärkung benötigen. Es gibt jetzt allerdings noch ein Problem.«

»Und zwar?« Der Leiter der Notaufnahme zog fragend die Augenbrauen hoch.

»Wie bringe ich es unserem lieben Verwaltungsdirektor bei?«, seufzte der Chefarzt. »Zwei zusätzliche Angestellte. Einer noch dazu zu einem Facharztgehalt. Mir graut jetzt schon vor dem Weltuntergang, den er in Szene setzen wird, wenn ich ihn vor vollendete Tatsachen stelle.«

»Haben Sie ihm auch ein essbares Souvenir mitgebracht?«, hakte Peter nach. »Dann wird es wohl nur halb so schlimm werden«, beschwichtigte er den Professor, als dieser nickte. »Allerdings ...«

Er machte eine Pause und lachte leise. »Allerdings ist bei Direktor Rohrmoser halb so schlimm auch schon ganz schön schlimm.«

»So ist es!« Lutz Weidner trank seinen Kaffee aus und stand auf. »Am Ende wird er natürlich einlenken, denn niemand sonst hat die Fakten und Zahlen so gut im Kopf wie er. Er weiß genau Bescheid über das stetig ansteigende Patientenaufkommen in der Notaufnahme, und er ist sich sehr wohl bewusst, dass die Notaufnahme eines der Aushängeschilder der Sauerbruch-Klinik ist. Mindestens einmal im Monat sind Sie und Ihre Kollegen mit einer spektakulären Lebensrettung in den Medien vertreten.«

»Aber bis er das zugibt, werden Sie sich so einiges anhören müssen«, grinste Peter. »Die ganze Litanei von dem nicht vorhandenen Goldesel im Schrank, vom wilden Affen, der Sie seiner Meinung nach gebissen hat, von dem Abgrund, auf den wir geradewegs zusteuern, der Maus, die uns den Faden abbeißen wird und so weiter.«

Er lachte laut auf. »Ehrlich gesagt, möchte ich jetzt nicht in Ihrer Haut stecken, Chefarzt.«

»Ich werde es überleben«, schmunzelte Lutz Weidner achselzuckend. »Und während ich den üblichen Sermon über mich ergehen lasse, wird mich der Gedanke trösten, dass Sie mir einen großen Gefallen schuldig sind.«

Er leerte seine Kitteltaschen, häufte den Inhalt auf dem Schreibtisch auf und verließ mit dem Auftrag an Peter, die Mitbringsel unter den einzelnen Mitgliedern seines Teams zu verteilen, laut lachend den Bereitschaftsraum.

***

Da war kein bisschen Wehmut in Siljas Herzen, als sie ihr gesamtes Hab und Gut in zwei Koffern verstaute. Der Abschied von Warburg und dem kleinen Zimmer im Jugendwohnheim, in dem sie die letzten vier Jahre zugebracht hatte, tat nicht weh.

Im Gegenteil. Mit ihrem Auszug ging der traurige Teil ihres Lebens zu Ende. Jetzt durfte und konnte sie ihr Leben endlich so gestalten, wie sie es wollte.

So malerisch und bezaubernd das kleine Städtchen Warburg mit seinem mittelalterlichen Stadtkern und dem erloschenen Vulkan mit der Burgruine obenauf auch war, sie hatte sich hier nie zu Hause gefühlt.

Später, wenn der Anblick des Desenbergs nicht mehr so wehtat, wollte sie noch einmal hierherkommen und das wunderschöne Städtchen neu entdecken.

Der Desenberg mit der Burgruine oben drauf war das Erste gewesen, was sie bei ihrer Ankunft in Warburg vor rund zwölf Jahren gesehen hatte. Zwar nur verschwommen durch einen dichten Tränenschleier hindurch, aber der erloschene Vulkan und die Burg, die jährlich Tausende Touristen hierherlockten, hatten sich dennoch als etwas sehr Schmerzhaftes in ihr Gedächtnis eingebrannt. Als ein Sinnbild für das Ende des schönen und leider viel zu kurzen Teils ihres Lebens. Als Schlussstrich unter Kinderglück, Geborgenheit, hochfliegende Mädchenträume und unendliche Liebe.

Sieben Jahre war sie alt gewesen, als ein halbwüchsiger Junge heimlich in das Auto seines Vaters gestiegen war und damit das Leben ihrer Eltern ausgelöscht hatte.

Der Tag hatte so schön begonnen. Es war der Abend vor ihrem siebten Geburtstag gewesen. Es hatte bereits gedämmert, als Mama und Papa noch nach draußen gegangen waren, um das selbst gemalte Willkommensschild und die bunten Luftballons am Gartenzaun ihres kleinen, aber sehr hübschen Häuschens in Fulda zu befestigen.

Am nächsten Tag, einem Samstag, sollte nämlich ihre Geburtstagsparty stattfinden. Alle ihre alten Freundinnen und Freunde aus dem Kindergarten und die neuen Freunde aus der ersten Klasse der Grundschule durften schon zum Frühstück kommen und den ganzen Tag mit ihr verbringen.

Im Garten stand ein riesiges Planschbecken bereit, und Papa hatte eine Rutsche gekauft, über die man direkt ins Wasser rutschen konnte.

Mama hatte fast den ganzen Tag lang gekocht, gebraten und gebacken. Mittags würden sie alle zusammen im Garten picknicken. Und abends wollten sie ein Feuer anzünden – Papa war bei der Feuerwehr, deshalb durften sie das – und Kartoffeln und Würstchen braten.

Silja war ganz sicher gewesen, dass ihr Geburtstag der schönste Tag ihres Lebens sein würde. Stattdessen war es der schlimmste Tag geworden. So schlimm, dass sie auch heute, zwölf Jahre später, immer noch weinen musste, wenn sie daran dachte.

Sie hatte am offenen Küchenfenster gestanden, denn sie hatte bereits geduscht und trug ihr gelbes Nachthemd mit den lustigen Flusspferden darauf. Ihre langen honigblonden Haare hatte Mama ihr, wie immer vor dem Schlafengehen, zu einem Zopf geflochten, weil sie sonst morgens so zerzaust waren, dass das Kämmen schrecklich ziepte.

Sie hatte Mama und Papa vom Fenster aus Kommandos zugerufen. »Den roten Herzballon mehr nach links, bitte! Der Fuchs braucht noch ein bisschen Gas, er schwebt nicht gut! Das Schild ist schief! Noch ein bisschen! Jetzt passt es!«

Sie hatten Tränen gelacht, als Wuschel, der kleine Hund der alten Frau Pommberger, die im Haus gegenüber wohnte und gerade vom Abendspaziergang zurückkam, den großen grünen Ballon, der wie ein Krokodil aussah, anknurrte und sich nicht getraute, daran vorüberzugehen.

Er hatte den Schwanz fest zwischen die Hinterbeinchen geklemmt, gezittert, die Zähne gefletscht und geknurrt. Frau Pommberger musste ihn in ihr Haus tragen und ihm dabei die Augen zuhalten.