Der Pianist - Viktorija Tokarjewa - E-Book

Der Pianist E-Book

Viktorija Tokarjewa

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Beschreibung

Dem Starpianisten Igor, für den bisher nur Karriere und Familie zählten, begegnet eine Vamp-Frau, die sein Leben schlagartig verändert; die jüngst verwitwete Maskenbildnerin Lena verliebt sich in einen Fotografen, der behauptet, nur sie könne ihn retten; der junge arbeitslose Schauspieler Nick läßt sich von einem alten Millionär für bestimmte Dienste anheuern; spannend bis zum Schluss bleiben sie allemal, diese drei leidenschaftlichen Geschichten über Liebe, Tod, Macht und Geld.

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Seitenzahl: 180

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Viktorija Tokarjewa

Der Pianist

und andere Erzählungen

Aus dem Russischen von Angelika Schneider

Diogenes

Der Pianist

Der Pianist Igor Nikolajewitsch Mesjazew saß im Flugzeug und schaute aus dem Fenster. Er kam von einer Konzertreise aus Deutschland zurück, die sich über den ganzen November erstreckt hatte.

Mesjazew hatte Angst vorm Fliegen. Jedes Mal, wenn er von einem Flugzeugabsturz hörte oder im Fernsehen ein Flugzeugwrack sah, erstarrte er und war völlig verkrampft. Ein befreundeter Psychiater hatte ihm gesagt, daß das normal sei, der pure Selbsterhaltungstrieb. Nur bei kranken Menschen sei dieser Instinkt angeschlagen, und sie strebten nach Selbstzerstörung, der Tod locke sie. Ein gesunder Mensch dagegen wolle leben und fürchte den Tod.

Mesjazew wollte leben, er wollte arbeiten. Für ihn war das ein und dasselbe.

Bis zum Jahr vierundachtzig, bis zur Perestroika, mußte er auf seinen Tourneen in die letzten Krähenwinkel des Landes reisen, von Vorstadt zu Vorstadt; er mußte in Clubs auf verstimmten Klavieren spielen, wo Mädchen bei Soldaten hockten und besoffene Clochards herumlungerten. Jetzt spielte Mesjazew auf den besten Klavieren der Welt und in den besten Konzertsälen. Aber für wen auch immer er spielte, ob für Clochards oder für die Deutschen, er spielte immer für sich. Und das hatte ihn gerettet.

Die deutschen Städte waren klein und akkurat, wie die Kulisse zu den Märchen der Brüder Grimm.

Er wurde zuvorkommend empfangen, erlesen verpflegt. Einmal, bei einem Empfang beim Bürgermeister, aß Mesjazew etwas, von dem er nicht genau wußte, was es war. Er fragte die Dolmetscherin Petra: »Was für ein Fleisch ist das?«

»Das ist ein amerikanischer Mann, der im Frühling ›rru-rru-rru‹ macht …«

»Truthahn«, erriet Igor.

»Ja, genau …« stimmte die Dolmetscherin zu.

»Das ist kein Mann, sondern ein Vogel«, korrigierte Mesjazew.

»Aber Sie haben es doch verstanden …«

Petra lächelte lieb. Sie war klein und dünn, wie eine Sprotte. Und genau wie bei einem kleinen Fisch waren ihre Augen – groß und etwas hervorstehend. Igor verliebte sich nicht in sie. Aber sie wartete darauf. Er sah, daß sie darauf wartete. Aber er verliebte sich eben nicht. Er verliebte sich überhaupt nicht in fremde Frauen. Er liebte seine Familie.

Seine Familie – das war seine Frau. Er konnte in ihrer Gegenwart arbeiten. Sie störte ihn nicht. Er spürte sie nicht, so wie man frische Luft nicht spürt. Man atmet sie ein und fertig.

Seine Tochter … Er liebte es, morgens mit ihr Kaffee zu trinken. Sie saß mit übereinandergeschlagenen Beinen da, eine Zigarette in der Hand, schon am frühen Morgen wunderschön. Die Zigarette war lang, ihre Beine waren lang, ihre Haare waren lang, und zwischen ihnen war eine zarte Verbundenheit, die aus der Tiefe des Lebens kam. Was brauchte er da irgendwelche Geliebten, fremd und zufällig, wenn zu Hause alles so gut und solid war.

Der Sohn Alik … Das war ein besonderes Kapitel, der wunde Punkt in seinem Leben. Sie liebten sich wütend und quälten einander wütend. Alle seelischen Kräfte, die ihm neben der Musik blieben, gingen für den Sohn drauf.

Mesjazew sah aus dem Flugzeugfenster. Unten waren Wolken, durch sie hindurch konnte man ein Stück der Erde sehen. Es hieß, wenn das Flugzeug in der Luft auseinanderbrach, würden die Passagiere in minus fünfzig Grad hinausgeschleudert, die Luftströme würden ihnen die Kleider vom Leib reißen, sie würden nackt durch die Kälte geschleudert werden und sehr bald tot sein. Aber weshalb daran denken … Der befreundete Psychiater empfahl, sich abzulenken, an etwas Angenehmes zu denken.

An seine Frau, beispielsweise. Sie kannten einander seit sie dreizehn waren. Seit der siebten Klasse. Das erste Mal hatten sie sich mit vierzehn geküßt. Mit achtzehn hatten sie geheiratet und ihr Töchterchen Anja gezeugt. Aber seine wirkliche Ehefrau war die Musik. Igor Mesjazew ging in ihr auf, er vervollkommnete sie, er gehörte ihr. Und seine Frau gehörte der Familie.

Nachdem sie das Konservatorium beendet hatte, begann sie zu unterrichten. Sie gab Privatstunden, um anständig zu verdienen. Damit Mesjazew an nichts zu denken brauchte, nur zu gedeihen und zu wachsen brauchte. Er wuchs lange, vielleicht fünfzehn oder sogar achtzehn Jahre. Und essen mußte man jeden Tag.

Seine Frau beschwerte sich nicht. Im Gegenteil. Sie zeichnete sich durch Selbstverleugnung aus. Die Liebe zu ihren Nächsten – das war ihr Talent. Und nach den Nächsten kamen die weiter entfernten – ihre Schüler. Nach den Schülern – alles andere. Sie liebte die Menschen.

Äußerlich hatte sich seine Frau wenig verändert. Sie war immer klein gewesen und kräftig, er nannte sie im Spaß ›hüpfender Hocker‹. Sie war auch jetzt noch ein Hocker – mit glattem, lieblichem Gesicht, das den naiven Ausdruck aus der Kindheit beibehalten hatte. Ein kaum erwachsenes Kind.

Igor Mesjazew dachte nie über die Beziehung zu seiner Frau nach. Aber wenn er lange verreist war, fing er an, sich nach ihr zu sehnen, er wurde fast krank dabei. Und er kaufte die teuersten Geschenke. Dieses Mal hatte er ihr einen Nerzmantel gekauft.

Mit achtundvierzig Jahren erhielt seine Frau ihren ersten Pelzmantel. Das war spät, natürlich. Aber besser spät als nie.

Der Tochter hatte er ein Abendkleid mitgebracht. Es war so angenehm, sie herauszuputzen. Den Sohn hatte er von Kopf bis Fuß neu eingekleidet, für alle vier Jahreszeiten.

Sein Sohn wuchs völlig anders heran als die Tochter. Bei seiner Tochter lief alles glatt wie im Bilderbuch. Bei dem Sohn dagegen wie in einem Alptraum. Als Kind war er ständig krank gewesen, mal hatte er dies, mal jenes gehabt. Die Schule hatte er gehaßt. Vielleicht war das sowjetische Schulsystem daran schuld gewesen. Vielleicht aber auch Alik selbst.

Schließlich hatte er die Schule hinter sich. Und die Armee vor sich. Die Armee und Alik – das waren zwei unvereinbare Dinge. Die Armee war eine Unterwerfungsmaschine. Alik war ein Widerstandskämpfer. Die Maschine war stärker als der Mensch. Schließlich stand Alik vor dem Kriegsgericht. Man würde ihn einbuchten. Und im Gefängnis vergewaltigte man, was das Zeug hielt.

Also mußte man ihn ins Krankenhaus bringen, die Diagnose ›Schizophrenie‹ erkaufen. Schizophrene wurden vom Armeedienst befreit. Leute, die nicht ganz richtig im Kopf waren, sollten schließlich keine Waffe in der Hand halten.

Seine Frau ging zu einer bestimmten Person, verabredete etwas.

Die Tochter wuchs praktisch blutleer auf. Aber der Sohn kostete einen Haufen Geld, Gesundheit und kilometerweise Nerven. Und was war das Ziel? Nichts. Der Sohn selbst. Schön und geliebt, bis zur Herzattacke. Es war eine Liebe, die viel durchlitten hatte und durch dieses Leiden bereichert worden war. Eine qualvolle Liebe, als ob man durch Stacheldraht gezogen wird und dabei fast umkommt. Aber nur fast.

Sie waren so verschieden: seine Frau mit ihrem glorifizierten Sklaventum, die Tochter – ein einziges Fest, der Sohn – das Feuer der Inquisition, die Schwiegermutter – objektiv wie ein Thermometer; alle waren sie kleine Planeten, die sich um ihn drehten wie um die Sonne. Sie nahmen Licht und Wärme von ihm an.

Sie brauchten ihn. Und er sie. Weil da jemand war, dem er etwas geben konnte. Es war langweilig, nur für sich selbst zu leben. Die Tragödie der Einsamkeit ist, daß man niemandem etwas geben kann.

Igor war mit einem kleinen Koffer abgereist und kam mit fünf Gepäckstücken wieder. In diesen Koffern und Schachteln war sein ganzes Honorar enthalten, das er im November verdient hatte, oder, um genauer zu sein, das er während seines ganzen vorherigen Lebens verdient hatte. Die Arbeit eines Pianisten war die süße Zwangsarbeit, die mit sechs Jahren begann und nie aufhörte. Seine gesamte Kindheit, seine Jugend und sein Leben als Erwachsener hatten nur aus Tasten und Fingern bestanden, er hatte seine ganze Seele gegeben. So lagen, genau genommen, auf dem Gepäckwagen, den er zum Zoll schob, seine Kindheit, seine Jugend und sein Erwachsenenleben.

 

Seine Tochter und sein Schwiegersohn Jurij holten ihn ab.

Seine Tochter fiel ihm nicht um den Hals. Sie war erkältet, ein bißchen bleich, zog die Nase hoch und sagte ins Nirgendwo:

»Mein Papachen ist gekommen …«

Als sie ins Auto stiegen, wiederholte sie nochmals, lauter, als ob sie es selbst kaum glaubte: »Mein Papachen ist gekommen …«

Mesjazew spürte, daß – Ehemann hin oder her – ihr der Vater gefehlt hatte. Der Vater kümmerte sich um sie und verlangte nichts. Der Ehemann dagegen kümmerte sich nicht, stellte aber ständig Ansprüche.

Jurij setzte sich hinters Steuer. Seine Stimmung war düster. Mesjazew bemerkte, daß der Schwiegersohn dreihundert von dreihundertsechzig Tagen im Jahr schlechtgelaunt war. Ein finsterer Charakter. Seine Tochter, diese. Schönheit, lebte ständig in diesem düsteren Klima. Wie in London. Oder in Workuta.

Moskau erschien ihm nach den deutschen Städten unfaßbar groß, ungemütlich und unsauber. Ein einziges ›un‹. Aber überall war Russisch zu hören, und das war das Wichtigste.

Die sprachliche Umgebung. Ohne Sprache verlor man achtzig Prozent seiner Individualität. Man hätte denken können: Wozu braucht ein Musiker die Sprache? Er hat seine eigene Sprache – die Musik. Aber anscheinend konnte nur Beethoven als Tauber arbeiten. Und so hatte sich Petra umsonst bemüht, umsonst hatten ihre goldenen Äuglein geblinkert, umsonst hatte sie gehofft. Nach Hause, nach Hause zu seiner Hockerfrau, in sein Moskau mit seinen Unverschämtheiten, zu seiner Muttersprache, die man solange nicht bemerkt, solange man in ihr lebt.

Mesjazew hatte erwartet, daß sich sein Sohn freuen würde, daß er anfangen würde, auf der Stelle herumzuspringen. Das war seine Art, seine Freude auszudrücken: er hüpfte herum. Seine Frau klatschte in die Hände. Und dann stellten sich alle um die Koffer herum auf. Sie erstarrten zu Salzsäulen und schauten auf einen einzigen Punkt. Jeder würde sein Paket bekommen. Und dann folgte das Anprobieren, ein fröhliches Stimmengewirr und hektisches Treiben würde beginnen. Und er würde über all dem schweben wie der König der Tiere.

Aber statt dessen öffnete seine Frau die Tür mit bekümmertem Gesicht. Auch sein Sohn stand stumm da. Im Zimmer saß der Nachbar Mischa von gegenüber und sah verstört vor sich hin. Mesjazew verstand: Da war etwas passiert.

»Tatjana ist gestorben«, sagte seine Frau.

»Ich hab nur bei ihr reingeschaut wegen Zigaretten, da sitzt sie auf dem Stuhl und ist tot«, sagte Mischa.

Tatjana war die Nachbarin. Sie waren vor zwanzig Jahren zusammen in dieses Haus eingezogen. Und zwanzig Jahre lang waren sie gute Nachbarn gewesen. Mesjazew stellte sich vor, wie genau in dem Moment, in dem sie sich mit dem Gepäck in den Aufzug gedrängt hatten, Mischa auf eine Zigarette zu Tatjana hereingekommen war und sie als Tote gefunden hatte. Erschüttert von diesem Anblick, war er zu den nächsten Nachbarn gerannt. Sich zu freuen und zu umarmen schien vor diesem Hintergrund unangebracht. Was mußte Mischa auch ausgerechnet in dieser Minute auftauchen …

»Tja …« setzte Mesjazew an.

»Wie schrecklich«, ließ sich seine Tochter vernehmen.

»Wie ist das passiert?« wunderte sich Jurij.

»Sie hat getrunken«, erklärte Mischa verschämt. »Sie hatte eine Saufphase, schon einen Monat lang.«

»Das Herz hat nicht mehr mitgemacht«, seufzte seine Frau. »Ich hab sie gewarnt …«

Tatjana war vierzig Jahre alt gewesen. Sie hatte mit zwanzig angefangen zu trinken. Es schien als hätte sie ein Selbstliquidierungsprogramm in ihren Computer eingegeben. Und sie hatte dieses Programm ausgeführt. Jetzt saß sie tot da drüben, hinter der Wand, mit fahlem, ruhigem Gesicht.

»Man muß ihre Mutter benachrichtigen«, sagte Mischa und erhob sich.

»Aber nicht von uns aus«, erschrak Alik.

»Wie entsetzlich …« seufzte seine Frau.

Mischa ging weg. Sie schlossen hinter ihm die Tür und öffneten aus irgendeinem Grund die Fenster. Die gute Stimmung war dahin, aber die Koffer türmten sich mitten in der Diele und riefen sie ins Leben zurück. Nicht einfach ins Leben, sondern zu einem Feiertag.

Alle stellten sich schweigend in der Diele auf. Mesjazew begann auszupacken und hübsche Päckchen hervorzuholen.

Seine Frau erstarrte beim Anblick des Pelzmantels. Es war rührend, ihren Glücksschock zu erleben. Mesjazew legte ihr den teuren Pelz um die Schultern. Der weite, lange Mantel paßte nicht zu ihrer Größe. Seine Frau sah aus wie ein General in einer georgischen Burka zur Zeit des Bürgerkrieges.

Die Tochter ließ ihre Jeans fallen, schlüpfte in das rückenfreie Kleidchen und begann sich vor dem Spiegel zu drehen. Um sich von hinten zu sehen, stellte sie sich seitlich zum Spiegel und drehte sich so gelenkig und graziös um sich selbst, daß Mesjazew verblüfft war: Wie hatten er und seine Frau mit ihren bescheidenen äußeren Mitteln soviel Schönheit in die Welt setzen können? Das war nichts Geringeres als eine künstlerische Leistung.

Nach und nach zogen sie sich von der Nachbarin Tatjana zurück, besannen sich auf ihr eigenes Leben. Auf die Wiedersehensfreude. Papachen war nach Hause gekommen …

Seine Frau deckte den Tisch. Mesjazew holte eine Erdbeertorte hervor, die er im letzten Moment auf dem deutschen Flughafen gekauft hatte. Sie schnitten sie in große Stücke, so daß jeder viel bekam. Das gehörte zu den Familienbräuchen: wenn etwas gut schmeckte, dann mußte es viel davon geben.

Der fremde Kummer – so grausam das war – hob ihr Glück noch hervor.

Und plötzlich ertönte ein Wehklagen. Das hieß, daß Tatjanas Mutter gekommen war, nachdem Mischa sie angerufen hatte. Die Küche lag weit vom Treppenhaus entfernt, aber das Wehklagen drang durch alle Wände. Es klang wie das Geheul eines Tieres, und es machte deutlich, daß der Mensch auch nur ein Tier ist.

Die Familie hörte auf zu kauen. Der Frau traten Tränen in die Augen.

»Vielleicht sollten wir zu ihr gehen?« fragte die Tochter.

»Ich hab Angst«, meinte Jurij.

»Womit können wir schon helfen?« fragte Alik.

Alle blieben auf ihren Plätzen.

Der Tee war kalt geworden. Man mußte neuen kochen.

Währenddessen brach das Geheul ab. Vielleicht hatte man die Mutter weggebracht.

»Also, ich muß jetzt los«, sagte Jurij.

Die Nähe der Toten lähmte ihn völlig.

»Ich gehe auch«, sagte der Sohn und stand auf.

Irgendwo jenseits der Wände seines Zuhauses spielte sich sein eigenes Leben ab.

Die Tochter begleitete den Schwiegersohn ans Auto und kam und kam nicht wieder.

Mesjazew duschte und legte sich hin, um auszuruhen. Dann schlief er ein.

Als er die Augen aufschlug, war es fünf Uhr morgens. Draußen lag grauer Nebel. In Deutschland war es jetzt drei Uhr. Mesjazew wartete, daß er wieder einschlafen würde, aber es gelang ihm nicht.

Plötzlich fiel ihm ein, wie er einmal vor zwanzig Jahren zusammen mit Tatjana in den Lift gestiegen war. Sie hatte einen kurzen Rock angehabt, der die Beine bis oben hin sehen ließ: von den Fußsohlen in den Pumps bis zu der Stelle, wo sich die Beine wie zwei Flüsse in einer Mündung treffen. Seine Frau trug nie solche Röcke. Sie hatte auch nicht solche Beine.

Mesjazew erfaßte ein seltsames Verlangen: Er hätte Tatjana die Hände auf den Hals pressen wollen und in diese Mündung zwischen ihren Beinen eindringen wollen. Er hätte sie vergewaltigen und gleichzeitig erwürgen wollen, so daß sein Orgasmus mit ihrem Todeskampf zusammengefallen wäre. Sie hätten sich zusammen in ein und demselben höllischen Beben gewunden. Dann hätte er seine Hände gelöst, sie wäre tot hingefallen. Und er hätte den Lift verlassen, als wäre nichts geschehen.

Sie verließen den Lift gemeinsam. Mesjazew ging in die eine Richtung, Tatjana in die andere. Aber die gerade durchlebte Vorstellung ließ Mesjazew stehenbleiben und sich den kalten Schweiß von der Stirn wischen.

Mesjazew erschrak dermaßen, daß er noch am selben Tag zum Psychiater ging.

»Das ist nicht weiter schlimm«, sagte der glatzköpfige Psychiater. »Solche Zustände nennt man ›Schmähgedanken‹. Vom Wort ›Tadel, Schmähung‹. Die hat jeder Mensch einmal. Vor allem die schüchternen. Vor allem die, die sich sexuell selbst begrenzen, sich immer kontrollieren. Die ›Schmähgedanken‹ sind eine Art Triebabfuhr. Man tut in der Phantasie das, was man sich im täglichen Leben nicht erlauben kann …«

Mesjazew beruhigte sich. Er vergaß es. Tatjana begegnete er von Zeit zu Zeit, mal im Lift, mal im Hof. Sie begann bald zu trinken, verlor ihr attraktives Äußeres und sah schon mit dreißig wie fünfzig aus. Der Körper ist nachtragend. Er verzeiht nichts.

Jetzt, als er mitten in der Nacht aufwachte, fielen ihm ihre Beine ein, und er dachte: Auf welchen Pfaden wandelt Tatjana jetzt wohl, was sieht sie um sich herum, welche Gespenster, welche Landschaften? Wer weiß, vielleicht war das, was sie sah, ja viel bedeutender und schöner als das, was er um sich herum sah …

 

Am nächsten Morgen war Mesjazew sehr schweigsam.

»Du mußt über ein neues Repertoire nachdenken«, schlug seine Frau vor.

Mesjazew sah seine Frau an. Sie zog sich morgens nicht gern an und lief den halben Tag im Nachthemd herum.

»Noch ein Repertoire. Dann noch eins. Und wann soll man leben?«

»Das ist doch das Leben«, wunderte sich seine Frau. »Der Vogel fliegt, der Fisch schwimmt, und du spielst Klavier.«

»Der Vogel fliegt und fängt Mücken. Der Fisch schwimmt und sucht Nahrung. Und ich spiele, wie auf dem Bahnhof, und man wirft mir was in meinen Hut.«

Es hatte so eine Zeit in Mesjazews Leben gegeben. Vor vierzig Jahren. Sein Vater, ein Trinker, hatte ihn mit auf den Bahnhof geschleppt, hatte ihm die Riemen eines Akkordeons umgeschnallt und ihn gezwungen zu spielen. Das Akkordeon ging ihm vom Kinn bis zu den Knien, es war perlmuttverziert, aus Deutschland, eine Kriegstrophäe. Der achtjährige Igor spielte. Und man warf ihm Geld in den aufgestellten Hut …

»Du bist einfach erschöpft«, erriet seine Frau. »Du mußt dich ausruhen. Eine Pause einlegen.«

»Wie denn ausruhen? Mich hinsetzen und nichts tun?«

»Tapetenwechsel. Fahr in den Süden. Da kannst du bei jedem Wetter schwimmen.«

»Dort ist Krieg«, erinnerte Mesjazew.

»Fahr ins ›Haus der Komponisten‹.«

»Dort sind die Komponisten.«

»Oder in ein Sanatorium, irgendwo in der Umgebung von Moskau.«

Ihm war alles egal. Es war, als ob eine Decke von Gleichgültigkeit über ihm lag. Offensichtlich hatte ihn die Nachbarin Tatjana zum zweiten Mal in einen ungewöhnlichen Zustand versetzt: zum ersten Mal durch ihr Erblühen, zum zweiten Mal durch ihren Tod. Aber vielleicht hatte Tatjana auch gar nichts damit zu tun … Er rannte und rannte immer nur, wie ein Hamster im Rad. Er spielte und spielte, setzte Laute um. Und das Rad drehte sich und drehte sich.

Und wozu? Um seiner Frau einen Pelzmantel zu kaufen, der ihr paßte wie ein Sattel einer Kuh?

 

Einen Monat später wohnte Mesjazew im Sanatorium.

Der Kurarzt riet ihm zu Schwimmen im Pool, Massagen und Sauerstoffcocktails.

Mesjazew ließ sich ins Wasser gleiten, das nach Chlor roch, und sagte zu sich selbst: ›Ich bin stark und jung. Ich stecke euch alle in die Tasche!‹ Wen alle? Auf diese Frage hätte er nicht einmal antworten können. Mesjazew hatte keine Feinde. Seine einzigen Feinde waren das Übergewicht und sein Alter. Zehn Jahre zuviel und zehn Kilogramm zuviel. Jetzt war er achtundvierzig. Mit achtunddreißig war es besser. Da war sein Sohn noch klein gewesen und hatte gesagt, wo er hinging. Auch die Tochter war noch klein gewesen, und kein finsterer Jurij umarmte sie. Und er selbst war noch jünger und wurde nicht so schnell müde. Und seine Frau … Mesjazew sah keinen Unterschied. Seine Frau hatte sich gar nicht verändert. Ein Hocker war eine solide Konstruktion.

Mesjazew pflügte sich durch das Wasser. Er schwamm im Schmetterlingsstil, kraftvoll schob er seinen glatten, runden Körper aus dem Wasser. Er schwamm drei Bahnen, je hin und zurück. Dann stellte er sich unter die heiße Dusche, fühlte eine körperliche Freude, die nicht weniger war als eine seelische, nicht weniger als die Freude an wunderschönen Akkorden. Aber wozu überhaupt vergleichen, was schlechter und was besser war. Man brauchte beides, brauchte Harmonie. Er hatte seinen Körper geschunden, hatte ihn vernachlässigt durch seine sitzende Lebensweise, durch die Belastung der Wirbelsäule und das Fehlen jeglichen Sports. Und mit achtundvierzig war man dann ein schlaffer Sack.

Der Masseur drückte auf die Wirbel, sie antworteten mit einem Schmerz, als wollten sie sich beschweren. Der Masseur war ein kräftiger Kerl, er wickelte Mesjazew zu einem Knoten, packte ihn, drehte ihm den Kopf hin und her. Es war zum Fürchten und tat weh. Aber dafür war sein Körper danach von Leichtigkeit erfüllt, und seine Wirbelsäule reckte sich nach oben, gen Himmel. Das tat gut. ›Was war ich bloß für ein Dummkopf‹, sagte Mesjazew zu sich selbst, und dachte dabei an sein fanatisches Am-Klavier-Sitzen, als wäre er vom höchsten Gericht dazu verurteilt.

Aber es vergingen zwei Wochen, und schon schielte Mesjazew nach dem Klavier, das im Theatersaal stand. Und als er schließlich hinging und den Deckel anhob, zitterten seine Hände … Natürlich, der Vogel flog und suchte Nahrung. Aber der Vogel sang auch. Denn ohne das wäre er kein Vogel, sondern eine Fledermaus.

 

Das Telefon befand sich zwischen zwei Treppenabsätzen. Es war eine richtige Kabine mit Glastür aufgestellt worden, um den Schall zu dämpfen. Meistens stand eine kleine Schlange davor, drei, vier Leute. Aber drei, vier Leute, das bedeutete fast eine Stunde Wartezeit. Doch Mesjazew wappnete sich mit Geduld und Telefonjetons. Er mußte unbedingt die Stimme seiner Frau hören. Diese Stimme bestätigte sozusagen die bestehende Weltanschauung, oder genauer gesagt: Die Erde drehte sich um ihre eigene Achse, und die Sonne hatte die richtige Temperatur.

Sein Sohn nahm den Hörer ab.

»Mama ist bei der Arbeit«, sagte sein Sohn eilig.

»Bist du nicht allein?« erriet Mesjazew.

»Andrej ist hier.«

Andrej war ein Schulfreund. Aus gutem Hause. Alles war in Ordnung.

»Was macht ihr?« fragte Mesjazew neugierig.

»Wir sehen uns ein Video an. Wieso?«

Dem hastigen ›wieso‹ nach erriet Mesjazew, daß sie wohl kaum den Panzerkreuzer Potjomkin sahen.

»Gibt’s was Neues?«

»Nein«, antwortete der Sohn prompt.

»Gehst du ins Krankenhaus?«

»Ja, morgen.«

»Warum schweigst du?«

»Na, was gibt’s da zu sagen? Ich geh hin, geh wieder weg … Andrej war auch dort, nichts Besonderes. Ist sogar interessant.«

»Andrej findet alles interessant …«

Mesjazew war verstimmt. Seinen Jungen im Irrenhaus einsperren …

Sie schwiegen einen Moment. Alik wartet. Mesjazew fühlte, daß er ihn störte.

»Ich hab euch vermißt«, jammerte Mesjazew plötzlich.

»Aha«, sagte sein Sohn. »Tschüß, dann.«

Mesjazew legte auf. Es war sinnlos.