Lebenskünstler - Viktorija Tokarjewa - E-Book

Lebenskünstler E-Book

Viktorija Tokarjewa

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Beschreibung

Lebenskünstler sind sie alle, oder wollen es zumindest werden, die Hauptpersonen aus diesem Erzählband. Wie Tamara, deren Mann, ein berühmter Bildhauer, nach zehn Jahren Abstinenz wieder zu trinken anfängt. Auf einer Dienstreise in die Ukraine lernt Tamara den jungen Jura kennen, der so ganz anders ist als ihr Mann. Soll sie mit ihm ein neues Leben beginnen?

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Seitenzahl: 225

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Viktorija Tokarjewa

Lebenskünstler

Aus dem Russischen von Ingrid Gloede

Diogenes

Lebenskünstler

Nach zehnjähriger Pause fing der Mann von Tamara Krugiowa aus der Leserbriefredaktion wieder an zu trinken. In den vergangenen zehn Jahren war es allen, ja sogar ihm selbst gelungen, die trübselige Zeit zu vergessen, in der man ihn praktisch nie nüchtern gesehen hatte. Das war so lange her, daß man meinte, diese Zeit hätte es gar nicht gegeben. Und sie könnte sich nie wiederholen. Doch der Alkoholismus hat die Angewohnheit, mit der gleichen Fratze wiederzukehren – als lägen nicht Jahre dazwischen. Dieselbe Dekoration, dieselben Personen, dieselbe Dramaturgie: das alte Stück. Und der gleiche Geruch, der über allem hängt und alles durchdringt. Tamara nannte ihn den »Geruch der zerstörten Hoffnungen«.

Früher, vor zehn Jahren, hatte er sein Bett in der Klinik gehabt, und wenn ihn wieder das Saufen ankam, überantwortete er sich dem Staat. Die Pflegerin, Mütterchen Fenja, sagte oft, wenn sie den Abfall aus seinem Nachtschränkchen holte:

»Schlampig sind sie, diese Maler …«

Tamaras Mann war kein Maler. Er war Bildhauer, dazu ein ziemlich bedeutender. Hin und wieder erwarb man seine Skulpturen im Ausland und stellte sie auf öffentlichen Plätzen auf. Er galt als talentiert.

Am Anfang ihrer Liebe hatten sein Talent und seine Zugehörigkeit zur geistigen Elite eine große Rolle gespielt. Mit der Zeit aber nahm er das alles mit ins Atelier und lebte zu Hause nur noch seine Krankheiten und seine schlechte Laune aus.

Im Atelier war er inspiriert, hob er ab, oder wie immer sie das dort nannten. Alle möglichen Leute schauten bei ihm vorbei, auch junge Frauen. Häufig blieben sie bis in die Nacht und führten kluge Reden. Sie aßen und tranken und bedienten sich von den gesalzenen Pilzen und Gurken, die Tamaras Mutter für den Winter eingelegt hatte.

Tamara tat es leid um das kostbare Essen und die Mühe, die die Mutter sich gemacht hatte, aber sie hielt still. Natürlich ist es schön, wenn dein Mann keine Berühmtheit ist, keine öffentliche Person, und nicht der Öffentlichkeit gehört, sondern dir, ausschließlich dir. Wenn du dich bei ihm unterhaken kannst, und dann kauft ihr zusammen ein und tragt gemeinsam die Kartoffeln nach Hause. Doch wo findet man so einen schon? Irgendwer muß schließlich auch mit den Talenten leben.

Die Skulpturen verkauften sich mal besser, mal schlechter. Das Essen aber hatte jeden Tag auf dem Tisch zu stehen, und der Sohn mußte großgezogen werden … Also war Tamara von morgens bis abends auf den Beinen. Sie wurde eine richtige »Tante mit Einkaufstaschen«. Wegen einer Thrombose gewöhnte sie sich an, mit leicht eingeknickten Knien zu gehen, vor Augen das Bild, das sie abgab: eingeknickt in den Knien, volle Taschen in beiden Händen, Hintern und Brust rausgestreckt, den Blick geistesabwesend in die Ferne gerichtet.

Auf ihren Mann durfte sie nichts abwälzen, er war ein Talent. Ihr Sohn hustete, ihre Mutter führte das Regiment. Doch Tamara tröstete sich damit, daß es den anderen nicht besser ging. Heute, in den achtziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts, ist die Frau der Stützpfeiler der Familie. Und deshalb arbeiten die Frauen wie die Wolgaschlepper. Den Männern dagegen bietet sich die Möglichkeit, ehrlich und unbestechlich zu sein und keinerlei Geld zu verdienen.

Ihr Mann also hatte nach zehnjähriger Pause wieder zu trinken angefangen. Die Pause war seinerzeit durch einen Schock entstanden. Ein befreundeter Arzt hatte ihm gesagt, sein Gehirn würde sich verflüssigen, wenn er noch ein halbes Jahr so weitermachte. Tamaras Mann stellte sich sein einzigartiges Gehirn als flüssiges Etwas vor und hörte von einer Minute zur anderen mit dem Trinken auf. Im Laufe der zehn Jahre ließ die Schockwirkung peu à peu nach, und alles fing von vorne an.

Tamara drohte, wenn er sich nicht augenblicklich einweisen ließe, würde sie sich aufhängen. Er glaubte ihr zwar nicht, wurde aber doch vorsichtig, rief einen befreundeten Suchtspezialisten an und bat ihn zu kommen und auch was Trinkbares mitzubringen. Tamara fuhr in die Redaktion, zu ihren Leserbriefen.

Früher, vor den Komplikationen in ihrer Liebesbeziehung, hatte Tamara sehr an ›ihren‹ Briefen gehangen. Sie wurde »Tomka, die Goldgräberin« genannt, weil sie nach den Goldkörnern in den Schicksalen, Themen und Problemen suchte. Dann aber wurden ihr eigenes Schicksal, ihr eigenes Thema und Problem so übermächtig, daß sie alles andere überschatteten.

Sollte sie sich scheiden lassen? Dann, fürchtete sie, würde er zugrundegehen. Oder bleiben? Dann ginge sie selbst zugrunde. Das Leben mit einem Alkoholiker gleicht einer Schlacht, einem Vormarsch unter Beschuß. Du läufst ein paar Meter – und stürzt zu Boden. Schnellst wieder hoch, läufst – und stürzt erneut. Und nie weißt du, was am nächsten Morgen, ja nicht einmal, was am selben Abend wird.

Der befreundete Psychiater, der ihren Mann damals so erschreckt hatte, hatte seine Dissertation über das Thema »Frauen von Alkoholikern« geschrieben. Demnach waren Alkoholikerfrauen eine eigene soziale Schicht, stellten eine besondere Gruppe oder Gattung dar.

Dies und ähnliches ging Tamara durch den Kopf, als ihr Chef, Wladimir Aleksejewitsch, kurz Wlad genannt, sie zu sich rief.

»Hätten Sie nicht Lust zu einer Dienstreise?« fragte Wlad. »Ein sehr interessanter Brief. Ein Soldat hat seiner Schwiegermutter mit der Axt auf den Kopf gehauen.«

»Nein, danke«, antwortete Tamara.

»Darf man fragen, weshalb nicht?«

»Ich habe eine Familie. Deshalb nicht.«

Leserbriefe schreiben in der Regel Leute, die irgendeinen Kummer haben, mit irgend etwas nicht zufrieden sind. Unaufhörlich ergießt sich eine Flut von Seufzern, Tränen und verlegenen Anfragen über die Redaktion. Die Menschen suchen höhere Gerechtigkeit. Die Redaktion ist für sie das höchste Gericht, und den Redakteur halten sie für den höchsten Richter. In ihrer Jugend und noch zehn Jahre danach war Tamara diese Gerechtigkeit über alles gegangen, war sie bereit gewesen, Hand, Fuß oder Auge dafür zu opfern, – jeden zweifach vorhandenen Körperteil. Heute dagegen hätte sie am liebsten Pluderhosen mit Glöckchen angezogen – und ab in den Harem. Sollte ihr Mann ruhig noch vierzig andere Frauen im Harem haben. Hauptsache, sie wurde versorgt und man ließ sie in Ruhe.

»Haben Sie denn gar keinen journalistischen Ehrgeiz?« fragte Wlad jetzt gereizt. Seine Gereiztheit ballte sich wie eine Wolke über Tamaras Scheitel.

Tamara schwieg. Die Zeit und das Leben hatten ihren Ehrgeiz aufgefressen. Es war ihr völlig egal, wer wem aus welchem Grund eins über den Schädel gegeben hatte. Ihr haute das Leben schließlich auch mit der Axt auf den Kopf. Aber sie schrieb nirgendwohin und beklagte sich bei niemandem. Nach außen hin sah alles sogar ganz prächtig aus: Gutsituierte Ehefrau nicht etwa eines kleinen Angestellten, sondern eines begabten Mannes, der zwar nicht weltweit, aber immerhin in Europa einen Namen hatte, Mutter eines zehnjährigen Sohnes. Tochter einer Mutter, die sie liebte. Das war die Fassade. Dahinter aber sah es anders aus: Tagsüber der Überlebenskampf, nachts die Leere neben ihr im Bett. Tamara hatte längst vergessen, welchen Geschlechts sie war. Irgendein Zwischending: nicht Mann noch Frau, Mann und Frau zugleich.

Die Freundinnen schnatterten ständig über ihr »Privatleben«. Tamara blieben weder Zeit noch Kraft für ein Privatleben. Und hätte sie eins gehabt, hätte sie niemandem davon erzählen können. Kein Schatten durfte auf ihren Mann fallen, er war schließlich Volkseigentum. Ihn zu kompromittieren hieße, sich an einem staatlichen Wert zu vergreifen. So mußte sie also die Last des Lebens weiterschleppen. Krampfadern stellen sich ein, eh man sich’s versieht, hat man einen Nabelbruch – und das alles mit einem lebensbejahenden Lächeln auf den Lippen, wie bei der Parade zum Ersten Mai.

Sie wurde oft gefragt: Warum arbeitest du überhaupt? Alle Welt hielt sie für reich und angesehen und nahm an, die hundertfünfzig Rubel vom Verlag düften keine große Rolle für sie spielen. Dabei waren diese hundertfünfzig Rubel und die Rente der Mutter die einzigen Einkünfte, mit denen sie fest rechnen konnte. Seine gelegentlichen Honorare gingen für die Tilgung von Schulden drauf. Sie hatten so viele Schulden, daß es schon fast peinlich war. Kaum kam etwas Geld herein, war es auch schon wieder verschwunden – so spurlos, daß man denken konnte, man hätte es verloren.

Die Redaktion garantierte Tamara das Gehalt, und außerdem war sie so etwas wie ein Klub für sie. Hierher kam sie gern, hier erholte sie sich von der ewigen Gewitterstimmung zu Hause. Tamaras Mutter haßte ihren Schwiegersohn. Sie fand, daß er ihrer Tochter keine Hilfe war, daß er die Schönheit der Tochter nicht würdigte und überhaupt: Sie hatten ihn auf dem Buckel, und er saß da und ließ die Beine baumeln.

Der Schwiegersohn seinerseits war der Ansicht, daß er einen Beitrag zur Weltkultur leiste und die Menschheit ihm zu Dank verpflichtet sei. Deshalb mußten Frau und Schwiegermutter, als konkrete Repräsentanten der Menschheit, sich glücklich schätzen, daß sein Hintern sich gerade ihre Buckel ausgesucht hatte.

Tamaras Mann träumte davon, eines Tages nach Hause zu kommen, und die Schwiegermutter wäre fort. Wo mag sie sein? Merkwürdig. Vielleicht gestorben. Oder im Armenhaus. Oder hat geheiratet. Jedenfalls: Weg ist sie und – fertig. Tamara, die die Träume ihres Mannes erriet, war bereit, sein ganzes Atelier mitsamt den Skulpturen in die Luft zu sprengen, wenn er ihrer Mutter auch nur ein Haar krümmte. Die Mutter war der einzige Mensch, der sie liebte und der ihr half. Doch der Despotismus und die Dummheit der Mutter machten auch sie, bei aller Tochterliebe, langsam mürbe. Die Mutter hatte schon in jungen Jahren nicht gerade durch Verstand geglänzt, und im Alter war sie vollends töricht geworden. Sie erzählte einem tagaus, tagein dasselbe, – als ginge ein Dauerregen nieder. Vor diesem Hintergrund wirkte die Redaktion wie Monte Carlo, wie Roulett. Hier bestätigte sich Tamaras gesellschaftliche Stellung, hier wurde sie mit ihrem Ich konfrontiert. Und schließlich auch mit ihrem Chef.

»Das heißt also, Sie fahren nicht?« fragte Wlad noch einmal.

»Genau. Ich fahre nicht.«

»Na gut. Dann schicke ich Kowal«, entschied Wlad. »Kowal wird froh und glücklich sein. Aber irgendwie tut es mir leid um Sie. Sie haben so vielversprechend angefangen.«

 

Der Zug nach Dnepropetrowsk ging um zehn Uhr abends.

Tamara stieg in den Schlafwagen ein. Drinnen roch es nach Kohle und Asche und irgendwie nach Schießpulver. Der Wagen war leer und dunkel, genau wie sie.

In ihrer Handtasche steckte der Brief des Soldaten, der seiner Schwiegermutter die Axt über den Schädel gehauen hatte. Auch so ein Raskolnikow. Den Brief hatte er aus dem Gefängnis geschrieben.

»Sehr geehrte Redaktion! Ich möchte wissen, ob ein Richter eine Waage besitzt und ob sie genau wiegt. Ich habe die Schule besucht, habe nach Wissen gestrebt wie die Sonnenblume zur Sonne, habe die achte Klasse abgeschlossen und war Schweinepfleger in der Kolchose. Habe in der Sowjetarmee gedient. Und während ich dort diente, erschien in der Gebietszeitung ein Artikel »Soldatenfreuden«, wo stand, ich hätte einen Moskwitsch gewonnen, den ich aber gar nicht gewonnen hatte. Der Artikel wurde auch in der zentralen Zeitung abgedruckt, und meine Frau und meine Schwiegermutter lasen die Geschichte. Als ich in die Kolchose zurückkam, fragte die Schwiegermutter: Schwiegersohn, wo ist dein Auto? Meine Frau hat versucht, mich zu vergiften, aber nicht mich, sondern den Hund hat es erwischt. Und nun bin ich hinter Gittern, sitze elf Jahre Haft unter verschärften Bedingungen ab, und meine Frau treibt sich mit dem herum, mit dem sie mich schon betrogen hat, als ich noch diente. Und sowas nennt sich Soldatenfreuden.«

Über die Schwiegermutter und die Axt kein Wort. Tamara hatte die zentralen Zeitungen durchgesehen. Ja, der Artikel, verfaßt vom Lokalreporter, existierte. Sie mußte der Sache also wirklich vor Ort auf den Grund gehen. Vielleicht waren elf Jahre ja eine gerechte Strafe, aber hier handelte es sich um eine Kollektivschuld, und die elf Jahre hätten auf drei Personen verteilt werden müssen, statt sie einer alleine aufzubürden.

Tamara betrat ihr Abteil. Am Fenster saß eine Person männlichen Geschlechts, allem Anschein nach auf Dienstreise. Der Mann sah aus wie einer, der abhängig ist, abhängig vom Gehalt, von den Vorgesetzten, von der Ehefrau, von der Leichtindustrie. Und ihm behagte die Abhängigkeit, denn seinem Tierkreiszeichen und Wesen nach war er ein Esel. Esel können damit leben, an einem Pflock angebunden zu sein. Das Äußerste, wozu sie imstande sind, ist, am Strick zu zerren. Nie würden sie auf die Idee kommen, sich loszureißen und einfach abzuhauen. Oder einmal nicht auf Dienstreise zu gehen, wenn sie keine Lust dazu haben. Oder aus voller Kehle loszusingen, wenn sie guter Laune sind …

Als er Tamara sah, belebte sich der Esel. Sie waren nur zu zweit im Abteil, und das eröffnete verlockende Perspektiven. Tamara hatte früher sehr gut ausgesehen, nicht von ungefähr war der Blick des Bildhauers und später seine Wahl auf sie gefallen. Sie wäre auch jetzt noch hübsch, wären da nicht der gehetzte Ausdruck und die Verbitterung in ihren Zügen. In der Dissertation hieß es, daß hundert von hundert Alkoholikerfrauen an Neurosen litten. Also ausnahmslos alle. Der ständig wirksame Reizfaktor – der betrunkene Ehemann – zerrüttet in hundert von hundert Fällen das Nervenkostüm. Und die Neurose überdeckt die Schönheit, so daß nur noch die Spuren des Verdrusses sichtbar sind. Doch das Abteil war schlecht beleuchtet, und der Esel bemerkte die Spuren des Verdrusses nicht. Was er registrierte, waren ihre gute Figur, ihre relative Jugend, die ungewöhnlich elegante Kleidung und das außergewöhnliche Parfüm.

Tamara setzte sich ihm gegenüber und schaute aus dem Fenster. Sie dachte: Genau das ist mein Leben. In einem vorsintflutlichen Schlafwagen, mit einem Esel im Abteil, unterwegs in eine fremde Stadt, aufgrund des Briefes eines ehemaligen Schweinepflegers und jetzigen Gefangenen.

Unterdessen war der Esel auf seinem Platz in Bewegung geraten und hatte eine Flasche Wein hervorgeholt.

»Sie haben nicht zufällig einen Korkenzieher dabei?« fragte er in einschmeichelndem Ton.

»Nein!« erwiderte Tamara derart laut, daß er vor Schreck zusammenzuckte und die leeren Gläser auf dem Tischchen klirrten.

In diesem Nein lag der Protest gegen ihr ganzes Dasein.

Der Dienstreisende sah Tamara verstört an, dann fragte er: »Was ist, sind Sie, – äh, in Behandlung?«

In diesem Augenblick erschien die Schlafwagenschaffnerin.

»Die Fahrkarten und das Geld für die Bettwäsche!« sagte sie.

»Mit dem fahre ich nicht!« erklärte Tamara.

»Und ich mit Ihnen auch nicht«, konterte der Dienstreisende beleidigt. »Auf Sie hab ich grad gewartet … Sie Kratzbürste.«

»Es ist kein Bett mehr frei«, leierte die Schaffnerin in einstudiertem Ton herunter.

»Das stimmt nicht. Der ganze Wagen ist leer«, widersprach Tamara.

»Der ganze Wagen ist belegt.«

Die Schaffnerin nahm das Geld und ging.

Schweigend holte Tamara Matratze und Kopfkissen von der oberen Liege herunter und bezog das Bett mit der klammen, abgenutzten Bettwäsche. Legte sich hin, ohne sich auszuziehen, drehte sich zur Wand und verharrte bewegungslos. Sie versuchte, ihre Verzweiflung zu verbergen, doch die strahlte von ihr aus wie Radioaktivität von einem Stück Uranerz. Das Abteil war eng, die Strahlung intensiv, und zwangsläufig spürte sie auch der Dienstreisende.

»Soll ich rausgehen?« fragte er leise.

»Schon gut«, sagte Tamara. »Ich hab nur einfach Kopfschmerzen.«

Er erhob sich, trat leise auf den Gang hinaus und schob die Tür hinter sich zu.

Der Zug fuhr durch die Nacht. Vor ihrem inneren Auge sah Tamara sein Atelier, die Zigarettenasche überall auf dem Fußboden, die leeren Flaschen, den Schmutz, die schmale Liege in der Ecke und die fünf Figuren auf dem Sockel, seine noch unvollendete Arbeit. Fünf schmerzgebeugte Frauengestalten, die einen gefallenen Soldaten beweinen. Er selbst liegt, zusammengekrümmt und betäubt vom Alkohol, auf der Liege. Später wacht er auf, greift mit der Hand nach unten, nach der Flasche, kippt sie sich rein. Dann schläft er wieder ein. Er ißt nichts. Seine Leber revoltiert. Und sein Gehirn weigert sich, für so einen Idioten zu arbeiten. Hinterher kann er sich an nichts mehr erinnern – als hätte er zwei Wochen lang in einem schwarzen Sack gesteckt. Nach zwei Wochen kommt er langsam wieder zu sich. Mit seinem grauen Stoppelbart sieht er aus wie ein Zuchthäusler; er mag keine Menschen sehen. Er hat die typische Depression nach einer Saufperiode. Sein Organismus gleicht einem geprügelten Hund. Einem Auto nach einer Karambolage.

Danach setzt die ›Remission‹ ein, er arbeitet wieder. Alles, was überhaupt entsteht, entsteht in dieser Phase. Er arbeitet wie besessen, vergißt zu schlafen und zu essen. Wie in dem Lermontov-Gedicht über den Recken Mzyri: »Nur ein Gedanke verfolgte mich, nur eine Leidenschaft verspürte ich …« Nach einiger Zeit kehrt die seelische Unruhe, und damit der seelische Druck, zurück. Langsam schleicht sich die Schwermut heran, und das bedeutet: Bald trinkt er wieder. Er hat für das alles die schöne Bezeichnung »Pathologie des Talents«. Dann stellen sich ebenso pathologisch talentierte Freunde, oder einfacher gesagt, intelligente Penner ein. Das sind genau solche Typen wie der Mann der Hausmeisterin Tante Dusja, nur daß sie mehr Bücher gelesen haben. Und alles beginnt wieder von vorne. Wieder für zwei Wochen in den Sack.

Zehn Jahre lang hat es das nicht gegeben. Zehn Jahre lang ist er absolut trocken gewesen. Doch ein trockener Alkoholiker ist nicht das gleiche wie ein gesunder Mensch, der nicht trinkt. Ein trockener Alkoholiker hat etwas verloren, in ihm ist gleichsam das Licht erloschen. So fühlen sich wahrscheinlich Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Sie haben alles, aber nichts macht sie glücklich. Beim trockenen Alkoholiker verbiegt sich die Psyche, dringt das nach außen, was vorher verborgen war: Geiz, Egoismus, Ungeselligkeit. Ein trockener Alkoholiker ist langweilig. Manchmal hatte Tamara sogar gewünscht, daß er sich wieder betrank. Während seiner Saufphasen hatte es, besonders am Anfang, ekstatische Augenblicke gegeben, Liebesworte, erhabene Worte, heiße Schwüre, an die sie jedesmal geglaubt hatte. Aber hinterher hatte er sich an nichts mehr erinnert.

Alles in allem: die Situation des Hamsters im Laufrad. Tamara war der Hamster. Wo aber war eine Öffnung, ein Ausgang? Das Laufrad war fest verschlossen …

Der Dienstreisende kam zurück ins Abteil. Er legte sich hin und rührte sich nicht mehr. Vielleicht weinte auch er, vielleicht hatte auch er sein Laufrad, genau wie die Schaffnerin und das ganze Zugpersonal? Mit rasender Geschwindigkeit, wie eine Zeitmaschine, trug der Zug sie alle durch das Leben. Ein weinender Zug rast durch die Welt.

 

Auf dem Bahnhofsvorplatz standen Taxen. Die Fahrer warteten gelangweilt auf Kundschaft.

Vor der Abreise hatte die Buchhalterin Rosita zu Tamara gesagt: Wenn du ein Taxi brauchst, dann nimm eins. Und wenn du fliegen mußt, dann flieg. Hauptsache, du bringst Quittungen mit. Belege.

Taxi und Flugzeug gehörten zu ihren Rechten, das Mitbringen von Quittungen – zu ihren Pflichten.

Tamara versuchte es bei jedem Wagen. Sie nannte die Adresse: Siedlung Solnetschnyj, aber niemand wollte sie hinbringen. In letzter Zeit bestimmen die Taxifahrer selbst, welche Routen und mit welchen Fahrgästen sie fahren.

Unweit der Taxen stand ein Auto von höchst originellem Aussehen. Marke Eigenbau, vermutete Tamara. Der Schluß lag nahe, Form und Farbe des Wagens drängten ihn geradezu auf. Am Steuer saß ein junger Mann, der aussah wie ein gestrauchelter Engel: traurig, ohne Fehl, mit ebenmäßigem Gesicht. Als Tamara auf den Wagen zutrat, sah er sie an. Er hatte große, dunkelgraue Augen, wie rauchfarbene Kugeln oder kleine runde Gewitterwolken. Vom Himmel eben.

«Sind Sie frei?« fragte Tamara.

»Wohin müssen Sie denn?«

»Siedlung Solnetschnyj. Vierzig Kilometer von hier.«

»Ich weiß. Steigen Sie ein.«

›Und was ist jetzt mit der Quittung?‹ dachte Tamara.

Der Engel ließ den Motor an. Der Wagen nieste und machte einen Satz nach vorn, dann besann er sich, und die Räder setzten sich holpernd in Bewegung. Sie fuhren los.

»Wie heißt Ihr Modell?« fragte Tamara.

»›Dshorik.‹«

»Wie?«

»›Dshori‹ heißt Esel. Und ›Dshorik‹ Eselchen. Ich hab ihn selbst zusammengebaut. Dafür vergöttert er mich. Es ist ein Sache, nur aus einem Haufen Blech zu bestehen, und eine andere, ein lebendiges Auto zu sein. Vergessen Sie, daß er eine Mißgeburt ist. Er hat ein goldenes Herz.«

»Und wie heißen Sie?«

»Georgij.«

»Das ist sehr lang. Ein Lied, kein Name. Wie werden Sie denn gerufen?«

»Jeder ruft mich, wie er will: Schora, Gera, Goscha, Jura, Jegor.«

»Und was hören Sie am liebsten?«

»Ich reagiere auf alle Namen.«

»Dann Jura.«

Jura … Der Engel sah Jura Charlamow nicht ähnlich. Aber sie hatten die gleiche Art zu sprechen, zu rauchen. Auch der andere Jura hatte die Zigarette mit ausgestreckten Fingern gehalten und ein Auge zusammengekniffen wegen des Rauchs, und er hatte genauso geredet: in gleichmütigem Ton, aber innerlich lachend.

Einmal, bei einem Spaziergang durch die Stadt, hatten Jura und sie neben einem Müllhaufen einen ganz gewöhnlichen Hund entdeckt. Als sie genauer hinsahen, merkten sie, daß er früher einen Herrn gehabt haben mußte, dann aber verlorengegangen und verwahrlost war und sich aus einem Rassehund in einen Straßenköter verwandelt hatte. An das vormals edle Äußere erinnerten noch die schmale Schnauze und der lange Körper eines Collie.

Jura Charlamow hatte etwas von diesem Hund, nur umgekehrt: Er hatte das Äußere eines Straßenköters und das Innere eines Aristokraten. Jura besaß eine edle Seele und eine graue Hülle. Doch das graue Äußere trat in den Hintergrund, wenn er Tamara ansah: Dann kam seine Seele zum Vorschein, und er wurde schön …

Dshorik, der von einem Rennwagen abstammte, war ein tiefliegender Wagen, und Tamara hatte das Gefühl, bequem, aber fast auf der Straße zu sitzen. Wenn neben ihr das große Rad eines MAS oder KRAS1 auftauchte, fühlte sie sich wie Gulliver im Land der Riesen.

Bald hörten die Stadt und die Häuser aus Stein auf. Es begannen die Gärten und Hütten der Vororte.

Tamaras Mutter stammte aus einem ukrainischen Dorf. Vor dem Krieg hatte Tamaras Vater, damals Student an der polytechnischen Hochschule, ein Praktikum in einer Grube gemacht und war bei dieser Gelegenheit der jungen, drallen Mama begegnet. Papa war klein, ihm gefielen die Hochgewachsenen, Drallen. Er verlor ganz einfach den Verstand und nahm die Mama mit nach Leningrad in seine große, prüde Musikerfamilie. Bei Mamas Anblick verschlug es ihnen schier die Sprache, und als sie endlich wieder reden konnten, fragten sie entsetzt:

»Lewa, wen hast du da bloß angeschleppt?«

Lewa sah sich die Mama ebenfalls an und merkte, daß er unbedacht gehandelt hatte, doch nun war es zu spät. Tamaras Mutter gefielen weder Leningrad noch der Papa. Dort in der Grubensiedlung hatte sie ihren zwei Meter großen Panko zurückgelassen. Es kam mitunter zu handfesten Auseinandersetzungen, aber Papa blieb selbst in solchen Situationen der Intellektuelle, der er war: Er bewahrte einfach seine männliche Würde. Das Ganze endete schließlich damit, daß Papa gleich nach dem Krieg starb und Mama als Witwe zurückließ. Die Mutter zog nach Moskau und schickte Tamara, unter Berufung auf ihre finanzielle Situation, im Sommer in das ukrainische Dorf, in dem bis heute zwei ihrer Schwestern lebten. Die dritte Schwester war während des Krieges nach Deutschland verschleppt worden. Dort hatte sie geheiratet, und jetzt schickte sie Pakete aus München.

Tamara konnte sich noch gut daran erinnern, wie sie als kleines Mädchen in das Dorf gekommen war, in der Hütte Einzug hielt – und schon am nächsten Tag akzentfrei ukrainisch sprach, obwohl sie die Sprache nie zuvor gehört hatte. Das mußte wohl an den Genen gelegen haben. Sie fingen, zusammen mit ihrem guten musikalischen Gehör, die fremde Sprache auf, und Tamara konnte sich frei im Ukrainischen bewegen. Es war wie bei dem Entenküken, das zum ersten Mal am Ufer steht: Das geht ja auch, obwohl es noch nichts von sich weiß, einfach ins Wasser und schwimmt los.

Tamara schaute sich nach allen Seiten um. Vielleicht, dachte sie, wäre es das beste, Jura Charlamow ausfindig zu machen und hierher zu ziehen, weg von Moskau, wo man für jedes Quentchen frischer Luft aufs Land fahren und für jedes Stengelchen Grünzeug auf dem Kolchosmarkt berappen mußte. In jenem Moskauer Leben brachten die Tage keine Überraschungen mehr. In fünf Jahren würde ihr Mann ein weiteres Kunstwerk geschaffen haben, würde ihr Sohn fünfzehn statt zehn sein und sie vierzig statt fünfunddreißig. Und das wäre alles.

»Kommen Sie aus Moskau?« fragte Jura.

»Ja.«

»Und weshalb sind Sie hier?«

»Dienstlich. Ein Soldat hat seiner Schwiegermutter mit der Axt über den Kopf gehauen.«

»Sind Sie Untersuchungsrichterin?«

»Journalistin.«

»Befassen sich denn Journalisten auch mit sowas?«

»Natürlich. Bei uns in der Leserbriefredaktion sind die Wände voller Blut und Tränen.«

»Ich hab auch mal vom Journalismus geträumt. Aber dann bin ich an der Technischen Hochschule gelandet.«

»Und da hat man Sie rausgeworfen?«

»Wieso rausgeworfen? Ich bin Ingenieur.«

»Arbeiten Sie auch?«

»Natürlich.«

»Was haben Sie denn dann am Bahnhof gemacht?«

»Auf Sie gewartet. Vor und nach der Arbeit geh ich mit Dshorik einem kleinen Nebenerwerb nach. Ich will mir ein neues Auto zusammenbasteln. Dafür brauche ich Geld.«

»Das ist dann aber Schwarzgeld!«

»Wenn Sie wollen, brauchen Sie nichts zu zahlen.«

»Nein, danke«, wehrte Tamara ab.

»Und warum nicht?«

»Sie beuten Ihren Dshorik aus, investieren Zeit und Benzin. Warum sollte ich das ausnutzen?«

»Also sind sie doch ehrlich erarbeitet, meine Einkünfte?« Er heftete seine rauchfarbenen Augen auf Tamara.

»Schauen Sie nach vorn!« riet sie.

Tamara dachte an ihren Mann, der jahrelang nichts verdient hatte. Er war auf der Suche nach sich selbst gewesen. Mittels Wodka hatte er sein Ich gesucht, aber das Geld für den Wodka von ihr genommen. Sie mußte ganz allein für den Unterhalt der Familie und seine Ich-Suche aufkommen. Schließlich konnte sie dem Sohn nicht sagen: Gedulde dich! Er brauchte sein Essen, dreimal am Tag. Ihren Mann ließen diese profanen Dinge kalt. Aber eines Tages fand er sich dann. Seine Arbeit wurde anerkannt, und alle sagten: »Mensch, Alter, du bist ein Genie.« Von Tamara war dabei nicht die Rede. Es war ja auch seine Skulptur, nicht ihre. Ihr Leben glich dem Dünger in der Erde, aus der ein Rosenstrauch wächst. Wer denkt schon, wenn er die Rose betrachtet, an den Dünger? An den Kuhmist?

»Sind Sie verheiratet?« Tamara beneidete seine Frau schon im voraus.

»Nicht mehr. Ich bin geschieden.«

»Wieso?«

»Ich bastelte immer am Auto rum. Das wurde ihr zu blöd. Da ist sie zum Nachbarn gegangen. Der bewohnt die andere Hälfte des Hauses. Jetzt hab ich einen Wagen, aber keine Frau.«

»Und, bereuen Sie es?«

»Andersherum hätte ich eine Frau, aber keinen Wagen.«

»Und was ist wichtiger?«

»Die Ehefrau muß man nicht unbedingt aller Welt zeigen, aber den Wagen sieht jeder.«

Tamara merkte, daß er witzelte, doch ›in jedem Scherz steckt nur ein Körnchen Scherz‹, wie ihre Freundin Nelka zu sagen pflegte. Ein Körnchen Scherz, der Rest ist Wahrheit.

»Was macht der Nachbar?« fragte Tamara.

»Er arbeitet in einer Saftfabrik. Und macht Geschäfte nebenbei.«

»Klaut er?«

»Er riskiert«, präzisierte Jura.

»Wie konnte Ihre Frau bloß von so einem Könner weggehen? Zu einem Dieb!« sagte Tamara empört.

»Er hatte so was Gewisses … Etwas Magnetisches. Auf seinem Grundstück flogen alle Vögel zusammen. Und auch sie ging zu ihm.«

»Wahrscheinlich hat er ihnen Futter hingestreut«, meinte Tamara.

Der Engel wandte ihr das Gesicht zu. Auf diesen Gedanken war er noch nie gekommen. Tatsächlich, die Vögel waren zum Nachbarn geflogen, weil er ihnen Graupen hingestreut hatte. Und der Frau des Engels hatte er das vom Staat ergaunerte Geld hingestreut. Alles war ganz einfach und kein bißchen mystisch.

»Schauen Sie nach vorn«, bat Tamara.

Der Engel sah wieder auf die Straße, völlig verdattert.

Den gleichen Gesichtsausdruck hatte Jura Charlamow gehabt, als er seinen Namen auf der Zulassungsliste entdeckte.