Beschreibung

Vertraue niemandem. Es könnte tödlich sein.

Abigail Lowery lebt in einer abgeschiedenen Kleinstadt im Süden der USA. Mithilfe modernster Sicherheitssysteme hat sie ihr Haus in ein wahres Fort Knox verwandelt. Sie vermeidet den Kontakt zu anderen Menschen — doch Brooks Gleason, der attraktive Polizeichef des Ortes, ist von der geheimnisvollen jungen Frau fasziniert und kommt ihr gefährlich nahe. Denn Abigail hat Angst, sich ihren Gefühlen hinzugeben — wie in jener schrecklichen Nacht vor zwölf Jahren, die ihr Leben auf dramatische Weise veränderte …

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Seitenzahl: 723

oder

Nora Roberts

Die letzte Zeugin

Roman

Deutsch von Margarethe van Pée

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Witness« bei G. P. Putnam’s sons, published by the Penguin Group, New York

1. AuflageCopyright © der Originalausgabe 2012 by Nora RobertsPublished by Arrangement with Eleanor WilderDieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische AgenturThomas Schlück GmbH, 30827 GarbsenCopyright © 2013 für die deutsche Ausgabeby Blanvalet Verlag, in der Verlagsgruppe Random House, MünchenSatz: Uhl + Massopust, AalenISBN: 978-3-641-09674-8

www.blanvalet.de

Für Laura Reeth,die Meisterin der Details.

Elizabeth

Das ist der Widerhaken im Pfeil des Leidens in der Kindheit:

Die Einsamkeit ist so groß wie das Nichtwissen.

OLIVE SCHREINER

1

Juni 2000

Elizabeth Fitchs kurzes Aufbegehren als Teenager begann mit L’Oréal Pure Black, einer Schere und einem gefälschten Ausweis. Es endete blutig.

Sechzehn Jahre, acht Monate und einundzwanzig Tage hatte sie pflichtbewusst die Anweisungen ihrer Mutter befolgt. Dr. Susan L. Fitch gab Anweisungen, keine Befehle. Elizabeth hatte sich nach dem Plan ihrer Mutter gerichtet, das Essen zu sich genommen, das der Ernährungsberater ihrer Mutter zusammengestellt und der Koch ihrer Mutter zubereitet hatte, und die Kleider getragen, die die persönliche Einkäuferin ihrer Mutter ausgewählt hatte.

Dr. Susan L. Fitch kleidete sich konservativ, wie es ihrer Meinung nach ihrer Position als Chefärztin der Chirurgie im Silva Memorial Hospital in Chicago entsprach. Von ihrer Tochter erwartete sie das Gleiche.

Elizabeth war eine fleißige Schülerin, die in den akademischen Programmen, die ihre Mutter für sie vorsah, hervorragende Leistungen erbrachte. Im Herbst würde sie nach Harvard zurückkehren, um Medizin zu studieren, damit sie ebenfalls Ärztin werden konnte wie ihre Mutter – Chirurgin wie ihre Mutter.

Elizabeth – niemals Liz, Lizzie oder Beth – sprach fließend Spanisch, Französisch, Italienisch, hatte passable Russisch- und rudimentäre Japanisch-Kenntnisse. Sie spielte Klavier und Geige. Sie hatte Reisen nach Europa, nach Afrika unternommen. Sie konnte sämtliche Knochen, Nerven und Muskeln im menschlichen Körper benennen und spielte Chopins Klavierkonzerte auswendig.

Sie hatte noch nie eine Verabredung gehabt oder einen Jungen geküsst. Sie war nie mit anderen Mädchen in der Mall gewesen, hatte nie eine Pyjama-Party besucht oder bei Pizza und Eis mit heißer Karamellsoße mit ihren Freundinnen gekichert.

Mit ihren sechzehn Jahren, acht Monaten und einundzwanzig Tagen war sie ein Produkt des gewissenhaft und ausführlich geplanten Programms ihrer Mutter.

Aber das würde jetzt anders werden.

Sie sah ihrer Mutter beim Packen zu. Susan, die ihre dicken braunen Haare bereits zu dem üblichen Knoten im Nacken geschlungen hatte, hängte sorgfältig ein weiteres Kostüm in den Kleidersack. Anschließend hakte sie es auf dem Ausdruck ab, auf dem jeder Tag der siebentägigen Konferenz in Untergruppen aufgeteilt war. Auf einem Beiblatt waren jeder Event, jeder Termin, jede Sitzung und jedes Essen mit dem entsprechenden Outfit, einschließlich Schuhen, Tasche und Accessoires, aufgeführt.

Designerkostüme und natürlich italienische Schuhe, dachte Elizabeth. Die Kleidung musste elegant geschnitten und aus einem guten Stoff sein. Aber zwischen all dem Schwarz, Grau und Taupe gab es nicht eine einzige helle, leuchtende Farbe. Sie fragte sich, wie ihre Mutter so schön sein konnte, obwohl sie doch absichtlich immer nur gedämpfte Töne trug.

Nach zwei verkürzten Semestern auf dem College hatte Elizabeth beschlossen, sie könnte – vielleicht – ihren eigenen Modegeschmack entwickeln. Daraufhin hatte sie sich Jeans und einen Kapuzensweater und Stiefel mit Blockabsatz in Cambridge gekauft.

Sie hatte bar bezahlt, damit die Sachen, die sie in ihrem Zimmer versteckte, nicht auf der Abrechnung ihrer Kreditkarte auftauchten, wo ihre Mutter sie unter Umständen entdecken könnte.

Sie war sich darin wie eine andere Person vorgekommen, so anders, dass sie schnurstracks in einen McDonald’s marschiert war und sich ihren ersten Big Mac mit einer großen Tüte Pommes und einem Schokoladenshake bestellt hatte. Es hatte ihr solches Vergnügen bereitet, dass sie anschließend zur Toilette gegangen war, sich in einer Kabine eingeschlossen und ein bisschen geweint hatte. An jenem Tag war vermutlich die Saat der Rebellion in ihr aufgegangen. Vielleicht hatte sie immer schon in ihr geschlummert, und Fett und Salz hatten sie geweckt.

Und auch jetzt spürte sie, wie sie in ihrem Bauch wuchs.

»Deine Pläne haben sich geändert, Mutter, aber das bedeutet nicht zwangsläufig, dass auch meine das tun müssen.«

Susan antwortete nicht gleich, weil sie einen Schuhsack im Koffer verstaute. Sie steckte ihn mit ihren schönen, geschickten Chirurgenhänden fest, deren Nägel perfekt manikürt waren. French Manicure wie immer – auch hier keine Farbe.

»Elizabeth.« Ihre Stimme war so gepflegt und ruhig wie ihre Garderobe. »Es hat mich beträchtliche Mühe gekostet umzubuchen und dich für dieses Jahr im Sommerprogramm unterzubringen. Dadurch kannst du ein volles Semester früher zur Harvard Medical School zugelassen werden.«

Allein bei dem Gedanken krampfte sich Elizabeth’ Magen zusammen. »Du hast mir eine Pause von drei Wochen versprochen, einschließlich dieser nächsten Woche in New York.«

»Manchmal kann man Versprechen eben nicht einhalten. Wenn ich die nächste Woche nicht abgesagt hätte, hätte ich Dr. Dusecki nicht auf der Konferenz vertreten können.«

»Du hättest ja nein sagen können.«

»Das wäre egoistisch und kurzsichtig gewesen.« Susan bürstete das Jackett ab, das sie gerade aufgehängt hatte, und trat einen Schritt zurück, um ihre Liste zu überprüfen. »Du bist alt genug, um zu begreifen, dass die Arbeit wichtiger ist als Vergnügen und Freizeit.«

»Wenn ich alt genug bin, um das zu begreifen, warum bin ich dann nicht auch alt genug, um meine eigenen Entscheidungen zu treffen? Ich will diesen Urlaub. Ich brauche ihn.«

Susan bedachte ihre Tochter mit einem flüchtigen Blick. »Ein Mädchen deines Alters, in bester körperlicher und geistiger Verfassung, braucht wohl kaum einen Urlaub von Studium und anderen Aktivitäten. Außerdem ist Mrs Laine bereits zu ihrer zweiwöchigen Kreuzfahrt aufgebrochen. Ich konnte sie ja nicht gut darum bitten, ihren Urlaub zu verschieben. Es ist also niemand da, um dir deine Mahlzeiten zuzubereiten oder das Haus in Ordnung zu halten.«

»Ich kann mir selbst etwas kochen, und putzen und aufräumen kann ich auch.«

»Elizabeth.« Im Tonfall ihrer Mutter mischten sich Tadel und Kummer. »Es ist beschlossene Sache.«

»Und ich darf nicht einmal meine Meinung sagen? Ich denke, ich soll Unabhängigkeit und Verantwortung entwickeln?«

»Unabhängigkeit entwickelt sich schrittweise, ebenso wie Verantwortung und Entscheidungsfreiheit. Du brauchst immer noch Anleitung und Führung. Ich habe dir einen aktualisierten Plan für die nächste Woche gemailt, und das Paket mit allen Informationen zum Programm liegt auf deinem Schreibtisch. Denk bitte daran, Dr. Frisco persönlich dafür zu danken, dass er dich in die Sommerschule aufgenommen hat.«

Während sie sprach, zog Susan den Reißverschluss ihres Kleidersacks zu und schloss ihren kleinen Rollkoffer. Sie trat an ihre Kommode, um ihre Frisur und ihren Lippenstift zu prüfen.

»Du hörst mir überhaupt nicht zu.«

Susan blickte ihre Tochter im Spiegel an. Das war das erste Mal, dass die Mutter sich die Mühe machte, sie anzusehen, seit sie in ihr Schlafzimmer gekommen war, dachte Elizabeth. »Aber natürlich. Ich habe alles gehört, was du gesagt hast. Laut und deutlich.«

»Zuhören ist etwas anderes als Hören.«

»Das mag stimmen, Elizabeth, aber diese Diskussion hatten wir bereits.«

»Das ist keine Diskussion, das ist ein Beschluss.«

Susan presste kurz die Lippen zusammen, als einziges Zeichen dafür, dass sie verärgert war. Als sie sich umdrehte, waren ihre blauen Augen wieder kühl und ruhig. »Es tut mir leid, dass du es so empfindest. Aber als deine Mutter muss ich tun, was ich als das Beste für dich betrachte.«

»Und deiner Meinung nach ist es das Beste für mich, zu tun, zu sein, zu sagen, zu denken, zu handeln und genau so zu werden, wie du es geplant hast, bevor du dich mit sorgfältig ausgewähltem Sperma hast befruchten lassen.«

Sie hörte, dass ihre Stimme immer lauter wurde, konnte aber nichts dagegen machen. Auch die Tränen, die in ihren Augen brannten, konnte sie nicht zurückhalten. »Ich bin es leid, dein Experiment zu sein. Ich bin es leid, dass jede Minute an jedem Tag organisiert, gelenkt und geplant ist, damit ich deine Erwartungen erfülle. Ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, meine eigenen Kleider kaufen, Bücher lesen, die ich lesen will. Ich will mein eigenes Leben führen – nicht deins.«

Susan zog milde interessiert die Augenbrauen hoch. »Nun, dein Verhalten überrascht mich nicht, wenn ich bedenke, wie alt du bist, aber du hast dir einen sehr ungünstigen Zeitpunkt ausgesucht, um so trotzig und aufsässig zu sein.«

»Tut mir leid. Es war nicht geplant.«

»Sarkasmus ist auch typisch für dein Alter, aber er steht dir nicht.« Susan öffnete ihre Aktenmappe und überprüfte deren Inhalt. »Wir sprechen darüber, wenn ich wieder zurück bin. Ich mache einen Termin bei Dr. Bristoe.«

»Ich brauche keine Therapie. Ich brauche eine Mutter, die mir zuhört, und keine die es einen Scheißdreck noch mal interessiert, wie ich mich fühle.«

»Solche Ausdrücke zeigen einen beklagenswerten Mangel an Reife und Intellekt.«

Wütend warf Elizabeth die Hände in die Luft und drehte sich um die eigene Achse. Wenn sie nicht ruhig und rational sein konnte wie ihre Mutter, würde sie eben wild sein. »Scheißdreck! Scheißdreck! Scheißdreck!«

»Durch die Wiederholung wird es kaum besser. Du hast den Rest des Wochenendes Zeit, dein Benehmen zu überdenken. Deine Mahlzeiten stehen im Kühlschrank oder liegen beschriftet im Tiefkühler. Deine Packliste liegt auf deinem Schreibtisch. Melde dich am Montagmorgen um acht Uhr bei Ms Vee an der Universität. Wenn du an diesem Sommerprogramm teilnimmst, ist dir der Platz an der HMS im nächsten Herbst sicher. Und jetzt trag bitte meinen Kleidersack hinunter. Das Auto muss jeden Moment da sein.«

Oh, diese Saat keimte, sie durchbrach den öden Boden und breitete sich schmerzhaft aus. Zum ersten Mal in ihrem Leben blickte Elizabeth ihrer Mutter direkt in die Augen und sagte: »Nein.«

Sie wirbelte herum, marschierte hinaus und schlug die Tür ihres Zimmers hinter sich zu. Dann warf sie sich auf ihr Bett und starrte mit tränenverschleiertem Blick an die Decke. Und wartete.

Jetzt gleich, in einer Sekunde, sagte sie sich. Ihre Mutter würde hereinkommen, eine Entschuldigung von ihr verlangen, Gehorsam fordern. Aber diese Genugtuung würde Elizabeth ihr nicht geben.

Sie würden sich streiten, richtig streiten, sich Strafen und Konsequenzen androhen. Vielleicht würden sie einander sogar anschreien. Und wenn sie sich anschrien, würde ihre Mutter sie vielleicht endlich hören.

Und vielleicht konnte sie dann auch all die Dinge sagen, die sich in den letzten Jahren in ihr angestaut hatten. Dinge, von denen sie das Gefühl hatte, sie seien schon immer in ihr gewesen.

Sie wollte nicht Ärztin werden. Sie wollte nicht nach Plan leben oder eine blöde Jeans verstecken müssen, weil sie nicht den Kleidungsvorstellungen ihrer Mutter entsprach.

Sie wollte Freunde haben und keine gesellschaftlichen Verabredungen, die gebilligt wurden. Sie wollte die Musik hören, die gleichaltrige Mädchen hörten. Sie wollte wissen, worüber sie miteinander tuschelten, lachten und redeten, während sie ausgeschlossen war.

Sie wollte kein Genie und kein leuchtendes Vorbild sein.

Sie wollte normal sein. Sie wollte sein wie jede andere.

Sie wischte sich die Tränen ab, rollte sich zusammen und starrte auf die Tür.

Jeden Moment jetzt, dachte sie wieder. Jeden Moment. Ihre Mutter musste wütend sein. Sie musste hereinkommen und ihre Autorität zeigen. Das musste sie einfach.

»Bitte«, murmelte Elizabeth, als die Sekunden zu Minuten wurden, »bitte, lass mich nicht wieder als Erste nachgeben. Bitte, bitte, ich will nicht nachgeben.«

Liebe mich einfach. Nur dieses eine Mal.

Aber als die Minuten verstrichen, erhob sich Elizabeth schließlich. Geduld war eine der stärksten Waffen ihrer Mutter. Geduld und die Überzeugung, im Recht zu sein, zerschmetterten alle Gegner. Insbesondere ihre Tochter war dem nicht gewachsen.

Besiegt trat sie aus ihrem Zimmer zum Zimmer ihrer Mutter.

Der Kleidersack, die Aktenmappe, der kleine Rollkoffer waren weg. Schon als sie die Treppe hinunterging, wusste sie, dass auch ihre Mutter weg war.

»Sie hat mich alleingelassen. Sie hat mich einfach verlassen.«

Sie blickte sich in dem hübschen, aufgeräumten Wohnzimmer um. Alles war perfekt – die Stoffe, die Farben, die Kunstwerke, die Einrichtung. Die Antiquitäten befanden sich schon seit Generationen in der Familie der Fitchs und strahlten ruhige Eleganz aus.

Alles war leer.

Nichts hatte sich geändert, stellte sie fest. Und nichts würde sich je ändern.

»Dann werde ich mich eben ändern.«

Da gab es kein Nachdenken und kein Hinterfragen. Sie ging in ihr Zimmer und holte eine Schere aus dem Schreibtisch.

Im Badezimmer studierte sie ihr Gesicht im Spiegel. Die Farben hatte sie von ihrem Vater geerbt – kastanienbraune Haare, dick wie die ihrer Mutter, aber ohne die weichen, hübschen Wellen. Die hohen, scharfen Wangenknochen ihrer Mutter, die tiefliegenden grünen Augen, die blasse Haut und den großen Mund ihres biologischen Vaters – wer auch immer er sein mochte.

Physisch attraktiv, dachte sie. Das war genetisch bedingt, und ihre Mutter hätte auch nichts anderes geduldet. Aber nicht strahlend schön wie Susan, nein. Und das war wohl eine Enttäuschung gewesen, gegen die selbst ihre Mutter nichts ausrichten konnte.

»Freak.« Elizabeth presste eine Hand auf den Spiegel. Sie hasste ihr Spiegelbild. »Du bist ein Freak. Aber wenigstens bist du kein Feigling.«

Sie holte tief Luft, packte eine dicke Strähne ihrer schulterlangen Haare und schnitt sie ab.

Mit jedem Schnipsen der Schere fühlte sie sich mächtiger. Ihre Haare, ihre Entscheidung. Die abgeschnittenen Strähnen ließ sie zu Boden fallen. Und während sie die Haare schnitt und absäbelte, bildete sich ein Bild in ihrem Kopf. Sie wurde langsamer und betrachtete sich mit zusammengekniffenen Augen. Es war wirklich einfach nur Geometrie, dachte sie, und Physik. Aktion und Reaktion.

Die Last fiel von ihr ab, physisch wie metaphorisch. Das Mädchen im Spiegel sah leichter aus. Ihre Augen wirkten größer, ihr Gesicht war nicht mehr so schmal und verkniffen.

Sie sah … neu aus, fand Elizabeth.

Vorsichtig legte sie die Schere weg, und als sie merkte, dass ihr Atem in keuchenden Stößen kam, zwang sie sich, tief durchzuatmen.

So kurz. Prüfend hob sie eine Hand an ihren bloßen Hals, an ihre Ohren, dann strich sie über ihre Haare. Zu gleichmäßig, dachte sie. Sie ergriff eine Nagelschere und versuchte, etwas mehr Pfiff hineinzuschneiden.

Nicht schlecht. Nicht wirklich gut, gab sie zu, aber anders. Und darum ging es doch nur. Sie sah anders aus und fühlte sich anders.

Aber sie war noch nicht fertig.

Sie ließ die Haare einfach auf dem Boden liegen und ging in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie die Sachen an, die sie versteckt hatte. Sie brauchte Zeug – so nannten die Mädchen es doch. Produkte für die Haare. Make-up. Und noch mehr Klamotten.

Sie musste in die Mall.

Aufgeregt lief sie ins Arbeitszimmer ihrer Mutter und nahm den Zweitschlüssel ihres Wagens aus der Schreibtischschublade. Das Herz klopfte ihr bis zum Hals, als sie in die Garage eilte. Sie setzte sich hinters Steuer und schloss einen Moment lang die Augen.

»Jetzt geht es los!«, sagte sie leise. Dann betätigte sie die Fernbedienung für das Garagentor und fuhr rückwärts hinaus.

Sie ließ sich Löcher in die Ohrläppchen stechen. Es war ein wenig schmerzhaft, kam ihr jedoch kühn vor, und es passte zu der Haarfarbe, die sie nach langem, sorgfältigem Studium und Nachdenken ausgewählt hatte. Sie kaufte auch Haarwachs, da sie gesehen hatte, wie eins der Mädchen auf dem College es benutzte. Vielleicht konnte sie sich eine ähnliche Frisur machen.

Sie gab zweihundert Dollar für Make-up aus, weil sie sich nicht entscheiden konnte, welches das Richtige war.

Danach musste sie sich setzen, weil ihre Knie wackelten. Aber sie war noch nicht fertig, rief sich Elizabeth ins Gedächtnis, während sie beobachtete, wie Grüppchen von Teenagern, Frauen und Familien vorbeischlenderten. Sie musste nur einen Moment zur Besinnung kommen.

Sie brauchte Kleider, aber sie hatte keinen Plan, keine Einkaufsliste. Spontankäufe machten Spaß, waren aber auch anstrengend. Mittlerweile hatte sie dumpfe Kopfschmerzen, und ihre Ohrläppchen pochten.

Logisch und vernünftig wäre es, wenn sie nach Hause fahren und sich eine Weile hinlegen würde. Und dann konnte sie in Ruhe einen Plan aufstellen, was sie alles kaufen musste.

Aber das war die alte Elizabeth. Die neue holte nur kurz Luft.

Ein Problem war, dass sie nicht genau wusste, in welches Kaufhaus oder welchen Laden sie gehen sollte. Es gab so viele, und alle Schaufenster waren voll mit Sachen. Am besten wäre es wohl, ein bisschen herumzulaufen und Mädchen ihres Alters zu beobachten. Dann würde sie dorthin gehen, wo sie auch hingingen.

Sie packte ihre Tüten, stand auf – und prallte mit jemandem zusammen.

»Entschuldigung«, setzte sie an, aber dann erkannte sie das Mädchen. »Oh, Julie.«

»Ja.« Die Blonde mit den glatten, perfekten Haaren und den Augen wie geschmolzene Schokolade warf Elizabeth einen verwirrten Blick zu. »Kennen wir uns?«

»Wahrscheinlich erkennst du mich nicht. Wir sind zusammen zur Schule gegangen. Ich habe als Schülerin Spanisch bei euch unterrichtet. Elizabeth Fitch.«

»Elizabeth, ja klar. Das Superhirn.« Julie kniff die Augen zusammen. »Du siehst so anders aus.«

»Oh, ich …« Verlegen hob Elizabeth eine Hand an die Haare. »Ich habe mir die Haare abgeschnitten.«

»Cool. Ich dachte, du wärst weggezogen oder so.«

»Ich bin aufs College gegangen und bin jetzt den Sommer über zu Hause.«

»Ach ja, du hast ja schon früh deinen Abschluss gemacht. Komisch.«

»Ja, wahrscheinlich. Gehst du diesen Herbst aufs College?«

»Ich soll nach Brown gehen.«

»Das ist eine wunderbare Schule.«

»Okay. Na ja …«

»Gehst du einkaufen?«

»Ich bin pleite.« Julie zuckte mit den Schultern. Elizabeth musterte ihren Aufzug – die enge Jeans, die tief auf den Hüftknochen saß, das dünne Top, das den Bauch freiließ, die übergroße Schultertasche und die Keilsandalen. »Ich bin nur in die Mall gekommen, um meinen Freund zu treffen – meinen Exfreund, ich habe mich nämlich von ihm getrennt.«

»Das tut mir leid.«

»Ach, scheiß drauf. Er arbeitet bei Gap. Wir wollten heute Abend ausgehen, und jetzt sagt er, er müsse bis zehn arbeiten, und danach wolle er lieber mit seinen Kumpels abhängen. Ich war es leid, deshalb habe ich Schluss gemacht.«

Elizabeth wollte erwidern, dass sie ihn nicht dafür bestrafen sollte, dass er seinen Verpflichtungen nachkam, aber Julie redete immer weiter – und Elizabeth ging durch den Kopf, dass das andere Mädchen noch nie so viel mit ihr gesprochen hatte wie heute.

»Also gehe ich jetzt mal zu Tiffany, um zu hören, was sie so vorhat, weil ich jetzt für den Sommer keinen Freund habe. Das nervt. Du bist wahrscheinlich mit Jungs aus dem College zusammen.« Julie musterte sie. »Gehst auf Frat Partys, Bierpartys und so.«

»Ich … in Harvard gibt es viele Männer.«

»Harvard.« Julie verdrehte die Augen. »Sind jetzt im Sommer auch ein paar in Chicago?«

»Keine Ahnung.«

»Ich bräuchte einen Typen vom College. Wer will schon einen Loser, der in der Mall arbeitet? Ich brauche jemanden, der weiß, wie man Spaß hat, der mich mitnehmen kann, an Alkohol rankommt. Aber das klappt ja nie, wenn man nicht in die Clubs reinkommt. Dort hängen die ja ab. Ich bräuchte einfach einen gefälschten Ausweis.«

»Den kann ich dir machen.« Sie hatte die Worte noch nicht ganz ausgesprochen, als sich Elizabeth auch schon wunderte, wo sie herkamen. Julie jedoch packte sie am Arm und lächelte sie an, als seien sie die besten Freundinnen.

»Kein Quatsch?«

»Nein. Mit den richtigen Werkzeugen ist es nicht besonders schwierig, einen falschen Ausweis herzustellen. Eine Dokumentenvorlage, ein Foto, Laminat, ein Computer mit Photoshop.«

»Superhirn. Was brauchst du, um mir einen Führerschein zu machen, mit dem ich in einen Club komme?«

»Wie schon gesagt, eine Vorlage …«

»Nein, mein Gott! Was willst du dafür?«

»Ich …« Sie musste handeln, stellte Elizabeth fest. Das war ein Geschäft. »Ich muss Klamotten kaufen, aber ich weiß nicht, was ich kaufen soll. Ich brauche jemanden, der mir hilft.«

»Einen Einkaufsberater?«

»Ja. Jemanden, der sich auskennt. Du weißt schon.«

Julie wirkte auf einmal gar nicht mehr mürrisch und gelangweilt. Sie strahlte. »Darin bin ich ein Superhirn. Und wenn ich dir helfe, ein paar Outfits zu kaufen, dann fälschst du mir den Führerschein?«

»Ja. Und ich möchte mit dir in den Club gehen. Auch dafür brauche ich die richtigen Kleider.«

»Du? Du willst in einen Club gehen? Dann hast du mehr als nur die Haare anders, Liz.«

Liz. Sie war Liz. »Ich brauche ein Foto, und es dauert ein bisschen, um die Ausweise zu gestalten. Aber bis morgen könnte ich sie fertig haben. In welchen Club würden wir denn gehen?«

»Am besten gleich in den angesagtesten. Warehouse 12. Brad Pitt war da, als er in der Stadt war.«

»Kennst du ihn?«

»Schön wär’s. Okay, dann lass uns mal shoppen gehen.«

Ihr wurde ganz schwindlig, nicht nur weil Julie sie mit atemberaubender Geschwindigkeit in die Läden dirigierte und sich Kleider schnappte, die sie nur flüchtig gemustert hatte. Schon allein die Vorstellung. Eine Einkaufsberaterin. Nicht jemanden, der eine Vorauswahl traf, was geeignet war, und dann von ihr erwartete, dass sie zustimmte. Jemand, der einfach nach etwas griff und davon redete, heiß, cool oder sogar sexy auszusehen.

Niemand hatte Elizabeth jemals vorgeschlagen, sie solle sexy aussehen.

Sie schloss sich in ihrer Umkleidekabine mit einem Berg von bunten Sachen ein und musste sich zunächst einmal setzen.

Es ging alles viel zu schnell. Sie kam sich vor wie in einem Tsunami. Die Woge überrollte sie einfach.

Ihre Finger zitterten, als sie sich entkleidete. Sorgfältig faltete sie ihre Sachen und betrachtete all die Kleidungsstücke, die in dem winzigen Raum hingen.

Was sollte sie anziehen? Was passte wozu? Woher sollte sie das wissen?

»Ich habe ein supertolles Kleid gefunden!« Ohne anzuklopfen, stürmte Julie in die Kabine. Instinktiv verschränkte Elizabeth die Arme vor der Brust.

»Hast du noch nichts anprobiert?«

»Ich wusste nicht, womit ich anfangen sollte.«

»Fang mit dem supertollen Fummel hier an.« Julie drückte ihr das Kleid in die Hand.

Von der Länge her war es eigentlich mehr eine Tunika, dachte Elizabeth. Es war knallrot, mit Rüschen an den Seiten. Auf den dünnen Trägern funkelten silberne Pailletten.

»Was zieht man dazu an?«

»Killerschuhe. Nein, lass den BH lieber weg. Zu dem Ding kannst du keinen BH tragen. Außerdem hast du eine echt gute Figur.«

»Ich habe gute Gene und halte mich durch tägliches Training und gesunde Ernährung fit.«

»Verstehe.«

Und der nackte – oder fast nackte – menschliche Körper war etwas ganz Natürliches, dachte Elizabeth. Nur Haut, Muskeln, Knochen und Nerven.

Sie legte ihren Büstenhalter auf die gefalteten Sachen und schlüpfte in das Kleid.

»Es ist sehr kurz«, begann sie.

»Wirf diese altmodischen Schlüpfer besser weg und kauf dir einen String. Das ist absolut clubwürdig.«

Elizabeth holte tief Luft und drehte sich zum Dreifachspiegel. »Oh.«

Wer war das? Wer war das Mädchen in dem kurzen roten Kleid?

»Ich sehe …«

»Du siehst großartig aus«, erklärte Julie, und Elizabeth sah im Spiegel, wie sich auch auf ihrem Gesicht ein Lächeln ausbreitete.

»Großartig.«

Sie kaufte das Kleid und noch zwei weitere. Und Röcke. Sie kaufte Tops, die über der Taille endeten, und Hosen, die auf den Hüften saßen. Sie kaufte Tangas. Und sie surfte auf dem Tsunami und kaufte sich Schuhe mit silbernen Absätzen, auf denen zu laufen sie erst noch üben musste.

Und sie lachte wie jedes normale Mädchen, das mit einer Freundin in der Mall einkauft.

Sie kaufte eine Digitalkamera und sah dann zu, wie Julie sich auf der Toilette schminkte. Sie fotografierte Julie mehrere Male vor der hellgrauen Tür der Kabine.

»Und das funktioniert?«

»Ich sorge dafür, dass es funktioniert. Wie alt willst du sein? Am besten bleiben wir so dicht wie möglich an deinem wahren Alter. Dann kann ich alles von deiner gültigen Fahrerlaubnis übernehmen und brauche nur das Jahr zu ändern.«

»Hast du das schon mal gemacht?«

»Ich habe experimentiert und viel über Betrug und Cyber-Verbrechen gelesen. Es ist interessant. Ich würde gerne …«

»Was?«

»Ich würde mich gerne intensiver mit Computer-Verbrechen, Prävention und Ermittlung beschäftigen. Am liebsten würde ich zum FBI gehen.«

»Ehrlich? Wie Dana Scully.«

»Die kenne ich nicht …«

»Akte X, Liz. Guckst du kein Fernsehen?«

»Populäre und kommerzielle Fernsehsendungen darf ich nur eine Stunde pro Woche anschauen.«

Julie verdrehte ihre großen schokoladenbraunen Augen. »Wie alt bist du? Sechs? Jesus Christus!«

»Meine Mutter hat ganz klare Vorstellungen.«

»Du bist auf dem College, du liebe Güte! Du kannst dir angucken, was du willst. Na ja, ich komme auf jeden Fall morgen Abend bei dir vorbei. Gegen neun? Von dir aus nehmen wir ein Taxi. Aber ruf mich bitte an, wenn du den Ausweis fertig hast, okay?«

»Ja.«

»Ich sag dir was. Dass ich mit Darryl Schluss gemacht habe, war das Beste, was ich je getan habe, sonst hätte ich all das hier verpasst. Wir machen richtig Party, Liz.« Lachend schwenkte Julie mitten auf der Damentoilette die Hüften. »Richtig groß. Ich muss los. Neun Uhr. Versetz mich nicht.«

»Nein, das tue ich nicht.«

Erschöpft vom aufregenden Tag schleppte Elizabeth alle Tüten zu ihrem Auto. Sie wusste jetzt, worüber Mädchen in der Mall redeten.

Über Jungs. Darüber, es zu machen. Julie und Darryl hatten es gemacht. Über Kleider. Musik. Im Geiste hatte sie eine Liste von Sängern gespeichert, die sie nachgucken musste. Film- und Fernsehschauspieler. Andere Mädchen. Was andere Mädchen anhatten. Mit wem andere Mädchen es gemacht hatten. Immer wieder von Jungs.

Sie wusste, dass die Unterhaltungen und Gesprächsthemen Ausdruck gesellschaftlicher und generationsbedingter Normen waren. Aber bis zum heutigen Tag war sie ausgeschlossen gewesen.

Und sie glaubte, dass Julie sie mochte, wenigstens ein bisschen. Vielleicht könnten sie mehr miteinander unternehmen. Vielleicht auch mit Julies Freundin Tiffany – die es mit Mike Dauber gemacht hatte, als er in den Frühlingsferien zu Hause gewesen war.

Sie kannte Mike Dauber. Sie war in einem Kurs mit ihm. Und er hatte ihr einmal eine Nachricht zugesteckt. Sie war zwar für jemand anderen bestimmt, aber es war immerhin schon mal ein Kontakt gewesen.

Zu Hause legte sie alle Tüten auf ihr Bett.

Dieses Mal würde sie nichts verstecken. Und alles, was ihr nicht gefiel – also fast alles, was sie besaß –, würde sie in die Kleidersammlung geben. Und wenn sie Lust hatte, würde sie sich Akte X anschauen und Christina Aguilera, ’N Sync und Destiny’s Child hören.

Und sie würde ein anderes Hauptfach wählen.

Beim Gedanken daran schlug ihr das Herz bis zum Hals. Sie würde das studieren, was sie studieren wollte. Und wenn sie ihren Abschluss in Kriminologie und Computerwissenschaften hatte, würde sie sich beim FBI bewerben.

Heute hatte sich alles geändert.

Entschlossen holte sie das Haarfärbemittel aus einer Tüte. Sie baute alles im Badezimmer auf und führte den empfohlenen Test an einer versteckten Stelle durch. Während sie wartete, fegte sie die abgeschnittenen Haare auf, dann räumte sie ihren Schrank und ihre Kommode aus und hängte und legte ihre neuen Sachen hinein.

Weil sie Hunger hatte, ging sie in die Küche, machte sich eine der vorbereiteten Mahlzeiten warm und aß, während sie auf ihrem Laptop einen Artikel über das Fälschen von Ausweisen las.

Nachdem sie das Geschirr abgewaschen hatte, ging sie wieder nach oben. Mit einer Mischung aus Zögern und Erregung befolgte sie die Anweisung zum Färben der Haare und stellte den Wecker ein. Während die Farbe einwirkte, bereitete sie alles vor, was sie für die Ausweise brauchte. Sie nahm die Britney-Spears-CD, die Julie ihr empfohlen hatte, aus der Hülle und schob sie in den CD-Player ihres Laptops. Den Ton drehte sie so laut, dass sie die Musik hören konnte, als sie in der Dusche stand, um sich die Farbe aus den Haaren zu waschen.

Pechschwarzes Wasser verschwand im Abfluss.

Sie spülte die Haare mehrmals aus. Schließlich stützte sie sich mit den Händen an der Wand der Dusche ab. Vor Aufregung und Furcht zog sich ihr der Magen zusammen. Als das Wasser schließlich klar war, trocknete sie sich ab und wickelte sich ein Handtuch um die Haare.

Seit Jahrhunderten färbten Frauen sich die Haare, rief sich Elizabeth ins Gedächtnis. Dazu benutzten sie Beeren, Kräuter oder Wurzeln. Es war ein … ein Übergangsritus, beschloss sie.

Es war eine persönliche Entscheidung.

Sie schlüpfte in ihren Bademantel und trat vor den Spiegel.

»Meine Entscheidung«, sagte sie und nahm das Handtuch von den Haaren.

Sie starrte auf das Mädchen mit der blassen Haut und den großen grünen Augen, das Mädchen mit den kurzen, stacheligen rabenschwarzen Haaren, die ihr schmales, scharfgeschnittenes Gesicht umrahmten. Sie fuhr mit den Fingern hindurch, fühlte die Struktur, sah, wie es sich bewegte.

Dann stellte sie sich aufrecht hin und lächelte.

»Hi. Ich bin Liz.«

2

Da Julie ihr so viel geholfen hatte, fand Elizabeth es nur fair, mit Julies Führerschein zu beginnen. Die Dokumentenvorlage war nicht schwer zu erstellen. Die Qualität des Ausweises hing im Wesentlichen von der Qualität des Papiers und des Laminats ab.

Das stellte kein Problem dar, da ihre Mutter immer für ausreichend Vorrat sorgte.

Mit Scanner und Computer produzierte sie eine ganz anständige Kopie, bearbeitete das digitale Foto mit Photoshop und setzte es an die richtige Stelle.

Das Ergebnis war gut, aber nicht gut genug.

Nach mehreren Stunden und drei weiteren Versuchen hatte sie endlich das Gefühl, einen Ausweis geschaffen zu haben, der der Überprüfung in einem Nachtclub standhielt. Wahrscheinlich würde er sogar eine eingehendere Prüfung durch die Polizei überstehen. Sie hoffte allerdings, dass es dazu nicht kommen würde.

Sie legte Julies Ausweis beiseite.

Als sie auf die Uhr blickte, stellte Elizabeth fest, dass es schon zu spät war, um Julie anzurufen. Es war schon fast ein Uhr morgens. Dann warte ich eben bis morgen früh, dachte sie und machte sich an ihren eigenen Ausweis.

Zuerst das Foto. Beinahe eine Stunde brauchte sie, um sich zu schminken, wobei sie sorgfältig die einzelnen Schritte kopierte, die sie bei Julie in der Mall beobachtet hatte. Die Augen schminkte sie dunkler, die Lippen heller, und dann gab sie noch Rouge auf die Wangen. Sie hatte nicht gewusst, dass es so viel Spaß – und Mühe – machte, mit all den Farben, Pinseln und Stiften zu spielen.

Liz sieht älter aus, dachte sie, als sie anschließend das Ergebnis im Spiegel betrachtete. Liz sieht hübsch und selbstbewusst aus – und normal.

Berauscht vom Erfolg machte sie sich daran, ihre Haare zu stylen.

Das war komplizierter, aber sie war sich sicher, dass sie es mit etwas Übung schon lernen würde. Die sorglose, ein wenig unordentliche Frisur gefiel ihr. Dieses kurze, stachelige, glänzende Schwarz war völlig anders als ihre langen, glatten, langweiligen rötlichbraunen Haare.

Liz war neu. Liz konnte und würde Dinge tun, die Elizabeth sich im Traum nicht getraut hätte. Liz hörte Britney Spears und trug Jeans, die ihren Nabel frei ließen. Liz ging samstagsabends mit einer Freundin in Clubs, tanzte und lachte und … flirtete mit Jungs.

»Und die Jungs flirten zurück«, murmelte sie. »Liz ist nämlich hübsch und lustig, und sie hat vor nichts Angst.«

Sie stellte den richtigen Winkel ein, sorgte für den richtigen Hintergrund und machte mit ihrer neuen Kamera mehrere Fotos mit Selbstauslöser.

Sie arbeitete bis nach drei, wobei sie feststellte, dass der Prozess ihr beim zweiten Dokument leichter fiel. Erst kurz vor vier räumte sie die Ausrüstung sorgfältig weg und entfernte pflichtbewusst ihr Make-up. Sie würde bestimmt nicht schlafen können, dachte sie – ihr schwirrte der Kopf von all den Aktivitäten.

Kaum hatte sie die Augen geschlossen, war sie jedoch auch schon fest eingeschlafen.

Und zum ersten Mal in ihrem Leben, abgesehen von Zeiten, in denen sie krank war, schlief sie bis Mittag. Als Allererstes rannte sie an den Spiegel, um sich zu vergewissern, dass sie nicht alles geträumt hatte. Dann rief sie Julie an.

»Ja. Ich habe alles.«

»Und, ist es gut geworden? Meinst du, es funktioniert?«

»Es sind ganz hervorragende Papiere. Ich sehe da überhaupt kein Problem.«

»Geil! Neun Uhr. Ich komme mit dem Taxi und lasse es warten – du musst also fertig sein. Und sieh bloß zu, dass du gut aussiehst, Liz.«

»Ich habe gestern Abend schon versucht, mich zu schminken. Heute Nachmittag übe ich noch ein bisschen, auch mit meinen Haaren. Und ich muss üben, in den Schuhen zu laufen.«

»Ja, tu das. Bis später dann. Party-Time!«

»Ja, ich …« Aber Julie hatte schon aufgelegt.

Sie verbrachte den ganzen Tag mit dem Projekt Liz, wie sie es getauft hatte. Sie zog neue Dreiviertelhosen und ein Top an, schminkte sich, arbeitete an ihren Haaren. Sie lief in den neuen Schuhen, und als sie das Gefühl hatte, es zu beherrschen, tanzte sie.

Sie übte vor dem Spiegel zur Musik eines Popmusiksenders im Radio. So hatte sie auch früher schon getanzt – alleine vor dem Spiegel –, um sich die Bewegungen beizubringen, die sie bei den Tanzabenden auf der Highschool beobachtet hatte. Damals hatte sie traurig am Rand der Tanzfläche gestanden, zu jung und zu unattraktiv, um von den Jungen bemerkt zu werden.

Die hohen Absätze machten die Bewegungen und Drehungen problematisch, aber es gefiel ihr, dass sie gezwungen war, Knie und Hüften locker zu halten, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren.

Um sechs holte sie ihre beschriftete Mahlzeit heraus, und während sie aß, checkte sie ihre E-Mails. Ihre Mutter hatte sich nicht gemeldet. Und dabei war sie sicher gewesen, etwas vorzufinden – eine Strafpredigt, irgendwas.

Aber Susans Geduld war endlos, und sie verstand es meisterhaft zu schweigen.

Dieses Mal würde es jedoch nicht funktionieren, beschloss Elizabeth. Dieses Mal würde Susan eine Überraschung erleben. Sie hatte Elizabeth verlassen, und wenn sie nach Hause kam, würde sie Liz vorfinden. Und Liz würde nicht am Sommerprogramm der Universität teilnehmen. Liz würde ihren Stundenplan und ihre Kurse für das kommende Studienjahr ändern.

Liz würde nicht Chirurgin werden. Liz würde beim FBI arbeiten, in der Abteilung Cyber-Verbrechen.

Sie nahm sich eine halbe Stunde Zeit, um die Universitäten zu recherchieren, die für diesen Studiengang am angesehensten waren. Sie würde die Universität wechseln müssen, und das könnte ein Problem darstellen. Ihr Studium wurde von ihren Großeltern bezahlt, und möglicherweise kappten sie ihr das Geld. Bestimmt hörten sie auf ihre Tochter und beugten sich ihren Wünschen.

Na ja, dann würde sie sich eben um ein Stipendium bewerben. Ihre Zeugnisse waren hervorragend. Sie würde zwar ein Semester verlieren, aber bestimmt einen Job finden. Sie würde arbeiten gehen und sich ihren Traumberuf selbst verdienen.

Schließlich fuhr sie den Computer herunter und rief sich ins Gedächtnis, dass heute Abend nur Spaß und Entdeckung zählten. Heute ging es einmal nicht um Sorgen und Pläne.

Sie ging nach oben, um sich für den ersten Abend, an dem sie ausging, umzuziehen. Ihr erster Abend in Freiheit.

Weil sie sich so früh umgezogen hatte, hatte Elizabeth viel zu viel Zeit, um nachzudenken, zu grübeln, zu zweifeln. Sie war bestimmt overdressed, zu wenig geschminkt, und ihre Haare waren nicht richtig so. Niemand würde sie zum Tanzen auffordern.

Julie war achtzehn, älter und erfahrener. Sie wusste, wie sie sich kleiden, sich in Gesellschaft benehmen, mit Jungs reden musste. Aber sie würde Julie bestimmt in Verlegenheit bringen, weil sie irgendetwas Unpassendes sagen oder tun würde. Und dann würde Julie nie wieder mit ihr sprechen, und dieses zarte Band der Freundschaft wäre für immer zerrissen.

Sie steigerte sich in eine so panische Erregung hinein, dass sie sich ganz zitterig und fiebrig fühlte. Zweimal musste sie sich hinsetzen und den Kopf zwischen die Knie nehmen, um Panikattacken zu bekämpfen, und als Julie dann endlich an der Tür klingelte, waren ihre Handflächen feucht, und das Herz schlug ihr bis zum Hals.

»Ach, du liebe Scheiße!«

»Es ist falsch! Ich bin ganz falsch angezogen.« Wie gelähmt stand sie vor Julie. »Es tut mir leid. Nimm einfach deinen Ausweis mit.«

»Deine Haare.«

»Ich weiß nicht, was ich mir dabei gedacht habe. Ich wollte nur versuchen …«

»Das ist geil! Du siehst hammermäßig aus. Ich hätte dich nicht erkannt. Oh, mein Gott, Liz, du siehst aus wie einundzwanzig. Richtig sexy!«

»Wirklich?«

Julie stemmte eine Hand in die Hüfte. »Das ist der Wahnsinn!«

Elizabeth bekam kaum Luft, so heftig klopfte ihr Herz. »Dann ist es also in Ordnung? Sehe ich richtig aus?«

»Und wie richtig du aussiehst.« Julie hob die Hand und legte Daumen und Zeigefinger zu einem Kreis zusammen. »Dreh dich mal um, Liz. Lass mich das Gesamtpaket sehen.«

Erhitzt und den Tränen nahe drehte Elizabeth sich um die eigene Achse.

»Oh, Mann! Wir werden heute Abend wie eine Bombe einschlagen!«

»Du siehst auch toll aus. Aber das ist bei dir ja immer so.«

»Lieb von dir.«

»Dein Kleid gefällt mir.«

»Es gehört meiner Schwester.« Julie drehte sich in dem schwarzen Neckholder-Minikleid und warf sich in Pose. »Sie bringt mich um, wenn sie merkt, dass ich es mir geliehen habe.«

»Ist es schön, eine Schwester zu haben?«

»Es schadet zumindest nicht, eine ältere Schwester zu haben, die die gleiche Kleidergröße trägt wie man selbst, auch wenn sie die meiste Zeit ziemlich nervt. Lass mich mal den Ausweis sehen. Der Taxameter läuft, Liz.«

»Ach so. Ja.« Liz öffnete die Abendtasche, die sie aus der Sammlung ihrer Mutter ausgesucht hatte, und holte Julies gefälschten Führerschein heraus.

»Er sieht echt aus«, sagte Julie, nachdem sie ihn stirnrunzelnd betrachtet hatte. Sie blickte Elizabeth mit großen dunklen Augen an. »Ich meine, du weißt schon, echt echt.«

»Ja, sie sind ganz gut geworden. Mit einer raffinierteren Ausrüstung könnte ich es wahrscheinlich noch besser, aber für heute Abend müssten sie eigentlich reichen.«

»Er fühlt sich sogar echt an«, murmelte Julie. »Du hast ja richtiges Talent, Mädchen. Du könntest ein Vermögen verdienen. Ich kenne Leute, die viel Geld für solche Ausweise bezahlen würden.«

Erneut stieg Panik in Elizabeth auf. »Das darfst du niemandem erzählen. Sie sind nur für heute Abend gedacht. Es ist illegal, und wenn es herauskommt …«

Julie fuhr sich mit dem Finger übers Herz, dann legte sie ihn auf ihre Lippen. »Von mir erfährt niemand was.« Außer Tiffany und Amber, dachte sie. Sie lächelte Elizabeth an. Bestimmt konnte sie ihre neue beste Freundin überreden, weitere Ausweise für enge Freunde zu machen. »Dann kann die Party ja beginnen.«

Nachdem Elizabeth die Tür zugezogen und verriegelt hatte, ergriff Julie ihre Hand und zog sie im Laufschritt zum wartenden Taxi. Sie sagte dem Fahrer den Namen des Clubs und drehte sich dann zu Elizabeth um.

»Okay, so läuft das heute Abend. Du musst vor allem kühl sein.«

»Hätte ich besser einen Pullover mitnehmen sollen?«

Julie lachte, blinzelte dann aber verwirrt, als sie merkte, dass Elizabeth es ernst meinte. »Nein, ich meine, du musst cool sein, so als ob wir ständig in solche Clubs gingen. So als ob das keine große Sache für uns wäre und wir das jeden Samstagabend machten.«

»Du meinst, wir müssen ruhig bleiben, um nicht aufzufallen.«

»Ja, so in etwa. Wenn wir drin sind, setzen wir uns an einen Tisch und bestellen Cosmos.«

»Was ist das?«

»Du weißt schon, wie die Mädels aus Sex and the City.«

»Die kenne ich nicht.«

»Kein Problem. Das ist der Cocktail. Wir sind einundzwanzig, Liz; wir sind in einem heißen Club. Wir bestellen angesagte Drinks.«

»Oh.« Elizabeth rutschte näher zu ihr und senkte die Stimme. »Merken deine Eltern denn nicht, wenn du getrunken hast?«

»Sie haben sich letzten Winter getrennt.«

»Das tut mir leid.«

Julie zuckte mit den Schultern und blickte einen Moment lang aus dem Fenster. »So was kommt vor. Jedenfalls sehe ich meinen Dad erst am Mittwoch, und meine Mom ist mit ihren langweiligen Freundinnen übers Wochenende in so einem Wellness-Hotel. Emma hat ein Date, und außerdem ist es ihr sowieso egal. Ich kann tun, was ich will.«

Elizabeth nickte. Das hatten sie gemeinsam. Niemand war zu Hause, der sich um sie kümmerte. »Gut. Wir bestellen Cosmos.«

»Ja, jetzt hast du es begriffen. Und wir stecken unseren Rahmen ab. Deshalb tanzen wir zuerst zusammen – so können wir die Jungs auschecken und sie uns auch.«

»Tanzen Mädchen deshalb zusammen? Ich habe mich schon gewundert.«

»Es macht auch Spaß – und viele Jungs tanzen nicht. Hast du dein Handy?«

»Ja.«

»Wenn wir getrennt werden, rufen wir uns an. Wenn ein Junge nach deiner Nummer fragt, gib ihm bloß nicht eure Festnetznummer. Handy ist okay, solange deine Mutter nicht deine Anrufe überwacht.«

»Nein. Mich ruft ja nie jemand an.«

»So wie du aussiehst, wird sich das heute Abend ändern. Wenn du deine richtige Nummer nicht rausrücken willst, sag einfach eine falsche. Und dann: Du bist auf dem College, also bist du schon mal cool. Wir sagen einfach, wir teilen uns ein Zimmer. Ich habe Kunstgeschichte als Hauptfach. Was hast du noch mal?«

»Ich soll Medizin studieren, aber …«

»Bleib besser so dicht an der Wahrheit wie möglich. Dann bringst du auch nichts durcheinander.«

»Ich studiere also Medizin und fange jetzt ein Praktikum an.« Allein schon der Gedanke daran deprimierte sie. »Aber ich rede nur übers College, wenn es sein muss.«

»Jungs reden sowieso immer nur von sich selbst. O Gott, wir sind schon fast da.« Julie öffnete ihre Tasche, betrachtete prüfend ihr Gesicht in einem kleinen Spiegel und legte noch einmal Lipgloss auf. Elizabeth tat es ihr nach. »Kannst du das Taxi bezahlen? Ich habe mir einen Hunderter aus dem Bargeldvorrat meiner Mutter genommen, aber mehr habe ich nicht.«

»Ja, natürlich.«

»Ich zahle es dir auch zurück. Dad gibt mir immer Geld.«

»Mir macht es nichts aus zu bezahlen.« Elizabeth nahm das Geld für das Taxi aus ihrem Portemonnaie und berechnete das Trinkgeld.

»Oh, Mann, ich habe Gänsehaut. Ich kann es kaum glauben, dass wir ins Warehouse 12 gehen. Das ist der Hammer!«

»Was machen wir jetzt?«, fragte Elizabeth, als sie aus dem Taxi gestiegen waren.

»Wir stellen uns in die Schlange. Sie lassen nicht jeden hinein, auch nicht mit Ausweis.«

»Warum?«

»Weil es ein angesagter Club ist, deshalb weisen sie Assis und so ab. Aber die heißen Mädchen lassen sie immer hinein. Und wir sind absolut heiß.«

Es war eine lange Schlange, und der Abend war warm. Verkehrslärm übertönte die Gespräche der anderen Wartenden. Elizabeth nahm den Augenblick in sich auf – die Geräusche, die Gerüche, alles, was sie sah. Samstagabend, dachte sie, und sie stand mit anderen wunderschönen Menschen in der Warteschlange vor einem angesagten Club. Sie trug ein neues Kleid – ein rotes Kleid – und sehr hohe High Heels, die ihr das Gefühl gaben, groß und mächtig zu sein.

Niemand schaute sie so an, als gehörte sie nicht hierher.

Der Mann an der Tür, der die Ausweise überprüfte, trug einen Anzug und auf Hochglanz polierte Schuhe. Seine dunklen Haare, die von Gel glänzten, waren zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Auf dem linken Wangenknochen hatte er eine Narbe, und in seinem rechten Ohrläppchen funkelte ein Brillantknopf.

»Er ist Türsteher«, flüsterte Elizabeth Julie zu. »Ich habe ein bisschen recherchiert. Er schmeißt die Leute raus, die Ärger machen. Er sieht sehr stark aus.«

»Wir müssen nur an ihm vorbei hineinkommen.«

»Der Club gehört Five Star Entertainment. Das wird von Mikhail und Sergei Volkov geleitet. Es heißt, sie haben Verbindungen zur russischen Mafia.«

Julie verdrehte die Augen. »Die Mafia ist italienisch. Hast du noch nie The Sopranos gesehen?«

Elizabeth hatte keine Ahnung, was Singen mit der Mafia zu tun haben sollte. »Seit dem Fall des Kommunismus in der Sowjetunion ist das organisierte Verbrechen in Russland auf dem Vormarsch. Es war schon einmal äußerst effektiv organisiert, als es von der SS geleitet wurde, aber …«

»Liz. Erspar mir den Geschichtsunterricht.«

»Ja. Entschuldigung.«

»Reich ihm einfach deinen Ausweis und rede weiter mit mir.« Julie redete lauter, als sie an die Tür vorrückten. »Mit dem Verlierer Schluss zu machen war das Beste, was ich seit Monaten getan habe. Habe ich dir schon erzählt, dass er mich alleine heute schon dreimal angerufen hat? Gott, als ob ich meine Meinung noch einmal ändern würde.«

Sie lächelte den Türsteher an und reichte ihm ihren Ausweis, während sie weiter mit Elizabeth redete. »Ich habe ihm gesagt, er solle es vergessen. Wenn er keine Zeit für mich hat, dann eben ein anderer.«

»Es ist sowieso am besten, sich nicht zu sehr an eine Person zu binden, und ganz sicher in dieser Phase.«

»Da sagst du was!« Julie streckte die Hand aus, damit der Türsteher den Stempel darauf drücken konnte. »Ich bin jedenfalls bereit, mir die anderen auch noch anzusehen. Die erste Runde geht auf mich.«

Sie trat um den Türsteher herum, der auch Elizabeth’ Ausweis überprüfte und ihr einen Stempel verpasste. Dabei grinste sie den Mann so breit an, als wolle sie ihn verschlucken.

»Danke«, sagte sie, als er den Stempel auf ihren Handrücken gedrückt hatte.

»Viel Spaß den Damen.«

»Wir sind der Spaß«, sagte Julie zu ihm. Sie ergriff Elizabeth’ Hand und zog sie in die Geräuschkulisse hinein.

»Oh, mein Gott, wir sind drin!«, kreischte Julie, aber ihre Stimme wurde von der Musik verschluckt. Sie umarmte Elizabeth.

Überrascht erstarrte diese, aber Julie umarmte sie einfach noch einmal. »Du bist ein Genie.«

»Ja.«

Julie lachte aufgeregt. »Okay. Tisch, Cosmos, Tanzen und Checken.«

Elizabeth hoffte, dass die Musik auch das heftige Klopfen ihres Herzens übertönte. So viele Leute. Sie war es nicht gewöhnt, mit so vielen Leuten an einem Ort zu sein. Alle bewegten sich und redeten, während die Musik dröhnte, eine Flut von Menschen, die einem die Luft abschnürte. Die Tanzfläche war gerammelt voll, überall zuckten und drehten sich schwitzende Leiber. Sie drängten sich in Nischen, um Tische, an der langen, geschwungenen Theke aus Edelstahl.

Sie war entschlossen, ganz »kühl« zu bleiben. Ein Pullover war hier bestimmt nicht nötig. Überall pulsierten warme Körper.

Als sie sich durch die Menge drängten, raste Elizabeth’ Herz. Angst schnürte ihr die Kehle zu und presste ihr die Brust zusammen. Sie rannte nur deshalb nicht davon, weil Julie ihre Hand fest umklammert hielt.

Schließlich steuerte Julie auf einen Tisch zu, der nicht größer als ein Essteller war.

»Bingo! Oh, mein Gott, es ist, als ob alle hier wären! Wir müssen uns einen Tisch näher an der Tanzfläche organisieren. Das ist ja total geil hier! Der DJ bringt’s ja voll!« Sie blickte Elizabeth prüfend an. »Hey, ist alles okay?«

»Es ist sehr voll und sehr warm hier.«

»Na ja. Wer will schon in einen leeren, kalten Club gehen? Hör mal, wir brauchen was zu trinken. Ich gehe jetzt an die Bar und besorge uns was. Das geht auf mich, weil du ja das Taxi bezahlt hast. Dabei kann ich mich schon mal umsehen. Und du machst dasselbe von hier aus. Zwei Cosmos, kommen sofort!«

Als Julies Hand sie losließ, verschränkte Elizabeth sofort die Arme. Sie kannte die Anzeichen – Angst, Klaustrophobie – und konzentrierte sich auf ihre Atmung. Liz geriet doch nicht in Panik, nur weil sie sich in einer Menschenmenge befand. Sie zwang sich dazu, sich zu entspannen, begann bei ihren Zehen und arbeitete sich langsam die Beine hinauf.

Als sie ihren Bauch erreicht hatte, war sie so ruhig geworden, dass sie anfangen konnte, sich umzuschauen. Die Eigentümer – und ihr Architekt – hatten den Raum des ehemaligen Lagerhauses gut genutzt und die Leitungen und Rohre auf den alten Ziegelmauern offen liegen lassen. Der Edelstahl von Theke, Tischen, Stühlen und Barhockern reflektierte die bunten Lichter – ein weiteres Pulsieren im Takt der Musik, dachte sie.

Offene Eisentreppen auf jeder Seite führten auf eine zweite Ebene, die ebenfalls offen war. Dort lehnten Leute am Geländer oder drängten sich um weitere Tische. Wahrscheinlich gab es dort oben auch noch eine Bar. Drinks bedeuteten Profit.

Hier unten arbeitete unter den blitzenden Lichtern auf einer breiten, höher liegenden Plattform der DJ. Noch ein Beobachter, dachte Elizabeth. Durch seine erhöhte Position besaß er Autorität, und er hatte die Menge im Auge. Seine langen dunklen Haare flogen, während er arbeitete. Er trug ein bedrucktes T-Shirt. Sie konnte das Motiv aus der Entfernung nicht erkennen, aber es leuchtete orange vor seiner schwarzen Kleidung.

Direkt unter seinem Platz bewegten sich einige Frauen verführerisch, schwangen die Hüften in einer eindeutigen Einladung.

Langsam gewöhnte Elizabeth sich an den Lärm. Sie war jetzt wieder ruhig. Die Musik gefiel ihr – der harte, wiederkehrende Beat; das Dröhnen des Schlagzeugs; das raue metallische Kreischen der Gitarre. Und es gefiel ihr, wie unterschiedlich sich die Tänzer dazu bewegten. Manche reckten die Arme in die Luft oder winkelten sie an wie Boxer, die Hände zu Fäusten geballt, manche blieben auf der Stelle stehen, andere hüpften herum.

»Wow. Einfach nur wow.« Julie stellte Martinigläser mit einer rosafarbenen Flüssigkeit auf den Tisch, bevor sie sich setzte. »Fast hätte ich sie verschüttet. Das wäre saublöd gewesen. Jedes Glas kostet acht Dollar.«

»Alkoholische Getränke haben die größte Gewinnspanne in Clubs und Bars.«

»Ja, das denke ich mir. Aber es schmeckt gut. Ich habe einen kleinen Schluck von meinem genommen, und ich kann sagen, das haut rein!« Lachend beugte sie sich vor. »Wir sollten damit auskommen, bis wir ein paar Typen finden, die uns einen ausgeben.«

»Warum sollten sie das tun?«

»Wir sind heiß, wir sind zu haben. Trink einen Schluck, Liz, damit wir auf die Tanzfläche gehen können, um uns zu zeigen.«

Gehorsam trank Elizabeth einen Schluck. »Es schmeckt gut.« Prüfend trank sie noch einen Schluck. »Und es sieht hübsch aus.«

»Komm, ich will endlich loslegen. Hey, ich liebe diesen Song. Lass uns tanzen!«

Erneut ergriff Julie Elizabeth’ Hand.

In der Menge schloss Elizabeth die Augen. Nur die Musik, dachte sie. Nur die Musik.

»Hey, gute Bewegungen.«

Vorsichtig öffnete Elizabeth die Augen wieder und schaute Julie fragend an. »Was?«

»Ich hatte Angst, du wärst ungeschickt. Aber du bewegst dich gut. Du kannst tanzen«, erklärte Julie.

»Oh. Das ist primitive Musik, die darauf ausgelegt ist zu stimulieren. Man muss einfach nur Beine und Hüften koordinieren und sich anpassen. Ich habe andere häufig beim Tanzen beobachtet.«

»Wie auch immer, Liz.«

Elizabeth gefiel es, die Hüften zu bewegen. Wie die hohen Absätze gab es ihr ein Gefühl von Macht, und das Kleid, das über ihre Haut glitt, fügte ein sinnliches Element hinzu. Die Lichter erzeugten eine surreale Stimmung, und die Musik selbst schien alles zu schlucken.

Nach und nach legte sich ihr Unbehagen, in der Menge zu sein. Als Julie sie mit den Hüften anstieß, lachte sie und meinte es auch so.

Sie tanzten immer weiter. Schließlich setzten sie sich wieder an ihren winzigen Tisch und tranken Cosmos, und als eine Kellnerin vorbeikam, bestellte Elizabeth sorglos noch eine Runde.

»Tanzen macht durstig«, sagte sie zu Julie.

»Ich habe schon einen Kleinen sitzen. Und der Typ da drüben lässt uns nicht aus den Augen. Nein, guck nicht hin!«

»Wie soll ich ihn denn sehen, wenn ich nicht hingucke?«

»Glaub mir einfach, er ist total süß. Ich erwidere seinen Blick jetzt gleich und werfe meine Haare zurück, und dann kannst du dich, wie zufällig, auf deinem Stuhl umdrehen. Es ist der mit den blonden, ein bisschen lockigen Haaren. Er trägt ein enges weißes T-Shirt, ein schwarzes Jackett und Jeans.«

»Oh ja, den habe ich eben schon drüben an der Bar gesehen. Er hat mit einer Frau geredet. Sie hatte lange blonde Haare und trug ein hellrosa Kleid mit einem tiefen Ausschnitt. Er hat einen kleinen goldenen Ring im linken Ohrläppchen und trägt einen goldenen Ring am Mittelfinger der rechten Hand.«

»Du liebe Güte, hast du etwa Augen im Hinterkopf, wie meine Mom immer von sich behauptet? Woher weißt du das alles, wenn du nicht hinguckst?«

»Ich habe ihn drüben an der Bar gesehen«, wiederholte Elizabeth. »Er ist mir aufgefallen, weil die blonde Frau sehr wütend auf ihn zu sein schien. Und ich kann mich daran erinnern, weil ich ein eidetisches Gedächtnis habe.«

»Ist das ansteckend?«

»Nein, es ist ja keine Krankheit. Oh.« Elizabeth errötete und ließ die Schultern sinken. »Du hast nur einen Witz gemacht. Für gewöhnlich bezeichnet man es als fotografisches Gedächtnis, aber das ist nicht ganz richtig, weil es mehr als nur visuell ist.«

»Na ja, was auch immer. Halt dich bereit.«

Aber Elizabeth war mehr an Julies Verhalten interessiert – sie machte ihm schöne Augen, wozu ein leicht geneigter Kopf gehörte, ein verstohlenes Lächeln und ein Blick unter den gesenkten Wimpern hervor. Gefolgt wurde das Ganze von einer raschen Kopfbewegung, mit der Julie die Haare nach hinten warf.

War es angeboren? War es erlerntes Verhalten? Eine Kombination aus beidem? Auf jeden Fall glaubte Elizabeth, es nachahmen zu können, auch wenn sie ihre Haare nicht mehr zurückwerfen konnte.

»Botschaft angekommen. Oh, er hat so ein hinreißendes Lächeln. O mein Gott, er kommt her. Er kommt tatsächlich zu uns.«

»Das wolltest du doch. Deshalb hast du ihm doch die … die Botschaft gesendet.«

»Ja, aber … ich wette, er ist mindestens vierundzwanzig. Ich wette. Folg einfach meinem Beispiel.«

»Entschuldigung?«

Elizabeth blickte auf, traute sich aber nicht zu lächeln. Sie musste erst noch üben.

»Ich habe mich gefragt, ob ihr mir wohl helfen könnt.«

Julie warf wieder die Haare nach hinten. »Vielleicht.«

»Ich habe Angst, dass mein Gedächtnis nachlässt, weil ich eigentlich nie eine schöne Frau vergesse, aber ich kann mich an keine von euch erinnern. Sagt mir bitte, dass ihr noch nie hier gewesen seid.«

»Heute ist das erste Mal.«

»Ah, das erklärt alles.«

»Du bist wahrscheinlich häufig hier.«

»Jeden Abend. Es ist mein Club – das heißt«, sagte er mit strahlendem Lächeln, »ich habe ein Interesse daran.«

»Du bist einer von den Volkovs?«, rutschte es Elizabeth heraus. Ihre Wangen wurden heiß, als er seine blauen Augen auf sie richtete.

»Alex Gurevich. Ein Cousin.«

»Julie Masters.« Julie reichte ihm die Hand, und Alex ergriff sie und hauchte ihr einen Kuss auf die Knöchel. »Und meine Freundin Liz.«

»Willkommen im Warehouse 12. Gefällt es euch hier?«

»Die Musik ist toll.«

Als die Kellnerin mit den Drinks kam, nahm Alex die Rechnung vom Tablett. »Schöne Frauen, die zum ersten Mal in meinem Club sind, brauchen ihre Getränke nicht selbst zu bezahlen.«

Unter dem Tisch stieß Julie Elizabeth mit dem Fuß an. Sie strahlte Alex an. »Dann musst du dich aber zu uns setzen.«

»Schrecklich gerne.« Er murmelte der Kellnerin etwas zu. »Seid ihr auf Besuch in Chicago?«

»Nein, wir sind hier geboren und aufgewachsen«, erwiderte Julie. Sie nahm einen tiefen Schluck von ihrem Drink. »Beide. Wir sind den Sommer über nach Hause gekommen. Von Harvard.«

»Harvard?« Er legte den Kopf schräg; seine Augen funkelten. »Schön und klug. Ich bin schon halb verliebt. Wenn ihr auch noch tanzen könnt, bin ich verloren.«

Lachend streckte er die Hände aus. Julie ergriff eine und stand auf.

»Komm, Liz. Wir zeigen ihm mal, wie zwei Harvard-Mädchen Party machen.«

»Oh, aber er will doch mit dir tanzen.«

»Nein, mit euch beiden.« Alex streckte ihr die freie Hand entgegen. »Dann wäre ich der glücklichste Mann im Raum.«

Sie wollte ablehnen, aber Julie warf ihr hinter Alex’ Rücken einen auffordernden Blick zu und wackelte mit den Augenbrauen. Also ergriff sie seine Hand.

Er hatte sie eigentlich nicht um den Tanz gebeten, aber er war auf jeden Fall gut erzogen, weil er sie nicht alleine am Tisch sitzen ließ. Sie bemühte sich, den beiden nicht zu sehr im Weg zu sein. Ihr war es eigentlich egal. Sie tanzte gerne. Sie liebte den Lärm um sie herum, die Bewegungen, die Gerüche.

Ihr Lächeln war nicht einstudiert, sondern ganz natürlich. Alex zwinkerte ihr grinsend zu und legte Julie die Hand auf die Hüfte.

Dann hob er das Kinn und gab jemandem hinter ihr ein Zeichen.

Als sie sich umdrehte, ergriff jemand ihre Hand und wirbelte sie so schnell herum, dass sie auf ihren High Heels beinahe das Gleichgewicht verlor.

»Wie immer ist mein Cousin gierig. Er nimmt sich einfach zwei, und ich habe gar keine.« Sein russischer Akzent klang exotisch. »Es sei denn, Sie haben Mitleid und tanzen mit mir.«

»Ich …«

»Sagen Sie nicht nein, hübsche Lady.« Er zog sie an sich. »Nur ein Tanz.«

Sie konnte ihn nur stumm anstarren. Er war groß, und sein Körper drückte sich hart und fest gegen ihren. Während Alex hell war, war er dunkel – leicht gewellte Haare, fast schwarze Augen und gebräunte Haut. Als er lächelte, bildeten sich Grübchen auf seinen Wangen. Ihr Herz erbebte.

»Mir gefällt Ihr Kleid«, sagte er.

»Danke. Es ist neu.«

Sein Lächeln wurde breiter. »Und dazu noch meine Lieblingsfarbe. Ich bin Ilya.«

»Ich bin … Liz. Ich bin Liz. Äh. Priyatno poznakomit’sya.«

»Ich freue mich auch, Sie kennenzulernen. Sie sprechen Russisch?«

»Ja. Nun ja, ein wenig. Äh.«

»Ein schönes Mädchen in einem Kleid in meiner Lieblingsfarbe, das Russisch spricht. Heute ist mein Glücksabend.«

Nein, dachte Liz, als er ihre Hand an die Lippen zog. Er hielt sie immer noch fest an sich gedrückt. Oh, nein. Es war ihr Glücksabend.

Es war der beste Abend ihres Lebens.

3

Sie setzten sich in eine Nische. Es passierte alles so glatt und übergangslos wie durch Magie. So magisch wie der hübsche rosa Drink, der plötzlich vor ihr stand.

Sie war Aschenputtel auf dem Ball, und Mitternacht war noch eine Ewigkeit entfernt.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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