Lilienträume - Nora Roberts - E-Book

Lilienträume E-Book

Nora Roberts

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oder
Beschreibung

Eine gemeinsame Vergangenheit, ein neuer Start, eine Liebe, die ein ganzes Leben währt …

Listen, Pläne, Organisation – Owen Montgomery hat alles im Griff. Zumindest beruflich. Der Umbau des alten Hotels, den er zusammen mit seinen Brüdern Beckett und Ryder und ihrer Mutter in Angriff genommen hat, geht gut voran und auch sonst läuft in seinem Leben alles wie geplant. Doch eine Sache hat er nicht auf einer Liste stehen gehabt: seine Jugendliebe Avery MacTavish. Denn der Rotschopf schleicht sich immer öfter in seine Gedanken, die sich doch eigentlich mit Inneneinrichtungen und der großen Eröffnung des BoonsBoro Inn beschäftigen sollten. Ist seine erste große Liebe vielleicht die Liebe seines Lebens?

Die Blüten-Trilogie von Nora Roberts:

•Rosenzauber
Lilienträume
•Fliedernächte



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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 489




Nora Roberts

Lilienträume

Roman

Deutschvon Uta Hege

Die Originalausgabe erschien 2012 unter dem Titel »The Last Boyfriend« bei The Berkley Publishing Group, a division of Penguin Putnam Inc., New York

1. AuflageDeutsche Erstausgabe Juni 2013bei Blanvalet Verlag, einem Unternehmen derVerlagsgruppe Random House GmbH, MünchenCopyright © der Originalausgabe 2012 by Nora RobertsPublished by arrangement with Eleanor WilderDieses Werk wurde vermittelt durch dieLiterarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 GarbsenCopyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2013by Blanvalet Verlag in der VerlagsgruppeRandom House GmbH, MünchenUmschlaggestaltung: © bürosüd°, MünchenUmschlagmotiv: Getty Images/Botanica/Harry Zernike;Masterfile/Flowerphotos; bürosüd°, MünchenRedaktion: Ulrike NikelLH · Herstellung: samSatz: DTP Service Apel, HannoverISBN: 978-3-641-09602-1www.blanvalet.de

Für Dan und Charlotte.Wegen des Vertrauens, das euch verbindet.Wegen der Großzügigkeit und Innigkeiteurer Beziehung.Wegen eures lichtvollen Humors.Und wegen der großen Liebe, die alles überstrahlt.

Liebe, die man sucht, ist gut,doch besser ist es, man findet sie unverhofft.William ShakespeareDas Herz hat seine Gründe,die der Verstand nicht kennt.Blaise Pascal

1

Ein voller, runder Wintermond ergoss sein Licht über die alten Mauern des Hotels am Markt von Boonsboro. Hell schimmerten die frisch gestrichenen Zäune und Veranden, und das auf Hochglanz polierte Kupferdach glänzte. Altes und Neues, Vergangenheit und Gegenwart waren hier eine gelungene, glückliche Verbindung eingegangen.

Noch blieben die Fenster dunkel in dieser Dezembernacht, hüteten weiter die Geheimnisse des alten Gebäudes. Erst in ein paar Wochen würde es sich in seiner vollen Pracht präsentieren und in erneuertem Gewand an eine große Tradition anknüpfen.

Während er mit seinem Pick-up an einer roten Ampel hielt, blickte Owen Montgomery die Hauptstraße hinauf, betrachtete die weihnachtlich geschmückten Fenster der Wohnungen und Läden. Bunte Lichter blinkten fröhlich, und zu seiner Rechten sah er hinter einem Fenster im ersten Stock einen erlesen dekorierten Baum. Dort wohnte bis zur Fertigstellung des Hotels die künftige Managerin – eine elegante junge Dame von sicherem Geschmack und Stilgefühl, die selbst ihrer provisorischen Unterkunft ihren ganz besonderen Stempel aufzudrücken wusste.

Nächstes Jahr um diese Zeit, ging es ihm durch den Kopf, würde das BoonsBoro Inn ebenfalls in hellem Glanz erstrahlen. Und der festlich geschmückte Weihnachtsbaum von Hope Beaumont stünde dann vor einem der Fenster ihrer Wohnung im zweiten Stock des Hotels.

Er lenkte seinen Blick nach links, hinüber zur Pizzeria von Avery McTavish, einer guten Freundin. Auch sie hatte für weihnachtlichen Schmuck gesorgt und auf der Veranda bunte Lichterketten aufgehängt. Und in ihrer Wohnung im ersten Stock entdeckte er einen beleuchteten Baum. Davon abgesehen aber lag die Wohnung in vollkommener Dunkelheit. Früher hatte dort sein Bruder Beckett gewohnt, bevor er zu seiner Lebensgefährtin Clare gezogen war.

Sobald die Ampel Grün zeigte, bog Owen rechts in die St. Paul Street ein, um anschließend gleich links auf den hoteleigenen Parkplatz zu fahren. Dort lehnte er sich auf seinem Sitz zurück und dachte nach. Vielleicht sollte er später noch schnell hinüber zu Avery auf eine Pizza und ein Biergehen, sobald er seine Inspektionsrunde beendet hatte.

Zwar war das eigentlich nicht nötig, aber Owen waren solche Kontrollgänge zur Gewohnheit geworden. Vor allem wenn er sich den ganzen Tag um andere Projekte kümmern musste. Er und seine Brüder führten nämlich ein gefragtes und entsprechend florierendes Bauunternehmen, das sie von ihrem verstorbenen Vater übernommen hatten, und alle drei fühlten sich der Familientradition in hohem Maße verpflichtet. Wohl mit ein Grund, dass Owen auch heute unbedingt sehen wollte, wie weit die Arbeiten am Hotel gediehen waren.

Er schaute hinüber zur Pizzeria Vesta. Dort schien noch ziemlich viel Betrieb zu herrschen, obwohl bereits in einer halben Stunde geschlossen wurde. Avery würde ihn bestimmt nicht rausschmeißen. Im Gegenteil: Bestimmt wäre sie froh, sich in Ruhe noch mit ihm auf ein Bier zusammensetzen zu können. Das machten sie schließlich des Öfteren, nachdem alle Gäste gegangen waren. Er genauso wie seine Brüder.

Obwohl der Gedanke an ein Bier und einen gemütlichen Plausch mit Avery durchaus verlockend war, siegte die Vernunft. Er musste morgen früh um sieben schon wieder zur Stelle sein, und da schien es besser, den Abend nicht mehr übermäßig auszudehnen.

Er kletterte aus seinem warmen Wagen hinaus in die eisige Winterluft, kramte eilig seine Schlüssel aus der Tasche und zog seine Jacke zum Schutz gegen den kalten Wind enger um sich, während er um die Ecke herum zum Vordereingang ging.

Jeder seiner Schlüssel hatte eine andere Farbe. Er fand das einfach praktisch, weil er auf diese Weise nicht lange suchen musste – seine Brüder hingegen hielten es für eine leicht neurotische Marotte. Ohnehin war Owen unter den drei hochgewachsenen, gut aussehenden Montgomerys derjenige, der alles gerne gründlich plante. Pedantisch nannten das die anderen beiden bisweilen.

Drinnen angekommen, schaltete er die Lampen an und schaute sich lächelnd und zufrieden um. Was er sah, gefiel ihm. Warme Pastelltöne dominierten in der Lobby, deren Charme unterstrichen wurde durch die cremefarbene Vertäfelung und die alte Backsteinmauer, die einen interessanten Kontrast bildete. Es war Becketts Idee gewesen, sie einfach so zu belassen und nur zu restaurieren.

Dekorative Bodenfliesen betonten die Größe des Raumes, und ein wundervoller mehrarmiger Bronzeleuchter, den seine Mutter entdeckt hatte, tauchte alles in ein weiches Licht. Er wirkte weder übertrieben schick noch unangebracht altmodisch – er war genau richtig und sah aus, als gehöre er nur dorthin. An diesen Platz in der Lobby des BoonsBoro Inn.

Owens Blicke wanderten weiter, hinüber zur rechten Seite, wo sich die Toiletten mit den grünen Marmorbecken befanden. Aha, dachte er, die Wände waren im Laufe des Tages gestrichen worden, sodass auch hier nahezu alles fertig war. Er zog sein Notizbuch aus der Tasche und schrieb ein paar Kleinigkeiten auf, die noch nachgebessert werden mussten. Ihm entging nichts.

Als Nächstes wandte er sich nach links, trat durch einen Rundbogen und betrachtete die steinerne Wand, die an die zweihundert Jahre alt sein musste. Statt sie neu zu verputzen und zu streichen, war sie sorgfältig freigelegt worden. Ebenfalls auf Wunsch von Beckett, der als Architekt ein Auge für so etwas hatte.

Owen musste schmunzeln, als er die Wirtschaftsräume sah. Hier hatte jemand gründlich Klarschiff gemacht. Was vermutlich Hope zu verdanken war, die unermüdlich seit Wochen versuchte, seinen Bruder Ryder samt provisorischem Büro aus diesem Trakt zu werfen, damit endlich aufgeräumt werden konnte. Offensichtlich hatte sie ihn überredet oder einfach Tatsachen geschaffen. Zum Teil wenigstens.

Denn jetzt standen die ganzen Sachen in dem Raum herum, der einmal Hopes Direktionsbüro werden sollte. Die beiden Sägeböcke mit der großen Sperrholzplatte, die als Arbeitstisch diente, die provisorischen Regale, in denen neben Farbdosen und sonstigem Kram vor allem der dicke weiße Ordner stand, der seinem Bruder so viel bedeutete wie anderen Leuten die Bibel. Diverse Werkzeuge lagen verstreut auf dem Boden. Nicht mehr lange, und Hope würde den armen Ryder auch aus diesem Zimmer vertreiben.

Ein paar Schritte weiter ging es in die Küche. Owen schaute sich um. Aha, sie hatten die Lampen angebracht. Direkt über der Kochinsel den großen Eisenleuchter und zwischen den Fenstern kleine, dazu passende Wandlampen. Der Raum strahlte perfekte Harmonie aus. Während die warm schimmernden Holzschränke mit den cremefarbenen Griffen und die farblich abgestimmten Granitplatten eine gemütliche Atmosphäre versprachen, garantierten die zahlreichen blitzenden Edelstahlgeräte höchsten technischen Standard. Er öffnete die Kühlschranktür, um sich ein Bier zu holen, ließ es aber. Lieber nicht, dachte er, schließlich musste er noch fahren, und griff stattdessen nach einer Pepsi. Während er trank, notierte er schnell, dass vor den Fenstern noch die Vorhänge fehlten.

Weiter ging’s zur Rezeption. Der Sims, den Ry aus einer dicken alten Holzbohle gezimmert hatte, passte ausgezeichnet zu der Backsteinwand. Allerdings wurde das Gesamtbild durch herumliegende Planen sowie durch Farbeimer und Werkzeugkästen erheblich beeinträchtigt. Hier war noch einiges zu tun.

Owen machte sich zurück auf den Weg zum Foyer und wollte gerade Richtung Lounge weitergehen, als er plötzlich aus dem ersten Stock das Geräusch von Schritten vernahm. War etwa einer seiner Brüder noch da? Im Dunkeln?

Verwundert eilte er durch einen kurzen Flur zur Treppe, die heute erst ihr Geländer erhalten hatte. Während er nach oben stieg, glitt seine Hand beinahe zärtlich über das glatt geschliffene Metall. Fühlte sich super an.

»Ry, bist du da oben?«

Er erhielt keine Antwort. Stattdessen fiel krachend eine Tür ins Schloss. Owen schrak zusammen, ging aber mit zusammengekniffenen Augen entschlossen weiter die Treppe hinauf. Durchaus möglich, dass seine Brüder sich mal wieder einen blöden Scherz mit ihm erlaubten. Da war es besser, so zu tun, als habe man die Sache auf Anhieb durchschaut.

»Oh«, stieß er mit gespielt furchtsamer Stimme hervor. »Das ist bestimmt der Geist. Bitte, tu mir nichts!«

Oben angekommen, bemerkte er, dass die Tür des »Elizabeth und Darcy« oder E&D genannten Zimmers geschlossen war. Ganz anders als etwa nebenan, wo man ungehindert das Innere des T&O, des Titania-und-Oberon-Zimmers«, überblicken konnte.

Wirklich witzig, dachte er erbost.

Lautlos schlich er weiter, um die Tür aufzureißen, in den Raum zu stürzen und denjenigen zu erschrecken, der hier Geisterstunde spielte. Er legte seine Hand auf den geschwungenen Griff, drückte ihn vorsichtig herunter, doch die Tür blieb zu.

»Blödmann«, knurrte er, musste aber gegen seinen Willen leise lachen.

Sein Anflug von Heiterkeit verging in dem Moment, als schlagartig nicht nur die Zimmertür aufflog, sondern die des Balkons gleich mit. Erst spürte er nur den winterlich kalten Luftzug, bis ihm mit einem Mal sommersüßer Geißblattduft entgegenwehte.

»Meine Güte.«

Gut, das mit dem Geist war nicht neu. Inzwischen hatte er dessen Existenz mehr oder weniger akzeptiert. Immerhin waren in den letzten Monaten ein paar Dinge geschehen, für die es keine logische Erklärung gab. Vor allem sein Bruder Beckett beharrte auf diesem real existierenden Geist und hatte ihm sogar einen Namen verpasst: Elizabeth oder Lizzy. Weil sich dieses rätselhafte Wesen scheinbar bevorzugt im E&D aufzuhalten schien.

Während Beckett sich bereits einiger angeblicher Geisterkontakte rühmte, hatte Owen dieses Vergnügen bislang nicht gehabt. Er kannte Elizabeth nur aus Erzählungen. Deshalb klappte ihm jetzt die Kinnlade herunter, als die Tür des Badezimmers abwechselnd zu- und aufflog, um irgendwann wie von selbst ins Schloss zu fallen. Oder wie von Geisterhand, dachte Owen.

»In Ordnung, okay. Hm, tut mir leid, wenn ich störe. Ich wollte nur …« Die Zimmertür wurde ihm direkt vor der Nase zugeworfen, und nur ein beherzter Satz nach hinten bewahrte ihn davor, dass sein Gesicht Bekanntschaft mit dem dicken Holz machte.

»Aber hallo, was soll denn das? Inzwischen müsstest du wissen, wer ich bin. Ich bin Owen, Becketts Bruder, und jeden Tag hier. Deshalb dürftest du eigentlich gemerkt haben, dass von mir nichts Böses droht und ich in friedlicher Absicht komme, wie man so sagt.«

Er zuckte zusammen, denn schon wieder öffnete sich die Tür des Badezimmers und flog gleich darauf erneut krachend zu. Elizabeth schien verstimmt, dachte er. »Pass auf, dass du nichts kaputt machst in deiner Wut. Was hast du überhaupt für ein Problem? Ich wollte nur … Oh, verstehe.«

Er räusperte sich leise, nahm die Wollmütze vom Kopf und fuhr sich mit den Händen durch das dichte dunkelbraune Haar. »Hör zu, du warst mit ›Blödmann‹ nicht gemeint. Ich dachte, Ry sei hier oben. Du kennst doch meinen anderen Bruder Ryder? Der kann manchmal echt ein Blödmann sein.« Owen langte sich an den Kopf. Nicht zu fassen, dachte er. Da stand er im Flur eines noch nicht fertigen Hotels und redete mit einem Geist. Entschuldigte sich sogar bei ihm.

Als die Tür wieder einen Spaltbreit aufging, schob er sich vorsichtig in den Raum. »Ich mach nur schnell die Balkontüren zu. Sie dürfen nämlich nicht die ganze Nacht offen stehen.« Hohl hallte das Echo seiner Stimme in dem leeren Zimmer. Grundgütiger, was tat er da?

Er war erleichtert, als im Haus gegenüber auf der anderen Straßenseite plötzlich Licht anging. In Averys Apartment. Kurz darauf sah er sie durchs Zimmer laufen. Sehr handfest und gar nicht geisterhaft.

Dafür nahm hier, sobald er die Balkontür geschlossen hatte, der süße Geißblattduft zu. »Ich hab dich schon mal gerochen«, murmelte er, ohne seinen Blick vom Fenster gegenüber abzuwenden. »Beckett sagt, du hättest ihn gewarnt, als dieses Arschloch Sam Freemont in Clares Wohnung eingestiegen ist. Das war echt nett von dir. Die beiden werden heiraten: Beck und Clare. Was du sicherlich schon weißt. Und auch dass er sie bereits seit einer Ewigkeit liebt.«

Owen trat durch die geöffnete Tür des Badezimmers, schaute sich in dem ungewöhnlich geformten Spiegel über dem Waschtisch an. Es ließ sich nicht leugnen: Mit seinen weit aufgerissenen Augen und den zerzausten Haaren sah er ziemlich panisch aus. Automatisch strich er mit den Fingern durch die wirren Strähnen.

Das kam davon, wenn man sich mit Geistern einließ.

»Ich dreh jetzt schnell meine Runde zu Ende und hau dann ab. Nur damit du informiert bist: Bald ist das Haus fertig. In einigen Räumen fehlt noch der Feinschliff, bei dir aber nicht. Die Handwerker sind froh, dass sie hier nichts mehr zu tun haben. Irgendwie war ihnen dieses Zimmer nicht ganz geheuer. Womit ich dir nicht zu nahe treten will. Also, dann erst einmal … Wir sehen uns morgen oder auch nicht. Wer weiß …«

Wie auch immer, überlegte er und tastete sich rückwärts aus dem Raum, während ihn der Geißblattduft noch eine Weile begleitete. Obwohl Elizabeth eindeutig zu den guten Geistern zu gehören schien, war er heilfroh, als er wieder auf der Straße stand und die Tür hinter sich schloss.

Draußen wurde es langsam hell, als Owen, Kaffee und Gebäck jonglierend, quer über den mit Raureif bedeckten Parkplatz lief und abermals das Hotel betrat. Er marschierte schnurstracks in die Küche und stellte seine Tasche, das Tablett mit den drei Kaffeebechern und die Schachtel mit den Donuts auf den Tisch.

Dann ging er hinüber zur Rezeption, um den gasbetriebenen Kamin anzuschalten. Froh über die Wärme, die sich schnell auszubreiten begann, streifte er die Handschuhe von seinen klammen Fingern, steckte sie ordentlich in seine Jackentasche und kehrte zurück in die Küche. Zog aus seinem Aktenkoffer sein Clipboard, um nochmals die Termine dieses Tages durchzugehen. Punkt sieben Uhr piepste das Handy, das er stets am Gürtel trug: Zeit für die morgendliche Teambesprechung.

Allerdings waren die Brüder nicht ganz so pünktlich wie er, und so konnte er noch in Ruhe einen halben Donut essen, bis ein Motorengeräusch ihm die Ankunft seines Bruders Ryder verriet. Eine Baseballmütze mit dem Logo des Familienunternehmens auf dem Kopf, trat der älteste Montgomery in einer dicken, abgewetzten Arbeitsjacke und löcherigen Jeans durch die Tür. Seine Laune war eindeutig schlecht und ließ darauf schließen, dass die Zeit daheim für einen Kaffee zu knapp gewesen war. Dumbass, sein Hund, trottete hinter seinem Herrchen durch die Tür, hob schnuppernd seinen Kopf in der Hoffnung, etwas von den duftenden Donuts abzubekommen.

Missmutig griff Ryder nach einem Kaffeebecher.

»Der ist für Beck«, erklärte Owen, ohne dass er hinsehen musste. »Ist eigentlich unschwer an dem aufgemalten B zu erkennen.«

Mit einem unwirschen Knurren schnappte Ryder sich den richtigen Becher, trank erst einmal einen großen Schluck, bevor er die Donuts inspizierte. Er entschied sich für einen mit Marmeladenfüllung. Als D.B., wie der Hund meist genannt wurde, mit seinem Schwanz fordernd auf den Küchenboden klopfte, warf er ihm ein Stück des Gebäcks hin.

»Beck kommt wieder mal zu spät«, bemerkte Owen streng.

»Es war ja nicht seine Idee, dass wir uns bereits vor Sonnenaufgang treffen.« Ryder ließ keinen Zweifel daran, dass ihm dieses Arrangement ebenfalls nicht passte. Offenbar war er erst in letzter Minute aufgestanden, denn auch zum Rasieren hatte die Zeit nicht gereicht. Dunkle Stoppeln bedeckten die kantigen Linien seines Gesichts. Nur seine grünen, goldgesprenkelten Augen verrieten, dass Koffein und Zucker zu wirken begannen und er langsam wach wurde.

»Wir müssen uns so früh treffen, weil wir später zu oft unterbrochen werden«, verteidigte Owen seine Zeitplanung. »Ich hab gestern Abend auf dem Weg nach Hause noch mal eine Runde durchs Haus gedreht. Ihr wart ja recht fleißig.«

»Das kannst du laut sagen. Mit dem zweiten Stock dürften wir heute fertig werden. Es fehlen nur noch ein paar Zierleisten und Kranzprofile, ein paar Lampen und diese verdammten beheizbaren Handtuchhalter im Badezimmer. Sogar die ersten Geländer sind inzwischen angebracht.«

»Hab ich gesehen. Ein paar Sachen sind mir allerdings aufgefallen …«

»Ach.«

»Ja, und bestimmt bemerke ich noch mehr, wenn wir gleich gemeinsam die oberen beiden Etagen abgehen.«

»Warum fangen wir nicht einfach schon mal an?« Ryder nahm sich einen zweiten Donut und marschierte los. Gefolgt von seinem Hund, der daraufhin sogleich seinen Gebäckanteil zugeworfen bekam. D.B. fing es mit der Präzision eines Baseballspielers auf.

»Beck ist noch nicht da.«

»Der Kerl hat eine Frau«, rief Ryder dem Bruder in Erinnerung. »Und drei Kinder, die er vielleicht zur Schule fahren muss. Er wird kommen, sobald er kann. Wieso berichten wir ihm nicht einfach, was die Begehung ergeben hat?«

»Na schön. Hier unten müssen ein paar Stellen nachgestrichen werden«, fing Owen an.

»Ich hab selbst Augen im Kopf.«

»Trotzdem sollten wir bald mit dem Aufhängen der Vorhänge beginnen. Natürlich erst nachdem die Fensterputzer da waren. Wenn ihr mit dem zweiten Stock tatsächlich heute fertig werdet, könnten die Männer Anfang nächster Woche kommen.«

»Hast du gesehen, dass wir aufgeräumt haben? Aber es müsste noch mal gründlich geputzt werden. Vielleicht könnte unsere Managerin sich darum kümmern.«

»Mach ich, ich wollte heute Morgen sowieso mit ihr reden. Bevor ich beim Bauamt die Nutzungsgenehmigung beantrage.«

Ryder blickte seinen Bruder von der Seite an. »Immer mit der Ruhe, schließlich haben wir, die Feiertage abgezogen, noch gut zwei Wochen Zeit.«

Aber Owen ließ sich nicht von seinem sorgfältig ausgearbeiteten Terminplan abbringen. »Trotzdem ziehen wir alles zügig durch. Von oben nach unten. Glaubst du etwa, Mom und Carolee und Hope fallen am Ende nicht irgendwelche Änderungs- und Ergänzungswünsche ein? Du wirst heilfroh sein, wenn dann zumindest alles andere erledigt ist.«

»Vermutlich hast du recht. Und weil wir gerade beim Thema sind: Wir müssen irgendwie dafür sorgen, dass sie uns nicht mehr so oft in die Quere kommen wie bisher.«

Auf dem Weg nach oben hörten sie, wie unten eine Tür geöffnet wurde.

»Zweiter Stock«, rief Owen. »Kaffee steht in der Küche.«

»Dem Himmel sei Dank.«

»Der Himmel hat den Kaffee nicht gekauft.« Owen strich mit seinen Fingern über das ovale Bronzeschild, in das er »Direktion«hatte eingravieren lassen. »Sieht echt elegant aus.«

»Wie das ganze Haus.«

Owen nickte, als er durch das Bad, die kleine Küche und die Wohnräume ging. »Eine nette, gemütliche Wohnung. Hübsch und praktisch, wie Hope selbst.«

»Sie ist fast so pingelig wie du.«

»Denk dran, wer dich morgens immer mit Donuts und deiner Dosis Koffein versorgt.«

Bevor Ryder seinen Kommentar abgeben konnte, betrat Beckett den Raum. Frisch rasiert und ziemlich munter. Zumindest wenn man in Rechnung stellte, dass er jeden Morgen mit drei Kindern unter zehn Jahren zu kämpfen hatte, die ihr Frühstück wollten und ihre Pausenbrote, und die er anschließend zur Schule beziehungsweise Vorschule fahren musste.

Owen erinnerte sich noch gut an das alltägliche Chaos bei ihnen zu Hause und fragte sich, wie seine Eltern der Versuchung hatten widerstehen können, sie mit irgendwelchen möglichst starken Pillen ruhigzustellen.

»Einer der Hunde hat in Murphys Bett gekotzt, deshalb bin ich ein bisschen spät«, präzisierte Beckett seine ersten Erlebnisse dieses Tagen. »Aber reden wir lieber von Erfreulicherem.«

»Gut. Owens Lieblingsthema ist derzeit das Putzen der Fenster und das Einräumen der Möbel.«

Beckett, der gerade gedankenverloren den Kopf des Hundes streichelte, blickte auf. »Jetzt schon? Es fehlen doch überall Leisten, teilweise muss noch gestrichen werden und was weiß ich.«

»Hier oben ist alles fertig.« Owen öffnete die Tür zum sogenannten »Penthouse«, einer der beiden Suiten. »Hier können wir auf alle Fälle mit dem Einrichten beginnen. Und in Hopes Wohnung ebenfalls. Ich werde ihr also sagen, dass sie eine Generalreinigung dieser Etage veranlassen soll.« Owen sah sich noch einmal um. »Und dann soll sie zu Bast’s fahren und Bescheid geben, welche Möbel als Erstes geliefert werden müssen.«

Während er schnell notierte, was sie alles benötigen würden, tauschten seine Brüder hinter seinem Rücken vielsagende Blicke.

»Ich vermute, dann räumen wir jetzt wirklich ein.«

»Wen meinst du mit wir?«, wandte Ryder sich an Beckett. »Ich übernehm das mit meinen Männern ganz sicher nicht. Wir haben nämlich auch so alle Hände voll zu tun.«

»Mich brauchst du nicht anzugiften.« Abwehrend hob Beckett beide Hände. »Ich hab selbst genug Probleme am Hals. Allein die Bäckerei, dieses letzte Lieblingsprojekt unserer Mutter, das wie alles andere spätestens gestern fertig sein muss. Wie ich das organisieren soll, keine Ahnung.«

»Mir wäre eine kurze Pause durchaus recht«, murmelte Ry, bevor er Owen folgte.

Der zweite der Brüder blieb kurz vor der angelehnten Tür des E&D stehen. »Vielleicht solltest du mal mit deiner Freundin Lizzy reden, Beckett«, meinte er. »Damit sie diese Tür hier offen und die zum Balkon geschlossen lässt.«

»Was willst du, ist doch alles in Ordnung.«

»Jetzt schon, aber gestern Abend nicht. Da war die Dame anscheinend aus irgendwelchen Gründen sauer und hat wie eine Wilde mit den Türen geknallt.«

Fasziniert zog Beckett, der jüngste Montgomery, seine Brauen hoch. »Ach ja?«

»Ja, und wenn ich nicht geträumt habe, bin ich ihr bei dieser Gelegenheit zum ersten Mal persönlich begegnet – wenn man das von einer unsichtbaren Gestalt sagen kann. Ich war gerade auf meiner Runde durchs Haus, als ich plötzlich von oben Schritte hörte. Erst dachte ich an einen blöden Scherz, den sich einer von euch erlaubt – doch dann war sie es. Offenbar hat sie den ›Blödmann‹, mit dem ich euch meinte, auf sich bezogen …«

Beckett verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Sie kann manchmal ganz schön temperamentvoll sein, unsere Lizzy.«

»Hab ich gemerkt. Vielleicht solltest du für alle Fälle noch mal mit ihr reden, bevor sie weiß Gott was anstellt. Schließlich bist du unser Spezialist fürs Übersinnliche.«

»Hier sind wir ebenfalls fertig«, erklärte Ryder ihm. »Im T&O sowie im N&N hingegen fehlen noch die Kranzprofile und die Sockelleisten und im E&R die Deckenlampe für das Bad und ein paar Kleinigkeiten. Hinten im J&R stehen noch jede Menge Kisten herum. Lampen, Lampen, Lampen, Wandregale und diverses andere Zeug. Gehört alles weggeräumt – sonst ist der Raum okay.«

»Danke für die Belehrung.« Ryder tippte sich an den Kopf. »Ich hab das alles hier oben abrufbereit gespeichert, auch ohne dass ich mir jedes Detail zehnmal aufschreibe.«

»Haken für die Morgenmäntel, Handtuch- und Toilettenpapierhalter …«, setzte Owen an.

»Stehen heute auf dem Programm.«

»Spiegel, TV-Geräte, Abdeckungen für Steckdosen und Schalter, Türpuffer …«

»Wird ebenfalls heute erledigt.«

»Hast du auch die Liste, auf der steht, was in welches Zimmer kommt?«

»Nerv mich nicht.«

»Ihr habt die Schilder für die Notausgänge noch nicht aufgehängt.« Auf dem Weg Richtung Speisesaal arbeitete Owen weiter seine Liste ab. »Und hier müssen die Wandleuchter befestigt und die Kästen für die Feuerlöscher gestrichen und angebracht werden.«

»Ich mach mich an die Arbeit, sobald du endlich die Klappe hältst.«

»Hotelprospekt, Preisliste, Speise- und Getränkekarte, sonstiges Informationsmaterial – alles, was in den Zimmern ausgelegt werden soll …«

»Das ist nicht mein Job.«

»Okay, das übernimmt Hope.« Owen wandte sich an Beckett: »Wie lange bist du noch mit der Bäckerei beschäftigt?«

»Ich reiche morgen die Pläne zur Genehmigung ein.«

»Gut. Dann stehst du uns ja wieder zur Verfügung.« Owen zog sein Handy aus der Tasche und rief den Kalender auf. »Dann würde ich sagen, dass wir am fünfzehnten Januar eröffnen – ab diesem Tag können Zimmer reserviert werden. Die Eröffnungsparty starten wir zwei Tage früher. Ein Tag bleibt uns zwischendrin zum Aufräumen – müsste also reichen.«

»Das ist ja kein Monat mehr«, beschwerte sich Ryder.

»Du und Beck und ich, wir wissen ganz genau, dass es hier nicht mal mehr Arbeit für zwei Wochen gibt. Noch vor Weihnachten werden wir mit allem fertig sein. Und wenn wir diese Woche anfangen, die Möbel aufzustellen, dürften bis Neujahr sämtliche Zimmer eingerichtet sein. Anschließend bleiben uns immer noch zwei Wochen für den allerletzten Schliff und diverse Nachbesserungen.«

»Er hat recht«, meinte Beckett. »Jetzt beginnt der Endspurt, Ry. Der Countdown läuft.«

Achselzuckend stopfte Ryder seine Hände in die Taschen seiner Jeans. »Irgendwie ein seltsames Gefühl, dass wir bald wirklich fertig sind.«

»Kopf hoch«, tröstete Owen ihn. »In einem solchen Haus gibt es wahrscheinlich immer was zu tun.«

Während er noch nickte, hörte man von unten das Poltern schwerer Stiefel. »Der erste Teil des Trupps ist da. Los, lasst uns unser Werkzeug holen.«

Owen beschäftigte sich an diesem Tag überwiegend mit dem Anbringen von Kranzprofilen an den Einbauschränken. Wobei es seine Konzentration nicht weiter störte, dass E-Mails, Anrufe und SMS ihn im Fünf-Minuten-Takt bei der Arbeit unterbrachen.

Im ganzen Gebäude herrschte reges Treiben, überall hörte man Stimmen und Musik aus einem Radio, das Ry angeschaltet hatte. Es roch nach Farbe, frisch gesägtem Holz und starkem Kaffee. Eine Mischung, die für das Familienunternehmen typisch war und die Brüder an ihren verstorbenen Vater erinnerte.

Alles, was Owen über Schreinerei und Baugewerbe wusste, hatte er von seinem Dad gelernt. Und als er jetzt von der Leiter stieg, um sich das Ergebnis seiner Arbeit anzusehen, wusste er, Thomas Montgomery wäre stolz auf ihn. Sie hatten aus dem alten Haus mit den verwitterten Veranden, den geborstenen Fenstern, den bröckelnden Wänden und den durchgebrochenen Böden ein wahres Juwel gemacht. Eine Zierde für den Marktplatz ihrer Heimatstadt.

Becketts Know-how als Architekt und sein Wissen um das bautechnisch Machbare hatten ebenso dazu beigetragen wie die schier unerschöpflichen, visionären Ideen seiner Mutter und Ryders handwerkliches Können sowie sein eigenes überragendes Organisationstalent und seine Begabung, sich selbst das kleinste Detail zu merken. Nicht zu vergessen all die fleißigen Arbeiter, die unter Rys Führung zu einem großartigen Team zusammenwuchsen.

Schmunzelnd dachte Owen zurück an jenen gar nicht so fernen Abend, an dem am Küchentisch der Montgomerys der ehrgeizige Plan geboren wurde, und schaute sich noch einmal im N&N um.

Seine Mutter verfügte wirklich über einen untrüglichen Blick und ein sicheres Gespür. Sie hatte das Blau der Wände und die schokoladenbraune Decke durchgesetzt. Er selbst war nicht gerade begeistert gewesen – bis er den Effekt dieser Kombination erkannte. Das Nick-und-Nora-Zimmer war rundherum glamourös, besser ließ es sich nicht beschreiben. Vor allem in Verbindung mit dem angrenzenden Badezimmer, wo dieselben Farben vorherrschten. Blaue Glasfliesen, kombiniert mit gedämpftem Braun, dazu das helle Licht eines Kristalllüsters. Es sah einfach überwältigend aus.

Vielleicht war ihm dieser verschwenderisch im Stil des Art déco ausgestattete Raum von allen sogar der liebste, dachte er. Weil er so ungewöhnlich war, so extravagant und individuell. Kein bisschen hotelmäßig. Doch das galt eigentlich für alle Räume. Etwas anderes hätte seine Mutter nie geduldet.

Das Summen des Handys riss Owen aus seinen Gedanken und erinnerte ihn daran, dass er noch ein paar Gespräche führen musste. Er ging nach unten, schaute kurz am Hintereingang vorbei, wo gerade das Geländer der Außentreppe angebracht wurde, kam zitternd wieder nach drinnen und ging vor in die Lobby, wo das Radio plärrte und die Nagelpistolen trommelnd den Takt schlugen.

Unmöglich, hier in Ruhe zu telefonieren.

Eilig schnappte er sich Jacke und Aktenkoffer und rief Beckett, der in der Lounge mit dem Anbringen von Fußleisten beschäftigt war, zu: »Bin drüben im Vesta, falls mich jemand sucht.«

»Es ist erst kurz vor zehn. Die haben noch gar nicht auf.«

»Genau deshalb geh ich ja hin.«

Kurz darauf stand er frierend an der Ampel und verfluchte den Verkehr, der einen schnellen Sprint über die Straße unmöglich machte. Also sah er weiter zu, wie aus seinem Mund Wölkchen gefrierenden Atems quollen. Sobald endlich Grün aufleuchtete, spurtete er schnellstmöglich zur Pizzeria hinüber und klopfte ungeduldig gegen die Fensterscheibe. Niemand reagierte, obwohl drinnen Licht brannte.

Seufzend holte er sein Handy hervor und wählte Averys Nummer.

»Verdammt, Owen, jetzt klebt Pizzateig an meinem Handy.«

»Hauptsache, du bist da. Wenn du nicht gleich aufmachst, friere ich hier draußen fest.«

Mit einem abermaligen »Verdammt« wurde das Gespräch beendet, aber Sekunden später tauchte sie auf – in einer weißen Schürze über den Jeans und einem schwarzen Pulli, dessen Ärmel bis zu den Ellenbogen hochgekrempelt waren.

Alles wie immer, bis auf die Haare. Diese Farbe kannte er noch nicht, doch sie erinnerte ihn irgendwie an das Kupferdach des Hotels. Von Natur aus war Avery rothaarig wie die sagenumwobenen Kriegerprinzessinnen der Schotten, von denen sie abstammte, aber seit ein paar Monaten probierte sie fast jede Woche eine neue Farbe aus. Und als sei das allein nicht schlimm genug, hatte sie sich einen radikalen Kurzhaarschnitt verpassen lassen, der gar nicht zu ihr passte. Fand Owen zumindest.

Ihre leuchtend blauen Augen funkelten ihn zornig an. »Was willst du?«, fragte sie barsch. »Ich bin mitten in den Vorbereitungen.«

»Ich brauch ein bisschen Ruhe. Du wirst gar nicht merken, dass ich da bin«, sagte er und schob sich vorsichtshalber an ihr vorbei, bevor sie protestieren konnte. »Ich muss dringend ein paar Telefongespräche führen, was bei dem Lärm da drüben einfach nicht geht.«

Sie beäugte argwöhnisch die Tasche unter seinem Arm.

»Okay, ich muss außerdem ein bisschen Papierkram erledigen«, räumte er ein und setzte dabei sein gewinnendstes Lächeln auf. »Ich werde bestimmt ganz leise sein.«

Avery gab nach. »Meinetwegen. Aber stör mich bloß nicht.«

»Hm, bevor du wieder nach hinten gehst – du hast nicht zufällig einen Kaffee für mich?«

»Nein, zufällig nicht. Ich knete gerade Teig, der jetzt an meinem neuen iPhone klebt. Ich hatte gestern Spätschicht, und um acht heute Morgen hat Franny angerufen und sich krankgemeldet. Zwei andere Mitarbeiter liegen ebenfalls mit Fieber im Bett, und Dave kann nicht einspringen, weil bei ihm eine Wurzelbehandlung ansteht. Und zu allem Überfluss fällt mittags eine Reisegruppe ein. Verstehst du, dass ich auch ohne dich ein kleines Problem habe?«

Ihre Vorhaltungen waren berechtigt, und so nickte er bloß knapp. »Okay.«

Sie deutete auf den langen Tresen. »Mach dir selbst einen Kaffee – oder auch nicht«, sagte sie und eilte zurück zu ihrem Teig.

Er hätte ihr ja angeboten zu helfen, aber für ein solches Angebot schien sie nicht in der Stimmung. Zum Dank hätte er bloß noch eins draufgekriegt. Er kannte sie lange genug, um das zu wissen. Wenn sie gehetzt, gestresst und gereizt war, ließ man sie besser in Ruhe.

Aber sie war tough, sehr sogar, und nichts schmiss sie so leicht um. Auch nicht die aktuellen Engpässe. Sie musste nur zwischendurch Dampf ablassen. Das machte sie bereits als freches rothaariges Schulmädchen oder später an der Highschool als kesse Cheerleaderin. Und sie änderte sich auch nicht, als sie vor einigen Jahren kurzerhand die Pizzeria erwarb. Alle Skeptiker mussten inzwischen zugeben, dass Avery den Laden nicht nur gewaltig in Schwung gebracht hatte, sondern zudem eine Pizza zubereitete, nach der man süchtig werden konnte.

Owen schwang sich auf einen Hocker am Tresen, genoss die Stille, die nur gelegentlich unterbrochen wurde von schwachem Klopfen und Klappern aus der Küche, doch verglichen mit dem Handwerkerlärm im Hotel klang es wie Musik in seinen Ohren.

Er holte iPad und Clipboard aus dem Aktenkoffer, löste das Handy vom Gürtel und rief ein paar Leute an. Anschließend schrieb er diverse E-Mails, ging seinen Kalender durch, schaute Aufträge, Rechnungen und Terminzusagen durch und tauchte erst wieder aus seiner Arbeit auf, als ihm wie von Zauberhand plötzlich ein Becher dampfenden Kaffees unter die Nase geschoben wurde.

Typisch Avery, trotz ihrer Schimpftirade. Er hob den Kopf und sah in ihr hübsches Gesicht. »Danke. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen. Bei deinem ganzen Stress.«

»Egal«, sagte sie mit gewohnt fröhlicher Stimme. »Inzwischen hab ich alles unter Kontrolle und bin mit den Vorbereitungen fertig.«

Er schnupperte Richtung Küche, von wo der Duft verschiedener Pastasoßen herüberwehte. Owen liebte besonders die Spaghetti mit Meeresfrüchten, die so original italienisch waren wie Mode von Armani. Überhaupt deutete an Avery außer dem Aussehen – rote Haare, helle blaue Augen, milchig weiße Haut mit Sommersprossen – nichts auf ihr schottisches Erbe hin.

Er hatte sich bereits oft gefragt, wem sie ihren unbändigen Tatendrang und ihr Talent fürs Kochen verdankte, aber genau wie alles andere schienen diese Eigenschaften einfach ein Teil von ihr zu sein.

Sie ging in die Hocke, zog ein paar Behälter aus dem Kühlschrank, in denen sich die Beläge für die verschiedenen Pizzasorten befanden.

»Franny ist echt krank. Und Dave hat üble Zahnschmerzen. Ich kann froh sein, dass er heute überhaupt für zwei Stunden reinkommt. Irgendwie fühl ich mich mies, weil ich ihm nicht einfach sage, er soll zu Hause bleiben. Aber dann krieg ich wirklich Probleme.«

Seufzend wandte sie sich wieder ihrer Arbeit zu.

»Du siehst müde aus«, sagte Owen, der jetzt erst die violetten Schatten unter ihren Augen entdeckte.

Sie hob den Kopf und bedachte ihn mit einem bösen Blick. »Danke. So was hören Frauen gerne.« Gab dann aber achselzuckend zu: »Ich bin in der Tat hundemüde, zumal ich gestern Abend lange ferngesehen und gelesen habe. Erst das eine, dann das andere. Ich dachte, es macht nichts, weil ich eigentlich ausschlafen wollte – bis mittags hatte ich mir freigenommen –, doch dann machte mir Franny einen Strich durch die Rechnung. Also musste ich gleich nach dem Anruf in aller Herrgottsfrühe raus und nach unten hetzen.«

»Du schuftest wirklich wie ein Pferd – zum Glück macht sich die viele Arbeit wenigstens bezahlt.«

»Das schon, aber heute tröstet mich selbst das nicht. Und wie schaut’s bei euch aus? Ihr habt ja auch reichlich zu tun.«

»Es wird langsam überschaubar. Immerhin können wir morgen ganz oben mit dem Einrichten beginnen.«

»Schon?« Sie starrte ihn aus großen Augen an. »Wirklich?«

»Sofern der Typ vom Bauamt endgültig sein Okay gibt. Er wird heute Nachmittag das ganze Haus von oben bis unten inspizieren, doch ich erwarte keine Probleme und betrachte die Geschichte als reine Formalität. Deshalb läuft alles weiter nach Plan. Ich hab eben mit Hope telefoniert – sie wird sich mit meiner Mutter und Tante um die Endreinigung kümmern. Möglicherweise sind sie schon drüben – um halb elf wollten sie sich treffen.«

»Ich würde euch ja zu gerne helfen, nur heute wird das nichts.«

»Mach dir keine Gedanken. Die drei können, wenn sie wollen, Hilfe bei den Frauen anfordern, die sich auch sonst ums Putzen kümmern.«

»Trotzdem schade, ich hätte wirklich gerne mit angepackt. Na, vielleicht klappt es ja morgen.« Plötzlich verdüsterte sich ihre Miene. »Owen Montgomery, und auf diese tolle Neuigkeit lässt du mich eine geschlagene Stunde warten? So lange bist du nämlich inzwischen hier.«

»Sorry, aber du hast mich vorhin derart runtergeputzt, dass ich dachte, es sei ratsam …«

»Quatsch«, unterbrach sie ihn temperamentvoll. »Hättest du es mir sofort erzählt, wäre meine Laune schlagartig besser geworden. Es war also deine Schuld.« Sie lächelte ihn bei diesen Worten aus müden Augen liebevoll an.

»Warum setzt du dich nicht kurz?«

»Ich bleib lieber in Bewegung, bevor ich einschlafe«, meinte sie und räumte die riesige Vorratsdose mit schwarzen Oliven in den Kühlschrank zurück und ging in die Küche. Durch die geöffnete Tür sah er, wie sie in den Töpfen mit Soßen rührte. Owen kam es vor, als würde sie ständig mindestens ein halbes Dutzend Dinge gleichzeitig tun. Manchmal wirkte sie auf ihn wie ein Jongleur, der es schaffte, immer mehrere Bälle in der Luft zu halten, und nur selten einen fallen ließ.

Für Owen, den peniblen Planer, war ihre spontane, manchmal ans Chaotische grenzende Lebensweise bisweilen recht gewöhnungsbedürftig. »Ich sollte langsam wieder rübergehen. Danke für den Kaffee.«

»Nichts zu danken. Falls jemand von euch heute hier zu Mittag essen will – kommt lieber erst um halb zwei. Weil dann die Reisegruppe weg ist.«

»Okay.« Er packte seine Sachen ein und wandte sich zum Gehen, hielt vor der Tür noch einmal kurz inne. »Avery? Was ist das für eine Farbe? Die von deinem Haar?«

»Das hier? Kupfer.«

»Hab ich’s doch geahnt. Also bis später.« Grinsend trat er hinaus in die Kälte.

2

Owen legte seinen Werkzeuggürtel an und glich seine Liste abermals mit der seines Bruders ab.

»Im zweiten Stock wimmelt es nur so von Frauen«, klärte Ryder ihn verbittert auf.

»Sind sie wenigstens nackt?«

»Scherzkeks. Eine von ihnen ist Mom.«

»Okay, vergiss die Frage.«

»Mom, Carolee, unsere Managerin, vielleicht inzwischen Clare und weiß Gott wer sonst noch. O Mann, sie sind wie ein Wespenschwarm – ständig kommt eine von ihnen mit irgendeiner blöden Frage angeschwirrt.« Ryder griff nach seinem Energiedrink. »Und da du sie reingelassen hast, wirst du ihnen gefälligst auch ihre verdammten Fragen beantworten. Wo zum Teufel warst du überhaupt die ganze Zeit?«

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