Töchter der See - Nora Roberts - E-Book

Töchter der See E-Book

Nora Roberts

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Beschreibung

Eigentlich plante Shannon Bodine nur eine kurze Reise nach Irland, um ihre beiden Halbschwestern kennenzulernen. Doch sie hat nicht mit der magischen Anziehungskraft der Insel gerechnet: Es wird eine Begegnung mit einer rätselhaften Welt. Und durch ihre Träume geistert ein beunruhigend schöner Mann aus einem anderen Leben. Versucht der Traum, ihr etwas zu sagen?

Der dritte Band der farbenprächtigen Irland Trilogie.

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MOBI

Seitenzahl: 564




Inhaltsverzeichnis

Prolog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelCopyright

Liebe Leserin,

 

ich habe von Irland geträumt. Von einem von magischen Nebeln durchzogenen Land, dessen dunkle, melancholisch anmutende Berge Geheimnisse bergen und über dessen grüne Felder man ins Endlose zu blicken scheint. Und genau das fand ich, als ich dorthin kam.

Ich habe mit vielen Freunden und Verwandten gesprochen, die ebenfalls in Irland waren, und allen, deren ursprüngliche Wurzeln dort zu finden sind, versetzte es beim Betreten irischen Bodens unweigerlich einen Stich. Auch mir ging es so. Ich hatte das Gefühl des Wiedererkennens, ich kannte bereits, noch ehe ich den ersten Atemzug nahm, ganz genau den Geruch der Luft.

Es liegt eine unvergleichliche Schönheit über den kleinen Dörfern mit ihren verwinkelten Straßen und ihren gemütlichen Pubs, über der Geschäftigkeit von Städten wie Galway, über den Klippen am Rande des Ozeans und über den Feldern, die der Nebel in sanften Schlaf zu hüllen schien. Es ist eine Schönheit der einfachen Dinge, des Bauern, der seine Kühe über die Straße treibt, ebenso wie eine Schönheit der Pracht, der Ruine einer Burg, die seit Jahrhunderten neben dem sich windenden Band eines Flusses verharrt.

Der uralte Steinkreis auf dem Feld eines Bauern ist so verwunschen wie der Feenhügel im Wald. Und von derselben Magie sind die Blumen, die man in den gepflegten Gärten erblickt, und die frischen Brötchen, die man zum Tee serviert bekommt. Einfache Dinge, und solche, die wahrhaft überwältigend sind. Das ist es, worauf ich in Irland traf.

In Töchter der See,

All meinen irischen Freundenzu beiden Seiten des Atlantiks

Ich erkenne meinen Schatz an der Art, in der er geht, und ich erkenne meinen Schatz an der Art, in der er red’t.

 

Irische Ballade

Prolog

Amanda wurde von schrecklichen Träumen heimgesucht. Colin war da, und sein geliebtes Gesicht war gramzerfurcht. Mandy, sagte er. Er hatte sie nie anders als Mandy genannt. Meine Mandy, Mandy-Schatz. Aber in seiner Stimme lag kein Lächeln, und seine Augen blickten ernst.

Mandy, wir können nichts dagegen tun. Ich wünschte, wir könnten es. Mandy, meine Mandy, ich vermisse dich so. Aber ich hätte niemals gedacht, daß du mir so schnell folgst. Unser kleines Mädchen, es ist so schwer für sie. Und es wird noch schwerer werden. Du weißt, daß du es ihr sagen mußt.

Dann lächelte er, aber es war ein trauriges Lächeln, und sein Gesicht, das so deutlich und so nah gewesen war, daß sie im Schlaf die Hand ausgestreckt hatte, um es zu berühren, löste sich auf und entschwand.

Du mußt es ihr sagen, wiederholte er. Wir wußten die ganze Zeit, daß kein Weg daran vorbeiführt. Sie hat es verdient zu erfahren, woher sie kommt. Wer sie ist. Aber sag ihr, Mandy, sag ihr, daß sie nie vergessen soll, wie sehr ich sie geliebt habe. O ja, ich habe mein kleines Mädchen geliebt.

Oh, geh nicht, Colin. Sie stöhnte im Schlaf, denn sie sehnte sich schmerzlich nach ihm. Bleib bei mir. Ich liebe dich, Colin. Mein wunderbarer Colin.

Aber er würde nicht zurückkommen. Außer in diesem Traum.

Oh, wie herrlich war es, Irland noch einmal zu sehen, dachte sie, wie Nebel über die grünen Hügel zu schweben, an die sie sich nach all den Jahren noch so gut erinnerte. Den glitzernden Fluß zu sehen, der wie ein helles, silbernes Band um ein unbezahlbares Geschenk gewunden war.

Und da war Tommy, ihr geliebter Tommy, der sie erwartete. Der sich umdrehte und sie lächelnd willkommen hieß.

Weshalb nur war sie von einer solchen Trauer erfüllt, obgleich sie wieder in Irland, wieder so jung, so lebendig und so voller Liebe war?

Ich dachte, ich würde dich nie wiedersehen. Ihre lachende Stimme war atemlos. Und jetzt bin ich wieder bei dir.

Er schien sie anzustarren, und egal, wie sehr sie sich bemühte, kam sie nie näher als auf Armeslänge an ihn heran. Aber sie hörte seine Stimme, die klar und süß wie damals klang.

Ich liebe dich, Amanda. Es ist nicht ein Tag vergangen, an dem ich nicht an dich gedacht habe und an das Glück, das ich bei dir fand.

In ihrem Traum wandte er sich ab und blickte auf den ruhig dahinströmenden Fluß mit den grünen, sanften Ufern hinaus.

Du hast sie nach dem Fluß benannt, in der Erinnerung an die Zeit, die uns hier miteinander gegeben war.

Sie ist so schön, Tommy. So intelligent, so stark. Du wärst stolz auf sie.

Ich bin stolz auf sie. Und ich wünschte mir – aber es konnte nicht sein. Ich wußte es. Du wußtest es. Seufzend drehte er sich wieder um und sah sie an. Du warst ihr eine gute Mutter, Amanda. vergiß das nie. Auch wenn du sie nun verläßt. Der Schmerz darüber und der Schmerz über das, was du all die Jahre für dich behalten hast, macht es dir schwer. Doch du mußt es ihr sagen. Sie hat ein Recht darauf. Und laß sie wissen, laß sie irgendwie wissen, daß ich ihr in Liebe verbunden war. Und es ihr gezeigt hätte, hätte ich die Gelegenheit dazu gehabt.

Ich kann es nicht allein, dachte sie und kämpfte sich aus dem Schlaf, als sein Bildnis verschwand. Oh, großer Gott, zwing mich nicht, es allein zu tun.

»Mom.« Sanft, auch wenn ihre Hände zitterten, strich Shannon ihrer Mutter über die schweißnasse Stirn. »Mom, wach auf. Es war nur ein Traum. Ein schlechter Traum.« Sie wußte, was es hieß, wenn man von Träumen gequält wurde und das Aufwachen dennoch fürchtete – sie selbst wurde jeden Morgen von der Angst geweckt, ihre Mutter wäre nicht mehr da. Ihre Stimme drückte Verzweiflung aus. Noch nicht, betete sie, noch nicht. »Du mußt aufwachen.«

»Shannon. Sie sind weg. Sie sind beide weg. Sie wurden mir beide genommen.«

»Pst. Nicht weinen. Bitte, nicht weinen. Und jetzt mach die Augen auf und sieh mich an.«

Amandas Lider flogen flatternd auf. Ihr Blick drückte unendliche Trauer aus. »Es tut mir leid. Es tut mir so furchtbar leid. Ich habe nur getan, was in meinen Augen für dich das beste war.«

»Ich weiß. Natürlich hast du das.« Sie überlegte verzweifelt, ob das Delirium bedeutete, daß der Krebs nun auch das Gehirn angriff. Reichte es nicht, daß er die Knochen ihrer Mutter fraß? Sie verfluchte die gierige Krankheit und verfluchte Gott, aber ihre Stimme klang besänftigend, als sie sprach. »Es ist alles gut. Ich bin hier. Ich bin bei dir.«

Amanda atmete mühsam ein. Tausend Bilder gingen in ihrem Kopf herum – von Colin, von Tommy, von ihrem lieben Kind. Wie traurig wirkte Shannon, wie erschüttert hatte sie gewirkt, als sie nach Columbus zurückgekommen war.

»Es ist schon wieder gut.« Amanda hätte alles getan, um die Furcht zu lindern, die sie in den Augen ihrer Tochter sah. »Natürlich bist du hier. Ich bin so froh, daß du bei mir bist.« Und es tut mir so leid, mein Liebling, so leid, daß ich dich verlassen muß. »Ich habe dir angst gemacht. Bitte entschuldige.«

Es stimmte – die Furcht hinterließ einen metallischen Geschmack in ihrem Mund, aber Shannon schüttelte verneinend den Kopf. Inzwischen war sie die Furcht beinahe gewöhnt; sie war von ihr befallen, seit sie in ihrem New Yorker Büro ans Telefon gegangen war und erfahren hatte, daß ihre Mutter im Sterben lag. »Hast du Schmerzen?«

»Nein, nein, es geht schon.« Amanda stieß einen erneuten Seufzer aus. Obgleich sie entsetzliche Schmerzen litt, fühlte sie sich stärker. Mußte sich stärker fühlen, um zu tun, was erforderlich war. In den wenigen Wochen, seit ihre Tochter zurückgekommen war, hatte sie das Geheimnis ebenso gehütet wie all die Jahre seit Shannons Geburt. Und nun mußte sie es lüften. Und sie hatte kaum noch Zeit. »Könnte ich bitte etwas Wasser haben, mein Schatz?«

»Natürlich.« Shannon nahm die Thermoskaraffe vom Nachttisch, füllte einen Plastikbecher und hielt ihrer Mutter den Strohhalm hin.

Vorsichtig hob sie das Kopfteil des Krankenhausbettes an, damit Amanda etwas bequemer saß. Das Wohnzimmer des wunderbaren Hauses in Columbus wirkte wie das Zimmer in einem privaten Pflegeheim. Es war Amandas und auch Shannons Wunsch gewesen, daß sie während der letzten Wochen nach Hause kam.

Im Hintergrund spielte leise Musik. Das Buch, das Shannon mit hereingebracht hatte, um ihrer Mutter vorzulesen, hatte sie in ihrer Panik einfach fallen lassen, so daß es auf dem Boden lag. Sie bückte sich, um es aufzuheben, und flehte um Kraft.

Wenn sie allein war, sagte sie sich immer, daß es ihrer Mutter täglich ein wenig besser ging, aber sie brauchte Amanda nur anzusehen, die gräuliche Haut, die tiefen Furchen, die der Schmerz hinterließ, den allmählichen Verfall, um zu wissen, daß sie sich selbst belog.

Sie konnte nichts mehr tun, außer bei ihrer Mutter auszuharren, die die Schmerzen ohne Morphium gar nicht mehr ertrug.

Sie brauchte eine Minute für sich, merkte Shannon, denn abermals schnürte ihr die Panik die Kehle zu. Nur eine Minute allein, dann hätte sie wieder neuen Mut. »Ich hole dir ein schönes kühles Tuch fürs Gesicht.«

1. Kapitel

Amanda hatte sich seit Jahren auf diesen Augenblick vorbereitet, der sich, sosehr sie es sich auch wünschte, nicht vermeiden ließ. Was dem einen der Männer, die sie geliebt hatte, gegenüber fair und richtig war, war, wie auch immer sie es sah, dem anderen gegenüber eine Ungerechtigkeit.

Aber jetzt ging es um keinen der beiden. Ebensowenig wie um ihre eigene Scham.

Jetzt ging es einzig und allein um Shannon. Um Shannon, der all ihr Mitleid galt.

Ihre schöne, brillante Tochter, die ihr nie etwas anderes als eine Freude gewesen war. Ihr ganzer Stolz. Der Schmerz der Krankheit durchfloß sie wie ein giftiger Bach, aber sie biß die Zähne zusammen, denn sie wußte, gleich empfände sie noch einen viel größeren Schmerz, verursacht durch das, was vor all den Jahren in Irland geschehen war. Von ganzem Herzen wünschte sie, sie fände einen Weg, auf dem sich das bevorstehende Leid lindern ließ.

Sie beobachtete ihre Tochter, die mit schnellen, geschmeidigen Bewegungen, hinter denen sich eine mühsam gezügelte Energie verbarg, aus der Küche kam. Sie bewegt sich wie ihr Vater, dachte Amanda. Nicht wie Colin. Der liebe, herzensgute Colin hatte immer die schwerfällige Tapsigkeit eines übergroßen Welpen gehabt.

Ganz anders als Tommy, der stets leichtfüßig gewesen war.

Auch Tommys Augen hatte Shannon geerbt. Das strahlende Moosgrün, klar wie ein sonnenbeschienener See. Und das schimmernde kastanienbraune Haar war ebenfalls von ihm. Die Form ihres Gesichts, die seidige Haut und den weichen, vollen Mund allerdings hatte sie von ihr.

Aber es war Colin gewesen, Gott hab ihn selig, von dem sie Entschlossenheit, Ehrgeiz und Selbstvertrauen gelernt hatte.

Sie lächelte, als Shannon ihr mit dem Lappen über die verschwitzten Brauen fuhr. »Ich habe dir gar nicht oft genug gesagt, wie stolz du mich machst, Shannon.«

»Natürlich hast du das.«

»Nein, ich habe dich stets spüren lassen, wie enttäuscht ich war, weil du dich nicht für die Malerei entschieden hast. Das war egoistisch von mir. Dabei weiß ich besser als die meisten Menschen, daß eine Frau ihren eigenen Weg finden muß.«

»Du hast nie versucht, mir auszureden, nach New York oder in die Werbebranche zu gehen. Außerdem male ich ja noch«, fügte sie mit einem ermutigenden Lächeln hinzu. »Im Augenblick bin ich mit einem Stilleben beschäftigt, das dir bestimmt gefallen wird.«

Weshalb nur hatte sie ihre Malsachen nicht mitgebracht? Verdammt, weshalb hatte sie nicht an ein paar Farben oder wenigstens an einen Skizzenblock gedacht? Dann hätte sie bei ihrer Mutter sitzen und ihr die Freude bereiten können, daß sie sie beim Zeichnen zusehen ließ.

»Das hier ist eins meiner Lieblingsbilder.« Amanda wies auf das Portrait an der Wand. »Das Bild von deinem Vater, wie er auf einer Liege im Garten liegt und schläft.«

»Wie er sich geistig aufs Rasenmähen vorbereitet«, verbesserte Shannon und lächelte. Sie legte den Lappen beiseite und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. »Und jedesmal, wenn wir gefragt haben, warum er nicht irgendeinen Schüler den Rasen mähen läßt, hat er behauptet, die Bewegung täte ihm gut, ist rausgegangen und hat sich schlafen gelegt.«

»Er hat mich immer zum Lachen gebracht. Ich vermisse ihn.« Amanda strich über Shannons Handgelenk. »Und ich weiß, daß du ihn ebenfalls vermißt.«

»Ich denke immer noch, daß er jeden Augenblick zur Tür reinkommen muß. ›Mandy, Shannon‹, würde er sagen, ›zieht eure besten Kleider an, ich habe gerade für einen Klienten zehntausend Dollar gemacht und lade euch zum Essen sein.‹«

»Er hat es geliebt, Geld zu verdienen«, sagte Amanda in versonnenem Ton. »Es war wie ein Spiel für ihn. Dabei ging es nie um Dollar oder Cent, nie um Habgier oder Selbstsucht, sondern nur um den Spaß. Genau wie er gerne alle paar Jahre umgezogen ist. ›Laß uns weiterziehen, Mandy Was meinst du, probieren wir mal Colorado oder Memphis aus?«‹

Lachend schüttelte sie den Kopf. Oh, es tat gut zu lachen, nur für einen Augenblick so zu tun, als plauderten sie nett miteinander wie so oft zuvor. »Und als wir schließlich hierher kamen, sagte ich, ich hätte lange genug Zigeuner gespielt, und nun wollte ich für uns alle ein richtiges Heim. Und er ließ sich hier nieder, als hätte er nur auf den richtigen Zeitpunkt und den richtigen Ort gewartet, um endlich zu Hause zu sein.«

»Er hat dieses Haus geliebt«, murmelte Shannon. »Genau wie ich. Das häufige Umziehen hat mir nie etwas ausgemacht. Er hat es immer zu einem Abenteuer werden lassen. Aber ich erinnere mich daran, wie ich ungefähr eine Woche nach unserem Einzug in meinem Zimmer saß und dachte, ich würde gerne auf Dauer hierbleiben.« Sie sah ihre Mutter lächelnd an. »Ich schätze, daß es uns allen ähnlich ging.«

»Er hätte Berge für dich versetzt, hätte für dich gegen Tiger gekämpft.« Amandas Stimme zitterte, doch dann beherrschte sie sich. »Weißt du überhaupt, Shannon, bist du dir wirklich klar darüber, wie sehr er dich geliebt hat?«

»Ja.« Sie nahm die Hand ihrer Mutter und hob sie an ihr Gesicht. »Ich weiß es.«

»Vergiß es nicht. Vergiß es nie. Ich muß dir Dinge erzählen, Shannon, die sicher schmerzlich für dich sind, die dich zornig machen und verwirren werden. Es tut mir leid.« Sie atmete tief ein.

Neben der Liebe und der Trauer hatte sie noch etwas anderes in ihrem Traum verspürt. Dringlichkeit. Amanda wußte, ihr blieben noch nicht einmal mehr die mageren drei Wochen, die der Arzt versprochen hatte, als sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war.

»Mom, ich weiß, was du meinst. Aber es gibt immer noch Hoffnung. Es gibt immer Hoffnung.«

»Es hat nichts mit dem hier zu tun«, sagte sie, wobei sie mit der Hand in Richtung der Krankenpflegeutensilien wies. »Es hat mit der Vergangenheit zu tun, mein Liebling, mit der Vergangenheit. Mit der Zeit, als ich mit einer Freundin in Irland war.«

»Ich wußte gar nicht, daß du jemals in Irland warst.« Irgend etwas daran kam Shannon eigenartig vor. »Bei all den Reisen, die wir unternommen haben, habe ich mich immer gewundert, weshalb wir nie in Irland waren, obwohl sowohl deine wie auch Dads Vorfahren aus Irland stammen. Aber auch wenn ich niemals dort war, habe ich mich dem Land immer auf eigenartige Weise – verbunden gefühlt.«

»Hast du das?« fragte Amanda sanft.

»Ich kann es nur schwer erklären«, murmelte Shannon. Da sie nicht sonderlich romantisch veranlagt war, kam sie sich ein wenig närrisch vor, und so lächelte sie. »Ich habe mir immer gesagt, falls ich je einen längeren Urlaub machen würde, dann dort. Aber nach meiner Beförderung und mit dem neuen Aufgabenbereich –« Sie zuckte mit den Schultern, denn allein der Gedanke an einen längeren Urlaub war absurd. »Trotzdem, ich erinnere mich noch daran, daß du immer, wenn ich vorschlug, einmal nach Irland zu fliegen, den Kopf geschüttelt und gesagt hast, es gäbe so viele andere Länder zu sehen.«

»Ich ertrug den Gedanken an eine Rückkehr einfach nicht, und dein Vater hatte Verständnis dafür.« Amanda preßte die Lippen zusammen und sah ihre Tochter aufmerksam an. »Bitte bleib hier und hör mich an. Und oh, versuch bitte, bitte, mich zu verstehen.«

Shannon spürte, wie ihr eine neue Angst den Rücken hinaufzukriechen begann. Was konnte schlimmer sein als der Tod, überlegte sie. Und weshalb fürchtete sie sich vor dem, was ihrer Mutter offenbar so wichtig war?

Aber sie blieb sitzen und nahm behutsam Amandas Hand.

»Du bist erregt«, sagte sie. »Und du weißt, daß du dich nicht aufregen darfst.«

»Und daß ich mir schöne Gedanken machen soll«, fügte Amanda, die Spur eines Lächelns auf den Lippen, hinzu.

»Es kann funktionieren, daß der Geist über die Materie siegt. So vieles, was ich darüber gelesen habe –«

»Ich weiß.« Nun hatte sich selbst die Spur des Lächelns gelegt. »Als ich ein paar Jahre älter war, als du es jetzt bist, bin ich mit einer guten Freundin – ihr Name war Kathleen Reilly – nach Irland gereist. Es war ein großes Abenteuer für uns. Wir waren erwachsene Frauen, aber wir kamen aus sehr strengen Familien. Ich wuchs so behütet auf, daß ich über dreißig war, als ich endlich den Mut fand, etwas so Verwegenes zu tun.«

Sie drehte den Kopf, um Shannon anzusehen, während sie sprach. »Du kannst das sicher nicht verstehen. Du warst immer schon so selbstsicher und mutig. Aber als ich in deinem Alter war, hatte ich noch nicht einmal begonnen, mich aus der anerzogenen Feigheit zu befreien.«

»Du warst nie feige.«

»Oh doch«, sagte Amanda leise. »Das war ich. Meine Eltern waren streng katholische Iren, so selbstgerecht, wie wenn man drei Päpste zusammennimmt. Ihre größte Enttäuschung  – mehr aus Gründen des Prestiges als der Religion – war, daß keins ihrer Kinder zu einem Kirchenamt berufen war.«

»Aber du warst ein Einzelkind«, unterbrach Shannon sie.

»Das war eine der Lügen, mit denen ich durchs Leben gegangen bin. Ich habe dir erzählt, ich hätte keine Familie, habe dich glauben gemacht, daß es auf meiner Seite niemanden gibt. Aber ich hatte zwei Brüder und eine Schwester, zu denen allerdings seit meiner Schwangerschaft keinerlei Kontakt mehr bestand.«

»Aber warum –« Shannon unterbrach sich. »Tut mir leid. Sprich nur weiter.«

»Du warst schon immer eine gute Zuhörerin. Das hast du von deinem Vater gelernt.« Sie machte eine Pause, dachte an Colin und betete, daß sie das Richtige für alle tat. »Wir standen einander nie sehr nahe, Shannon. Bei uns zu Hause herrschte – Steifheit, Starrheit, alles wurde von strengen Regeln bestimmt. Erst nach langen Auseinandersetzungen machte ich mich zusammen mit Kate auf den Weg. Als die Reise losging, war ich aufgeregt wie ein kleines Mädchen bei seinem ersten Picknick. Zuerst sind wir nach Dublin geflogen, und dann sind wir einfach der Landkarte und unseren Nasen gefolgt. Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich frei.«

Es fiel ihr so leicht, sich an alles zu erinnern, stellte Amanda fest. Obwohl sie jede Erinnerung an diese Reise jahrelang unterdrückt hatte, tauchte alles so klar und rein wie Wasser vor ihrem geistigen Auge wieder auf. Kates Gekichere, das Husten des winzigen Autos, das sie gemietet hatten, jede Stelle, an der sie falsch, und jede, an der sie richtig abgebogen waren.

Das Staunen beim Anblick der sanften Hügelketten, durch die man in Richtung der überwältigenden Klippen an der Westküste fuhr. Das unerwartete und niemals wieder empfundene Gefühl, nach Hause gekommen zu sein.

»Wir wollten soviel wie möglich sehen, und als wir in den Westen kamen, fanden wir eine reizende kleine Pension mit Blick auf den Shannon. Wir beschlossen, daß dies der perfekte Ausgangspunkt für eine Reihe von Tagesausflügen war. Wir fuhren zu den Cliffs of Moher, nach Galway, zum Strand von Ballybunnion, und immer wieder einmal tauchte abseits der Straßen ganz unvermutet irgendeine Ruine, ein malerisches Gehöft oder sonst etwas Interessantes auf.«

Sie sah ihre Tochter mit leuchtenden Augen an. »Oh, ich wünschte, du würdest selbst dorthin reisen, würdest selbst die Magie dieses Landes spüren, würdest hören, wie das Meer donnernd gegen die Klippen schlägt, würdest das Grün der Felder sehen, würdest im weichen Regen stehen oder im tosenden Sturm, der über den Atlantik braust. Und das Licht – alles ist wie in mit Gold bestäubtes Perlmutt getaucht.«

Shannon dachte, daß ihre Mutter eine überraschende Liebe und eine verwirrende Sehnsucht nach diesem Land empfand. »Und trotzdem warst du nie wieder dort.«

»Nein.« Amanda stieß einen Seufzer aus. »Ich war nie wieder dort. Hast du dich je gefragt, mein Liebling, wie es kommt, daß ein Mensch alles sorgfältig planen kann, daß er genau weiß, wie sein Leben am nächsten und am übernächsten Tag verlaufen soll – bis dann irgend etwas passiert, das auf den ersten Blick ohne große Bedeutung ist, wodurch aber alles verändert wird, so daß nichts so bleibt, wie es vorher war?«

Da dies weniger eine Frage als eine Feststellung war, wartete Shannon einfach ab, daß ihre Mutter ihr erzählte, welche Kleinigkeit ihr Leben so verändert hatte.

Wieder gewann der heimtückische Schmerz die Oberhand, so daß Amanda für einen Augenblick die Augen schloß. Sie würde ihn unterdrücken, schwor sie sich, würde ihn unterdrücken, bis sie mit ihrer Geschichte am Ende war.

»Eines Morgens – es war inzwischen Spätsommer, und man wurde immer wieder von Regenschauern überrascht – fühlte sich Kate nicht wohl. Sie beschloß, im Bett zu bleiben, ein bißchen zu lesen und es sich gemütlich zu machen, während ich das Gefühl hatte, daß es noch so viele Orte zu sehen gab, so daß ich den Wagen nahm und ziellos durch die Gegend fuhr, bis ich zufällig bei den Klippen von Loop Head landete. Als ich aus dem Wagen stieg, hörte ich das Krachen der Wellen und das Rascheln des Grases im Wind. Die Luft war vom Geruch des Meeres und des Regens erfüllt, und ich genoß die berauschende Gewalt der Natur.

Dann sah ich einen Mann«, fuhr sie langsam fort, »der am Rand der Klippen stand und über das Wasser nach Westen in Richtung Amerika zu blicken schien. Er war ganz allein, stand da mit hochgezogenen Schultern, eine tropfnasse Mütze ins Gesicht gezogen, drehte sich um und lächelte mich an. Es war, als hätte er nur auf mich gewartet.«

Mit einem Mal wäre Shannon am liebsten aufgestanden und hätte ihrer Mutter gesagt, daß es Zeit für ein kurzes Schläfchen sei, nur damit sie nicht mehr hören mußte. Ihre Hände hatte sie unbewußt zu Fäusten geballt, und sie spürte, wie sich ihr furchtsam der Magen zusammenzog.

»Er war nicht jung«, fuhr Amanda leise fort. »Aber er sah gut aus, und seine Augen schauten irgendwie traurig und verloren drein. Er lächelte und sagte guten Morgen und was für ein schöner Tag es doch sei, während uns der Regen auf den Kopf und der Wind ins Gesicht schlug. Ich lachte, denn irgendwie war es tatsächlich ein schöner Tag. Und obgleich der melodiöse westirische Tonfall inzwischen nichts Neues mehr für mich war, war ich von seiner Stimme wie gebannt. Also standen wir da und unterhielten uns über meine Reise, über Amerika. Er sagte, er wäre Farmer. Ein schlechter Farmer, und das täte ihm leid, denn er hätte zwei kleine Töchter, die es zu versorgen galt. Aber als er von den Mädchen sprach, verlor sein Gesicht alle Traurigkeit. Seine Maggie Mae und seine Brie, nannte er sie. Von seiner Frau sprach er kaum.

Dann kam die Sonne hervor.« Amanda stieß einen Seufzer aus. »Langsam und wunderbar, als strömte sie in kleinen goldenen Bächen zwischen den Wolken hindurch. Wir spazierten über die schmalen Pfade und unterhielten uns, als hätten wir uns bereits ein Leben lang gekannt. Und dort oben auf den hohen, gewaltigen Klippen verliebte ich mich in ihn. Es hätte mir angst machen sollen.« Sie streckte zögernd die Hand nach Shannon aus. »Und es hat mich beschämt, denn schließlich war er ein verheirateter Mann und obendrein noch der Vater zweier Töchter. Aber ich dachte, nur ich hätte dieses Gefühl, und welche Sünde war es schon, wenn eine alte Jungfer einen Vormittag lang die Gesellschaft eines hübschen Mannes genoß?«

Erleichtert spürte sie, wie ihre Tochter ihre Hand umschloß. »Aber er teilte meine Empfindungen, und so sahen wir uns wieder, was immer noch vollkommen harmlos war. In einem Pub, auf den Klippen, und einmal hat er mit mir und Kate einen Jahrmarkt in der Nähe von Ennis besucht. Unweigerlich wurde mehr daraus. Wir waren keine Kinder mehr, und was wir füreinander empfanden, war so enorm, so wichtig und, du mußt mir glauben, so gut. Kate wußte es – jeder, der uns nur ansah, hätte es sehen können –, und sie nahm mich freundschaftlich ins Gebet. Aber ich liebte ihn, und nie war ich glücklicher gewesen, als wenn ich mit ihm zusammen war. Er hat mir nie etwas versprochen. Wir hatten Träume, aber Versprechungen gab es nicht. Er war an seine Frau gebunden, auch wenn sie keine Liebe für ihn empfand, und außerdem hätte er nie seine Kinder verlassen, denn er betete sie an.«

Sie fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen und zog an ihrem Strohhalm, als Shannon ihr wortlos das Glas hinhielt. Nun käme der schwerste Teil dessen, was es zu sagen galt.

»Ich wußte, was ich tat, Shannon. Eigentlich wurden wir mehr auf meine als auf seine Initiative hin ein Liebespaar. Er war der erste Mann für mich, und als er mich endlich berührte, tat er es mit einer solchen Sanftheit, einer solchen Vorsicht, einer solchen Liebe, daß wir hinterher weinend nebeneinanderlagen, fassungslos vor Glück und Traurigkeit. Denn wir wußten, wir hatten einander zu spät gefunden, und es war hoffnungslos.

Trotzdem schmiedeten wir verrückte Pläne. Er würde einen Weg finden, seine Frau gut versorgt zurückzulassen und mit seinen Töchtern nach Amerika zu kommen, um mit ihnen und mir zusammen eine richtige Familie zu sein. Er sehnte sich ebenso verzweifelt nach einer Familie wie ich. Wir saßen in meinem Zimmer mit Blick auf den Fluß, unterhielten uns und taten, als könne es immer so bleiben. Wir hatten drei Wochen, und mit jedem Tag wurde es wunderbarer und auch schmerzlicher für uns. Ich mußte ihn und Irland verlassen, mußte zurück nach Amerika. Er sagte, wenn ich fort wäre, führe er jede Woche zum Loop Head, wo wir uns zum ersten Mal begegnet waren, und sähe über das Meer in Richtung New York, wo ich zu Hause war.

Sein Name war Thomas Concannon, er war ein Farmer, der sich danach sehnte, ein Dichter zu sein.«

»Hast du ...« Shannon räusperte sich. »Hast du ihn jemals wiedergesehen?«

»Nein. Eine Zeitlang haben wir uns geschrieben.« Amanda preßte die Lippen aufeinander und starrte ihre Tochter an. »Aber kurz nach meiner Rückkehr nach New York erfuhr ich, daß ich sein Kind unter dem Herzen trug.«

Shannon schüttelte instinktiv den Kopf. »Du warst schwanger?« Ihr Herz klopfte ihr bis zum Hals, wieder schüttelte sie den Kopf und versuchte, ihrer Mutter ihre Hand zu entziehen. Denn sie wußte, ohne daß ein weiteres Wort vonnöten war, wie die Geschichte weiterging. »Nein«, weigerte sie sich, der grausamen Realität ins Auge zu sehen.

»Ich war überglücklich.« Auch wenn es ihr schwerfiel, verstärkte Amanda ihren Griff um Shannons Hand. »Überglücklich von dem Moment an, als ich es erfuhr. Ich hätte nie gedacht, daß ich je ein Kind haben würde, daß ich je einem Mann begegnen würde, der mich genug liebte, um mir dieses Geschenk zuteil werden zu lassen. Oh, ich wollte dieses Kind, liebte es, dankte Gott dafür. Die einzige Trauer, die ich bei dem Gedanken empfand, war, daß ich die Schönheit, die aus unserer Liebe erwachsen würde, nie mit Tommy würde teilen können. Sein Antwortbrief an mich drückte eine solche Verzweiflung aus. Er schrieb, er würde Irland verlassen und käme zu mir. Er hatte Angst um mich, weil ich in dieser Situation alleine war. Ich wußte, er würde wirklich kommen, und ich war ernsthaft versucht, ihn zu bitten, es zu tun. Aber es wäre falsch gewesen, Shannon, auch wenn meine Liebe zu ihm nie falsch gewesen war. Also schrieb ich ihm ein letztes Mal, wobei ich ihn in diesem Brief zum ersten und einzigen Mal belog, indem ich behauptete, ich hätte keine Angst, wäre nicht allein und ginge aus freien Stücken fort.«

»Du bist müde.« Shannon ertrug das Geständnis ihrer Mutter einfach nicht. Ihre Welt wurde auf den Kopf gestellt, und sie mußte darum kämpfen, daß dies nicht geschah. »Das Sprechen strengt dich zu sehr an. Es ist Zeit für deine Medizin.«

»Er hätte dich geliebt«, sagte Amanda in leidenschaftlichem Ton. »Wenn er die Chance dazu bekommen hätte. Und in meinem Herzen weiß ich, er hat dich geliebt, auch wenn er dich niemals gesehen hat.«

»Hör auf.« Shannon stand auf, entzog ihrer Mutter ihre Hand und trat vehement einen Schritt zurück. »Ich will das nicht hören. Ich muß das nicht hören.«

»Oh doch. Es tut mir leid, daß es schmerzlich für dich ist, aber du mußt wissen, wie es war. Ich ging tatsächlich fort«, sprach sie eilig weiter. »Meine Familie war schockiert und außer sich vor Zorn, als ich beichtete, daß ich schwanger war. Ich sollte bis zur Entbindung die Stadt verlassen und dich diskret und unauffällig weggeben, denn nur so kämen sie um den Skandal und die Schande herum. Doch eher wäre ich gestorben, als das zu tun. Du warst mein Kind, und du warst Tommys Kind. Es gab furchtbare Worte in unserem Haus, Drohungen, schließlich wurde mir ein Ultimatum gestellt. Ich wurde enterbt, und mein Vater, der ein cleverer Geschäftsmann war, sperrte mein Konto, so daß mir auch das von meiner Großmutter ererbte Geld genommen war. Weißt du, er hat Geld nie als Spiel gesehen. Für ihn war es immer gleichbedeutend mit Macht.

Ich habe das Haus ohne jedes Bedauern verlassen, mit dem Geld, das ich in der Brieftasche hatte, und einem einzigen Koffer in der Hand.«

Shannon hatte das Gefühl, als hätte ihr jemand den Kopf unter Wasser getaucht, als bekäme sie keine Luft. Nur allzu deutlich sah sie ihre Mutter vor sich, wie sie als junge, schwangere Frau ohne Geld mit einem einzigen Koffer in der Hand auf der Straße stand. »Und es gab niemanden, der dir geholfen hätte?«

»Kate hätte es getan, aber dies war allein meine Angelegenheit. Falls es Grund zur Scham gab, dann nur für mich. Aber auch die Freude gab es nur für mich. Ich nahm einen Zug nach Norden und bekam einen Job als Bedienung in einer Feriensiedlung in den Catskills. Und dort traf ich Colin Bodine.«

Amanda wartete, während Shannon sich abwandte, um nach dem erlöschenden Feuer im Kamin zu sehen. Abgesehen vom Zischen der verglühenden Scheite und vom Wind, der an den Fensterläden rüttelte, herrschte Stille im Raum. Aber durch die Stille hindurch spürte sie den Sturm, der im Inneren des Kindes tobte, dem sie in größerer Liebe als ihrem eigenen Leben verbunden war. Und sie wußte, bald bräche dieser Sturm über sie beide herein.

»Er war mit seinen Eltern dort. Ich achtete nicht besonders auf ihn. Für mich war er einfach einer der reichen, privilegierten Gäste, zu deren Bedienung ich angeheuert worden war. Hin und wieder scherzte er mit mir, worauf ich ordnungsgemäß lächelte. Meine Gedanken galten ausschließlich meiner Arbeit, dem Geld, das ich dafür bekam, und dem Kind, das unter meinem Herzen wuchs. Dann brach eines Nachmittags ein fürchterliches Gewitter los, und zahlreiche Gäste beschlossen, in ihren Hütten zu bleiben und sich das Essen dorthin zu bestellen. Also eilte ich mit einem schwer beladenen Tablett in Richtung einer der Unterkünfte, denn hätte sich der Gast über kaltes Essen beschwert, hätte ich den Ärger gehabt. Und Colin kommt klatschnaß um die Ecke gefegt und rennt mich einfach um. Was für ein Tolpatsch er doch immer war, Gott hab ihn selig.«

Shannon starrte mit tränennassen Augen in die Glut. »Er hat mir erzählt, daß er dich kennengelernt hat, weil er mit dir zusammengestoßen ist.«

»Und das stimmt. Wir haben dir immer soweit die Wahrheit gesagt, wie wir dachten, daß du keinen Schaden nimmst. Also flog ich mit meinem Tablett der Länge nach in den Schlamm, und das ganze schöne Essen war ruiniert. Er setzte zu einer Entschuldigung an und versuchte, mir beim Aufstehen behilflich zu sein. Aber ich sah nur das Essen, das auf dem Boden lag. Und mein Rücken schmerzte vom Tragen der schweren Tabletts, und meine Füße waren müde, weil ich den ganzen Tag auf den Beinen gewesen war. Ich fing an zu weinen. Saß einfach da im Schlamm und heulte mir die Augen aus. Ich konnte einfach nicht mehr aufhören, selbst dann nicht, als er mich hochhob und in sein Zimmer trug.

Er war ein solcher Schatz, setzte mich, obwohl ich von oben bis unten schmutzig war, auf einen Stuhl, hüllte mich in eine Decke ein und tätschelte mir die Hand, bis ich mich endlich zu beruhigen begann. Ich schämte mich fürchterlich, und er war so nett zu mir. Er ließ mich erst gehen, nachdem ich versprochen hatte, abends mit ihm zu essen.«

Es klang so romantisch und so süß, dachte Shannon und atmete zitternd ein. Doch das war es nicht. Es war grauenhaft. »Ich nehme an, er wußte nicht, daß du schwanger warst.«

Sowohl die Worte als auch der abermals aufflammende körperliche Schmerz trafen Amanda wie ein Peitschenhieb, unter dem sie zusammenfuhr. »Nein, zu dem Zeitpunkt wußte er es nicht. Man sah kaum etwas, denn ich kaschierte meinen Bauch, so gut es ging, um meinen Job nicht zu verlieren. Es waren andere Zeiten als heute, und eine unverheiratete, schwangere Serviererin hätte auf diesem Tummelplatz der Reichen keinen Platz gehabt.«

»Du hast einfach zugelassen, daß er sich in dich verliebt.« Shannons Stimme klang kalt, so kalt wie der Schauder, der ihr über den Rücken zog. »Obwohl du von einem anderen Mann schwanger warst.«

Und zwar mit mir, dachte sie und war am Boden zerstört.

»Ich war aufgewachsen«, sagte Amanda vorsichtig, wandte sich ihrer Tochter zu und weinte stumm über das, was sie in ihrer Miene sah, »ohne, daß mich irgend jemand je wirklich geliebt hätte. Als ich Tommy begegnete, traf mich seine Liebe wie ein Blitz. Ich war immer noch von ihr geblendet, als ich Colin begegnete. Ich war immer noch ganz in meine Trauer um diese verlorene Liebe gehüllt. Alles, was ich für Tommy empfunden hatte, richtete ich auf das Kind, das von uns beiden gezeugt worden war. Ich könnte behaupten, ich hätte gedacht, daß Colin einfach nur freundlich war. Und ehrlich gesagt, dachte ich das auch zunächst. Aber recht schnell kam ich dahinter, daß er offenbar mehr für mich empfand.«

»Und du hast nichts dagegen getan.«

»Vielleicht hätte ich es gekonnt.« Amanda stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. »Ich weiß es nicht. In der Woche nach unserem Zusammenstoß fand ich täglich Blumen auf meinem Zimmer und die hübschen, nutzlosen Dinge, die zu schenken ihm eine solche Freude war. Er fand immer irgendeinen Weg, um mit mir zusammenzusein. Ich brauchte nur ein zehnminütige Pause zu haben, stets war er da. Trotzdem dauerte es Tage, bis ich verstand, daß er mir den Hof machte. Ich war entsetzt. Er war ein so reizender Mann, war immer so freundlich zu mir, aber er wußte nicht, daß ich das Kind eines anderen Mannes in mir trug. Also erzählte ich es ihm, erzählte ihm alles, in der Gewißheit, daß damit alles vorüber wäre, obgleich mich der Gedanke traurig machte, den ersten Freund zu verlieren, den ich hatte, seit ich aus New York und somit von Kate fortgegangen war. Er hörte mir zu, so wie er immer zugehört hat, ohne mich zu unterbrechen, ohne mir eine Frage zu stellen, ohne mich zu verurteilen für das, was doch in den Augen der meisten Menschen eine entsetzliche Schande war. Als ich geendet hatte und zu weinen begann, nahm er meine Hand. ›Am besten heiratest du mich, Mandy‹, sagte er. ›Ich werde mich um dich und das Baby kümmern, du wirst sehen.‹«

Gegen ihren Willen bewegt, wandte sich Shannon ihrer Mutter zu. Ihre Mutter weinte, doch Shannon wollte sich dadurch nicht von ihrer Wut abbringen lassen. Ihre Welt war nicht länger nur auf den Kopf gestellt; Amanda hatte sie zerstört.

»So einfach soll es gewesen sein? Wie kann es, bitte, so einfach gewesen sein?«

»Er hat mich geliebt. Es hat mich beschämt, als ich erkannte, daß er mir in wahrer Liebe verbunden war. Natürlich habe ich seinen Antrag abgelehnt. Was sonst hätte ich tun sollen? Ich hielt ihn für verrückt, weil er auf diese Weise den edlen Ritter spielen wollte. Aber er ließ nicht locker. Selbst als ich wütend wurde und sagte, er solle mich in Ruhe lassen, sagte er noch, er wolle mich zur Frau.« Die Erinnerung an seine Beharrlichkeit zauberte die Spur eines Lächelns in ihr Gesicht. »Es war, als wäre ich der Fels und er die Welle, die in endloser Geduld darüber hinwegrollt, bis sie schließlich allen Widerstand bricht. Er hat mir Babykleider gebracht. Kannst du dir vorstellen, daß ein Mann eine Frau hofiert, indem er ihrem ungeborenen Kind Geschenke macht? Eines Tages kam er in mein Zimmer und sagte, ich solle meine Handtasche nehmen, denn wir führen los und holten eine Sonderheiratserlaubnis ein. Ich habe es getan. Ich habe es einfach getan. Und zwei Tage später war ich seine Frau.«

Sie blickte ihre Tochter an, denn sie ahnte Shannons nächste Frage bereits voraus. »Ich werde dich nicht belügen und behaupten, ich hätte ihn damals schon geliebt. Ich habe ihn gern gehabt. Einen Mann wie ihn nicht gern zu haben ist ein Ding der Unmöglichkeit. Und ich war ihm dankbar. Seine Eltern waren natürlich außer sich, aber er behauptete, er brächte sie schon dazu, die Sache positiv zu sehen. Und so, wie Colin nun einmal war, denke ich, hätte er es tatsächlich geschafft, hätten sie nicht auf dem Heimweg aus dem Urlaub einen tödlichen Autounfall gehabt. Also gab es nur noch uns beide und dich. Ich schwor mir, ihm ein Zuhause zu schaffen, ihm eine gute Frau und eine willige Geliebte zu sein. Ich schwor mir, nie wieder an Tommy zu denken, doch das gelang mir nicht. Ich brauchte Jahre, um zu verstehen, daß es keine Sünde, daß es nicht schändlich, daß es kein Mangel an Loyalität gegenüber meinem Ehemann war, an den Mann zu denken, der meine erste Liebe gewesen war.«

»Gegenüber deinem Ehemann«, sagte Shannon in reglosem Ton. »Er war dein Ehemann, aber mein Vater war er nicht.«

»Oh, doch, das war er.« Zum ersten Mal enthielt Amandas Stimme eine Spur von Zorn. »Und behaupte nie wieder etwas anderes.«

Shannons Stimme war voller Bitterkeit, als sie erwiderte: »Du hast mir doch selbst gerade etwas anderes erzählt, oder etwa nicht?«

»Er hat dich bereits geliebt, noch ehe du überhaupt geboren warst, hat uns beide, ohne zu zögern und ohne falschen Stolz, als seine Familie akzeptiert.« Amanda sprach so schnell, wie es ihr bei ihren Schmerzen möglich war. »Ich sage dir, es hat mich beschämt, einem Mann nachzutrauern, den ich niemals haben konnte, während einer der feinsten Männer, den man sich vorstellen konnte, an meiner Seite war. Aber am Tag deiner Geburt, als ich ihn sah, wie er dich in seinen großen, unbeholfenen Händen hielt und dich voller Bewunderung und voller Stolz betrachtete, als ich die Liebe in seinen Augen sah, mit der er dich so vorsichtig, als seist du aus Glas, hin und her zu wiegen begann, verliebte ich mich in ihn. Und von dem Tag an bis heute habe ich ihn so geliebt, wie eine Frau einen Mann überhaupt nur lieben kann. Und er war dein Vater, so wie Tommy es hätte sein wollen, aber es nicht sein konnte. Falls es für uns je irgend etwas zu bedauern gab, dann, daß wir nicht mehr Kinder haben konnten, um mit ihnen ebenso glücklich zu sein wie mit dir.«

»Und das soll ich einfach so akzeptieren?« Sich an ihren Zorn zu klammern war weniger schmerzlich, als der Trauer nachzugeben, die sie ob der Lüge, auf die ihr Leben gegründet war, empfand. Shannon starrte die Frau im Bett an, die nun eine Fremde für sie war, ebenso wie sie sich selbst als Fremde sah. »Ich soll so weitermachen, als wäre nichts passiert?«

»Ich möchte, daß du dir Zeit läßt, damit du es später einmal akzeptieren und vielleicht sogar verstehen kannst. Und ich möchte, daß du weißt, daß wir dich geliebt haben, alle drei.«

Shannon sah ihre Welt als einen großen Scherbenhaufen vor sich, und all ihre Erinnerungen, alles, woran sie einmal geglaubt hatte, schienen nichts weiter als spitze Splitter zu sein, an denen sie sich schmerzlich stach. »Akzeptieren? Daß du mit einem verheirateten Mann geschlafen und dich hast schwängern lassen und, nur um dich zu retten, den ersten Mann geheiratet hast, der dich darum bat? All die Lügen, die du mir mein Leben lang erzählt hast, all die Täuschung, all den Betrug?«

»Du hast ein Recht darauf, wütend zu sein.« Mühsam unterdrückte Amanda den körperlichen und den seelischen Schmerz.

»Wütend? Denkst du, das, was ich empfinde, ist etwas so farbloses wie Wut? Gott, wie konntest du das nur tun?« Entsetzt und verbittert wirbelte sie auf dem Absatz herum. »Wie konntest du mir das all die Jahre verschweigen, mich all die Jahre denken lassen, ich wäre jemand, der ich nicht bin?«

»Du bist doch dieselbe, die du immer gewesen bist«, sagte Amanda verzweifelt. »Colin und ich haben getan, was unserer Meinung nach das Beste für dich war. Wir waren uns nie sicher, wie wir es dir sagen sollten oder wann. Wir –«

»Ihr habt sogar darüber gesprochen?« Von ihren Gefühlen überwältigt, fuhr Shannon wieder zu der gebrechlichen Frau auf dem Bett herum. Sie verspürte das gräßliche, schockierende Bedürfnis, den zusammengesunkenen Körper zu packen und zu schütteln. »Ist heute der Tag, an dem wir Shannon erzählen, daß sie ein kleiner Fehler war, der mir an der Westküste von Irland unterlaufen ist? Oder paßt es morgen vielleicht besser?«

»Du warst kein Fehler. Niemals. Du warst ein Wunder. Verdammt, Shannon ...« Amanda unterbrach sich und rang nach Luft, da ihr der stechende Schmerz den Atem nahm. Ihre Sicht verschwamm. Sie spürte eine Hand unter ihrem Kopf, spürte, wie ihr eine Pille zwischen die Lippen geschoben wurde, und wie durch einen Nebel drang die abermals besänftigende Stimme ihrer Tochter an ihr Ohr.

»Trink ein bißchen Wasser. Noch etwas. Ja, so ist’s gut. Und jetzt leg dich hin und mach die Augen zu.«

»Shannon.« Die Hand war da, als sie nach ihr tastete.

»Ich bin hier, hier bei dir. In einer Minute wird es dir bessergehen. Die Schmerzen werden sich legen, und dann schläfst du sicher ein.«

2. Kapitel

Während eine von Tom Concannons Töchtern mit dem Schmerz über den Tod ihrer geliebten Mutter rang, feierten, durch einen Ozean von ihr getrennt, die anderen Töchter das Glück, das mit einem neuen Leben kam.

Brianna Concannon Thane wiegte ihre Tochter in ihrem Arm und betrachtete bewundernd die leuchtend blauen Augen mit den unglaublich langen Wimpern, die winzigen Finger mit den perfekten Nägeln, den Mund, der einer Rosenknospe glich und der sich gerade, sie war ganz sicher, zu einem Lächeln verzog.

Nach weniger als einer Stunde dachte sie weder an die Anstrengung noch an die Schmerzen der Geburt, weder an den Schweiß noch an die Angst zurück.

Sie hatte ein Kind.

»Sie ist echt«, stellte Grayson Thane ehrfürchtig fest, während er zögernd mit einer Fingerspitze über die Wange des Babys strich. »Und sie gehört uns.« Er schluckte. Kayla, dachte er. Seine Tochter Kayla. Und sie sah so klein, so zerbrechlich, so hilflos aus. »Denkst du, daß sie mich mögen wird?«

Seine Schwägerin, die ihm über die Schulter spähte, kicherte. »Nun, wir mögen dich ja auch – meistens jedenfalls. Sie sieht dir ähnlich, Brie«, beschloß Maggie, während sie, um nicht umzufallen, einen Arm um Grays Hüfte schlang. »Sie wird deine Haarfarbe bekommen. Jetzt sieht der Flaum noch ein bißchen rötlich aus, aber ich wette, über kurz oder lang bekommt sie dasselbe Rotgold, wie du es hast.«

Brianna strich ihrer Tochter strahlend über das flaumweiche Haar. »Meinst du wirklich?«

»Vielleicht hat sie ja wenigstens mein Kinn«, sagte Gray in hoffnungsvollem Ton.

»Typisch Mann.« Maggie zwinkerte ihrem Mann Rogan, der grinsend auf der anderen Seite des Bettes stand, fröhlich zu. »Die Frau erträgt die Schwangerschaft, die Übelkeit und die geschwollenen Knöchel, sie wankt monatelang wie eine Kuh durch die Gegend und macht das Grauen der Wehen durch ...«

»Erinnere mich bloß nicht daran.« Gray erschauderte. Brianna mochte die Schrecken der Geburt vergessen haben, er jedoch nicht. Sicher würde er noch jahrelang in seinen Träumen von diesem gräßlichen Erlebnis heimgesucht.

Maggie konnte der Versuchung einfach nicht widerstehen. Ihre Zuneigung zu Gray machte es zu einer ehrenvollen Pflicht, ihn zu sticheln, wann immer sich die Gelegenheit bot. »Wie viele Stunden hat es gedauert? Laß mich überlegen. Achtzehn Stunden, Brie.«

Brianna konnte ein Lächeln nicht verbergen, als sie Gray erbleichen sah. »Mehr oder weniger. Obwohl es mir viel länger vorgekommen ist. Schließlich habt ihr alle mir die ganze Zeit erzählt, wie ich atmen soll, und der arme Gray hätte beinahe hyperventiliert, als er mir zeigen wollte, wie es richtig ist.«

»Da jammern die Männer bereits elendig rum, wenn sie mal acht Stunden am Schreibtisch gesessen haben« – Maggie warf ihre flammenfarbene Mähne zurück – »und nennen uns trotzdem noch das schwache Geschlecht.«

»Ich bestimmt nicht.« Rogan lächelte sie an. Kaylas Geburt hatte ihn an die Geburt seines eigenen Sohnes erinnert und an den heldenhaften Kampf, in dem Liam von seiner Frau auf die Welt gebracht worden war. Aber trotzdem fand er, daß das Leid des werdenden Vaters ebenfalls nicht zu verachten war. »Gray, was macht deine Hand?«

Gray runzelte die Stirn und bewegte vorsichtig die Finger der Hand, die seine Frau während einer besonders bösartigen Wehe schraubstockartig umklammert hatte. »Ich glaube nicht, daß sie gebrochen ist.«

»Immerhin hast du männlich einen Schrei unterdrückt«, erinnerte Maggie ihn. »Obwohl du ganz schön zu schielen begonnen hast.«

»Wenigstens hat sie dich nicht verflucht«, fügte Rogan tröstlich hinzu, wobei er eine seiner dunklen Brauen vielsagend nach oben zog. »Margaret Mary hat mich bei Liams Geburt mit allen möglichen Schimpfwörtern bedacht. Sie war durchaus einfallsreich, nur leider auf einem Niveau, daß ich die Ausdrücke lieber nicht wiederholen will.«

»Versuch du mal, sieben Pfund aus dir herauszupressen, Sweeney, dann wirst du sehen, wie erfinderisch du in bezug auf mögliche Flüche wirst. Und das einzige, was der Kerl, als er Liam sieht, zu sagen hat«, fuhr Maggie fort, »ist, daß der Junge seine Nase hat.«

»Hat er auch.«

»Aber jetzt geht es dir wieder gut?« Mit plötzlicher Panik wandte sich Gray an seine Frau. Sie schien immer noch ein wenig bleich, bemerkte er, aber ihre Augen waren wieder klar. Der erschreckend glasige Blick hatte sich gelegt. »Alles in Ordnung?«

»Allerdings.« Sie hob tröstend eine Hand an sein Gesicht. An das Gesicht, das sie liebte, mit dem Dichtermund und dem golden gesprenkelten Augenpaar. »Und ich möchte, daß du weißt, daß du von dem Versprechen, mich nie wieder anzurühren, entbunden bist. Denn schließlich habe ich es dir in der Hitze des Augenblicks abgepreßt.« Lachend vergrub sie das Gesicht am Kopf des Babys. »Hast du ihn gehört, Maggie, wie er den Arzt angeschrien hat? ›Wir haben es uns anders überlegt‹, hat er gesagt. ›Wir bekommen doch kein Kind. Gehen Sie mir aus dem Weg, damit ich meine Frau nach Hause bringen kann.‹«

»Du hast gut reden.« Gray strich dem Baby erneut vorsichtig über den Kopf. »Du mußtest dir das Ganze ja nicht ansehen. Eine Geburt ist schließlich kein Kinderspiel.«

»Und im entscheidenden Augenblick wißt ihr uns einfach nicht zu schätzen«, fügte Rogan noch hinzu, doch als Maggie schnaubte, streckte er versöhnlich die Hand nach ihr aus. »Wir müssen noch jede Menge Telefonanrufe erledigen, Maggie.«

»Allerdings. Aber wir sind bald wieder da.«

Als sie mit ihrem Mann und ihrer Tochter allein war, blickte Brianna strahlend zu ihm auf. »Wir sind jetzt eine Familie, Grayson.«

 

Eine Stunde später kam eine Schwester das Baby holen, und Grayson sah ihr argwöhnisch hinterher. »Vielleicht sollte ich mitgehen. Ich weiß nicht, ob man ihr trauen kann.«

»Mach dir keine Sorgen, Dad.«

»Dad.« Als er sich wieder an Brianna wandte, grinste er von einem Ohr zum anderen. »Meinst du, daß sie mich so nennen wird? Das ist ganz einfach zu sprechen. Vielleicht kann sie es sogar schon, was meinst du?«

»Oh, ganz bestimmt.« Lachend umfaßte sie sein Gesicht, als er sich über sie beugte und ihr zärtlich über die Lippen strich. »Unsere Kayla ist schließlich ein besonders aufgewecktes Kind.«

»Kayla Thane«, testete er den Klang des Namens und grinste erneut. »Kayla Margaret Thane, die erste Präsidentin der Vereinigten Staaten von Amerika. In Irland gab es ja bereits eine Präsidentin«, fügte er hinzu. »Aber sie kann sich aussuchen, welche Rolle ihr lieber ist. Du siehst bezaubernd aus, Brianna.«

Er küßte sie ein zweites Mal, überrascht, daß sie mit einem Mal tatsächlich wieder die alte Schönheit war. Ihre Augen strahlten und ihr rotgoldenes Haar fiel in wilden Locken um ihr Gesicht. Sie war immer noch ein wenig bleich, aber er sah, daß die alte Rosigkeit in ihre Wangen zurückzukehren begann.

»Aber du bist bestimmt erschöpft. Ich sollte dich schlafen lassen.«

»Schlafen.« Sie rollte mit den Augen und zog ihn wieder zu sich herab. »Das soll ja wohl ein Witz sein. Ich glaube, daß ich frühestens in ein paar Tagen wieder schlafen kann, denn ich bin vollkommen aufgedreht. Aber mein Magen knurrt. Ich würde alles geben für ein Steak-Sandwich und eine Portion Pommes frites.«

»Du willst etwas essen?« Er blinzelte überrascht. »Was für eine Frau! Und hinterher möchtest du bestimmt noch ein Feld pflügen gehen, stimmt’s?«

»Ich glaube, darauf verzichte ich«, war ihre trockene Erwiderung. »Aber falls ich dich daran erinnern darf, habe ich seit über vierundzwanzig Stunden nichts mehr zwischen die Zähne gekriegt. Denkst du, du könntest fragen gehen, ob man mir nicht eine Kleinigkeit bringen kann?«

»Kommt nicht in Frage, daß du dich jetzt mit Krankenhausessen begnügst. Die Mutter meines Kindes hat Besseres verdient.« Wie herrlich das klang, dachte er. Er hatte sich kaum daran gewöhnt, »meine Frau« zu sagen – da sagte er bereits »mein Kind«. Meine Tochter. »Ich werde dir das beste Steak-Sandwich besorgen, das es an der Westküste Irlands gibt.«

Als er aus dem Zimmer stürmte, lehnte sich Brianna lachend in die Kissen zurück. Was für ein Jahr dies doch gewesen war, dachte sie. Vor mehr als zwölf Monaten hatte sie ihn kennen- und liebengelernt, und nun waren sie eine Familie. Mit einem Kind.

Auch wenn sie eben noch behauptet hatte, sie wäre voller Energie, wurden ihre Lider schwer, und sie sank in einen tiefen Schlaf.

Als sie wieder wach wurde, sah sie Gray, der am Rand ihres Bettes saß und sie beobachtete.

»Sie hat auch geschlafen«, setzte er an, wobei er ihre Hand an seine Lippen hob. »Aber ich habe so lange gedrängt, bis ich sie noch einmal auf den Arm nehmen durfte. Die Schwestern haben ein paar interessante Dinge über die Amis gesagt, aber trotzdem waren sie ziemlich nachsichtig mit mir. Sie hat mich angesehen, Brie, sie hat mich wirklich angesehen. Sie wußte, wer ich bin, und sie hat ihre Finger – oh, sie hat wunderbare Finger – sie hat ihre Finger um meinen Zeigefinger gelegt und ihn festgehalten –«

Er unterbrach sich, und seine Freude wurde durch Panik ersetzt. »Du weinst. Warum weinst du? Dir tut irgend etwas weh. Ich hole sofort den Arzt.«

»Nein.« Sie richtete sich auf und vergrub ihr Gesicht an seiner Schulter. »Mir tut nichts weh. Es ist nur, daß ich dir gar nicht sagen kann, wie sehr ich dich liebe. Ich bin einfach so gerührt, Grayson. Es ist wunderbar, dein Gesicht zu sehen, wenn du von ihr sprichst.«

»Ich wußte nicht, daß es so werden würde«, murmelte er und strich ihr sanft über das Haar. »Ich wußte nicht, daß es das, was ich für sie empfinde, überhaupt gibt. Ich werde ihr ein guter Vater sein.«

Er sagte es mit einer solchen Leidenschaft und einer solch rührenden Spur von Angst, daß sie zu lachen begann. »Ich weiß.«

Wie sollte er versagen, fragte er sich, wenn er ihr vollkommenes Vertrauen besaß? »Ich habe dir ein Sandwich und ein paar andere Sachen mitgebracht.«

»Danke.« Sie lehnte sich zurück, schniefte, wischte sich die Tränen aus den Augen, blinzelte und brach abermals in Tränen aus. »Oh, Grayson, wie herrlich verrückt du doch bist.«

Der Raum war mit Töpfen und Vasen und Körben voller Blumen sowie mit Luftballons in leuchtenden Farben und fröhlichen Formen übersät, und am Fußende des Bettes stand ein riesiger lilafarbener, grinsender Hund.

»Der Hund ist für Kayla«, sagte er, zog ein paar Papiertücher aus einer Schachtel und reichte sie ihr. »Nicht, daß du ihn etwa für dich beanspruchst. Das Steak auf deinem Sandwich ist bestimmt kalt, und ich habe ein paar von den Pommes frites genascht. Aber ich habe noch ein Stück Schokoladenkuchen mitgebracht, damit du mir nicht allzu böse bist.«

Sie wischte sich die frischen Tränen aus dem Gesicht. »Dann fange ich gleich mit dem Kuchen an.«

»Nur zu.«

»Wie, du frönst schon wieder der Völlerei?« Einen Strauß Narzissen in der Hand, kam Maggie ins Zimmer spaziert. Hinter ihr betrat Rogan, das Gesicht hinter einem Teddybären versteckt, den Raum.

»Hallo, Mum.« Er beugte sich über das Bett, gab seiner Schwägerin einen Kuß und wandte sich blinzelnd an Gray. »Dad.«

»Sie hatte Hunger«, klärte Gray ihn grinsend auf.

»Und ich bin einfach zu gierig, um meinen Kuchen mit jemandem zu teilen«, Brianna schob sich eine Gabel voll Schokolade in den Mund.

»Wir haben uns die Kleine gerade noch mal angesehen.« Maggie warf sich auf einen Stuhl. »Und ich kann ehrlich behaupten, daß sie mit Abstand das hübscheste Baby ist. Sie hat tatsächlich deine Haare, Brie, ein herrliches Rotgold, und Grays hübschen Mund.«

»Murphy sagt, daß ich dich ganz lieb von ihm grüßen soll«, warf Rogan ein und setzte den Bären neben den Hund. »Wir haben ihn vorhin angerufen, um ihm mitzuteilen, daß alles bestens verlaufen ist. Er und Liam feiern mit dem Teekuchen, den du vor dem Einsetzen der Wehen noch gebacken hast.«

»Es ist wirklich nett von ihm, daß er sich um Liam kümmert, während ihr hier seid.«

Maggie winkte ab. »Mit Nettigkeit hat das nicht viel zu tun. Murphy würde den Jungen von morgens bis abends behalten, wenn ich es zulassen würde. Die beiden amüsieren sich prächtig miteinander, und bevor du mich fragst, in deiner Pension läuft alles hervorragend. Mrs. O’Malley hat deine Gäste bestens versorgt. Obwohl ich wirklich nicht verstehe, weshalb du Buchungen akzeptiert hast, obwohl du wußtest, daß du ein Baby bekommst.«

»Ich denke, aus demselben Grund, aus dem du in deiner Werkstatt gearbeitet hast, bis wir dich ins Krankenhaus gekarrt haben, damit du Liam bekommst«, klärte Brianna sie trocken auf. »Ich verdiene mit der Pension meinen Lebensunterhalt. Sind Mutter und Lottie wieder nach Hause gefahren?«

Brianna zuliebe behielt Maggie ihr Lächeln bei. Ihre Mutter hatte ununterbrochen gemault, bestimmt finge sie sich im Krankenhaus tausend Bakterien ein. Was nichts Neues war. »Sie haben bei dir hereingeschaut, als du geschlafen hast, also hat Lottie gesagt, sie brächte Mutter nach Hause und sie kämen morgen zu Besuch.«

Maggie machte eine Pause und sah Rogan an. Sein unmerkliches Nicken überließ die Entscheidung, Brianna auch die anderen Neuigkeiten mitzuteilen, ihr. Da sie ihre Schwester und deren Bedürfnisse verstand, stand Maggie auf, setzte sich Gray gegenüber auf den Rand des Bettes und nahm Briannas Hand.

»Es ist ganz gut, daß sie gefahren ist. Nein, sieh mich nicht so an, es ist nicht böse gemeint. Wir haben Neuigkeiten für dich, von denen sie jetzt besser noch nichts erfährt. Der Detektiv, den Rogan angeheuert hat, meint, daß er Amanda gefunden hat. Nein, warte, mach dir keine allzu großen Hoffnungen. Wir haben das Ganze immerhin schon ein paarmal durchgemacht.«

»Aber dieses Mal stimmt es vielleicht.«

Brianna schloß für einen Moment die Augen. Vor über einem Jahr hatte sie drei Briefe gefunden, die eine Frau namens Amanda Dougherty an ihren Vater geschrieben hatte. Liebesbriefe, von denen sie schockiert und entsetzt gewesen war. Aber da in diesen Briefen von einem gemeinsamen Kind die Rede war, hatten sie eine lange und bisher vergebliche Suche nach der Frau, die ihr Vater geliebt, und nach dem Kind, das er nie auch nur gesehen hatte, angestrengt.

»Vielleicht.« Da er nicht wollte, daß seine Frau in dieser Sache eine erneute Enttäuschung erfuhr, erstickte Gray ihre Hoffnung lieber gleich im Keim. »Brie, du weißt, in wie viele Sackgassen der Detektiv geraten ist, seit er die Geburtsurkunde gefunden hat.«

»Wir wissen, daß wir eine Schwester haben«, kam Briannas starrsinnige Erwiderung. »Wir kennen ihren Namen, wir wissen, daß Amanda verheiratet war und daß die Familie ständig umgezogen ist. Und die Umzüge haben die Suche natürlich erschwert, aber ich bin sicher, früher oder später finden wir sie.« Sie drückte Maggies Hand. »Und vielleicht haben wir ja dieses Mal schon Glück.«

»Vielleicht.« Maggie mußte dieser Möglichkeit ins Auge sehen, obwohl sie nicht sicher wußte, ob sie die Frau überhaupt finden wollte, die ihre Halbschwester war. »Er ist unterwegs zu einem Ort namens Columbus in Ohio. So oder so wissen wir bald mehr.«

»Dad hätte gewollt, daß wir es tun«, sagte Brianna in ruhigem Ton. »Er hätte sich gefreut, wenn er gewußt hätte, daß wir wenigstens versuchen, die Frau und das Kind zu finden, denen er verbunden war.«

Nickend stand Maggie auf. »Tja, wir haben den Stein ins Rollen gebracht, also werde ich nicht versuchen, ihn aufzuhalten.« Sie hoffte nur, daß durch diesen Stein niemand zu Schaden kam. »Bis dahin solltest du deine eigene Familie genießen, statt dir Sorgen um eine Familie zu machen, die wir vielleicht finden, vielleicht aber auch nicht.«

»Aber du sagst mir Bescheid, sobald du etwas Neues erfährst«, bat Brianna sie.

»Auf jeden Fall, also denk bis dahin am besten nicht mehr darüber nach.« Ein Blick durch das Zimmer zauberte ein Lächeln auf Maggies Gesicht zurück. »Sollen wir vielleicht schon mal ein paar der Blumen mitnehmen, Brie, und sie in deiner Wohnung verteilen, damit du sie dort genießen kannst, wenn du mit dem Baby nach Hause kommst?«

Nur mühsam hielt Brianna die restlichen Fragen bezüglich der Suche nach ihrer Halbschwester zurück. Niemand hatte bisher eine Antwort darauf. »Das wäre nett. Gray hat sich mal wieder hinreißen lassen.«

»Können wir sonst noch etwas für dich tun, Brianna?« Gutmütig ließ es Rogan über sich ergehen, daß seine Frau ihn unter den Blumen regelrecht begrub. »Vielleicht noch ein Stück Schokoladenkuchen?«

Sie blickte auf ihren Teller und errötete. »Ich habe wirklich keinen Krümel übriggelassen, nicht wahr? Aber trotzdem, ich glaube, jetzt bin ich satt. Seht zu, daß ihr nach Hause kommt und ein bißchen schlaft.«

»Machen wir. Und sobald wir wieder aufgestanden sind, rufe ich dich an«, versprach Maggie ihr. Als sie zusammen mit Rogan den Raum verließ, kehrte die Sorge in ihren Blick zurück. »Ich wünschte, sie wäre nicht so hoffnungsvoll, nicht so sicher, daß diese verlorene Schwester von ihr mit offenen Armen empfangen werden will.«

»So ist sie nun mal, Maggie.«

»Die Heilige Brianna«, pflichtete Maggie ihm seufzend bei. »Ich könnte es nicht ertragen, wenn sie wegen dieser Sache leiden würde, Rogan. Man braucht sie nur anzusehen, um zu wissen, welche Hoffnungen sie sich macht. Egal, wie falsch es vielleicht ist, wünschte ich, sie hätte diese Briefe nie entdeckt.«

»Mach dir keine allzu großen Sorgen darüber.« Da Maggie jedoch genau damit vollauf beschäftigt war, drückte Rogan mit dem Ellbogen den Fahrstuhlknopf.