Verlag: Blanvalet Verlag Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2012

Das E-Book lesen Sie auf:

Kindle MOBI
E-Reader EPUB für EUR 1,- kaufen
Tablet EPUB
Smartphone EPUB
Computer EPUB
Lesen Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?
Hören Sie in der Cloud®
mit Legimi-Apps.
Warum lohnt es sich?

Leseprobe in angepasster Form herunterladen für:

Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Töchter des Windes - Nora Roberts

Als die eisigen Winterstürme über Irland hinwegtosen, quartiert sich überraschend ein Gast in der kleinen Pension von Brianna Concannon ein. Grayson Thane, ein amerikanischer Schriftsteller, will den Winter in aller Einsamkeit verbringen. Noch ahnt er nicht, daß manchmal aus dem Eis ein Feuer geboren wird... Nach "Töchter des Feuers" nun der zweite Band der großen Irland-Trilogie.

Meinungen über das E-Book Töchter des Windes - Nora Roberts

E-Book-Leseprobe Töchter des Windes - Nora Roberts

Buch

Wenn die wilden Winterstürme über die Hügel des westlichen Irlands. hinwegtosen, bleiben die Einheimischen gern unter sich. Und die Touristen ziehen es ohnehin vor, den Inselfrühling abzuwarten. So ist denn auch die kleine, behagliche Bed-and-Breakfast-Pension von Brianna Concannon um die Winterzeit wie ausgestorben. Aber das ist Brianna gerade recht. Sie mag es, wenn das Haus ruhig und friedvoll ist und der eisige Wind vor ihren Fenstern tobt. Doch in diesem Jahr ist alles anders, denn Brianna erwartet einen ungewöhnlichen Gast: den berühmten Krimiautor Grayson Thane aus Amerika. Thane ist ein Getriebener – ein ruheloser Weltenbummler mit einer Vergangenheit, die er lieber vergessen würde. In das einsame Haus in Kilmilhil will er sich zurückziehen, um den Winter allein zu verbringen. Aber manchmal macht das Schicksal seine eigenen Pläne. Und manchmal wird aus dem Eis ein Feuer geboren ...

Autorin

Nora Roberts brachte in den USA mit ihren Romanen bereits »mehr als 25 Millionen Leser zum Träumen« (Entertainment Weekly) Ihre große Irland-Trilogie ist für sie selbst der Höhepunkt dieser erfolgreichen Karriere, denn es ist eine schriftstellerische Heimkehr in das Land ihrer Vorfahren, in dem sie sich, wie sie sagt, schon bei ihrem ersten Besuch wie zu Hause fühlte.

Inhaltsverzeichnis

BuchAutorinProlog1. Kapitel2. Kapitel3. Kapitel4. Kapitel5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. Kapitel24. KapitelCopyright

Liebe Leserin,

Irland hat in meinem Herzen einen besonderen Platz. Die hügeligen grünen Felder unter dem bleiernen Himmel, das graue Zickzack der steinernen Mauern, die, wenn auch halb verfallene, so doch majestätische Ruine einer Burg, die höchstwahrscheinlich von diesen verdammten Anhängern Cromwells geplündert worden ist. Ich liebe die Art, in der manchmal die Sonne golden durch den Regen scheint, und ich liebe es, daß überall in den Gärten und auf den Feldern wild wuchernde, üppig blühende Pflanzen zu sehen sind. Es ist ein Land steiler Klippen und dämmriger, rauchiger Pubs. Ein Land der Magie, der Legenden, aber auch des tief empfundenen Leids. Schönheit findet sich dort selbst in der Luft.

Und in diesem überwältigenden Land ist der Westen die überwältigendste Region.

Dort ist die häufigste Ursache für einen Verkehrsstau ein Bauer, der seine Kühe auf eins seiner Felder treibt. Dort weiß man nie, wohin einen die gewundene, von Hecken wilder Fuchsien gesäumte Landstraße führen wird. Dort glitzert der Shannon wie ein silbriges Band, und die See rollt mit lautem Donnergrollen an den Strand.

Aber noch wunderbarer als die irische Landschaft sind die Iren selbst. Es ist ein Land der Dichter und der Krieger und der Träumer, aber zugleich ist es ein Land, das Fremde mit offenen Armen empfängt. Die irische Gastfreundschaft ist von schlichter Freundlichkeit geprägt. In Irland erfährt man, was das Wort Willkommen heißt.

Töchter des Windes, die Geschichte von Brianna Concannon, soll ein Spiegel dieses unvergleichlichen Großmuts des Geistes, der Einfachheit einer offenen Tür und der Kraft der Liebe sein. Also kommen Sie, setzen Sie sich eine Weile vor den Kamin und tun Sie einen Tropfen Whiskey in Ihren Tee. Legen Sie die Füße hoch, vergessen Sie Ihre Sorgen und tauchen Sie in meine Geschichte ein.

Nora Roberts

All meinen Vorfahren, die über das schäumende Meer gekommen sind.

Ich war ein wilder Wanderer, viele Jahre lang.

The Wild Rover

Prolog

Der wilde Wind peitschte fluchend über den Atlantik und trommelte mit den Fäusten auf die Felder der westlichen Grafschaften ein. Harter, nadelspitzer Regen schlug auf den Boden und schnitt den Menschen ins Fleisch. Blumen, die vom Frühjahr bis zum Herbst in leuchtender Blüte gestanden hatten, wurden schwarz unter dem tödlichen Frost.

In den Cottages und Pubs versammelten sich die Menschen um die Kamine und sprachen von ihren Farmen, ihren zu flickenden Dächern und ihren Lieben in Deutschland oder Amerika, wobei es keine Bedeutung hatte, ob jemand erst am Vortag oder bereits vor zwanzig Jahren ausgewandert war. Irland verlor seine Menschen, genau wie es seine Sprache verlor.

Hin und wieder sprach man auch von den »Unruhen«, dem endlosen Krieg im Norden. Aber Belfast war nicht nur, was die Kilometer betraf, sondern auch gefühlsmäßig weit von Kilmilhil entfernt. Die Menschen machten sich größere Sorgen um ihre Ernten, ihre Tiere, die Hochzeiten und die Totenwachen, zu denen man in diesem Winter zusammenkam.

Ein paar Meilen außerhalb des Dorfes, in einer von Backhitze und -düften erwärmten Küche, stand Brianna Concannon und sah durch das Fenster in ihren den Attacken des eisigen Regens ausgesetzten Garten hinaus.

»Ich fürchte, die Akelei verliere ich. Und den Fingerhut auch.« Der Gedanke brach ihr das Herz. Eilig hatte sie so viele Pflanzen wie möglich ausgegraben und sorgsam in dem überfüllten kleinen Schuppen hinter dem Haus verstaut, aber das Unwetter war so schnell gekommen, daß kaum Zeit gewesen war.

»Dann pflanzt du im Frühjahr eben neue Blumen.« Maggie sah Brianna nachdenklich von der Seite an. Brie sorgte sich um ihre Blumen wie eine Mutter um ihr Kind. Seufzend rieb sich Maggie den gewölbten Bauch. Es überraschte sie immer noch, daß sie und nicht ihre häusliche Schwester verheiratet und schwanger war. »Und ich bin sicher, daß es dir einen Riesenspaß machen wird.«

»Das glaube ich auch. Was mir fehlt, ist ein Gewächshaus. Ich habe mir schon Prospekte angesehen. Ich denke, es wäre möglich.« Und wenn sie gut haushaltete, hätte sie bis zum Frühjahr vielleicht sogar genug Geld dafür gespart. Während sie ihren bescheidenen Tagträumen von in einem Glashaus gedeihenden Pflanzen nachhing, zog sie ein Blech Preiselbeermuffins aus dem Ofen und stellte es auf den Tisch. Die Preiselbeeren hatte ihr Maggie von einem Markt in Dublin mitgebracht. »Die nimmst du mit nach Hause.«

»Und ob.« Grinsend nahm Maggie eins der Muffins und warf es von einer Hand in die andere, damit es ein wenig abkühlte, ehe sie einen gierigen Bissen nahm. »Das heißt, erst mal esse ich mich hier so richtig satt. Ich sage dir, Rogan wiegt jeden einzelnen Happen ab, den ich seiner Meinung nach essen darf.«

»Er ist eben auf deine und auf die Gesundheit des Babys bedacht.«

»Allerdings. Und außerdem fragt er sich offensichtlich, wieviel von mir das Baby ist und wieviel Fett.«

Brianna sah ihre Schwester an. Maggie wirkte wohlgerundet und weich, und außerdem strahlte sie nun, da sie sich dem letzten Drittel ihrer Schwangerschaft näherte, eine rosige Zufriedenheit aus, die einen auffälligen Kontrast bildete zu dem Brianna besser bekannten Bündel aus Energie und Nervosität.

Sie ist so glücklich, dachte Brianna. Sie liebt ihren Mann und weiß, daß diese Liebe erwidert wird. »Du hast tatsächlich ganz schön zugelegt, Margaret Mary«, sagte sie, woraufhin ein belustigtes Blitzen in Maggies Augen trat.

»Ich veranstalte einen Wettbewerb mit einer von Murphys Kühen, und ich sage dir, ich gehe aus diesem Wettstreit als Siegerin hervor.« Sie schluckte den letzten Bissen ihres Muffins hinunter und streckte schamlos die Hand nach dem nächsten aus. »In ein paar Wochen sehe ich vor lauter Bauch bestimmt noch nicht mal mehr das Ende meines Glasbläserrohrs. Aber was soll’s? Dann steige ich eben auf Bunsenbrenner um.«

»Du könntest auch einfach ein bißchen Urlaub machen«, meinte Brianna. »Ich weiß, daß Rogan meint, du hättest bereits genug für seine Galerien hergestellt.«

»Und was mache ich dann, außer an Langeweile einzugehen? Ich habe eine Idee für ein ganz besonderes Stück für die neue Galerie hier in Clare.«

»Die nicht vor dem Frühjahr eröffnet wird.«

»Bis dahin hat Rogan seine Drohung bestimmt längst wahr gemacht und mich ans Bett gefesselt, damit ich nicht mehr in mein Atelier gehen kann.« Sie seufzte, aber Brianna nahm an, daß sie die Drohung, die Rogans subtil beherrschende Art verriet, gar nicht so schrecklich fand. Vielleicht wurde Maggie in ihrem Alter tatsächlich noch weich? »Aber ich möchte arbeiten, solange ich kann«, fügte Maggie hinzu. »Und außerdem ist es schön, zu Hause zu sein, vor allem, wenn ein solches Wetter ist. Ich nehme an, im Augenblick stehen deine Gästezimmer leer?«

»Für nächste Woche hat sich ein Ami angesagt.« Brianna füllte die beiden Teebecher ein zweites Mal, und dann setzte sie sich zu ihrer Schwester an den Tisch. Der Hund, der geduldig neben ihrem Stuhl gewartet hatte, legte ihr seinen großen Kopf in den Schoß.

»Ein Ami? Nur einer? Ein Mann?«

»Mmmm.« Brianna strich Concobar sanft über das Fell. »Ein Schriftsteller. Er hat ein Zimmer mit Vollpension bestellt. Er sagt, daß er noch nicht weiß, wie lange er bleiben wird, aber er hat schon mal für einen Monat bezahlt.«

»Einen ganzen Monat? In dieser Jahreszeit?« Amüsiert beobachtete Maggie, wie der Wind an den Fensterläden rüttelte. Es war ein Wetter, das nicht gerade einladend zu nennen war. »Tja, schließlich heißt es ja, daß Künstler Exzentriker sind. Was schreibt er denn so, wenn ich fragen darf?«

»Krimis. Ich habe sogar ein paar gelesen. Sie sind wirklich gut. Er hat schon Preise dafür bekommen, und einige seiner Geschichten wurden verfilmt.«

»Ein erfolgreicher amerikanischer Schriftsteller, der sich mitten im tiefsten Winter in einer Privatpension in Clare vergräbt. Ich höre schon jetzt die Leute im Pub reden ...«

Maggie leckte sich die restlichen Krumen ihres Muffins von den Fingern und betrachtete ihre Schwester mit dem Blick der Künstlerin. Brianna war der Liebreiz in Person, rosig und golden mit samtiger Haut und einer wohlgeformten schlanken Figur. Sie hatte ein klassisches, ovales Gesicht, einen weichen, ungeschminkten und oft allzu ernsten Mund, hellgrüne, verträumte Augen, geschmeidige Glieder und dichtes, glattes Haar, das sich oft den strengen Nadeln entwand.

Außerdem hatte sie ein weiches Herz und war trotz der regelmäßigen Kontakte mit den Gästen ihrer Pension bezüglich dessen, was in der Welt außerhalb ihres Gartens geschah, erschreckend naiv.

»Ich weiß nicht, ob es mir gefällt, daß du hier wochenlang mit einem Mann alleine bist.«

»Ich bin oft mit irgendwelchen Gästen allein. Davon lebe ich.«

»Aber bisher hast du noch nie im Winter einen einzelnen Gast gehabt. Ich weiß nicht, wann wir wieder nach Dublin fahren, und . . .«

»Du bist doch wohl nicht als mein Kindermädchen hier«, stellte Brianna mit einem amüsierten Lächeln fest. »Maggie, ich bin eine erwachsene Frau. Eine erwachsene Geschäftsfrau sogar, und ich denke, daß ich durchaus auf mich selbst aufpassen kann.«

»Du bist immer viel zu sehr damit beschäftigt, dich um andere zu kümmern statt um dich selbst.«

»Fang nicht schon wieder mit Mutter an«, Brianna preßte die Lippen zusammen. »Ich tue kaum noch etwas für sie, seit sie mit Lottie in ihr eigenes Haus gezogen ist.«

»Ich weiß genau, was du alles für sie tust«, schoß Maggie zurück. »Du springst, sobald sie auch nur Piep sagt, hörst dir ihre ewigen Beschwerden an, zerrst sie jedesmal, wenn sie sich einbildet, von einer neuen tödlichen Krankheit befallen zu sein, zu irgendeinem Arzt.« Maggie hob erschrocken die Hand. Sie war wütend auf sich, weil sie wieder einmal den alten Zorn und die alten Schuldgefühle empfand. »Aber darum geht es im Augenblick nicht. Dieser Mann ...«

»Grayson Thane«, half Brianna, mehr als dankbar, daß nicht länger von ihrer Mutter die Rede war. »Ein allseits geachteter amerikanischer Autor, der es auf ein ruhiges Zimmer in einer gut geführten Pension und nicht auf die Wirtin abgesehen hat.« Sie nippte vorsichtig an ihrem Tee. »Er wird mein Gewächshaus bezahlen, was will ich also mehr?«

1. Kapitel

Auch wenn Brianna im Blackthorn Cottage hin und wieder inmitten der schlimmsten Winterstürme einen oder zwei Gäste beherbergte, war normalerweise im Januar nicht viel los, so daß sie oft allein zu Hause saß. Sie hatte nichts gegen die Einsamkeit, und auch das Heulen des Windes und der bleierne Himmel, aus dem sich Tag für Tag Regen und Eis über ihren Garten ergoß, machten ihr nichts aus. Im Gegenteil, fand sie doch in diesen Tagen endlich Zeit zum Pläneschmieden.

Doch sie freute sich über jeden Reisenden, ob er nun angemeldet oder unerwartet kam. Vom geschäftlichen Standpunkt her waren die Pfund und Pennies das Entscheidende, aber darüber hinaus freute sich Brianna immer, wenn sie die Gelegenheit bekam, jemanden zu umsorgen und ihm ein vorübergehendes Zuhause zu schaffen für die Zeit, in der er oder sie bei ihr war.

In den Jahren, nachdem ihr Vater gestorben und ihre Mutter ausgezogen war, hatte sie aus dem Haus das Heim gemacht, nach dem sie sich als Kind immer gesehnt hatte, mit einem gemütlichen Kamin, Spitzengardinen und dem Duft von frischem Gebäck, der aus der Küche in die umliegenden Räume zog. Im Grunde war es Maggie gewesen oder Maggies Kunst, die es Brianna ermöglicht hatte, langsam zu expandieren, bis aus dem Haus eine Pension geworden war. Aber das Gebäude gehörte ihr. Ihr Vater hatte verstanden, wie sehr sie an ihrem Zuhause hing, wie wichtig es für sie war. Und sie hegte ihr Erbe wie ein Kind.

Vielleicht lag es am Wetter, daß sie an ihren Vater dachte. Es war ein Tag wie dieser gewesen, an dem er gestorben war. Hin und wieder, wenn sie alleine war, entdeckte sie immer noch kleine Kammern der Trauer in ihrem Herzen, in denen sie gute und schlechte Erinnerungen an ihre Kindheit barg.

Ich brauche Beschäftigung, sagte sie sich und wandte sich vom Fenster ab, ehe sie allzusehr ins Grübeln kam.

Da es in Strömen regnete, beschloß sie, den Gang ins Dorf zu verschieben und statt dessen eine Arbeit anzugehen, die sie bereits viel zu lange vor sich hergeschoben hatte, ohne genau zu wissen, warum. Sie erwartete niemanden, und der einzige angemeldete Gast käme nicht vor Ende der Woche an. Also schleppte Brianna Besen, Eimer, Putzlappen und einen leeren Karton auf den Dachboden hinauf.

Sie reinigte ihn mit derselben Regelmäßigkeit wie alle anderen Räumlichkeiten, doch die herumstehenden Kisten und Kästen hatte sie bei ihren Putzaktionen immer ignoriert. Aber jetzt war es soweit, sagte sie sich und öffnete die Tür. Dieses Mal sähe sie nicht über die Kisten hinweg. Und sie würde nicht zulassen, daß ihre Sentimentalität sie davon abhielt, die verbliebenen Erinnerungsstücke ebenso durchzusehen wie die Wäsche in ihrem Kleiderschrank.

Wäre der Raum erst einmal entrümpelt, würde sie sparen, bis ein Umbau möglich war. Sie stützte sich auf den Besen und träumte von einem gemütlichen Zimmer unter dem Dach. Mit einem dieser neuen Dachfenster und vielleicht einer Gaube. Ein sanfter, gelber Anstrich brächte die Sonne herein. Der Boden würde geschliffen und versiegelt und mit einem ihrer Knüpfteppiche geschmückt.

Sie sah es bereits vor sich – das hübsche, mit einer farbenfrohen Tagesdecke versehene Bett, einen Korbsessel, einen kleinen Schreibtisch und ...

Brianna schüttelte lachend den Kopf. Sie überflügelte sich mal wieder selbst.

»Was bin ich doch für eine elende Träumerin, Con«, murmelte sie und strich dem Hund liebevoll über den Kopf. »Dabei bräuchte ich im Augenblick eher Muskeln und Skrupellosigkeit.«

Erst sähe sie sich die Kisten an. Es war wirklich an der Zeit, daß sie alte Papiere und alte Kleider dem Feuer übergab.

Dreißig Minuten später hatte sie mehrere ordentliche Kleiderstapel neben sich. Einen brächte sie zur Altkleidersammlung, ein anderer wäre noch für Putzlumpen gut. Die Luft war von schwachem Lavendelduft erfüllt. Das Leinenkleidchen, das sie in den Händen hielt, war mit winzigen Knöpfen und schmalen Spitzenbordüren verziert. Die Handarbeit unserer Großmutter, dachte Brianna und lächelte. »Er hat tatsächlich alles aufgehoben«, murmelte sie. Ihre Mutter hätte niemals derart sentimentale Gedanken in bezug auf zukünftige Generationen gehegt. »Das haben bestimmt Maggie und ich angehabt. Und Dad hat es für unsere Kinder verstaut.«

Der Gedanke versetzte ihr einen kaum merklichen, weil vertrauten Stich. Sie hatte kein Baby, das sanft in einer Wiege schlief, kein weiches Bündel, das darauf wartete, daß sie es in den Armen hielt, es fütterte und ihm ihre Liebe gab. Aber Maggie, dachte sie, fände bestimmt Gefallen an dem Kleidchen. Vorsichtig faltete sie es zusammen und legte es wieder in den Karton zurück.

Der nächste Karton war bis zum Rand mit Papieren gefüllt, stellte sie seufzend fest. Ehe sie sie entsorgen könnte, war es wohl erforderlich, daß sie sie las oder zumindest überflog. Ihr Vater hatte seine gesamte Korrespondenz ebenso wie zahlreiche Zeitungsausschnitte aufbewahrt. Seine neuen Geschäftsideen, hätte er sicher gesagt.

Immer hatte er neue Dinge im Sinn gehabt. Sie legte verschiedene von ihm ausgeschnittene Artikel über Erfindungen, Forstwirtschaft, das Zimmererhandwerk und die Eröffnung eines Einzelhandelsgeschäfts fort. Nirgendwo jedoch war Landwirtschaft erwähnt, stellte sie lächelnd fest. Er hatte einfach nie Talent zum Bauern gehabt. Sie fand Briefe von Verwandten, von Firmen in Amerika, Australien und Kanada, an die er geschrieben hatte, und den Kaufvertrag für den alten Kleinlaster, den er gefahren hatte, als sie noch ein Kind gewesen war. Beim Anblick eines der Dokumente jedoch runzelte sie verwirrt die Stirn. Es sah wie eine Aktie aus. Triquarter Mining, in Wales. Dem Datum nach hatte er die Aktie offenbar nur wenige Wochen vor seinem Tod gekauft.

Triquarter Mining? Da hast du wohl mal wieder in irgendein tolles Geschäft investiert, Dad, dachte sie, obwohl uns kaum je genug Haushaltsgeld zur Verfügung stand. Nun, sie müßte an diese Triquarter-Gesellschaft schreiben und sehen, ob sich die Aktie vielleicht wieder verkaufen ließ. Obgleich sie sicher kaum mehr wert war als das Papier. Mit seinen Geschäften hatte Tom Concannon nie Glück gehabt.

Sie grub tiefer und amüsierte sich mit Briefen von Cousins und Cousinen, Onkel und Tanten. Sie hatten ihn geliebt. Alle hatten ihn geliebt. Fast alle, verbesserte sie sich, denn ihre Mutter fiel ihr ein.

Sie schob den Gedanken so schnell beiseite, wie er gekommen war, und nahm drei mit einem verblichenen roten Band zusammengehaltene Briefe aus dem Karton. Sie kamen aus New York, aber das überraschte sie nicht. Die Concannons hatten eine ganze Reihe von Freunden und Verwandten in Amerika. Doch der Name war ihr fremd. Amanda Dougherty.

Brianna faltete den ersten Brief auseinander und überflog die ordentliche, sicher in einer Klosterschule erlernte Schrift. Mit einem Mal stockte ihr der Atem, und sie las den Brief ein zweites Mal.

Mein geliebter Tommy,

ich habe gesagt, ich würde Dir nicht schreiben. Vielleicht schicke ich den Brief auch gar nicht ab, aber ich muß wenigstensso tun, als hätten wir noch Kontakt. Ich bin erst seit einem Tag wieder in New York, und schon bist Du so weit von mir entfernt, wodurch unsere gemeinsame Zeit um so kostbarer für mich wird. Ich habe gebeichtet und Buße getan, doch in meinem Herzen weiß ich, daß nichts, was wir getan haben, Sünde war. Eines Tages, wenn Gott uns wohlgesonnen ist, finden wir einen Weg, um zusammen zu sein. Doch falls das nicht passiert, möchte ich, daß Du weißt, daß ich jeden Moment, der uns gegeben war, hüte wie einen Schatz. Ich weiß, es ist meine Pflicht, Dir zu sagen, daß Dudas Sakrament Deiner Ehe ehren und Dich weiter um die beiden Babys, die Du so sehr liebst, kümmern mußt. Und das tue ich auch. Aber, so selbstsüchtig es auch sein mag, bitte ich Dich trotzdem, daß Du ab und zu, wenn Clare im Frühlingsglanz erstrahlt und sich das Licht der Sonne im Wasser des Shannon bricht, an mich denkst. Ich hoffe, daß Dir die Liebe, in der Du mir während der wenigen, kurzen Wochen verbunden warst, in Erinnerung bleiben wird. Ich liebe Dich ...

Immer DeineAmanda

Liebesbriefe, dachte sie verwirrt. An ihren Vater. Geschrieben  – sie starrte auf das Datum –, als sie kaum geboren war.

Ihr wurde kalt. Wie sollte eine Frau, eine erwachsene Frau von achtundzwanzig Jahren, darauf reagieren, wenn sie erfuhr, daß ihr Vater eine Frau geliebt hatte, die nicht seine Ehefrau gewesen war? Ihr Vater, mit seinem fröhlichen Lachen und seinen sinnlosen Plänen. Diese Worte waren einzig für seine Augen bestimmt gewesen. Aber sie zu ignorieren war ein Ding der Unmöglichkeit.

Mit klopfendem Herzen öffnete Brianna den zweiten Brief.

Mein geliebter Tommy,

ich habe Deinen Brief so oft gelesen, daß ich noch mit geschlossenen Augen jedes der Worte vor mir sehen kann. Der Gedanke, daß Du so unglücklich bist, bricht mir das Herz. Auch ich sehe oft aufs Meer hinaus und stelle mir vor, wie Du über das Wasser hinweg in meine Richtung blickst. Es gibt so vieles, was ich Dir sagen möchte, aber ich fürchte, daß dadurch Dein Elend nur noch größer wird. Wenn Du Deiner Frau nicht in Liebe verbunden bist, dann sei es in Pflicht. Ich brauche Dir nicht zu sagen, daß Deine Sorge in erster Linie Deinen Kindern gelten muss. Ich weiß und habe es die ganze Zeit gewußt, daß ihnen in Deinem Herzen und Deinen Gedanken der erste Platz gebührt. Gott segne Dich dafür, Tommy, daß Du auch an mich denkst. Und dafür, daß mir durch Dich ein solches Geschenk zuteil geworden ist. Ich dachte, mein Leben würde leer sein ohne Dich, aber von nun an ist es für alle Zeiten reich und erfüllt. Jetzt liebe ich Dich noch mehr als in dem Moment, in dem ich von Dir gegangen bin. Trauere nicht, wenn Du an mich denkst. Aber denk an mich.

Immer DeineAmanda.

Liebe, dachte Brianna, und hinter ihren Augen stiegen heiße Tränen auf. Diese Worte verrieten soviel Liebe, obwohl so wenig gesagt worden war. Wer war sie gewesen, diese Amanda? Wie hatten sich die beiden kennengelernt? Und wie oft hatte ihr Vater wohl an diese Frau gedacht? Wie oft hatte er sich wohl nach ihr gesehnt?

Brianna wischte sich eine Träne aus dem Gesicht und öffnete den letzten Brief.

Mein Lieber,

ich habe gebetet und gebetet, ehe ich diesen Brief anfing. Ich habe die Heilige Mutter Gottes gebeten, mir zu zeigen, was richtig ist. Was Dir gegenüber fair ist, weiß ich nicht. Ich kann nur hoffen, daß Dich das, was ich Dir sagen werde, mit Freude und nicht mit Trauer erfüllen wird.

Ich erinnere mich noch genau an unsere gemeinsamen Stunden in meinem Zimmer in dem Gasthaus, durch dessen Fenster man auf den Shannon sah. Wie süß und sanft Du warst, wie geblendet wir beide von der Liebe waren. Zum ersten und gewiß auch zum letzten Mal in meinem Leben wurde mir eine solch tiefe, bedingungslose Liebe zuteil, und so bin ich dankbar, daß mir, obgleich uns ein Zusammensein niemals vergönnt sein wird, eine derart wertvolle Erinnerung an diese Liebe gegeben wird. Ich trage Dein Kind unter meinem Herzen, Tommy. Bitte sei glücklich für mich. Ich bin nicht allein, und ich fürchte mich nicht. Vielleicht sollte ich mich schämen, als unverheiratete Frau vom Mann einer anderen schwanger geworden zu sein. Vielleicht verspüre ich irgendwann einmal diese Scham, aber im Augenblick empfinde ich nichts als Glück.

Ich weiß es bereits seit mehreren Wochen, aber hatte bisher einfach nicht den Mut, es Dir zu sagen. Nun, da ich die ersten Bewegungen des von uns gezeugten Lebens spüre, finde ich ihn. Muß ich Dir erst sagen, wie sehr dieses Kind geliebt werden wird? Ich sehe mich bereits mit unserem Baby im Arm. Bitte, mein Liebster, laß um unseres Kindes willen keine Trauer und keine Schuldgefühle in Dein Herz. Und um unseres Kindes willen gehe ich fort von hier. Obwohl ich jeden Tag und jede Nacht an Dich denken werde, ist dies mein letzter Brief. Ich werde Dich immer lieben, und jedesmal, wenn ich das Leben betrachten werde, das von uns in jenen magischen Stunden am Shannon gezeugt worden ist, liebe ich Dich mehr.

Gib, was immer Du für mich empfandest, an Deine Kinder weiter. Und sei glücklich. Ich bitte Dich darum.

Immer DeineAmanda.

Ein Kind. Schluchzend hielt Brianna die Hand vor den Mund. Eine Schwester. Ein Bruder vielleicht. Großer Gott. Irgendwo lebte ein Mensch, der durch Blutsbande mit ihr verbunden war. Der kaum jünger war als sie. Der vielleicht dieselbe Haarfarbe, dieselben Gesichtszüge hatte wie sie.

Was konnte sie tun? Was hätte ihr Vater tun können vor all der Zeit? Hatte er nach der Frau und seinem Baby gesucht? Hatte er versucht zu vergessen, daß es die beiden gab?

Nein. Vorsichtig strich Brianna die Briefe glatt. Er hatte nicht versucht zu vergessen. Er hatte ihre Briefe all die Jahre aufbewahrt. Sie schloß die Augen und saß reglos da. Und, dachte sie, er hatte seine Amanda geliebt. Bis in den Tod.

Sie mußte nachdenken, ehe sie Maggie von ihrem Fund berichtete. Und am besten konnte sie denken, wenn sie beschäftigt war. Sie ertrug den Anblick des Dachbodens nicht mehr, aber es gab genug andere Dinge zu tun. Sie schrubbte und wienerte und buk. Die schlichte Behaglichkeit dieser Tätigkeiten, das Vergnügen, das sie bei den wohligen Düften empfand, taten ihr gut. Sie gab Torf ins Feuer, braute Tee und setzte sich mit ihren Skizzen für das Gewächshaus vor den Kamin.

Mit der Zeit würde sie wissen, was das richtige war, sagte sie sich. Nach mehr als fünfundzwanzig Jahren täten ein paar Tage des Überlegens niemandem weh. Wenn diese Verzögerung zum Teil in einer gewissen Feigheit begründet war, in dem Bedürfnis, dem unvermeidlichen Gefühlsausbruch ihrer Schwester noch eine Weile aus dem Weg zu gehen, dann gestand sie sich das gerne ein.

Brianna hatte noch nie behauptet, eine besonders mutige Frau zu sein.

In der ihr eigenen praktischen Art verfaßte sie einen höflichen, geschäftsmäßigen Brief an Triquarter Mining in Wales. Sie brächte ihn am nächsten Morgen zur Post, denn dann müßte sie, ob es nun regnete oder ob die Sonne schien, sowieso ins Dorf.

Als sie abends das Feuer löschte, um ins Bett zu gehen, war sie dankbar, daß Maggie offenbar zu beschäftigt gewesen war, um bei ihr hereinzusehen. Noch einen Tag, vielleicht zwei, sagte sich Brianna, dann würde sie ihrer Schwester die Briefe zeigen.

Aber heute abend würde sie sich entspannen und an nichts mehr denken, was in irgendeiner Weise belastend war. Sie würde sich ein wenig verwöhnen, das hatte sie sich verdient, vor allem, da ihr Rücken von der übertriebenen Schrubberei zu schmerzen begann. Ein langes Bad mit ein paar der Schaumperlen, die Maggie ihr aus Paris mitgebracht hatte, eine Tasse Tee, ein Buch. Sie würde die große Wanne oben benutzen und so tun, als wäre sie in ihrem eigenen Hause Gast. Statt in ihrem schmalen Bett in dem Zimmer neben der Küche schliefe sie in aller Pracht in dem Raum, den sie insgeheim als das Brautgemach bezeichnete.

»Heute abend sind wir König und Königin, Con«, erklärte sie dem Hund, während sie großzügig Schaumperlen unter das aus dem Hahn strömende Wasser schüttete. »Wir essen im Bett und lesen dazu ein Buch von unserem zukünftigen Gast. Einem bedeutenden Amerikaner«, fügte sie hinzu, und Con wedelte zufrieden mit dem Schwanz.

Sie glitt aus ihren Kleidern, stieg in das heiße, duftende Wasser und stieß einen wohligen Seufzer aus. Eine Liebesgeschichte wäre passender, dachte sie, als sie den Thriller mit dem Titel Das Erbe des Heliotrops in die Hände nahm. Trotzdem lehnte sie sich gemütlich zurück und versank in der Geschichte einer von der Vergangenheit gequälten und in der Gegenwart gefährdeten Frau.

Die Geschichte fesselte sie so sehr, daß sie das Buch, als das Wasser kalt wurde, in eine Hand nahm und, während sie sich mit der anderen Hand abtrocknete, weiterlas. Zitternd streifte sie sich ein langes Flanellnachthemd über den Kopf und zog die Nadeln aus ihrem Haar. Nur aus jahrelanger Gewohnheit heraus legte sie das Buch lange genug zur Seite, um das Bad zu reinigen. Aber auf das Abendessen verzichtete sie, kuschelte sich statt dessen ins Bett und zog sich die Decke bis zum Kinn.

Sie hörte kaum, wie der Wind an den Fenstern zerrte und der Regen gegen die Scheiben schlug. Grayson Thanes Geschichte hatte Brianna in die schwüle Hitze eines Südstaatensommers versetzt, wo sie auf der verzweifelten Flucht vor einem Mörder war.

Mitternacht war längst vorüber, und schließlich siegte die Müdigkeit. Das Buch in der Hand, den schnarchenden Hund neben dem Bett und das furchtsame Geheul des Windes im Ohr, schlief sie ein. Und träumte – wie sollte es anders sein – von kaltem Grauen und nackter Angst.

Grayson Thane war ein impulsiver Mensch. Aber er war sich dieser Schwäche bewußt, und so nahm er die dadurch entstehenden Katastrophen im allgemeinen ebenso gelassen wie die Triumphe hin. Im Augenblick war er gezwungen zuzugeben, daß der Impuls, mitten im Winter, in einem der schlimmsten Unwetter, das er je erlebt hatte, von Dublin nach Clare zu fahren, ein Fehler gewesen war.

Aber zugleich sah er die Tour als Abenteuer an. Und Abenteuer hatte er schon immer geliebt.

Kurz hinter Limerick hatte er eine Reifenpanne gehabt, und bis diese behoben war, hatte er sich trotz des Regenmantels, den er eine Woche zuvor in London erstanden hatte, wie eine ertrunkene Ratte gefühlt.

Zweimal hatte er sich verfahren und war schmale, gewundene Straßen entlang gekrochen, die kaum breiter waren als die Gräben, die man zu ihren Seiten sah. Im Verlauf seiner Nachforschungen hatte er gelesen, wenn man sich in Irland verfuhr, würde einem erst der ganze Charme des Landes offenbart.

Ganz glauben konnte er das nicht.

Er hatte Hunger, war bis auf die Haut durchnäßt und fürchtete, sein Benzin reiche vielleicht nicht, bis er an irgendeine Örtlichkeit käme, die auch nur im entferntesten an einen Gasthof oder gar ein Dorf erinnerte.

Vor seinem geistigen Auge tauchte die Landkarte auf. Sich Bilder vergegenwärtigen zu können war ein angeborenes Talent, und ohne große Mühe rief er sich jede Linie der Karte, die ihm von seiner Wirtin geschickt worden war, ins Gedächtnis zurück.

Das Problem bestand darin, daß es stockfinster war, daß der Regen wie ein reißender Fluß über die Windschutzscheibe schoß und daß der Sturm seinen Mercedes auf diesem gottverlassenen Abziehbild einer Straße herumwarf, als wäre er ein Blechspielzeug.

Er wünschte sich verzweifelt eine Tasse Kaffee.

Als sich die Straße gabelte, bog Gray nach dem Zufallsprinzip nach links. Wenn er nicht innerhalb der nächsten zehn Minuten die Pension oder etwas Ähnliches fände, würde er in dem verdammten Auto schlafen und morgen früh weitersuchen. Für heute nacht jedenfalls hatte er genug.

Schade, daß er nichts von der Umgebung sah. Die finstere Trostlosigkeit des Sturms weckte das Gefühl in ihm, daß diese Landschaft genau seinen Wünschen entsprach. Sein nächster Thriller würde hier spielen, im irischen Westen, zwischen den Klippen, gegen die drohend der Atlantik schlug, und den hügeligen Feldern, in deren Senken beschauliche Dörfer kauerten. Vielleicht entdeckte er genau in diesem Augenblick auch schon seinen erschöpften, der Welt müden Helden, der inmitten eines Unwetters in dieser unwirtlichen Region strandete.

Er kniff die Augen zusammen und spähte in die Dunkelheit. Sah er da tatsächlich ein Licht? Bei Gott, er hoffte es. Er kam an einem heftig schwankenden Schild vorbei, wendete den Wagen, richtete die Scheinwerfer auf die Schrift und grinste.

Er hatte tatsächlich das Blackthorn Cottage erreicht. Auf seinen Orientierungssinn war also doch Verlaß. Er hoffte, seine Wirtin erwies sich als die Personifizierung der legendären irischen Gastfreundschaft – schließlich kam er zwei Tage zu früh. Und dann auch noch nachts um zwei.

Gray suchte nach einer Einfahrt, aber außer regennassen Hecken sah er nichts. Mit einem Schulterzucken stellte er das Auto an der Straße ab. Alles, was er für diese Nacht benötigte, befand sich in einem Rucksack auf dem Beifahrersitz. Er schnappte ihn, ließ den Wagen, wo er war, und trat in den Sturm hinaus.

Wie eine zornige Furie schlug ihm der Wind ins Gesicht. Er schwankte, wäre um ein Haar in die tropfnasse Fuchsienhecke gestürzt und stolperte, mehr durch Glück als mit Absicht, gegen das Gartentor. Er öffnete es, trat hindurch und warf sich dagegen, damit es sich wieder schloß. Er wünschte, vom Haus wäre mehr als der bloße Umriß zu sehen, aber abgesehen von einer einzigen Lampe in einem der oberen Räume waren alle Lichter gelöscht, so daß das Gebäude völlig im Dunkeln lag.

Das Licht der Lampe kam ihm wie das Signalfeuer eines Leuchtturms vor, und wieder träumte er von Kaffee.

Er klopfte an, doch niemand kam. Durch das Tosen des Windes hindurch würde man es wahrscheinlich noch nicht einmal hören, wenn er mit einem Rammbock gegen die Tür stieße. In weniger als zehn Sekunden hatte er beschlossen, daß es das beste wäre, er träte einfach ein.

Immer noch sah er nichts, sondern war auf Empfindungen beschränkt. In seinem Rücken toste der Sturm, während aus dem Inneren des Hauses heimelige Wärme drang. Außerdem nahm er wohlige Düfte wahr – Zitrone, Möbelpolitur, Lavendel und Rosmarin. Vielleicht stellte die alte irische Wirtin ihr eigenes Potpourri her? Vielleicht würde sie ja wach und bereitete ihm noch eine heiße Mahlzeit zu?

Plötzlich drang ein dunkles, wildes Knurren an sein Ohr. Er spannte sich an, hob den Kopf und sah sich mit zusammengekniffenen Augen um. Dann waren seine Gedanken während eines verblüffenden Augenblicks wie ausgelöscht.

Im nachhinein kam ihm die Szene vollkommen unwirklich vor, wie aus einem Buch. Einem seiner eigenen vielleicht. Die schöne Frau, das lange, weiße, sich blähende Nachthemd, das Haar, das sich wie feuriges Gold über ihre Schultern ergoß. Ihr bleiches Gesicht im flackernden Licht der Kerze, die sie hielt. Der Hund, dessen Halsband sie mit der anderen Hand umklammerte und der ihr bis zur Hüfte reichte, sah aus wie ein Wolf.

Sie stand reglos am oberen Treppenabsatz und starrte mit großen Augen auf ihn herab. Sie hätte aus Marmor sein können oder aus Eis. Auf jeden Fall war sie makellos.

Dann zerrte der Hund an seinem Halsband, und mit einer Bewegung, die ihr Nachthemd wogen ließ, zog sie ihn zurück.

»Sie lassen den Regen rein«, sagte sie mit einer Stimme, die ebenso märchenhaft wie ihr Aussehen war. Sanft, melodiös, mit dem singenden, irischen Rhythmus, dessentwegen er gekommen war.

»Tut mir leid.« Er tastete nach der Tür und warf sie ins Schloß, so daß das Tosen des Sturms nur noch als Hintergrundgeräusch auszumachen war.

Das Herz klopfte ihr bis zum Hals. Das Geräusch der Tür und Cons Reaktion hatten sie aus einem furchterregenden Alptraum aufgeschreckt. Und nun stand sie da und starrte auf einen schwarz gekleideten, formlosen Mann hinab, dessen Gesicht in der Dunkelheit nicht zu erkennen war. Als er nähertrat, hielt sie Con mit zitternder Hand am Halsband zurück.

Jetzt sah sie ein langes, schmales Gesicht. Das Gesicht eines Dichters mit großen, neugierigen Augen und einem ernsten Mund. Das Gesicht eines Piraten, durch die vorstehenden Wangenknochen markant und durch die feuchten, langen, hellen Locken wieder sanft gemacht.

Es war dumm, sich zu fürchten, schalt sie sich. Schließlich war er ein ganz normaler Mann.

»Haben Sie sich verirrt?« fragte sie.

»Nein.« Er sah sie mit einem freundlichen Lächeln an. »Ich bin gerade angekommen. Dies ist doch das Blackthorn Cottage, oder nicht?«

»Allerdings.«

»Ich bin Grayson Thane. Ich bin etwas früher gekommen, aber Miss Concannon erwartet mich.«

»Oh.« Brianna murmelte etwas, das Gray nicht verstand, aber es hatte die Wirkung, daß sich der Hund zu entspannen schien. »Ich habe Sie erst am Freitag erwartet, Mr. Thane. Aber trotzdem heiße ich Sie herzlich willkommen.« Den Hund neben sich und die flackernde Kerze in der Hand, kam sie die Treppe herunter. »Ich bin Brianna Concannon«, sagte sie und reichte ihm die Hand.

Er starrte sie einen Moment lang sprachlos an. Er hatte eine nette, rundliche Frau mit einem grauen Knoten erwartet statt dieses zauberhaften Geschöpfs. »Ich habe Sie aufgeweckt«, brachte er schließlich dümmlich heraus.

»Normalerweise bringen wir die Nächte hier schlafend zu, das stimmt. Aber kommen Sie doch und setzen sich vor den Kamin.« Sie ging ins Wohnzimmer, machte Licht, stellte die Kerze ab, blies sie aus, drehte sich zu ihm um und nahm ihm den nassen Mantel ab. »Was für eine furchtbare Nacht, um unterwegs zu sein.«

»Das habe ich ebenfalls festgestellt.«

Ohne den Regenmantel sah er eindeutig weniger unförmig aus. Er war schlank und drahtig und kleiner als in Briannas furchtsamer Phantasie. Wie ein Boxer, dachte sie, und lächelte über sich selbst. Der Mann war kein Dichter, kein Pirat und kein Boxer, sondern Schriftsteller und obendrein ihr Gast. »Wärmen Sie sich erst einmal auf, Mr. Thane. Ich mache Ihnen schnell einen Tee. Oder möchten Sie vielleicht lieber ...« Sie hatte ihm anbieten wollen, sich erst einmal das Zimmer anzusehen, doch nun fiel ihr ein, daß sie selbst in eben diesem Zimmer schlief.

»Ich träume seit einer Stunde von einer Tasse Kaffee. Falls es Ihnen also keine allzu großen Umstände macht ...«

»Kein Problem. Machen Sie es sich doch solange bequem.«

Es war eine zu hübsche Szene, um allein zu sein. »Ich komme einfach mit in die Küche. Ich habe sowieso schon ein schlechtes Gewissen, weil ich Sie um diese Zeit aus dem Bett aufgescheucht habe.« Er hielt Con die Hand hin, die dieser interessiert beschnupperte. »Was für ein Hund. Eine Minute lang dachte ich allen Ernstes, er wäre ein Wolf.«

»Wolfshund wäre die richtige Bezeichnung.« Sie dachte bereits über die Bewirtung ihres Gastes nach. »Sie können gerne mit in die Küche kommen, wenn es Ihnen dort besser gefällt. Sie haben sicher Hunger, nicht wahr?«

Er rieb Cons Schädel und grinste auf sie herab. »Miss Concannon, ich glaube, ich habe mich schon jetzt in Sie verliebt.«

Sie errötete. »Nun, wenn Sie Ihr Herz bereits für einen Teller Suppe verschenken, scheinen Sie ein großzügiger Mensch zu sein.«

»Nach allem, was mir über Ihre Kochkünste zu Ohren gekommen ist, ist dies wohl ein angemessener Preis.«

»Oh?« Sie führte ihn in die Küche und hängte seinen tropfnassen Mantel an einen Haken neben der Hintertür.

»Eine Freundin einer Cousine meiner Verlegerin hat, ich glaube letztes Jahr, bei Ihnen gewohnt, und sie sagt, daß die Wirtin des Blackthorn Cottages wie ein Engel kocht.« Allerdings hatte ihm niemand erzählt, daß auch ihr Aussehen das eines Engels war.

»Was für ein nettes Kompliment.« Brianna stellte den Wasserkessel auf und gab ein wenig Suppe in einen Topf. »Ich fürchte, daß ich Ihnen heute nacht nur ein paar einfache Sachen anbieten kann, Mr. Thane, aber wenigstens gehen Sie nicht hungrig zu Bett.« Sie nahm ein Brot aus einer Dose und schnitt dicke Scheiben ab. »Waren Sie heute lange unterwegs?«

»Ich bin erst ziemlich spät aus Dublin losgefahren. Eigentlich hatte ich noch einen Tag dort bleiben wollen, aber dann hat mich die Reiselust gepackt.« Lächelnd nahm er das Brot, das sie auf den Tisch gelegt hatte, und biß herzhaft hinein. »Es war an der Zeit weiterzuziehen. Führen Sie die Pension ganz allein?«

»Ja. Und ich fürchte, daß es um diese Jahreszeit nicht allzuviel Gesellschaft für Sie geben wird.«

»Ich bin nicht gekommen, um Gesellschaft zu haben«, sagte er und sah zu, wie sie Kaffeepulver in den Filter gab. Langsam wurde die Küche von einem himmlischen Duft erfüllt.

»Sie sagten, Sie wollten hier arbeiten. Es muß wunderbar sein, wenn man Geschichten erzählen kann.«

»Manchmal schon.«

»Ihre Geschichten gefallen mir.« Sie nahm eine dunkelblaue Töpferschale aus dem Schrank und füllte die Suppe hinein.

Er sah sie mit hochgezogenen Brauen an. Normalerweise wurde er von den Leuten immer mit Dutzenden von Fragen bombardiert. Wie schreiben Sie, woher bekommen Sie Ihre Ideen – was ihm die verhaßteste Frage war –, wie finden Sie einen Verleger? Und auf die Fragen folgte normalerweise unweigerlich die Information, daß der Frager ebenfalls eine Geschichte wußte, die sich sicher veröffentlichen ließ.

Aber sie sagte nur diesen einen Satz, und Gray merkte, daß er abermals das Gesicht zu einem Lächeln verzog. »Vielen Dank. Manchmal gefallen sie mir auch.« Er beugte sich vor und atmete den Duft der Suppe ein. »Riecht aber nicht unbedingt wie eine einfache Sache, finde ich.«

»Es ist eine schlichte Gemüsesuppe mit etwas Rindfleisch drin. Ich kann Ihnen auch gern ein Sandwich machen, wenn Ihnen nicht nach Suppe zumute ist.«

»Nein, nein, die Suppe ist wunderbar.« Er kostete und seufzte genießerisch. »Phantastisch.« Er hob den Kopf und sah sie wieder an. Wirkte ihre Haut wohl immer so rosig und weich? überlegte er. Oder lag es vielleicht einfach an ihrer Schläfrigkeit? »Eigentlich sollte es mir leid tun, daß ich Sie geweckt habe«, sagte er und schob sich einen zweiten Löffel Suppe in den Mund. »Aber das hier macht es mir schwer.«

»Eine gute Pension steht einem Reisenden immer offen, Mr. Thane.« Sie stellte ihm seinen Kaffee hin und winkte dem Hund, der sich sofort von seinem Platz neben dem Tisch erhob. »Nehmen Sie sich ruhig noch Suppe nach, wenn Sie wollen. Ich richte nur schnell Ihr Zimmer her.«

Sie ging hinaus und eilte die Treppe hinauf. Sie müßte die Bettwäsche wechseln und die Handtücher im Bad, denn es kam nicht in Frage, daß er ein anderes Zimmer bekam. Als ihr einziger Gast hatte er ein Anrecht auf das Beste, was es gab.

Sie arbeitete schnell und klopfte gerade die Kissen in den spitzenbedeckten Hüllen auf, als sie hinter sich ein Geräusch vernahm.

Ihre erste Reaktion war Bestürzung, ihn in der Tür stehen zu sehen. Ihre zweite Reaktion war Resignation. Schließlich war es ihr Zuhause. Schließlich hatte sie das Recht, dort zu schlafen, wo es ihr gefiel.

»Ich habe mir einen schönen Abend gegönnt«, setzte sie an und zupfte die Tagesdecke zurecht.

Seltsam, daß eine Frau, die eine so simple Arbeit wie Bettenmachen erledigte, so unverschämt sexy aussehen konnte, dachte er. Offenbar war er müder, als er es sich selbst eingestand.

»Anscheinend habe ich Sie auf mehr als eine Art aus dem Bett geworfen. Es wäre allerdings nicht nötig gewesen, extra meinetwegen umzuziehen.«

»Dies ist das Zimmer, für das Sie bezahlen. Es ist warm. Ich habe den Kamin angemacht, und außerdem haben Sie Ihr eigenes Bad. Falls Sie ...«

Sie unterbrach sich, denn plötzlich trat er hinter sie. Das Prickeln in ihrem Rücken ließ sie erstarren, aber er griff nur nach dem Buch, das auf dem Nachttisch lag.

Brianna räusperte sich und trat einen Schritt zurück. »Ich bin über der Lektüre eingeschlafen«, setzte sie an, doch dann riß sie bestürzt die Augen auf. »Ich wollte damit nicht sagen, daß es mich gelangweilt hat. Ich ...« Sie merkte, daß er lächelte. Nein, er grinste – und unweigerlich verzog sie ebenfalls den Mund. »Ich habe Alpträume davon bekommen.«

»Vielen Dank.«

Sie entspannte sich wieder und schlug automatisch einladend die Tagesdecke zurück. »Und als Sie plötzlich in der Tür standen, habe ich mir das Schlimmste vorgestellt. Ich war mir sicher, der Mörder wäre bei mir aufgetaucht. Ich habe mir sogar eingebildet, ich sähe das blutige Messer in Ihrer Hand.«

»Und, wer ist der Mörder?«

Sie zog überrascht die Brauen hoch. »Ich weiß es nicht, aber ich habe einen gewissen Verdacht. Sie haben eine clevere Art, die Gefühle der Leser zu beeinflussen, Mr. Thane.«

»Gray«, sagte er und reichte ihr das Buch. »Schließlich teilen wir, wenn auch auf eine etwas unkonventionelle Art, heute nacht ein Bett.« Noch ehe sie etwas erwidern konnte, nahm er ihre Hand und hob sie an seinen Mund. »Danke für die Suppe.«

»Gern geschehen«, sagte sie verwirrt, und: »Schlafen Sie gut.«

Das täte er zweifellos. Brianna hatte kaum die Tür hinter sich zugezogen, als er seine Kleider abstreifte und sich nackt unter die Decke schob. Die Luft war von einem schwachen Fliederduft und von einem Geruch erfüllt, der ihn an eine Sommerwiese erinnerte und der ihm bereits aus Briannas Haaren in die Nase gestiegen war.

Lächelnd schlief er ein.

2. Kapitel

Es regnete immer noch. Das erste, was Gray bemerkte, als er am nächsten Morgen die Augen öffnete, war die Düsterheit, die keine Tageszeit erkennen ließ. Die alte Uhr auf dem steinernen Kaminsims stand auf Viertel nach neun, doch er war optimistisch genug anzunehmen, daß es nicht Abend, sondern Morgen war.

Letzte Nacht hatte er sich den Raum nicht genauer angesehen. Die Müdigkeit und der hübsche Anblick von Brianna Concannon, wie sie sein Bett machte, hatten sein Hirn umnebelt. Also unterzog er sein Zimmer jetzt einer eingehenden Musterung, während er noch gemütlich unter der kuschlig warmen Decke lag. Die Tapeten an den Wänden erweckten den Eindruck, als rankten sich winzige Veilchen und Rosenknospen vom Boden zur Decke hinauf. Das Feuer, das inzwischen verloschen war, hatte in einem steinernen Kamin geflackert, und in einer bemalten Kiste daneben wurden Torfbriketts aufbewahrt.

Der antike, robuste Schreibtisch war auf Hochglanz poliert, und auf seiner Platte standen eine Messinglampe, ein altes Tintenfaß und eine Glasschüssel, die ein duftendes Potpourri enthielt. Auf dem Ankleidetisch, über dem ein Spiegel hing, stand eine Vase mit getrockneten Blumen, und der kleine Beistelltisch wurde von zwei blaßrosa bezogenen Sesseln flankiert. Auf dem Boden lag ein geflochtener Teppich, der die gedämpften Töne des Raums und der Wildblumendrucke an den Wänden wiedergab.

Gray lehnte sich gähnend gegen das Kopfbrett seines Betts. Er brauchte keine Gemütlichkeit, wenn er arbeitete, aber er schätzte sie durchaus. Alles in allem fand er, hatte er gut gewählt.

Er dachte daran, sich noch einmal auf die Seite zu rollen und weiterzuschlafen. Er hatte die Käfigtür noch nicht hinter sich zugemacht – eine Analogie, die er häufig verwendete, wenn er von seiner schriftstellerischen Arbeit sprach. Kühle, verregnete Vormittage waren überall auf der Welt dazu bestimmt, daß man sie im Bett verbrachte. Aber dann dachte er an seine Wirtin, die hübsche Brianna mit dem rosigen Gesicht, und die Neugier auf sie veranlaßte ihn, die Füße eilig auf den kalten Boden zu stellen und aufzustehen.

Wenigstens ist das Wasser heiß, dachte er, als er, noch nicht ganz wach, unter der Dusche stand. Und die Seife duftete leicht nach Pinienwald. Auf seinen zahllosen Reisen hatte er schon etliche Male eiskalt geduscht. Die schlichte Gemütlichkeit dieses Badezimmers und die weißen, zart bestickten Handtücher jedoch sorgten dafür, daß er innerhalb kürzester Zeit bester Stimmung war. Obgleich er in fast jeder Umgebung, egal, ob in einem Zelt in der Wüste von Arizona oder in einem schwülstigen Hotel an der Riviera, zu Hause war. Gray bildete sich gern ein, daß er die Schauplätze der Handlungen seiner Romane an seine Bedürfnisse anzupassen verstand – es sei denn, natürlich, seine Bedürfnisse änderten sich.

Während der kommenden Monate, dachte er, wäre diese gemütliche Pension in Irland genau das richtige für ihn. Vor allem, da die Wirtin von überraschendem Liebreiz war. Schönheit war immer ein Plus.

Er sah keine Veranlassung, sich zu rasieren und zog sich Jeans und ein zerrissenes Sweatshirt an. Da der Wind nachgelassen hatte, würde er im Anschluß an das Frühstück ein bißchen spazierengehen, um sich die nähere Umgebung anzusehen.

Aber zunächst einmal nähme er ein gemütliches Frühstück ein.

Es überraschte ihn nicht, daß er sie in der Küche fand. Der Raum – der aufgeheizte Ofen, die hellen Wände, die sauberen und aufgeräumten Arbeitsflächen – wirkte wie für sie gemacht.

Heute morgen hatte sie ihr Haar hochgesteckt, wahrscheinlich, weil sie den Knoten auf ihrem Kopf praktischer fand. Und vielleicht war er das auch, dachte Gray, obwohl das Praktische durch die Strähnen, die sich gelöst hatten und sanft um ihren Hals und ihre Wangen flatterten, etwas ungemein Verführerisches bekam.

Doch es war wohl nicht unbedingt von Vorteil, wenn er derartige Gedanken mit seiner Wirtin verband.

Sie buk irgend etwas, und der Duft, der ihm in die Nase stieg, sorgte dafür, daß ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Sicher war es der Duft des Essens und nicht der Anblick der Frau in der züchtigen weißen Schürze, der ihn schlucken ließ.

In diesem Augenblick drehte sie sich um. Sie hielt eine riesige Schüssel im Arm und rührte mit einem Holzlöffel darin herum. Als sie ihn sah, blinzelte sie überrascht, doch dann setzte sie ein beinahe schüchternes Lächeln auf. »Guten Morgen. Sie möchten sicher frühstücken.«

»Ich nehme an, was da so verlockend riecht.«

»Nein, das tun Sie nicht.« Mit einer Geschicklichkeit, die er unweigerlich bewunderte, goß sie den Inhalt der Schüssel in eine Backform. »Es ist ein Kuchen für den Nachmittagstee. Außerdem ist er noch nicht fertig«, sagte sie.

»Apfel.« Er schnupperte. »Zimt.«

»Sie haben eine gute Nase. Meinen Sie, daß Sie mit einem irischen Frühstück fertig werden, oder hätten Sie lieber etwas Leichteres?«

»An etwas Leichtes hatte ich nicht unbedingt gedacht.«

»Also gut, dann. Das Eßzimmer liegt hinter dieser Tür. Ich bringe Ihnen Kaffee und Brötchen, damit Sie nicht verhungern, bis der Rest fertig ist.«

»Kann ich vielleicht hier in der Küche essen?« Er lehnte sich gegen den Türrahmen und setzte sein charmantestes Lächeln auf. »Oder stört es Sie, wenn man Sie beim Kochen beobachtet?« Oder wenn man sie selbst beobachtete, dachte er.

»Nicht im geringsten.« Einige ihrer Gäste frühstückten gern in der Küche, obgleich der Großteil von ihnen sich lieber bedienen ließ. Sie schenkte ihm den bereits aufgebrühten Kaffee ein. »Sie trinken ihn schwarz, nicht wahr?«

»Stimmt genau.« Immer noch stehend und ohne den Blick von ihr abzuwenden, nippte er daran. »Sind Sie in diesem Haus aufgewachsen?«

»Ja.« Sie legte fette Würstchen in die Pfanne.

»Es wirkt mehr wie ein Zuhause als wie eine Pension.«

»Das soll es auch. Wissen Sie, wir hatten eine Farm, aber das Land haben wir größtenteils verkauft, so daß uns heute nur noch das Haus und das kleine Cottage weiter unten gehören. Hin und wieder leben dort meine Schwester und ihr Mann.«

»Hin und wieder?«

»Er hat ein Haus in Dublin, wo auch eine seiner Galerien ist. Sie ist Künstlerin.«

»Oh, was für eine Künstlerin, wenn man fragen darf?«

Lächelnd fuhr sie mit dem Kochen fort. Die meisten Menschen verbanden mit dem Begriff Künstlerin automatisch Malerei, worüber Maggie immer wütend war. »Sie ist Glasbläserin. Das da ist zum Beispiel von ihr.« Brianna wies auf die Schale auf dem Küchentisch. Mit den miteinander verschmelzenden Pastelltönen und dem glatt geschwungenen Rand sah das Gefäß wie eine von sanftem Regen gebleichte Blüte aus.

»Beeindruckend.« Neugierig trat er näher an die Schale heran und fuhr mit einem Finger über den gewellten Rand. »Concannon«, murmelte er und lachte still in sich hinein. »Verdammt, M. M. Concannon, die irische Sensation.«

Briannas Augen blitzten freudig auf. »Nennt man sie wirklich so? Oh, das wird ihr gefallen.« Stolz mischte sich in ihre Stimme, als sie sagte: »Und Sie haben ihre Arbeit erkannt.«

»Zumindest hätte ich sie erkennen sollen. Schließlich habe ich selbst gerade vor zwei Wochen in London eine – tja, was? –, ich schätze, es ist eine Skulptur – von ihr gekauft. Worldwide Galleries.«

»Rogans Galerie. Rogan ist ihr Ehemann.«

»Wie praktisch.« Er ging zum Herd und schenkte sich eine zweite Tasse Kaffee ein. Die Würstchen in der Pfanne verströmten einen verführerischen Duft. »Ein erstaunliches Stück. Schneeweißes Glas mit einem Funken Feuer drin. Ich fand, es sah aus wie die Festung der Einsamkeit.« Als er ihrem verständnislosen Blick begegnete, lachte er. »Ich nehme an, daß Sie kein Fan amerikanischer Comics sind. Supermans privates Heiligtum, in der Arktis, glaube ich.«

»Das wird ihr gefallen. Maggie hat eine Vorliebe für private Heiligtümer.« Unbewußt schob sie eine lose Strähne hinter die Nadeln zurück. Sie zitterte ein wenig, was wohl an der unverhohlenen und auf beunruhigende Weise intimen Musterung lag, der er sie unterzog. Sicher war es der Schriftsteller in ihm, der sie so eingehend maß, sagte sie sich und warf Kartoffeln in das spritzende Fett.

»Im Augenblick richten sie eine Galerie hier in Clare ein«, fuhr sie fort. »Die Eröffnung findet im Frühjahr statt. Hier, nehmen Sie sich schon mal etwas Porridge, solange der Rest noch kocht.«

Porridge. Das war einfach perfekt. Ein verregneter Morgen in einem irischen Cottage und eine dicke braune Schüssel Porridge. Lächelnd setzte er sich an den Tisch.

»Schreiben Sie ein Buch, das in Irland spielt?« Sie blickte über ihre Schulter zu ihm hin. »Ich hoffe, die Frage stört Sie nicht.«

»Keineswegs. Genau das habe ich vor. Verregnete Felder, hoch aufragende Klippen, Einsamkeit.« Er zuckte mit den Schultern. »Saubere, kleine Dörfer. Aber vor allem geht es um die Leidenschaft und Ambitionen, die hinter dieser Postkartenidylle verborgen sind.«

Jetzt lachte sie, während sie den Schinken wendete. »Ich weiß nicht, ob das Ausmaß der Leidenschaften und Ambitionen der Menschen hier für Sie ausreichend ist, Mr. Thane.«

»Gray.«

»Ja, Gray.« Sie nahm ein Ei und zerbrach es mit einer Hand, so daß das Innere in die Pfanne troff. »Nun, ich selbst habe letztes Jahr einen leidenschaftlichen Wutanfall bekommen, als eine von Murphys Kühen durch den Zaun brach und meine Rosen zertrampelte. Und soweit ich mich erinnere, gab es vor nicht allzulanger Zeit vor O’Malleys Pub zwischen Tommy Duggin und Joe Ryan eine wüste Schlägerei.«

»Ging es dabei vielleicht um eine Frau?«

»Nein, um ein Fußballspiel im Fernsehen. Aber es hieß, die beiden wären zu dem Zeitpunkt betrunken gewesen und hätten sich, als sie wieder nüchtern waren, sofort versöhnt.«

»Nun, Fiktion ist sowieso auf nichts als Lügen aufgebaut.«

»Ist sie nicht.« Sie stellte einen Teller vor ihn auf den Tisch und sah ihn mit ihren sanften, ernsten grünen Augen an. »Es ist eine andere Art von Wahrheit. Während Sie schreiben, ist es Ihre Wahrheit, oder nicht?«

Ihre Sichtweise überraschte ihn, und beinahe verlegen sagte er: »Ja. Ja, genau.«

Zufrieden wandte sie sich wieder dem Ofen zu, wo sie Würstchen, Schinken, Eier und Kartoffelpfannkuchen auf eine Platte zu häufen begann. »Sie werden bestimmt die Sensation des gesamten Dorfes sein. Wissen Sie, wir Iren sind ganz versessen auf Schriftsteller jeder Art.«

»Ich bin nicht Yeats.«

Sie lächelte zufrieden, als er ordentliche Portionen auf seinen Teller lud. »Aber das wollten Sie doch auch gar nicht, nehme ich an.«

Während er in seine erste Scheibe Schinken biß, blickte er auf. Wie hatte sie ihn nur so schnell durchschaut? fragte er sich. Ihn, der stolz war auf die Aura des Geheimnisvollen, die ihn umgab – ihn, der als Mann ohne Vergangenheit und Zukunft galt.

Ehe er etwas erwidern konnte, flog die Küchentür auf, und ein Wirbelwind aus Regen und Frau kam hereingefegt. »Irgend so ein Idiot hat seinen Wagen genau vor deinem Haus mitten auf der Straße abgestellt, Brie.« Maggie unterbrach sich, zog die tropfnasse Mütze vom Kopf und bedachte Gray mit einem argwöhnischen Blick.

»Ich bekenne mich schuldig«, sagte er und hob die Hand. »Ich habe einfach nicht mehr an den Wagen gedacht. Aber ich fahre ihn sofort an den Straßenrand.«

»Jetzt brauchen Sie sich auch nicht mehr zu beeilen.« Sie bedeutete ihm, wieder Platz zu nehmen, und zog ihren Mantel aus. »Frühstücken Sie erst mal zu Ende. Ich habe Zeit. Sie müssen der schreibende Amerikaner sein.«

»Doppelt schuldig«, sagte er. »Und Sie müssen M. M. Concannon sein.«

»Allerdings.«

»Meine Schwester Maggie«, sagte Brianna, während sie Tee in zwei Becher goß. »Grayson Thane.«

Mit einem Seufzer der Erleichterung warf sich Maggie auf einen Stuhl. Das Baby entfachte mit seinen Tritten in ihrem Inneren einen zweiten Sturm. »Ein bißchen früh, oder?«

»Ich habe meine Pläne geändert.« Sie war eine herbere Version von Brianna, dachte Gray. Rötere Haare, grünere Augen  – ein schärferer Blick. »Ihre Schwester war so freundlich, mich deshalb nicht im Garten übernachten zu lassen.«

»Oh, sie hat einfach ein zu weiches Herz, unsere Brie.« Maggie nahm sich eine Scheibe Schinken von der Platte. »Apfelkuchen?« fragte sie und schnupperte.

»Für den Nachmittagstee.« Brianna holte eine Kuchenform aus dem Ofen und stellte eine zweite hinein. »Du und Rogan seid herzlich dazu eingeladen, wenn ihr wollt.«

»Vielleicht kommen wir vorbei.« Sie nahm sich ein Brötchen und nagte daran herum. »Wie ich hörte, haben Sie die Absicht, eine Weile zu bleiben?« sagte sie, an Gray gewandt.

»Maggie, ich habe dir schon x-mal gesagt, daß du meine Gäste nicht immer so ausfragen sollst. Ich habe ein paar Brötchen mehr gebacken, falls du welche mitnehmen willst.«

»Ich gehe noch nicht. Rogan hängt mal wieder stundenlang am Telefon. Eigentlich wollte ich ins Dorf, um Brot zu holen.«

»Ich habe mehr als genug.«

Maggie lachte und biß erneut in ihr Brötchen. »Das hatte ich gehofft.« Dann wandte sie sich abermals an Gray. »Sie backt genug für das ganze Dorf.«

»Das künstlerische Talent scheint bei Ihnen in der Familie zu liegen«, sagte Gray in leichtem Ton. Er häufte sich Erdbeermarmelade auf ein Stück Brot und schob dann das Glas Maggie hin. »Sie sind eine Künstlerin im Umgang mit Glas, und Brianna ist eine Künstlerin, wenn es ums Kochen geht.« Schamlos betrachtete er den Kuchen, der zum Abkühlen auf dem Ofen stand. »Wann wird bei Ihnen der Tee serviert?«

Maggie grinste ihn an. »Ich glaube, Sie gefallen mir.«

»Ich glaube, Sie mir auch.« Er stand auf. »Und jetzt fahre ich den Wagen an die Seite.«

»Stellen Sie ihn doch einfach in der Einfahrt ab.«

Er war ehrlich verwirrt. »In was für einer Einfahrt?«

»Auf dem schmalen Weg direkt neben dem Haus. Brauchen Sie jemanden, der Ihnen mit Ihrem Gepäck behilflich ist?«

»Nein, ich komme schon zurecht. Freut mich, Sie kennengelernt zu haben, Maggie.«

»Freut mich ebenfalls.« Maggie leckte sich die Finger ab und wartete, bis sich die Tür hinter ihm schloß. »Er sieht besser aus als auf den Fotos hinten auf seinen Büchern.«

»Allerdings.«

»Man sollte nicht meinen, daß ein Schriftsteller eine solche Figur haben kann – so stark und muskulös.«

Brianna wußte, daß Maggie auf eine Reaktion wartete, und so wandte sie ihr weiterhin den Rücken zu. »Stimmt, er scheint gar nicht schlecht gebaut zu sein. Obwohl man nicht meinen sollte, daß eine im sechsten Monat schwangere, verheiratete Frau der Figur eines fremden Mannes überhaupt Beachtung schenkt.«

Maggie stieß ein verächtliches Schnauben aus. »Man sollte meinen, daß jede Frau ihm Beachtung schenkt. Und falls du es noch nicht getan hast, gehst du am besten mal zu einem Augenarzt.«

»Ich sehe hervorragend, vielen Dank. Aber warst du nicht diejenige, die sich Sorgen gemacht hat bei dem Gedanken, daß ich mit ihm ganz alleine bin?«

»Das war, bevor ich beschloß, daß er mir gefällt.«

Mit einem leisen Seufzer sah Brianna in Richtung Küchentür. Da sie ihren Gast jeden Moment zurückerwartete, befeuchtete sie ihre Lippen, beschäftigte ihre Hände, indem sie den Tisch abzuräumen begann, und holte tapfer Luft. »Maggie, ich wäre froh, wenn du später noch einmal vorbeikommen könntest. Es gibt da etwas, was ich mit dir besprechen muß.«

»Dann besprich es doch jetzt mit mir.«

»Das kann ich nicht.« Abermals blickte sie in Richtung der Küchentür. »Dazu muß ich mit dir alleine sein. Es ist wichtig.«

»Du bist ja ganz durcheinander.«

»Ich weiß nicht, ob ich durcheinander bin.«

»Hat er dir etwas angetan? Der Ami, meine ich?« Trotz ihrer beachtlichen Leibesfülle sprang Maggie kampfbereit von ihrem Stuhl.

»Nein, nein. Es hat nichts mit ihm zu tun.« Brianna stemmte die Hände in die Hüften und sah ihre Schwester an. »Du hast eben noch gesagt, daß du ihn magst.«

»Nicht, wenn er dich derart durcheinanderbringt.«

»Das tut er nicht. Aber was soll’s, um ihn geht es nicht. Kommst du also nachher noch mal vorbei, wenn ich sicher bin, daß er sich eingerichtet hat?«

»Natürlich komme ich.« Maggie legte Brianna die Hand auf die Schulter und bedachte sie mit einem besorgten Blick. »Möchtest du, daß Rogan ebenfalls kommt?«

»Wenn er Zeit hat, ja.« Brianna dachte, daß er Maggie in ihrem Zustand vielleicht eine Hilfe wäre. »Ja, bitte frag ihn, ob er mitkommen kann.«

»Dann also vor dem Nachmittagstee – sagen wir, zwei, drei Uhr?«

»Das wäre gut. Nimm die Brötchen mit, Maggie, und ein Brot. Ich hab jetzt zu tun. Ich möchte Mr. Thane beim Einräumen seiner Sachen behilflich sein.«

Es gab nichts, was Brianna mehr fürchtete als Auseinandersetzungen, zornige Worte und Bitterkeit. Sie war in einem Haus aufgewachsen, in dem die Luft ständig von diesen Dingen zu flimmern schien. Ständig hatten irgendwelche Ressentiments zu fürchterlichen Krächen, irgendwelche Enttäuschungen zu wilden Schreiereien geführt. Um sich abzuschirmen, hatte sie selbst immer versucht, ihre eigenen Gefühle unter Kontrolle zu halten, hatte sie sich so weit wie möglich von den Tobsuchtsanfällen und Zornesausbrüchen entfernt, mit denen ihre Schwester das Elend der Eltern abgewehrt hatte.

Wie oft hatte sie sich gewünscht, sie würde eines Morgens wach, um festzustellen, daß ihre Eltern beschlossen hatten, die Kirche und die Tradition zu ignorieren und endlich getrennter Wege zu gehen. Aber noch öfter, allzu oft, hatte sie gebetet, daß ein Wunder geschähe. Das Wunder, daß ihre Eltern einander wiederentdecken würden und daß der Funke der leidenschaftlichen Liebe neu entzündet würde, der so viele Jahre zuvor das Bindeglied zwischen den beiden gewesen war.

Inzwischen verstand sie allerdings zumindest teilweise, weshalb dieses Wunder nicht eingetreten war. Amanda. Der Grund für die dauerhafte Entfremdung hatte einen Namen gehabt. Amanda Dougherty.

Hatte ihre Mutter es gewußt? Hatte sie gewußt, daß der Ehemann, den sie nach einer Weile verachtet hatte, eine andere geliebt hatte als sie? Wußte sie, daß ein inzwischen erwachsenes Kind das Ergebnis dieser verwegenen, verbotenen Liebe war?

Diese Frage könnte sie niemals stellen, dachte sie. Die furchtbare Szene, die das Ergebnis dieser Frage wäre, ertrüge sie einfach nicht.

Schließlich hatte sie bereits den Großteil des Tages in Furcht vor dem Gespräch mit ihrer Schwester verbracht. Sie kannte Maggie genau, und sie wußte, ihre Reaktion auf diese schmerzliche Desillusionierung wäre Verletztheit und Zorn.

Sie hatte das Gespräch so lange wie möglich hinausgezögert. Sie war feige, und sie schämte sich dafür, aber dann sagte sie sich, daß sie einfach Zeit gebraucht hatte, um sich selbst über ihre Gefühle klar zu werden, ehe sie in der Lage wäre, Maggie eine Stütze zu sein.