Beschreibung

Der Startschuss zur neuen großen Ring-Trilogie!

Ein Sturm tobt in der Welt, ein Kampf zwischen Gut und Böse, denn die dunkle Königin Lilith sammelt ihre Krieger. Morrigan, die Keltengöttin, erteilt Hoyt Mac Cionaoth den Auftrag, seine Gefährten zu sammeln. Seine Suche trägt ihn durch Zeit und Raum bis nach New York City – in die Arme der einzigen Frau, die stark genug ist, ihr Schicksal und ihr Herz mit dem seinen zu verbinden. Doch Glenna Ward hat eigentlich ganz andere Pläne und hält nichts davon, einen undurchsichtigen Kelten im Kampf gegen dunkle Mächte zu begleiten …

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Seitenzahl: 522


Inhaltsverzeichnis
 
Buch
Autorin
Widmung
Prolog
 
Kapitel 1 – Eire, in der Gegend von Chiarrai 1128
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
 
Glossar irischer Wörter, Personen und Orte
Copyright
Buch
»Dies ist der Anfang. In den letzten Tagen des Hochsommers stand der Zauberer auf einem Felsen hoch über der tosenden See, während Blitze blau über einen schwarzen Himmel zuckten. In seinem Inneren herrschte Sturm, so dunkel und heftig wie auf dem Meer, peitschte sein Blut und tobte innen wie außen, während er auf dem regennassen Felsen stand. Der Name seines Sturms war Trauer.«
Irland im Jahre 1128: Ein schrecklicher Sturm tobt über dem Land, als sich Hoyt MacCionaoith seinem schlimmsten Kampf stellt. Die dunkle Königin hat seinen Zwillingsbruder Cian getötet. Ihn will er rächen, doch allein kann Hoyt Lilith nicht besiegen. Da erscheint ihm die keltische Göttin Morrigan im Traum: Durch Zeit und Raum soll der Zauberer reisen, Weggefährten sammeln: »Die Hexe aus seinen Träumen, den Krieger, den Gelehrten, den Einen in vielen Gestalten, und den Einen, der verloren ist. Ein »Ring der sechs«, stark und wahrhaftig. Ein Monat, damit ihr euch findet, einer, um zu lernen, und einer, um zu wissen. Die Schlacht findet an Samhain statt.«
Viele hundert Jahre später hat auch die junge New Yorkerin Glenna Ward höchst unruhige Nächte. Immer wieder schleichen sich Träume eines hoch gewachsenen Kelten in ihren Schlaf. Wutentbrannt fasst sie einen Entschluss: »Sie würde ihn finden. Wenn ein Mann sie frecherweise in seine Träume zog und ihr nicht mehr aus dem Kopf ging, dann würde sie ihn eben aufspüren und herausfinden, warum das so war...«
Autorin
Durch einen Blizzard entdeckte Nora Roberts ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte sie 1979 ein eisiger Schneesturm in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Weitere Informationen finden Sie unter: www.noraroberts.com
Liste lieferbarer Titel
Die Irland-Trilogie: Töchter des Feuers (35405) Töchter des Windes (35013) · Töchter der See (35053) Die Templeton-Trilogie: So hoch wie der Himmel (35091) So hell wie der Mond (35207) · So fern wie ein Traum (35280) Die Sturm-Trilogie: Insel des Sturms (35321) Nächte des Sturms (35322) · Kinder des Sturm (35323) Die Insel-Trilogie: Im Licht der Sterne (35560) Im Licht der Sonne (35561) · Im Licht des Mondes (35562) Die Zeit-Trilogie: Zeit der Träume (35858) Zeit der Hoffnung (35859) · Zeit des Glücks (35860) Die Ring-Trilogie: Grün wie die Hoffnung (1; 36532)
Mitten in der Nacht. Roman (36007) Das Leuchten des Himmels. Roman (36435) Nora Roberts ist J. D. Robb: Ein gefährliches Geschenk (36384)
Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel »Morrigan’s Cross« by Jove Books, The Berkley Publishing Group, a division of The Penguin Group (USA) Inc., New York.
Für meine Brüder Jim, Buz, Don und Bill
Nur die Tapfersten verdienen das Licht.
Dryden
 
Zu Ende denn! Der klare Tag ist hin, Im Dunkel bleiben wir.
William Shakespeare
Prolog
Es war der Regen, der ihn an die Geschichte denken ließ. Er prasselte an die Fensterscheiben, rauschte auf die Dächer herunter und blies seinen bitteren Atem unter der Tür hindurch.
Die Feuchtigkeit machte seinen Knochen zu schaffen, obwohl er am Feuer saß. Das Alter plagte ihn in den langen, nassen Herbstnächten – und in dem dunklen Winter, der bevorstand, würde er es noch mehr spüren.
Die Kinder hatten sich um ihn herum versammelt, sie hockten auf dem Fußboden, hatten sich zu zweit und zu dritt in die Sessel gequetscht. Erwartungsvoll blickten sie ihn an, denn er hatte ihnen eine Geschichte versprochen, um die Langeweile an diesem stürmischen Tag zu vertreiben.
Eigentlich hatte er nicht vorgehabt, ihnen gerade diese Geschichte zu erzählen, zumindest noch nicht, denn manche waren noch so klein, und die Geschichte war eigentlich nichts für zarte Gemüter. Aber der Regen flüsterte ihm zischend die Worte zu, die er sprechen sollte, sodass selbst ein Geschichtenerzähler, oder vielleicht gerade ein Geschichtenerzähler, auf ihn hören musste.
»Ich kenne eine Geschichte«, begann er, und einige der Kinder rutschten aufgeregt hin und her. »Sie handelt von Mut und Feigheit, von Blut und Tod, und vom Leben. Von Liebe und Verlust.«
»Kommen auch Monster vor?«, fragte ein kleines Mädchen, die blauen Augen in ängstlicher Vorfreude weit aufgerissen.
»Monster kommen immer vor«, erwiderte der alte Mann. »So wie es immer Männer gibt, die sich ihnen anschließen, und Männer, die sie bekämpfen.«
»Und Frauen!«, rief eines der älteren Mädchen. Er lächelte.
»Und Frauen. Tapfere und aufrechte, böse und todbringende Frauen. Ich habe beide gekannt. Diese Geschichte, die ich euch heute erzähle, spielt vor langer, langer Zeit. Sie hat viele Anfänge, aber nur ein Ende.«
Der Wind heulte ums Haus, und der alte Mann ergriff seine Teetasse, um sich die Kehle zu befeuchten. Das Feuer knisterte, und im Schein der flackernden Flammen wirkte sein Gesicht wie von güldenem Blut belebt.
»Dies ist ein Anfang. In den letzten Tagen des Hochsommers stand der Zauberer auf einem Felsen hoch über der tosenden See, während Blitze blau über einen schwarzen Himmel zuckten.«
1
Eire, in der Gegend von Chiarrai 1128
Auch in seinem Inneren herrschte Sturm, so dunkel und heftig wie auf dem Meer, peitschte sein Blut und tobte innen wie außen, während er auf dem regennassen Felsen stand.
Der Name seines Sturms war Trauer.
Trauer, die aus seinen Augen funkelte wie die Blitze, die über den Himmel zuckten. Trauer, die die Luft erbeben ließ mit dem dumpfen Grollen und Krachen des Donners.
Hoch reckte er seinen Stab und schrie die Zauberworte. Die roten Blitze seiner Wut und das Tosen des Sturms ließen jeden, der noch draußen war, schleunigst in sein Haus eilen, Türen und Fenster hinter sich verriegeln und die Kinder um sich versammeln, um zu den Göttern zu beten.
Und selbst die Feen in ihre Hügelfestungen zitterten.
Der Felsen bebte, das Meer wurde schwarz wie der Schlund der Hölle, und immer noch tobte der Sturm, und immer noch trauerte er. Der Regen, der aus dem Himmel fiel wie aus einer offenen Wunde, wurde rot wie Blut und kochend heiß, und die Luft roch verbrannt.
Danach hieß sie auf ewig die Nacht der Trauer, und wer sich daran zu erinnern wagte, sprach von dem Zauberer, der hoch aufgerichtet auf der Klippe stand, während der blutige Regen seinen Umhang tränkte und über sein schmales Gesicht rann wie die Tränen des Todes, als er Himmel und Hölle verfluchte.
Er hieß Hoyt, seine Familie waren die Mac Cionaoith, die angeblich von Morrigan abstammte, der Feenkönigin und Göttin. Er besaß große Macht, aber er war noch sehr jung und übte sie mit einer Leidenschaft aus, die keinen Raum für Vorsicht, für Pflicht, für Licht ließ. Sie war sein Schwert und seine Lanze.
Er rief in diesem furchtbaren Sturm den Tod an.
Und im Heulen des Windes wandte er dem aufgewühlten Meer den Rücken zu, und dort stand, was er gerufen hatte. Sie – denn sie war einmal eine Frau gewesen – lächelte. Sie war unglaublich schön und kalt wie der Winter. Ihre Augen waren lichtblau, ihre Lippen rosig wie Rosenblüten, ihre Haut milchweiß. Ihre Stimme klang wie Musik; die Stimme einer Sirene, die schon unzählige Männer ins Verderben gestürzt hatte.
»Du hast es eilig, mich zu sehen. Wartest du so ungeduldig auf meinen Kuss, Mac Cionaoith?«
»Hast du meinen Bruder getötet?«
»Der Tod ist …« Ohne auf den Regen zu achten, schob sie ihre Kapuze zurück. »Komplex. Du bist zu jung, um seine Größe zu verstehen. Ich gab ihm ein kostbares, mächtiges Geschenk.«
»Du hast ihn verdammt.«
»Oh.« Sie machte eine geringschätzige Geste. »Ein kleiner Preis für die Ewigkeit. Ihm gehört jetzt die Welt, und er nimmt sich, was immer er begehrt. Er weiß mehr, als du dir jemals träumen lässt. Er gehört jetzt mir, mehr als er jemals dein war.«
»Dämon, sein Blut klebt an deinen Händen, und bei der Göttin, ich werde dich vernichten.«
Sie lachte fröhlich, wie ein Kind, dem man einen besonderen Leckerbissen verspricht. »An meinen Händen, in meiner Kehle. So wie mein Blut in seinem. Er ist jetzt wie ich, ein Kind der Nacht und der Schatten. Willst du etwa auch deinen eigenen Bruder vernichten? Deinen Zwillingsbruder?«
Der schwarze Bodennebel glitt wie Seide auseinander, als sie hindurchschritt. »Ich rieche deine Macht und deine Trauer und auch dein Staunen. Hier, an dieser Stelle, biete ich dir ein Geschenk an. Ich werde dich wieder zu seinem Zwillingsbruder machen, Hoyt Mac Cionaoith. Ich schenke dir den Tod, der ewiges Leben ist.«
Er senkte seinen Stab und blickte sie durch den Regenschleier hindurch an. »Sag mir deinen Namen.«
Sie schwebte jetzt über dem Nebel, und ihr roter Umhang bauschte sich. Über dem eng geschnürten Mieder ihres Kleides wölbten sich die weißen Halbkugeln ihrer Brüste. Er verspürte schreckliche Erregung, obwohl er den scharfen Gestank ihrer Macht roch.
»Ich habe so viele«, entgegnete sie und berührte seinen Arm – wie war sie ihm so nahe gekommen? – mit der Fingerspitze. »Willst du meinen Namen sagen, wenn wir uns vereinen? Willst du ihn auf den Lippen schmecken, so wie ich dich schmecke?«
Seine Kehle war trocken und brannte. Er ertrank in ihren blauen, zärtlichen Augen. »Ja, ich will wissen, was mein Bruder weiß.«
Wieder lachte sie, aber dieses Mal war es ein kehliger Laut. Hungrig wie bei einem wilden Tier. Und die sanften, blauen Augen röteten sich.
»Eifersüchtig?«
Sie streifte seine Lippen mit ihren, und sie waren kalt, bitterkalt. Und doch so verführerisch. Das Herz schlug ihm bis zum Hals. »Ich will sehen, was mein Bruder sieht.«
Er legte seine Hand auf eine weiße Brust, aber darunter regte sich nichts. »Sag mir deinen Namen.«
Lächelnd entblößte sie ihre weißen Eckzähne. »Es ist Lilith, die dich nimmt. Es ist Lilith, die dich macht. Dein Blut wird sich mit meinem mischen, und wir werden diese Welt und alle anderen Welten beherrschen.«
Sie warf den Kopf zurück, und in diesem Augenblick stieß Hoyt ihr mit aller Kraft seinen Stab mitten ins Herz.
Ihr Schrei zerriss die Nacht und mischte sich in das Heulen des Sturms. Er war nicht menschlich und auch nicht der eines wilden Tieres. Sie war der Dämon, der ihm seinen Bruder genommen hatte, der seine böse Natur hinter kalter Schönheit verbarg und aus einem Herzen blutete, das nicht schlug.
Zuckend stieg sie empor in die Blitze, die den Himmel zerrissen. Vor Entsetzen versagte ihm die Stimme, und die Worte, die er eigentlich sprechen musste, wurden in dem Blut ertränkt, das sich wie klebriger Nebel auf ihn legte.
»Wie kannst du es wagen!«, zischte sie wütend mit schmerzverzerrter Stimme. »Du willst deine armselige Zauberkraft auf mich anwenden? Ich wandere seit tausend Jahren durch die Welt.« Sie fuhr sich über die Wunde und streckte ihre blutige Hand aus.
Und als die Tropfen auf Hoyts Arm fielen, zerschnitten sie die Haut wie Messer.
»Lilith! Du bist ausgestoßen! Lilith, du bist bezwungen! Bei meinem Blut.« Er zog einen Dolch aus seinem Umhang und stach in seine Handfläche. »Beim Blut der Götter, das durch meine Adern fließt, kraft meiner Geburt, verstoße ich dich …«
Dicht am Boden kam etwas auf ihn zugeflogen und stürzte sich mit wilder, wütender Kraft auf ihn. Sie rangen miteinander und stürzten über die Klippe auf die zerklüfteten Felsen darunter. Durch Wellen von Schmerz und Angst hindurch sah er das Gesicht des Geschöpfs, das einmal sein Bruder gewesen war.
Hoyt roch Tod und Blut, und an den roten Augen erkannte er, dass sein Bruder ein wildes Tier geworden war. Und doch flackerte noch ein winziges Licht der Hoffnung in seinem Herzen.
»Cian. Hilf mir, ihr Einhalt zu gebieten. Noch haben wir eine Chance.«
»Fühlst du, wie stark ich bin?« Cian legte seine Hände um Hoyts Hals und drückte zu. »Und das ist nur der Anfang. Ich habe die Ewigkeit vor mir.« Er beugte sich vor und leckte, beinahe spielerisch, Blut von Hoyts Gesicht. »Sie will dich für sich, aber ich habe Hunger. Schrecklichen Hunger. Und schließlich ist dein Blut auch meins.«
Er entblößte seine Reißzähne, aber als er sie in den Hals seines Bruders schlagen wollte, stieß Hoyt mit dem Dolch zu.
Aufheulend wich Cian zurück. Schmerz und Schreck durchfuhren sein Gesicht, als er die Hand auf die Wunde presste. Langsam fiel er vornüber. Einen Augenblick lang glaubte Hoyt, seinen Bruder, seinen wahren Bruder zu sehen, und dann umgaben ihn nur noch das Heulen des Sturms und der prasselnde Regen.
Mühsam zog er sich zur Klippe hinauf, suchte Halt mit Händen, die schlüpfrig waren von Blut, Schweiß und Regen. Mit schmerzverzerrtem Gesicht zog er sich Zentimeter für Zentimeter hinauf, und die Stelle am Hals, die die Fangzähne geritzt hatten, schmerzte wie Feuer. Mit pfeifendem Atem hievte er sich über die Kante.
Wenn sie auf ihn wartete, war er tot. Seine Kraft war erschöpft, und er hatte nur noch den Dolch, rot vom Blut seines Bruders.
Als er sich auf dem Plateau auf den Rücken warf und der bittere Regen auf sein Gesicht prasselte, war er jedoch allein.
Vielleicht hatte es ausgereicht, vielleicht hatte er den Dämon in die Hölle zurückgeschickt. Ganz bestimmt aber hatte er sein eigenes Fleisch und Blut der ewigen Verdammnis preisgegeben.
Stöhnend erhob er sich auf alle viere und übergab sich heftig. Die Magie schmeckte wie Asche in seinem Mund.
Dann kroch er zu seinem Stab und stützte sich darauf, um aufzustehen. Keuchend vor Anstrengung taumelte er den Pfad entlang, fort von den Klippen. Den Weg hätte er mit geschlossenen Augen gefunden. Die Wucht des Sturms hatte nachgelassen, und es regnete nur noch.
Er konnte sein Zuhause riechen – Pferd und Heu, die Kräuter, die er zum Schutz verwendete, den Rauch des Herdfeuers. Aber er empfand weder Freude noch Triumph.
Er humpelte auf sein Cottage zu, und in sein Keuchen mischten sich Schmerzenslaute. Er wusste, dass er verloren wäre, wenn die Kreatur, die ihm seinen Bruder genommen hatte, jetzt zu ihm käme. Jeder Schatten, jeder Umriss, den die sturmgepeitschten Bäume warfen, konnten sein Tod sein. Nein, schlimmer als der Tod. Die Angst davor leckte mit eisigen Zungen über seine Haut, und mit letzter Kraft murmelte er Beschwörungen, die mehr wie Gebete klangen.
Sein Pferd schnaubte und bewegte sich im Stall, als es Witterung von ihm bekam, aber Hoyt ging mit zitternden Knien an ihm vorbei zu dem kleinen Cottage und schleppte sich hinein.
Drinnen war es warm, und die Zaubersprüche, die er zurückgelassen hatte, bevor er zu den Klippen gegangen war, erfüllten noch den Raum. Er verriegelte die Tür, wobei er das Holz mit seinem und Cians Blut beschmierte. Ob dies sie wohl abhalten würde, fragte er sich. Wenn die Überlieferung, die er gelesen hatte, stimmte, konnte sie nicht unaufgefordert eintreten. Er konnte nur darauf vertrauen und hoffen, dass der Schutzzauber, mit dem er sein Haus umgeben hatte, seine Wirkung tat.
Er ließ seinen nassen Umhang achtlos zu Boden gleiten, wobei er kaum der Versuchung widerstehen konnte, sich daneben sinken zu lassen. Er würde sich einen Heil- und Stärkungstrank mischen und die Nacht über am Feuer sitzen bleiben. Er würde es schüren und auf das Morgengrauen warten.
Was er tun konnte, hatte er für seine Eltern, seine Schwestern und ihre Familien getan. Jetzt musste er einfach glauben, dass es genug war.
Cian war tot, und was in seiner Gestalt zurückgekommen war, hatte er vernichtet. Er konnte ihnen jetzt nichts mehr antun. Aber die Kreatur, die ihm dies angetan hatte, war dazu in der Lage.
Er würde etwas Stärkeres finden, um sie zu beschützen. Und er würde den Dämon erneut jagen. Er wollte sein Leben dessen Vernichtung widmen.
Seine Hände mit den langen Fingern und den breiten Handflächen zitterten, als er seine Flaschen und Tiegel auswählte. Seine sturmblauen Augen waren glasig vor Schmerz – nicht nur sein Körper schmerzte, sondern auch sein Herz. Schuldgefühle lasteten auf ihm wie ein bleierner Umhang.
Er hatte seinen Bruder nicht gerettet. Stattdessen hatte er ihn verdammt und vernichtet, ihn ausgestoßen und weggejagt. Wie hatte er diesen schrecklichen Sieg nur erringen können? Cian war körperlich immer der Stärkere von ihnen gewesen, und durch den Dämon war er zusätzlich noch gestärkt geworden.
Dann hatte also seine Magie ausgelöscht, was er einmal geliebt hatte. Seine impulsive, fröhliche Hälfte, während er selbst oft langweilig und zu ruhig war. Er war immer schon mehr an seinen Studien und seinen Fähigkeiten interessiert gewesen als am gesellschaftlichen Leben.
Cian hingegen hatte das Spiel und die Kneipen, die Mädchen und Wettkampf geliebt.
»Seine Liebe zum Leben«, murmelte Hoyt, während er arbeitete, »seine Liebe zum Leben hat ihn umgebracht. Ich habe nur das getötet, was ihn in dem Monster gefangen gehalten hat.«
Er musste es einfach glauben.
Als er seinen Umhang auszog, schmerzte sein gesamter Oberkörper. Seine Haut war mit Prellungen und blauen Flecken übersät, so wie sein Herz mit Trauer und Schuldgefühl. Er trug Salbe auf und begann dann heftig fluchend seine Rippen zu bandagieren. Zwei waren gebrochen, das spürte er ganz deutlich.
Der Ritt nach Hause am kommenden Morgen würde alles andere als ein Zuckerschlecken werden.
Er schluckte den Trank und humpelte zum Feuer, auf das er Torf gab, sodass die Flammen rot aufleuchteten. Er kochte Tee und wickelte sich in eine Decke. So saß er am Herd, trank von Zeit zu Zeit einen Schluck und grübelte.
Er war von Geburt an mit einer Gabe gesegnet und hatte schon als Kind danach gestrebt, sich ihrer würdig zu erweisen. Oft hatte er sich von allen zurückgezogen und für sich allein studiert und geübt.
Cians Macht war nicht so ausgeprägt, aber Hoyt erinnerte sich auch daran, dass er nie so eifrig gelernt und geübt hatte. Letztendlich hatte Cian mit der Magie nur gespielt und sich und andere damit erheitert.
Und manchmal hatte er Hoyt sogar überredet, mit ihm gemeinsam irgendetwas Albernes anzustellen. Einmal hatten sie den Jungen, der ihre kleine Schwester in den Schlamm geschubst hatte, in einen langohrigen, iahenden Esel verwandelt.
Wie Cian gelacht hatte. Anschließend hatte Hoyt drei Tage lang panisch daran gearbeitet, den Zauber zurückzunehmen, während sich Cian keinen Deut darum geschert hatte.
Er war doch der geborene Esel. Wir haben ihm nur seine wahre Gestalt gegeben.
Mit zwölf Jahren war Cian wesentlich mehr an Schwertern als an Zaubersprüchen interessiert. Und das war für ihn auch das Beste, dachte Hoyt, als er seinen bitteren Tee trank. Die Zauberei hatte er verantwortungslos betrieben, mit dem Schwert hingegen war er ein wahrer Zauberer gewesen. Letztendlich jedoch hatte ihn weder das Schwert noch die Magie gerettet.
Er lehnte sich zurück. Trotz des warmen Feuers war er völlig durchgefroren. Der Sturm hatte nachgelassen, rüttelte aber immer noch an dem Dach seines Cottages und heulte durch den Wald, in dem es stand.
Aber sonst hörte er nichts Bedrohliches. Ungestört konnte er seinen Gedanken und Erinnerungen nachhängen.
Er hätte an jenem Abend mit Cian ins Dorf gehen sollen. Aber er hatte gearbeitet, und ihm war nicht der Sinn nach Ale, nach den Gerüchen und Geräuschen in einer Taverne oder nach Menschen gewesen.
Er hatte keine Frau gewollt, Cian jedoch immer.
Aber wenn er mitgegangen wäre, wenn er einen einzigen verdammten Abend lang seine Arbeit hätte ruhen lassen, dann wäre Cian noch am Leben. Sie beide gemeinsam hätte der Dämon nicht überwältigen können. Dank seiner Gabe hätte er bestimmt gespürt, was sie für ein Geschöpf war, trotz ihrer Schönheit und ihres Auftretens.
Wenn sein Bruder bei ihm gewesen wäre, wäre Cian niemals mit ihr gegangen. Und ihre Mutter bräuchte jetzt nicht zu trauern. Das Grab wäre nie gegraben worden, und – bei den Göttern – die Kreatur, die sie begraben hatten, wäre nie wieder aufgetaucht.
Hätte er die Zeit zurückdrehen können, würde er all seine Fähigkeiten aufgeben, ihnen abschwören, um noch einmal den Moment zu erleben, in dem er seine Arbeit hätte liegen lassen, um seinen Bruder zu begleiten.
»Was nützen mir alle meine Fähigkeiten denn schon? Wozu sind sie gut? Warum verfügt man über magische Kräfte, wenn man noch nicht einmal das Wichtigste im Leben retten kann? Verflucht seien sie.« Er warf seinen Becher durch den kleinen Raum. »Verflucht sollen sie sein, die Götter und Feen. Er war unser Licht, und ihr habt ihn in die Dunkelheit gestoßen.«
Sein ganzes Leben lang hatte Hoyt getan, was von ihm erwartet wurde. Er hatte sich Hunderte kleiner Freuden versagt, um sich ganz seiner Kunst zu widmen. Und jetzt hatten die, die ihm diese Gabe, diese Macht verliehen hatten, sich abgewendet, als ihm sein Bruder genommen wurde?
Und nicht etwa in der Schlacht, noch nicht einmal durch Magie, sondern durch etwas unvorstellbar Böses. War das der Lohn für alles, was er getan hatte?
Er schwenkte die Hand vor dem Feuer, und die Flammen züngelten empor. Er warf die Arme hoch, und der Sturm nahm an Gewalt zu, sodass der Wind heulte und kreischte wie eine gefolterte Frau. Das Haus erbebte unter seiner Macht, und die Häute vor den Fenstern waren straff gespannt. Ein kalter Windstoß drang in den Raum, warf Flaschen um und blätterte die Seiten seiner Bücher um. Und er hörte das kehlige Kichern der schwarzen Magie darin.
Nicht einmal in seinem Leben war er von seiner Bestimmung abgewichen. Nicht ein einziges Mal hatte er seine Gabe für Schlechtes missbraucht oder sich mit den schwarzen Künsten befasst.
Vielleicht, so dachte er, würde er darin jetzt die Antwort finden. Seinen Bruder wiederfinden. Musste man Böses nicht mit Bösem bekämpfen?
Entschlossen sprang er auf und achtete nicht auf die Schmerzen in seinem Brustkorb. Streckte beide Hände über der Truhe aus, die er mit Magie verschlossen hatte. Als der Deckel aufsprang, holte er das Buch hervor, das er seit Jahren dort sicher verwahrte.
Es enthielt Zaubersprüche, dunkle, gefährliche Formeln. Zauber, die Menschenblut und Menschenschmerz erforderten. Zaubersprüche für Rache und Gier, die sich an eine dunkle Macht wandten.
Das Buch lag heiß und schwer in seinen Händen, und er spürte die Verführung, die von ihm ausging, spürte, wie es mit lockenden Fingern nach seiner Seele griff. Du kannst alles haben. Sind wir nicht besser als die anderen? Lebende Götter, die alles nehmen können, wonach sie begehren?
Wir haben das Recht dazu. Wir sind keinen Regeln und Gesetzen unterworfen.
Sein Atem ging stoßweise, denn er wusste, was passieren konnte, wenn er es akzeptierte, wenn er in beide Hände nahm, was niemals zu berühren er geschworen hatte. Namenloser Reichtum, unaussprechliche Macht, ewiges Leben. Rache.
Er musste nur die Worte sagen, das Weiße zurückweisen und das Schwarze annehmen. Der Schweiß lief ihm über den Rücken, während um ihn herum die jahrtausendealten Stimmen wisperten:
Nimm. Nimm. Nimm.
Die Umgebung verschwamm vor seinen Augen, und er sah seinen Bruder vor sich, wie er ihn im Staub am Wegesrand gefunden hatte. Blut rann aus den Wunden an seinem Hals und beschmierte seine Lippen. Bleich, dachte Hoyt. So bleich war sein Gesicht gegen das nasse, rote Blut.
Cians Augen, lebhaft und blau, öffneten sich. Solcher Schmerz stand in ihnen, solches Entsetzen. Flehend blickte er Hoyt an.
»Rette mich. Nur du kannst mich retten. Es ist nicht Tod, wozu ich verdammt bin. Dies ist schlimmer als die Hölle, als jede Qual. Hol mich zurück. Frag nicht, was es dich kostet. Möchtest du denn, dass ich in Ewigkeit brenne? Um unseres Blutes willen, Hoyt, hilf mir.«
Hoyt erschauerte. Es lag nicht an dem kalten Wind, der durch die Fensterhäute drang, und auch nicht an der Feuchtigkeit in der Luft. Er stand an einem eisigen Abgrund.
»Ich würde mein Leben für deins geben. Das schwöre ich bei allem, was ich bin, was wir waren. Ich würde dein Schicksal auf mich nehmen, Cian, wenn ich vor der Wahl stünde. Aber ich kann es nicht. Nicht einmal für dich.«
Die Erscheinung auf dem Bett ging in Flammen auf, und die Schreie, die ertönten, waren nicht menschlicher Natur. Hoyt heulte auf vor Qual und warf das Buch zurück in die Truhe. Mit letzter Kraft sprach er den Zauberspruch, der das Schloss versiegelte, bevor er zu Boden sank.
Dort rollte er sich zusammen wie ein Kind, das keinen Trost fand.
 
Vielleicht schlief er. Vielleicht träumte er. Aber als er erwachte, war der Sturm vorüber. Licht drang in den Raum, klar und hell, und blendete ihn. Blinzelnd richtete er sich auf, zuckte jedoch zusammen, als seine gebrochenen Rippen protestierten.
In der Wärme, die von dem Licht ausging, schimmerte es rosig und golden. Es roch nach fruchtbarer, feuchter Erde, und er stellte fest, dass das Torffeuer immer noch glühte.
Er konnte die Umrisse einer weiblichen Gestalt erkennen, deren Schönheit er mehr erahnte, als dass er sie sah.
Dies war kein Dämon, der sein Blut wollte.
Er biss die Zähne zusammen und kniete sich hin. Immer noch schwangen Wut und Trauer in seiner Stimme mit, als er mit gesenktem Kopf murmelte: »Herrin.«
»Kind.«
Das Licht teilte sich vor ihr. Ihre feuerroten Haare flossen in seidigen Wellen über ihre Schultern. Ihre Augen waren grün wie das Moos im Wald und blickten ihn sanft und voller Mitleid an. Sie trug ein weißes, mit Gold eingefasstes Gewand, wie es ihr vom Rang her zustand. Obwohl sie die Göttin des Kampfes war, trug sie keine Rüstung und kein Schwert. Sie hieß Morrigan.
»Du hast gut gekämpft.«
»Ich habe verloren. Ich habe meinen Bruder verloren.«
»Hast du das?« Sie trat ein Schritt vor und reichte ihm die Hand, damit er sich erheben konnte. »Du bist deinem Eid treu geblieben, obwohl die Versuchung groß war.«
»Ich hätte ihn vielleicht auf andere Art retten können.«
»Nein.« Sie berührte Hoyts Gesicht, und er spürte die Hitze, die von ihr ausging. »Ich sage es dir, du hättest ihn verloren und dich selbst auch. Du würdest dein Leben für seins geben, aber du konntest deine Seele oder die Seelen der anderen nicht geben. Du hast eine große Gabe, Hoyt.«
»Wozu ist sie denn gut, wenn ich nicht einmal mein eigenes Blut schützen kann? Verlangen die Götter solche Opfer, verdammen sie einen Unschuldigen zu solcher Qual?«
»Nicht die Götter haben ihn verdammt. Und es war nicht an dir, ihn zu retten. Aber es sind Opfer erforderlich, und es müssen Schlachten gekämpft werden. Blut muss vergossen werden, unschuldig oder nicht. Du bist für eine große Aufgabe auserwählt worden.«
»Kannst du jetzt etwas von mir verlangen, Herrin?«
»Ja. Es wird Großes von dir verlangt und auch von anderen. Eine Schlacht muss gekämpft werden, die größte, die es je gegeben hat. Das Gute gegen das Böse. Du musst die Kräfte um dich herum versammeln.«
»Das kann ich nicht. Ich bin nicht bereit. Ich bin … Gott, ich bin müde.«
Er sank auf die Ecke des Lagers nieder und ließ den Kopf in die Hände sinken. »Ich muss zu meiner Mutter gehen. Ich muss ihr sagen, dass ich ihren Sohn nicht habe retten können, dass ich versagt habe.«
»Du hast nicht versagt. Du hast dem Bösen widerstanden, und jetzt musst du mit der Gabe, die dir gegeben ist, das vernichten, was die Welt zerstört. Lass ab von diesem Selbstmitleid!«
Bei dem scharfen Tonfall hob er den Kopf. »Selbst die Götter müssen trauern, Herrin. Ich habe heute Abend meinen Bruder getötet.«
»Dein Bruder ist vor einer Woche von dem Ungeheuer getötet worden. Was heute von der Klippe fiel, war nicht dein Cian, und du weißt es auch. Aber er … macht weiter.«
Mühsam stand er auf. »Er lebt.«
»Es ist kein Leben. Es atmet nicht, es hat keine Seele und kein Herz. Es hat einen Namen, der in dieser Welt noch nicht ausgesprochen wurde. Vampir. Es nährt sich von Blut«, sagte sie und trat auf ihn zu. »Es jagt die Menschen, nimmt ihnen das Leben, oder schlimmer noch, viel schlimmer, es verwandelt die, die es jagt und tötet, in seine eigene Gestalt. Es verbreitet sich wie die Pestilenz, Hoyt. Es hat kein Gesicht und muss sich vor der Sonne verbergen. Das musst du bekämpfen, das und andere Dämonen, die sich versammeln. Dieser Armee musst du beim Fest von Samhain im Kampf begegnen. Und du musst siegen, sonst wird die Welt, wie du sie kennst, die Welt, die du noch kennenlernen wirst, untergehen.«
»Und wie finde ich sie? Wie soll ich sie bekämpfen? Cian war von uns beiden immer der Krieger.«
»Du musst diesen Ort verlassen und dich zu einem anderen begeben und dann wieder zu einem anderen. Einige werden dich aufsuchen, und einige wirst du aufsuchen müssen. Die Hexe, der Krieger, der Gelehrte, der eine in vielen Gestalten und der eine, der verloren ist.«
»Nur noch fünf weitere an meiner Seite? Sechs gegen eine Armee von Dämonen? Herrin …«
»Ein Kreis von sechs, so stark und wahrhaft wie die Waffe eines Gottes. Wenn dieser Kreis entstanden ist, entstehen vielleicht auch andere. Aber diese sechs werden meine Armee sein. Ihr werdet lehren und ihr werdet lernen, und ihr werdet größer sein als eure Zahl. Ein Monat, damit ihr euch findet, einer, um zu lernen, und einer, um zu wissen. Die Schlacht findet an Samhain statt. Und du, mein Kind, bist der Erste.«
»Ich soll meine Familie verlassen, wo doch das, das mir meinen Bruder genommen hat, sie bedrohen könnte?«
»Was dir den Bruder genommen hat, führt die andere Armee an.«
»Ich habe sie – es – verwundet. Es hatte Schmerzen.« Die Erinnerung daran brodelte in ihm.
»Ja, das ist wahr. Das hast du getan. Und es ist lediglich ein weiterer Schritt auf diese Zeit und auf diesen Kampf hin. Sie trägt jetzt dein Zeichen und wird zu dir zurückkommen.«
»Und wenn ich sie jetzt jage und jetzt vernichte?«
»Das kannst du nicht. Du kannst sie nicht erreichen, und, mein Kind, du bist noch nicht bereit, ihr entgegenzutreten. Zwischen diesen Zeiten und Welten wird ihr Durst immer größer werden, den schließlich nur noch die Vernichtung der gesamten Menschheit befriedigen kann. Du wirst deine Rache bekommen, Hoyt, wenn du sie besiegst. Du wirst weit reisen und du wirst leiden. Und auch ich werde unter deinem Schmerz leiden, denn du bist mein. Glaubst du denn, dein Schicksal, dein Glück bedeuten mir nichts? Du bist mein Kind genauso wie das Kind deiner Mutter.«
»Und was wird aus meiner Mutter, Herrin? Aus meinem Vater, meinen Schwestern und ihren Familien? Wenn ich sie nicht beschütze, sterben sie vielleicht zuerst in diesem Kampf, von dem du sprichst.«
»Sie werden diesen Kampf überleben.« Sie breitete die Hände aus. »Deine Liebe zu deinem Blut ist Teil deiner Macht, und ich werde nicht von dir verlangen, dass du sie aufgibst. Du kannst nicht klar denken, ehe du nicht sicher bist, dass ihnen nichts passiert.«
Sie warf den Kopf zurück und reckte die Arme mit den Handflächen nach oben. Der Boden unter Hoyts Füßen bebte leicht, und als er aufblickte, sah er Sternschnuppen am nächtlichen Himmel. Als Lichtpunkte schossen sie auf ihre Handflächen zu und zerbarsten dort wie Flammenbälle.
Wie ein Feuerwesen stand sie da, und sein Herz schlug heftig, als sie sagte: »Geschmiedet von den Göttern, vom Licht und von der Nacht. Symbol und Schild, einfach und wahr. Diese Gaben sollen dir Vertrauen und Treue geben. Ihr Zauber wirkt, wenn Blut vergossen wurde, deins und meins.«
Schmerz durchzuckte seine Handflächen, und er sah ihr Blut und seins in das lodernde Feuer fließen.
»Und er soll leben für alle Zeit. Gesegnet seien die, die Morrigans Kreuz tragen.«
Das Feuer erlosch, und die Göttin hielt Kreuze aus glänzendem Silber in den Händen.
»Sie werden deine Familie beschützen, aber sie müssen die Kreuze immer tragen, Tag und Nacht, von der Geburt bis zum Tod. Jetzt weißt du, dass ihnen nichts geschehen kann, wenn du sie verlässt.«
»Wenn ich es tue, verschonst du dann meinen Bruder?«
»Du willst mit den Göttern feilschen?«
»Ja.«
Sie lächelte, amüsiert wie eine Mutter. »Du bist auserwählt worden, Hoyt, weil du der Richtige bist. Du wirst von hier fortgehen und dich mit den anderen zusammenschließen. Du wirst dich vorbereiten und lernen. Der Kampf wird mit Schwert und Lanze gefochten werden, mit Zähnen und Klauen, mit Witz und Hinterlist. Wenn du siegreich bist, werden die Welten wieder versöhnt sein, und du wirst alles haben, was du möchtest.«
»Wie soll ich gegen einen Vampir kämpfen? Ich habe schon einmal versagt.«
»Lerne und übe«, sagte sie. »Und lerne von ihrer Art. Von einem ihrer Geschöpfe. Einem, der zu dir gehört hat, bevor sie ihn genommen hat. Zuerst musst du deinen Bruder finden.«
»Wo?«
»Nicht nur wo, sondern wann. Blick ins Feuer, und du wirst es sehen.«
Sie befanden sich wieder in seinem Cottage, wie er feststellte, und standen vor dem Herd.
Die Flammen loderten auf und nahmen die Gestalt von Türmen an, von einer großen Stadt.
Stimmen und Geräusche ertönten, wie er sie noch nie gehört hatte. Tausende von Menschen eilten Straßen entlang, die aus einer Art Stein bestanden. Und Maschinen fuhren an ihnen vorbei.
»Was ist das für ein Ort?«, flüsterte er. »Was für eine Welt ist das?«
»Es heißt New York, und es existiert etwa tausend Jahre später. Immer noch gibt es das Böse auf der Welt, Hoyt, aber es gibt auch die Unschuld und das Gute. Dein Bruder ist jetzt schon lange durch die Zeiten gewandert. Jahrhunderte sind vergangen. Daran solltest du denken.«
»Ist er jetzt ein Gott?«
»Er ist ein Vampir. Er muss dich lehren, und er muss an deiner Seite kämpfen. Ohne ihn gibt es keinen Sieg.«
So groß, dachte er. Gebäude aus Silber und Stein, höher als jede Kathedrale. »Findet der Kampf an diesem Ort statt, in diesem New York?«
»Man wird dir sagen, wo und wie es sein wird. Und du wirst es wissen. Und jetzt musst du gehen und dich vorbereiten. Geh zu deiner Familie und gib ihnen ihren Schutz. Dann musst du sie rasch wieder verlassen und zum Tanzplatz der Götter gehen. Du wirst all deine Fähigkeiten und meine Macht brauchen, um hindurchzukommen. Finde deinen Bruder, Hoyt. Es ist Zeit, dass ihr euch zusammentut.«
Er erwachte am Feuer, die Decke um sich geschlungen. Und erkannte, dass es kein Traum gewesen war. Das Blut in seinen Handflächen trocknete bereits, und in seinem Schoß lagen die Silberkreuze.
Noch graute der Morgen nicht, als er bereits Bücher und Heilmittel, Haferkuchen und Honig einpackte. Er sattelte sein Pferd und zog noch einmal einen Schutzkreis um sein Cottage.
Er würde zurückkommen, gelobte er sich.
Er würde seinen Bruder finden, und dieses Mal würde er ihn retten.
Als die Sonne aufging, begann er den langen Ritt nach An Clar, zum Heim seiner Familie.
2
Er ritt nordwärts auf Wegen, die schlammig waren vom Sturm. Die Schrecken und Wunder der Nacht gingen ihm durch den Kopf, während er vornübergebeugt auf seinem Pferd saß, um seine schmerzenden Rippen zu entlasten.
Sollte er lange genug leben, schwor er sich, würde er der heilenden Magie mehr Aufmerksamkeit schenken.
Er ritt an Feldern und Weiden vorbei, auf denen Männer arbeiteten und Vieh graste. Vorbei an Seen, die das Blau des Sommerhimmels widerspiegelten. Er ritt durch Wälder, in denen Wasserfälle über bemooste Steine donnerten, in deren Schatten das Reich des Feenvolks sich befand.
Man kannte ihn hier und zog die Mütze, wenn Hoyt, der Zauberer, vorbeikam. Aber er hielt nicht an, um sich in einer der Hütten oder Cottages bewirten zu lassen. Und er suchte auch keine Gastfreundschaft in den Herrenhäusern oder bei den Mönchen in deren Klöstern.
Auf dieser Reise war er allein, und vor allen Befehlen der Götter würde er zuerst seine Familie aufsuchen. Er würde ihnen ihren Schutz zurücklassen und erst anschließend seinen Auftrag erfüllen.
Mit jeder Stunde fiel es ihm schwerer, gerade auf dem Pferd zu sitzen, wenn er durch Dörfer oder an Gehöften vorbeikam. Seine Würde bescherte ihm beträchtliches Unbehagen, und schließlich musste er am Ufer eines Flusses rasten.
Früher, dachte er, hatte er den Ritt von seinem Cottage nach Hause zu seiner Familie genossen. Allein oder in Gesellschaft seines Bruders war er durch die Felder und Hügel oder auch am Meer entlang geritten und hatte dieselbe Sonne im Gesicht gespürt. Und genau hier, an dieser Stelle, hatte er immer Rast gemacht.
Jetzt jedoch schmerzte die Sonne seinen Augen, und der Geruch nach Erde und Gras erreichte seine Sinne nicht.
Fieberschweiß bedeckte seine Haut, und er biss die Zähne zusammen, um gegen die unerbittlichen Schmerzen anzukämpfen. Obwohl er eigentlich keinen Appetit hatte, aß er einen seiner Haferkuchen und nahm ein wenig von der Medizin, die er eingepackt hatte. Aber seine Rippen schmerzten trotzdem wie ein fauler Zahn.
Wozu mochte er im Kampf wohl nütze sein, fragte er sich. Wenn er jetzt das Schwert heben müsste, um sein Leben zu verteidigen, wäre er ein toter Mann.
Vampir, dachte er. Das Wort passte. Es war erotisch, exotisch und irgendwie grässlich. Wenn er Zeit und Energie hätte, würde er aufschreiben, was er alles darüber wusste. Er war zwar keineswegs davon überzeugt, dass er die Welt vor Dämonen retten würde, aber es war immer besser, Wissen zu sammeln.
Einen Moment lang schloss er die Augen, weil sein Kopf so schmerzte. Eine Hexe, hatte die Göttin ihm gesagt. Er hatte ungern mit Hexen zu tun. Sie rührten ständig in irgendwelchen seltsamen Zutaten herum und klapperten mit ihren Amuletten.
Dann ein Gelehrter. Er zumindest könnte nützlich sein.
Ob der Krieger Cian war? Das hoffte er. Cian, der mit Schwert und Schild wieder an seiner Seite kämpfte. Beinahe glaubte er, die Aufgabe erfüllen zu können, wenn sein Bruder nur bei ihm war.
Der eine mit den vielen Gestalten. Seltsam. Eine Fee vielleicht, aber wie zuverlässig solche Geschöpfe waren, das wussten wohl nur die Götter. Und daraus sollte die vorderste Front im Kampf der Welten bestehen?
Er musterte seine Hand, die er am Morgen verbunden hatte. »Es wäre besser gewesen, ich hätte alles nur geträumt. Ich bin es so leid, was ich sein muss, und außerdem bin ich kein Krieger.«
Reite zurück. Ein zischendes Flüstern. Hoyt sprang auf und griff nach seinem Dolch.
Im Wald bewegte sich nichts, nur ein Rabe auf einem Felsen am Wasser flatterte mit seinen schwarzen Flügeln.
Geh zurück zu deinen Büchern und Kräutern, Hoyt, der Zauberer. Glaubst du, du könntest die Königin der Dämonen besiegen? Geh zurück, geh zurück und leb dein jämmerliches Leben. Dann wird sie dich verschonen. Reitest du jedoch weiter, isst sie dein Fleisch und trinkt dein Blut.
»Hat sie etwa Angst, es mir selbst zu sagen? Das sollte sie auch, denn ich werde sie in diesem und, wenn es sein muss, im nächsten Leben jagen. Ich werde meinen Bruder rächen. Und in dem Kampf, der kommen wird, werde ich ihr das Herz herausreißen und es verbrennen.«
Du wirst schreiend sterben, und sie wird dich in alle Ewigkeit zu ihrem Sklaven machen.
»Du bist lästig.« Der Rabe flog auf, und Hoyt warf den Dolch nach ihm. Er verfehlte sein Ziel, aber der Feuerblitz, den er aus der freien Hand abschoss, traf genau. Der Rabe kreischte, und nur noch Asche fiel zu Boden.
Angewidert betrachtete Hoyt den Dolch. Ganz knapp verfehlt; wenn er nicht verletzt gewesen wäre, hätte er wahrscheinlich getroffen. Zumindest das hatte Cian ihm beigebracht.
Aber jetzt musste er die verdammte Kreatur erst einmal holen. Vorher nahm er noch eine Hand voll Salz aus der Satteltasche und streute es über die Asche des Vogels. Dann ergriff er seinen Dolch und bestieg mit zusammengebissenen Zähnen sein Pferd.
»Sklave für alle Ewigkeit«, murmelte er. »Das wollen wir doch erst mal sehen, was?«
Er ritt weiter, vorbei an grünen Feldern und an wolkenverhangenen Hügeln. Da seine Rippen einen Galopp nicht ausgehalten hätten, hielt er sein Pferd im Schritt. Dabei döste er ein und träumte, er wäre wieder auf der Klippe und kämpfe mit Cian. Dieses Mal jedoch war er derjenige, der hinunter auf die Felsen stürzte.
Erschreckt fuhr er hoch. Nicht nur der Traum, auch der Schmerz hatte ihn geweckt. Solche Schmerzen konnten doch nur Tod bedeuten.
Sein Pferd graste am Wegesrand, und ein Stück davon entfernt baute ein Mann mit einer spitzen Kappe eine Mauer aus grauen Steinen. Sein Spitzbart war gelb wie der Ginster, der auf dem niedrigen Hügel wuchs, und seine Handgelenke dick wie drei Arme.
»Guten Tag, Sir, da Ihr jetzt aufgewacht seid.« Der Mann tippte sich grüßend an die Kappe und bückte sich nach einem weiteren Stein. »Ihr seid heute schon weit gereist.«
»Ja, in der Tat.« Allerdings war er sich nicht ganz sicher, wo er sich befand. Er hatte Fieber und spürte, wie es ihm den Kopf benebelte. »Ich will nach An Clar, auf das Land der Mac Cionaoith. Wo bin ich hier?«
»Dort, wo Ihr seid«, erwiderte der Mann fröhlich. »Vor Anbruch der Nacht wird Eure Reise nicht vorbei sein.«
»Nein.« Hoyt blickte den Weg entlang, der sich schier endlos erstreckte. »Nein, nicht vor Anbruch der Nacht.«
»Hinter dem Feld ist eine Hütte mit einem Feuer im Herd, aber Ihr habt keine Zeit, um Euch hier aufzuhalten. Nicht, wenn Ihr noch so weit reiten müsst. Und während wir sprechen, verfliegt die Zeit. Ihr seid erschöpft«, sagte der Mann mitfühlend. »Aber Ihr werdet noch erschöpfter sein, ehe Ihr angekommen seid.«
»Wer seid Ihr?«
»Nur ein Wegweiser. Wenn Ihr zur zweiten Gabelung kommt, haltet Euch in westlicher Richtung. Wenn Ihr den Fluss hört, folgt ihm. An einer Eberesche befindet sich ein heiliger Brunnen, der Brunnen von Bridget, die manche jetzt als Heilige bezeichnen. Dort könnt Ihr Eure müden Knochen für die Nacht ausruhen. Zieht einen Kreis um Euch, Hoyt, der Zauberer, denn sie kommen, um Euch zu jagen. Sie warten nur darauf, dass die Sonne untergeht. Ihr müsst am Brunnen in Eurem Kreis sein, bevor es so weit ist.«
»Wenn sie mich verfolgen und jagen, führe ich sie doch direkt zu meiner Familie.«
»Sie sind ihnen nicht fremd. Ihr tragt Morrigans Kreuz und lasst es bei den Euren. Das und Euren Glauben.« Die Augen des Mannes waren blass und grau, und einen Moment lang schien es, als spiegelten sich Welten darin. »Wenn Ihr scheitert, ist bei Samhain mehr verloren als Euer Blut. Brecht jetzt auf. Die Sonne steht bereits im Westen.«
Was hatte er schon für eine Wahl? In seinem Fieberwahn kam ihm alles nur noch vor wie ein Traum. Der Tod seines Bruder und seine Vernichtung. Die Kreatur auf der Klippe, die sich Lilith genannt hatte. Hatte ihn tatsächlich die Göttin besucht, oder war er immer noch in einem Traum gefangen?
Vielleicht war er ja schon tot und befand sich gerade auf dem Weg in das Leben danach.
Aber an der Gabelung schlug er den Weg nach Westen ein, und als er den Fluss hörte, lenkte er sein Pferd darauf zu. Eisige Schauer durchrannen ihn, vom Fieber und von dem Wissen, dass die Sonne bereits sank.
Erschöpft glitt er vom Pferd und lehnte sich außer Atem an den Hals des Tieres.
Die Wunde an seiner Hand brach wieder auf und färbte den Verband rot. Die untergehende Sonne bildete bereits einen roten Feuerball.
Der heilige Brunnen war ein niedriges Viereck aus Stein an einer Eberesche. Menschen, die hierher gekommen waren, um zu beten oder zu rasten, hatten Bänder und Amulette an den Zweigen befestigt. Hoyt band sein Pferd an, dann kniete er sich hin, ergriff die kleine Schöpfkelle, die neben dem Brunnen lag, und trank von dem kühlen Wasser. Er vergoss ein paar Tropfen auf den Boden für die Götter und murmelte seinen Dank. Dann legte er einen Kupferpfennig auf den Stein, wobei er ihn mit dem Blut aus seiner Wunde beschmierte.
Seine Beine gaben nach, aber da die Dämmerung bereits einsetzte, zwang er sich zur Konzentration und begann seinen Kreis zu ziehen. Es war ein einfacher, ganz zu Beginn bereits erlernter Zauber, aber da seine Macht jetzt nur noch schubweise verfügbar war, stellte es eine elende Aufgabe dar. Der Schweiß rann ihm in Strömen über das Gesicht, und der Kampf um die richtigen Worte und Gedanken erschien wie ein Kampf mit schlüpfrigen Aalen in der Hand.
Er hörte jemanden durch den Wald schleichen, sich jedoch noch im Schatten haltend. Aber es wurde jetzt rasch dunkler, und nur noch die letzten Sonnenstrahlen drangen durch das Laub der Bäume.
Sie waren hinter ihm her, warteten nur noch darauf, bis das letzte Licht erloschen war. Er würde hier sterben, allein, und seine Familie blieb ungeschützt zurück. Und alles nur aus einer Laune der Götter heraus.
»Ich will verdammt sein, wenn ich das zulasse!« Entschlossen richtete er sich auf. Eine Chance hatte er noch. Eine einzige. Er riss sich den Verband von der Hand und versiegelte den Kreis mit seinem eigenen Blut.
»Innerhalb dieses Kreises bleibe das Licht. Es brenne die ganze Nacht hindurch nach meinem Willen. Dieser Zauber ist rein, und nur Reines kann hier eindringen. Feuer, lodere auf und brenne mit hellem Schein.«
In der Mitte seines Kreises züngelten Flammen auf, noch schwach zunächst, aber stärker schließlich, als die Sonne untergegangen war. Und was sich im Schatten versteckt hatte, sprang auf ihn zu. Es kam als Wolf, mit schwarzem Fell und blutroten Augen. Als es zum Sprung ansetzte, packte Hoyt seinen Dolch fester, aber das Tier prallte gegen den Schutzkreis und wurde zurückgeschleudert.
Heulend und knurrend zog es die Lefzen hoch. Die Reißzähne schimmerten weiß, als es auf und ab lief, als suchte es eine Schwachstelle in dem Schutzschild.
Ein weiteres Tier gesellte sich zu ihm, schlich aus den Bäumen heran, dann noch eines und noch eines, bis Hoyt sechs zählte. Sie umgaben ihn wie eine Armee.
Jedes Mal, wenn sie zum Sprung ansetzten, bäumte sich sein Pferd auf und wieherte. Er trat darauf zu, ohne die Wölfe aus den Augen zu lassen, und legte ihm die Hände auf. Behutsam beruhigte er seine treue Stute und versetzte sie in Trance. Dann zog er sein Schwert und stieß es in die Erde neben das Feuer.
Er entnahm der Satteltasche seine letzten Vorräte und gab Kräuter in das Wasser aus dem Brunnen – obwohl es mit seinen Heilkünsten wirklich nicht weit her war. Dann hockte er sich neben das Feuer, das Schwert auf einer Seite, den Dolch auf der anderen und den Stab quer über den Beinen.
Fröstelnd zog er seinen Umhang enger um sich, beträufelte einen Haferkuchen mit Honig und würgte ihn hinunter. Die Wölfe saßen um den Kreis herum und heulten den Mond an.
»Ihr habt wohl Hunger, was?«, murmelte er mit klappernden Zähnen. »Hier gibt es nichts für euch. Oh, ich würde alles geben für ein Bett und eine anständige Tasse Tee.« Nach einer Weile fielen ihm die Augen zu. Als sein Kinn auf die Brust sank, kam er sich so einsam vor wie noch nie in seinem Leben.
Er träumte, dass Morrigan ihn aufsuchte, denn sie war wunderschön, und ihr Haar leuchtete wie das Feuer. Es fiel ihr gerade bis auf die Schultern. Sie trug ein seltsames, schwarzes Gewand, das ihre Arme in unzüchtiger Weise unbedeckt ließ. Man konnte sogar die Rundung ihrer Brüste sehen. Um den Hals trug sie ein Pentagramm mit einem Mondstein in der Mitte.
»Das hilft nicht«, sagte sie mit einer Stimme, die fremd und ungeduldig klang. Sie kniete sich neben ihn und legte ihm die Hand auf die Stirn. Ihre Berührung war kühl und beruhigend wie der Regen im Frühjahr. Sie roch nach Wald, erdig und geheimnisvoll.
Einen wahnsinnigen Moment lang sehnte er sich danach, einfach seinen Kopf auf ihre Brust sinken zu lassen und umhüllt von diesem Duft einzuschlafen.
»Du hast Fieber. Lass mal sehen, was du hier hast, damit es dir wieder besser geht.«
Einen Moment lang verschwamm sie ihm vor den Augen, aber dann wurde ihr Bild wieder klar. Ihre Augen waren so grün wie die der Göttin, aber ihre Berührung war menschlich. »Wer bist du? Wie bist du in den Kreis gekommen?«
»Holunderblüte, Schafgarbe. Keinen Cayennepfeffer? Na, dann muss ich mich eben behelfen.«
Er beobachtete sie, wie sie sich nach Art der Frauen zu schaffen machte, Wasser vom Brunnen holte und es über dem Feuer erhitzte. »Wölfe«, murmelte sie und erschauerte. Er spürte ihre Angst. »Manchmal träume ich von den schwarzen Wölfen oder Raben. Manchmal ist es die Frau. Sie ist die Schlimmste. Aber heute habe ich zum ersten Mal von dir geträumt.« Sie schwieg und betrachtete ihn aus ihren tiefgrünen Augen. »Und doch kenne ich dein Gesicht.«
»Das ist mein Traum.«
Sie lachte leise und streute Kräuter in das heiße Wasser. »Ganz wie du willst. Dann lass uns mal sehen, ob du das Ende noch erlebst.«
Sie fuhr mit der Hand über den Becher. »Kräuter und Wasser, heilende Macht, heut Nacht von Hekates Tochter gebracht. Kühle das Fieber, nimm ihm den Schmerz, und schenke ihm ein starkes Herz. Zauber sei in diesem Trank, und er ist jetzt nicht mehr krank. So sei es.«
»Die Götter mögen mich beschützen.« Mühsam stützte er sich auf einen Ellbogen. »Du bist eine Hexe.«
Lächelnd trat sie zu ihm hin und reichte ihm den Becher. Dann setzte sie sich neben ihn und legte ihm stützend den Arm um die Schultern. »Natürlich. Du doch auch.«
»Nein, das bin ich nicht.« Zu Empörung reichte seine Energie gerade noch. »Ich bin ein Zauberer. Nimm dieses Gift da weg. Es riecht ja sogar schon übel.«
»Das mag sein, aber es wird deine Beschwerden heilen.« Sie setzte ihm den Becher an die Lippen, und als er den Kopf wegdrehen wollte, hielt sie ihn einfach fest und zwang ihm das Gebräu hinein. »Männer benehmen sich wie die Säuglinge, wenn sie krank sind. Und sieh dir deine Hand an! Voller Blut und Schmutz. Warte, ich bringe es schnell in Ordnung.«
»Geh weg«, sagte er mit schwacher Stimme, obwohl er ihren Geruch verführerisch und tröstlich zugleich fand. »Lass mich in Frieden sterben.«
»Du wirst nicht sterben.«
Sie warf den Wölfen einen misstrauischen Blick zu. »Wie stark ist dein Kreis?«
»Stark genug.«
»Hoffentlich hast du Recht.«
Die Erschöpfung und der Baldrian, den sie in den Tee gegeben hatte, ließen seinen Kopf erneut nach vorne sinken. Sie rutschte zur Seite, sodass er auf ihrem Schoß lag. Sanft strich sie ihm über die Haare. »Du bist nicht mehr allein«, sagte sie leise. »Und ich vermutlich auch nicht.«
»Die Sonne … Wie lange bis zum Morgengrauen?«
»Ich wünschte, ich wüsste es. Du solltest jetzt schlafen.«
»Wer bist du?«
Aber falls sie ihm antwortete, so hörte er sie schon nicht mehr.
Als er erwachte, war sie verschwunden, genauso wie sein Fieber. Die ersten Sonnenstrahlen drangen durch das Laub der Bäume.
Von den Wölfen war nur noch einer da, und er lag blut überströmt außerhalb des Kreises. Hoyt sah, dass seine Kehle und sein Bauch aufgerissen waren. Gerade wollte er näher treten, da strahlte die Sonne hell durch die Blätter auf den Kadaver.
Er ging in Flammen auf, und nur ein schwarzes Häufchen Asche blieb übrig.
»Zur Hölle mit dir und deinesgleichen.«
Hoyt wandte sich ab. Er fütterte sein Pferd und braute sich noch einen Tee. Erst als er beinahe fertig war, stellte er plötzlich fest, dass seine Handfläche verheilt war. Nur noch eine winzige Narbe konnte man sehen. Prüfend krümmte er die Finger und hielt die Hand gegen das Licht.
Neugierig hob er seinen Umhang an. An der Seite hatte er immer noch Blutergüsse, aber sie verblassten schon. Und als er auf seine Rippen drückte, verspürte er keine Schmerzen mehr.
Wenn das heute Nacht gar kein Fiebertraum, sondern eine Vision gewesen war, dann sollte er wohl dankbar sein.
Aber eine derart lebhafte Vision hatte er noch nie gehabt. Und sie hatte so viel von sich zurückgelassen. Er hätte schwören können, dass er sie immer noch riechen und ihre melodische Stimme hören konnte. Sie hatte gesagt, sie habe sein Gesicht gekannt. Seltsam, dass er tief im Innern das Gefühl hatte, ihres ebenfalls zu kennen.
Er wusch sich, aber seinen wiedergewonnenen Appetit konnte er nur mit Beeren und einem trockenen Brotkanten stillen.
Er schloss den Kreis, gab Salz auf die geschwärzte Erde davor, dann schwang er sich in den Sattel und galoppierte davon.
Mit etwas Glück konnte er gegen Mittag zu Hause sein.
Der Rest des Ritts verlief ereignislos, es gab keine Zeichen, keine Vorboten, keine schönen Hexen. Er kannte seinen Weg jetzt, hätte ihn auch in hundert Jahren noch gekannt. Er ließ sein Pferd über eine niedrige Steinmauer springen und galoppierte über das letzte Feld auf sein Zuhause zu.
Schon von weitem sah er das Kochfeuer. Er stellte sich vor, wie seine Mutter im Gesellschaftszimmer saß, Spitze klöppelte oder an einem ihrer Wandbehänge stickte. Und wie sie auf Nachricht von ihren Söhnen wartete. Er wünschte, er könnte ihr bessere Neuigkeiten bringen.
Sein Vater war wahrscheinlich mit dem Verwalter unterwegs, und seine verheirateten Schwestern hielten sich in ihren eigenen Cottages auf. Die kleine Nola war sicher in einem der Ställe und spielte mit den Welpen aus dem neuen Wurf.
Das Haus – ein Steingebäude mit echten Glasfenstern – lag mitten im Wald, weil seine Großmutter, die ihre Macht an ihn und in geringerem Maß an Cian weitergegeben hatte, es so gewollt hatte. Es stand nahe an einem Fluss, und der Garten war der ganze Stolz seiner Mutter.
Ihre Rosen blühten in voller Pracht.
Einer der Diener eilte herbei, um sein Pferd zu nehmen. Hoyt schüttelte nur den Kopf, als er die Frage in den Augen des Mannes sah. Er ging zur Tür, wo immer noch die schwarze Trauerfahne hing.
Drinnen nahm ihm ein anderer Diener den Umhang ab. Hier in der Eingangshalle hingen die Wandbehänge seiner Mutter und deren Mutter.
Einer der Wolfshunde seines Vater kam angelaufen, um ihn zu begrüßen.
Es roch nach Bienenwachs und frisch geschnittenen Rosen. Im Kamin glühte das Torffeuer. Rasch ging er die Treppe zum Zimmer seiner Mutter hinauf.
Sie wartete bereits auf ihn. Sie saß in ihrem Sessel, die Hände im Schoß so fest verschränkt, dass die Knöchel weiß hervortraten. Ihrem Gesicht war die Trauer anzusehen, und es wurde noch bedrückter, als sie las, was in seinen Augen stand.
»Mutter …«
»Du lebst. Du bist gesund.« Sie erhob sich und streckte ihm die Arme entgegen. »Ich habe meinen jüngsten Sohn verloren, aber mein Erstgeborener ist wieder nach Hause zurückgekehrt. Du wirst nach der Reise hungrig und durstig sein.«
»Ich habe Euch viel zu erzählen.«
»Sprich nur.«
»Wenn es Euch recht ist, Madam, möchte ich mit Euch allen sprechen. Ich kann nicht lange bleiben. Es tut mir leid.« Er küsste sie auf die Stirn. »Es tut mir leid, aber ich muss Euch wieder verlassen.«
 
Er aß und trank, und die ganze Familie – außer Cian – saß um den Tisch. Aber es war kein Mahl wie die, an die er sich erinnerte, voller Lachen und Gesprächen. Hoyt musterte die Gesichter, als er ihnen berichtete, was geschehen war.
»Wenn es einen Kampf gibt, will ich mit dir kommen und mit dir kämpfen.«
Hoyt blickte seinen Schwager Fearghus an. Er hatte breite Schultern und hielt die Fäuste geballt.
»Wohin ich gehe, kannst du mir nicht folgen. Dieser Kampf geht dich nichts an. Du musst mit Eoin hier bleiben, um mit meinem Vater zusammen die Familie und das Land zu beschützen. Ich würde schwereren Herzens gehen, wenn ich nicht wüsste, dass du und Eoin mich vertreten. Ihr müsst das hier tragen.«
Er holte die Kreuze heraus. »Jeder von euch, und auch alle Kinder, die noch geboren werden. Tag und Nacht, Nacht und Tag. Das«, sagte er und hob eins hoch, »ist Morrigans Kreuz, geschmiedet von den Göttern in magischem Feuer. Der Vampir kann niemanden anrühren, der das Kreuz trägt. Ihr müsst es weitergeben an die, die nach euch kommen, und ihr müsst die Geschichte überliefern. Jeder von euch wird einen Eid schwören, dass er dieses Kreuz bis zu seinem Tod tragen wird.«
Er stand auf, hängte jedem ein Kreuz um den Hals und wartete ab, bis der Schwur ausgesprochen war, bevor er zum Nächsten trat.
Dann kniete er sich vor seinen Vater. Die Hände seines Vaters waren alt, fuhr es Hoyt durch den Kopf. Er war mehr Bauer als Krieger, und schlagartig wurde ihm bewusst, dass sein Vater als Erster sterben würde, noch vor dem Julfest. Und er wusste auch, dass er nie wieder in die Augen des Mannes blicken würde, der ihn gezeugt hatte.
Sein Herz blutete.
»Ich nehme meinen Abschied von Euch, Sir, und erbitte Euren Segen.«
»Räche deinen Bruder und komm zu uns zurück.«
»Das werde ich.« Hoyt erhob sich. »Ich muss noch packen, was ich mitnehmen muss.«
Er ging in sein Zimmer, das sich im höchsten Turm befand, und begann Kräuter und Salben einzupacken, ohne recht zu wissen, was er eigentlich brauchte.
»Wo ist dein Kreuz?«
Nola stand auf der Schwelle. Ihre dunklen Haare reichten ihr bis zur Taille. Sie war erst acht, hatte aber den größten Platz in seinem Herzen.
»Sie hat mir keins gemacht«, erwiderte er. »Ich habe einen anderen Schutz, und du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Ich weiß, worauf ich mich einlasse.«
»Ich werde nicht weinen, wenn du gehst.«
»Warum solltest du auch? Ich bin schon häufiger gegangen und immer wiedergekommen, oder?«
»Du kommst zurück. In den Turm. Sie wird mit dir kommen.«
Vorsichtig stellte er die Flaschen in seine Reisetruhe, dann drehte er sich zu seiner Schwester um. »Wer wird mit mir kommen?«
»Die Frau mit den roten Haaren. Nicht die Göttin, sondern eine sterbliche Frau, die das Zeichen der Hexe trägt. Ich kann Cian nicht sehen, und ich kann auch nicht sehen, ob du gewinnst, aber ich kann dich sehen, hier, mit der Hexe. Und du hast Angst.«
»Sollte ein Mann nicht immer mit Angst in eine Schlacht ziehen? Angst erhält einen am Leben.«
»Ich verstehe nichts von Schlachten. Ich wünschte, ich wäre ein Mann und ein Krieger.« Ihr junger, weicher Mund wurde hart. »Mich hättest du nicht davon abhalten können, dich zu begleiten, wie Fearghus.«
»Das hätte ich auch nicht gewagt.« Er schloss die Truhe und trat auf sie zu. »Ich habe Angst. Sag es nicht den anderen.«
»Nein, ich sage ihnen nichts.«
Ja, der größte Platz in meinem Herzen, dachte er. Er hob ihr Kreuz an und schrieb mit seiner Magie ihren Namen darauf. »So ist es nur deins«, erklärte er.
»Meins und das Kreuz derjenigen, die nach mir meinen Namen tragen werden.« Tränen schimmerten in ihren Augen. »Du wirst mich wiedersehen.«
»Ja, natürlich.«
»Wenn es so weit ist, wird der Kreis vollständig sein. Ich weiß aber nicht, wie oder warum.«
»Was siehst du sonst noch, Nola?«
Sie schüttelte nur den Kopf. »Es ist dunkel. Ich kann nichts sehen. Bis du zurückkehrst, werde ich jeden Abend für dich eine Kerze anzünden.«
»Ihr Licht wird mich nach Hause führen.« Er beugte sich zu ihr herunter und nahm sie in die Arme. »Du wirst mir von allen am meisten fehlen.« Er küsste sie sanft. »Pass auf dich auf.«
»Ich werde Töchter haben«, rief sie ihm nach.
Lächelnd blieb er stehen und drehte sich um. So klein noch, dachte er, und schon so kühn. »Ach ja?«
»Es ist mein Schicksal«, erwiderte sie mit einer Resignation in der Stimme, die seine Mundwinkel zum Zucken brachte. »Aber sie werden nicht schwach sein. Sie werden nicht herumsitzen und den lieben langen Tag spinnen und backen.«
Er grinste breit. Das würde er als glückliche Erinnerung mitnehmen. »Ach nein? Was werden deine Töchter denn sonst tun, junge Mutter?«
»Sie werden Kriegerinnen sein. Und der Vampir, der sich selber für eine Königin hält, wird vor ihnen zittern.«
Sie faltete die Hände, in einer Geste, die der ihrer Mutter sehr ähnlich sah, jedoch nichts von ihrer Demut hatte. »Geh mit den Göttern, Bruder.«
»Bleibe im Licht, Schwester.«
Sie blickten ihm nach – drei Schwestern, die Männer, die sie liebten, die Kinder, die sie hatten. Seine Eltern, selbst die Diener und Stallburschen. Hoyt warf einen letzten, langen Blick auf das Haus, das sein Großvater und dessen Vater aus Stein in diesem Tal, an diesem Fluss, auf diesem Land, das er von ganzem Herzen liebte, gebaut hatten.
Dann hob er zum Abschied die Hand und ritt auf den Tanz der Götter zu.
Er befand sich auf einer mit Gras bewachsenen Anhöhe, die gelb von Butterblumen war. Wolken waren aufgezogen, und nur vereinzelt drangen Sonnenstrahlen durch das dichte Grau. Die Welt war so still, dass er das Gefühl hatte, durch ein Gemälde zu reiten. Der graue Himmel, das grüne Gras, die gelben Blumen und der uralte Steinkreis, den es seit Menschengedenken gab.
Seine Macht lag wie ein Summen in der Luft. Hoyt ging mit dem Pferd darum herum und las die Ogham-Inschrift im Königsstein.
»Welten warten«, übersetzte er. »Die Zeit fließt. Die Götter beobachten.«