Verschlungene Wege - Nora Roberts - E-Book

Verschlungene Wege E-Book

Nora Roberts

4,9
9,99 €

Beschreibung

Raue Landschaft, leidenschaftliche Gefühle

Reece Gilmore ist auf der Flucht: vor der Erinnerung und vor sich selbst. Aber je länger sie unterwegs ist, desto größer wird ihre Angst, niemals vergessen zu können. Als sie sich endlich in einem Dorf in Wyoming dem einfühlsamen Schriftsteller Brody anvertraut, glaubt sie, zur Ruhe zu kommen. Doch die Vergangenheit holt sie schon bald wieder ein …

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 772




Das Buch
Die Autorin
Nora Roberts wurde 1950 in Silver Spring, Maryland, geboren. Durch einen Blizzard entdeckte sie ihre Leidenschaft fürs Schreiben: Tagelang fesselte sie 1979 ein eisiger Schneesturm in ihrer Heimat Maryland ans Haus. Um sich zu beschäftigen, schrieb sie ihren ersten Roman. Zum Glück – denn inzwischen zählt Nora Roberts zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Unter dem Namen J. D. Robb veröffentlicht sie seit Jahren ebenso erfolgreich Kriminalromane. Auch in Deutschland sind ihre Bücher von den Bestsellerlisten nicht mehr wegzudenken. Mit ihrem Ehemann lebt sie in Keedsville, Maryland, und hat zwei erwachsene Söhne.

Nora Roberts

Verschlungene Wege

Roman

Aus dem Amerikanischen von Christiane Burkhardt

Die Originalausgabe erschien 2006 unter dem Titel Angels Fall bei G. P. Putnam’s Sons, The Penguin Group, New York
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Copyright © 2006 by Nora Roberts
Published by Arrangement with Eleanor Wilder Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2006 und dieser Ausgabe 2008 by Diana Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Redaktion | Barbara Raschig Herstellung | Helga Schörnig Coveragentur: Teresa Mutzenbach Covermotiv: age fotostock/LOOK-foto.de
ISBN 978-3-641-02945-6 V003
Für meine Mutter
wegweiser
Überall ist nirgends.
 
SENECA
1
Reece Gilmore fuhr mit ihrem qualmenden, überhitzten Chevy Cavalier durch das bergige Gelände von Angel’s Fist. Sie besaß noch hundertdreiundvierzig Dollar und ein paar Zerquetschte. Das dürfte gerade noch reichen, um den Wagen reparieren zu lassen und ihn und sich mit neuer Energie zu versorgen. Wenn sie Glück hatte und der Chevy nicht ernsthaft kaputt war, blieb ihr gerade noch genügend Geld übrig, um sich ein Zimmer zu nehmen.
Aber dann wäre sie auf jeden Fall pleite.
Sie nahm den Dampf, der unter der Motorhaube hervorqualmte, als Zeichen, dass es höchste Zeit war, ihre Reise zu unterbrechen und sich einen Job zu suchen.
Was soll’s, kein Problem, redete sie sich ein. Der kleine Ort in Wyoming, der sich an das kalte, blaue Gewässer eines Sees schmiegte, war so gut wie jeder andere. Vielleicht sogar besser. Er engte sie nicht ein mit seinem endlosen Himmel, in den die schneebedeckten Gipfel der Tetons hineinragten wie kühl-distanzierte Götter.
Sie war vor Tagesanbruch losgefahren und seit mehreren Stunden schon hatte sie sich bereits ziellos durch die Anselm-Adams-Postkartenlandschaft geschlängelt. Sie hatte Coy passiert, war durch Dubois gefahren – und obwohl sie mit dem Gedanken gespielt hatte, einen Abstecher nach Jackson Hole zu machen, war sie nach Süden abgebogen.
Irgendetwas musste sie ausgerechnet hier hingeführt haben. Während der letzten acht Monate hatte sie sich vorwiegend von Schildern und ihrem Instinkt leiten lassen. Vorsicht Kurve, Rutschgefahr bei Nässe. Nett, dass sich jemand die Mühe machte, solche Warnschilder aufzustellen.
Wenn das Sonnenlicht auf eine bestimmte Weise auf eine Nebenstraße schien oder eine Wetterfahne nach Süden zeigte, interpretierte sie das ebenfalls als Hinweis.
Gefiel ihr das Sonnenlicht oder die Wetterfahne, fuhr sie in die entsprechende Richtung, bis sie einen Ort fand, der zu diesem Zeitpunkt gerade richtig erschien. Dort blieb sie ein paar Wochen oder, wie in South Dakota, einige Monate. Sie suchte sich irgendeinen Job, sah sich die Gegend an und zog weiter, sobald sie Hinweise oder ihr Instinkt veranlassten, eine neue Richtung einzuschlagen.
Diese Lebensweise gab ihr ein Gefühl von Freiheit und führte dazu, dass die Angst, die zu ihrem ständigen Begleiter geworden war, ein wenig nachließ, was deutlich häufiger der Fall war. Die letzten Monate, in denen sie ganz auf sich selbst gestellt war, hatten ihr mehr geholfen als ein geschlagenes Jahr Therapie.
Doch wenn sie ehrlich war, hatte ihr die Therapie überhaupt erst dazu verholfen, wieder mit sich klarzukommen. Und zwar Tag für Tag aufs Neue, Nacht für Nacht. Und die vielen Stunden, die dazwischenlagen.
Und hier, in der geballten Faust von Angel’s Fist, wartete ein weiterer Neuanfang auf sie.
Zumindest konnte sie hier ein paar Tage den See und die Berge genießen und genügend Geld verdienen, um ihre Weiterfahrt zu sichern. Ein Ort wie dieser, der laut Ortsschild sechshundertzweiunddreißig Einwohner hatte, lebte sicherlich hauptsächlich vom Tourismus, von der schönen Landschaft und dem nahegelegenen Nationalpark.
Ein Hotel gab es hier bestimmt, wahrscheinlich noch ein paar Bed & Breakfasts und unter Umständen eine Ferienranch im näheren Umkreis. Es könnte Spaß machen, auf einer Ferienranch zu arbeiten. Dort wurde immer jemand für Botengänge, Aufräum- und Putzarbeiten gebraucht – vor allem jetzt, wo das Frühlingstauwetter den Winter endlich zu vertreiben schien.
Doch da ihr Wagen mittlerweile noch heftigere, verzweifelte Rauchsignale von sich gab, brauchte sie zuallererst einmal einen Automechaniker.
Sie tuckerte die Straße entlang, die sich wie ein Band um den lang gestreckten, breiten See wand. Im Schatten bildeten Schneereste schmutzig weiße Pfützen. Die Bäume hatten immer noch keine Blätter, aber es waren bereits einige Boote auf dem Wasser. Sie konnte ein paar Männer mit Windjacken und Baseballkappen in einem weißen Kanu erkennen, die durch die sich im Wasser spiegelnden Berge paddelten. Das Bild war so klar, dass sie hochblickte und beinahe erwartete, dass sich auch das Kanu in den Bergen spiegelte.
Auf der anderen Seite des Sees konnte sie das Ortszentrum ausmachen: ein Souvenirladen, eine kleine Galerie. Sie erkannte eine Bank und eine Post. Das Büro des Sheriffs.
Sie verließ den See und brachte ihren ächzenden Wagen vor einer Art großen Scheune zum Stehen, in der ein Gemischtwarenladen untergebracht war. Davor saßen ein paar Männer in Flanellhemden auf wetterfesten Stühlen, von denen man eine schöne Aussicht auf den See hatte.
Sie nickten ihr zu, als sie den Motor abstellte und ausstieg. Der am weitesten rechts saß, tippte sich an den Schirm seiner blauen Baseballkappe, auf der der Name des Ladens stand: Mac’s Mercantile and Grocery.
»Sieht ganz so aus, als hätten Sie Schwierigkeiten, Lady.«
»Und ob. Wissen Sie, wer mir da weiterhelfen kann?«
Der Mann stemmte die Hände auf die Oberschenkel und erhob sich von seinem Stuhl. Er war kräftig gebaut, hatte braune Augen und freundliche Lachfältchen in seinem verwitterten Gesicht. Er sprach langsam und gedehnt.
»Warum öffnen wir nicht einfach die Motorhaube und sehen mal nach?«
»Das wäre nett.« Nachdem sie den Hebel gedrückt hatte, klappte er die Motorhaube hoch und trat wegen des Qualms gleich einen Schritt zurück. Irgendwie fand Reece das Ganze eher peinlich als beängstigend. »Das hat vor ungefähr zehn Kilometern angefangen. Ich hab nicht genau darauf geachtet, weil ich nur Augen für die Landschaft hatte.«
»Wundert mich nicht. Wollen Sie in den Nationalpark?«
»Das hatte ich ursprünglich vor. Oder so was in der Art.« Aber sicher war sie sich da nicht. Im Grunde war sie sich bei nichts wirklich sicher, dachte sie. Sie versuchte sich wieder auf das Hier und Jetzt zu konzentrieren, anstatt in Gedanken zurück- oder vorauszueilen. »Aber ich fürchte, mein Wagen hatte andere Pläne.«
Sein Freund trat neben ihn, und die beiden Männer sahen unter die Motorhaube, wie das nur Männer können. Mit wissendem Blick und gerunzelter Stirn. Sie tat es ihnen gleich, auch wenn ihr klar war, wie lächerlich das wirken musste. Eine Frau, die einen Blick unter die Motorhaube wirft, ist wie ein Wesen von einem anderen Planeten.
»Der Kühlerschlauch ist kaputt«, sagte er. »Den werden Sie wohl ersetzen müssen.«
Das klang zum Glück recht harmlos, nach keiner teuren Reparatur.
»Gibt es hier irgendwo eine Werkstatt, die das für mich erledigen kann?«
»Lynt wird Ihnen das reparieren. Wenn Sie mögen, ruf ich schnell dort für Sie an.«
»Sie sind meine Rettung.« Sie schenkte ihm ein Lächeln und gab ihm die Hand – was ihr bei Fremden noch am leichtesten fiel. »Ich bin Reece, Reece Gilmore.«
»Mac Drubber. Und das hier ist Carl Sampson.«
»Sie stammen von der Ostküste, stimmt’s?«, fragte Carl. Er sah aus wie ein gut erhaltener Mittfünfziger und hatte eine Spur indianisches Blut in sich.
»Ja. Aus der Nähe von Boston. Vielen Dank für Ihre Hilfe.«
»Ist doch nur ein Anruf«, sagte Mac. »Sie können sich hier aufwärmen oder einen Spaziergang machen. Es kann eine Weile dauern, bis Lynt auftaucht.«
»Ich würde gern einen kurzen Spaziergang machen, wenn Sie nichts dagegen haben. Vielleicht wissen Sie ja eine nette Unterkunft für mich. Nichts Besonderes.«
»Weiter unten liegt das Lakeview Hotel. Das Teton House auf der anderen Seite des Sees ist gemütlicher. Mehr so was wie ein Bed & Breakfast. Und dann gibt es noch Ferienhäuser am See oder außerhalb des Orts, die man wochen- oder monatsweise mieten kann.«
Sie dachte nicht mehr in Monaten. Ein Tag, das war schon Herausforderung genug. Und gemütlich klang ihr zu privat. »Vielleicht schau ich mir mal das Hotel an.«
»Das ist ein ganz schönes Stück zu Fuß. Ich könnte Sie fahren.«
»Ich saß schon den ganzen Tag im Auto. Ein Spaziergang wird mir gut tun. Trotzdem – vielen Dank, Mr. Drubber.«
»Ganz wie Sie wollen.« Er blieb noch eine Weile stehen, während sie den Bürgersteig entlanglief. »Ein hübsches Ding«, bemerkte er.
»An der ist doch nichts dran.« Carl schüttelte den Kopf. »Heutzutage hungern sich die Frauen alle Kurven weg.«
Sie hatte sich nicht heruntergehungert, sondern versuchte im Gegenteil zuzunehmen, was sie während der letzten Jahre abgenommen hatte. Sie war einmal fit und schlank gewesen, danach einfach nur dürr. Jetzt konnte man sie immerhin als so was wie schlaksig bezeichnen. Zu viele Ecken und Kanten, zu viele Knochen. Wenn sie sich auszog, kam ihr ihr Körper jedes Mal fremd vor.
Sie selbst hielt sich nicht für ein hübsches Ding. Nicht mehr. Früher hatte sie sich durchaus für hübsch gehalten – für schick und sexy, wenn sie es darauf anlegte. Aber jetzt war ihr Gesicht viel zu hart und hohlwangig. Die schlaflosen Nächte wurden weniger, aber wenn sie zurückkehrten, hinterließen sie tiefe Augenringe und verliehen ihr einen fahlen, grauen Teint.
Sie wollte endlich wieder sie selbst sein.
Sie ließ sich treiben, ihre ausgelatschten Turnschuhe machten so gut wie kein Geräusch auf dem Bürgersteig. Sie hatte gelernt, langsam zu gehen, sich zur Ruhe zu mahnen und die Dinge so zu nehmen, wie sie kamen. Sie bemühte sich, jeden Moment zu genießen.
Eine kühle Brise streifte ihr Gesicht, wehte durch ihr langes braunes Haar, das sie zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hatte. Das fühlte sich gut an und roch auch so: frisch und sauber. Ihr gefiel das harte Licht, das sich über die Tetons ergoss und auf dem Wasser glitzerte.
Durch die nackten Weiden- und Pappelzweige konnte sie einige der Ferienhäuser erkennen, die Mac erwähnt hatte. Sie duckten sich hinter den Bäumen: Holzbalken, Glas, breite Veranden und mit Sicherheit eine fantastische Aussicht.
Es wäre schön, auf einer dieser Veranden zu sitzen und den See und die Berge zu betrachten, zu sehen, welche Tiere hier in den Sümpfen lebten, aus denen das Schilf aufragte. Es wäre schön, diese Weite zu genießen, diese Stille.
Irgendwann einmal, dachte sie. Aber nicht heute.
Sie entdeckte grüne Narzissensprosse in einem halben Whiskeyfass neben der Eingangstür zu einem Restaurant. Die zitterten zwar ein wenig in der kalten Brise, kündigten aber nichtsdestotrotz den Frühling an. Frühling heißt Neubeginn. Vielleicht würde er ihr ja auch zu einem Neubeginn verhelfen.
Sie blieb stehen, um die zarten Sprosse zu bewundern. Es war tröstlich zu erleben, wie nach einem langen Winter die Natur wieder erblühte. Schon bald würde es weitere Frühlingsboten geben. In ihrem Reiseführer war von unendlich vielen Wildblumen auf den Salbeiwiesen die Rede gewesen und von weiteren entlang der Seen und Tümpel.
Sie war bereit, ebenfalls aufzublühen.
Dann fasste sie das große Panoramafenster des Restaurants ins Auge. Eher ein Diner als ein Restaurant, erkannte sie. Ein Tresen, Zweier- und Vierertische, Nischen, alles in einem verblassten Rotweiß. In der Vitrine standen Torten und Kuchen, und die Küche war einsehbar. Mehrere Kellnerinnen eilten mit Tabletts und Kaffeekannen hin und her.
Mittagsbetrieb. Sie hatte völlig vergessen, etwas zu essen. Sobald sie sich das Hotel angesehen hätte, würde sie …
Dann sah sie den handgeschriebenen Zettel im Fenster:
Koch gesuchtBitte im Restaurant nachfragen
Wegweiser, dachte sie erneut, obwohl sie instinktiv einen Schritt zurückgemacht hatte. Sie blieb, wo sie war, und musterte das Lokal sorgfältig durch die Scheibe. Eine offene Küche, sagte sie sich, das war wichtig. Diner-Essen – etwas, das sie im Schlaf zubereiten konnte. Zumindest früher einmal hatte sie das gekonnt.
Das Hotel suchte bestimmt Personal, jetzt, wo die Feriensaison begann. Oder vielleicht brauchte Mr. Drubber eine Aushilfe für seinen Laden.
Aber der Zettel hing direkt vor ihrer Nase, ihr Auto hatte ausgerechnet diesen Ort angesteuert, ihre Schritte hatten sie bis hierher geführt, wo die Narzissen beim ersten Hauch von Frühling aus dem Matsch sprossen.
Sie lief zum Restauranteingang zurück, holte tief Luft und öffnete die Tür.
Gebratene Zwiebeln, gegrilltes Fleisch – vermutlich Wild -, starker Kaffee, eine Jukebox mit Countrymusic, Geschnatter an den Tischen.
Saubere rote Böden, ein weißgescheuerter Tresen. Die wenigen noch freien Tische waren fürs Mittagessen eingedeckt. Fotos, die gar nicht mal so schlecht waren, zierten die Wände. Schwarz-Weiß-Aufnahmen des Sees, das klare Wasser und die Berge zu jeder Jahreszeit.
Sie rang immer noch um Fassung, nahm ihren ganzen Mut zusammen, als eine der Kellnerinnen vorbeirauschte. »Guten Tag. Wenn Sie hier zu Mittag essen wollen, dürfen Sie gern an einem der Tische oder am Tresen Platz nehmen.«
»Ehrlich gesagt würde ich gern mit dem Besitzer oder der Besitzerin sprechen. Wegen des Zettels im Fenster. Koch gesucht.«
Die Kellnerin blieb stehen, das Tablett immer noch in der Hand. »Sind Sie Köchin?«
Früher einmal hätte Reece auf diese Berufsbezeichnung empfindlich reagiert – selbstverständlich, ohne aus der Rolle zu fallen, aber trotzdem. »Ja.«
»Das ist praktisch, weil Joanie den letzten Koch vor ein paar Tagen gefeuert hat.« Die Kellnerin führte eine Hand an die Lippen und tat, als trinke sie.
»Verstehe.«
»Er bekam den Job im Februar, als er bei uns im Ort nach Arbeit suchte. Angeblich hatte er zu Jesus gefunden und wollte die Frohe Botschaft verkünden.« Sie legte den Kopf schräg und strahlte Reece aus ihrem hübschen Gesicht an. »Das hat er dann auch, aber er war wie ein Jünger auf Crack. Sein Gelaber war unerträglich. Und dann fand er auch noch zum Alkohol, das war’s dann. Tja. Warum setzt du dich nicht direkt an den Tresen. Ich seh mal nach, ob Joanie einen Moment aus der Küche kommen kann. Wie wär’s mit einem Kaffee?«
»Tee, wenn’s geht.«
»Kommt sofort.«
Sie musste den Job ja nicht nehmen, beruhigte sich Reece, während sie auf den verchromten, mit Leder bezogenen Hocker glitt und sich die feuchten Hände an ihrer Jeans abtrocknete. Selbst wenn sie das Angebot bekam, konnte sie immer noch Nein sagen. Sie konnte weiterhin als Zimmermädchen in Hotels arbeiten oder sich nach einer Ferienranch umsehen.
Die Jukebox wechselte die Platte, und Shania Twain verkündete begeistert: »I Feel Like a Woman!«
Die Kellnerin klopfte einer kleinen, robusten Frau am Grill auf die Schulter und beugte sich zu ihr. Kurz darauf drehte sich die Frau um, fing Reeces Blick auf und nickte ihr zu. Die Kellnerin kehrte mit einer weißen, mit heißem Wasser gefüllten Tasse zum Tresen zurück, auf deren Untertasse ein Lipton-Teebeutel lag.
»Joanie kommt gleich. Möchtest du was zu Mittag essen? Heute gibt’s Hackbraten. Mit Kartoffelbrei, grünen Bohnen und Brot.«
»Nein, danke, der Tee reicht mir.« Mehr würde sie sowieso nicht hinunterbekommen, weil ihr vor lauter Nervosität ganz schlecht war. Panik drohte erneut von ihr Besitz zu ergreifen, sie spürte schon dieses beklemmende Gefühl in der Brust.
Ich sollte einfach gehen, dachte Reece. Jetzt sofort, zurück zum Wagen und schauen, dass der Kühlerschlauch ausgetauscht wird. Zum Teufel mit den Wegweisern!
Joanie hatte ihr blondes Haar nachlässig hochgesteckt und sich eine weiße, fettbespritzte Metzgerschürze um die Taille gebunden. Dazu trug sie knöchelhohe rote Converse. Während sie aus der Küche kam, wischte sie sich die Hände an einem Geschirrtuch ab. Sie musterte Reece mit einem stählernen Blick, ihre Augen waren eher grau als blau.
»Kannst du kochen?« Ein Raucherhusten ließ die barsche Frage merkwürdig sinnlich klingen.
»Ja.«
»Hauptberuflich oder einfach nur, um was in den Magen zu kriegen?«
»Dasselbe habe ich daheim in Boston gemacht – hauptberuflich.« Nervös riss Reece die Teebeutelverpackung auf. Joanie hatte volle Lippen, fast schon einen Amorbogen, die mit ihrem kühlen Blick kontrastierten. Außerdem bemerkte Reece eine alte, verblasste Narbe, die von ihrem linken Ohr den Kiefer entlang bis zum Kinn führte.
»Boston.« Wie abwesend stopfte Joanie das Geschirrtuch unter das Schürzenband. »Nicht gerade der nächste Weg.«
»Nein.«
»Weiß nicht, ob ich eine Köchin von der Ostküste will, die keine fünf Minuten stillhalten kann.«
Reece war erst einmal sprachlos. Dann sagte sie mit einem ironischen Lächeln: »Ich weiß, dass ich schrecklich nervös sein kann.«
»Was willst du hier?«
»Ich bin unterwegs. Mein Auto ist kaputt gegangen. Ich brauche einen Job.«
»Irgendwelche Referenzen?«
Ihr Herz zog sich zusammen, ballte sich schmerzhaft zu einem klebrigen Klumpen. »Ich kann welche besorgen.«
Joanie rümpfte die Nase und deutete missbilligend in Richtung Küche. »Ab mit dir in die Schürze. Die nächste Bestellung ist ein Steaksandwich, medium, mit gebratenen Zwiebeln, Pilzen, Pommes und Krautsalat. Wenn Dick nicht tot umfällt, nachdem er dein Essen intus hat, hast du den Job.«
»In Ordnung.« Reece erhob sich von ihrem Barhocker, bemühte sich, langsam und gleichmäßig weiterzuatmen, und ging durch die Schwingtüren am Ende des Tresens.
Im Gegensatz zu Joanie hatte sie gar nicht bemerkt, dass sie die Teebeutelverpackung in lauter kleine Fetzen zerrissen hatte.
Die Ausstattung war schlicht, aber effizient. Ein großer Grill, ein Profiherd, Kühlschrank, Gefriertruhe. Stauraum, Spülen, Arbeitsflächen, eine Doppelfritteuse, Dampfabzug. Während sie sich eine Schürze umband, stellte ihr Joanie die benötigten Zutaten hin.
»Danke.« Reece schrubbte sich die Hände und ging an die Arbeit. Bloß nicht nachdenken, ermahnte sie sich. Locker bleiben. Sie brutzelte das Steak auf dem Grill, während sie Zwiebeln und Pilze klein hackte. Sie gab die vorgeschnittenen Kartoffeln in den Korb der Fritteuse und stellte die Uhr.
Ihre Hände zitterten nicht, und obwohl sie einen Druck in der Brust spürte, sah sie sich nicht um, ob die Wände bereits näher gerückt waren.
Sie lauschte auf die Musik der Jukebox, des Grills, der Fritteuse.
Joanie knallte ihr die nächste Bestellung hin. »Einmal Bohnensuppe – die ist in dem Topf hier -, dazu gehören Cracker.«
Reece nickte nur, warf die Pilze und Zwiebeln auf den Grill und machte währenddessen die zweite Bestellung zurecht. »Nächste Bestellung!«, rief Joanie und warf ihr einen neuen Zettel hin.
»Ein Reuben-Sandwich, ein Club-Sandwich, zwei Beilagensalate.«
Reece arbeitete eine Bestellung nach der anderen ab, ließ einfach alles auf sich zukommen. Die Atmosphäre, die Gerichte mochten anders sein, aber der Rhythmus war derselbe. Immer schön weitermachen, immer in Bewegung bleiben.
Sie richtete die erste Bestellung an und drehte sich um, damit Joanie sie begutachten konnte.
»Ab damit«, befahl die. »Los, die nächste Bestellung. Wenn wir in der nächsten halben Stunde nicht den Arzt rufen müssen, bist du eingestellt. Über deinen Verdienst und die Schichten reden wir später.«
»Ich muss …«
»Mach die nächste Bestellung«, schnitt ihr Joanie das Wort ab. »Ich geh eine rauchen.«
Reece arbeitete weitere anderthalb Stunden, bis es etwas ruhiger wurde, sie dem heißen Herd den Rücken zukehren und eine Flasche Wasser in sich hineinkippen konnte. Als sie sich wieder umdrehte, saß Joanie am Tresen und trank Kaffee.
»Keiner ist tot umgefallen«, sagte sie.
»Puh. Geht es hier immer so zu?«
»Ein typischer Samstagmittag. Der Laden läuft gut. Für den Anfang bekommst du acht Dollar die Stunde. Wenn du mir die nächsten zwei Wochen keine Schande machst, leg ich noch einen obendrauf. Außer uns arbeitet noch eine Halbtagskraft am Grill, sieben Tage die Woche. Du bekommst mehr oder weniger zwei freie Tage. Den Schichtplan mach ich eine Woche im Voraus. Geöffnet wird um halb sieben, das heißt, deine erste Schicht beginnt um sechs. Es gibt den ganzen Tag Frühstück, Mittagessen von elf bis ultimo, Abendessen von fünf bis zehn. Wenn du eine Vierzigstundenwoche willst, lässt sich das einrichten. Ich bezahle keine Überstunden. Falls du am Grill festsitzt und länger bleiben musst, ziehen wir das von deinen Stunden in der nächsten Woche ab. Irgendwelche Einwände?«
»Nein.«
»Wenn du während der Arbeit trinkst, fliegst du auf der Stelle raus.«
»Verstehe.«
»Du kannst so viel Kaffee, Wasser oder Tee trinken, wie du willst. Alkoholfreie Getränke musst du zahlen. Dasselbe gilt fürs Essen. Hier gibt’s keine Gratismahlzeiten. So wie’s aussieht, wirst du mir ohnehin nicht die Haare vom Kopf fressen, sobald ich mich umdrehe. Dürr, wie du bist.«
»Stimmt.«
»Wer die letzte Schicht hat, macht Grill und Herd sauber und schließt den Laden ab.«
»Das kann ich auf keinen Fall machen«, unterbrach sie Reece. »Den Laden kann ich nicht für Sie zumachen. Ich kann morgens aufmachen, und ich übernehme jede Schicht. Ich arbeite sogar Doppelschichten, wenn’s sein muss, oder halbe Schichten. Ich bin flexibel und habe auch nichts dagegen, mehr als vierzig Stunden die Woche zu arbeiten. Aber den Laden kann ich nicht für Sie schließen, tut mir leid.«
Joanie hob die Brauen und trank ihren Kaffee aus. »Angst vor der Dunkelheit?«
»Stimmt genau. Wenn das Schließen des Lokals zum Job gehört, muss ich mir was anderes suchen.«
»Das kriegen wir schon hin. Wir müssen noch ein paar amtliche Formulare ausfüllen, aber das kann warten. Dein Auto ist bereits repariert und steht vor Macs Laden.« Joanie lächelte. »Hier spricht sich alles rum, und ich hab mein Ohr direkt an der Quelle. Wenn du was zu Wohnen brauchst: Ich hab ein Apartment über dem Diner, das ich dir vermieten kann. Nichts Großartiges, aber es hat eine schöne Aussicht und ist sauber.«
»Danke, aber fürs Erste geh ich ins Hotel. Wir sollten es erst mal ein paar Wochen miteinander probieren und sehen, wie’s läuft.«
»Fernweh.«
»So was Ähnliches.«
»Ganz wie du willst.« Joanie stand schulterzuckend auf und ging mit ihrer Kaffeetasse auf die Schwingtüren zu. »Geh los und hol dein Auto, such dir eine Unterkunft. Um vier bist du zurück.«
Leicht benommen ging Reece hinaus. Sie hatte wieder in einer Küche gearbeitet, und zwar ohne Probleme. Sie hatte sich wohl gefühlt. Nachdem sie das geschafft hatte, war ihr ein wenig schwindlig, aber das war schließlich ganz normal – oder etwa nicht? Immerhin hatte sie einfach so aus dem Stand einen Job gefunden, einen Job, den sie noch dazu gelernt hatte. Einen Job, den sie seit gut zwei Jahren nicht mehr hatte ausüben können.
Mit dem Rückweg zum Auto ließ sie sich bewusst Zeit, um das Ganze erst einmal zu verdauen.
Als sie den Gemischtwarenladen betrat, befestigte Mac gerade ein Werbeplakat mit Sonderangeboten an der Ladentheke, direkt gegenüber der Tür. Alles war genau so, wie sie es sich vorgestellt hatte. Hier gab es ein bisschen was von allem – Kühlboxen für Fleisch und Gemüse, Regale mit Lebensmitteln, eine Abteilung mit Werkzeug, Haushaltsgeräten, Angelbedarf, Munition.
Ein paar Liter Milch und eine Schachtel Kugeln gefällig? In diesem Fall war man hier goldrichtig.
Als Mac fertig war, näherte sie sich der Ladentheke.
»Jetzt dürfte Ihr Auto wieder funktionieren«, meinte Mac.
»Hab schon gehört, danke noch mal. Wie zahle ich?«
»Lynt hat eine Rechnung für Sie dagelassen. Wenn Sie den Betrag überweisen wollen, können Sie bei der Werkstatt vorbeifahren. Aber wenn Sie bar zahlen, können Sie das auch bei mir. Ich seh ihn nachher sowieso.«
»Bar ist gut.« Sie nahm die Rechnung und stellte erleichtert fest, dass der Betrag niedriger war als gedacht. Sie hörte, wie sich ein paar Leute weiter hinter im Laden unterhielten, und vernahm das Piepen einer weiteren Registrierkasse. »Ich habe einen Job.«
Er legte den Kopf schräg, während sie ihren Geldbeutel hervorzog. »Ach, ja? Das ging aber schnell!«
»Im Diner. Ich weiß nicht mal, wie es heißt«, fiel ihr plötzlich auf.
»Sie meinen sicher das Angel Food. Wir sagen einfach Joanie’s.«
»Im Joanie’s also. Ich hoffe, Sie kommen mal vorbei. Ich kann nämlich sehr gut kochen.«
»Das glaube ich Ihnen gern. Hier ist Ihr Wechselgeld.«
»Danke. Danke für alles. Ich werd mir jetzt ein Zimmer suchen und dann wieder zur Arbeit gehen.«
»Wenn Sie immer noch an dem Hotel interessiert sind, sagen Sie Brenda, der Empfangsdame, dass sie zur Monatsmiete wohnen wollen. Sagen Sie ihr, dass Sie im Joanie’s arbeiten.«
»Mach ich.« Sie hätte am liebsten eine Anzeige in der Regionalzeitung geschaltet: »Danke, Mr. Drubber.«
Das Hotel war ein fünfstöckiges, hellgelbes Gebäude mit Stuckverzierungen und Blick auf den See. Dazu gehörte ein kleiner Gemischtwarenladen, ein winziger Kaffee-und-Muffins-Stand sowie ein gemütlicher, mit Leinentischwäsche eingedeckter Speisesaal.
Sie erfuhr, dass es gegen eine geringe Tagesgebühr einen Internetanschluss gab, Zimmerservice von sieben bis dreiundzwanzig Uhr und einen Self-Service-Waschraum im Keller.
Reece handelte einen Wochentarif für ein Einzelzimmer im dritten Stock aus – eine Woche war mehr als ausreichend. Jedes Stockwerk, das tiefer lag, hätte ihr schlaflose Nächte bereitet, während sie sich bei einem Zimmer in den oberen Stockwerken wie in der Falle gefühlt hätte.
Jetzt, wo in ihrem Geldbeutel wirklich gähnende Leere herrschte, schleppte sie ihren Matchbeutel samt dem Laptop lieber die drei Stockwerke nach oben, als den Lift zu nehmen.
Die Aussicht war ihren Preis wert. Sie öffnete sofort die Fenster, stand einfach nur da und sah auf das glitzernde Wasser, die vorbeiziehenden Boote und die vor ihr aufragenden Berge, die diesen kleinen Teil des Tals einschlossen.
Genau das Richtige für heute, beschloss sie. Mal sehen, ob das für morgen auch noch galt. Sie wandte sich um und bemerkte die Tür, die ihr Zimmer mit dem Nachbarzimmer verband. Sie prüfte, ob sie verschlossen war, und zog, schob und zerrte die Kommode davor.
Danach ging es ihr entschieden besser.
Sie würde gar nicht groß auspacken, nur das Nötigste. Die Reisekerze, ein paar Toilettenartikel, das Handyaufladegerät. Da das Bad kaum größer als ein Schrank war, ließ sie beim Duschen die Tür auf. Während das Wasser lief, sagte sie das Einmaleins vor sich her, um sich zu beruhigen. Mit hastigen Bewegungen schlüpfte sie in ihre frische Kleidung.
Ein neuer Job, dachte sie und nahm sich ausgiebig Zeit, die Haare zu fönen und sich ein wenig zu schminken. Heute, fand sie, sah sie schon nicht mehr ganz so blass und hohlwangig aus.
Nach einem kurzen Blick auf die Uhr machte sie ihren Laptop an, öffnete ihren Tagebuchordner und schrieb einen neuen Eintrag.
Angel’s Fist, Wyoming 15. April
 
 
Ich habe gekocht. Seit heute arbeite ich als Köchin in einem kleinen Diner-Restaurant, hier in diesem hübschen Ferienort mit seinem großen, blauen See. In Gedanken lasse ich inmitten von Luftschlangen und Ballons die Champagnerkorken knallen.
Ich komme mir vor, als hätte ich einen Berg bezwungen. So als hätte ich die steilen Gipfel überwunden, die diesen Ort umgeben. Ich bin noch nicht ganz oben, sondern befinde mich auf einem Felsplateau. Doch das ist stabil und groß genug, um dort kurz zu verschnaufen, bevor ich mit meinem Aufstieg fortfahre.
Ich arbeite für eine Frau namens Joanie. Sie ist klein, robust und auf eine seltsame Art attraktiv. Sie ist taff, aber das ist gut so. Ich will nicht, dass man mich verhätschelt. Das würde mich ersticken, mir die Luft zum Atmen nehmen, wie beim Erwachen aus einem meiner Albträume. Hier bekomme ich endlich wieder Luft und kann bleiben, bis es Zeit wird, weiterzuziehen.
Ich besitze nicht mal mehr zehn Dollar, aber was soll’s.
Dafür habe ich mir für eine Woche ein Zimmer mit bester Aussicht auf den See und die Tetons gemietet. Ich habe einen Job und einen neuen Kühlerschlauch.
Das Mittagessen hab ich ausgelassen, und das ist in der Tat ein Rückschritt. Aber selbst das geht in Ordnung. Ich war viel zu sehr mit Kochen beschäftigt, um etwas zu essen, werd’s aber wieder gutmachen. Der 15. April ist ein guter Tag. Aber jetzt muss ich zur Arbeit.
Sie fuhr den Computer herunter, steckte ihr Handy, ihre Schlüssel, den Führerschein und die drei Dollar ein, die ihr noch geblieben waren. Dann schnappte sie sich ihre Jacke und hastete zur Tür.
Bevor sie sie öffnete, sah Reece durch den Spion und kontrollierte den leeren Flur. Sie überprüfte das Schloss zweimal, verfluchte sich und kontrollierte es noch ein drittes Mal, bevor sie zu ihrem Gepäck zurücklief und ein Stück Tesafilm holte. Sie klebte es über die Zimmertür, und zwar unterhalb des normalen Blickfelds, bevor sie auf die Treppe zumarschierte.
Im Laufschritt eilte sie hinunter und zählte dabei die Stufen. Sie überlegte kurz und ließ ihren Wagen stehen. Wenn sie zu Fuß ging, konnte sie Benzin sparen, obwohl es bereits dunkel sein würde, wenn ihre Schicht vorbei war.
Nur ein paar Blocks, mehr nicht. Trotzdem spielte sie nervös an ihrem Schlüsselbund mit dem Handalarm herum.
Vielleicht sollte sie doch noch mal umkehren und das Auto nehmen, für alle Fälle. Quatsch, redete sie sich ein. Sie war schließlich so gut wie da. Denk an jetzt und nicht an später. Als ihr die Nerven durchzugehen drohten, stellte sie sich vor, dass sie gleich am Grill stehen würde. Sie dachte an die grelle Küchenbeleuchtung, die Musik aus der Jukebox, das Stimmengewirr an den Tischen. An all die vertrauten Geräusche, Gerüche und Bewegungen.
Ihre Handflächen waren vielleicht ein wenig feucht, als sie die Tür zum Joanie’s aufstieß – trotzdem, sie hatte es geschafft und betrat das Lokal.
Da entdeckte sie auch schon dieselbe Kellnerin, mit der sie während der Mittagsschicht gesprochen hatte. Die winkte sie näher und sagte: »Joanie ist hinten im Vorratsraum und hat gesagt, ich soll dich kurz einweisen. Wir haben gerade eine kleine Verschnaufpause, bevor die ersten Gäste kommen. Ich heiße übrigens Linda-Gail.«
»Reece.«
»Vorab eine kleine Warnung: Joanie kann es nicht ausstehen, wenn man untätig herumsteht. Wenn sie dich dabei erwischt, wird sie zur Furie.« Sie grinste, sodass ihre blauen Augen funkelten und sie tiefe Grübchen in beiden Wangen bekam. Sie besaß glattes, weizenblondes Haar, das sie zu französischen Zöpfen geflochten hatte.
Sie trug Jeans, eine rote Bluse mit weißen Ziernähten und lange silber-türkise Ohrringe. Für Reece sah sie aus wie ein echtes Westerngirl.
»Ich arbeite gern.«
»Na, umso besser. Es ist Samstagabend, und da ist ganz schön was los hier. Heute sind noch zwei weitere Kellnerinnen da – Bebe und Juanita. Matt räumt die Tische ab, und Pete ist der Tellerwäscher. Du bist mit Joanie in der Küche – sie wird dich nicht aus den Augen lassen. Wenn du eine Pause brauchst, sagst du ihr Bescheid und nimmst sie. Im Hinterzimmer gibt es eine Garderobe für deinen Mantel und deine Handtasche. Keine Handtasche?«
»Nö, ich hab keine mitgenommen.«
»Meine Güte, ohne meine Handtasche könnte ich nicht einen Schritt vor die Tür machen. Komm mit, ich zeig dir alles. Die Formulare, die du ausfüllen musst, liegen im Hinterzimmer. Ich nehme an, du kennst die Arbeit – so wie du dich da heute Morgen reingestürzt hast.«
»Und ob.«
»Die Toiletten. Wir machen abwechselnd sauber. Bist du das Vergnügen hast, bleiben dir noch ein paar Wochen Zeit.«
»Ich kann’s kaum erwarten.«
Linda-Gail grinste. »Hast du Verwandte hier?«
»Nein. Ich komm von der Ostküste.« Sie hatte keine Lust, darüber zu reden oder auch nur daran zu denken. »Wer macht die Getränke?«
»Die Bedienungen. Wenn wir total im Stress sind, darfst du auch zapfen. Wir servieren auch Wein und Bier. Aber wer trinken will, geht eher rüber ins Clancy’s. Das war’s im Großen
2
Linda-Gail hatte Recht, es war in der Tat viel los. Einheimische, Touristen, Wanderer und eine Gruppe vom nahegelegenen Campingplatz, die sich eine Mahlzeit im Warmen wünschte. Joanie und sie wechselten kaum ein Wort, während die Fritteusen dampften und der Grill fauchte.
Irgendwann setzte Joanie Reece eine Schale vor die Nase.
»Iss das.«
»Oh danke, aber …«
»Hast du was gegen meine Suppe?«
»Nein.«
»Dann setz dich an den Tresen und iss. Im Moment ist es gerade etwas ruhiger, und du hast eine Pause verdient. Ich setz sie dir auf die Rechnung.«
»Gut, danke.« Jetzt, wo sie zum ersten Mal ans Essen statt an die Zubereitung dachte, merkte sie plötzlich, was für einen Riesenhunger sie hatte. Ein gutes Zeichen, beschloss Reece, und setzte sich an das eine Ende des Tresens.
Auf diese Weise konnte sie das ganze Diner und die Tür im Blick behalten.
Linda-Gail schob ihr einen Teller mit Sauerteigbrot und Butter hin. »Joanie sagt, du brauchst Kohlenhydrate. Möchtest du einen Tee dazu?«
»Gern. Aber ich kann ihn mir auch selbst holen.«
»Jetzt bin ich dran. Du bist ganz schön flott«, fügte sie hinzu, als sie mit einer Tasse zurückkehrte. Nach einem vorsichtigen Blick über ihre Schulter beugte sie sich grinsend vor. »Flotter als Joanie. Und du richtest das Essen sehr hübsch an. Einigen Gästen ist das schon aufgefallen.«
»Oh.« Sie brauchte weder Komplimente noch unerwünschte Aufmerksamkeit. Nur ein Gehalt. »Ich hatte nicht die Absicht, irgendetwas zu verändern.«
»Niemand hat sich beschwert.« Linda-Gail warf den Kopf zurück und lächelte, sodass ihre Grübchen zum Vorschein kamen. »Du bist ganz schön empfindlich, was?«
»Kann schon sein.« Reece löffelte ihre Suppe, die angenehm scharf war. »Kein Wunder, dass es hier so zugeht. Diese Suppe kann locker mit einer aus dem Fünf-Sterne-Restaurant konkurrieren.«
Linda-Gail warf wieder einen kurzen Blick in die Küche, um sich zu vergewissern, dass Joanie beschäftigt war. »Einige hier haben gewettet. Bebe denkt, dass du Probleme mit dem Gesetz hast – wahrscheinlich, weil sie den ganzen Tag fernsieht.
Juanita glaubt, du seist auf der Flucht vor deinem gewalttätigen Ehemann. Und Matthew, der gerade mal siebzehn ist, denkt nur an Sex. Ich persönlich glaube ja, dass dir jemand an der Ostküste das Herz gebrochen hat. Und, wer von uns hat den Nagel auf den Kopf getroffen?«
»Keiner, ich muss euch enttäuschen.« Die Vorstellung, dass die anderen über sie tratschten, war ihr unangenehm. Aber dann fiel ihr wieder ein, dass sich in jedem Restaurant kleine Dramen abspielen und viel geklatscht wird. »Ich weiß bloß nicht, was ich mit mir anfangen soll, und bin eine Weile unterwegs.«
»Stille Wasser sind tief«, sagte Linda-Gail und schüttelte den Kopf. »Meiner Meinung nach hast du unglaublichen Liebeskummer. Apropos: Da kommt der absolute Herzensbrecher – groß, dunkelhaarig und gut aussehend.«
Groß stimmte, dachte Reece, die Linda-Gails Blick folgte. Bestimmt an die 1 Meter 85. Dunkel passte auch, bei dem zerstrubbelten rabenschwarzen Haar und dem olivbraunen Teint. Aber gut aussehend?
Für sie war das gleichbedeutend mit geschniegelt oder elegant, aber der hier war weder das eine noch das andere. Sein Dreitagebart in dem markanten Gesicht verlieh ihm etwas Raubeiniges, Schroffes, was zu dem harten Zug um Mund und Augen passte, die sofort das ganze Lokal abcheckten. Die abgenutzte Lederjacke, die verwaschenen Jeans und die abgetretenen Stiefel waren das Gegenteil von elegant.
Kein Cowboytyp, entschied sie, aber einer, der draußen in der Wildnis gut zurechtzukommen schien. Er war muskulös und wirkte irgendwie verwegen.
»Das ist Brody«, sagte Lina-Gail mit gedämpfter Stimme. »Ein Schriftsteller.«
»Ach ja?« Sie entspannte sich ein wenig. So, wie er sich benahm und den ganzen Raum auf einen Blick erfasste, hatte sie ihn eher für einen Polizisten gehalten. Ein Schriftsteller gefiel ihr da wesentlich besser. Das war beruhigender. »Was schreibt er für Bücher?«
»Er arbeitet für Zeitschriften und so und hat bereits drei Bücher veröffentlicht. Krimis. Das passt zu ihm: Der Mann ist mir ein Rätsel.«
Sie warf das Haar zurück und beobachtete aus dem Augenwinkel, wie Brody eine der Nischen ansteuerte. »Angeblich hat er mal für eine große Zeitung in Chicago gearbeitet und ist dann gefeuert worden. Er hat ein Blockhaus auf der anderen Seite des Sees gemietet und bleibt überwiegend für sich. Aber er kommt dreimal die Woche zum Abendessen her und gibt zwanzig Prozent Trinkgeld.«
Sie drehte sich wieder zu Reece um. »Wie seh ich aus?«
»Super.«
»Irgendwann werde ich herausfinden, wie ich ihn in mich verliebt machen kann, nur so aus Neugier. Doch bis es so weit ist, geb ich mich mit den zwanzig Prozent zufrieden.«
Linda-Gail ging zu der Nische und zog den Bestellblock aus ihrer Tasche. Von ihrem Platz aus konnte Reece hören, wie sie ihn fröhlich begrüßte.
»Alles in Ordnung, Brody? Was darf’s denn heute sein?«
Während sie aß, sah Reece der Kellnerin beim Flirten zu. Der Mann namens Brody bestellte, ohne einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. Als sich Linda-Gail umdrehte, warf sie Reece einen übertrieben verzückten Blick zu, woraufhin diese ihre Lippen unwillkürlich schürzte. In diesem Moment sah ihr Brody mitten ins Gesicht.
Der forschende Blick sorgte dafür, dass sich Reeces Magen zusammenzog. Obwohl sie seinem Blick sofort auswich, konnte sie spüren, wie sein Blick weiterhin auf ihr ruhte und sie fast schon unverschämt durchbohrte. Zum ersten Mal, seit sie die Schicht angetreten hatte, fühlte sie sich ungeschützt und verletzlich.
Sie sprang von ihrem Hocker auf und stellte ihr Geschirr zusammen. Sie widerstand dem Drang, sich noch einmal umzusehen, und trug es zurück in die Küche.
 
 
Er bestellte die Elchkoteletts und vertrieb sich die Wartezeit mit einer Flasche Coors-Bier und einem Taschenbuch. Irgendjemand hatte die Jukebox bedient und Emmylou Harris gewählt, deren Stimme Brody nicht mehr aus dem Kopf ging.
Er machte sich Gedanken über die Braunhaarige und diesen Ausdruck in ihren Augen.
Der Begriff »tharn«, hypnotisiert vor Angst, den Richard Adams in seinem Roman Unten am Fluss geprägt hatte, fiel ihm ein. Ein schönes Wort, dachte er, das gut zu der neuen Köchin und ihrem plötzlichen Erstarren passte.
So wie er Joanie Parks kannte, hätte die Braunhaarige den Job nicht bekommen, wenn sie nichts draufhätte. Seiner Meinung nach verbarg sich hinter Joanies rauer Schale ein weicher Kern, aber diese Schale war dick und stachelig und tolerierte keine Nulpen.
Natürlich bräuchte er nur die kleine Blondine fragen, um alles über die Neue zu erfahren. Aber dann würde sich herumsprechen, dass er gefragt hatte, und die anderen würden ihn nerven, würden wissen wollen, was er wusste. Er wusste ganz genau, wie so was in Orten wie Angel’s Fist funktioniert, wie sehr dort getratscht wird.
Wenn er nicht fragte, würde er sich einfach nur etwas länger gedulden müssen, um über sie Bescheid zu wissen. Es würde Gerüchte geben, Kommentare, Spekulationen. Er hatte eine gute Antenne für so was, wenn er es drauf anlegte.
Sie hatte etwas sehr Zerbrechliches an sich, das sich hinter einer unglaublichen Sprödigkeit verbarg. Er fragte sich nur, warum.
Von seinem Platz aus konnte er sehen, dass er in einem Punkt schon mal richtig lag: Sie konnte wirklich was. Sie war ständig in Bewegung, ganz Profiköchin, und schien über ein zweites Paar Hände zu verfügen.
Das war vielleicht ihr erster Job in dieser Küche hier, aber bestimmt nicht ihr erster in einer Restaurantküche. Da er sie vorerst interessanter fand als sein Buch, beobachtete er sie bei der Arbeit und trank sein Bier.
Sie war keine Verwandte von irgendjemandem aus dem Ort, dachte er. Hätte irgendeine verloren geglaubte Tochter, Schwester, Nichte oder dritte Cousine zweiten Grades ihren Besuch angekündigt – er wüsste schon davon. Und wie eine Herumtreiberin sah sie auch nicht aus. Eher wie eine Marathonläuferin, fand er. Wegen der Vorsicht, der Bereitschaft, das Tempo falls nötig noch zu beschleunigen, die er in ihren Augen gesehen hatte.
Als sie ein fertiges Gericht in die Durchreiche stellte, wanderte ihr Blick in seine Richtung – doch gleich darauf schaute sie schon wieder weg. Doch bevor sie sich wieder dem Grill zuwandte, ging die Tür auf, und sie begann derart unerwartet zu strahlen, dass Brody wie geblendet war. Sie wirkte wie ausgewechselt, heiterer, gelöster, und er sah, dass sich hinter der Fassade zerbrechlicher Schönheit noch mehr zu verbergen schien.
Als er nachsah, wer dieses Strahlen auf ihr Gesicht gezaubert hatte, entdeckte er Mac Drubber, der ihr freundlich zuwinkte.
Vielleicht hatte er sich ja getäuscht und sie war doch mit einem Einheimischen verwandt.
Mac setzte sich in die Nische gegenüber. »Wie läuft’s denn so?«
»Ich kann nicht klagen.«
»Ich hab einen Mordshunger auf irgendwas, was ich mir nicht selbst kochen muss. Was kannst du mir heute empfehlen?« Er machte eine kurze Pause, zog die Augenbrauen hoch und sagte: »Von der neuen Köchin mal abgesehen?«
»Ich hab die Koteletts bestellt. Du kommst doch sonst nie Samstagabends hier her, Mac. Du bist ein Gewohnheitstier und das bedeutet Mittwoch, wenn Spaghetti-Tag ist.«
»Ich hatte einfach keine Lust, mir eine Dose aufzumachen. Außerdem wollte ich sehen, wie das Mädel sich hier macht. Die kam heute mit einem kaputten Kühlerschlauch angetuckert.«
Man musste höchstens fünf Minuten lang warten, dachte Brody, und schon wusste man über alles Bescheid. »Ach ja?«
»Und jetzt arbeitet sie hier. So wie die strahlt, könnte man meinen, sie hätte das große Los gezogen. Sie stammt von der Ostküste. Boston. Sie hat sich im Hotel eingemietet und heißt Reece Gilmore.«
Er hielt kurz inne, als Linda-Gail mit Brodys Essen ankam.
»Hallo, Mr. Drubber. Wie geht’s? Was darf ich Ihnen heute Abend bringen?«
Mac beugte sich vor, um Brodys Teller näher in Augenschein zu nehmen. »Das sieht verdammt gut aus.«
»Die neue Köchin ist wirklich prima. Sagen Sie mir Bescheid, wie Ihnen die Koteletts schmecken, Brody. Darf ich Ihnen noch etwas bringen?«
»Noch ein Bier.«
»Kommt sofort. Mr. Drubber?«
»Ich nehm eine Cola, Schätzchen, und dasselbe, was mein Freund da gerade isst. Diese Koteletts sehen wirklich passabel aus.«
Und ob, dachte Brody, außerdem gab es dazu noch eine großzügige Portion Kartoffelgratin und Limabohnen. Das Essen war liebevoll auf dem schlichten weißen Teller arrangiert worden – im Gegensatz zu den willkürlich aufgetürmten Essensbergen, die Joanie sonst servierte.
»Ich hab dich neulich mit dem Boot draußen gesehen«, bemerkte Mac. »Irgendwas gefangen?«
»Ich war nicht angeln.« Er schnitt ein Stück von dem Kotelett ab und probierte.
»Das ist auch so was Merkwürdiges an dir, Brody. Du fährst ab und an auf den See raus, aber du angelst nicht. Du gehst ab und an in die Wälder, aber du jagst nicht.«
»Wen ich was fangen oder schießen würde, müsste ich es zubereiten.«
»Stimmt. Na und?«
»Schmeckt gut.« Brody schnitt ein weiteres Stück Fleisch ab. »Verdammt gut.«
Da Mac Drubber zu den wenigen gehörte, mit denen Brody gern mal einen Abend verbrachte, ließ er sich Zeit mit seinem Kaffee, während Mac noch sein Essen in sich hineinschaufelte. »Die Bohnen schmecken anders. Aufregender. Ich würde sogar sagen, besser. Aber wenn du das weitererzählst und Joanie davon erfährt, werde ich dich einen stinkenden Lügner nennen.«
»Sie wohnt im Hotel, wahrscheinlich wird sie nicht lange bleiben.«
»Sie hat sich für eine Woche eingemietet.« Mac wusste immer ganz genau, was im Ort los war. Ihm gehörte nicht nur der Gemischtwarenladen, sondern er war auch Bürgermeister. Klatsch, so fand er, gehörte einfach zu seinem Job. »Wenn du mich fragst, Brody, das Mädchen hat nicht sehr viel Geld.« Er zeigte mit der Gabel auf Brody, bevor er sie in die letzte Bohne bohrte. »Sie hat den Kühlerschlauch bar bezahlt und das Hotel auch, wie ich gehört habe.«
Keine Kreditkarten, grübelte Brody und fragte sich, ob die Frau irgendwie untergetaucht war. »Vielleicht will sie keine Spuren hinterlassen.«
»Du bist vielleicht misstrauisch.« Mac zerrte das letzte bisschen Fleisch vom Knochen. »Und wenn, gibt es bestimmt Gründe dafür. Sie hat ein ehrliches Gesicht.«
»Und du hast eine romantische Ader. Apropos …« Brody wies mit dem Kinn zur Tür.
Der Mann, der jetzt hereinkam, trug eine Levi’s und ein Baumwollhemd unter einer schwarzen Wachstuchjacke. Schlangenlederstiefel, ein Sam-Brown-Gürtel und ein steingrauer Stetson vervollständigten das Bild: ein Cowboy, wie er im Buche steht.
Sandfarbenes, sonnengebleichtes Haar quoll unter seinem Hut hervor. Er hatte ein ebenmäßiges, harmonisches Gesicht, ein leicht gespaltenes Kinn und hellblaue Augen, die er, wie jeder hier wusste, erfolgreich bei der Damenwelt einsetzte.
Er stolzierte zum Tresen – denn anders konnte man diesen selbstbewusst-wiegenden Gang kaum nennen – und nahm auf einem der Barhocker Platz.
»Lo schaut vorbei, um zu sehen, ob sich die Neue für ihn lohnt.« Mac schüttelte den Kopf und tunkte seine letzten Kartoffeln in die Soße. »Trotzdem, man muss ihn einfach mögen. Er ist wirklich ein netter Kerl. Aber ich hoffe, sie hat mehr Verstand.«
Mit das Unterhaltsamste, was Brody im letzten Jahr in und um Angel’s Fist erlebt hatte, war, dabei zuzusehen, wie Lo eine Frau nach der anderen flachlegte. »Ich wette mit dir um zehn Dollar, dass er ihr so lange Komplimente macht, bis er eine weitere Kerbe in seinen Bettpfosten ritzen kann – und zwar noch vor Ablauf dieser Woche.«
Macs Brauen zogen sich missbilligend zusammen. »So redet man nicht über ein derart nettes Mädchen.«
»Du kennst sie doch noch gar nicht lange genug, um zu wissen, ob sie ein nettes Mädchen ist.«
»Für mich ist sie das. Deshalb nehme ich die Wette an und halte dagegen, damit du bluten musst.«
Brody lachte kurz auf. Mac trank nicht, Mac rauchte nicht und wenn er Frauen nachstellte, dann irgendwo, wo man nichts davon mitbekam. Für Brody war Macs leicht prüde Art Teil seines Charmes.
»Es ist bloß Sex, Mac.« Sein Grinsen wurde breiter, als er sah, wie Macs Ohrläppchen knallrot wurden. »Du weißt doch noch, was Sex ist, oder Mac?«
»Ich kann mich vage daran erinnern.«
In der Küche stellte Joanie einen Apple Pie auf die Arbeitsfläche. »Mach’ne Pause«, befahl sie Reece. »Iss ein Stück Pie.«
»Ich hab eigentlich gar keinen Hunger, außerdem muss ich noch …«
»Ich hab dich nicht gefragt, ob du Hunger hast. Iss den Pie. Der ist gratis. Es ist das letzte Stück, das schmeckt morgen sowieso nicht mehr. Siehst du den, der sich da gerade an den Tresen gesetzt hat?«
»Der, der aussieht, als ob er draußen sein Pferd angebunden hat?«
»Das ist William Butler, den hier alle nur Lo nennen. Eine Abkürzung für Lothario. Den Spitznamen bekam er als Teenager, weil er den Ehrgeiz entwickelte, jede Frau im Umkreis von hundert Kilometern ins Bett zu bekommen.«
»Verstehe.«
»Samstagabends hat Lo normalerweise ein heißes Date. Oder er hängt mit seinen Freunden im Clancy’s ab, um zu sehen, welches Zicklein sich diesmal einfangen lässt. Er ist nur gekommen, um dich in Augenschein zu nehmen.«
Da ihr anscheinend nichts anderes übrig blieb, begann Reece, den Pie zu essen. »Viel gibt’s da nicht zu sehen.«
»Egal, du bist neu hier, du bist eine Frau, du bist jung und, so wie’s aussieht, ungebunden. Denn eines muss man ihm lassen: Lo macht sich nicht an verheiratete Frauen ran. Siehst du, jetzt flirtet er gerade mit Juanita, die er letzten Winter ein paar Wochen lang wie wahnsinnig gevögelt hat, bis er auf ein paar Schneehäschen aufmerksam wurde, die zum Wintersport hier waren.«
Joanie griff nach dem Riesenbecher Kaffee, der immer in ihrer Nähe stand. »Der Junge hat wirklich Charme. Ich kenne keine Frau, die es ihm übel genommen hat, dass er anschließend seinen Hosenlatz zuknöpft und einfach verschwindet.«
»Und das erzählen Sie mir, weil Sie denken, dass ich sein nächstes Opfer bin?«
»Nur, damit du Bescheid weißt.«
»Verstehe. Und keine Angst, ich bin nicht auf der Suche nach einem Mann. Weder für eine Affäre noch für was Ernstes. Und erst recht nicht nach einem, der seinen Schwanz als Wünschelrute benutzt.«
Joanie brach in heiseres Gelächter aus. »Wie schmeckt der Pie?«
»Gut. Sehr gut. Ich habe noch gar nicht nach den Kuchen hier gefragt. Macht ihr die selbst oder stammen die von einer örtlichen Bäckerei?«
»Ich backe selbst.«
»Ehrlich?«
»Jetzt denkst du bestimmt, dass ich das besser kann als kochen – womit du wahrscheinlich Recht hast. Und was ist mit dir?«
»Backen ist nicht gerade meine Stärke, aber ich kann Ihnen helfen, wenn’s nötig ist.«
»Ich sag dir dann Bescheid.« Sie wendete ein paar Burger und ließ sie dann zusammen mit Fritten und Bohnen auf einen Teller gleiten. Joanie garnierte die Teller gerade mit eingelegten Gurken und Tomaten, als Lo in die Küche geschlendert kam.
»William.«
»Ma.« Er beugte sich vor und küsste sie auf den Scheitel, während Reece das Herz in die Hose rutschte.
Ma, dachte sie – und sie hatte gerade noch einen Witz über seinen Schwanz gemacht.
»Wie ich höre, bringst du den Laden hier etwas Vordermann.« Er schenkte Reece ein gewinnendes Lächeln, bevor er einen großen Schluck aus dem Bierglas nahm, das er mitgebracht hatte. »Meine Freunde nennen mich Lo.«
»Reece. Schön, dich kennen zu lernen. Ich mach das schon, Joanie.« Reece schnappte sich die Teller und stellte sie in die Durchreiche. Genervt bemerkte sie, dass zum ersten Mal an diesem Abend keine neuen Bestellungen auf sie warteten.
»Wir können die Küche langsam zumachen«, sagte ihr Joanie. »Du kannst ruhig schon heimgehen. Ich hab dich morgen früh für die erste Schicht eingetragen. Um sechs bist du wieder hier, und zwar pünktlich.«
»In Ordnung.« Sie band sich die Schürze los.
»Ich fahr dich zum Hotel.« Lo stellte sein halb volles Bierglas ab. »Damit du sicher nach Hause kommst.«
»Lass nur, ist nicht nötig.« Reece warf seiner Mutter einen Hilfe suchenden Blick zu, aber die hatte sich bereits umgedreht und machte die Fritteusen aus. »Es ist ja nicht weit. Ich hab keine Angst, außerdem geh ich gern ein paar Schritte.«
»Gut, dann begleite ich dich. Hast du einen Mantel?«
Wenn sie sein Angebot ablehnte, wäre das mehr als unhöflich. Aber wenn sie es annahm, bewegte sie sich auf sehr dünnem Eis. Sie würde übers Eis gehen müssen. Wortlos griff sie nach ihrer Jeansjacke. »Ich werde pünktlich um sechs da sein.«
Sie murmelte ein paar Abschiedsworte und ging zur Tür. Sie konnte spüren, wie ihr der Schriftsteller – Brody – ein Loch in den Rücken starrte. Was hatte der hier überhaupt noch zu suchen?
Lo hielt ihr die Tür auf und trat dann hinter ihr hinaus auf die Straße.
»Ganz schön frisch heute Abend. Frierst du nicht?«
»Nein. Nach der Hitze in der Küche finde ich das eher angenehm.«
»Kann ich mir vorstellen. Ich hoffe, meine Mutter nimmt dich nicht zu hart ran?«
»Ich arbeite gern.«
»Du hattest heute Abend bestimmt gut zu tun. Wie wär’s, wenn ich dich auf einen Drink einlade, damit du wieder ein bisschen runterkommst? Dann kannst du mir auch gleich deine Lebensgeschichte erzählen.«
»Danke, aber die ist keinen Drink wert. Außerdem hab ich morgen die erste Schicht.«
»Es soll ein schöner Tag werden.« Seine Stimme war genauso lässig wie sein Gang. »Wie wär’s, wenn ich dich danach abhole? Dann zeig ich dir ein bisschen die Umgebung. Du wirst in ganz Angel’s Fist keinen besseren Fremdenführer finden. Wenn du darauf bestehst, kann ich auch Referenzen vorlegen, dass ich ein Gentleman bin.«
Sein Lächeln war ansteckend, das musste sie zugeben. Und sein Blick war so verführerisch, als würde er sie bereits liebkosen. Andererseits war er der Sohn ihrer Chefin.
»Das ist wirklich nett von dir, aber da ich hier nur eine Hand voll Leute kenne – und auch die gerade erst einen Tag lang -, könnten diese Referenzen locker gefälscht sein. Deshalb lehne ich dein Angebot lieber ab und nutze den Tag, um mich hier ein bisschen einzugewöhnen.«
»Dann ein andermal.«
Als er ihren Arm nahm, zuckte sie zusammen, sodass er begütigend auf sie einredete, als sei sie ein scheuendes Pferd. »Ruhig, ganz ruhig, ich will nur, dass du dich entspannst. Man merkt schon an deinem schnellen Gang, dass du von der Ostküste stammst. Lass dir Zeit, schau mal nach oben. Das ist ein Anblick, was?«
Ihr Herz klopfte immer noch viel zu schnell, aber sie sah nach oben. Und da, über der gezackten Silhouette der Berge, stand ein strahlender Vollmond.
Sterne explodierten um ihn herum, als habe jemand eine Flinte mit Diamanten geladen und einfach drauflos geballert. Ihr Licht tauchte die Schneedecke auf den Gipfeln in ein unheimliches Blau, während die Felsspalten und -schluchten tiefschwarz verschattet waren.
Genau das entging ihr, dachte sie, wenn die Angst wieder von ihr Besitz ergriff und ihre Blicke zu Boden zwang. Obwohl sie in diesem Moment lieber allein gewesen wäre, war sie Lo doch dankbar dafür, dass er sie dazu gebracht hatte, stehen zu bleiben und nach oben zu schauen.
»Das ist schön. In dem Reiseführer, den ich gekauft habe, steht, die Berge seien majestätisch, was ich eigentlich nicht fand. Ich fand sie eher mächtig, zerklüftet. Aber jetzt sehen sie tatsächlich majestätisch aus.«
»Es gibt Plätze da oben, wo man selbst gewesen sein muss, um das beurteilen zu können. Plätze, die sich verändern, noch während man hinschaut. Wenn du zu dieser Jahreszeit aufsteigst und dich neben den Fluss stellst, kannst du die Felsen im Frühlingstauwasser krachen hören. Ich nehm dich mal auf einen Ausritt mit. Es gibt nichts Schöneres, als die Tetons vom Pferd aus zu bewundern.«
»Ich kann nicht reiten.«
»Ich bring’s dir bei.«
Sie lief weiter. »Fremdenführer, Reitlehrer.«
»Genau das bin ich auch, neben meinem Job auf der Circle-K-Ferienranch, die etwa zwanzig Kilometer von hier entfernt liegt. Ich kann dem dortigen Koch sagen, dass er ein schönes Picknick für uns vorbereiten soll, und dir ein braves Reittier organisieren. Das wird ein Tag, den du so schnell nicht vergessen wirst!«
»Bestimmt.« Es würde ihr gefallen, die Felsen krachen zu hören, die Moränen und Bergwiesen zu sehen. Jetzt, bei diesem atemberaubenden Mondlicht, war sie drauf und dran, seinen Vorschlag anzunehmen.
»Ich denk drüber nach. Hier ist mein Hotel.«
»Ich begleite dich hinein.«
»Das brauchst du nicht. Ich bin …«
»Meine Mutter hat mir beigebracht, dass man eine Dame immer bis vor die Tür bringen muss.«
Er nahm erneut lässig ihren Arm und hielt ihr die Eingangstür zum Hotel auf. Sie bemerkte, dass er nach Leder und Kiefern roch.
»Abend, Tom«, rief er dem Nachtportier zu.
»Lo. Ma’am.«
Reece sah ein belustigtes Funkeln in den Augen des Portiers. Als sich Lo zum Lift wandte, trat sie einen Schritt zurück. »Ich wohne im dritten Stock. Ich laufe lieber.«
»Du hast auch so’n Fitnesswahn, was? Sonst wärst du nicht so schlank.« Er änderte sanft die Richtung und hielt ihr die Tür zum Treppenhaus auf.
»Danke für die Mühe.« Sie befahl sich, nicht in Panik zu geraten, weil das Treppenhaus mit ihm an ihrer Seite plötzlich so viel enger wirkte. »Ich scheine hier wirklich in einem äußerst netten Ort gelandet zu sein.«
»Wyoming ist ein netter Bundesstaat. Wir sind nicht gerade viele, aber dafür sympathisch. Wie ich höre, kommst du aus Boston.«
»Ja.«
»Zum ersten Mal in der Gegend?«
»Stimmt genau.« Noch ein Treppenabsatz, und dann würde die Hotelzimmertür aufgehen.
»Machst du ein bisschen Urlaub und siehst dir das Land an?«
»Ja.«
»Ganz schön mutig, so mutterseelenallein.«
»Findest du?«
»Du scheinst abenteuerlustig zu sein.«
Normalerweise hätte sie jetzt laut gelacht, aber sie war nur erleichtert, als er ihr die Tür aufhielt und sie den Flur im dritten Stock betraten. »Hier ist mein Zimmer.« Sie fischte nach der Hotel-Key-Card und kontrollierte automatisch, ob der Tesafilm an ihrer Tür noch intakt war.
Noch bevor sie die Key-Card ins Schloss stecken konnte, nahm er sie ihr auch schon ab und öffnete die Tür. Anschließend gab er sie ihr wieder zurück. »Du hast ja alle Lichter angelassen«, bemerkte er. »Der Fernseher läuft auch.«
»Oh, das muss ich vorhin in der Eile wohl vergessen haben. Danke, Lo, fürs Heimbringen.«
»Es war mir ein Vergnügen. Bald wirst du auf einem Pferd sitzen, du wirst schon sehen.«
Sie rang sich ein Lächeln ab. »Ich werd drüber nachdenken. Danke noch mal. Gute Nacht.«
Sie schlüpfte durch die Tür und schloss sie. Betätigte den Riegel und hängte die Sicherheitskette vor. Sie setzte sich auf die türabgewandte Seite des Bettes. Von dort aus konnte sie aus dem Fenster sehen, auf die Weite da draußen, bis ihr Atem endlich wieder normal ging.
Etwas gefasster kehrte sie zurück, schaute durch den Spion, um zu kontrollieren, dass der Flur leer war, und schob einen Stuhl gegen die Zimmertür. Nachdem sie die Schlösser erneut überprüft und nachgesehen hatte, ob die Kommode vor der Tür zum anderen Zimmer auch stabil genug war, machte sie sich bettfertig. Sie stellte den Radiowecker auf fünf und zur Sicherheit auch noch ihren eigenen Reisewecker.
Sie schrieb in ihr Tagebuch und verhandelte mit sich selbst, wie viele Lichter sie während der Nacht brennen lassen durfte. Es war ihre erste Nacht an einem neuen Ort, also durfte sie sowohl die Nachttisch- als auch die Badezimmerlampe brennen lassen. Die im Bad zählte sowieso nicht. Das war eine reine Sicherheits- und Bequemlichkeitsmaßnahme. Sie könnte schließlich mitten in der Nacht aufs Klo müssen.
Sie holte ihre Taschenlampe aus dem Rucksack und legte sie neben das Bett. Es konnte einen Kurzschluss geben, verursacht durch einen Brand. Sie war schließlich nicht die Einzige im Hotel. Irgendjemand könnte beim Rauchen einschlafen, oder ein Kind könnte mit Streichhölzern spielen. Wer weiß.
Das ganze Gebäude könnte um drei Uhr früh in Flammen aufgehen. Das war durchaus möglich. Dann würde sie so schnell wie möglich ins Freie fliehen müssen. Die Taschenlampe neben dem Bett war eine reine Vorsichtsmaßnahme.
Das Kribbeln in ihrer Brust ließ sie sehnsüchtig an die Schlaftabletten in ihrem Waschbeutel denken. Doch die und die Antidepressiva gegen die Panikattacken waren einzig und allein für den Notfall bestimmt, ermahnte sie sich. Sie hatte schon seit Monaten keine Schlafmittel mehr genommen, und heute Abend war sie müde genug, um auch ohne einzuschlafen. Sollte es tatsächlich einen Kurzschluss geben, wäre sie viel zu groggy und langsam. Dann würde sie verbrennen oder an einer Rauchvergiftung sterben.
Bei dem Gedanken daran musste sie sich auf die Bettkante setzen. Sie stützte den Kopf in die Hände und verfluchte ihre lebhafte Fantasie.
»Hör auf damit, Reece. Hör sofort auf damit und geh ins Bett. Du musst morgen früh raus und solltest dich verhalten wie ein ganz normaler Mensch.«
Sie kontrollierte ein weiteres Mal alle Schlösser, bevor sie zu Bett ging. Sie lag regungslos da und hörte ihr Herz pochen, hörte auf die Geräusche aus dem Nebenzimmer, aus dem Flur und vor dem Fenster.
Sie befand sich in Sicherheit, redete sie sich ein. Sie war absolut sicher. Hier würde kein Feuer ausbrechen. Hier würde keine Bombe explodieren, niemand würde einbrechen, um sie hinterrücks im Schlaf umzubringen. Der Himmel würde ihr nicht auf den Kopf fallen.
Aber sie ließ den Fernseher leise weiterlaufen und ließ sich von dem alten Schwarzweißschinken in den Schlaf lullen.
 
 
Der Schmerz kam wie ein Schock. Er war derart heftig, dass sie nicht mal mehr schreien konnte. Ein schwarzer Amboss lastete schwer auf ihrem Brustkorb, sie saß in der Falle. Er quetschte ihre Lunge zusammen, sodass sie keine Luft mehr bekam, sich nicht mehr bewegen konnte. Ein Hammer schlug auf den Amboss, zertrümmerte ihren Schädel, ihren Brustkorb, hämmerte wie wild auf sie ein. Sie rang nach Luft, aber der Schmerz war zu viel für sie, und die Angst übertraf sogar noch ihren Schmerz.
Sie waren da draußen, draußen in der Dunkelheit. Sie konnte sie hören, hörte, wie das Glas splitterte, die Explosionen, und was noch viel schlimmer war, die Schreie.
Aber noch schlimmer als die Schreie war das Lachen.
Ginny? Ginny?
Nein, nein, nicht schreien, bleib so still wie möglich. Besser sie starb hier in der Dunkelheit, als dass man sie fand. Aber sie kamen näher, kamen, um sie zu holen. Sie konnte ein Wimmern nicht unterdrücken, konnte nicht verhindern, dass ihre Zähne laut aufeinanderschlugen.
Das plötzliche Licht blendete sie, und die hemmungslosen Schreie, die in ihrem Kopf explodierten, kamen ihr vor wie ein wildes Heulen.
»Da lebt noch eine.«
Sie schlug und trat erschöpft nach Händen, die nach ihr griffen.
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