Sommersehnsucht - Nora Roberts - E-Book

Sommersehnsucht E-Book

Nora Roberts

4,6
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Beschreibung

Gefühlvoll und berührend: der zweite Roman des großen Jahreszeiten-Zyklus

Freundschaft und Liebe – das geht nicht zusammen. Zu dumm nur, dass sich Emmas langjähriger Freund Jack, ein erfolgreicher Architekt, völlig überraschend als ihre große Liebe erweist. Nun steckt die Floristin der erfolgreichen Hochzeitsagentur »Vows« in der Klemme, zumal sie weiß, wie sehr Jack an seiner Freiheit hängt. Doch auch Jack muss erkennen, dass seine Gefühle für Emma über Freundschaft hinausgehen. Gut, dass die romantische Emma immer auf ihre drei besten Freundinnen Parker, Mac und Laurel zählen kann!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 502




Inhaltsverzeichnis
ZUM BUCH
ZUR AUTORIN
Widmung
Inschrift
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Copyright
ZUM BUCH
Sie kennt ihn schon seit Jahren: Jack, der ebenso erfolgreiche wie charmante Architekt, ist seit jeher eng mit Emma und ihren drei Freundinnen Parker, Mac und Laurel befreundet. Doch schon bald wird die Floristin der Hochzeitsagentur Vows ihn von einer ganz neuen Seite kennenlernen: Als Emma eines Abends mit dem Auto liegenbleibt, gibt Jack ihr Starthilfe. Nicht nur unter der Motorhaube funkt es sofort - doch Emma reißt sich zusammen, schließlich handelt es sich bei Jack um einen alten Freund. Aber die Liebe hat ihre eigenen Pläne.
Nach einer leidenschaftlichen Nacht muss Emma sich schließlich der Frage stellen: Kann doch aus Freundschaft Liebe werden? Und was hält der überzeugte Junggeselle Jack davon, dass sie sein Leben immer mehr umkrempelt? Gut, dass die romantische und sensible Emma immer auf ihre drei besten Freundinnen zählen kann!
Der zweite Roman des Jahreszeitenzyklus von Nora Roberts
ZUR AUTORIN
Nora Roberts wurde 1950 in Maryland geboren. Ihren ersten Roman veröffentlichte sie 1981. Inzwischen zählt sie zu den meistgelesenen Autorinnen der Welt. Ihre Bücher haben eine weltweite Gesamtauflage von 300 Millionen Exemplaren überschritten. Mehr als 125 Titel waren auf der New-York-Times-Bestsellerliste und ihre Bücher erobern auch in Deutschland immer wieder die Bestsellerlisten. Nora Roberts hat zwei erwachsene Söhne und lebt mit ihrem Ehemann in Keedsville, Maryland.
Bei Heyne unter anderem lieferbar: Das Haus der Donna - Träume wie Gold - Sehnsucht der Unschuldigen - Eine Frage der Liebe - Der weite Himmel - Verborgene Gefühle - Im Licht der Träume - Der Anfang aller Dinge - Der Ruf der Wellen - Dunkle Herzen - Lilien im Sommerwind - Die Tochter des Magiers - Insel der Sehnsucht - Heute und für immer - Schatten über den Weiden - Erinnerung des Herzens - Rückkehr nach River’s End - Im Sturm des Lebens - Tödliche Liebe - Gefährliche Verstrickung - Nächtliches Schweigen - Königin des Lichts - Verlorene Seelen - Tödliche Flammen
Außerdem die Familiensaga: Tief im Herzen - Gezeiten der Liebe - Hafen der Träume - Ufer der Hoffnung, die Garten-Eden-Trilogie: Blüte der Tage - Dunkle Rosen - Rote Lilien und der Jahreszeitenzyklus: Frühlingsträume - Sommersehnsucht - Herbstmagie
Für Freundinnen
Und daran glaube ich, dass jede BlumeDie Atemluft genießt, die sie empfängt.
Wordsworth
Liebe ist wie Freundschaft, die Feuer gefangen hat.
Bruce Lee
Prolog
In Emmas Augen war es die Romantik, die das Frausein zu etwas Besonderem machte. Die Romantik ließ jede Frau schön und jeden Mann zu einem Prinzen werden. Eine Frau, deren Leben voller Romantik war, lebte wie eine Königin, da ihrem Herz Wertschätzung entgegengebracht wurde.
Blumen, Kerzenlicht, lange Spaziergänge bei Mondschein in einem verschwiegenen Garten … allein die Vorstellung entlockte ihr einen Seufzer. Bei Mondschein in einem verschwiegenen Garten zu tanzen war nach ihren Maßstäben der Gipfel der Romantik.
Sie konnte es sich lebhaft vorstellen - der Duft von Sommerrosen, die Musik, die aus den offenen Fenstern eines Ballsaals herüberwehte. Wie das Licht sämtliche Umrisse silbern färbte, genau wie im Film. Wie ihr Herz klopfen würde (genau wie jetzt, da sie sich das Ganze ausmalte).
Sie sehnte sich danach, bei Mondschein in einem verschwiegenen Garten zu tanzen.
Sie war elf.
Weil sie genau vor sich sehen konnte, wie es sein sollte - sein würde -, beschrieb sie ihren besten Freundinnen die Szenerie in allen Einzelheiten.
Wenn die drei Freundinnen bei der vierten übernachteten, redeten sie stundenlang über alles Mögliche, hörten Musik oder schauten sich Filme an. Sie durften so lange aufbleiben, wie sie wollten, sogar die ganze Nacht. Obwohl das noch keine von ihnen geschafft hatte. Noch nicht.
Schliefen sie bei Parker, dann durften sie, sofern das Wetter es erlaubte, bis Mitternacht auf der Terrasse vor deren Zimmer sitzen oder spielen. Im Frühling, ihrer liebsten Jahreszeit dort, liebte Emma es, auf dieser Terrasse zu stehen, den Duft der Gärten von Brown Estate einzuatmen und auf das grüne Gras zu blicken, falls der Gärtner an jenem Tag den Rasen gemäht hatte.
Mrs Grady, die Haushälterin, brachte ihnen Kekse und Milch, manchmal auch kleine Törtchen. Hin und wieder kam Mrs Brown, um zu sehen, was sie so trieben.
Meistens waren die vier Freundinnen jedoch unter sich.
»Wenn ich erst mal eine erfolgreiche Geschäftsfrau bin und in New York lebe, habe ich keine Zeit mehr für Romantik.« Laurel, deren sonnengelbes Haar nach einer Behandlung mit Kool-Aid Getränkepulverkonzentrat - Limonengeschmack - grün gestreift war, ließ ihren Sinn für Mode an Mackensies hellrotem Schopf aus.
»Aber du brauchst Romantik«, beharrte Emma.
»Nö.« Mit der Zunge zwischen den Zähnen flocht Laurel eine weitere Strähne von Macs Haar zu einem langen, dünnen Zopf. »Ich werde so wie meine Tante Jennifer. Sie erzählt meiner Mutter, sie hätte keine Zeit zum Heiraten, und sie bräuchte keinen Mann, um vollständig zu sein und so. Sie lebt in der Upper East Side und geht mit Madonna auf Partys. Mein Papa sagt, sie ist eine Emanze. Also werde ich eine Emanze und gehe mit Madonna auf Partys.«
»Von wegen.« Mac schnaubte verächtlich. Der kurze Ruck an ihrem Zopf brachte sie nur zum Kichern. »Tanzen macht Spaß, und ich finde, Romantik ist okay, solange du dadurch nicht verblödest. Meine Mutter hat nichts als Romantik im Kopf. Höchstens noch Geld. Wahrscheinlich beides. Nach dem Motto, wie kann sie Romantik und Geld gleichzeitig kriegen.«
»Das ist aber keine echte Romantik.« Doch Emma rieb bei diesen Worten mit der Hand über Macs Bein. »Romantik ist, wenn man füreinander etwas tut, weil man verliebt ist. Ich wünschte, ich wäre schon alt genug, um verliebt zu sein.« Sie seufzte tief. »Das muss sich echt gut anfühlen.«
»Wir sollten mal einen Jungen küssen und sehen, wie das ist.«
Alle starrten wie gebannt auf Parker, die bäuchlings auf ihrem Bett lag und zuschaute, wie ihre Freundinnen Friseur spielten. »Wir könnten uns einen Jungen aussuchen und ihn dazu bringen, uns zu küssen. Wir sind fast zwölf. Wir müssen es ausprobieren und sehen, ob es uns gefällt.«
Laurel kniff die Augen zusammen. »So als Experiment?«
»Aber wen sollen wir küssen?«, fragte Emma.
»Wir machen eine Liste.« Parker rollte sich auf dem Bett herum, um ihr neuestes Notizbuch vom Nachttisch zu nehmen. Auf dem Umschlag war ein Paar rosa Spitzenschuhe abgebildet. »Wir schreiben alle Jungs auf, die wir kennen, und dann, von welchen wir uns vorstellen können, sie zu küssen. Und warum, oder warum nicht.«
»Das klingt nicht wirklich romantisch.«
Parker schenkte Emma ein kleines Lächeln. »Aber irgendwo müssen wir anfangen, und eine Liste ist immer hilfreich. Also, Verwandte können wir, glaube ich, nicht nehmen. Ich meine, so jemanden wie Del.« Das war ihr Bruder. »Oder einen von Emmas Brüdern. Außerdem sind Emmas Brüder viel zu alt.«
Sie schlug eine neue Seite in ihrem Notizbuch auf. »Also …«
»Manchmal stecken sie einem die Zunge in den Mund.«
Macs Kommentar rief allgemeines Gequieke, Würgen und noch mehr Gekicher hervor.
Parker rutschte vom Bett herunter, um sich neben Emma auf den Boden zu setzen. »Okay, wenn wir die Hauptliste fertig haben, können wir sie aufteilen. In Ja und Nein. Dann suchen wir aus der Ja-Liste aus. Wenn wir den Jungen, den wir ausgewählt haben, dazu bringen, uns zu küssen, müssen wir erzählen, wie es war. Und wenn er uns die Zunge in den Mund steckt, müssen wir wissen, wie das ist.«
»Was, wenn wir einen aussuchen und er uns nicht küssen will?«
»Em?« Während sie den letzten Zopf zuband, schüttelte Laurel den Kopf. »Einer der Jungs will dich ganz bestimmt küssen. Du bist echt hübsch, und du sprichst mit ihnen, als wäre das ganz normal. Manche Mädchen sind völlig durchgeknallt, wenn sie mit Jungs zusammen sind, aber du nicht. Außerdem kriegst du schon Brüste.«
»Jungs mögen Brüste«, verkündete Mac altklug. »Und wenn er dich nicht küssen will, küsst du ihn eben. Ich glaube sowieso nicht, dass das alles so besonders ist.«
Nach Emmas Meinung war es das sehr wohl - zumindest sollte es besonders sein.
Sie fertigten die Liste an, und allein das brachte sie zum Lachen. Laurel und Mac spielten vor, wie der eine oder andere Junge auf ihren Vorschlag reagieren könnte, und dabei kugelten sie sich auf dem Fußboden, bis Mr Fish, der Kater, aus dem Zimmer stolzierte, um sich in Parkers Wohnzimmer zusammenzurollen.
Als Mrs Grady mit Keksen und Milch hereinkam, steckte Parker das Notizbuch rasch weg. Dann beschlossen sie zu spielen, sie wären eine Mädchenband, worauf sie alle in Parkers Kleiderschrank und Kommoden wühlten, um das richtige Outfit für die Bühne zu finden.
Sie schliefen auf dem Fußboden ein oder auf dem Bett, zusammengerollt oder ausgestreckt.
Emma erwachte vor Sonnenaufgang. Im Zimmer war es dunkel, bis auf den Schimmer von Parkers Nachtlampe und den Strahl des Mondlichts, das durch die Fenster hereinfiel.
Irgendjemand hatte sie mit einer leichten Decke zugedeckt und ihr ein Kissen unter den Kopf geschoben, wie immer, wenn sie bei einer Freundin übernachteten.
Das Mondlicht lockte sie an, und noch halb im Traum ging sie zur Terrassentür und trat hinaus. Kühle Luft voller Rosenduft strich ihr über die Wangen.
Sie schaute über die Gärten, in denen alles silbern gerändert war und in denen der Frühling in sanften Farben und weichen Formen lebte. Beinahe konnte sie die Musik hören und sich zwischen den Rosen und Azaleen tanzen sehen, zwischen den Pfingstrosen, die ihre Blütenblätter und ihren Duft noch in dichten Kugeln festhielten.
Beinahe konnte sie die Gestalt ihres Partners vor sich sehen, der sie im Tanz herumwirbelte. In einem Walzer, dachte sie seufzend. Es sollte ein Walzer sein, wie in einem Märchenbuch.
Das war Romantik, dachte sie und schloss die Augen, um die Nachtluft einzuatmen.
Eines Tages, gelobte sie sich, würde sie wissen, wie das war.
1
Vor lauter Einzelheiten schwirrte Emma der Kopf. Da viele von ihnen nur verschwommen waren, warf sie bei ihrer ersten Tasse Kaffee einen Blick in ihren Terminkalender. Eine Beratung folgte auf die andere, und das gab ihr beinahe ebenso einen Kick wie der starke, schwarze Kaffee. Genüsslich lehnte sie sich auf dem Stuhl in ihrem gemütlichen Büro zurück, um die Randnotizen zu lesen, die sie sich zu jedem Kunden gemacht hatte.
Erfahrungsgemäß half ihr die Persönlichkeit eines Paars - genauer gesagt die der Braut - dabei, den Ton eines Beratungsgesprächs festzulegen, die Richtung, die das Paar einschlagen wollte. In Emmas Augen waren Blumen das Herzstück einer Hochzeit. Ob eine Feier elegant oder unkonventionell, pompös oder schlicht war, die Blumen brachten die Romantik ins Spiel.
Es war ihre Aufgabe, den Kunden so viel Herz und Romantik zu bieten, wie sie es wünschten.
Sie seufzte, reckte sich und betrachtete dann lächelnd die Vase mit kleinen Röschen auf ihrem Schreibtisch. Der Frühling, dachte sie, war das Beste. Die Hochsaison der Hochzeiten begann - das bedeutete arbeitsreiche Tage und lange Abende, an denen sie Entwürfe ausarbeitete, Blumen arrangierte, neue Kreationen erschuf, nicht nur für die Hochzeiten dieses Frühjahrs, sondern auch für die des nächsten.
Sie liebte die Beständigkeit ebenso wie die Arbeit selbst.
Dies hatte Vows ihr und ihren drei besten Freundinnen gegeben: Beständigkeit, eine Arbeit, die sie befriedigte und die persönliche Erfüllung für sie bedeutete. Sie durfte jeden Tag mit Blumen spielen, mit Blumen leben, regelrecht in Blumen schwimmen.
Nachdenklich betrachtete sie ihre Hände, die kleinen Macken und winzigen Schnitte. An manchen Tagen waren es für sie Kriegsnarben, an anderen Ehrenabzeichen. Heute Morgen wünschte sie nur, sie hätte daran gedacht, eine Maniküre einzuplanen.
Sie warf einen Blick auf die Uhr und rechnete. Dann sprang sie auf. Sie machte einen Umweg über ihr Schlafzimmer, um sich die scharlachrote Kapuzenjacke zu schnappen, deren Reißverschluss sie über dem Pyjama zuzog. Sie hatte noch Zeit, zum Haupthaus hinüberzugehen, bevor sie sich anziehen und auf den Tag vorbereiten würde. Im Haupthaus würde Mrs Grady Frühstück bereithalten, so dass Emma sich nicht selbst darum kümmern musste.
Ihr Leben, dachte sie, während sie im Laufschritt nach unten eilte, war voll von solchen Annehmlichkeiten.
Auf dem Weg durchs Wohnzimmer, das ihr als Empfangs- und Beratungszimmer diente, ließ sie den Blick kurz durch den Raum schweifen. Vor der ersten Beratung würde sie die Blumen auffrischen. Aber waren die »Stargazer«-Lilien nicht wunderschön aufgegangen?
Sie verließ das Haus, das einst das Gästehaus des Brownschen Anwesens gewesen war und nun ihre Wohnung sowie das Blumenstudio Centerpiece beherbergte - ihren Bereich der Hochzeitsagentur Vows.
Draußen atmete sie die Frühlingsluft ein. Und erschauerte. Verflixt, warum konnte es nicht wärmer sein? Es war April, Himmel nochmal! Narzissenzeit. Wie fröhlich die Stiefmütterchen aussahen, die sie eingetopft hatte. Sie hatte keine Lust, sich von einem kalten Morgen - jetzt begann es auch noch zu nieseln - die Laune verderben zu lassen.
Sie zog die Schultern hoch, steckte die Hand, die nicht den Kaffeebecher hielt, in die Tasche und machte sich auf den Weg zum Haupthaus.
Rings um sie herum erwachte alles zu neuem Leben. Wenn man genau hinschaute, konnte man die ersten Anzeichen von Grün an den Bäumen sehen, einen Hauch, aus dem einmal zarte Blüten von Hartriegel und Kirschen entstehen würden. Die Narzissen dort wollten aufblühen, wie es die Krokusse bereits getan hatten. Vielleicht würde es noch einmal Schnee geben, doch das Schlimmste war überstanden.
Bald würde es Zeit sein, in der Erde zu buddeln, ein paar ihrer Schönheiten aus dem Gewächshaus zu holen und zur Schau zu stellen. Sie lieferte die Sträuße, die Girlanden und Kränze, doch wenn es darum ging, eine ergreifend schöne Kulisse für eine Hochzeit bereitzustellen, war Mutter Natur unschlagbar.
Und die kam nirgends so gut zur Geltung wie auf Brown Estate.
Die Gärten, die selbst jetzt eine Augenweide waren, würden bald vor Farben, Blüten, Düften explodieren und die Menschen einladen, die verschlungenen Pfade entlangzuschlendern oder auf einer Bank zu sitzen, sich in der Sonne oder im Schatten auszuruhen. Parker, die ein Händchen dafür besaß, Leute einzuspannen, hatte Emma beauftragt, sich um die Gärten zu kümmern, so dass sie sich dort jedes Jahr austoben konnte, indem sie etwas Neues anpflanzte oder das Team der Landschaftsgärtner beaufsichtigte.
Die Terrassen und Veranden schufen fantastische Räume im Freien, die für Hochzeiten und andere Veranstaltungen perfekt geeignet waren. Ein Empfang am Pool oder auf einer Terrasse, Zeremonien unter der Rosenlaube oder der Pergola oder vielleicht unten am Teich unter einer Trauerweide.
Alles da, dachte sie.
Dann das Haus selbst. Gab es etwas Anmutigeres, Schöneres? Das wundervolle Zartblau, die warmen Akzente in Gelb und Cremeweiß. Die verschiedenartigen Dachlinien, die Bogenfenster, die durchbrochenen Balkongeländer trugen zu seinem eleganten Charme bei. Und der Säulenvorbau am Eingang war dafür geschaffen, mit üppigem Grün geschmückt oder kunstvoll mit verschiedenen Farben und Materialien dekoriert zu werden.
Als Kind war das Anwesen für sie ein Märchenland gewesen, mitsamt Schloss.
Jetzt war es ihr Zuhause.
Sie steuerte auf das Poolhaus zu, in dem ihre Geschäftspartnerin Mac wohnte und ihr Fotostudio eingerichtet hatte. Noch bevor sie es erreicht hatte, ging die Tür auf. Emma lächelte und winkte spontan dem schlaksigen Mann mit dem wirren Haar und der Tweedjacke zu, der herauskam.
»Morgen, Carter!«
»Hallo, Emma.«
Carters und ihre Familie waren befreundet, fast so lange sie denken konnte. Jetzt war Carter Maguire - ehemals Professor in Yale und mittlerweile Englischlehrer an ihrer früheren Highschool - mit einer ihrer besten Freundinnen verlobt.
Das Leben war nicht nur schön, dachte Emma. Es bettete sie echt auf Rosen.
Von diesem Gedanken beflügelt, tanzte sie förmlich auf Carter zu, zog ihn am Jackettaufschlag zu sich herunter und balancierte gleichzeitig auf den Zehenspitzen, um dem Freund einen schmatzenden Kuss zu verpassen.
»Wow«, sagte er und wurde ein bisschen rot.
»He.« Mit verschlafenen Augen und in der Dämmerung rot leuchtendem Haarschopf lehnte Mac sich an den Türrahmen. »Versuchst du, mit meinem Kerl anzubandeln?«
»Schön wär’s. Ich würde ihn dir sofort abspenstig machen, aber du hast ihm ja hoffnungslos den Kopf verdreht.«
»Stimmt genau.«
»Tja.« Carter schenkte beiden ein verwirrtes Lächeln. »Das ist wirklich ein schöner Start in den Tag. Die Besprechung mit den Kollegen, zu der ich unterwegs bin, wird sicher nicht halb so angenehm.«
»Melde dich krank.« Mac schnurrte regelrecht. »Ich hätte noch was Angenehmes für dich.«
»Hm. So. Na ja. Tschüss dann.«
Emma sah ihm grinsend nach, als er zu seinem Wagen eilte. »Gott, er ist so süß.«
»Allerdings.«
»Und sieh dich nur an, du Glückspilz.«
»Verlobter Glückspilz. Willst du meinen Ring nochmal sehen?«
»Ooooh«, seufzte Emma gehorsam, als Mac mit den Fingern wackelte. »Aaaah.«
»Gehst du frühstücken?«
»Hatte ich vor.«
»Warte.« Mac beugte sich ins Haus, schnappte sich eine Jacke und zog dann die Tür hinter sich zu. »Ich hatte bisher nur einen Kaffee, also …« Während sie in Gleichschritt verfielen, runzelte Mac die Stirn. »Das ist mein Becher.«
»Willst du ihn sofort zurückhaben?«
»Ich weiß, warum ich an diesem ungemütlichen Morgen so gute Laune habe. Aus demselben Grund, warum ich auch keine Zeit zum Frühstücken hatte. Man nennt das ›Zusammen duschen gehen‹.«
»Der Glückspilz ist auch ein elender Angeber.«
»Und stolz darauf. Warum bist du so gut gelaunt? Hast du einen Mann im Haus?«
»Leider nicht. Aber ich habe heute fünf Beratungen anstehen. Ein toller Start in die Woche, der sich nahtlos an den schönen Abschluss der letzten anschließt - die Hochzeit zum Tee, die wir gestern hatten. Das war echt süß, oder?«
»Unser sechzigjähriges Brautpaar, umgeben von den Kindern und Enkeln. Nicht nur süß, sondern auch beruhigend. Für beide war es der zweite Anlauf, und doch sind sie bereit, es noch einmal zu versuchen, zu teilen und sich zu verbinden. Mir sind ein paar geniale Aufnahmen gelungen. Na, jedenfalls glaube ich, dass das verrückte Paar es schaffen wird.«
»Apropos verrücktes Paar, wir müssen unbedingt über deine Blumen sprechen. Bis Dezember mag es noch lange hin sein, aber die Zeit vergeht schnell, wie du weißt.«
»Ich habe mich noch nicht einmal in Sachen Verlobungsfotos entschieden. Geschweige denn mich nach Kleidern umgeschaut oder über Farben nachgedacht.«
»Mir stehen leuchtende Farben gut«, sagte Emma und klimperte mit den Wimpern.
»Dir steht sogar Sackleinen. Von wegen elender Angeber.« Mac öffnete die Tür zum Windfang, und da Mrs Grady aus dem Winterurlaub zurück war, dachte sie daran, die Schuhe abzustreifen. »Sobald ich das Kleid gefunden habe, machen wir ein Brainstorming zu dem Rest.«
»Du bist die Erste von uns, die heiratet. Die ihre Hochzeit hier feiert.«
»Ja. Es wird interessant zu sehen, wie wir damit klarkommen, die Hochzeit auszurichten und gleichzeitig mitzufeiern.«
»Du weißt, dass du dich in Sachen Logistik auf Parker verlassen kannst. Wenn jemand es schafft, dass alles glattgeht, dann sie.«
Sie traten in die Küche - und ins Chaos.
Während die unparteiische Maureen Grady resolut und mit gelassener Miene am Herd werkelte, zankten sich Parker und Laurel quer durch den Raum.
»Es muss sein«, beharrte Parker.
»Blödsinn, Blödsinn, Blödsinn!«
»Laurel, das ist Business. Im Business dient man dem Kunden.«
»Soll ich dir sagen, wie ich die Kundin bedienen will?«
»Lass es.« Parker, die ihr üppiges braunes Haar zu einem Pferdeschwanz zurückgebunden hatte, trug bereits ein kundentaugliches Kostüm in Nachtblau. Ihre Augen, die beinahe die gleiche Farbe hatten, blitzten vor Ungeduld. »Sieh mal, ich habe bereits eine Liste zusammengestellt - ihre Vorlieben, die Anzahl der Gäste, ihre Farben, ihre Blumenauswahl. Du musst nicht einmal mit ihr sprechen. Ich vermittle.«
»Soll ich dir sagen, was du mit deiner Liste machen kannst?«
»Die Braut …«
»Die Braut ist eine dumme Kuh, eine Zimtzicke, eine quengelige Göre … die mir vor fast einem Jahr sehr deutlich zu verstehen gegeben hat, dass sie meine Dienste weder braucht noch wünscht. Die Braut kann mich mal. Von meiner Torte kriegt sie jedenfalls nichts, jetzt wo sie kapiert hat, wie dämlich sie war.«
In Baumwoll-Pyjamahose und Top, worin sie geschlafen hatte, das Haar noch vom Schlaf verwuschelt, ließ Laurel sich in der Frühstücksecke auf einen Stuhl fallen.
»Du musst dich beruhigen.« Parker bückte sich, um einen Aktenordner aufzuheben. Den vermutlich Laurel auf den Boden geworfen hatte, dachte Emma.
»Alles, was du brauchst, steht hier drin.« Parker legte den Ordner auf den Tisch. »Ich habe der Braut schon zugesichert, dass wir ihr entgegenkommen, also …«
»Also entwirfst und backst du von jetzt bis Samstag eine vierstöckige Torte, dazu eine Bräutigamstorte und eine Auswahl von Desserts. Für zweihundert Personen. Ohne jegliche Vorbereitung, und obwohl du am Wochenende noch drei andere Feiern und in drei Tagen eine Abendveranstaltung hast.« Laurel verzog aufmüpfig das Gesicht, nahm den Ordner und ließ ihn absichtlich wieder auf den Boden fallen.
»Jetzt bist du kindisch.«
»Dann bin ich eben kindisch.«
»Mädels, eure kleinen Freundinnen sind zum Spielen gekommen«, flötete Mrs Grady mit vergnügt blitzenden Augen.
»Oh, ich höre meine Mama rufen«, sagte Emma und machte Anstalten, wieder zu gehen.
»Wehe!« Laurel sprang auf. »Hört euch das an. Die Folk-Harrigan-Hochzeit. Samstag, Abendveranstaltung. Ihr erinnert euch bestimmt daran, wie die Braut bei der bloßen Vorstellung, Icing könnte ihre Hochzeitstorte oder irgendein Dessert liefern, die Nase gerümpft hat. Wie sie für mich und meine Vorschläge nur Verachtung übrighatte und darauf bestand, ihre Cousine, Chefkonditorin in New York, die in Paris gelernt und schon Torten für bedeutende Anlässe entworfen habe, werde sämtliche Desserts übernehmen. Wisst ihr noch, was sie zu mir gesagt hat?«
»Äh.« Emma trat von einem Bein aufs andere. »Nicht den genauen Wortlaut.«
»Aber ich. Sie hat gesagt, und zwar mit diesem spöttischen Grinsen, sie sei sicher, ich käme bei den meisten Feiern ganz passabel zurecht, aber für ihre Hochzeit wolle sie nur das Beste. Das hat sie mir ins Gesicht gesagt.«
»Das war unhöflich, keine Frage …«, begann Parker.
»Ich bin noch nicht fertig«, presste Laurel zwischen den Zähnen hervor. »Jetzt, um kurz vor zwölf, ist ihre tolle Cousine anscheinend mit einem ihrer Kunden durchgebrannt. Skandal, Skandal, zumal besagter Kunde die tolle Cousine kennengelernt hat, als er sie mit dem Entwurf einer Torte für seine Verlobungsfeier beauftragen wollte. Die beiden gelten als vermisst, und plötzlich will die Braut, dass ich einspringe und ihren großen Tag rette.«
»Und genau das tun wir hier. Laurel …«
»Dich habe ich nicht gefragt.« Laurel machte eine wegwerfende Handbewegung in Parkers Richtung und wandte sich an Mac und Emma. »Ich frage diese beiden.«
»Wie? Hast du etwas gesagt?« Mac schenkte ihr ein strahlendes Lächeln. »Entschuldige, ich muss vom Duschen noch Wasser im Ohr haben. Ich verstehe kein Wort.«
»Feigling. Em?«
»Äh …«
»Frühstück!« Mrs Grady ließ einen Finger in der Luft kreisen. »Alles hinsetzen. Eiweißomeletts auf getoastetem Graubrot. Setzt euch, setzt euch. Esst.«
»Ich esse erst, wenn …«
»Setzen wir uns doch erst mal«, unterbrach Emma Laurels nächste Schimpfkanonade und bemühte sich um einen beruhigenden Tonfall. »Lass mir eine Minute Zeit zum Überlegen. Setzen wir uns und … oh, Mrs G., das sieht fantastisch aus!« Sie schnappte sich zwei Teller - die ihr wie Schilde vorkamen -, ging zur Frühstücksecke hinüber und rutschte auf die Bank. »Lasst uns daran denken, dass wir ein Team sind«, begann sie.
»Du wirst ja nicht beleidigt und bekommst zu viel Arbeit aufgehalst.«
»Aber ich kenne das. Whitney Folk ist ein echter Brautzilla. Ich könnte von meinen persönlichen Alpträumen mit ihr berichten, aber das hebe ich mir für einen anderen Tag auf.«
»Ich könnte auch ein paar beisteuern«, warf Mac ein.
»Ach, kannst du wieder hören?«, bemerkte Laurel.
»Sie ist unhöflich, anspruchsvoll, verzogen, schwierig und einfach schrecklich.«
Emma fuhr fort: »Wenn wir eine Veranstaltung planen, ist es normalerweise so, dass wir einem Paar helfen, einen Tag ins rechte Licht zu rücken, der am Anfang des ewigen Glücks steht - trotz aller Probleme, die auftauchen können, und trotz der Schrullen mancher Paare. Aber bei diesen beiden? Ich würde mich wundern, wenn das zwei Jahre hält. Sie war unhöflich zu dir, und ich glaube nicht, dass es Verachtung war, sondern eher Selbstgefälligkeit. Ich mag sie nicht.«
Offenbar dankbar für die Unterstützung warf Laurel Parker ein ebenfalls selbstgefälliges Grinsen zu und begann zu essen.
»So viel dazu. Aber wir sind ein Team. Und Kundinnen, auch selbstgefällige Biester, müssen bedient werden. Das sind gute Gründe dafür, dass du mitmachst«, sagte Emma, während Laurel sie finster ansah. »Aber es gibt noch einen besseren. Du zeigst ihrem ungehobelten, knochigen Hintern, was eine wirklich geniale Konditorin zuwege bringen kann, und zwar unter Zeitdruck.«
»Auf die Tour hat Parker es auch schon versucht.«
»Oh.« Emma kostete ein Streifchen von ihrem Omelett. »Aber es stimmt.«
»Ich könnte ihre männerklauende Cousine in Grund und Boden backen.«
»Keine Frage. Ich persönlich finde, sie sollte zu Kreuze kriechen. Wenigstens ein bisschen.«
»Zu Kreuze kriechen gefällt mir.« Laurel überlegte. »Und betteln.«
»Ich könnte versuchen, von beidem etwas zu bekommen.« Parker hob ihre Kaffeetasse. »Ich habe ihr auch mitgeteilt, dass wir dafür, dass wir ihr so kurzfristig entgegenkommen, ein zusätzliches Entgelt verlangen müssen. Ich habe fünfundzwanzig Prozent angesetzt. Sie hat zugesagt, als würde sie nach einer Rettungsleine greifen, und vor Dankbarkeit geweint.«
In Laurels glockenblumenblaue Augen trat ein Strahlen. »Sie hat geweint?«
Parker nickte und sah Laurel mit hochgezogener Augenbraue an. »Also?«
»Das mit dem Weinen erwärmt mir das Herz, aber sie muss nehmen, was sie von mir bekommt, und damit zufrieden sein.«
»Absolut.«
»Sag mir nur, wofür du dich entscheidest, wenn du so weit bist«, sagte Emma. »Dann arbeite ich die Blumen und den Tischschmuck ein.« Sie schenkte Parker ein mitfühlendes Lächeln. »Um wie viel Uhr hat sie dich wegen dieser Sache angerufen?«
»Heute Nacht um zwanzig nach drei.«
Laurel streckte den Arm aus und tätschelte Parker die Hand. »Du Ärmste.«
»Das ist mein Job. Wir stehen das durch. Wie immer.«
Ja, sie standen es immer durch, dachte Emma, während sie die Blumenarrangements in ihrem Wohnzimmer auffrischte. Und sie hoffte, dass es immer so bleiben würde. Sie warf einen Blick auf die Fotografie, die sie in einem schlichten weißen Rahmen aufbewahrte: Drei kleine Mädchen, die in einem sommerlichen Garten Heiraten spielten.
Sie war an jenem Tag die Braut gewesen, hatte den Strauß aus Unkräutern und Wildblumen in der Hand gehalten und den Spitzenschleier getragen. Und war ebenso entzückt gewesen wie ihre Freundinnen, als der blaue Schmetterling auf dem Löwenzahn in ihrem Strauß landete.
Mac war natürlich auch dabei gewesen. Mit der Kamera hatte sie den Moment eingefangen. Für Emma war es durchaus ein kleines Wunder, dass sie aus ihrem einstigen Lieblingsspiel aus dem Reich der Fantasie ein florierendes Geschäft gemacht hatten.
Heute verwendete sie keine Löwenzahnblumen mehr, dachte sie, als sie die Kissen aufschüttelte. Doch wie oft hatte sie denselben verzückten, staunenden Ausdruck im Gesicht einer Braut gesehen, wenn sie ihr einen Strauß reichte, den sie für sie gebunden hatte? Nur für sie …
Emma hoffte, die Besprechung, die gleich beginnen sollte, würde in einer Hochzeit im kommenden Frühjahr enden, mit genau dieser staunenden Miene der Braut. Sie legte ihre Ordner, Alben und Bücher bereit und trat vor den Spiegel, um ihre Frisur, ihr Make-up und den Sitz von Jackett und Hose zu überprüfen.
Das Repräsentieren, dachte sie, war eine Hauptaufgabe von Vows.
Sie wandte sich vom Spiegel ab, um mit einem fröhlichen »Hochzeitsagentur Vows, Blumenstudio Centerpiece« ans Telefon zu gehen. »Ja, hallo, Roseanne. Natürlich erinnere ich mich an Sie. Hochzeit im Oktober, stimmt’s? Nein, es ist nicht zu früh für diese Entscheidungen.«
Während sie sprach, holte Emma ein Notizbuch aus dem Schreibtisch und schlug es auf. »Wir können für nächste Woche einen Beratungstermin ausmachen, wenn Ihnen das recht ist. Können Sie ein Foto von Ihrem Kleid mitbringen? Super. Und falls Sie die Kleider der Brautjungfern schon ausgesucht haben oder ihre Farben … Mm-hm. Ich helfe Ihnen bei all diesen Dingen. Wie wäre es am Montag um zwei?«
Sie trug den Termin ein, warf dann einen Blick über die Schulter, weil sie ein Auto kommen hörte.
Eine Kundin am Telefon, eine weitere, die gleich vor der Tür stand.
Gott, sie liebte den Frühling!
Emma führte ihre letzte Kundin dieses Tages durch den Ausstellungsbereich, wo sie in Regalen Blumenarrangements und Sträuße aus Seide sowie verschiedene Muster zeigte.
»Den habe ich mir ausgedacht, nachdem Sie mir das Foto von Ihrem Kleid gemailt und mir Ihre Vorlieben in Sachen Farben und Blumen genannt hatten. Ich weiß, dass Sie gesagt haben, Sie hätten am liebsten einen großen Wasserfallstrauß, aber …«
Emma nahm den Strauß aus Lilien und Rosen, der mit einem perlenbesetzten Band zusammengebunden war, aus dem Regal. »Ich wollte einfach nur, dass Sie den sehen, bevor Sie Ihre endgültige Entscheidung treffen.«
»Er ist schön, und meine Lieblingsblumen sind auch darin. Aber er kommt mir, wie soll ich sagen, nicht groß genug vor.«
»Zum Schnitt Ihres Kleides, dem schmalen Rock und der schönen Perlenstickerei an der Corsage könnte der modernere Strauß umwerfend aussehen. Ich möchte, dass Sie genau das bekommen, was Sie wollen, Miranda. Dieses Beispiel kommt Ihren Vorstellungen näher.« Emma nahm einen Wasserfallstrauß aus dem Regal.
»Oh, der ist wie ein Garten!«
»Ja, genau. Lassen Sie mich Ihnen ein paar Fotos zeigen.« Sie öffnete die Mappe auf der Theke und nahm zwei Bilder heraus.
»Das ist ja mein Kleid! Mit den beiden Sträußen.«
»Meine Partnerin Mac kann genial mit Photoshop umgehen. Die Bilder geben Ihnen eine gute Vorstellung davon, wie die beiden Stilrichtungen zu Ihrem Kleid aussehen. Es gibt keine schlechte Wahl. Es ist Ihr Tag, und jedes Detail soll genau so sein, wie Sie es sich wünschen.«
»Sie haben Recht …« Miranda studierte die beiden Fotos. »Der große Strauß, hm, erdrückt das Kleid irgendwie. Der andere dagegen - der ist wie dafür gemacht. Er ist elegant, aber immer noch romantisch. Er ist doch romantisch, oder?«
»Ich finde schon. Die Lilien mit dem Hauch von Rosa gegen die weißen Rosen, dazu die Akzente in Hellgrün. Der Fall des weißen Bandes, der Schimmer der Perlen. Ich dachte, wenn Ihnen das gefällt, könnten wir für Ihre Brautjungfern nur die Lilien nehmen, vielleicht mit einem rosa Band.«
»Ich denke …« Miranda trat mit dem Musterstrauß vor den altmodischen Drehspiegel, der in der Ecke stand. Ihr Lächeln erblühte wie die Blumen, als sie sich eingehend betrachtete. »Er sieht aus, als hätten ihn ein paar richtig kreative Feen erschaffen. Und er gefällt mir sehr.«
Emma machte sich eine entsprechende Notiz in ihrem Buch. »Das freut mich. Von nun an arbeiten wir um die Sträuße herum, in einer Art Spirale. Ich stelle besondere Vasen auf den Haupttisch, so dass die Sträuße nicht nur frisch bleiben, sondern während des Empfangs auch Teil der Dekoration werden. Für Ihren Strauß zum Werfen habe ich gedacht, wir nehmen nur weiße Rosen, aber kleinere als diese.« Emma griff zu einem weiteren Musterstrauß. »Gebunden mit rosa und weißen Bändern.«
»Das wäre perfekt. Es ist alles viel einfacher, als ich gedacht habe.«
Zufrieden machte Emma sich weitere Notizen. »Die Blumen sind wichtig, aber sie sollten auch Freude bereiten. Es gibt keine schlechte Wahl, denken Sie daran. Nach allem, was Sie mir erzählt haben, würde ich den Geist der Hochzeit mit moderner Romantik umschreiben.«
»Ja, genau so etwas schwebt mir vor.«
»Ihre Nichte, das Blumenmädchen, ist fünf, nicht wahr?«
»Gerade fünf geworden, im letzten Monat. Sie ist schon ganz aufgeregt bei der Vorstellung, dass sie Rosenblütenblätter im Mittelgang verstreuen darf.«
»Das kann ich mir vorstellen.« Emma strich den Gedanken an einen Pomander - eine Blumenkugel - von der Liste, die sie im Kopf hatte. »Wir könnten dieses elegante Körbchen nehmen, mit weißem Satin ausgeschlagen und mit Babyrosen verziert, von denen wieder die rosa und weißen Bänder herabhängen. Je nachdem, was für ein Kleid sie trägt und was Ihnen gefällt, können wir es schlicht halten oder Bänder über ihren Rücken fallen lassen.«
»Bänder, auf jeden Fall. Die Kleine ist ein richtiges Mädchen. Sie wird begeistert sein.« Melinda nahm das Muster des Haarkranzes, den Emma ihr reichte. »Oh, Emma. Der ist wie eine kleine Krone! Wie für eine Prinzessin.«
»Genau.« Als Melinda sich den Kranz aufsetzte, lachte Emma. »Ein fünfjähriges Mädchen wird damit im siebten Himmel schweben. Und Sie werden zeitlebens ihre Lieblingstante sein.«
»Sie wird so süß aussehen. Ja, ja - zu allem. Körbchen, Haarkranz, Bänder, Rosen, Farben.«
»Schön! Sie machen es mir leicht. Jetzt wären da noch die Mütter und Großmütter. Wir könnten Sträußchen zum Anstecken oder fürs Handgelenk machen, mit den Rosen, den Lilien oder beidem. Aber …«
Lächelnd setzte Miranda den Haarkranz wieder ab. »Jedes Mal, wenn Sie ›aber‹ sagen, kommt etwas Fantastisches. Also, aber?«
»Ich dachte, wir könnten den klassischen Tussie-Mussie etwas moderner aufpeppen.«
»Ich habe keine Ahnung, was das ist.«
»Ein Tussie-Mussie ist ein kleines Sträußchen wie dieses, das man in einem Halter trägt, damit die Blumen frisch bleiben. An den Plätzen der Mütter und Großmütter würden wir Präsentationsständer aufstellen, so dass ihre Tische gleichzeitig ein bisschen mehr geschmückt sein würden als die anderen. Wir würden die Lilien und Rosen verwenden, en miniature, aber vielleicht mit umgekehrten Farben. Rosa Rosen, weiße Lilien, dazu ein Hauch von Zartgrün. Oder, falls das nicht zu ihren Kleidern passt, ganz in Weiß. Klein, nicht so empfindlich. Ich würde so etwas wie diesen ganz schlichten silbernen Halter verwenden, nichts mit Verzierungen. Dann könnten wir das Hochzeitsdatum eingravieren lassen oder Ihre Namen oder die der Brautjungfern.«
»Damit hätten sie praktisch ihre eigenen Sträuße. Wie eine Miniaturausgabe von meinem. Oh, meine Mutter wird …«
Als Mirandas Augen sich mit Tränen füllten, streckte Emma die Hand nach der Taschentücherbox aus, die sie stets griffbereit hatte.
»Danke. Genau so will ich es haben. Über die Monogramme muss ich noch nachdenken. Das möchte ich auch gern mit Brian besprechen.«
»Es ist noch reichlich Zeit.«
»Aber ich will diese Sträußchen. Mit umgekehrten Farben, denke ich, weil es dadurch mehr ihre eigenen werden. Ich setze mich mal kurz hierhin.«
Emma ging mit Miranda zu der kleinen Sitzecke und stellte die Taschentücherbox in Reichweite. »Das wird schön.«
»Ich weiß. Ich sehe es schon vor mir, und dabei haben wir noch nicht einmal mit den Blumenarrangements und Centerpieces und, oh, allem anderen angefangen. Aber ich sehe es vor mir. Ich muss Ihnen etwas sagen.«
»Nur zu.«
»Meine Schwester - meine erste Trauzeugin … Sie hat uns bedrängt, Felfoot zu buchen. Es war immer die Location in Greenwich, wissen Sie, und es ist schön.«
»Es ist fantastisch, und die machen ihre Sache immer ausgezeichnet.«
»Aber Brian und ich haben uns einfach in diesen Ort verliebt. Das Äußere, das Ambiente, die Art und Weise, wie Sie vier zusammenarbeiten. Es fühlte sich für uns richtig an. Jedes Mal, wenn ich herkomme oder mich mit einer von Ihnen treffe, weiß ich, dass wir Recht hatten. Wir bekommen eine traumhafte Hochzeit. Entschuldigung«, sagte Miranda und betupfte sich erneut die Augen.
»Sie müssen sich nicht entschuldigen.« Emma nahm sich selbst ein Taschentuch. »Ich fühle mich geschmeichelt, und nichts macht mich glücklicher, als eine Braut hier sitzen zu haben, die Freudentränen weint. Wie wäre es mit einem Glas Champagner zur Beruhigung, bevor wir mit den Anstecksträußchen beginnen?«
»Ernsthaft? Emmaline, wenn ich nicht so wahnsinnig in Brian verliebt wäre, würde ich glatt um Ihre Hand anhalten.«
Lachend stand Emma auf. »Ich bin gleich zurück.«
Kurz darauf verabschiedete Emma ihre aufgeregte Braut und setzte sich, auf angenehme Weise müde, mit einer kleinen Tasse Kaffee in ihr Büro. Miranda hatte Recht, dachte sie, während sie die Details in den Computer eingab. Sie würde eine traumhafte Hochzeit haben. Ein Blumenmeer im modernen Stil mit einem romantischen Touch. Dazu Kerzen und der schimmernde Glanz von Bändern und Gazestoffen. Rosa- und Weißtöne, hier und da ein wenig Blau und Grün als interessanten Kontrast. Blankes Silber und klares Glas setzten Akzente. Langgezogene Linien und das lustige Funkeln von Lichterketten.
Als sie den Vertrag mit Angabe der Einzelposten aufsetzte, gratulierte sie sich zu diesem höchst produktiven Tag. Und da sie den größten Teil des folgenden Tages mit der Arbeit an den Blumenarrangements für die Abendveranstaltung zubringen würde, die Mitte der Woche anstand, nahm sie sich vor, zeitig schlafen zu gehen.
Sie würde der Versuchung widerstehen hinüberzugehen, um zu sehen, was Mrs G. zum Abendessen zubereitet hatte. Stattdessen würde sie sich selbst einen Salat machen, vielleicht ein paar Nudeln. Dann würde sie es sich mit einem Film oder einem Stapel Zeitschriften gemütlich machen und ihre Mutter anrufen. Nachdem sie alles erledigt hatte, konnte sie einen entspannten Abend genießen und um elf Uhr im Bett liegen.
Als sie den Vertrag ausdruckte, gab ihr Telefon die zwei raschen Klingeltöne von sich, die signalisierten, dass jemand ihre Privatnummer gewählt hatte. Sie warf einen Blick auf das Display und lächelte.
»Hallo, Sam.«
»Hallo, Schöne. Warum sitzt du zu Hause, wenn du doch mit mir ausgehen solltest?«
»Ich arbeite.«
»Es ist nach sechs. Pack den Krempel ein, Schätzchen. Adam und Vicki geben eine Party. Wir können vorher irgendwo was essen gehen. In einer Stunde hole ich dich ab.«
»He, warte mal. Ich habe Vicki gesagt, dass es mir heute Abend nicht passt. Ich war komplett ausgebucht und muss noch ungefähr eine Stunde arbeiten, bevor …«
»Aber du musst was essen, oder? Und wenn du den ganzen Tag gearbeitet hast, hast du es verdient, spielen zu gehen. Komm, spiel doch mit mir.«
»Das ist süß, aber …«
»Zwing mich nicht, allein auf die Party zu gehen. Wir schauen da kurz rein, trinken was, amüsieren uns ein bisschen und gehen wieder, wann immer du willst. Brich mir nicht das Herz, Emma.«
Emma verdrehte die Augen zur Decke und sah ihren Plan, sich früh schlafen zu legen, den Bach hinuntergehen. »Zum Abendessen schaffe ich es nicht, aber ich könnte mich gegen acht dort mit dir treffen.«
»Ich kann dich um acht abholen.«
Und dann darauf spekulieren, mit reinzukommen, wenn du mich nach Hause bringst, dachte Emma. Und das kommt nicht infrage. »Wir treffen uns dort. Dann kannst du noch bleiben, wenn ich gehen muss und du dich gerade gut amüsierst.«
»Wenn ich nichts Besseres kriegen kann, nehme ich das. Dann sehen wir uns auf der Party.«
2
Sie mochte Partys, rief Emma sich ins Gedächtnis. Sie mochte es, Leute zu treffen und sich zu unterhalten. Sie liebte es, die passenden Klamotten auszusuchen, sich zu schminken, ihr Haar zurechtzumachen.
Sie war ein Mädchen.
Sie mochte Adam und Vicki - ja, sie hatte die beiden einander sogar vorgestellt, vor vier Jahren, als sich gezeigt hatte, dass sie und Adam besser nur Freunde waren als ein Liebespaar.
Vows hatte ihre Hochzeit ausgerichtet.
Sie mochte auch Sam, dachte sie seufzend, als sie vor dem modernen zweistöckigen Haus anhielt und ihren Schminkspiegel herunterklappte, um ihr Make-up zu überprüfen.
Sie ging gern mit Sam aus - zum Essen, auf eine Party, in ein Konzert. Das Problem war der Sparkometer, der Funkenüberspringer. Bei ihrer ersten Begegnung hatte Sam auf der Skala glatt die Sieben erreicht, mit steigender Tendenz. Außerdem fand sie ihn clever, witzig, und ihr gefiel sein ebenmäßiges gutes Aussehen. Doch durch den Kuss bei ihrem ersten Date war er auf dem Sparkometer bis zur erbärmlichen Zwei abgestürzt.
Nicht seine Schuld, gestand sie sich ein, während sie aus dem Wagen stieg. Es fehlte einfach das gewisse Etwas. Sie hatte es probiert. Noch ein paar Küsse - küssen gehörte zu ihren Lieblingsbeschäftigungen. Doch sie waren nie über die Zwei hinausgekommen, und das war noch großzügig bemessen.
Es war nicht leicht, einem Mann zu sagen, dass man nicht die Absicht hatte, mit ihm zu schlafen. Gefühle und Egos standen auf dem Spiel. Sie hatte es trotzdem getan. Das Problem bestand in ihren Augen darin, dass Sam ihr nicht wirklich glaubte.
Vielleicht würde sie auf der Party jemanden finden, dem sie ihn vorstellen konnte.
Sie trat ein, in die Musik, die Stimmen, die Lichter - und spürte, wie sich augenblicklich ihre Stimmung hob. Partys waren einfach ihr Ding.
Schon auf den ersten Blick entdeckte sie ein Dutzend Leute, die sie kannte.
Sie küsste Wangen, erwiderte Umarmungen und ging weiter, immer noch auf der Suche nach dem Gastgeberpaar. Als sie eine entfernte angeheiratete Cousine erspähte, winkte sie ihr zu. Addison, überlegte sie, und signalisierte ihr, dass sie später zu ihr kommen würde, um Hallo zu sagen. Single, lebenslustig, atemberaubend schön. Ja, sie konnte sich vorstellen, dass Addison und Sam sich gut verstehen würden.
Auf jeden Fall würde sie die beiden einander vorstellen.
Sie fand Vicki in der Küchenecke des großzügigen Wohnbereichs, wo sie sich mit Freunden unterhielt, während sie ein Tablett mit Partysnacks auffüllte.
»Emma! Ich dachte nicht, dass du es noch schaffst.«
»Ich bin auch schon fast wieder weg. Du siehst super aus.«
»Du auch. Oh, danke!« Vicki nahm den Strauß gestreifter Tulpen in Bonbonfarben entgegen, den Emma ihr reichte. »Sind die schön.«
»Ich bin in ›Verdammt, es ist doch Frühling‹-Stimmung. Diese Blumen haben mir bestätigt, dass ich Recht habe. Kann ich dir irgendwie helfen?«
»Kommt nicht infrage. Warte, ich hole dir ein Glas Wein.«
»Ein halbes. Ich muss noch fahren, und ich kann wirklich nicht lange bleiben.«
»Ein halbes Glas Cabernet.« Vicki legte die Blumen auf die Arbeitsplatte, damit sie die Hände frei hatte. »Bist du allein gekommen?«
»Eigentlich bin ich hier lose mit Sam verabredet.«
»Oh«, erwiderte Vicki gedehnt.
»Nicht wirklich, nein.«
»Oh.«
»Hör mal, lass mich das machen«, sagte Emma, als Vicki eine Vase für die Blumen herausholte. Während sie sich um den Strauß kümmerte, fuhr sie mit gesenkter Stimme fort: »Was hältst du denn von Addison und Sam?«
»Sind die beiden zusammen? Ich wusste gar nicht …«
»Nein. Ich spekuliere nur. Ich glaube, sie würden sich mögen.«
»Klar. Ich denke schon. Aber ihr seht so gut zusammen aus. Du und Sam.«
Emma gab ein unverbindliches Grunzen von sich. »Wo ist Adam? Ich habe ihn in dem Gewühl noch nicht entdeckt.«
»Wahrscheinlich draußen auf der Veranda, mit Jack ein Bierchen trinken.«
»Jack ist hier?«, fragte Emma betont beiläufig und machte sich weiter an den Blumen zu schaffen. »Ich muss ihm Hallo sagen.«
»Sie haben über Baseball geredet, als ich sie zuletzt gehört habe. Du weißt ja, wie sie sind.«
Das wusste sie allerdings. Jack Cooke kannte sie schon über zehn Jahre, seit er und Parkers Bruder Delaney sich in Yale ein Zimmer geteilt hatten. Und Jack hatte viel Zeit auf dem Anwesen der Browns verbracht. Schließlich war er nach Greenwich gezogen, wo er sein kleines, exklusives Architekturbüro eröffnet hatte.
Er war ein Fels in der Brandung gewesen, erinnerte sie sich, als Parkers und Dels Eltern beim Absturz eines Privatflugzeugs ums Leben gekommen waren. Und als sie und ihre Freundinnen beschlossen hatten, ihr Geschäft zu gründen, hatte Jack sich als ihr Lebensretter erwiesen: Er hatte die Pläne für den Umbau des Poolhauses und des Gästehauses entworfen, so dass sie den Erfordernissen des Betriebs entsprachen.
Er gehörte praktisch zur Familie.
Ja, sie musste ihm unbedingt Hallo sagen, bevor sie ging.
Mit ihrem Glas Wein in der Hand drehte sie sich um, gerade als Sam hereinkam. Er sah so klasse aus, dachte sie. Groß und gut gebaut, mit einem ständigen Zwinkern in den Augen. Vielleicht ein bisschen zu geleckt mit dem stets perfekt gestylten Haar und der stets genau passenden Garderobe, aber …
»Da ist sie ja. Hallo, Vic.« Sam überreichte Vicki eine sehr schöne Flasche Cabernet - genau das Richtige - und küsste sie auf die Wange, dann schenkte er Emma ein warmes, sehr warmes Lächeln. »Genau die, nach der ich gesucht habe.«
Er umfing sie in einem überschwänglichen Kuss, der auf ihrer Skala kaum den angenehmen Bereich streifte.
Es gelang ihr, ein paar Zentimeter zurückzuweichen und ihm ihre freie Hand auf die Brust zu legen, für den Fall, dass er auf die Idee kam, sie erneut zu küssen. Sie lächelte zu ihm auf, lachte ihn dann freundlich an. »Hallo, Sam.«
In diesem Moment kam Jack von der Veranda herein, das dunkelblonde Haar vom leichten Abendwind zerzaust, die Lederjacke offen über den ausgeblichenen Jeans. Als er Emma sah, zog er die Augenbrauen hoch, und seine Mundwinkel hoben sich. »Hallo, Em. Ich will nicht stören.«
»Jack.« Emma schob Sam noch ein paar Zentimeter weiter von sich. »Du kennst Sam, oder?«
»Klar. Wie geht’s?«
»Gut.« Sam drehte sich so, dass er Emma den Arm um die Schultern legen konnte. »Und dir?«
»Kann nicht klagen.« Jack nahm eins von den Chips und tunkte es in die Salsa. »Wie läuft’s drüben bei euch?«, fragte er Emma.
»Wir haben viel zu tun. Im Frühjahr dreht sich alles um Hochzeiten.«
»Oder um Baseball. Neulich habe ich deine Mutter getroffen. Sie ist immer noch die schönste Frau, die je erschaffen wurde.«
Emmas ungezwungenes Lächeln wurde warm wie die Sonne. »Stimmt.«
»Sie weigert sich immer noch, deinen Vater meinetwegen zu verlassen, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Na ja, bis später mal. Sam.«
Als Jack davonging, wandte Sam sich um. Da Emma das Spielchen kannte, drehte sie sich ebenfalls zur Seite - so vermied sie es, zwischen Sam und der Küchentheke in die Falle zu geraten. »Ich hatte ganz vergessen, wie viele gemeinsame Freunde Vicki, Adam und ich haben. Ich kenne fast jeden hier. Ich muss mal mit ein paar Leuten plaudern. Oh, und dann ist da noch jemand, den du unbedingt kennenlernen musst.«
Fröhlich nahm sie Sam bei der Hand. »Du kennst meine Cousine Addison noch nicht, oder?«
»Ich glaube nicht.«
»Ich habe sie seit Monaten nicht mehr gesehen. Komm, wir suchen sie, damit ich dich ihr vorstellen kann.«
Damit zog sie ihn mitten ins Partygetümmmel.
Jack schnappte sich eine Handvoll Nüsse, während er sich mit ein paar Freunden unterhielt. Und beobachtete, wie Emma den Nachwuchsmanager durch die Menge dirigierte. Sie sah … echt umwerfend aus, dachte er.
Umwerfend und sexy waren nicht nur ihre dunklen Augen, die Kurven, der goldbraune Teint, die Lockenpracht und die vollen Lippen. Die waren mörderisch genug. Doch hinzu kamen noch die Wärme und der Glanz, die von ihr auszugehen schienen. Sie war wirklich ein Prachtexemplar.
Und, so erinnerte er sich, sie war die kleine Schwester ehrenhalber seines besten Freundes.
Auf jeden Fall begegnete man ihr selten, ohne dass entweder die Freundinnen, jemand aus ihrer Familie oder andere Leute bei ihr waren. Oder, so wie jetzt, irgendein Typ.
Wenn eine Frau aussah wie Emmaline Grant, war immer irgendein Typ dabei.
Aber Anschauen war erlaubt. Er war ein Mann, der Linien und Kurven schätzte - an Gebäuden wie an Frauen. Seiner Ansicht nach war Emma architektonisch ziemlich perfekt. Also knackte er Nüsse, tat so, als würde er der Unterhaltung lauschen und beobachtete, wie Emma durch den Raum glitt.
Es sah beiläufig aus, bemerkte er, wie sie stehen blieb, Menschen begrüßte, innehielt, lachte oder lächelte. Doch er hatte sie im Laufe der Jahre genau studiert. Sie verfolgte eine bestimmte Absicht.
Da seine Neugier geweckt war, entfernte Jack sich unauffällig von seinen Freunden und schloss sich einer anderen Gruppe an, um Emma im Blick zu behalten.
Der »irgendein Typ« - Sam - strich ihr betont häufig über den Rücken oder legte ihr den Arm um die Schultern. Sie hingegen lächelte ihn oft an oder sah unter diesen dichten Wimpern lachend zu ihm auf. Aber ihre Körpersprache - und er hatte ihren Körper genau studiert - signalisierte keinerlei Empfänglichkeit.
Er hörte, wie sie »Addison!« rief, gefolgt von ihrem prickelnden Lachen, bevor sie stürmisch eine sehr gut aussehende Blondine umarmte.
Sie quasselten strahlend drauflos, wie Frauen es tun, hielten einander auf Armeslänge von sich, um sich zu betrachten, bevor sie einander - zweifellos - versicherten, wie gut sie aussähen.
Du siehst blendend aus. Hast du abgenommen? Deine Frisur ist ganz toll. Seinen Beobachtungen zufolge gab es bei diesem weiblichen Ritual einige Varianten, doch das Thema blieb stets das Gleiche.
Dann drehte Emma sich so, dass der »irgendein Typ« und die Blondine einander gegenüberstanden.
Da fiel bei ihm der Groschen. Er bemerkte es an der Art, wie Emma dezent ein paar Zentimeter zurückwich und dann winkte, bevor sie dem Typen kurz den Arm tätschelte. Sie wollte ihn loswerden und dachte, die Blondine würde ihn ablenken.
Als sie sich in Richtung Küche verdrückte, prostete Jack ihr mit seinem Bier zu.
Gut gemacht, Emmaline, dachte er. Gut gemacht.
Er verabschiedete sich zeitig. Um acht Uhr hatte er ein Arbeitsfrühstück, und sein Tag war vollgepackt mit Baustellenbesichtigungen und Bauabnahmen. Irgendwo dazwischen - oder am folgenden Tag - musste er sich etwas Zeit am Zeichenbrett freischaufeln, um ein paar Ideen für die Erweiterung von Macs Studio auszuarbeiten. Das hatte sie sich gewünscht, da Carter und sie jetzt verlobt waren und zusammenlebten.
Er hatte schon eine Vorstellung davon, wie er das machen konnte, ohne die Linienführung und die Gestalt des Hauses zu beeinträchtigen. Doch er wollte das Ganze auf dem Papier festhalten und ein wenig damit herumspielen, bevor er Mac irgendetwas zeigte.
So richtig hatte er sich noch nicht an den Gedanken gewöhnt, dass Mac heiraten würde - und dann auch noch Carter. Carter musste man einfach gernhaben, dachte Jack. Er war zwar kaum auf Jacks Radar aufgetaucht, als er, Del und Carter zusammen in Yale gewesen waren. Doch man musste ihn gernhaben.
Außerdem brachte er Macs Augen wirklich zum Strahlen. Das zählte viel.
Mit laut aufgedrehtem Radio spielte er im Kopf verschiedene Ideen für den Anbau durch, so dass Carter ein Arbeitszimmer bekommen würde, in dem er … tun konnte, was immer Englischlehrer auch in ihren Arbeitszimmern taten.
Als er heimfuhr, kam der Regen, der im Laufe des Tages gekommen und gegangen war, in Form leichten Schneefalls zurück. April in Neuengland, dachte er.
Seine Scheinwerfer streiften den Wagen, der am Straßenrand angehalten hatte, und die Frau, die mit in die Hüften gestemmten Händen vor der geöffneten Motorhaube stand.
Er parkte an der Seite, stieg aus, schob dann die Hände in die Taschen und schlenderte hinüber zu Emma. »Lange nicht gesehen.«
»Verdammt. Er ist mir einfach verreckt. Ausgegangen.« Frustriert fuchtelte sie mit den Armen, so dass Jack vorsichtshalber einen Schritt zurücktrat, um nicht die Taschenlampe an den Kopf zu bekommen, die sie in der Hand hielt. »Und es schneit. Siehst du das?«
»Ja, stimmt. Hast du die Tankanzeige überprüft?«
»Benzin habe ich noch genug. Ich bin ja nicht bekloppt. Es ist die Batterie oder der Vergaser. Oder irgend so ein Schlauch oder Riemen.«
»Das grenzt die Möglichkeiten ja enorm ein.«
Emma schnaubte verächtlich. »Verdammt, Jack, ich bin Floristin, keine Automechanikerin.«
Jack musste lachen. »Der war gut. Hast du die Pannenhilfe angerufen?«
»Das wollte ich, aber ich dachte, ich sollte wenigstens mal einen Blick da reinwerfen, für den Fall, dass es etwas Einfaches, leicht Verständliches ist. Warum machen sie den Krempel da drin für die Autofahrer nicht einfach und leicht verständlich?«
»Warum haben Blumen komische lateinische Namen, die kein Mensch aussprechen kann? Fragen über Fragen. Lass mich mal schauen.« Er streckte die Hand nach der Taschenlampe aus. »Mein Gott, Emma, du bist eiskalt.«
»Ich hätte mir was Wärmeres angezogen, wenn ich gewusst hätte, dass ich an diesem dämlichen Abend mitten im Schneesturm am Straßenrand herumstehen müsste.«
»Es schneit doch kaum.« Jack zog seine Jacke aus und reichte sie ihr.
»Danke.«
Die Originalausgabe BED OF ROSES erschien 2009 bei Berkley Books, New York
Vollständige deutsche Erstausgabe 07/2010
Copyright © 2009 by Nora Roberts Copyright © 2010 der deutschen Ausgabe by Wilhelm Heyne Verlag, München in der Verlagsgruppe Random House GmbH
eISBN : 978-3-641-04756-6
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