8,99 €
Drei unnachahmlich unterhaltsame Sachbücher aus Sicht der Gelehrten der Scheibenwelt – unverzichtbar für alle Terry- Pratchett-Jünger: Als Ergebnis eines missglückten Experiments besitzen die Zauberer der Unsichtbaren Universität plötzlich ein Miniaturweltall: die irdische Rundwelt. Unter Führung der weisen Magier verfolgen wir die Geschichte unseres Universums vom Urknall bis zum Internet und darüber hinaus.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Veröffentlichungsjahr: 2012
Entdecke die Welt der Piper Fantasy:
Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst und Erik Simon
Andreas Brandhorst übersetzte die erzählenden, Erik Simon die wissenschaftlichen Kapitel.
Dieser Band erschien erstmals auf deutsch unter dem Titel »Rettet die Rundwelt!«
Vollständige E-Book-Ausgabe der im Piper Verlag erschienenen Buchausgabe
1. Auflage 2012
ISBN 978-3-492-95953-7
© 1999 Terry und Lyn Pratchett, foat Enterprises, Jack Cohen Titel der englischen Originalausgabe: »The Science of Discworld II: The Globe«, Ebury Press / Random House, London 1999 Deutschsprachige Ausgabe: © Piper Verlag GmbH, München 2004 Erstmals erschienen: Ullstein Heyne List GmbH & Co. KG, München 2003 Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München Umschlagabbildung: Katarzyna Oleska
Bunte Schlangen, zweigezüngt,
Molch und Igel, zieht dahin,
Dass ihr kein Verderben bringt
Unserer Elfenkönigin.
Ich habe eine ganz seltne Erscheinung gehabt. Ich habe einen Traum gehabt, weit über Menschenwitz, zu sagen, was für ’n Traum es war: der Mensch ist nur ein Esel, wenn er sich unterfängt, den Traum zu deuten. Mich dünkte, ich war – kein Mensch kann sagen, was. Mich dünkte, ich war – und mich dünkte, ich hatte – aber der Mensch ist nur ’n geflickter Hanswurst, der sich erdreistet zu sagen, was mich dünkte, dass ich hätte. Niemands Auge hat gehört, niemands Ohr hat gesehn, niemands Hand schmeckt’s, keine Zunge begreift’s, kein Herz kann’s erzählen, welches mein Traum war.
Das ist das albernste Zeug, das ich jemals gehört habe.
WILLIAM SHAKESPEARE
Ein Sommernachtstraum*
[* Nach der Übersetzung von Rudolf Schaller, Insel Verlag]
Ich hör da garnich hin! Die ham ja Warzen!
ARTHUR J. NIGHTINGALE
Die kurze Komödie von Macbeth
EINS
Flaschenpost
In der luftigen, engen Stille des Waldes jagte Magie auf leisen Sohlen Magie.
Man könnte einen Zauberer durchaus als ein großes, oben spitz zulaufendes Ego definieren. Deshalb fällt es einem jeden von ihnen so schwer, unauffällig zu sein. Es würde bedeuten, genauso auszusehen wie andere Leute, und Zauberer möchten nicht wie andere Leute aussehen. Zauberer sind keine anderen Leute.
In diesem dichten Wald voller gesprenkelter Schatten, wucherndem Grün und Vogelgezwitscher versuchten die Zauberer, unauffällig zu sein, allerdings auf eine auffällige Weise. Sie hatten die Theorie der Tarnung verstanden – oder zumindest genickt, als sie ihnen erklärt worden war –, aber dann gingen sie es falsch an.
Man nehme nur diesen Baum. Er war klein und hatte große, knorrige Wurzeln. Es gab augenfällige Löcher in ihm. Moos hing an seinen Zweigen. Einer dieser haarigen, graugrünen Fladen wies erstaunliche Ähnlichkeit mit einem Bart auf. Das war seltsam, denn ein Klumpen im Holz wirkte fast wie eine Nase. Hinzu kamen zwei Flecken, die wie Augen aussahen …
Aber im Großen und Ganzen handelte es sich eindeutig um einen Baum. Er sah noch mehr nach einem Baum aus als ein gewöhnlicher Baum. Praktisch kein anderer Baum in diesem Wald sah so baumartig aus wie dieser. Er war in eine Aura äußerster Borkigkeit gehüllt und strahlte Blättrigkeit aus. Tauben und Eichhörnchen standen Schlange, um sich auf den Zweigen niederzulassen. Ganz oben saß eine Eule. Andere Bäume waren nur Stöcke mit Grünzeug dran, verglichen mit dem saftigen Grün dieses Baums …
… der einen Zweig hob und auf einen anderen Baum schoss. Eine rotierende orangefarbene Kugel raste durch die Luft und traf – platsch! – eine kleine Eiche.
Etwas geschah mit der Eiche. Teile von Zweigen, Schatten und Rinde, die bisher das Bild eines knorrigen alten Baums geformt hatten, wurden zum Gesicht von Mustrum Ridcully, Erzkanzler der Unsichtbaren Universität (für außerordentlich magische Leute). Orangerote Farbe tropfte ihm von den Wangen.
»Hab dich erwischt!«, rief der Dekan, was die Eule von seinem Hut verscheuchte. Die Eule konnte von Glück sagen, denn eine Sekunde später riss ein fliegender Ball aus blauer Farbe den Hut fort.
»Ha! Nimm das, Dekan!«, rief eine uralte Buche hinter ihm. Sie verwandelte sich nicht, aber es gelang ihr dennoch, zum Dozenten für neue Runen zu werden.
Der Dekan drehte sich um, und ein orangefarbener Klecks traf ihn an der Brust.
»Friss erlaubte Farbe!«, rief ein aufgeregter Zauberer.
Der Dekan starrte über die Lichtung zu einem Holzapfelbaum, der jetzt der Professor für unbestimmte Studien war.
»Was? Ich bin auf deiner Seite, du Narr!«, erwiderte er.
»Unmöglich! Du hast ein zu gutes Ziel abgegeben!«* [* In dieser kurzen Bemerkung kommt die Essenz der Zauberei zum Ausdruck.]
Der Dekan hob seinen Stab. Fünf oder sechs orangefarbene und blaue Kugeln trafen ihn, als andere verborgene Zauberer das Feuer eröffneten.
Erzkanzler Ridcully wischte sich die Farbe aus den Augen.
»Na schön, Jungs«, seufzte er. »Für heute reicht’s. Zeit für den Tee, nicht wahr?«
Wie schwer es doch war, den Zauberern das Konzept des »Teamgeists« verständlich zu machen. Dafür war im zauberischen Denken einfach kein Platz. Ein Zauberer konnte sich durchaus vorstellen, gegen eine andere Gruppe anzutreten, aber er sah sich unüberwindlichen mentalen Hindernissen gegenüber, wenn es um die Idee ging, dass eine Gruppe von Zauberern mit anderen Zauberern wetteiferte. Ein Zauberer gegen andere Zauberer, ja, das verstanden sie sofort. Sie hatten als zwei Gruppen begonnen, aber wenn es zu einem Gefecht kam, gerieten sie so sehr in Aufregung, dass sie auf alle anderen Zauberer schossen, ohne irgendwelche Unterschiede zu machen. Ein Zauberer wusste tief in seinem Innern, dass alle anderen Zauberer Feinde waren. Ridcully hatte die Magie ihrer Stäbe auf Farbzauber beschränkt – andernfalls hätte der Wald inzwischen in Flammen gestanden.
Wie dem auch sei: Die frische Luft tat ihnen gut. Ridcully hatte immer die Meinung vertreten, dass es in der Universität viel zu stickig war. Hier draußen schien die Sonne, Vögel zwitscherten, es wehte ein angenehm warmer Wind …
Ein kalter Wind. Die Temperatur fiel.
Ridcully blickte auf seinen Stab. Eiskristalle bildeten sich daran.
»Ist ganz plötzlich ein wenig frisch geworden, nicht wahr?«, meinte er, und sein Atem kondensierte in der eisigen Luft.
Und dann veränderte sich die Welt.
Rincewind, Unerhörter Professor für grausame und ungewöhnliche Geographie, katalogisierte seine Steinsammlung. Das war in jenen Tagen der Normalzustand seines Daseins. Wenn er nichts anderes zu tun hatte, sortierte er Steine. Seine Amtsvorgänger hatten viele Jahre damit verbracht, kleine Beispiele grausamer und ungewöhnlicher Geographie mitzubringen, ohne jemals Zeit zu finden, sie zu katalogisieren. Deshalb hielt Rincewind diese Tätigkeit für seine Pflicht. Außerdem war sie wundervoll langweilig. Seiner Ansicht nach gab es nicht genug Langeweile in der Welt.
Rincewind war das rangniedrigste Mitglied der Fakultät. Der Erzkanzler hatte in aller Deutlichkeit darauf hingewiesen: Was den Rang betraf, stand Rincewind noch unter den Dingen, die im Holz klickten. Er bekam kein Gehalt und war bestenfalls lose angestellt. Andererseits bekam er seine Wäsche kostenlos gewaschen, er hatte einen Platz am Tisch, wenn die Mahlzeiten aufgetragen wurden, und er erhielt einen Eimer Kohle pro Tag. Ein eigenes Büro stand ihm zur Verfügung, niemand besuchte ihn, und jeder Versuch, irgendetwas zu lehren, war ihm streng untersagt. In akademischer Hinsicht glaubte er, recht gut dran zu sein.
Er hielt sich auch deshalb für einen Glückspilz an der Universität, weil er gleich sieben Eimer Kohle pro Tag bekam und selbst seine Socken gestärkt wurden. Der Grund: Niemand wusste, dass der Kohlenträger Blunk – er war viel zu verdrießlich, um zu lesen – so viel Eimer brachte, wie Titel an der Arbeitszimmertür standen.
Der Dekan bekam einen Eimer. Ebenso der Quästor.
Rincewind erhielt sieben, denn der Erzkanzler hatte ihm alle Titel, Lehrstühle und Ämter gegeben, die an der Universität besetzt sein mussten, weil uralte Nachlässe, Verpflichtungen und in einem Fall ein Fluch es so wollten. In den meisten Fällen wusste niemand, was es mit ihnen auf sich hatte. Keiner erhob Anspruch darauf, aus Furcht, dass sie irgendetwas mit Studenten zu tun haben könnten, und so überließ man Rincewind den ganzen Kram.
Jeden Morgen brachte Blunk sieben Eimer Kohle zur Tür des Professors für grausame und ungewöhnliche Geographie, des Professors für experimentelle glückliche Entdeckungen, des Dozenten für Graupeldynamik, des Lehrers für Laubsägearbeiten* [* Dies war das Ergebnis eines Fluchs, den ein sterbender Erzkanzler vor zwölfhundert Jahren ausstieß und der vermutlich so klang: »Mögest du immer Laubsägearbeiten lehren!«], des Professors für öffentliches Missverständnis von Magie, des Professors für virtuelle Anthropologie und des Dozenten für ungefähre Genauigkeit.
Rincewind öffnete die Tür in der Unterhose – das heißt, er öffnete die Tür in der Wand, während er seine Unterhose trug – und nahm die Kohle selbst an einem glühend heißen Tag freudig entgegen. An der Unsichtbaren Universität gab es Budgets, und wenn man nicht alles verbrauchte, was man bekam, erhielt man beim nächsten Mal weniger. Es mochte bedeuten, im Sommer zu rösten, um es im Winter einigermaßen warm zu haben, aber das war ein geringer Preis für korrekte fiskalische Prozeduren.
An diesem Tag trug Rincewind die Eimer ins Arbeitszimmer und schüttete die Kohle auf den Haufen in der Ecke.
Hinter ihm machte etwas »Gloink«.
Es war ein leises, subtiles und gleichzeitig seltsam aufdringliches Geräusch. Es begleitete das Erscheinen einer Bierflasche im Regal hinter Rincewinds Schreibtisch, und zwar dort, wo sich zuvor keine Bierflasche befunden hatte.
Rincewind griff danach und betrachtete sie. Die Flasche hatte bis vor kurzer Zeit Winkels Besonders Altes Bier enthalten. Sie wies keine ätherischen Aspekte auf, abgesehen davon, dass sie blau war. Das Etikett hatte die falsche Farbe, präsentierte viele Rechtschreibfehler und auch die ganz klein gedruckte Warnung: Könnte Nüsse enthalten.* [* Lord Vetinari, Patrizier und oberster Herrscher der Stadt, legte großen Wert darauf, dass die Etiketten von Lebensmitteln richtig beschriftet wurden. Unglücklicherweise wandte er sich in dieser Angelegenheit an die Zauberer der Unsichtbaren Universität und stellte ihnen folgende Frage: »Könnt ihr unter Berücksichtigung des multidimensionalen Phasenraums, der metastatistischen Anomalie und der Gesetze der Wahrscheinlichkeit garantieren, dass irgendetwas mit absoluter Gewissheit keine Nüsse enthält?« Nach einigen Tagen gelangten die Zauberer zu dem Schluss, dass die Antwort nein lautete.
Lord Vetinari gab sich mit »Enthält wahrscheinlich keine Nüsse« nicht zufrieden, denn einen solchen Hinweis fand er wenig hilfreich.]
Ein Zettel steckte in der Flasche.
Rincewind holte ihn vorsichtig heraus und las.
Dann betrachtete er das Etwas neben der Bierflasche: eine Glaskugel, die etwa dreißig Zentimeter durchmaß. Darin schwebte eine kleinere Kugel, blau mit flauschigem Weiß.
Die kleinere Kugel war eine Welt, und der Raum im Innern der größeren Kugel war unendlich. Die Zauberer der Unsichtbaren Universität hatten die Welt und das Universum, zu dem sie gehörte, mehr oder weniger durch Zufall erschaffen. Dass die Kugel jetzt in Rincewinds kleinem Arbeitszimmer im Regal stand, wies deutlich darauf hin, welches Interesse ihr die Fakultät entgegenbrachte, nachdem sich die anfängliche Aufregung gelegt hatte.
Manchmal beobachtete Rincewind die Welt durch ein Omniskop. Meistens gab es Eiszeiten auf ihr, und sie war weniger fesselnd als ein Ameisenhaufen. Gelegentlich schüttelte er sie, um festzustellen, ob sie dadurch interessanter wurde, aber es schien nie eine große Wirkung zu haben.
Er sah auf den Zettel hinab.
Eine sehr verwirrende Sache. Und das Universum hatte jemanden, der sich um solche Dinge kümmerte.
Ponder Stibbons hatte, wie Rincewind, mehrere Jobs. Er brachte es nicht bis auf sieben, sondern schwitzte schon bei drei. Zuerst war er Leser unsichtbarer Schriften gewesen, hatte dann die Leitung der Abteilung für unratsame angewandte Magie übernommen, um schließlich auch noch in aller Unschuld zum Praelector zu werden – dieser Universitätstitel bedeutete so viel wie »eine Person, der man alle lästigen Arbeiten überträgt«.
Mit anderen Worten: Ponder musste sich um alles kümmern, wenn die ranghohen Mitglieder der Fakultät fehlten. Und da die Frühlingsferien begonnen hatten, fehlten sie tatsächlich. Ebenso die Studenten. Auf diese Weise erreichte die Universität ihre maximale Effizienz.
Ponder strich den nach Bier riechenden Zettel glatt und las:
SAG STIBBONS, ER SOLL SOFORT HIERHER KOMMEN. DEN BIBLIOTHEKAR MITBRINGEN. WAR IM WALD, BIN AUF DER RUNDWELT. ESSEN GUT, BIER SCHLECHT. ZAUBERER UNNÜTZ. AUCH ELFEN HIER. UNHEILVOLLES IM GANGE.
RIDCULLY
Ponder sah an der summenden, klickenden, beschäftigten Masse von HEX empor, der magischen Denkmaschine der Universität. Ganz vorsichtig legte er den Zettel auf eine Platte, die zur weitläufigen Struktur des großen Apparats gehörte.
Ein etwa dreißig Zentimeter durchmessendes mechanisches Auge kam von der Decke herab. Ponder hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, er wusste nur, dass es eine Vielzahl unglaublich dünner Röhren enthielt. HEX hatte die Konstruktionspläne eines Nachts gezeichnet, und Ponder hatte sie zu den Gnom-Goldschmieden gebracht. Er begriff längst nicht mehr, was HEX mit sich selbst anstellte. Die Maschine veränderte sich fast täglich.
Der Ausschrieb rasselte, und folgende Mitteilung erschien:
+++ Elfen haben die Rundwelt betreten. Das war zu erwarten +++
»Zu erwarten?«, fragte Ponder.
+++ Ihre Welt ist ein Parasitenuniversum. Es braucht einen Wirt +++
Ponder wandte sich an Rincewind. »Verstehst du irgendetwas davon?«
»Nein«, sagte Rincewind. »Aber ich bin Elfen begegnet.«
»Und?«
»Und dann bin ich vor ihnen weggelaufen. Man bleibt besser nicht in deren Nähe. Ich bin nicht für sie zuständig, es sei denn, sie befassen sich mit Laubsägearbeiten. Wie dem auch sei: Derzeit gibt es nichts auf der Rundwelt.«
»Du hast doch Berichte über verschiedene Spezies geschrieben, die dort immer wieder erschienen, oder?«
»Du hast sie gelesen?«
»Ich lese alle Rundschreiben«, sagte Ponder.
»Im Ernst?«
»In deinen Berichten hieß es, dass intelligentes Leben entsteht, einige Millionen Jahre bestehen bleibt und dann ausstirbt, weil die Luft gefriert, Kontinente explodieren oder riesige Felsbrocken ins Meer stürzen.«
»Ja, das stimmt«, bestätigte Rincewind. »Derzeit ist die Rundwelt wieder ein Schneeball.«
»Und was macht die Fakultät dort?«
»Offenbar trinkt sie Bier.«
»Während Eis die Welt bedeckt?«
»Dann ist das Bier wenigstens kalt.«
»Aber die Zauberer sollten im Wald umherlaufen, an einem Strang ziehen, Probleme lösen und mit Farbzaubern aufeinander schießen«, erwiderte Ponder.
»Warum?«
»Hast du das Memo des Erzkanzlers gelesen?«
Rincewind schauderte. »Oh, so etwas lese ich nie«, erwiderte er.
»Er hat alle in den Wald mitgenommen, um dort einen dynamischen Teamgeist zu schaffen«, erklärte Ponder. »Das ist eine der Großen Ideen des Erzkanzlers. Er glaubt, dass die Mitglieder der Fakultät eine zufriedenere, tüchtigere Gruppe bilden würden, wenn sie sich besser kennten.«
»Aber sie kennen sich doch. Sie kennen sich seit einer Ewigkeit. Und deshalb mögen sie sich nicht besonders! Sie wollen gar keine zufriedenere, tüchtigere Gruppe bilden!«
»Noch dazu auf einem Eisball«, sagte Ponder. »Sie sollten fünfzehn Meilen entfernt im Wald sein, nicht in einer Glaskugel in deinem Arbeitszimmer! Es gibt keine Möglichkeit, ohne eine beträchtliche Menge Magie zur Rundwelt zu gelangen, und der Erzkanzler hat mir verboten, den thaumischen Reaktor mit auch nur annähernd seiner vollen Leistung laufen zu lassen.«
Rincewind blickte erneut auf den Zettel.
»Wie kam die Flasche zu uns?«, fragte er.
+++ Dafür bin ich verantwortlich +++, schrieb HEX. +++ Ich beobachte die Rundwelt noch immer. Und ich habe interessante Prozeduren entwickelt. Inzwischen ist es ganz leicht für mich, ein Artefakt in der realen Welt zu reproduzieren +++
»Warum hast du uns nicht darauf hingewiesen, dass der Erzkanzler Hilfe braucht?«, seufzte Ponder.
+++ Sie hatten so viel Spaß bei dem Versuch, die Flasche zu schicken +++
»Kannst du sie hierher zurückbringen?«
+++ Ja +++
»Wenn das so ist …«
»Augenblick«, warf Rincewind ein. Er erinnerte sich an die blaue Bierflasche und die Rechtschreibfehler. »Kannst du sie lebend zurückbringen?«
HEX schien beleidigt zu sein.
+++ Natürlich. Mit einer Wahrscheinlichkeit von 94,37% +++
»Die Gefahr scheint recht gering zu sein«, kommentierte Ponder.
»Augenblick«, sagte Rincewind und dachte noch immer an die Flasche. »Menschen sind keine Flaschen. Wie ist die Wahrscheinlichkeit für: lebend, mit voll funktionsfähigem Gehirn sowie allen Organen und Gliedmaßen an den richtigen Stellen?«
Entgegen seiner Gewohnheit zögerte HEX, bevor er antwortete.
+++ Geringe Veränderungen sind unvermeidlich +++
»Wie gering wären sie?«
+++ Ich kann nicht garantieren, dass die Rückkehrer mit mehr als jeweils einem Exemplar eines jeden Organs ausgestattet werden +++
Eine frostige Stille folgte diesen Worten.
+++ Ist das ein Problem? +++
»Vielleicht gibt es eine andere Möglichkeit«, sagte Rincewind.
»Wie kommst du darauf?«
»Die Flaschenpost erwähnt den Bibliothekar.«
In der Hitze der Nacht bewegte sich Magie auf leisen Sohlen.
Die untergehende Sonne färbte einen Horizont rot. Diese Welt umkreiste einen zentralen Stern. Die Elfen wussten das nicht, und wenn sie es gewusst hätten, wäre es ihnen gleich gewesen. Solche Details spielten für sie nie eine Rolle. Das Universum hatte Leben an vielen seltsamen Orten entstehen lassen, aber auch das kümmerte die Elfen nicht.
Auf dieser Welt war vielfältiges Leben entstanden. Bisher hatte ihm indes immer etwas gefehlt, das die Elfen für Potenzial hielten. Doch diesmal gab es Hoffnung.
Natürlich gab es auch Eisen. Elfen hassten Eisen. Aber diesmal lohnte sich ein Risiko. Diesmal …
Einer von ihnen gab ein Zeichen. Die Beute befand sich in der Nähe. Und dann sahen sie sie, in den Bäumen am Rand einer Lichtung zusammengedrängt, dunkle Punkte vor dem Rot des Sonnenuntergangs.
Die Elfen bereiteten sich vor. Und dann fingen sie an zu singen, in einer so hohen Tonlage, dass das Gehirn den Gesang ohne die Ohren hörte.
ZWEI
Das hmpfundhmpfzigste Element
Die Scheibenwelt funktioniert mit Magie, die Rundwelt nach Regeln, und obwohl Magie Regeln braucht und manche Leute meinen, Regeln seien magisch, sind das doch ganz verschiedene Dinge. Zumindest solange sich kein Zauberer einmischt. Das war die hauptsächliche wissenschaftliche Aussage unseres vorigen Buches, Die Gelehrten der Scheibenwelt. Darin umrissen wir die Geschichte des Weltalls vom Urknall über die Entstehung der Erde und die Evolution einer nicht besonders viel versprechenden Affenart. Die Geschichte endete mit einem Schnellvorlauf bis zum Einsturz eines Weltraumlifts, mit dessen Hilfe eine rätselhafte Spezies (doch wohl kaum diese Affen, die sich für nichts als Sex und Herumalbern interessierten) von dem Planeten entkommen war. Sie hatten die Erde verlassen, weil ein Planet alles in allem ein zu gefährlicher Ort zum Leben ist, und waren auf der Suche nach Sicherheit und der langfristigen Gelegenheit zu einem ordentlichen Glas Bier in die Galaxis hinausgeflogen.
Die Zauberer der Scheibenwelt haben nie herausgefunden, wer die Erbauer des Weltraumlifts auf der Rundwelt waren. Wir wissen, dass wir es waren, die Nachkommen jener Affen, die Sex und Herumalbern zu hohen Graden der Verfeinerung gebracht haben. Die Zauberer haben diesen Teil verpasst, doch um gerecht zu sein – die Erde existierte seit über vier Milliarden Jahren, Affen und Menschen aber waren nur einen winzigen Bruchteil dieser Zeit zugegen. Wenn die gesamte bisherige Geschichte des Weltalls auf einen Tag zusammengedrängt würde, dann wären wir die letzten beiden Sekunden über anwesend.
Auf der Rundwelt geschahen eine Menge interessanter Dinge, während die Zauberer rasch nach vorn spulten, und jetzt, im nächsten Buch, werden sie herausfinden, was da geschehen ist. Und natürlich werden sie sich einmischen und unausweichlich die Welt erschaffen, in der wir heute leben, wie ihre Einmischung im Rundwelt-Projekt ja unausweichlich unser gesamtes Universum erschaffen hat. So muss das doch wohl funktionieren, oder?
Und so geht die Geschichte.
Von außen gesehen, wie es so in Rincewinds Büro steht, ist das ganze Weltall der Menschen eine kleine Kugel. Große Mengen an Magie sind auf seine Herstellung verwendet worden und paradoxer Weise darauf, seine interessanteste Eigenschaft zu bewahren. Nämlich: Die Rundwelt ist der einzige Ort auf der Scheibenwelt, wo Magie nicht funktioniert. Ein starkes magisches Feld schirmt sie gegen die thaumatischen Energien ab, die ringsumher heranbranden. Innerhalb der Rundwelt geschehen Dinge nicht, weil jemand es möchte oder weil sie eine gute Geschichte ergeben: Sie geschehen, weil die Regeln des Universums, die so genannten »Naturgesetze«, sie geschehen lassen.
Zumindest wäre das eine vernünftige Art, die Dinge zu beschreiben … bis sich die Menschen entwickelten. Zu diesem Zeitpunkt geschah auf der Rundwelt etwas sehr Seltsames. Sie begann auf allerlei Art der Scheibenwelt zu ähneln. Die Affen erwarben einen Geist, und ihr Geist wirkte auf den normalen Lauf des Universums ein. Dinge geschahen nun, weil der Geist von Menschen es so wollte. Plötzlich flossen in die Naturgesetze, die bis dahin blinde, geistlose Regeln gewesen waren, Zweck und Absicht ein. Dinge geschahen aus einem vernünftigen Grund, und zu den solcherart geschehenden Dingen gehörte die Vernunft selbst. Und doch fand diese dramatische Veränderung statt, ohne dass im Mindesten dieselben Regeln verletzt worden wären, die bis dahin das Universum zu einem Ort ohne Zweck gemacht hatten. Was es auf der Ebene der Regeln immer noch ist.
Das erscheint paradox. Unser wissenschaftlicher Kommentar, der zwischen die einzelnen Episoden einer Scheibenwelt-Geschichte eingeschaltet ist, wird sich daher vor allem mit der Lösung für ein Paradox befassen: Wie ist auf diesem Planeten die Vernunft entstanden? Wie ist ein vernunftloses Universum »zur Vernunft gekommen«? Wie können wir den freien menschlichen Willen (oder was danach aussieht) mit der Unausweichlichkeit der Naturgesetze in Einklang bringen? Welche Beziehung besteht zwischen der »Innenwelt« des Geistes und der angeblich objektiven »Außenwelt« der physikalischen Realität?
Der Philosoph René Descartes hat dargelegt, der Geist müsse aus einer besonderen Art Stoff bestehen – »aus Geiststoff«, der sich von gewöhnlicher Materie unterscheide, ja unter Verwendung von gewöhnlicher Materie überhaupt nicht festzustellen sei. Der Geist sei eine unsichtbare geistige Essenz, die die ansonsten unvernünftige Materie beseele. Es war ein hübscher Gedanke, weil er auf einen Schlag erklärte, warum der Geist so seltsam ist, und lange Zeit war eben dies die allgemein übliche Ansicht. Nichtsdestoweniger ist das Konzept der »Kartesianischen Dualität« heute in Ungnade gefallen. Heutzutage dürfen nur Kosmologen und Teilchenphysiker neue Arten Materie erfinden, wenn sie erklären wollen, warum ihre Theorien nicht der beobachteten Wirklichkeit entsprechen. Wenn Kosmologen feststellen, dass Galaxien an den falschen Stellen mit falschen Geschwindigkeiten rotieren, werfen sie ihre Theorien über Gravitation nicht weg. Sie erfinden »kalte dunkle Materie«, um die fehlenden 90 Prozent Masse in unserem Universum aufzufüllen. Wenn irgendein anderer Wissenschaftler so etwas täte, würden die Leute entsetzt die Hände überm Kopf zusammenschlagen und es als »Zurechtbiegen der Tatsachen« verurteilen. Aber Kosmologen scheinen damit durchzukommen.
Ein Grund dafür ist, dass diese Idee viele Vorteile hat. Kalte dunkle Materie ist kalt, dunkel und Materie. »Kalt« bedeutet, dass man sie nicht durch die von ihr abgestrahlte Wärme entdecken kann, denn sie strahlt keine aus. »Dunkel« bedeutet, dass man sie nicht durch das von ihr ausgesandte Licht entdecken kann, denn sie sendet kein Licht aus. »Materie« bedeutet, dass es ein ganz gewöhnliches materielles Ding ist (keine alberne Erfindung wie Descartes’ immaterieller Geiststoff). Dies gesagt, ist kalte dunkle Materie natürlich absolut unsichtbar und entschieden nicht dasselbe wie gewöhnliche Materie, die weder kalt noch dunkel ist …
Man muss den Kosmologen zugestehen, dass sie sehr angestrengt versuchen, Möglichkeiten zu finden, wie man kalte dunkle Materie entdecken könnte. Bisher haben sie entdeckt, dass sie Licht beugt, sodass man Ansammlungen von kalter dunkler Materie mithilfe der Wirkung »sehen« kann, die sie auf die Bilder fernerer Galaxien hat. Kalte dunkle Materie erzeugt trugbildhafte Verzerrungen im Licht ferner Galaxien und verschmiert es zu dünnen Bögen, in deren Zentrum die Ansammlung fehlender Masse steht. Aus diesen Störungen können Astronomen auf die Verteilung der ansonsten unsichtbaren kalten dunklen Materie Rückschlüsse ziehen. Die ersten Ergebnisse werden gerade gewonnen, und in ein paar Jahren wird es möglich sein, das Weltall zu durchmustern und herauszufinden, ob die fehlenden 90 Prozent Materie wirklich da sind, wie erwartet kalt und dunkel, oder ob die ganze Idee Unsinn ist.
Descartes’ gleichermaßen unsichtbarer, nicht zu entdeckender Geiststoff hat eine sehr wechselhafte Geschichte. Zunächst schien seine Existenz offensichtlich zu sein: Der menschliche Geist verhält sich einfach nicht wie der Rest der materiellen Welt. Später hielt man seine Existenz offensichtlich für Unsinn, denn man kann ein Gehirn in Stücke zerschneiden – vorzugsweise nachdem man sichergestellt hat, dass sein Besitzer diese Welt bereits verlassen hat – und nach seinen materiellen Bestandteilen suchen. Und wenn man das tut, findet man nichts Ungewöhnliches. Da sind eine Menge komplizierte Proteine, auf sehr kunstvolle Weise angeordnet, aber man findet kein einziges Atom Geiststoff.* [* Und man wäre in der Lage der schrecklichen Revisoren der Realität von der Scheibenwelt, die anthropomorphe Verkörperungen der Regeln des Universums sind und in Der Zeitdieb bei ihrer vergeblichen Suche nach »Schönheit« Gemälde und Statuen auf die Atome zurückführen, aus denen sie bestehen.]
Eine Galaxis können wir jedoch nicht in Stücke zerschneiden, sodass die Kosmologen vorerst mit ihrer absurden Erfindung eines neuen Materials durchkommen, mit dessen Hilfe sie ihr Gesicht wahren. Neurologen, die den Geist zu erklären trachten, haben es nicht so gut. Gehirne kann man viel leichter zerlegen als Galaxien.
Trotz des Wechsels in den gegenwärtigen allgemeinen Anschauungen verbleiben ein paar hartgesottene Dualisten, die noch immer an einen besonderen Geiststoff glauben. Doch heute sind fast alle Neurologen der Ansicht, dass das Geheimnis des Geistes in der Struktur des Gehirns begründet liegt, und noch wichtiger: in den Prozessen, die das Gehirn ausführt. Während Sie diese Worte lesen, haben Sie eine starke Empfindung eines Selbst. Es gibt ein Ich, welches liest und über die Worte und über die Gedanken nachsinnt, die diese ausdrücken. Kein Wissenschaftler hat jemals das Stück Hirn herausseziert, das diesen Eindruck des Ichs enthält. Die meisten nehmen an, dass es kein solches Stück gibt: Vielmehr empfinden Sie sich als sich selbst wegen der gesamten Aktivität Ihres Hirns, plus der Nervenfasern, die mit ihm verbunden sind, ihm Empfindungen aus der Außenwelt liefern und ihm erlauben, die Bewegungen Ihrer Arme, Beine und Finger zu steuern. Im Grunde empfinden Sie sich als sich selbst, weil Sie ständig damit beschäftigt sind, Sie selbst zu sein.
Der Geist ist ein Prozess, der in einem Gehirn, welches aus ganz gewöhnlicher Materie besteht, nach den Regeln der Physik abläuft. Es ist jedoch ein sehr seltsamer Prozess. Es gibt eine Art Dualität, doch es ist eher eine Dualität der Interpretation als des physikalischen Materials. Wenn Sie einen Gedanken denken – sagen wir, über den Fünften Elefanten, der vom Rücken von Groß A’Tuin abrutschte, eine kreisbogenförmige Bahn beschrieb und auf der Oberfläche der Scheibenwelt aufschlug –, dann hat derselbe physikalische Akt, mit dem dieser Gedanke gedacht wird, zwei verschiedene Bedeutungen.
Eine davon ist pure Physik. In Ihrem Gehirn fließen in verschiedenen Nervenfasern verschiedene Elektronen hin und her. Chemische Moleküle verbinden oder teilen sich, um neue zu bilden. Moderne Geräte wie der PET-Scanner* [* PET – Positronen-Emissions-Tomographie: ein Apparat, der winzige vom Hirngewebe ausgesandte Teilchen auffängt und daraus eine Karte der Vorgänge im Gehirn erstellt.] können ein dreidimensionales Bild Ihres Gehirns erstellen, welches zeigt, welche Regionen aktiv sind, wenn Sie an den Elefanten denken. Materiell gesehen, schwirrt Ihr Gehirn auf eine komplizierte Art und Weise. Die Wissenschaft kann das Schwirren sehen, aber sie kann den Elefanten (noch) nicht herauslesen.
Und nun die zweite Interpretation. Von innen sozusagen haben Sie keine Empfindung von diesen umherschwirrenden Elektronen und reagierenden Chemikalien. Stattdessen haben Sie einen sehr lebhaften Eindruck von einem großen grauen Wesen mit Schlappohren und einem Rüssel, das auf unglaubliche Weise durch den Raum fliegt und verheerend aufschlägt. Geist ist, wie es sich anfühlt, ein Gehirn zu sein. Dieselben physikalischen Vorgänge erhalten eine völlig neue Bedeutung, wenn sie von innen betrachtet werden. Eine Aufgabe für die Wissenschaft ist es, die Kluft zwischen diesen beiden Interpretationen zu überbrücken. Der erste Schritt ist herauszufinden, welche Teile des Gehirns was tun, wenn man einen bestimmten Gedanken denkt. Im Grunde heißt das, den Elefanten aus den Elektronen zu rekonstruieren. Das ist noch nicht möglich, doch jeder Tag bringt uns der Lösung dieser Aufgabe ein Stück näher. Selbst wenn die Wissenschaft diesen Punkt erreicht, wird sie wahrscheinlich nicht erklären können, warum Ihr Eindruck von dem Elefanten derart lebhaft ist oder warum er gerade diese spezielle Form annimmt.
Bei der Erforschung des Bewusstseins gibt es einen Fachbegriff dafür, wie sich eine Empfindung »anfühlt«. Er heißt »Qualium«, eine Einbildung, mit der unser Geist sein Modell des Weltalls färbt, wie ein Maler einem Porträt Pigment hinzufügt. Solche Qualia malen die Welt in lebhaften Farben, sodass wir schneller darauf reagieren können, insbesondere auf Anzeichen von Gefahr, Nahrung und mögliche Geschlechtspartner … Die Wissenschaft hat keine Erklärung, warum sich Qualia so anfühlen, und wird wohl auch keine finden. Die Wissenschaft kann also erklären, wie ein Geist funktioniert, aber nicht, wie es ist, einer zu sein. Das ist keine Schande: Schließlich können Physiker erklären, wie ein Elektron funktioniert, aber nicht, wie es ist, eins zu sein. Manche Fragen gehen über die Wissenschaft hinaus. Und wie wir vermuten, über alles andere auch: Es ist ziemlich leicht, eine Erklärung für diese metaphysischen Probleme zu behaupten, aber so gut wie unmöglich zu beweisen, dass man Recht hat. Die Wissenschaft gibt zu, dass sie mit diesen Dingen nicht umgehen kann, also ist sie zumindest ehrlich.
Jedenfalls handelt die Wissenschaft vom Geist (jetzt nicht im großen, metaphysischen Sinne, sondern im praktischen, der Denken und Bewusstsein meint) davon, wie der Geist funktioniert und wie er sich entwickelt hat, aber nicht davon, wie es ist, einer zu sein. Selbst mit dieser Einschränkung macht die Wissenschaft vom Gehirn nicht die ganze Geschichte aus. Die Problematik des Geistes hat eine zweite wichtige Dimension. Nicht, wie das Hirn funktioniert und was es tut, sondern wie es dazu kam.
Wie in aller Rundwelt ist aus geistlosen Wesen Geist entstanden?
Ein großer Teil der Antwort liegt nicht im Gehirn, sondern in seiner Wechselwirkung mit dem übrigen Universum. Insbesondere mit anderen Gehirnen. Menschen sind soziale Tiere und kommunizieren miteinander. Der Trick mit der Kommunikation bewirkte eine große, qualitative Veränderung für die Evolution des Gehirns und seine Fähigkeit, einen Geist zu beherbergen. Er beschleunigte den Evolutionsprozess, weil die Übertragung von Ideen viel schneller geschieht als die Übertragung von Genen.
Wie kommunizieren wir? Wir erzählen Geschichten. Und das – werden wir darlegen – ist das wahre Geheimnis des Geistes. Was uns zurück zur Scheibenwelt bringt, denn auf der Scheibenwelt funktionieren die Dinge wirklich so, wie der menschliche Geist auf der Rundwelt denkt, dass sie funktionieren. Besonders, was Geschichten angeht.
Die Scheibenwelt funktioniert mit Magie, und Magie ist untrennbar verknüpft mit Narrativer Kausalität, der Kraft einer Geschichte. Ein Zauberspruch ist eine Geschichte davon, was jemand gern geschehen lassen möchte, und Magie ist das, was Geschichten wahr werden lässt. Auf der Scheibenwelt geschehen Dinge, weil die Leute erwarten, dass sie geschehen. Die Sonne geht jeden Tag auf, weil das ihre Aufgabe ist: Sie ist eingerichtet worden, um den Menschen Licht zum Sehen zu liefern, und sie scheint am Tag, wenn die Leute sie brauchen. Das ist es, was Sonnen tun, dazu sind sie da. Und es ist auch eine richtige, vernünftige Sonne: ein nicht besonders großes Feuer, nicht allzu weit entfernt, das über und unter der Scheibe dahinzieht, wobei sie gelegentlich, aber vollkommen logischer Weise einen der Elefanten das Bein heben lässt, um sie durchzulassen. Es ist nicht die lächerliche, pathetische Art Sonne, wie wir sie haben – absolut gigantisch, höllisch heiß und rund 150 Millionen Kilometer entfernt, weil sie in der Nähe zu gefährlich wäre. Und wir kreisen um sie, statt dass sie um uns kreist, was verrückt ist, zumal mit Ausnahme der Blinden jeder Mensch auf dem Planeten das Letztere sieht. Es ist eine schreckliche Materialverschwendung, nur um Tageslicht zu erzeugen …
Auf der Scheibenwelt muss der achte Sohn eines achten Sohnes Zauberer werden. Sogar wenn, wie in Das Erbe des Zauberers, der achte Sohn eines achten Sohnes ein Mädchen ist. Die Schildkröte Groß-A’Tuin muss mit vier Elefanten auf dem Rücken und der ganzen Scheibenwelt auf diesen durch den Raum schwimmen, denn das ist es, was eine Welten tragende Schildkröte zu tun hat. Die Erzählstruktur erfordert es. Überdies existiert auf der Scheibenwelt alles, was es gibt* [* Und eine Menge Dinge, die es nicht gibt, wie die Dunkelheit.], als Ding. Um in der Sprache der Philosophen zu sprechen: Konzepte sind reifiziert, real gemacht. Der Tod ist nicht nur ein Prozess von Ende und Zerfall: Er ist auch eine Person, ein Skelett mit Kapuze und Sense, und er REDET SO. Auf der Scheibenwelt ist der narrative Imperativ zu einem Stoff reifiziert, zu Narrativium. Narrativium ist ein Element wie Schwefel oder Wasserstoff oder Uran. Sein Symbol sollte Na oder etwas in der Art sein, aber wegen ein paar alter Italiener ist das schon für Natrium reserviert. Also wird es wohl Nv sein. Wie dem auch sei, Narrativium ist auf der Scheibenwelt ein Element, also hat es irgendwo seinen Platz im ScheibenweltPendant zu Dmitri Mendelejews Periodischem System. Wo? Der Quästor der Unsichtbaren Universität, der einzige Zauberer, der verrückt genug ist, um imaginäre Zahlen zu verstehen, würde uns zweifellos sagen, dass das gar keine Frage ist: Narrativium ist das hmpfundhmpfzigste Element.
Das Narrativium der Scheibenwelt ist ein Stoff. Es sorgt für die narrativen Imperative und dafür, dass sie beachtet werden. Auf der Rundwelt, unserer Welt, verhalten sich die Menschen so, als ob auch hier Narrativium existiere. Wir erwarten, dass es morgen nicht regnet, weil Dorfkirmes ist und weil es unfair wäre, wenn Regen das Fest verdürbe.
Oder wir erwarten getreu der pessimistischen Art unserer Landsleute häufiger, dass es regnet, weil Dorfkirmes ist. Die meisten Leute erwarten, dass das Universum gelinde bösartig ist, hoffen aber, es sei guter Laune, während Wissenschaftler es für gleichgültig halten. Dürregeplagte Bauern beten um Regen in der ausdrücklichen Hoffnung, dass das Universum oder sein Eigentümer ihre Worte hört und die Gesetze der Meteorologie zu ihren Gunsten aufhebt. Manche glauben natürlich genau das, und soweit sich überhaupt etwas beweisen lässt, könnten sie Recht haben. Das ist eine vertrackte und heikle Frage; sagen wir daher nur, dass bisher kein respektabler wissenschaftlicher Beobachter Gott dabei erwischt hat, wie er die Gesetze der Physik verletzte (obwohl der natürlich für die Wissenschaftler zu schlau sein könnte), und lassen wir es vorerst dabei bewenden.
Und hier nun tritt der menschliche Geist in die Mitte der Bühne.
Das Merkwürdige am Glauben der Menschen an Narrativium ist, dass, als sich erst einmal Menschen auf dem Planeten entwickelten, ihre Glaubensvorstellungen wahr wurden. Wir haben in gewisser Weise unser eigenes Narrativium erschaffen. Es existiert in unserem Kopf, und dort ist es ein Prozess, kein Ding. Auf der Ebene des materiellen Universums ist es nichts als ein weiteres Muster umherschwirrender Elektronen. Doch auf der Ebene dessen, wie es sich anfühlt, ein Geist zu sein, wirkt es genau wie Narrativium. Nicht nur das: Es wirkt auf die materielle Welt, nicht nur auf die geistige – es hat dieselben Auswirkungen wie Narrativium. Im Allgemeinen steuert unser Geist unseren Körper – manchmal aber nicht, und manchmal geht es andersherum, besonders bei Jugendlichen –, und unser Körper lässt Dinge draußen in der materiellen Welt geschehen. Innerhalb jedes Menschen gibt es eine seltsame Schleife, die wie ein Möbiusband die materielle und die geistige Ebene des Daseins vertauscht.
Diese seltsame Schleife hat eine merkwürdige Wirkung auf die Kausalität. Wir stehen am Morgen um 7.15 Uhr auf und gehen aus dem Haus, weil wir um neun bei der Arbeit sein müssen. Wissenschaftlich gesehen ist das eine sehr bizarre Form von Kausalität: Die Zukunft beeinflusst die Vergangenheit. Das kommt in der Physik normalerweise nicht vor (außer in sehr esoterischen Quantensachen, aber wir wollen uns nicht ablenken lassen). In diesem Fall hat die Wissenschaft eine Erklärung. Was Sie um 7.15 Uhr aufstehen lässt, ist eigentlich nicht Ihr künftiges Eintreffen bei der Arbeit. Wenn Sie nämlich unter einen Bus geraten und nicht zur Arbeit kommen, sind Sie trotzdem um 7.15 Uhr aufgestanden. Anstelle von rückwärts laufender Kausalität gibt es in Ihrem Gehirn ein geistiges Modell, welches Ihren möglichst genauen Versuch darstellt, den bevorstehenden Tag vorherzusagen. In diesem Modell, verwirklicht in Form schwirrender Elektronen, denken Sie, dass Sie um neun bei der Arbeit sein sollten. Dieses Modell und seine Vorstellung von der Zukunft existieren jetzt, oder genauer gesagt, in der unmittelbaren Vergangenheit. Es ist diese Erwartung, die Sie aufstehen lässt, statt im Bett zu bleiben und noch eine wohlverdiente Runde zu schlafen. Und die Kausalität ist ganz normal: von der Vergangenheit in die Zukunft über Handlungen, die in der Gegenwart stattfinden.
Das stimmt also. Außer dass, wenn Sie darüber nachdenken, die Kausalität immer noch sehr seltsam ist. Ein paar Elektronen, die auf eine Weise in einem Gehirn herumschwirren, die außerhalb des Gehirns völlig bedeutungslos ist, führen zu einer abgestimmten Handlung eines Proteinklumpens von siebzig Kilogramm. Na schön, so früh am Morgen ist es kein sehr abgestimmter Proteinklumpen, aber Sie verstehen, was wir meinen. Deshalb nennen wir dieses sehr schöpferische Stück Verwirrung eine seltsame Schleife.
Diese geistigen Modelle sind Geschichten, vereinfachte Erzählungen, die in grober Weise Aspekten der Welt entsprechen, die wir wichtig finden. Beachten Sie dieses »wir«: Alle geistigen Modelle sind von menschlichen Vorlieben und Abneigungen beeinflusst. Unser Geist erzählt uns Geschichten von der Welt, und wir richten einen Großteil unserer Handlungen nach dem aus, was diese Geschichten besagen. In unserem Beispiel ist es die Geschichte von »dem Mitarbeiter, der zu spät kam und entlassen wurde«. Diese Geschichte allein holt uns in aller Herrgottsfrühe aus dem Bett, sogar wenn wir mit dem Chef auf gutem Fuß stehen und uns in dem Glauben wiegen, dass die Geschichte uns nicht betrifft. Mit anderen Worten, wir machen uns unser Bild von der Welt anhand der Geschichten, die wir uns selbst und einander über sie erzählen.
Auf diese Weise bauen wir auch in unseren Kindern den Geist auf. In Europa und den Vereinigten Staaten wachsen die Kinder mit Geschichten von Pu dem Bären auf, der zum Haus von Kaninchen ging, zu viel Honig aß und beim Hinausgehen im Eingang stecken blieb.* [* Es wäre ein Ausgang gewesen, aber er ging ja nicht hinaus.] Die Geschichte sagt uns, dass wir nicht allzu gierig sein sollen, weil uns schreckliche Dinge zustoßen werden, wenn wir es sind. Sogar das Kind weiß, dass Pu der Bär eine erfundene Gestalt ist, doch es versteht, wovon die Geschichte handelt. Es hört deswegen nicht auf, vom Honig zu naschen, und es fürchtet auch nicht, es könnte in der Tür stecken bleiben, wenn es zu viel zu Mittag gegessen hat und dann aus dem Zimmer gehen will. Die Geschichte handelt nicht von buchstäblichen Interpretationen. Es ist eine Metapher, und der Geist ist eine Metaphernmaschine.
Die Macht des Narrativiums auf der Rundwelt ist immens. Seinetwegen geschehen Dinge, die man nach den Naturgesetzen niemals erwarten würde. Beispielsweise machen es die Naturgesetze ziemlich unmöglich, dass ein Gegenstand von der Erde plötzlich hoch in den Weltraum springt und auf dem Mond landet. Sie besagen nicht, dass es unmöglich sei, wohl aber, dass man wirklich sehr lange darauf warten müsste, bis es geschehen könnte. Dennoch befindet sich eine Maschine auf dem Mond. Mehrere. Sie waren vorher alle hier unten. Jetzt sind sie dort oben, weil sich Leute vor Jahrhunderten romantische Geschichten über den Mond erzählten. Der Mond war eine Göttin, die auf uns herabschaute. Als Vollmond bewirkte sie, dass sich Menschen in Wölfe verwandelten. Schon damals konnten die Menschen ziemlich gut zweigleisig denken; der Mond war offensichtlich eine große silberne Scheibe, aber zugleich eine Göttin.
Allmählich wandelten sich diese Erzählungen. Plötzlich war der Mond eine andere Welt, und wenn wir Schwäne einspannten, konnten wir mit einem Wagen hinfliegen. Dann (wie Jules Verne vorschlug) konnten wir in einem großen Hohlzylinder hingelangen, abgefeuert von einer riesigen Kanone in Florida. In den sechziger Jahren schließlich fanden wir die richtige Art Schwan (flüssigen Sauerstoff und Wasserstoff) und die richtige Art Wagen (etliche Millionen Tonnen Metall) und flogen zum Mond. In einem Hohlzylinder, der in Florida gestartet wurde. Es war nicht direkt eine Kanone. Nun ja, in einem grundlegenden physikalischen Sinne war es schon eine; die Rakete war eine Kanone und flog selbst los, indem sie statt eines Geschosses verbrannten Treibstoff verschoss.
Wenn wir uns keine Geschichten vom Mond erzählt hätten, hätte es überhaupt keinen Zweck gehabt hinzufliegen. Ein interessanter Anblick vielleicht … aber von dem Anblick »wussten« wir nur, weil wir uns wissenschaftliche Geschichten über Bilder erzählt hatten, die von Raumsonden zurückgefunkt worden waren. Warum sind wir hingeflogen? Weil wir uns seit mehreren hundert Jahren erzählt hatten, dass wir es tun würden. Weil wir es unvermeidlich gemacht und in die »Zukunftsgeschichten« von sehr vielen Menschen eingebaut hatten. Weil es unsere Neugier befriedigte und weil der Mond auf uns wartete. Der Mond war eine Geschichte, die auf ihren Schluss wartete (»Der erste Mensch landet auf dem Mond!«), und wir sind hingeflogen, weil die Geschichte es verlangte.
Als sich der menschliche Geist auf der Erde entwickelte, entwickelte sich parallel zu ihm eine Art Narrativium. Anders als die Scheibenwelt-Version von Narrativium, die auf der Scheibe ebenso wirklich ist wie Eisen oder Kupfer oder Praseodym, ist unsere Version rein geistig. Es ist ein Imperativ, doch der Imperativ ist nicht zu einem Ding reifiziert worden. Dennoch besitzen wir die Art Geist, die auf Imperative reagiert und auf vieles andere, was kein Ding ist. Und so haben wir das Gefühl, unser Universum werde von Narrativium in Gang gehalten.
Es gibt hier eine merkwürdige Resonanz, und »Resonanz« ist entschieden das passende Wort. Die Physiker erzählen eine Geschichte, wie im Weltall Kohlenstoff entsteht. In bestimmten Sternen gibt es eine spezielle Kernreaktion, eine »Resonanz« zwischen benachbarten Energieniveaus, die der Natur einen Zwischenschritt von leichteren Elementen zu Kohlenstoff liefert. Ohne diese Resonanz, besagt die Geschichte, hätte kein Kohlenstoff entstehen können. Nun enthalten die Gesetze der Physik nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand mehrere »Fundamentalkonstanten« wie die Lichtgeschwindigkeit, das Planck’sche Wirkungsquantum der Quantentheorie und die Elementarladung des Elektrons. Diese Zahlen bestimmen die quantitativen Beziehungen innerhalb der physikalischen Gesetze, doch jede Kombination von bestimmten Werten für die Konstanten bringt ein potenzielles Universum hervor. Die Art, wie sich ein Universum verhält, hängt von den tatsächlichen Zahlenwerten in seinen Gesetzen ab. Nun ist Kohlenstoff ja ein wesentlicher Bestandteil allen bekannten Lebens, und so läuft dies auf eine schlaue kleine Geschichte hinaus, die das Anthropische Prinzip genannt wird: dass es nämlich albern wäre, wenn wir fragen würden, warum wir in einem Universum leben, dessen physikalische Konstanten jene Kernresonanz ermöglichen – denn wenn dem nicht so wäre, gäbe es keinen Kohlenstoff und folglich auch uns nicht – und wir könnten nicht danach fragen.
Die Geschichte von der Kohlenstoff-Resonanz ist in vielen Büchern über die Wissenschaft zu finden, denn sie erzeugt einen mächtigen Eindruck von einer verborgenen Ordnung im Universum und scheint so viel zu erklären. Wenn wir sie aber ein wenig näher betrachten, sehen wir, dass sie ein anschauliches Beispiel für die verführerische Macht einer spannenden, aber falschen Erzählung ist. Wenn eine Geschichte ein zusammenhängendes Ganzes zu bilden scheint, können sogar bewusst selbstkritische Wissenschaftler es versäumen, die Frage zu stellen, die alles auseinander fallen lässt.
Und so geht die Geschichte. Kohlenstoff entsteht in roten Riesensternen bei einem ziemlich heiklen Prozess von Kernverschmelzung, der Tripel-Alpha-Prozess genannt wird. Dabei geht es um die Verschmelzung von drei Heliumkernen.* [* Im einfachsten Bild vom Atom ist der Kern ein verhältnismäßig kleiner Bereich, der aus Protonen und Neutronen besteht. Elektronen »umkreisen« den Kern in einiger Entfernung. Der Tripel-Alpha-Prozess findet in einem Plasma statt, wo die Atome ihre Elektronen verloren haben, sodass nur ihre Kerne beteiligt sind. Später, wenn sich das Plasma abkühlt, können die Kerne wieder die nötigen Elektronen erwerben.] Ein Heliumkern enthält zwei Protonen und zwei Neutronen. Wenn man drei Heliumkerne miteinander verschmilzt, bekommt man sechs Protonen und sechs Neutronen. Und das ist gerade ein Kohlenstoffkern.
Sehr schön, aber die Wahrscheinlichkeit, dass in einem Stern ein solcher dreifacher Zusammenstoß stattfindet, ist sehr gering. Zusammenstöße von zwei Heliumkernen kommen viel häufiger vor, obwohl auch sie noch relativ selten sind. Extrem selten wird ein dritter Heliumkern auf zwei treffen, die gerade zusammenstoßen. Es ist wie mit Farbkugeln und Zauberern. Immer mal wieder platscht eine Farbkugel gegen einen Zauberer. Aber man würde nicht viel darauf wetten, dass exakt im selben Augenblick ihn eine zweite Farbkugel trifft. Das heißt, die Synthese von Kohlenstoff muss stufenweise statt auf einmal erfolgen, und die nahe liegende Art ist, dass erst zwei Heliumkerne verschmelzen und dann ein dritter hinzukommt.
Der erste Schritt ist einfach, und der dabei entstehende Kern hat vier Protonen und vier Neutronen: Dies ist eine Form des Elements Beryllium. Die Lebensdauer dieser speziellen Form von Beryllium beträgt aber nur 10-16 Sekunden, was für den dritten Heliumkern ein sehr kleines Ziel ergibt. Die Wahrscheinlichkeit, dieses Ziel zu treffen, ist unglaublich gering, und wie sich herausstellt, existiert das Weltall noch nicht lange genug, als dass auch nur ein winziger Bruchteil seines Kohlenstoffs auf diese Weise hätte entstehen können. Dreifach-Zusammenstöße kommen also nicht in Frage, und der Kohlenstoff bleibt ein Rätsel.
Es sei denn … dass die Beweiskette eine Lücke hat. Und das hat sie tatsächlich. Die Fusion von Beryllium mit Helium, die zu Kohlenstoff führt, würde viel schneller erfolgen und in kürzerer Zeit viel mehr Kohlenstoff ergeben, wenn die Energie des Kohlenstoffs zufällig nahe bei der kombinierten Energie von Beryllium und Helium läge. Diese Art von fast gleichen Energien wird eine Resonanz genannt. In den fünfziger Jahren beharrte Fred Hoyle darauf, dass der Kohlenstoff irgendwo herkommen muss, und sagte vorher, dass es aus diesem Grunde einen resonanten Zustand des Kohlenstoffatoms geben müsse. Er musste eine sehr spezifische Energie haben, die Hoyle zu ungefähr 7,6 MeV* [* 1 MeV ist eine Million Elektronenvolt. Ein Elektronenvolt ist natürlich eine Energieeinheit, und für unsere Zwecke spielt es momentan eigentlich keine Rolle, wie groß diese Einheit ist. Der Ordnung halber: Es ist die Energie eines Elektrons, wenn sein Potenzial um ein Volt erhöht wird, und beträgt 1,6 x 10-12 erg. Und die Energie, auf die hier Bezug genommen wird, ist der Energieüberschuss gegenüber dem niedrigsten Energiezustand des Atoms, dem »Grundzustand«.
Was ist ein erg? Schlagen Sie nach, wenn Sie es wirklich wissen müssen.] berechnete.
Binnen eines Jahrzehnts wurde entdeckt, dass es einen Zustand mit der Energie von 7,6549 MeV gibt. Leider erweist sich, dass die kombinierte Energie von Beryllium und Helium etwa 4 Prozent darüber liegt. In der Kernphysik ist das eine ganz erhebliche Abweichung.
Hm.
Aber ach, diese scheinbare Diskrepanz ist wunderbarer Weise genau das, was wir brauchen. Wieso? Weil die zusätzliche Energie, die von den in einem Roten Riesen herrschenden Temperaturen hinzugefügt wird, genau dem benötigten Unterschied von 4 Prozent entspricht.
Toll.
Das ist eine wunderbare Geschichte, und sie hat Hoyle zu Recht eine Menge wissenschaftliche Bienchenpunkte eingebracht. Und sie lässt unsere Existenz ziemlich wackelig erscheinen. Wenn die Fundamentalkonstanten des Universums verändert werden, dann auch diese lebensnotwendige 7,6549. Man ist also versucht zu schlussfolgern, dass die Konstanten unseres Universums auf Kohlenstoff feinabgestimmt sind, um zu sichern, dass komplexes Leben entsteht. Hoyle hat diese Schlussfolgerung nicht gezogen, doch viele andere Wissenschaftler sind der Versuchung erlegen.
Es klingt doch gut, was also stimmt nicht? Der Physiker Victor Stenger nennt diese Art zu argumentieren »Kosmythologie«. Ein anderer Physiker, Craig Hogan, hat den Finger auf einen der wunden Punkte gelegt. Die Argumentation behandelt die Temperatur des Roten Riesen und jenen Vier-Prozent-Unterschied bei den Energieniveaus, als ob sie unabhängig voneinander wären. Sie geht also davon aus, man könnte die Fundamentalkonstanten der Physik ändern, ohne dass sich die Funktionsweise eines Roten Riesen ändern würde. Das ist jedoch offensichtlich Unsinn. Hogan weist darauf hin, dass zur Struktur von Sternen ein eingebauter Thermostat gehört, der die Temperatur automatisch auf genau den Wert einregelt, der benötigt wird, um die Reaktion im richtigen Tempo ablaufen zu lassen. Es ist, als staunte man, dass die Temperatur in einem Feuer gerade richtig ist, um Holz zu verbrennen, wo doch diese Temperatur in Wahrheit von der chemischen Reaktion erzeugt wird, mit der Holz verbrennt. Diese Art Versäumnis, die wechselseitige Bedingtheit von Naturerscheinungen zu untersuchen, ist ein typischer und recht weit verbreiteter Fehler bei anthropischen Gedankengängen.
Was in der Menschenwelt zählt, ist nicht Kohlenstoff, sondern Narrativium. Und in diesem Zusammenhang möchten wir eine neue Art von Anthropischem Prinzip feststellen. Wie es sich ergibt, leben wir in einem Universum, dessen physikalische Konstanten gerade richtig sind, damit sich Gehirne auf Kohlenstoffbasis so weit entwickelt können, dass sie Narrativium hervorbringen, wie ein Stern Kohlenstoff hervorbringt. Und das Narrativium tut verrückte Dinge, wie Maschinen auf den Mond zu bringen. Wirklich, wenn Kohlenstoff (noch) nicht existierte, dann könnte jede Lebensform auf Narrativiumbasis einen Weg finden, ihn herzustellen, indem sie sich eine richtig packende Geschichte erzählen würde, wie notwendig er ist. Die Kausalität in diesem Universum ist also unverbesserlich sonderbar. Die Physiker führen das alles gern auf die Fundamentalkonstanten zurück, aber es ähnelt mehr einem Beispiel für Murphys Gesetz.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Je mehr wir über Narrativium in menschlichen Angelegenheiten nachdenken, umso deutlicher sehen wir, dass sich unsere Welt um die Macht der Geschichten dreht. Wir bauen unseren Geist auf, indem wir Geschichten erzählen. Zeitungen wählen Nachrichten nach ihrem Wert als Geschichte aus, nicht danach, wie wichtig sie tatsächlich sind. »England verliert Cricket-Turnier gegen Australien« ist eine Geschichte (wenn auch keine sehr überraschende) und kommt auf die Titelseite. »Ärzte sind der Ansicht, dass sie die Diagnostik von Leberkrankheiten um ein Prozent verbessert haben könnten« ist keine Geschichte, obwohl der größte Teil der Wissenschaft so funktioniert (und in künftigen Jahren, je nach dem Zustand Ihrer Leber, werden Sie das vielleicht für eine wichtigere Geschichte als ein Cricket-Turnier halten).
»Wissenschaftler behauptet, Krebs heilen zu können« hingegen ist eine Geschichte, auch wenn die angebliche Heilmethode vielleicht Unsinn ist. Ebenso »Spiritistisches Medium behauptet, Krebs heilen zu können« und »Geheime verschlüsselte Vorhersagen in der Bibel verborgen«, leider.
Während wir diese Zeilen schreiben, herrscht Aufruhr um eine kleine Gruppe von Leuten, die einen Menschen zu klonen gedenken. Es ist eine große Story, aber sehr wenige Zeitungen melden das wahrscheinlichste Ergebnis dieses Versuchs, nämlich komplettes Misslingen. Es waren 277 Fehlversuche notwendig, davon einige ziemlich widerwärtige, bis das Schaf Dolly geklont wurde, und bei Dolly sind jetzt schwere genetische Defekte entdeckt worden, das arme Schäfchen.
Der Versuch, einen Menschen zu klonen, ist vielleicht wirklich ethisch verwerflich, doch es gibt bessere Einwände gegen dieses verfehlte und törichte Unterfangen. Der beste ist, dass es nicht funktionieren wird, weil bisher niemand weiß, wie zahlreiche technische Hindernisse zu überwinden wären; außerdem, wenn es durch einen (un)glücklichen Zufall doch funktionieren würde, hätte jedes so erzeugte Kind schwere gesundheitliche Mängel. Solch ein Kind zu erzeugen – das ist wirklich ethisch verwerflich.
»Blaupausen« von Menschen herzustellen, worauf die Zeitungs-Story über die Ethik für gewöhnlich hinausläuft, geht an der Sache vorbei. Damit hat Klonen ja gar nichts zu tun. Das Schaf Dolly war nicht genetisch identisch mit der Mutter, obwohl es ihr nahe kam. Selbst wenn es genetisch identisch wäre, wäre es trotzdem ein anderes Schaf, von unterschiedlichen Erfahrungen geformt. Aus demselben Grund wird, wenn man von einem toten Kind einen Klon herstellt, dieses Kind nicht wieder lebendig. Vieles von der Diskussion über das Klonen in den Medien wie auch die allgemeine Vorstellung davon ist irgendwie vage mit Science-Fiction durchmengt. Auf diesem Schauplatz wie so vielen anderen wiegt die Macht der Geschichte mehr als jede Frage nach der tatsächlichen Faktengrundlage.
Menschen erzählen nicht nur Geschichten und hören nicht nur zu. Sie ähneln eher Oma Wetterwachs, die sich der Macht der Geschichten auf der Scheibenwelt bewusst ist und sich weigert, sich vom Narrativium einer Geschichte einfangen zu lassen. Vielmehr benutzt sie die Macht der Geschichte, um die Ereignisse nach ihren eigenen Wünschen zu formen. Priester, Politiker, Wissenschaftler, Lehrer und Journalisten auf der Rundwelt haben gelernt, die Macht der Geschichten zu gebrauchen, um ihre Botschaften an die Öffentlichkeit zu bringen und Leute dahin gehend zu manipulieren oder zu überzeugen, dass sie sich auf bestimmte Art und Weise verhalten. Die »wissenschaftliche Methode« ist ein Abwehrmechanismus gegen solche Manipulation. Sie sagt Ihnen, dass Sie etwas nicht glauben sollen, weil Sie wünschen, es wäre wahr. Die richtige wissenschaftliche Reaktion auf jede neue Entdeckung oder Theorie, besonders Ihre eigene, ist es, nach Möglichkeiten zu suchen, wie man sie widerlegen kann. Das heißt, eine andere Geschichte zu finden, die dasselbe erklärt.
Die Anthropologen lagen schief, als sie unsere Art Homo sapiens (»weiser Mensch«) nannten. Auf alle Fälle ist es arrogant und großkotzig, so etwas zu sagen, da doch Weisheit eine von unseren am wenigsten offensichtlichen Eigenschaften ist. In Wahrheit sind wir Pan narrans, der Geschichten erzählende Schimpanse.
In dieser Hinsicht nimmt auch der Aufbau von Rettet die Rundwelt! auf sich selbst Bezug. Sie müssen das im Gedächtnis behalten, wenn wir weitergehen. Das Buch selbst ist eine Geschichte – nein, zwei miteinander verwobene Geschichten. Eine, die ungeradzahligen Kapitel, ist eine Fantasy-Geschichte von der Scheibenwelt. Die andere, die geradzahligen Kapitel, ist eine Geschichte über die Wissenschaft vom menschlichen Geist (hier wieder im großen, metaphysischen Sinne). Die beiden hängen eng zusammen und sollen zueinander passen wie Fuß und Handschuh* [* Nicht wie Hand und Handschuh – so genau nun auch wieder nicht.]; die wissenschaftliche Geschichte wird als eine Folge von Sehr Großen Fußnoten zur Fantasy-Geschichte dargeboten.
So weit, so gut … Aber es wird komplizierter. Wenn Sie eine Scheibenweltgeschichte lesen, spielen Sie ein merkwürdiges Gedankenspiel. Sie reagieren so, als ob die Geschichte wahr wäre, als ob die Scheibenwelt wirklich existieren würde, als ob Rincewind und die Truhe real wären und die Rundwelt nur ein Bruchstück von einem längst vergessenen Traum. (Bitte hör auf hereinzureden, Rincewind, wir wissen, dass es aus deiner Sicht anders aussieht. Ja, natürlich sind wir es, die nicht existieren, wir sind Bündel von Regeln, deren Folgen nur in einer kleinen Kugel auf einem staubigen Regalbord in der Unsichtbaren Universität ablaufen. Ja, das ist uns durchaus bewusst, und würdest du nun bitte den Mund halten?) Entschuldigung.
Menschen haben großes Geschick bei diesem Spiel erworben, und wir werden uns das zu Nutze machen, indem wir die Erde und die Scheibenwelt auf dieselbe Erzählebene setzen, sodass jede die andere erhellt. Im ersten Buch, Die Gelehrten der Scheibenwelt, legte die Scheibenwelt fest, was wirklich war. Darum hat die Wirklichkeit so viel Sinn. Die Rundwelt ist ein magisches Konstrukt, dafür eingerichtet, Magie auszuschließen, und deshalb hat sie überhaupt keinen Sinn (jedenfalls für Zauberer). In dieser Fortsetzung bekommt die Erde Bewohner, die Bewohner bekommen jeder einen Geist, und der tut seltsame Dinge. Er bringt Narrativium in ein geschichtenloses Universum.
Ein Computer kann während eines einzigen Tastenanschlags eine Milliarde Rechenoperationen durchführen, und zwar alle richtig, aber er könnte nicht so tun, als wäre er ein feiger Zauberer, wenn man auf ihn zu käme und ihm eins auf den Cache drückte. Wir dagegen können uns mit Leichtigkeit in einen feigen Zauberer versetzen und jemanden anders erkennen, wenn er solch eine Rolle spielt, aber wir sind völlig überfordert, wenn es darum geht, in einer Sekunde ein paar Millionen Rechenoperationen durchzuführen. Obwohl jemand von außerhalb dieses Universums das für eine leichtere Aufgabe halten könnte.
Das liegt daran, dass wir mit Narrativium funktionieren, Computer aber nicht.
DREI
Reise in den B-Raum
Drei Stunden später, in der kühlen Unsichtbaren Universität. Im Forschungstrakt für hochenergetische Magie hatte sich nicht viel verändert, abgesehen von einer Leinwand, die Bilder von Ponders ikonographischem Projektor zeigen sollte.
»Ich verstehe nicht, wozu du das Ding brauchst«, sagte Rincewind. »Nur für uns beide …«
»Ugh«, bestätigte der Bibliothekar. Er war verärgert, weil man ihn bei einem Nickerchen in der Bibliothek gestört hatte. Er war sehr vorsichtig geweckt worden, da niemand einen dreihundert Pfund schweren Orang-Utan grob weckt (zumindest nicht zweimal), aber seine Stimmung ließ dennoch zu wünschen übrig.
»Der Erzkanzler meint, dass wir diese Dinge besser organisieren sollten«, meinte Ponder. »Er hält nichts davon, wenn jemand ›He, ich hab eine großartige Idee!‹ ruft. Es muss alles richtig präsentiert werden. Bist du so weit?«
Der kleine Kobold im Projektor zeigte mit einem winzigen Daumen nach oben.
»Also gut«, sagte Ponder. »Das erste Dia. Hier sehen wir die Rundwelt so, wie sie derzeit …«
»Sie ist verkehrt herum«, unterbrach Rincewind den Forschungszauberer.
Ponder betrachtete das Bild.
»Es ist eine Kugel«, erwiderte er scharf. »Und sie schwebt im All. Wie kann sie verkehrt herum sein?«
»Der zerknitterte Kontinent müsste sich oben befinden.«
»Na schön!«, schnappte Ponder. »Kobold, dreh das Bild. In Ordnung. Zufrieden?«
»Jetzt zeigt die richtige Seite nach oben, aber rechts und links sind vertau…«, begann Rincewind.
Ponders Zeigestock klatschte auf die Leinwand. »Dies ist die Rundwelt!«, sagte er mit Nachdruck. »In ihrem derzeitigen Zustand! Von Eis bedeckt! Aber die Zeit der Rundwelt ist unserer Zeit in der realen Welt untergeordnet! Alle Epochen der Rundwelt sind uns zugänglich, so wie uns alle Seiten eines Buches, wenn auch nacheinander, zugänglich sind. Ich habe festgestellt, dass der Erzkanzler und seine Begleiter tatsächlich auf der Rundwelt weilen, allerdings nicht in der Zeit, die uns als Gegenwart erscheint. Sie sind einige hundert Millionen Jahre in der Vergangenheit! Was aus unserer Perspektive gesehen ebenfalls die Gegenwart sein kann! Ich weiß nicht, wie sie dorthin gekommen sind. So etwas sollte physisch nicht möglich sein! HEX hat sie lokalisiert. Was auch immer sie zur Rundwelt brachte, wir müssen davon ausgehen, dass sie nicht auf dem gleichen Weg zurückkehren können. Allerdings … bitte das nächste Dia!«
Klick!
»Es ist das gleiche Bild«, sagte Rincewind. »Aber die eine Seite …«
»Eine Kugel hat keine Seiten!«, stieß Ponder hervor. Vom Projektor kam das Geräusch von splitterndem Glas und dann ein leiser Fluch.
»Ich dachte nur, dass du alles richtig machen wolltest«, murmelte Rincewind. »Und überhaupt … Es geht um den B-Raum, nicht wahr? Ich weiß es. Und du weißt es ebenfalls.«
»Ja, aber darauf habe ich noch nicht hingewiesen!«, schnaufte Ponder. »Ich wollte noch zehn andere Dias zeigen. Und ein Flussdiagramm!«
»Aber es geht um den B-Raum, stimmt’s?«, fragte Rincewind. »Ich meine, sie haben andere Zauberer gefunden. Das bedeutet Bibliotheken. Und das bedeutet, dass du sie durch den B-Raum erreichen kannst.«
»Ich wollte erläutern, dass wir durch den B-Raum dorthin gelangen können«, sagte Ponder.
»Ja, ich weiß«, erwiderte Rincewind. »Deshalb habe ich die Gelegenheit genutzt, schon jetzt ›du‹ zu sagen.«
»Wie kann es Zauberer auf der Rundwelt geben?«, fragte Ponder. »Obwohl wir wissen, dass Magie dort nicht funktioniert?«
»Keine Ahnung«, sagte Rincewind. »Ridcully bezeichnete sie als unnütz.«
»Und warum kann die Fakultät nicht aus eigener Kraft zurückkehren? Sie hat die Flasche geschickt! Vermutlich mittels Magie, nicht wahr?«
»Geh einfach und frag sie«, schlug Rincewind vor.
»Indem wir die unverkennbare biothaumische Signatur einer Gruppe von Zauberern anpeilen?«
»Nun, ich dachte daran, auf irgendein schreckliches Ereignis zu warten, und dann könntest du in den Trümmern nachsehen«, sagte Rincewind. »Aber vermutlich würde auch deine Methode funktionieren.«
»Das Omniskop hat sie im 40002730907ten Jahrhundert lokalisiert«, murmelte Ponder und betrachtete die Kugel. »Ich kann kein Bild bekommen. Aber wenn wir einen Weg zur nächsten Bibliothek finden …«
»Ugh!«, sagte der Bibliothekar. Und dann ughte er noch einmal. Er ughte ziemlich lange und iekte zuweilen. Einmal schlug er mit der Faust auf den Tisch. Ein zweites Mal war nicht möglich, da nach dem ersten Mal nicht mehr viel vom Tisch übrig geblieben war.
»Er meint, nur sehr erfahrene Bibliothekare können den B-Raum nutzen«, sagte Rincewind, als der Bibliothekar die Arme verschränkte. »Er war sehr kategorisch und betonte, dass wir auf keinen Fall eine Art magischen Ausflug darin sehen dürfen.«
»Aber es handelt sich um eine Anweisung vom Erzkanzler!«, entgegnete Ponder. »Und es gibt keine andere Möglichkeit, die Rundwelt zu erreichen!«
Daraufhin wirkte der Bibliothekar ein wenig verunsichert. Rincewind wusste, warum. Es war schwer, in der Unsichtbaren Universität ein Orang-Utan zu sein, und der Bibliothekar löste das Problem, indem er Mustrum Ridcully für das dominante Männchen hielt, obgleich der Erzkanzler nur selten auf eine hohe Stelle des Dachs kletterte, um von dort aus bei Morgengrauen klagend über die Stadt zu rufen. Die Folge war, dass es ihm im Gegensatz zu den anderen Zauberern schwer fiel, eine Anweisung des Erzkanzlers zu ignorieren. Für ihn lief es auf eine direkte Man-zeige-die-Reißzähne-und-klopfe-sich-auf-die-Brust-Konfrontation heraus.
Rincewind hatte eine Idee.
»Wir bringen die Kugel in die Bibliothek«, sagte er zu dem Affen. »Es würde bedeuten, dass Ponder Stibbons die Bibliothek nicht verlässt, während du durch den B-Raum reist. Ich meine, selbst wenn du die Rundwelt erreichst: Sie befindet sich im Innern der Kugel, und die befindet sich in der Bibliothek, woraus folgt, dass du eigentlich gar nicht weit gereist bist, ein oder zwei Meter, mehr nicht. Immerhin enthält die Kugel nur in ihrem Innern unendlich viel Platz.«
»Meine Güte, Rincewind, ich bin beeindruckt«, sagte Ponder, während der Bibliothekar verwirrt schien. »Ich habe dich immer für ziemlich dumm gehalten, aber du hast gerade erstaunlich logisches Denken bewiesen. Wenn wir die Kugel auf den Schreibtisch des Bibliothekars stellen, so findet die ganze Reise im Innern der Bibliothek statt, nicht wahr?«
»Genau«, bestätigte Rincewind, der das unerwartete Lob zum Anlass nahm, das »ziemlich dumm« zu überhören.
»Und in der Bibliothek ist alles völlig sicher …«
»Große, dicke Wände. Ein sehr sicherer Ort«, pflichtete Rincewind Ponder bei.
»Wenn man die Sache so sieht, kann uns eigentlich nichts passieren«, meinte Ponder.
»Du bist schon wieder beim ›uns‹.« Rincewind wich zurück.
»Wir suchen die Fakultät und bringen sie zurück!«, rief Ponder. »Wie schwer kann das sein?«
»Es kann verdammt schwer sein! Es gibt Elfen auf der Rundwelt! Du kennst Elfen! Sie sind gefährlich! Wenn du auch nur einen Moment lang nicht aufpasst, kontrollieren sie dein Denken!«
»Sie haben mich einmal durch den Wald gejagt«, sagte Ponder. »Sie sind Furcht erregend. Ich erinnere mich daran, dass ich es in mein Tagebuch geschrieben habe.«
»Du hast in dein Tagebuch geschrieben, dass du Angst hattest?«
»Ja. Wieso fragst du? Schreibst du so etwas nicht auf?«
»Mein Tagebuch ist nicht dick genug. Aber es ergibt doch keinen Sinn! Auf der Rundwelt existiert nichts, das für Elfen interessant wäre! Sie haben gern … Sklaven. Und wir haben nicht beobachten können, dass sich dort irgendetwas mit genug Intelligenz entwickelt hätte, um ein Sklave zu sein.«
»Vielleicht hast du etwas übersehen«, sagte Ponder.
»Nein, ich sage du, und du sagst wir«, erwiderte Rincewind.
Sie sahen beide zur Kugel.
»Es ist wie mit einer Topfpflanze«, meinte Ponder. »Wenn sie Blattläuse hat, so versucht man, sie zu zerdrücken.«
»Ich versuche das nie«, stellte Rincewind fest. »Blattläuse sind zwar klein, aber es gibt immer viele von ihnen.«
»Es war eine Metapher, Rincewind«, sagte Ponder müde.
»Ich meine, angenommen, sie verbünden sich?«
»Rincewind, außer dir gibt es hier niemanden, der etwas über die Rundwelt weiß. Entweder kommst du mit, oder … oder … ich erzähle dem Erzkanzler von den sieben Eimern.«
»Woher weißt du davon?«
»Und ich erkläre ihm, dass all deine Arbeiten leicht von HEX erledigt werden könnten. Nötig sind nur einige wenige Anweisungen, und ich brauche nicht mehr als dreißig Sekunden, um sie zu schreiben. Mal sehen …
# Rincewind
SUB WAIT
WAIT
RETURN
Oder vielleicht:
RUN RINCEWIND«
»Das würdest du nicht tun!«, sagte Rincewind. »Oder?«
»O doch. Also, kommst du mit auf die Reise? Und bring die Truhe mit.«
Vom Innern her gesehen wirkte der B-Raum auf Rincewind wie eine Bibliothek, die von jemandem entworfen worden war, der sich nicht um Zeit, Budget, Materialstärke und Physik kümmern musste. Allerdings gibt es einige Gesetze, die in der Natur des Universums selbst codiert sind, und eins von ihnen lautet: Es gibt nie genug Regalplatz.* [* Forschungszauberer fanden noch andere, darunter »Objekte im Rückspiegel sind näher, als es den Anschein hat«, »Beim Öffnen geht die Garantie verloren« und natürlich »Könnte Nüsse enthalten«.]
Rincewind drehte sich um und blickte zurück. Sie hatten den B-Raum erreicht, indem sie durch etwas gegangen waren, das nach einer massiven Bücherwand aussah. Er wusste, dass es sich um eine massive Wand handelte. Ganz deutlich erinnerte er sich daran, Bücher aus jenem Regel entnommen zu haben. Man musste tatsächlich ein sehr erfahrener Bibliothekar sein, um zu wissen, unter exakt welchen Umständen man hindurchtreten konnte.
Er sah die Bibliothek durch den Spalt, aber das Bild verblasste schnell und verschwand. Anschließend gab es nur noch Bücher. Berge von Büchern. Hügel und Täler aus Büchern. Gefährliche Abgründe aus Büchern. Selbst am blaugrauen Himmel deutete etwas auf Bücher hin. Es gibt nie genug Regalplatz, nirgends.
Ponder hatte eine recht umfangreiche magische Ausrüstung mitgenommen. Rincewind war der erfahrenere Reisende und trug so wenig Gewicht wie möglich. Alles andere befand sich in der Truhe, die sich mit Hilfe von zahlreichen rosaroten und recht menschlich wirkenden Füßen fortbewegte.
»Die Regeln der Rundwelt lassen keine Magie zu«, sagte Ponder, als sie dem Bibliothekar folgten. »Müsste die Truhe nicht aufhören zu existieren?«
»Es wäre einen Versuch wert«, erwiderte Rincewind, der überzeugt war, als Besitzer einer halb intelligenten, mit Füßen ausgestatteten und gelegentlich gemeingefährlichen Truhe nur schwer lebende Freunde finden zu können. »Aber meistens schert sie sich nicht um Regeln. Sie krümmen sich um sie herum. Außerdem ist die Truhe schon einmal auf der Rundwelt gewesen, und zwar für ziemlich lange Zeit. Es kam dort nicht zu Schäden, zumindest nicht bei der Truhe.«
Die Wände aus Büchern veränderten sich, als die Zauberer näher kamen. Jeder Schritt führte zu einem Wandel in der Buchlandschaft, die, wie Ponder wusste, nur eine vom Gehirn geschaffene metaphorische Darstellung war – sie sollte es ihnen erleichtern, mit einer unvorstellbaren Realität fertig zu werden. Die ständig wechselnde Perspektive hätte bei anderen Personen mindestens Kopfschmerzen bewirkt, aber in der Unsichtbaren Universität gab es Zimmer, in denen die Schwerkraft tagsüber hin und her kroch, einen unendlich langen Flur und mehrere Fenster, die nur an der Innenseite der Wand existierten. Wer in der Unsichtbaren Universität lebte, ließ sich kaum mehr überraschen.
Gelegentlich blieb der Bibliothekar stehen und beschnüffelte die Bücher in der Nähe. Schließlich sagte er leise »Ugh« und deutete auf einen bestimmten Bücherstapel. Der Rücken eines alten Ledereinbands wies Kreidezeichen auf.
»Eine Markierung«, sagte Rincewind. »Er war schon einmal hier. Wir sind dem Buch-Raum der Rundwelt nahe.«
»Wie kann er …«, begann Ponder. Und dann: »Oh, ich verstehe. Äh … die Rundwelt existierte im B-Raum, bevor wir sie erschufen? Ich meine, ja, natürlich, ich weiß, aber trotzdem …«
Rincewind griff nach einem Buch. Das bunte Cover bestand aus Papier, ließ das Fehlen von Kühen auf der Ursprungswelt vermuten und trug den Titel: Schlaf gut, mein schöner Falke. Die Worte im Innern des Buches ergaben noch weniger Sinn.
»Vielleicht hätten wir uns die Mühe sparen sollen«, sagte er.
»Ugh«, erwiderte der Bibliothekar, was Rincewind folgendermaßen übersetzte: »Wegen dieser Sache bekomme ich ernste Schwierigkeiten mit den Geheimen Herren der Bibliothek.«
