Spitzer Stift schlägt stumpfes Schwert - Terry Pratchett - E-Book

Spitzer Stift schlägt stumpfes Schwert E-Book

Terry Pratchett

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Beschreibung

Kurzgeschichten des Kultautors Kurzgeschichten des Kultautors Vom Erfinder der Scheibenwelt und dem Großmeister der Phantastik Terry Pratchett stammen diese bisher unveröffentlichten Kurzgeschichten aus den Anfängen seines Schaffens. Ursprünglich für Tageszeitungen verfasst, erscheinen diese nun erstmals gebündelt in Buchform. Vor langer Zeit, als der erste Höhlenmensch das Feuer erfand und Drachen noch existierten, also irgendwann in den 1970er und 1980er Jahren, veröffentlichte Kultautor Sir Terry Pratchett Kurzgeschichten unter Pseudonym. Dank mühevoller Archivarbeit wurden mehr als zwanzig Geschichten wiederentdeckt und liebevoll illustriert in dieser wunderschönen Edition zusammengetragen. Langjährigen Fans zeigt die vielfältige Sammlung Pratchetts Weg in die Scheibenwelt, und auch neue Leser werden in den Geschichten über Höhlenmenschen, Drachen und Gartenzwerge viel zum Lachen finden.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Brandhorst

© Dumanifestin Ltd 2023

Titel der englischen Originalausgabe:

»A Stroke of the Pen«, Doubleday, an imprint of Transworld Publishers. Transworld Publishers is part of the Penguin Random House group of companies, London 2023.

© der deutschsprachigen Ausgabe 2025:

Piper Verlag GmbH, Georgenstraße 4, 80799 München, www.piper.de

Für einen direkten Kontakt und Fragen zum Produkt wenden Sie sich bitte an: [email protected]

Redaktion: Friedel Wahren

Illustrationen: Andrew Davidson

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

Covergestaltung: Nadja Tilke Guter Punkt, München nach einem Entwurf von Micaela Alcaino

Coverillustration: Micaela Alcaino

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Inhalte fremder Webseiten, auf die in diesem Buch (etwa durch Links) hingewiesen wird, macht sich der Verlag nicht zu eigen. Eine Haftung dafür übernimmt der Verlag nicht.

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Widmung

Einführung von Colin Smythe

Wie alles begann …

Der Fossilienstrand

Der echte Wilde Westen

Wie Scrooge das Geisterlicht sah (Ho! Ho! Ho!) und fröhlich nach Humbug zurückkehrte

Gesucht: Ein dicker, lustiger Mann mit rotem Wollhut

Ein Rebhuhn im Briefkasten

Der neue Weihnachtsmann

Die große Blackbury-Pastete

Wie der gute König Wenzeslaus einem armen Mann helfen wollte

Drachensuche

Die Zwerge von zu Hause

Aus dem Maul des Pferds

Blackbury-Wetter

Der Blackbury-Dschungel

Die spukende Dampfwalze

Der Geldbaum

Das Blackbury-Ding

Der Ferienunfall von Herrn Brown

Die Trotzburg-Türme

Die Suche nach den Schlüsseln

Arnold, der coole Schneemann

Die Suche nach »Die Suche nach den Schlüsseln« oder: Manchmal ist es richtig, sich zu irren, von Pat und Jan Harkin

Texthinweise

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Literaturverzeichnis

Widmung

Dieses Buch ist Pat und Jan Harkin gewidmet, die unzählige Stunden im British Newspaper Archive in Boston Spa, Yorkshire, verbrachten, um herauszufinden, wann die einzelnen Episoden der Geschichte Die Suche nach den Schlüsseln tatsächlich veröffentlicht wurden. Da Rob Wilkins und ich anfangs nicht wussten, wann sie erschienen waren, mussten Pat und Jan Tausende von Ausgaben der Western Daily Press durchsuchen und fanden dabei Geschichten, die Terry unter dem Pseudonym Patrick Kearns geschrieben hatte und die hier zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Und Chris Lawrence, der im Alter von fünfzehn Jahren von Terrys Geschichte Die Suche nach den Schlüsseln so beeindruckt war, dass er die Seiten aus der Western Daily Press herausriss, in der sie erschienen war, und sie vierzig Jahre lang aufbewahrte, bevor er die Spalten ausschnitt und das Datum entfernte … mit glücklichen Folgen.

Andernfalls hätten sich die Harkins nicht auf die Suche begeben, bei der sie alle anderen Geschichten in diesem Buch entdeckten.

Wir stehen tief in ihrer Schuld.

Colin Smythe

Einführung von Colin Smythe

Es war mir immer ein Rätsel, weshalb Terrys Inspiration zum Schreiben seiner Kurzgeschichten im Stil der Bucks Free Press in den 1970er-Jahren teilweise versiegte.

Tatsächlich war dies nicht der Fall. Ich hatte nur nicht genau genug hingesehen. Zu der Zeit, als er Die dunkle Seite der Sonne, Strata und seinen ersten Scheibenwelt-Roman Die Farben der Magie schrieb, verfasste er auch Kurzgeschichten für die Western Daily Press unter Pseudonym und später noch einmal unter seinem eigenen Namen.

Also heißen wir Patrick Kearns im Pratchett-Kanon willkommen. Wir fanden, dass Patrick dem Namen Pratchett nahe genug kam, und Kearns war der Mädchenname seiner Mutter. Und wer sonst hätte Gritshire, Blackbury, Even Moor und das Ministerium für Ärgernisse oder ein akademisches Institut in seinen Geschichten erwähnt, dessen Name – das Institut für angewandten Unsinn in Blackbury – verdächtig nach etwas aus der zukünftigen Unsichtbaren Universität der Scheibenwelt klingt? Bei Zeitungsmitarbeitern gab es damals die ehrenwerte Tradition, nicht unter dem gleichen Namen in zwei verschiedenen Zeitungen zu schreiben. Ich nehme an, dass er deshalb ein Pseudonym verwendete, da er zu dieser Zeit Mitarbeiter des Bath and West Evening Chronicle war. Wie dem auch sei, jene Storys haben das besondere Flair der Geschichten von Terry Pratchett.

Ohne Chris Lawrence, der die entsprechenden Seiten der Western Daily Press herausgerissen hatte, hätten wir von Terrys Geschichte Die Suche nach den Schlüsseln aus dem Jahr 1984 bestimmt nicht vor Januar 2022 erfahren. Da Chris die Veröffentlichungsdaten nicht aufbewahrt hatte, begannen die Superfans Pat und Jan Harkin die Ausgaben aus den 70er- und 80er-Jahren im British Newspaper Archive in Boston Spa, Yorkshire, durchzugehen, bis sie die Story fanden. Und dabei entdeckten sie auch die Kearns-Geschichten.

In all den Jahren, in denen ich Terrys Verleger und späterer Agent war, half er mir nie, seine kürzeren Texte zu finden. Aber wie er in seiner Widmung an mich in Dralle Drachen schrieb, gab es Geschichten, die er »sorgfältig versteckt und ganz bewusst vergessen« hatte. Ich wusste nicht, wie genau diese Worte zutrafen. Vielleicht hatte er sie wirklich vergessen. Auf jeden Fall hatten weder Rob Wilkins noch ich jemals von ihnen erfahren.

Es ist uns eine große Freude, dass wir Terrys verschollene Geschichten nun endlich mit Ihnen teilen können.

Colin Smythe

Wie alles begann …

Gleich von Anfang an waren einige der älteren Höhlenmenschen strikt gegen den Vorschlag.

»Das ist unnatürlich«, sagten sie. »Und überhaupt, wo wird es enden?«

Aber die jüngeren Höhlenmenschen sagten: »Das ist Fortschritt, Großvater. Gib uns noch ein Holzscheit!«

Das Ding hieß »Feuer« und wurde von Og, dem Erfinder, in die Höhle zurückgebracht. Gefunden hatte er es beim Fressen eines Baums, und man musste es in einem kleinen Käfig aus Steinen aufbewahren. Es hielt einen »warm«, erklärte er, womit er das Gegenteil davon meinte, was man fühlte, wenn der Regen nachts in die Höhle tropfte.

Das Stammesoberhaupt namens Hal war verwirrt und beunruhigt.

»Bist du sicher, dass diesmal nichts schiefgeht?«, fragte er. »Es war schon schlimm genug, als ich von einem eurer Wurfstöcke getroffen wurde.«

»Speere«, korrigierte Og. »Diese hier ist narrensicher. Wenn man es nicht mit Holz füttert, stirbt es.«

»Na so was«, bemerkte Hal.

In jener Nacht saßen die Höhlenmenschen um das neue Feuer und aßen kaltes Mammut, während draußen in der dunklen Nacht riesige Kreaturen grunzten und niesten. Og sprach ausführlich über die erstaunlichen Möglichkeiten seiner Erfindung. Hal kaute nur an seinem Mammut und beobachtete die Flammen.

Das Feuer biss ihn.

»Autsch!«

»Du solltest es nicht anfassen«, warnte Og hastig. »Es ist bissig.«

»Ich gehe ins Bett«, erwiderte Hal mürrisch, schlurfte davon und leckte seinen verbrannten Finger.

Eine der Frauen erhielt die Aufgabe, sich um das Feuer zu kümmern und es mit Holz zu füttern, während die Männer auf die Jagd gingen. Schon bald gehörte dies zur täglichen Routine in der Höhle.

Eines Tages ließ Og aus Versehen ein Stück Wildschwein ins Feuer fallen und erfand das Braten. Was zu einer ganz neuen Kulinarik führte, der selbst Hal nicht widersprechen konnte. Man entdeckte siebenundzwanzig Arten, Mammut zuzubereiten, und das war erst der Anfang.

Es gab Dodo-Eier-Omeletts mit Schlangensoße. Es gab große Platten von gebackenem Wildschwein mit Honigsoße. Und natürlich gab es Fliegenpilzpastete und Tollkirschsuppe, was bedauerliche Folgen hatte.

»Man kann kein Omelett zubereiten, ohne Eier zu zerbrechen«, sagte Og fröhlich. »Wir machen alle Fehler.«

Danach kannte er kein Halten mehr. Er zeichnete mit Holzkohle auf die Höhlenwände und erfand die Kunst. Es gelang ihm, einen Wolfswelpen zu zähmen, und er erfand den Hund. Aber der Ärger fing erst später an.

Og erfand … Nun, er ließ zufällig einige Trauben in einer Schale mit Wasser liegen, und als er sich daran erinnerte, waren sie vergoren. Der Wein schmeckte wunderbar. Als die anderen von der Jagd nach Hause kamen, probierten sie den Wein ebenfalls. Bis auf Hal. Er weilte immer noch unten in der Ebene und jagte eine besonders schnelle Giraffe.

Er blieb stehen, als er Rauch roch. Er trat aus der Höhle.

»!«, dachte er. »Das Feuer ist ausgebrochen!«

Hal ließ seine Giraffe fallen und lief los. Rings um die Höhle standen das Gras und die Bäume in Flammen, und er stöhnte und fluchte, als er durch die heiße Asche eilte. Drinnen schlief der Stamm friedlich die Auswirkungen von Ogs neuester Erfindung aus.

»Wacht auf!«, rief Hal. »Ihr habt das Feuer entweichen lassen!«

Und es wuchs schnell. Im Umkreis von mehreren Kilometern züngelten Flammen durchs Gras. Die Tiere flohen. Vögel stoben krächzend aus dem Rauch.

Vom Qualm halb erblindet und in der heißen Luft halb erstickt, führte Hal den Stamm zum Fluss hinunter. Dort ließen sich die Höhlenmenschen ins Schilf fallen und brachen in Tränen aus.

Hal kochte vor Wut, als er sich an den unglücklichen Og wandte.

»Es reicht«, knurrte er. »Das lasse ich mir nicht länger gefallen. Ich hab genug. Was auch immer du tust, es bringt Scherereien. Ich bin ein geduldiger Höhlenmann, aber dieses Mal bist du zu weit gegangen. Ich verstoße dich aus dem Stamm.«

Ohne einen Blick zurück machte sich Og durchs Schilf davon.

»Ist das klug?«, fragte Ug, einer der ältesten Höhlenmenschen. »Ganz auf sich allein gestellt kann er nicht überleben.«

Hal schnaubte.

»In welche Lage hat er uns denn gebracht? Weit und breit gibt es kein Wild mehr. Flussabwärts scheint sich das Feuer nicht ganz so weit ausgebreitet zu haben. Wir müssen die Höhle aufgeben. Wenn wir nicht weiterziehen, verhungern wir.«

Den ganzen nächsten Tag stapften sie durch den Schlamm. Hier und dort brannte das Feuer noch, und wo es keine Flammen gab, blieb nur heiße graue Asche.

Am Abend regnete es. Der Stamm schlief unruhig in den Ästen eines verkohlten Baums, während unter ihnen knurrende Säbelzahntiger durch die Nacht schlichen.

Der Regen hielt den ganzen nächsten Tag an. Den größten Teil davon verbrachte der Stamm zusammengekauert in einer kleinen Höhle in den Felsen.

Nach einer Weile sagte jemand: »Das Feuer war warm.«

Und ein anderer fügte hinzu: »Gebratenes Zebra schmeckte besonders lecker.«

Als die Sonne in einer schwarzen Wolkendecke versank, meinte sogar Ug wehmütig: »Auf seine Art war er kein schlechter Kerl.«

Hal zitterte. »Er hätte wahrscheinlich die ganze Welt in Brand gesetzt, wenn wir ihn gelassen hätten«, brummte er.

In der Ferne heulte ein Wolf. Ein zweiter Wolf antwortete. Er war viel näher.

Plötzlich sah Hal die schwarze Silhouette vor der Höhle, und ihm standen die Haare zu Berge.

»Frauen und Kinder in die Mitte!«, schrie er und ergriff einen Stein.

Die Wölfe kamen näher. Die Höhlenmenschen schlugen mit Stöcken auf sie ein und warfen Steine, aber die Wölfe waren wegen des Feuers verzweifelt vor Hunger. Und es schienen immer mehr zu werden.

Dann sprang Og mit einem brennenden Ast in die Höhle. Er warf ihn auf die Wölfe und begann, mit einem seltsam geformten Stück Holz zu hantieren – einem Bogen. Pfeile regneten auf das kläffende Rudel herab.

Er sagte kein Wort. Als die letzten Wölfe geflohen waren, bedeutete er dem Stamm mit einem stummen Wink, ihm zu folgen, und führte sie zu einer kleinen Lichtung, auf der mehrere erlegte Zebras über einem Feuer brutzelten. Unter einigen Bäumen hatte er sich eine seltsame Art Höhle aus Ästen und Farnkraut gebaut. Sie wirkte warm und einladend.

Hal konnte sich nicht weigern, Og wieder in den Stamm aufzunehmen. Immerhin aßen die meisten Stammesangehörigen bereits leckeres Zebrafleisch.

»Ich bin euch gefolgt. Ich dachte, ihr könntet irgendwann meine Hilfe brauchen.« Mehr sagte Og nicht.

Bald entstand ein kleines Dorf.

Og entdeckte, dass aus Samen Pflanzen wuchsen, und erfand den Ackerbau. Er erfand die Tierfalle, mit der man viel erfolgreicher Fleisch fangen konnte als mit der Jagd. Dann erfand er Flügel und beschloss leider, sie mit einem Sprung von einer Klippe auszuprobieren.

Einige aufstrebende junge Höhlenmenschen nahmen sich ein Beispiel an Ogs Ideenreichtum und erfanden die Zivilisation – nach einer Weile.

Das Dorf wuchs. Felder entstanden in einem großen Teil der offenen Ebene. Schon bald wirkten Jäger wie Hal ein wenig altmodisch. So fing alles an.

Hal saß nachdenklich vor seiner Hütte und fühlte ein gewisses Unbehagen.

»Wo mag das alles enden, frage ich mich.«

Der Fossilienstrand

 

Haben Sie gewusst, dass Sie das Meer hören können, wenn Sie eine Muschel ans Ohr halten?

Das Geräusch bleibt in den komplizierten Kurven der Muschel stecken und hallt ewig nach. Aber was passiert, wenn es sich um eine versteinerte Muschel handelt? Ich verrate es Ihnen.

In dem kleinen Küstenort Shingle Regis in Gritshire gab es zufälligerweise ein kleines Museum am Ende des Piers. Es war eigentlich für die Touristen gedacht und enthielt Ausstellungsstücke wie echte Meerjungfrauen-Ohrringe, berühmte Rettungsringe, voll getakelte Flaschenschiffe[1] und andere seltene und kuriose Gegenstände, die vom Meer angespült worden waren. Ein junger Mann namens Horace Breezeforth leitete das Museum. Eines Tages zählte er im Museum die Blasen auf einem ungewöhnlichen Stück Seetang, als eine junge Frau hereinkam und ein großes Fossil auf seinen Schreibtisch legte.

»Na so was«, sagte er. »Das ist wahrhaftig ein Exemplar der ausgestorbenen Rotundus-Muschel. So eine könnten wir hier gut brauchen.«

Die Frau stellte sich als Jane Throckmorton vor, Geologiestudentin an der Universität von Blackbury.

»Ich habe sie bei den Klippen an der Küste gefunden«, erklärte sie. »Es ist faszinierend! Man hört das Meer, wenn man die Muschel ans Ohr hält.«

Und Horace hörte es tatsächlich. Aber es war nicht das Meer von heute – es klang so, wie das Meer vor Millionen von Jahren geklungen haben musste. Es hatte etwas sehr Seltsames an sich. Er glaubte, reptilienartiges Kreischen und Grunzen zu vernehmen, Laute, wie sie vielleicht Dinosaurier beim Schwimmen von sich gegeben hatten. Verblüfft schnappte er nach Luft.

»Das ist noch nicht alles«, sagte Jane. »Hören Sie weiter zu!«

Und Horace hörte jemanden singen. Es war eine fröhliche Stimme, nur knapp über dem Rauschen der Brandung zu hören. Sie klang vertraut.

Die Stimme sang: »Ooooh, iiiich bin so gern am Meer, oh, ich bin so gern am Meer.«

»Das ist unmöglich!«, rief Horace und ließ die Muschel um ein Haar fallen. »Damals gab es noch keine Menschen. Können Sie mir zeigen, wo genau Sie die Muschel gefunden haben?«

Eine halbe Stunde später kletterten Jane und Horace in eine ruhige Felsenbucht nördlich der Stadt, und Horace betrachtete das Loch, aus dem Jane die Muschel mit ihrem speziellen Geologiehammer herausgeschlagen hatte. In den Felsen befanden sich weitere Fossilien.

»Ich gehe der Sache auf den Grund«, murmelte er, nahm einen Ersatzhammer in die Hand und trat zu den Felsen.

Nach etwa zwanzig Minuten Arbeit legte Horace etwas frei, das nach den Knochen eines sehr seltsamen Geschöpfs aussah. Kurze Zeit später erkannte er, was es war: ein versteinerter Liegestuhl.

Jane war damit beschäftigt, die Überreste einer kleinen Eidechse auszugraben. Plötzlich ließ sie ihren Hammer fallen.

»Oh, solche Fossilien sind hier in der Gegend recht häufig«, bemerkte Horace leichthin.

»Allerdings hat dieses Fundstück eine Zeitung im Mund«, erwiderte Jane und hielt sie hoch.

Natürlich war die Zeitung ziemlich flach und hatte sich in eine Art Schiefertafel verwandelt. Aber die Schrift ließ sich noch entziffern.

Horace las laut: »The Blackbury Chronicle and West Gritshire Times. Ich kann das Datum nicht genau erkennen. Oh, ja, ich … oh. Meine Güte! Es ist die Ausgabe von heute.«

Schon bald war der Strand überfüllt. Polizisten hatten Absperrungen bei den Felsen aufgestellt, und dahinter untersuchten Horace, Jane sowie einige Experten von der Blackbury-Universität die Fossilien.

Sie blieben skeptisch, bis einer von ihnen zufällig einen Teil eines Steins abschlug und … ein versteinertes Radio fand. Es war im Lauf der Jahrmillionen durch die tonnenschweren Gesteinsbrocken, die darauf lagen, halb zerdrückt worden, aber es handelte sich doch unverkennbar um ein Radio.

»Nun«, meinte Horace. »Entweder waren die Dinosaurier viel intelligenter, als wir dachten, oder es ist etwas sehr Seltsames passiert.«

»Wissen Sie, was ich denke?«, entgegnete Jane. »Ich denke, hier gibt es jemanden mit einer Zeitmaschine, der seine Urlaubstage in der Vergangenheit verbringt und ziemlich unvorsichtig ist.«

Sie überließen es den Professoren, die seltsamen Fossilien zu untersuchen, und wanderten den Klippenpfad hinauf zum Heideland. Es war sehr heiß, aber vom Meer wehte eine angenehm kühle Brise. Nur ein einziges Haus zeigte sich weit und breit, eine alte Fischerhütte, halb versteckt hinter einigen Bäumen, die so vom Wind gebogen waren, dass sie fast flach wirkten. Die Hütte verfügte über einen kleinen Garten mit Fuchsien und Kohlköpfen, und daneben erstreckte sich eine Koppel, in der eine angebundene Ziege einen Kreis ins Gras gefressen hatte. Es gab auch ein paar Bienenstöcke.

»Wer wohnt dort?«, fragte Jane.

»Ein alter Bursche namens Doktor Golightly«, sagte Horace. »Er ist der beste Lepi…Lepito…, der beste Schmetterlingssammler der Welt.«

Jane schnitt eine Grimasse. »Das gefällt mir nicht. Die armen Biester tun mir immer leid.«

»Ich habe gehört, er hält sie in einem großen Käfig am Leben und züchtet sie«, erwiderte Horace. Im Vorbeigehen entdeckten sie mehrere riesige Maschendrahtkäfige.

Plötzlich flog ein Schmetterling über sie hinweg. Er war blau und grün, mit prächtigen gelben Flecken.

Und er war etwas größer als ein Adler.

Einen Moment später kam ein dicker kleiner Mann durchs Gebüsch gelaufen und schwang ein riesiges Schmetterlingsnetz. Er hatte einen langen weißen Bart, trug einen großen Sonnenhut und eine verblichene kurze Hose.

»Haben Sie einen Golightlius giganti vorbeifliegen sehen?«, keuchte er.

»Er ist aufs Meer hinausgeflogen«, antwortete Horace. »Falls Sie den großen Schmetterling meinen.«

»Den nennen Sie groß?«, entgegnete der Alte. »Meine Güte, das ist doch nur ein Baby! Äh, entschuldigen Sie, ich kehre jetzt besser zurück.« Und er verschwand wieder zwischen den Büschen.

Es folgten einige stille Sekunden.

»Das war Doktor Golightly«, sagte Horace schließlich.

»Aber solche Schmetterlinge gibt es nicht!«, entfuhr es Jane.

»Früher schon«, erwiderte Horace nachdenklich. »Vor Millionen von Jahren wurden manche Insekten ziemlich groß.«

Sie dachten beide an die seltsamen Fossilien und die Muschel, die Ich bin so gern am Meer sang.

Fünf Minuten später klopften sie an die Tür des kleinen Fischerhauses, doch niemand öffnete. In den Käfigen weiter hinten sah Horace mehrere riesige Schmetterlinge. Einer oder zwei waren so groß, dass sie Sitzstangen hatten, wie Vögel.

Am nächsten Tag kehrten sie zurück. Unten am Strand herrschte noch immer emsige Betriebsamkeit. Einer der Professoren hatte etwas gefunden, das wie ein versteinertes Fischernetz aussah.

Horace klopfte erneut an die Tür des kleinen Hauses und stellte fest, dass sie offen stand. Nach kurzem Zögern traten sie ein und kamen sich dabei ein wenig wie Einbrecher vor. Eine alte Uhr tickte langsam in der Ecke, und der Raum war mit ziemlich schäbigen, aber bequem aussehenden Möbeln ausgestattet.

Ein seltsames Summen lag in der Luft. Es schien aus einem kleinen Schrank unter der Treppe zu kommen. Horace öffnete ihn.

Und blickte auf einen Strand hinaus. Hier und da wuchsen große Farne, und in der Ferne ragten Klippen auf. Die Sonne strahlte groß und gelb am Himmel.

Rasch schloss Horace die Tür und starrte auf den gewöhnlich aussehenden Schrank. Als er die Tür wieder öffnete, erkannte er erneut den Strand.

»Also gut«, sagte er tapfer und trat vor. Nach kurzem Zögern folgte ihm Jane, und sie standen nebeneinander im Sand. Hinter ihnen, knapp über dem Boden schwebend, gewährte ein Fenster Einblick ins Innere des Fischerhauses.

»Ich habe das Gefühl, dass wir gerade Millionen von Jahren in die Vergangenheit gereist sind«, sagte Horace. Er deutete nach oben. Mehrere große Schmetterlinge flogen über die Farne hinweg.

»Ich frage mich, wie er das macht«, sagte Jane. »Ich meine, in dem kleinen Haus gibt es nicht einmal Strom.«

Horace rollte einen großen Felsbrocken über den Sand und schob ihn in die Öffnung.

»Ich hoffe, das reicht«, sagte er. »Ich möchte sicher sein, dass wir zurückkehren können. Mir liegt nichts daran, hier zu versteinern.«

Sie wanderten den Strand entlang. Gelegentlich glitten riesige Echsenwesen mit ledernen Flügeln über sie hinweg, und einmal sahen sie ein Wesen, das Jane für einen Brontosaurus hielt. Er fraß Farne, jeweils ein heuhaufengroßes Büschel auf einmal, blieb stehen und blickte auf sie herab. Er war etwa so groß wie ein Haus.

»Sie sind völlig harmlos«, sagte Jane und strich ihm über die Schnauze. »Es sind Vegetarier. Wussten Sie, dass sie wegen ihrer enormen Größe zwei Tage nichts davon merken, wenn ihnen jemand auf den Fuß tritt?«

»Äh, nein, das wusste ich nicht«, erwiderte Horace.

Sie brachen durch ein Farndickicht und fielen fast über Dr. Golightly. Er saß in einem Liegestuhl und schüttelte sein Kofferradio.

»Das verdammte Ding funktioniert nicht«, klagte er. »Empfängt nur jede Menge Nichts.«

»Ich glaube kaum, dass es in dieser Zeit Radiosender gibt«, wandte Horace ein. »Es sei denn, jemand hat einen Brontosaurus-Funk geschaffen.«

»Oh, hallo!«, rief Golightly und sah sie an. »Seltsam. Sind wir uns nicht neulich schon einmal begegnet? Was machen Sie denn hier im Jura? Möchten Sie eine Tasse Tee?«

Dr. Golightly kochte gerade Tee auf einem Campingkocher. Sie waren alle sehr durstig, und während sie im Farndickicht saßen, erzählte Horace vom seltsamen Schrank unter der Treppe.

»Es passiert jeden zweiten Dienstag«, erklärte Golightly. »Wenn ich nur wüsste, warum das so ist.«

»Kommen Sie oft hierher?«, fragte Jane.