Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 555 - Liebesroman - Ina Ritter - E-Book

Die Welt der Hedwig Courths-Mahler 555 - Liebesroman E-Book

Ina Ritter

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Beschreibung

Ohne Anmeldung stürzt die Hofdame Simone von Lützenkirchen in das Arbeitszimmer von Fürst Eckehart von Sodenhagen. Dann berichtet sie stammelnd von den Gerüchten, die zu ihr durchgedrungen sind. "Man hat Fürstin Tatjana und Prinz Nikolaus zusammen gesehen! Die beiden waren sehr vertraut miteinander", fügt sie hinzu und läuft schnell hinaus. Der Fürst ist erschüttert. In diesem Moment hasst er seinen Bruder, und er verachtet seine Gemahlin. Längst hat er gewusst, dass die beiden sich nicht gleichgültig sind und er Tatjana an seinen Bruder verloren hat. Ein Wunder ist es nicht! Nikolaus ist viel witziger und viel aufgeschlossener als er. Eckehart versucht sich damit abzufinden, aber es ist so schwer, denn sein Herz brennt noch immer in glühender Liebe für Tatjana, dieses zauberhafte Geschöpf ...

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Seitenzahl: 140

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Inhalt

Cover

Die Tage ungetrübten Glücks

Vorschau

Impressum

Die Tage ungetrübten Glücks

Der Augenblick des Abschieds kam viel zu schnell

Ohne Anmeldung stürzt die Hofdame Simone von Lützenkirchen in das Arbeitszimmer von Fürst Eckehart von Sodenhagen. Dann berichtet sie stammelnd von den Gerüchten, die zu ihr durchgedrungen sind.

»Man hat Fürstin Tatjana und Prinz Nikolaus zusammen gesehen! Die beiden waren sehr vertraut miteinander«, fügt sie hinzu und läuft schnell hinaus.

Der Fürst ist erschüttert. In diesem Moment hasst er seinen Bruder, und er verachtet seine Gemahlin. Längst hat er gewusst, dass die beiden sich nicht gleichgültig sind und er Tatjana an seinen Bruder verloren hat. Ein Wunder ist es nicht! Nikolaus ist viel witziger und viel aufgeschlossener als er.

Eckehart versucht sich damit abzufinden, aber es ist so schwer, denn sein Herz brennt noch immer in glühender Liebe für Tatjana, dieses zauberhafte Geschöpf ...

Tatjana von Willenberg zügelte ihr Pferd, als sie sah, dass die Fensterflügel der Villa zurückgeschlagen waren.

Der Besitzer des pompösen Hauses war also wieder einmal im Lande. Eine dichte, hohe Hecke umgab das Grundstück und verwehrte neugierigen Augen den Einblick. Der Mann, dem dieser herrliche Besitz gehörte, galt in der ganzen Umgebung als Sonderling.

»Willst du wohl ruhig sein!« Die junge Dame tätschelte den schlanken Hals ihres Pferdes, ohne den Blick von der Villa zu lassen. Vom Sattel aus konnte sie nämlich über die Hecke schauen, und obwohl sich Neugierde für eine Dame von Stand nicht ziemte, wollte sie den sagenumwitterten Besitzer des Hauses zu gern einmal mit eigenen Augen sehen.

Jemand öffnete ein Fenster im ersten Stock, und Tatjana stieß einen enttäuschten Seufzer aus. Ein Mann in unauffälliger Livree sah hinaus und streifte sie mit einem flüchtigen Blick.

Der Besitzer des Hauses sollte alt sein, erzählte man sich. Andere wussten, dass er im Rollstuhl fahren musste. Wieder andere tuschelten von entstellenden Narben im Gesicht.

Tatjana beschloss, jetzt oft an dieser Hecke vorbeizureiten, da sein Grundstück an den Besitz ihrer Eltern grenzte, und man hatte ein Recht zu wissen, wer neben einem wohnte.

Auf jeden Fall musste der Mensch ein richtiger Eigenbrötler sein, denn er hatte nicht daran gedacht, nach dem Kauf der Villa seine Karten in den Häusern der Umgebung abzugeben, wie es sich gehörte.

Man kannte nur seinen Diener, und aus dem war nichts herauszubekommen. Er kaufte im Dorf die notwendigen Lebensmittel ein, aber ansonsten hielt er sich völlig zurück.

Tatjana hatte die Ecke des Grundstückes fast erreicht, als sie ihr Pferd jäh zügelte. Sie sah einen Mann auf die Terrasse treten. Das ist er!, schoss es ihr durch den Kopf, und sofort darauf kamen ihr Zweifel. Es wird sein Sohn sein, dachte sie, denn der Mann war weder alt, noch hatte er Narben, noch benutzte er einen Rollstuhl.

Sein dunkelbraunes Haar umrahmte ein gut geschnittenes Gesicht. Wie ein Sonderling sah er auf diese Entfernung nicht aus. Wie alt mochte er wohl sein? Tatjana reckte sich noch weiter im Sattel hoch, um sich ja nichts entgehen zu lassen.

Dabei geschah absolut nichts Aufregendes. Der Mann schlenderte zu einem Gartentisch, an dem nur ein Korbstuhl stand. Dort nahm er Platz.

Der Diener kam aus dem Haus, ein Tablett mit dem Frühstück in der Hand.

Irgendetwas erschreckte Tatjanas Pferd, es machte einen jähen Satz zur Seite, und Tatjana, die nicht darauf vorbereitet gewesen war, stieß einen Schrei aus, bevor sie aus dem Sattel fiel.

Zum Glück hatte sie sich nichts gebrochen, aber die Glieder taten ihr ganz schön weh.

Sie saß kläglich auf der Weide und betastete vorsichtig ihre Beine, als der Mann, dem ihr Interesse gegolten hatte, plötzlich neben ihr auftauchte. Es gab eine kleine Gartentür in der Hecke, die aber, wie Tatjana wusste, stets verschlossen war.

Ihr ovales Gesicht überzog sich mit einer dunklen Röte der Verlegenheit, als der Fremde sich knapp vor ihr verneigte und sich dann nach ihrem Befinden erkundigte.

»Mir tut alles weh«, erklärte Tatjana. »Es war meine Schuld. Ich war neugierig.« Es fiel ihr merkwürdigerweise leicht, dieses Geständnis angesichts der sanften braunen Augen zu machen. Der fremde Herr sah nämlich aus wie jemand, der Verständnis für menschliche Schwächen aufbrachte.

Jetzt lächelte er sogar, und Tatjana fand, dass er durch dieses Lächeln ungemein gewann.

»Darf ich Ihnen behilflich sein, gnädiges Fräulein?« Der Herr reichte ihr die Hand, und Tatjana nahm seine Hilfe gern an, um wieder auf die Beine zu kommen.

Aber mit einem Wehlaut knickste sie ein.

»Es geht nicht«, murmelte sie kläglich. »So etwas Dummes! Das kommt davon, wenn man neugierig ist.«

»Ich werde den Diener holen. Gemeinsam werden wir es wohl schaffen, Sie ins Haus zu bringen. Franz kann dann Ihre Eltern benachrichtigen. Es tut mir sehr leid, dass Sie sich verletzt haben.«

»Mir auch«, versicherte Tatjana lächelnd.

Sie freute sich, dass sie der erste Mensch in der Umgebung sein würde, der in die Villa kam. Ihre Freundinnen würden staunen, wenn sie ihnen von diesem Abenteuer erzählte.

»Vielleicht geht es auch so, wenn ich mich auf Ihren Arm stützen darf, mein Herr«, schlug sie vor.

Zum zweiten Mal half er ihr auf die Beine, und Tatjana biss die Zähne zusammen, als sie, schwer auf ihn gestützt, zu der kleinen Tür in der Hecke humpelte.

»Bitte sehr.« Der Herr drückte sie sanft in einen Korbstuhl. »Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Vielleicht ein Glas Limonade?«

»Wenn es Ihnen nicht zu viel Mühe macht, Herr ...«

Jetzt musste er doch sagen, wie er hieß. Es sei denn, er war ein Flegel. Aber wie ein Flegel sah er nicht aus. Im Gegenteil, seine Art, sich zu geben, verriet eine gute Erziehung.

»Nennen Sie mich Hagen«, schlug er vor. »Eckehard von Hagen.« Er verneigte sich andeutungsweise, während Tatjana rot wurde.

»Vielen Dank, Herr von Hagen. Wissen Sie, in der Gegend spricht man viel über Sie. Sie haben dieses schöne Haus gekauft und sind doch nur selten hier.«

»Viel zu selten, gnädiges Fräulein, leider.« Herr von Hagen zuckte die Achseln. »Meine Geschäfte lassen mir nicht viel Zeit zur Muße. Wenn Sie mich jetzt gütigst entschuldigen wollen, werde ich die Limonade bestellen.«

»Vielen Dank. Es ist mir aber nicht recht, dass Sie meinetwegen solche Mühe haben. Sicherlich störe ich Sie bei einer wichtigen Arbeit, nicht wahr?«

»Ich glaube kaum, dass Sie jemals einen Mann stören können«, erwiderte Herr von Hagen galant. Dann ließ er sie einen Moment allein.

Tatjana fragte sich, was Herr von Hagen wohl beruflich machte. Wie ein Geschäftsmann sah er eigentlich nicht aus.

»Hoffentlich habe ich Sie nicht zu lange warten lassen, gnädiges Fräulein«, sagte er, als er zurückkam.

»Aber nein, hier kann man gut sitzen! Aber es ist Ihr Sessel, Herr von Hagen.«

»Franz bringt einen Stuhl für mich. Gestatten Sie, dass ich rauche?«

»Bitte sehr. Ich mag es gern, wenn Männer rauchen. Mein Vater raucht Brasilzigarren. Das ganze Haus riecht danach.«

»Ich bevorzuge Sumatrazigarren. Es ist eine reine Geschmacksfrage. Nach dem Frühstück und vor der Arbeit schmeckt mir eine Zigarre besonders gut.«

»Sie arbeiten hier?«

»Ja«, erwiderte der junge Mann. »Da kommt Franz mit der Limonade. Hoffentlich ist sie kühl genug.«

Der Diener stellte das Glas vor sie auf den Tisch, ohne sie auch nur anzuschauen. Er war gut erzogen und wusste, was sich gehörte.

»Bleiben Sie diesmal länger hier?«, wollte Tatjana wissen. »Sie sind gestern erst gekommen, nicht wahr?«

»Gestern Abend. Wie lange ich bleiben kann, weiß ich noch nicht. Die Entscheidung darüber liegt leider nicht in meiner Hand. Wenn es nach mir ginge ...« Er brach ab. »Franz könnte jetzt zu Ihren Eltern gehen und sie benachrichtigen. Man wird Sie abholen, nehme ich an.«

»Wahrscheinlich. Ehrlich gesagt, Herr von Hagen, lege ich wenig Wert darauf, mich in einen Sattel zu setzen. Wenn Ihr Diener tatsächlich Zeit hat? Es sind drei Kilometer zu gehen.«

»Franz wird sich gleich auf den Weg machen. Bitte, beschreiben Sie ihm, wie er gehen muss.«

Er hat es eilig, mich wieder loszuwerden, dachte Tatjana bedauernd. Sie sagte ihren Namen und beschrieb den Weg zu ihrem Elternhaus.

Ein Geheimnis umgab diesen Mann. Tatjana von Willenberg würde keine Ruhe geben, solange sie dieses Geheimnis nicht entschleiert hatte.

♥♥♥

»Haben Sie das Haus innen renovieren lassen, bevor Sie einzogen?«, fragte Tatjana etwas später. Sie nippte an ihrer Limonade und schaute über den Rand des Glases hinweg neugierig auf den interessanten Mann.

Er hatte ein ungemein ausdrucksvolles Gesicht. Sein Mund wirkte sensibel.

Ein bisschen sah er wie ein Künstler aus. Ob er wohl Bücher schrieb oder Bilder malte?

»Ich habe einiges renovieren lassen«, beantwortete Eckehard von Hagen ihre Frage. »Wenn Sie es genau wissen wollen, gnädiges Fräulein, nur zwei Räume. Die übrigen Zimmer stehen leer. Ich brauche sie nicht.«

»Sie lassen das ganze schöne Haus leer stehen?«, fragte Tatjana.

»Wenn Sie wollen und können, dann führe ich Sie gern ins Haus.« Der junge Mann schien Freude an ihrer Gegenwart gefunden zu haben.

»Sehr gern!« Tatjana stand auf und hielt sich am Tisch fest. »Wenn Sie mir wieder freundlicherweise Ihren Arm bieten würden?«

»Mit dem allergrößten Vergnügen, gnädiges Fräulein. Reiten Sie oft hier vorbei?«

»Ja. Ich reite gern, und sonst gibt es hier nicht viel zu sehen.« Tatjana lächelte. »Es ist ein Vorrecht der Frauen, neugierig sein zu dürfen. Ich hatte Sie mir ganz anders vorgestellt.«

Wieder musste sie sich beim Gehen schwer auf ihn stützen, und dabei stellte sie fest, dass er trotz seiner schlanken Gestalt sehr kräftig war. Sie spürte die Muskeln unter dem Stoff seines Anzugs.

»Bücher, nur Bücher!« Wie angewurzelt blieb Tatjana auf der Schwelle des Zimmers stehen, in das er sie hineinführte. »Haben Sie die alle gelesen?«

»Nein, nicht alle.« Der Blick des Mannes glitt liebevoll über die Buchrücken.

»Sie schreiben selbst!« Tatjana hatte seinen Namen auf einem der Buchrücken gelesen. »Was schreiben Sie?«

»Ich schreibe über Bücher. Es war immer mein Wunsch, Wissenschaftler zu werden. Aber es ist nicht dazu gekommen. Als Universitätsprofessor zum Beispiel wäre ich glücklich geworden. So ist die Wissenschaft nur mein Steckenpferd geblieben.«

»Und hauptberuflich?«

»... mache ich etwas anderes, gnädiges Fräulein«, sagte er ruhig, aber in einem Ton, der weitere Fragen verbot.

Das zweite Zimmer war mit fast spartanischer Einfachheit eingerichtet. Es enthielt ein Feldbett, einen Tisch mit ein paar Stühlen, aber keine Sessel und Teppiche.

Was für ein Gegensatz zur Bibliothek! Dort lagen ein paar kostbare Perserteppiche, um einen runden Tisch standen bequeme Sessel. Man merkte, dass es ein Raum war, in dem ein Mensch wohnte.

Hier dagegen schlief dieser Mann wohl nur. Merkwürdig, dass er gar keinen Wert auf ein bisschen Luxus legte.

Tatjana machte einen Schritt zurück und stolperte dabei. Sie hatte nicht an die Türschwelle gedacht.

Eckehard von Hagen packte sie fest bei den Armen, um sie am Fallen zu hindern. Dabei war sein Gesicht dicht vor ihrem, und diesmal lag kein Lächeln in seinen Augen.

»Gehen wir wieder nach draußen!«, stieß er mit rauer Stimme hervor.

Schweigend führte er sie zu dem Korbstuhl auf der Terrasse und nahm ihr gegenüber Platz.

»Vielleicht kommt Ihr Herr Vater gleich mit Franz zusammen, um Sie abzuholen«, meinte er etwas später.

»Ich halte Sie von der Arbeit ab. Lassen Sie sich durch mich doch nicht stören, Herr von Hagen. Ich werde ganz still sein, das verspreche ich Ihnen.«

»Ich bin heute Morgen nicht zum Arbeiten aufgelegt.«

»Wie ein Gelehrter sehen Sie eigentlich nicht aus.«

»Und wie sollte der Ihrer Meinung nach aussehen?«

Tatjana krauste beim Nachdenken die Stirn. Sie spürte, dass der Blick des Mannes ihr Gesicht streifte, und sie hätte viel darum gegeben zu wissen, was er dachte.

Alle anderen Herren der Gesellschaft hätten bestimmt versucht, mit ihr zu flirten und ihr den Hof zu machen. Herr von Hagen schien überhaupt nicht daran zu denken. Zwischen ihm und ihr stand eine unsichtbare Wand.

»Wie ich mir einen Gelehrten vorstelle?«, wiederholte sie seine Frage, um Zeit zu gewinnen. »Alt, langweilig und trocken.«

Die Lippen des Mannes verzogen sich zu einem amüsierten Lächeln.

»Reiten Sie auch?«, wollte Tatjana wissen.

»Ja. Wenn es meine Zeit erlaubt. Zu Hause gehört es sogar ...« Er brach ab, als hätte er Angst, schon zu viel gesagt zu haben.

»... zu Ihren Pflichten«, vollendete Tatjana den Satz. »Hier haben Sie keine Pferde?«

»Nein. Es lohnt sich nicht. Franz hat genug zu tun, und anderes Personal möchte ich nicht im Hause haben. Es ist so schön, einmal allein sein zu können.«

»Finden Sie? Ich bin gern unter Menschen. Tanzen Sie?«

»Ja. Manchmal sogar gern. Mit Ihnen zum Beispiel würde ich gern tanzen, Komtess. Aber leider sind die Damen, die man bei den Pflichttänzen als Herr führen muss, oft nicht so charmant.«

»Vater gibt am Wochenende ein kleines Fest. Hätten Sie nicht Lust, daran teilzunehmen? Bis dahin bin ich bestimmt wieder so weit hergestellt, dass ich tanzen kann.«

»Vielen Dank für Ihre freundliche Einladung, gnädiges Fräulein, aber ich muss leider dankend ablehnen.«

»Sie ziehen es vor, hier bei Ihren Büchern zu sitzen?«, fragte Tatjana.

»Ich würde sehr gern mit Ihnen tanzen, aber ...«

»Sie sind menschenscheu!« Natürlich, dachte Tatjana, das ist es.

Ob Herr von Hagen wohl Angst hatte, mit anderen Menschen in Kontakt zu kommen?

»Wir müssen einmal zusammen ausreiten«, sagte sie dann, und ihre Augen funkelten vor Begeisterung. »Wir haben schöne Pferde, ich werde ein passendes für Sie aussuchen und mitbringen. Haben Sie einen Reitanzug?«

»Nicht hier, aber das wäre kein Problem. Franz kann in der Stadt einen besorgen.«

»Übermorgen hole ich Sie ab. Um welche Zeit passt es Ihnen?«

»Ich werde bereit sein, wann immer Sie auch kommen, Komtess. Wird es Ihrem Herrn Vater auch recht sein, dass Sie mit einem ihm unbekannten Herrn ausreiten?«

»Er braucht es ja nicht zu wissen, und außerdem liegt es nur an Ihnen, dass Sie unbekannt sind, Herr von Hagen. Warum geben Sie nicht Ihre Karte bei uns ab? Im Winter gibt es hier herrliche Gesellschaften. Bestimmt wären alle froh, wenn Sie daran teilnehmen würden. Nette Herren sind nämlich sehr knapp«, fügte sie mit schockierender Offenheit hinzu.

»Im Winter habe ich keine Zeit. Für dieses Haus bleiben mir immer nur ein paar Wochen im Sommer, und wenn ich es irgendwie einrichten kann ...«

»Wenn Sie mit Ihrem Leben nicht zufrieden sind, dann ändern Sie es doch einfach!«

»Wenn das so einfach wäre. So manches Mal habe ich davon geträumt, in eine andere Haut schlüpfen zu können, einmal das tun zu dürfen, wozu ich Lust habe. Aber das Leben besteht aus Pflichten.«

»Man muss das Leben doch genießen, Herr von Hagen. Wie schnell wird man alt.«

Aus ihrem jungen Mund klang diese Feststellung so drollig, dass Eckehard von Hagen auflachte.

»Sehen Sie, jetzt lachen Sie auch«, stellte Tatjana strahlend fest. »Bei Ihren staubigen Büchern können Sie nicht lachen. Die Bücher laufen Ihnen nicht davon, wohl aber die Stunden. Ich höre Hufgeklapper. Ob das Vater ist?«

Herr von Hagen stand sofort auf, um dem leichten Wagen entgegenzugehen, der von zwei temperamentvollen Pferden gezogen wurde.

Es war nicht Graf Willenberg, der auf dem Kutschbock saß, sondern offensichtlich ein Knecht. Er hatte ein verschwitztes rotes Gesicht und grinste breit, als er das Gespann vor dem Haus zum Stehen brachte.

»Es tut mir leid, dass Sie schon gehen müssen, gnädiges Fräulein.« Eckehard bot Tatjana den Arm, um sie zum Wagen zu führen.

»Vergessen Sie nicht, dass wir für übermorgen verabredet sind.« Tatjana ließ sich seufzend in die Polster des offenen Wagens fallen. »Ich danke Ihnen für Ihre Hilfe und Gastfreundschaft, Herr von Hagen.« Sie reichte ihm die Rechte.

»Es war mir eine Ehre und ein Vergnügen, Ihre Bekanntschaft machen zu dürfen«, versicherte der Mann, und es sah ganz so aus, als ob er es ehrlich meinte.

♥♥♥

Gräfin Olga rang die Hände, als Tatjana mit Hermanns Hilfe aus dem Wagen stieg.

»Wie siehst du nur aus! Du bist ja ganz schmutzig! Hast du dir etwas gebrochen? Wir müssen sofort den Arzt kommen lassen! Ich werde Vater sagen, dass er dein Pferd erschießt.«

»Hannibal konnte nichts dafür. Ich habe nicht aufgepasst, und da ist es eben passiert. Diese Damensättel sind auch fürchterlich.«

»Ich werde nie zulassen, dass meine einzige Tochter in einem Herrensattel reitet! Du humpelst ja!«

»Das ist morgen wieder vorbei. Hermann, führe Hannibal in den Stall und gib ihm etwas zu fressen.«

»Wo ist das passiert?« Gräfin Olga umklammerte den Arm ihrer Tochter. Sie neigte ein wenig dazu, alles zu dramatisieren.

»Vor der Villa mit der hohen Hecke.«

»Hast du den schrecklichen Menschen etwa kennengelernt? Man sagt, es sei ein Mörder, der sich dort versteckt hält.«

»Unsinn! Die Polizei wird schon wissen, wer er ist. Er heißt Herr von Hagen. Ein sehr netter Mensch, Mutter.«

»Ein netter Mensch, der?« Gräfin Willenberg schüttelte entschieden den Kopf. »Er hat keine Karte bei uns abgegeben, mein Kind! Das spricht Bände!«

»Er will seine Ruhe haben. Er hat eine riesige Bibliothek. Stell dir nur vor, Mutter, ein Raum, in dem die Bücher an allen vier Wänden bis zur Decke hinauf stehen.«

»Bücher!« Ihr Ton verriet, was Gräfin Olga von Büchern hielt. »Was arbeitet er?«

»Ich weiß es nicht.«