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Peter Handkes episches Werk, bei dem die Musen nicht am Anfang, sondern am Ende angerufen werden, ist Erzählung und gleichzeitig Erforschung der Erzählung, deren Entstehung und Bedeutung. Auf der Suche nach seinem verschollenen Bruder wird Filip Kobal deutlich, daß er den Bruder letztlich gar nicht finden, sondern ihn aus dem Undeutlichen seines Schicksals herausfinden, ihn erzählen will. Peter Handkes Wiederholung ist kein Sich-wiederholen, sondern ein Sich-Wieder-Holen, einen neuen Anfang machen; Wiederholen heißt nicht »Es war einmal«, sondern »Fang an«. - Gebundene Ausgabe mit Lesebändchen
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Seitenzahl: 342
Veröffentlichungsjahr: 2012
Peter Handke
Die Wiederholung
Suhrkamp Verlag
»Die Könige der Urzeit sind gestorben, sie haben ihre Nahrung nicht gefunden.«
Der Sohar
»Bald war ich bei diesen, bald bei jenen.«
Epicharmos
»… laboraverimus«
Cofumella
Ein Vierteljahrhundert oder ein Tag ist vergangen, seit ich, auf der Spur meines verschollenen Bruders, in Jesenice ankam. Ich war noch nicht zwanzig und hatte in der Schule gerade die letzte Prüfung hinter mir. Eigentlich hätte ich mich befreit fühlen können; denn nach den Wochen des Lernens standen mir die Sommermonate offen. Aber ich war im Zwiespalt weggefahren: Zuhause in Rinkenberg der alte Vater, die kranke Mutter und meine verwirrte Schwester. Außerdem hatte ich mich in dem letzten Jahr, von dem geistlichen Internat erlöst, in die Gemeinschaft der Klagenfurter Schulklasse, wo die Mädchen in der Mehrzahl waren, eingelebt und fand mich nun jäh allein. Während die andern zusammen in den Bus nach Griechenland stiegen, spielte ich den Einzelgänger, der lieber für sich nach Jugoslawien wollte. (In Wahrheit hatte mir zu der gemeinsamen Reise nur das Geld gefehlt.) Dazu kam, daß ich noch nie im Ausland gewesen war und das Slowenische, mochte es für den Bewohner eines Dorfes im südlichen Kärnten auch keine Fremdsprache sein, kaum beherrschte.
Der Grenzsoldat in Jesenice redete mich freilich, nach einem Blick in meinen frischausgestellten österreichischen Paß, in seiner Sprache an. Als ich nicht verstand, sagte er deutsch, Kobal sei doch ein slawischer Name, »kobal« heiße der Raum zwischen den gegrätschten Beinen, der »Schritt«; und so auch ein Mensch, der mit gespreizten Beinen dastehe. Mein Name treffe demnach eher auf ihn, den Soldaten, zu. Der ältere Beamte neben ihm, in Zivil, weißhaarig, randlose runde Gelehrtenbrille, erklärte mit einem Lächeln, das zugehörige Tätigkeitswort bedeute »klettern« oder »reiten«, so daß mein Vorname Filip, der Pferdeliebe, zu Kobal passe; ich möge meinem Namen insgesamt einmal Ehre machen. (Noch oft ist es mir später begegnet, wie gerade die Beamten eines sogenannt fortschrittlichen Landes, das einst Teil eines Großreiches war, eine überraschende Bildung hervorkehrten.) Unversehens wurde er ernst, trat einen Schritt näher und blickte mir feierlich in die Augen: Ich müßte wissen, daß vor einem Vierteljahrtausend hier im Land ein Volksheld namens Kobal gelebt habe. Gregor Kobal, aus der Gegend von Tolmin, an dem Oberlauf des Flusses, der weiter unten in Italien Isonzo heiße, sei im Jahr eintausendsiebenhundertunddreizehn einer der Führer des Großen Tolminer Bauernaufstands gewesen und im Jahr darauf mit seinen Genossen hingerichtet worden. Von ihm stamme der heute noch in der Republik Slowenien für seine »Frechheit« und »Verwegenheit« berühmte Satz, der Kaiser sei nichts als ein »Diener«, und man werde die Dinge selbst in die Hand nehmen! So belehrt ‒ mit etwas, das ich schon wußte ‒, durfte ich, den Seesack über der Schulter, ohne ein Bargeld vorzeigen zu müssen, aus dem finsteren Grenzbahnhof hinaus in die nordjugoslawische Stadt treten, die damals in den Schulkarten, neben Jesenice, in Klammern noch altösterreichisch Aßling hieß.
Ich bin lange vor dem Bahnhof gestanden, die Kette der Karawanken, die mir in meinem bisherigen Leben immer fern vor Augen gewesen war, nah im Rücken. Die Stadt beginnt gleich am Ausgang des Tunnels und zieht sich durch das enge Flußtal; über dessen Flanken ein schmaler Himmel, der sich nach Süden erweitert und zugleich verhüllt wird von dem Qualm der Eisenwerke; eine sehr lange Ortschaft mit einer sehr lauten Straße, von der links und rechts nur Steilwege abzweigen. Es war ein warmer Abend Ende Juni 1960, und von dem Straßenbelag ging eine geradezu blendende Helligkeit aus. Ich merkte, daß die Düsternis innen in dem Schalterraum von den vielen Autobussen kam, die in rascher Folge vor der großen Schwingtür hielten und weiterfuhren. Eigenartig, wie das allgemeine Grau, das Grau der Häuser, der Straße, der Fahrzeuge, ganz im Gegensatz zu der Farbigkeit der Städte in Kärnten, das in dem angrenzenden Slowenien, Refrain aus dem neunzehnten Jahrhundert, den Beinamen »das Schöne« trägt, in dem Abendlicht meinen Augen wohltat. Der österreichisehe Kurzzug, mit dem ich angekommen war und der gleich zurück durch den Tunnel fahren würde, wirkte, hinten auf den Gleisen, zwischen den massigen, verstaubten jugoslawischen Zügen, sauber und bunt wie eine Spielzeugeisenbahn, und die blauen Uniformen der zugehörigen Mannschaft, die sich auf dem Bahnsteig laut unterhielt, bildeten in dem Graukreis einen fremdländischen Farbeinschluß. Auffällig auch, daß die Scharen der Leute, die in dieser eher kleinen Stadt unterwegs waren, mich, ganz anders als in den Kleinstädten meiner Heimat, zwar hin und wieder wahrnahmen, aber keinmal anstarrten, und je länger ich da stand, umso gewisser wurde ich, in einem großen Land zu sein.
Wie vergangen schien jetzt, kaum ein paar Stunden später, der Nachmittag in Villach, wo ich meinen Geschichte- und Geographielehrer besucht hatte. Wir hatten meine Möglichkeiten für den Herbst erwogen: Sollte ich gleich den Militärdienst ableisten, oder mich zurückstellen lassen und ein Studium anfangen, und welches Studium? In einem Park hatte mir der Lehrer dann eines seiner selbstverfaßten Märchen vorgelesen, nach meinem Urteil gefragt und sich dieses mit einer überaus ernsten Miene angehört. Er war ein Junggeselle und lebte allein mit seiner Mutter, die, während ich bei ihm war, immer wieder durch die geschlossene Tür sich nach dem Wohlergehen und den Wünschen des Sohnes erkundigte. Er hatte mich zum Bahnhof begleitet und mir dort, so verstohlen, als fühlte er sich beobachtet, einen Geldschein zugesteckt. Obwohl meine Dankbarkeit groß war, hatte ich sie nicht zeigen können, und auch als ich mir jetzt den Mann jenseits der Grenze vorstellte, sah ich nur eine Warze auf einer bleichen Stirn. Das zugehörige Gesicht war das des Grenzsoldaten, der kaum älter gewesen war als ich und doch schon deutlich, in Haltung, Stimme und Blick, seinen Platz gefunden hatte. Von dem Lehrer, von seiner Wohnung und von der ganzen Stadt, war mir kein Bild geblieben außer zwei schachspielenden Rentnern an einem Tisch im Gebüschschatten des Parks und dem Gleißen eines Strahlenkranzes über dem Kopf der Marienstatue auf dem Hauptplatz.
Dagegen bedachte ich, vollkommene Gegenwart, die auch heute, nach fünfundzwanzig Jahren, wieder ganz Gegenwart wird, den Morgen desselben Tages, mit dem Abschied vom Vater, auf dem Waldhügel, von dem das Dorf Rinkenberg seinen Namen hat. Der ältliche Mensch, schmächtig, viel kleiner als ich, stand mit geknickten Knien, hängenden Armen und den gichtverbogenen Fingern, die in diesem Augenblick wutgeballte Fäuste darstellten, an dem Wegkreuz und schrie mir zu: »Geh doch zugrunde, wie dein Bruder zugrunde gegangen ist, und wie alle in unserer Familie zugrunde gehen! Aus keinem ist etwas geworden, und auch aus dir wird nichts werden! Aus dir wird nicht einmal ein guter Spieler werden, wie ich einer bin!« Dabei hatte er mich gerade noch, zum ersten Mal überhaupt, umarmt, und ich hatte ihm über die Schulter auf seine taunasse Hose geblickt, in dem Gefühl, er umarme in mir eher sich selber. In der Erinnerung aber wurde ich dann von der Umarmung des Vaters gehalten, nicht bloß an jenem Abend vor dem Bahnhof in Jesenice, sondern auch über die Jahre, und seinen Fluch hörte ich als Segen. In Wirklichkeit war er todernst gewesen, und in der Vorstellung sah ich ihn schmunzeln. Möge seine Umarmung mich auch durch diese Erzählung tragen.
Ich stand in der Dämmerung, in dem Dröhnen des Durchzugsverkehrs, das ich geradezu als wohlig empfand, und bedachte, wie ich mich dagegen in den bisherigen Umarmungen mit Frauen nie gehalten gespürt hatte. Ich hatte keine Freundin. Sooft das einzige Mädchen, das ich sozusagen kannte, mich umarmte, erlebte ich das eher als Mutwillen oder als Wette. Was für ein Stolz jedoch, mit ihr im Abstand auf der Straße zu gehen, wo wir für die Entgegenkommenden offensichtlich zueinander gehörten. Einmal rief es da aus einer Gruppe von streunenden Fast-noch-Kindern: »Hast du eine schöne Freundin!«, und ein andermal blieb ein altes Weib stehen, blickte von dem Mädchen zu mir und sagte wörtlich: »Sie Glücklicher!« In solchen Momenten erschien die Sehnsucht bereits erfüllt. Wonne, dann in dem wechselnden Licht eines Kinos neben sich das schimmernde Profil zu sehen, den Mund, die Wange, das Auge. Das Höchste war das leichte Körper-an-Körper, wie es sich manchmal von selber ergab; auch eine bloß zufällige Berührung hätte dabei als Übertretung gewirkt. Hatte ich demnach nicht doch eine Freundin? Den Gedanken an eine Frau kannte ich nämlich nicht als Begehren oder Verlangen, sondern allein als das Wunschbild von dem schönen Gegenüber ‒ ja, das Gegenüber sollte schön sein! ‒, dem ich, endlich, erzählen könnte. Was erzählen? Einfach nur erzählen. Der Zwanzigjährige stellte sich das Einander-in-die-Arme-Fallen, das Lieb-Haben, das Lieben als ein beständiges, so schonendes wie rückhaltloses, so ruhiges wie aufschreihaftes, als ein klärendes, erhellendes Erzählen vor, und es fiel ihm dazu seine Mutter ein, die ihn, sooft er lang aus dem Haus gewesen war, in der Stadt, oder auch allein im Wald oder auf den Feldern, jedesmal gleich bedrängte mit ihrem »Erzähl!« Nie war es ihm da, jedenfalls vor ihrer Krankheit, gelungen, ihr zu erzählen, trotz seiner ständigen Proben im voraus; überhaupt glückte ihm das Erzählen nur ungefragt ‒ benötigte in der Folge freilich die richtigen Zwischenfragen.
Und jetzt vor dem Bahnhof entdeckte ich, daß ich schon seit meiner Ankunft der Freundin im stillen den Tag erzählte. Und was erzählte ich ihr? Weder Vorfälle noch Ereignisse, sondern die einfachen Vorgänge, oder auch bloß einen Anblick, ein Geräusch, einen Geruch. Und der Strahl des kleinen Springbrunnens jenseits der Straße, das Rot des Zeitungskiosks, die Benzinschwaden der Laster: Sie blieben, indem ich sie im stillen erzählte, nicht mehr für sich, sondern spielten eins in das andere. Und der da erzählte, das war gar nicht ich, sondern es, das Erleben selber. Und dieser stille Erzähler, in meinem Innersten, war etwas, das mehr war als ich. Und das Mädchen, dem seine Erzählung galt, verwandelte sich dabei, ohne zu altern, in eine junge Frau, so wie auch der Zwanzigjährige, mit dem Gewahrwerden des Erzählers in sich, zum alterslosen Erwachsenen wurde. Und wir standen einander gegenüber, genau in Augenhöhe. Und die Augenhöhe war das Maß der Erzählung! Und ich spürte die zarteste der Kräfte in mir. Und sie bedeutete mir: »Spring!«
In dem gelblichen Fabrikshimmel über Jesenice erschien ein Stern, für sich allein ein Sternbild, und durch den Straßenrauch unten flog ein Glühkäfer. Zwei Waggons knallten aufeinander. In dem Supermarkt wurden die Kassiere abgewechselt von den Putzfrauen. An dem Fenster eines Hochhauses stand ein rauchender Mann im Unterhemd.
Erschöpft wie nach einer Anstrengung bin ich fast bis Mitternacht in der Gaststätte des Bahnhofs gesessen, bei einer Flasche des dunklen süßen Getränks, das es damals in Jugoslawien an der Stelle des Coca-Cola gab. Zugleich war ich ganz wach, so anders als an den Abenden zuhause, wo ich, ob im Dorf, im Internat oder in der Stadt, alle Geselligkeiten störte mit meiner Müdigkeit. Bei dem einzigen Ball, zu dem man mich mitnahm, schlief ich mit offenen Augen ein, und in den letzten Stunden des Jahrs bemühte sich der Vater jedesmal vergebens, mich durch Kartenspielen vom Bett abzuhalten. Ich glaube, was mich so wachhielt, das war nicht nur das andere Land, sondern auch der Gastraum; in einem Wartezimmer wäre ich wohl bald müde geworden.
Ich saß in einer der mit braunem Holz verkleideten Nischen, die etwas von einem Chorgestühl hatten, vor mir die Bahnsteige, hell, weit nach hinten gestaffelt, und im Rücken die ebenso helle Fernstraße mit den beleuchteten Wohnblöcken. Immer noch fuhren, kreuz und quer, hier volle Autobusse, dort volle Züge. Ich sah von den Reisenden keine Gesichter, nur die Umrisse, doch die Umrisse betrachtete ich durch ein in den Glaswänden gespiegeltes Gesicht, das mein eigenes war. Mit Hilfe des Abbilds, das mich nicht im besonderen zeigte ‒ nur Stirn, Augenhöhlen, Lippen ‒, konnte ich von den Silhouetten träumen, nicht allein der Passagiere, sondern auch der Hochhausbewohner, wie sie sich durch die Zimmer bewegten oder hier und da auf den Balkonen saßen. Es war ein leichter, lichter, scharfer Traum, in dem ich von all den schwarzen Gestalten Freundliches dachte. Keine von ihnen war böse. Die Alten waren alt, die Paare waren Paare, die Familien waren Familien, die Kinder waren Kinder, die Einsamen waren einsam, die Haustiere waren Haustiere, ein jeder einzelne Teil eines Ganzen, und ich gehörte mit meinem Spiegelbild zu diesem Volk, das ich mir auf einer unablässigen, friedfertigen, abenteuerlichen, gelassenen Wanderung durch eine Nacht vorstellte, wo auch die Schläfer, die Kranken, die Sterbenden, ja sogar die Gestorbenen mitgenommen wurden. Ich richtete mich auf und wollte diesen Traum wahrhaben. Es störte ihn dann nur das überlebensgroße Porträt des Staatspräsidenten, das genau in der Raummitte, über der Theke, hing. Der Marschall Tito zeigte sich da sehr deutlich, mit seiner betreßten, ordenbehängten Uniform. Er stand vorgebeugt an einem Tisch, auf dem seine geballte Faust lag, und blickte mit starrhellen Augen auf mich herunter. Ich hörte ihn geradezu sagen: »Dich kenne ich!«, und wollte antworten: »Aber ich kenne mich nicht.«
Das Träumen ging erst weiter, als hinter der Theke, in der trüben Beleuchtung, die Kellnerin erschien, mit einem schattigen Gesicht, in dem das Deutliche nur die auch beim Geradeausschauen fast augenbedeckenden Lider waren. Im Betrachten dieser Lider bewegte sich unversehens, gespenstisch leibhaftig, die Mutter vor mir. Sie stellte die Gläser ins Waschbecken, spießte einen Kassenzettel auf, wischte über das Messing. Namenloses Erschrecken, als mich momentlang ihr Blick traf, spöttisch, nicht zu durchdringen; Erschrecken, das eher ein Ruck war, ein Entrücken in einen größeren Traum. In diesem war die Kranke wieder gesund geworden. Springlebendig durchmaß sie, verkleidet als Kellnerin, die verzweigte Gaststätte, und aus den hohen, hinten offenen Kellnerinnenschuhen leuchteten ihre runden weißen Fersen. Was für stämmige Beine die Mutter bekommen hatte, was für einen Hüftschwung, was für einen Haarturm. Und obwohl sie doch, anders als die Mehrzahl der Frauen im Dorf, nur ein paar Wörter des Slowenischen konnte, sprach sie es hier, in der Unterhaltung mit einer unsichtbaren Männergesellschaft in der Nachbarnische, ganz selbstverständlich, fast herrisch. Sie war also nicht das Findelkind, der Flüchtling, die Deutsche, die Ausländerin, als die sie sich immer ausgegeben hatte. Kurz schämte sich der Zwanzigjährige, daß diese Person mit den bestimmten Bewegungen, dem Singsang, dem lauten Lachen, den schnellen Blicken seine Mutter sein sollte, und sah diese dann, an der fremden Frau, so genau wie noch nie: Ja, auch die Mutter hatte bis vor kurzem mit einer solchen Singstimme gesprochen, und sooft sie tatsächlich zu singen anfing, wollte der Sohn sich die Ohren zuhalten. Aus jedem noch so großen Chor war sofort die Mutterstimme herauszuhören: ein Zittern, ein Beben, ein inbrünstiger Schall, von dem die Sängerin, im Gegensatz zu dem Lauscher, vollkommen ergriffen war. Und ihr Lachen war nicht nur laut gewesen, sondern geradezu wild, ein Geschrei, ein Ausbruch, der Freude, des Zorns, der Bitterkeit, der Verachtung, ja des Rechtsprechens. Noch in den Anfangsschmerzen der Krankheit klangen die entsprechenden Schreie wie ein überraschtes, halb belustigtes, halb empörtes Auflachen, das sie, mit der Zeit immer hilfloser, wegzuspielen versuchte mit ihren Gesangstrillern. Ich stellte mir die verschiedenen Stimmen in unserem Haus vor und hörte den Vater fluchen, die Schwester kichernd und weinend Selbstgespräche murmeln, und die Mutter von einem Dorfende zum anderen lachen ‒ und Rinkenberg ist ein langes Dorf. (Mich selbst sah ich in der Vorstellung stumm sein.) So erkannte ich, daß die Mutter nicht nur herrisch auftrat wie jetzt die Kellnerin, sondern herrscherlich. Immer hatte sie einen mächtigen Gasthof führen wollen, mit den Bediensteten als ihren Untertanen. Unser Anwesen war klein, und ihr Anspruch war groß: In ihren Erzählungen von meinem Bruder trat dieser auf als der um seinen Thron betrogene König.
Und ich galt bei ihr als der rechtmäßige Thronfolger. Und zugleich bezweifelte sie von Anfang an, daß ich es schaffen würde. Ihr Blick auf mir erstarrte manchmal in einem Mitleid, das ohne einen Schimmer Erbarmen war. Immer wieder war ich ja bisher von jemandem beschrieben worden, einem Priester, einem Lehrer, einem Mädchen, einem Schulfreund: doch von jenen stummen Blicken der Mutter fühlte ich mich in einer Weise beschrieben, daß ich mich davon nicht bloß erkannt, sondern verurteilt sah. Und ich bin sicher, daß sie mich nicht erst mit der Zeit, durch die äußeren Umstände, so anschaute, sondern schon seit dem Moment meiner Geburt. Sie hat mich emporgehoben, mich ins Licht gehalten, beiseite gelacht und mich verurteilt. Und ebenso hat sie später, um sich zu vergewissern, das im Gras strampelnde und vor Daseinslust kreischende Kleinkind aufgenommen, es in die Sonne gehalten, es angelacht und wieder verurteilt. Ich versuchte zu denken, daß es mit Bruder und Schwester zuvor ähnlich gewesen war, und konnte es nicht. Nur ich brachte sie zu dem, solch erbarmungslosem Blick in der Regel dann folgenden, Ausruf: »Ach wir zwei!«, den sie bei Gelegenheit auch an ein für die Schlachtbank bestimmtes Stalltier richtete. Zwar hatte ich schon sehr früh das Bedürfnis, gesehen, wahrgenommen, beschrieben, erkannt zu werden ‒ aber nicht so! Wie erkannt hatte ich mich zum Beispiel empfunden, als einmal, statt der Mutter, das Mädchen »wir zwei« gesagt hatte. Und als ich nach den Jahren im geistlichen Internat, wo wir allesamt nur mit unseren Familiennamen angeredet worden waren, in der öffentlichen Schule zum ersten Mal von der Banknachbarin ganz beiläufig meinen Vornamen hörte, erlebte ich das als eine Beschreibung, die mich freisprach, ja als Liebkosung, unter der ich aufatmete; und jetzt noch leuchten mir die Haare der Mitschülerin. Nein, seit ich die Blicke der Mutter entziffern konnte, wußte ich: Da ist nicht mein Platz.
Dabei hatte sie mich schon zweimal in den zwanzig Jahren buchstäblich gerettet. Daß ich von der Hauptschule in Bleiburg weg auf das Gymnasium gegangen war, kam ganz und gar nicht aus irgendeinem Ehrgeiz der Eltern, aus dem Sohn solle etwas Besseres werden. (Ich glaube, der Vater wie die Mutter waren überzeugt, aus mir würde, so oder so, entweder gar nichts, oder »etwas Besonderes«, womit sie eher etwas Unheimliches meinten.) Der Grund für den Schulwechsel war vielmehr, daß ich, mit zwölf, meinen ersten Feind hatte, der gleich ein Todfeind war.
Mißstimmungen zwischen den Kindern im Dorf hatten sich schon immer ergeben. Jeder war da des anderen Nachbar, und durch die Nähe wurden die verschiedenen Eigenarten oft unverträglich. Auch bei den Erwachsenen war es so; auch bei den Alten. Eine Zeitlang ging man dann grußlos aneinander vorbei, tat beschäftigt im Hof vor dem Haus, während der andere, in Sichtweite vor dem Nachbarhaus, sich auf seine Weise beschäftigt zeigte. Auf einmal bestanden, auch ohne Zäune, Grundstücksgrenzen, die unübertretbar waren. Selbst im eigenen Haus stellte sich ein Kind, das sich etwa von einem Familienmitglied ungerecht behandelt fühlte, stumm, das Gesicht zur Wand, gleichsam nach altem Brauch in eine abgegrenzte Ecke der Wohnstube. In meiner Phantasie fügen sich da alle Stuben des Dorfs zu einer einzigen, vieleckigen Räumlichkeit, wo ein jeder Winkel beansprucht wird von den einander den Rücken zukehrenden, zerstrittenen, schmollenden Dorfkindern, bis schließlich von einer der Gestalten, oder von sämtlichen zugleich (wie es auch in der Wirklichkeit immer geschah), das den Bann brechende Wort oder Lachen kommt. Zwar nannte niemand im Dorf den anderen Freund ‒ man sprach dafür vom »guten Nachbarn« ‒, aber es gab auch, zumindest unter den Kindern, keine Streitigkeit, die zu dauernder Feindschaft führte.
Noch bevor ich an meinen ersten Feind geriet, hatte ich freilich die Verfolgung erfahren, und diese Erfahrung bestimmte einiges von dem Verlauf meines späteren Lebens. Jedoch nicht ich in Person wurde damals verfolgt, sondern das Kind aus dem Dorf Rinkenberg, von einer Gruppe aus einem anderen Dorf. Die Kinder von dort hatten es zur Schule weiter und beschwerlicher als unsereiner, mußten einen tiefen Graben durchqueren, und galten schon deshalb für stärker als wir. Auf dem Heimweg, den wir, bis zu einer Abzweigung, gemeinsam gehen mußten, wurden die »Rinkenberger« von den »Humtschachern« in der Regel gejagt. Obwohl diese nicht älter waren als wir, konnte ich in ihnen nie die Kinder sehen. (Erst heute, vor den Porträts der Frühverunglückten auf den Grabsteinen, fällt mir auf, wie jung, ja kindlich sie, noch als Burschen, allesamt waren.) Eine Ewigkeit liefen wir, auf einer Landstraße, wo gerade in einer solchen Stunde nie ein Auto fuhr, mit dem Drohgebrüll der gesichtslosen, dickbeinigen, plumpfüßigen Rotte im Nacken, die ihre gorillalangen Arme als Stöcke schwang und die Schultaschen am Rücken als Tornister beim Sturmangriff trug. Es gab Tage, an denen ich, bis ich die Urwaldgefahr vorbei wußte, über die Zeit, so hungrig ich war, in der schützenden Kleinstadt Bleiburg blieb, aus der es mich sonst immer heimzog und die mir da lieb war. Aber dann kam sozusagen die Wende ‒ oder eher der Umschwung, der Umsprung. Ich ließ, wieder einmal, schon seit der Stadtgrenze, das gerade durch seine Unverständlichkeit so bedrohliche Schreien hinter mir, meine Mitdörfler rennen und setzte mich an der Abzweigung, wo die Straße und die zwei Schenkel des einmündenden Wegs ein Dreieck umschlossen, ins Gras. Schon in diesem Augenblick, während man auf mich zustürmte, war ich sicher, daß mir nichts geschehen würde. Ich streckte die Beine in meinem Dreieck aus, schaute südwärts auf das Petzenmassiv, auf dessen Gipfelplateau die jugoslawische Grenze verläuft, und wußte mich in Sicherheit. Daß ich zugleich dachte, was ich sah, empfand ich gleichsam als Brustschild. Und nicht nur geschah mir dann nichts, sondern die Verfolger wurden im Näherkommen langsamer, und der eine oder andere folgte meinem Blick. »Dort oben ist es schön!« hörte ich. »Ich bin mit dem Vater einmal hinaufgestiegen.« Ich sah sie alle an und bemerkte, daß sich die Horde in ein paar einzelne auflöste. Diese lachten mich im Vorbeischlendern an, so als hätte ich ihr Spiel durchschaut, und als seien sie selber erleichtert darüber. Es wurden keine Worte gewechselt, und doch war es offenbar, daß mit diesem Moment jede Verfolgung aufhörte. Ihnen nachblickend, bedachte ich die geknickten Knie und die schleifenden Schritte: Wie weit sie es noch hatten, im Vergleich zu mir. Und ein Gefühl der Verbundenheit stellte sich ein, im Abstand ‒ wie es sich zu den Nachbarkindern, im eigenen Dorf, nie ergeben hatte, wodurch sich dann später, im Abstand der Zeit, das staubaufwirbelnde Durcheinandergetorkele und schreckenverbreitende Kehllautausstoßen der Humtschacher Horde zu einer Tanz- und Springprozession umbildete, die heute noch, wie die Mitglieder eines Stamms, auf der Kindheitslandstraße dahinzieht, mit keinem anderen Ziel, als in diesem Bild weiterzuleben. (Im nachhinein erzitterte ich freilich als ganzer und konnte mich lange nicht von dem Grasdreieck wegbewegen. Ich lehnte mich an den hölzernen Milchstand dort und sagte im stillen die Zahlen auf.)
Gegen meinen ersten Feind half dagegen gar nichts. Er war der Sohn des unmittelbaren Nachbarn und wurde die Tage über von der Mutter verprügelt, an den Abenden vom Vater. (Mich schlug man zuhause nie; statt dessen hämmerte sich der Vater, im Zorn über mich, vor meinen Augen oft selber gegen die Brust oder ins Gesicht, vor allem aber, mit der Faust, gegen die Stirn, so heftig, daß er zurücktaumelte oder in die Knie ging; mein Bruder allerdings sei noch, trotz seiner Einäugigkeit, nicht nur geschlagen, sondern für ganze Nachmittage in den Hangkeller hinter dem Haus gesperrt worden, der als Kartoffellager diente, und wo der Bruder, wenn er sein eines Auge schloß, sicherlich mehr sah, als wenn er es offenhielt.) Mein »kleiner Feind« ‒ wie ich ihn jetzt nenne, im Gegensatz zu dem späteren »großen« ‒ wurde aber nicht tätlich. Und trotzdem war er sofort der Feind, auf den ersten Blick, dem lange nichts weiteres folgte, nicht einmal ein Blick. Kein übliches Zungezeigen, Spucken, Beinstellen. Der Kindfeind erklärte sich nicht, war nur feindselig da, und seine Feindschaft brach dann aus als ein Überfall.
Eines Tages, bei der Lesung des Evangeliums in der Kirche, wo alle standen, spürte ich hinten in der Kniekehle einen leichten Schlag, fast nur einen Stups, aber genug, daß ich einknickte. Ich drehte mich um und sah den andern, der vor sich hinstarrte. Von diesem Augenblick an ließ er mir keine Ruhe mehr. Er schlug mich nicht, warf nicht mit Steinen, beschimpfte mich nicht ‒ versperrte mir bloß jeden Weg. Sowie ich aus dem Haus trat, war er neben mir. Er kam sogar ins Haus herein ‒ es war in den Dörfern ja üblich, daß die Kinder in die Nachbarhäuser gingen ‒ und rückte mir auf den Leib, so unauffällig, daß es niemand sonst merkte. Seine Hände gebrauchte er nie; alles, was er tat, das waren kleine Schulterstöße (nicht einmal ein Rempeln zu nennen, wie etwa beim Fußball), die aussahen, als wollte er mich freundschaftlich auf etwas aufmerksam machen, und mich in Wahrheit in eine Ecke gezwängt hielten. Doch in der Regel berührte er mich nicht einmal, sondern äffte mich nur nach. Wenn ich irgendwo ging, sprang er zum Beispiel aus dem Gebüsch und bewegte sich in meiner Haltung, die Füße gleichzeitig aufsetzend, die Arme im selben Rhythmus schwingend, neben mir her. Lief ich los, lief auch er; blieb ich stehen, stoppte auch er; zuckte ich mit den Wimpern, zuckte auch er. Dabei schaute er mir nie in die Augen, musterte diese nur, so wie auch die übrigen Körperteile, um jede Bewegung möglichst schon im Ansatz zu erkennen und zu wiederholen. Oft versuchte ich ihn über meinen nächsten Schritt zu täuschen, deutete eine falsche Richtung an, rannte weg aus dem Stand. Doch er ließ sich nie überlisten. Auf diese Weise ahmte er mich weniger nach, als daß er mich beschattete, und ich war der Gefangene meines Schattens.
Recht bedacht, war er vielleicht nur lästig. Diese Lästigkeit wurde freilich mit der Zeit eine Feindseligkeit, die ans Leben ging. Der andere wurde allgegenwärtig ‒ auch wenn er nicht in Person neben mir war. War ich einmal froh, verlor ich sofort die Freude, weil ich sie in Gedanken von meinem Feind geäfft und damit bestritten sah. Ebenso war es mit sonstigen Lebensgefühlen ‒ Stolz, Trauer, Zorn, Zuneigung: Im Schattenspiel verloren sie auf der Stelle ihre Echtheit. Und wo ich mich am lebendigsten fühlte, in der Versenkung, da drängte sich nun der Widersacher schon bei der geringsten Annäherung zwischen mich und den Gegenstand, ob dieser ein Buch, ein Wasserplatz, eine Feldhütte oder ein Auge war, und schnitt mich ab von der Welt. Mörderischer konnte sich kein Haß ausdrücken als in solch ständigem, wie unter lautlosen Peitschenhieben erfolgendem Nach-Stellen. Ich faßte es nicht, derart gehaßt zu werden, und versuchte eine Versöhnung. Doch er war nicht zu begütigen. Er stutzte nicht einmal, machte nur, fallbeilschnell, meine Versöhngeste nach. Kein Tag, auch kein Traum verging mehr ohne meinen Bewacher. Als ich ihn dann zum ersten Mal anschrie, wich er nicht etwa zurück, sondern horchte auf: Der Schrei war das Zeichen, auf das er gewartet halte. Und wer schließlich tätlich wurde, das war ich. Ich wußte, zwölf Jahre alt, im Gedränge mit dem andern, nicht mehr, wer ich war; das hieß: Ich war nichts mehr; und das hieß: Ich wurde böse. Mein Kindheitsfeind zeigte mir (und ich bin mir sicher, er hatte es klar so vorbedacht), daß ich böse war, daß ich böser als er, ein Böser war.
Anfangs wehrte ich mich mit einem bloßen Gefuchtel, das eher etwas von dem Umsichschlagen jemandes hatte, der zu ertrinken droht. Der andere ging mir dabei nicht von der Seite, hielt mir statt dessen, als eine Aufforderung, sein Gesicht hin. Die Larve kam so nah, wie vielleicht, in einem Falltraum, die Aufschlagstelle sich nähert. Daß ich da hineingriff, war aber nicht nur ein Reflex der Abwehr, sondern auch die Äußerung, das Einbekenntnis, das Geständnis, auf das alle Welt gewartet hatte: Ich war dem hier gleich; ich gab endlich zu, indem ich handgreiflich wurde, meinem Feind der noch viel bösere Feind zu sein. Und wirklich hatte ich, in der Berührung der fremden Mundflüssigkeit und des Nasenschleims, eine Zweifachempfindung der Gewalt und des Unrechts, wie ich sie nie mehr erleben wollte. Vor mir eine Triumphmaske: »Es gibt für dich kein Zurück mehr!« Nun trat ich ihn in den Hintern, und zwar von ganzem Herzen! Er wehrte sich nicht, hielt nur stand, mit einem unerschütterlichen Grinsen. Er hatte sein Ziel erreicht: Von diesem Tag an war ich, vor aller Augen, sozusagen »sein Schläger«. Er hatte jetzt den Grund und das Recht, mich nie mehr in Frieden zu lassen. Unsere bis dahin verborgene Feindschaft war übergegangen in einen Krieg, und der mußte offen ausgetragen werden, ohne eine andere Ausgangsmöglichkeit als unser beider gemeinsamer Höllensturz. Daß dann sein Vater mich einmal beobachtete, wie ich seinen Sohn schlug, herbeigerannt kam, uns trennte, mich zu Boden warf und mit den Stallschuhen (in einer großen Fistellitanei mir Namen gebend, die mein eigener Vater sonst nur als Bannstrahl gegen den Hangrutsch, das Blitzfeuer, den Hagel und die Haus- und Flurschädlinge losließ) auf mir herumtrampelte, geschah zu meinem Glück ‒ die einzige Art des Glücks übrigens, von der ich, nicht nur damals, sondern auch ein Jahrzehnt später noch, überhaupt wußte.
Die Mißhandlung löste mir die Zunge, und ich konnte der Mutter (ja, ihr) von dem Feind erzählen. Jene Erzählung begann mit einem Befehl: »Hör zu!«, und schloß mit einem andern Befehl: »Tu etwas!« Und die Mutter wurde, wie immer in der Familie, die Handelnde: Sie handelte, indem sie mit dem Zwölfjährigen, unter dem Vorwand, Priester und Lehrer hätten sie überredet, zur Aufnahmsprüfung ins Internat fuhr.
Auf dem Rückweg von der Prüfung versäumten wir in Klagenfurt den letzten Zug nach Bleiburg. Wir gingen zur Stadt hinaus und standen an der Ausfahrtsstraße, in der Dunkelheit und im Regen, ohne daß ich mich erinnere, naß geworden zu sein. Nach einiger Zeit hielt ein Autofahrer, unterwegs nach Jugoslawien, ins Untere Drautal, nach Maribor oder Marburg, und nahm uns mit. Es waren keine Rücksitze in dem Auto, und wir saßen hinten auf dem Boden. Da die Mutter dem Mann unser Ziel auf slowenisch angegeben hatte, versuchte sich dieser zunächst mit ihr zu unterhalten. Doch als er merkte, daß sie, bis auf die Grußformeln und ein paar Volksliedstrophen, von der Sprache nichts wußte, schwieg er. Von dieser stummen Nachtfahrt, hinten auf dem Blechboden des Fahrzeugs, blieb mir ein Bild der Einheit mit meiner Mutter, das, zumindest in den darauffolgenden Internatsjahren, sich immer wieder als gültig und wirksam erwies. Die Mutter hatte sich für die Reise Wasserwellen legen lassen, war einmal ohne das Kopftuch, und das Gesicht, bei aller Schwere des fünfzigjährigen Körpers, kam mir, ab und zu von einem Lichtstrahl gestreift, jung vor. Mit angezogenen Knien saß sie da, die Handtasche neben sich. Außen an den Scheiben liefen schräg die Tropfen weg, und drinnen im Trockenen rutschten uns bei jeder Kurve irgendwelche Werkzeuge, Pakete mit Nägeln, leere Kanister entgegen. Zum ersten Mal im Leben erfuhr ich da in mir etwas Unbändiges, Ungestümes ‒ etwas wie Zuversicht. Mit der Hilfe der Mutter war ich auf den Weg gebracht worden, der für mich der richtige war. Davor und auch danach habe ich die Frau, fremd wie sie mir erschien, nicht selten buchstäblich verleugnet ‒ allein das ihr entsprechende Wort kam mir kaum über die Lippen ‒, doch an dem Sommerregenabend von 1952 war es mir einmal selbstverständlich, eine Mutter zu haben und ihr Sohn zu sein. Auch war sie da ja nicht das Bauernweib, die Landarbeiterin, die Stallmagd oder die Kirchgängerin, als die sie im Dorf oft verkleidet ging, sondern enthüllte, was dahinter war: die Wirtschafterin eher als die Hausfrau, die Weltläufige eher als die Bodenständige, die Handelnde eher als die Zuschauerin.
An der Abzweigung nach Rinkenberg ließ uns der Fahrer aussteigen. Ich merkte gar nicht, daß sich die Mutter bei mir eingehängt hatte, bis sie sich einmal im Kreis drehte. Es regnete nicht mehr, und die Petzen stand am Rand der Ebene im Mondlicht, jede Einzelheit deutlich wie eine Bilderschrift: die Bachschluchten, die Felswände, die Baumgrenze, die Karmulden, die Gipfelzeile; »unser Berg!«. Die Mutter sagte weiter, lang vor dem Krieg sei da unten, den Berg entlang, mein Bruder in die gleiche Richtung wie »unser Chauffeur« jetzt gefahren, südostwärts über die Grenze, in die Landwirtschaftsschule nach Maribor.
Die fünf Jahre im Internat sind eine Erzählung nicht wert. Es genügen die Wörter Heimweh, Unterdrückung, Kälte, Gemeinschaftshaft. Das Priestertum, auf das wir alle angeblich abzielten, winkte mir keinmal als eine Bestimmung, und auch kaum ein andrer der Jugendlichen kam mir berufen vor; das Geheimnis, welches dieses Sakrament noch in der Dorfkirche ausgestrahlt hatte, wurde hier von morgens bis abends entzaubert. Keiner der zuständigen Geistlichen begegnete mir je als ein Seelsorger; entweder saßen sie zurückgezogen in ihren warmen Privatgemächern, und wenn sie einen zu sich kommen ließen, war es höchstens, um zu verwarnen, zu drohen und auszuhorchen ‒ oder sie gingen, immer in ihren schwarzen, bodenlangen Soutanen-Uniformen, das Gebäude ab als Wärter und Aufseher, von denen es eben solche und solche gab. Selbst am Altar, bei der täglichen Messe, verwandelten sie sich nicht in die Priester, zu denen sie doch einmal geweiht worden waren, sondern führten jede Einzelheit der Zeremonie aus in der Rolle des Ordnungshüters: Standen sie abgekehrt, in Schweigen, mit zum Himmel erhobenen Armen, so schienen sie zu lauschen, was hinter ihrem Rücken geschah, und wendeten sie sich dann um, wie um alle zu segnen, so wollten sie nur mich ertappen. Wie anders war es mit dem Pfarrer des Dorfs gewesen: Gerade hatte er noch vor meinen Augen die Kisten mit den Äpfeln in den Keller geschafft, die Radionachrichten gehört, sich die Haare aus den Ohren geschnitten ‒ und jetzt stand er im Prachtornat im Gotteshaus und beugte das Knie, mochte dieses auch knacken, vor dem Allerheiligsten, entrückt uns übrigen, die aber gerade so zu einer Gemeinde wurden.
Die einzige schöne Gesellschaft in der Geistlichenkaserne dagegen erfuhr ich allein, beim Lernen. Im Alleinlernen nahm eine jede Vokabel, die ich behielt, eine jede Formel, die ich richtig anwendete, ein jeder Flußlauf, den ich auswendig nachzeichnen konnte, jenes einzige Ziel vorweg, wonach es mich damals drängte: draußen, im Freien, zu sein. Auf die Frage, was ich mir unter einem »Reich« vorstelle, hätte ich kein bestimmtes Land genannt, sondern das »Reich der Freiheit«.
Und als die Verkörperung jenes bis dahin nur im Lernen erahnten Reichs erschien mir gerade der Mensch, der dann im letzten Internatsjahr mein großer Feind wurde. Diesmal war es kein Gleichaltriger, sondern ein Erwachsener, auch kein Geistlicher, sondern einer von draußen, aus der Welt, ein Weltlicher, ein Lehrer. Er war noch sehr jung, hatte eben erst fertigstudiert und wohnte in dem sogenannten Lehrerhaus, das, mit dem Internatsschloß und der in den Hang gegrabenen Bischofsgruft, auf dem abgelegenen, baumlosen Hügel im weiteren Umkreis das einzige Gebäude war. So unauffällig ich allen sonst war (noch Jahrzehnte danach hörte ich bei Begegnungen mit anderen Ehemaligen die immergleiche Beschreibung »still, abseits, in etwas vertieft«, in der ich mich nicht wiedererkannte): Er bemerkte mich sofort. Was er vortrug, richtete er an mich, so als gäbe er mir eine Privatstunde. Dabei sprach er ohne einen Tonfall der Belehrung; schien mich eher mit jedem Satz zu fragen, ob ich mit seiner Art, den Stoff zu gliedern, einverstanden sei. Ja er tat, als sei mir der Stoff längst vertraut, und er erwarte von mir nur jeweils ein bestätigendes Nicken, daß er den übrigen nichts Falsches erzähle. Und als ich ihn einmal tatsächlich verbesserte, spielte er nicht etwa drüber hinweg, sondern äußerte fröhlich seine Begeisterung darüber, wie ein Schüler doch mehr sein könne als jeder Lehrer: So habe er sich das immer gewünscht. Ich war keinen Moment geschmeichelt ‒ es war etwas ganz anderes: Ich fühlte mich erkannt. Nach Jahren des Übersehenwerdens wurde ich endlich wahrgenommen, und das war geradezu eine Erweckung. Und ich erwachte im Überschwang. Eine Zeitlang war alles gut: Ich, die Gleichaltrigen, und vor allem der junge Lehrer, mit dem ich nach dem Unterricht in Gedanken täglich hinüber zum Lehrerhaus ging, heraus aus dem kurzatmigen Glaubensverlies in einen Luftraum des Studierens, Forschens und Weltbetrachtens; in eine Einsamkeit, die ich mir damals als etwas Herrliches dachte. Wenn er an den Wochenenden wegfuhr, waren meine Gedanken bei ihm in der Stadt, wo er nichts tat, als sich für die Schultage zu sammeln; und blieb er einmal da, bezeichnete mir das einzelne beleuchtete Fenster draußen am Lehrerhaus ein ganz anderes Ewiges Licht als das zuckende Flämmchen neben dem Altar der finsteren Internatskirche.
Nie kam es mir dabei in den Sinn, etwa selbst ein Lehrer zu werden ‒ ich wollte immer ein Schüler bleiben, zum Beispiel eines solchen Lehrers, der zugleich der Schüler des Schülers war. Das ging freilich nur im Abstand, und diesen so notwendigen Abstand verspielten wir, ich vielleicht im Überschwang des Erwachens, und er vielleicht im Überschwang einer Entdeckung, von der er sich bis dahin nur hatte träumen lassen. Vielleicht war es aber auch so, daß ich es auf die Dauer nicht ertrug, mich als erwählt zu denken. Es trieb mich geradezu, das Bild, das er sich von mir gemacht hatte, so sehr es auch meinem Innersten entsprach, zu zerstören. Ich wollte aus seinem Blickfeld. Ich sehnte mich, wieder im verborgenen zu leben, wie die sechzehn Jahre zuvor, versteckt in der weitläufigen, blauen Höhlung meines Lernpults, wo niemand von mir eine, auch noch so hohe, Meinung haben konnte ‒ ja jetzt, nachdem ich jemandem so nahe bekannt geworden war, wie nicht einmal dem seinerzeit oft in mir spukenden Doppelgänger, erst recht und erst schön im verborgenen. Über einen bestimmten Augenblick hinaus als ein Muster oder gar Wunder zu gelten, und zwar nicht etwa vor den andern, sondern vor sich selber, das war nicht auszuhalten; es verlangte mich, in Widersprüchen zu verschwinden. So zog ich, gerade als mich, nach einer wohl wieder einmal mein »Mitdenken« beweisenden Zwischenfrage, ein großer Blick der Freude, ja Bewegtheit traf, eine fürchterliche Grimasse, die lediglich von mir ablenken sollte, den jungen Lehrer aber, ich fühlte es im gleichen Moment mit ihm, ins Herz traf. Er erstarrte, verließ dann die Klasse und kehrte in dieser Stunde nicht mehr zurück. Niemand wußte, was mit ihm war, außer mir: Er glaubte, gerade mein wahres Gesicht gesehen zu haben; meinen Ernst, die Liebe zu den Lerngegenständen, die Zuneigung zu ihm, dem in seiner Sache ganz Aufgehenden, hatte ich bloß vorgetäuscht; ich war ein Schwindler, ein Heuchler und ein Verräter. Während die andern sich aufgeregt unterhielten, blickte ich ruhig zum Fenster hinaus. Der Lehrer stand unten auf dem Vorplatz, mit dem Rücken zum Gebäude, und als er sich umdrehte, genau zu mir, sah ich nicht seine Augen, sondern die gespitzten Lippen, hart wie ein Vogelschnabel. Es tat mir weh, und es war mir recht. Ich genoß es sogar, endlich niemanden zu haben als mich selber.
In der Folgezeit wurde der Vogelmund nur noch spitzer. Jedoch nicht mit einem hassenden Feind hatte ich es zu tun, sondern mit einem kalten Vollstrecker, dessen einmal gefälltes Urteil unwiderruflich war. Und die Lernpulthöhle zeigte sich nicht als die gedachte Asylstätte. Mit dem Lernen war es vorbei. Der Lehrer bewies mir jeden Tag, daß ich nichts wußte, oder daß, was ich wußte, nicht »verlangt« war: Mein sogenanntes Wissen war irgendein »Zeug«, nicht der »Stoff«; es kam nur aus mir und galt, in dieser Form, ohne eine von der Allgemeinheit beglaubigte Formel, niemandem. Ich starrte in die Höhlung, wo mir einmal, die Stirn erwärmend, die helle Welt der Zeichen, der Unterscheidungen, der Übergänge, der Verbindungen und der Gemeinsamkeiten geblaut hatte, und war allein mit der schwarzen Wolke in mir. Unvorstellbar, sie könnte sich auflösen; sie wurde schwerer, breitete sich aus, stieg in den Mundraum, die Augen, verschlug mir Stimme und Blick, was freilich nicht auffiel: In der Kirche hatte ich beim Gemeinschaftsbeten ohnehin meist nur die Lippen bewegt, und in der Schule wurde ich, da der Lehrer zugleich der Hauptlehrer war, bald weder gefragt noch überhaupt wahrgenommen. In dieser Zeit erfuhr ich, was es hieß, die Sprache zu verlieren ‒ nicht nur ein Verstummen vor den andern; auch kein Wort, kein Laut und keine Geste mehr vor sich selber. Eine solche Stummheit schrie nach Gewalt; ein Einlenken war nicht denkbar. Und die Gewalt konnte sich, zum Unterschied von dem kleinen Feind, nicht nach außen kehren; der große Feind, er lastete im Innern, auf der Bauchhöhle, dem Zwerchfell, den Lungenflügeln, der Luftröhre, dem Kehlkopf, dem Gaumensegel, versperrte die Nüstern und die Gehörgänge, und das von ihm eingeschlossene Herz in der Mitte, es schlug, klopfte, pulste, pochte, schwirrte und blutete nicht mehr, sondern tickte, scharf, spitz und böse.
