Dr. Holl 1880 - Arztroman - Katrin Kastell - E-Book

Dr. Holl 1880 - Arztroman E-Book

Katrin Kastell

0,0
1,49 €

Beschreibung

"Tooor!", schallt es aus unzähligen Kehlen, als Felix für die Fußballmannschaft der Geschwister-Scholl-Schule den Siegtreffer beim Halbfinale der Schulmeisterschaften schießt. Freudetrunken liegen sich die Spieler in den Armen. Vor einem Jahr hätte niemand auch nur einen Cent auf den Sieg dieser Mannschaft gesetzt. Dann aber kam Rasmus Petersen, ihr Trainer, an die Schule, der für den Fußball brennt. Nun hält ihn nichts mehr auf seinem Platz, obwohl er sich erst vor zwei Wochen eine komplizierte Sprunggelenkfraktur zugezogen hat. "Absolute Schonung!", wurde ihm nach der Operation von Dr. Holl ans Herz gelegt. Doch Rasmus hat den Gips heute Morgen entfernt und läuft nun tatsächlich - ohne Krücken! - aufs Spielfeld. Ein verhängnisvoller Leichtsinn ...

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 121

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



Inhalt

Cover

Impressum

Der leichtsinnige Patient

Vorschau

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige eBook-Ausgabeder beim Bastei Verlag erschienenen Romanheftausgabe

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

© 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Programmleiterin Romanhefte: Ute Müller

Verantwortlich für den Inhalt

Titelbild: George Rudy / shutterstock

eBook-Produktion:3w+p GmbH, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 9-783-7325-9210-4

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

www.bastei.de

Der leichtsinnige Patient

Er hörte nicht auf den Rat der Ärzte

Von Katrin Kastell

„Tooor!“, schallt es aus unzähligen Kehlen, als Felix für die Fußballmannschaft der Geschwister-Scholl-Schule den Siegtreffer beim Halbfinale der Schulmeisterschaften schießt. Freudetrunken liegen sich die Spieler in den Armen. Vor einem Jahr hätte niemand auch nur einen Cent auf den Sieg dieser Mannschaft gesetzt. Dann aber kam Rasmus Petersen, ihr Trainer, an die Schule, der für den Fußball brennt. Nun hält ihn nichts mehr auf seinem Platz, obwohl er sich erst vor zwei Wochen eine komplizierte Sprunggelenkfraktur zugezogen hat. „Absolute Schonung!“, wurde ihm nach der Operation von Dr. Holl ans Herz gelegt. Doch Rasmus hat den Gips heute Morgen entfernt und läuft nun tatsächlich – ohne Krücken! – aufs Spielfeld. Ein verhängnisvoller Leichtsinn …

„Guten Morgen, liebe Frau Junghans!“ Die stämmig gebaute Frau mit Kurzhaarfrisur, Jeans und bedrucktem Sweatshirt trat hinter dem Schreibtisch hervor und Susanna entgegen. „Herzlich willkommen an der Geschwister-Scholl-Schule. Ich bin sehr froh, dass Sie sich für unsere Schule entschieden haben, und ich bin sicher, den Kolleginnen und Kollegen geht es nicht anders.“

„Vielen Dank“, erwiderte Susanna und sah sich flüchtig im Raum um.

Das Büro der Direktorin war ebenso gediegen wie altmodisch in dunklen Farben und mit wuchtigen Möbelstücken eingerichtet, die etwas Einschüchterndes an sich hatten. Ganz wie die Direktorenbüros, die Susanna aus ihrer eigenen Schulzeit kannte. Die resolute, sportliche Frau, die unmöglich älter als Mitte vierzig sein konnte, wirkte darin irgendwie fehl am Platze.

Wie ich wohl auch, dachte Susanna und sah an sich herunter. Sie hatte sich für einen marineblauen Hosenanzug entschieden, der vermutlich das formellste Kleidungsstück darstellte, das sie besaß. Dennoch war er sportlich, bequem und modern wie alles, was sie sich kaufte. Kombiniert mit einer gebügelten taubenblauen Bluse kam sie sich dennoch ein wenig verkleidet vor.

Aber immerhin betonte Blau das Leuchten ihrer Augen, hatte Vincent immer gesagt.

Um ein Haar hätte Susanna aufgelacht. Vincent weidete sich inzwischen am Leuchten anderer Augen. Susanna hatte ohne großes Drama die Scherben ihres Lebens und die ihres Herzens wieder zusammengeleimt und fand sich nun allein zurecht.

Der Umzug nach München war dazu genau der richtige Schritt gewesen. Sie hatte sich kurzerhand versetzen lassen, sich eine kleine Wohnung gesucht und würde morgen, am ersten Tag nach den Winterferien, ihren Dienst in einer neuen Schule antreten.

Auf dem Dorf wäre sie Vincent und seiner neuen Flamme Jennifer vermutlich ununterbrochen über den Weg gelaufen, was für keinen der drei Beteiligten angenehm gewesen wäre. Außerdem kam sie dort draußen in ihrem Heimatort, wo Fuchs und Hase sich gute Nacht sagten, beruflich nicht weiter.

Sie hatte die Trennung von Vincent nicht bewusst herbeigeführt. Im Nachhinein erwies diese sich jedoch als ein Segen und als der richtige Zeitpunkt für einen Neuanfang.

„Ich freue mich auch sehr“, sagte Susanna zu der Frau, die sie so herzlich empfangen hatte. „Ich sollte mich eigentlich hier mit Frau Thormeyer treffen. Wird sie gleich da sein? Oder ist ihr etwas dazwischengekommen?“

„Sie ist schon da.“ Die Frau mit der Kurzhaarfrisur lachte auf und streckte Susanna ihre Hand entgegen. „Gestatten? Marianne Thormeyer. Direktorin der Geschwister-Scholl-Schule.“

„Sie sind …“, stammelte Susanna ungläubig, obwohl sie als kleine Schwester von vier Brüdern alles andere als auf den Mund gefallen war. „Sie sind die Direktorin?“

Wenn Sie ehrlich war, hatte sie eine wesentlich ältere, gesetztere Frau mit Dutt und Hornbrille erwartet. Weibliche Schulleiter waren an Gymnasien noch immer rar gesät. Schaffte es doch einmal eine Frau auf den begehrten Posten, dann war sie grundsätzlich im reiferen Alter und von eher konservativer Weltsicht.

Marianne Thormeyer hob sich davon deutlich ab, und Susanna stellte gerade fest, wie gut ihr das gefiel.

Die Schulleiterin lachte über ihre Verwunderung.

„Was meinen Sie, wie oft ich einen Gesichtsausdruck wie den Ihren zu sehen bekomme, wenn ich mich vorstelle“, sagte sie. „Aber ja, ich bin seit Beginn des Schuljahrs hier Direktorin, das Schulamt hat sich nach langem Hin und Her für mich entschieden. Ich hoffe, wir werden wunderbar zusammenarbeiten. Ich habe mich für Ihre Bewerbung starkgemacht, weil ich eine frische weibliche Kraft im Fachbereich Sport für dringend nötig halte. Und weil mir Ihr Lebenslauf imponiert hat.“

Jetzt war es an Susanna zu lachen.

„Tatsächlich?“

„Ja, tatsächlich.“ Marianne Thormeyer nickte. „Es imponiert mir immer, wenn Frauen den Mut beweisen, unkonventionelle Wege zu gehen und in klassische Männerdomänen vorzudringen. Darf ich fragen, was Sie letztlich dazu bewogen hat, Ihre doch höchst vielversprechende Laufbahn aufzugeben?“

Susanna zuckte mit den Schultern. Ein wenig tat es immer noch weh, aber eben nur ein wenig. Sie hatte als Lehrerin Beruf und Berufung gleichzeitig gefunden.

„Man verdient als Frau einfach nicht genug“, antwortete sie. „Jedenfalls nicht, wenn man sich eine gesicherte Existenz wünscht und sich etwas aufbauen will.“

„Verstehe.“ Marianne Thormeyers Stimme klang mitfühlend. „So etwas Ähnliches hatte ich mir schon gedacht. Genau deshalb sagte ich ja: Männerdomäne. Es gibt noch immer Etliches, das Frauen einfach nicht zugetraut wird, und wenn sie zeigen, dass sie es doch können, schaut gerade kein Mann hin.“

Susanna musste schon wieder lachen, aber diesmal lag ein wenig Bitterkeit darin.

„Sie sagen es.“

„Und ich muss Sie warnen“, gab Marianne Thormeyer zurück. „Hier an der Schule sieht es diesbezüglich leider kein bisschen besser aus als im Rest des Landes. Ich möchte das ändern, und Kolleginnen wie Sie, die unseren Schülerinnen ein Vorbild sein können, kommen mir da wie gerufen. Was die Herren Kollegen betrifft, legen Sie sich aber besser ein dickes Fell zu.“

„Ich habe schon eines“, versicherte Susanna. „Ich bin als einziges Mädchen mit vier älteren Brüdern aufgewachsen.“

„Wunderbar“, kommentierte Marianne Thormeyer. „Eine bessere Vorbereitung auf den Umgang mit unseren Herren der Schöpfung gibt es gar nicht. Apropos. Herr Kramer, Ihr Fachbereichsleiter, wird jeden Augenblick hier sein. Er hat es sich nicht nehmen lassen, persönlich zu erscheinen, um Sie auf den Sportanlagen herumzuführen und Ihnen alles zu erklären.“

„Das ist aber nett“, sagte Susanna. „Dass er sich heute, an seinem letzten Ferientag, Zeit dafür nimmt.“

„Das könnte man so sehen“, stimmte Marianne Thormeyer zu. „Man könnte sich aber auch fragen, ob Herr Kramer die Ansicht vertritt, eine Frau sei ohne männlichen Beistand nicht in der Lage, eine mies ausgestattete Turnhalle und einen reichlich heruntergekommenen Sportplatz abzulaufen und eine Umkleidekabine, einen Geräteschuppen und ein Fußballtor als solche zu erkennen.“

Susanna musste schon wieder lachen und stellte fest, dass sie Marianne Thormeyer mochte.

„Ich fürchte, die Arbeit mit Ihnen wird meinem Zwerchfell einiges abverlangen“, meinte sie.

„Lassen Sie uns darauf ein Bier im ‚Peter & Paul’ trinken gehen, wenn der Herr Fachbereichsleiter Kramer mit Ihnen fertig ist“, schlug Marianne Thormeyer trocken vor.

„‚Peter & Paul’?“, fragte Susanna.

„Die Stammkneipe des gesamten Kollegiums“, erklärte Marianne Thormeyer. „Der Inhaber heißt weder Peter noch Paul, sondern Jürgen, aber da er am Namenstag der Heiligen Peter und Paul seinen Laden eröffnet hat, ist der Name eben hängen geblieben. Nicht nur an der Kneipe, sondern auch an ihm. Wir rufen ihn alle Peter-Paul. Ein großer Fußballfan übrigens.“

„Ich bin dabei, den Peter-Paul lasse ich mir nicht entgehen“, versprach Susanna fröhlich. „Vorausgesetzt, ich überlebe den Herrn Fachbereichsleiter.“

„Keine Sorge, Michael ist ein netter Kerl“, versicherte Marianne Thormeyer eilig. „Im Grunde sind sie alle nette Kerle. Einschließlich meines Lieblingsfeindes Rasmus Petersen. In gewisser Weise ist unser Herr Petersen sogar besonders nett, auch wenn ich fürchte, an ihm werden Sie sich so manchen Zahn ausbeißen.“

Mit der Zungenspitze fuhr Susanna über die obere Reihe ihrer gesunden Zähne.

„Das ist kein Problem“, beruhigte sie die Direktorin. „Ich habe einen guten Zahnarzt. Und ich bin auch sonst nicht zart besaitet.“

„Umso besser.“ Marianne Thormeyer wollte noch etwas hinzufügen, doch in diesem Moment öffnete sich die Tür des Büros, und ein Mann in Susannas Alter steckte seinen strubbeligen blonden Lockenkopf herein.

„Hallo, Marianne, schönen Ferien gehabt?“, begrüßte er auf sympathische, jungenhafte Art die Direktorin. „Ich bin hier, um die neue Sportlehrerin abzuholen. Frau Junghans.“ Im selben Atemzug bemerkte er Susanna. „Ach, Sie sind schon da? Umso besser.“

Mit zwei langen Schritten war er im Zimmer und reichte ihr die Hand. Sein Gesicht war offen, freundlich und selbst jetzt, am Ende eines langen Winters, von Sommersprossen übersät.

„Herzlich willkommen bei uns. Ich bin Michael Kramer, Fachbereichsleiter für Sport. Aber hier unter uns Kollegen nennen wir uns alle beim Vornamen. Also, ich bin der Micha.“

„Sehr erfreut, Micha.“ Sie schlug in die dargebotene Hand ein. „Ich bin Susanna.“

Statt die Hand wieder loszulassen, hielt Michael Kramer sie fest und sah ihr derart intensiv in die Augen, als wolle er nie mehr damit aufhören. Susanna begann schon, sich unbehaglich zu fühlen.

„Hat Ihnen schon einmal jemand gesagt, dass Sie unwahrscheinlich schöne blaue Augen haben, Susanna?“, fragte er da.

„Blau steht in meinem Ausweis“, konterte Susanna. „Und ja, ich nehme an, ‚unwahrscheinlich schön’ habe ich schon das eine oder andere Mal gehört.“

Es sprach für Micha Kramer, dass er lachen musste. Er ließ ihre Hand nun los.

„Ich sehe schon, bei Ihnen muss man sich ein bisschen mehr anstrengen.“

„Am besten ist man einfach freundlich und kollegial und lässt es dabei bewenden“, erwiderte Susanna. „Damit kann ich wunderbar umgehen und verspreche, nicht zu beißen.“

„Einverstanden.“ Micha Kramers Blick wirkte noch immer ein wenig sehnsüchtig, aber er schien tatsächlich ein netter Kerl zu sein, der wusste, wann er sich besser geschlagen gab. „Wollen wir uns dann die Sportanlagen ansehen?“

„Mit dem größten Vergnügen.“ Susanna ging zur Tür, und Micha Kramer folgte ihr. Ehe sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal nach Marianne Thormeyer um. „‚Peter & Paul’?“

Die Direktorin nickte und zwinkerte ihr zu.

***

„Das war so toll, Papa. So unglaublich toll. Darf ich das nächste Mal wieder mitfahren?“ Mit leuchtenden Augen und geröteten Wangen stieg Chris aus dem Reisebus.

„Langsam, langsam.“ Dr. Holl lachte und nahm seinem jüngeren Sohn den Rucksack ab. „Du bist ja noch nicht einmal richtig angekommen, und da denkst du schon daran, wieder auf Reisen zu gehen? Du hast uns gefehlt, Chris. Hast du etwa gar keine Lust, uns erst einmal alle wiederzusehen?“

„Doch, natürlich“, antwortete Chris und drückte seinen Vater an sich. Ein wenig flüchtig zwar, denn schließlich wollte man mit fünfzehn ja cool wirken, und die anderen Jungen sahen zu, aber dennoch innig. „Es war doch nur so supertoll im Fußballcamp.“

„Das freut mich sehr für dich.“ Mit Chris an der Seite ging der Vater um den Bus herum zur Gepäckklappe, um Chris’ Reisetasche zu holen. „Wirklich schön, dass die Reise so ein voller Erfolg war.“

Wenn Dr. Holl ehrlich war, hatte er gar nicht damit gerechnet. Chris hatte am Fußball nie sonderlich viel Interesse gezeigt. Er war nicht so forsch und extrovertiert wie sein älterer Bruder Marc, sondern eher zurückhaltend. In der Schule tat er sich schwer, sosehr er sich auch anstrengte.

Stefan Holl und seine Frau Julia hatten nach etwas gesucht, bei dem Chris sich in den Ferien einmal so richtig auspowern konnte. Das Inserat für das Fußballcamp hatte Dr. Holl in der Zeitung entdeckt und es eher halbherzig vorgeschlagen.

Chris hatte beschlossen, es auszuprobieren, und wie sich jetzt zeigte, hatte es sich als Volltreffer entpuppt.

„Ich hätte gar nicht gedacht, dass du noch deine Begeisterung für Fußball entdeckst“, sagte Dr. Holl zu seinem Sohn.

„Wenn Rasmus von Fußball spricht, muss man sich einfach dafür begeistern“, erklärte ihm Chris. „Abends, wenn wir zusammensaßen, hat er uns von der Kameradschaft unter den Spielern erzählt. Einer für alle, alle für einen. Er kannte einen Torwart, der mit einem gebrochenen Bein weitergespielt hat, um seine Mannschaftskameraden nicht zu enttäuschen.“

„Und so etwas erzählst du ausgerechnet deinem Vater, einem Arzt?“ Dr. Holl schmunzelte. „So ein heldenhafter Torwart könnte seine leichtsinnige Aktion mit einem steifen Bein bezahlen, wenn er Pech hat. Wenn du mich fragst, sind die besten Kameraden die, die einem bei solchem Leichtsinn sagen: Ab zum Arzt mit dir, alter Junge.“

„Ja klar, damit hast du ja recht“, gab Chris zu. „Das war doch nur ein Beispiel.“

„Ich verstehe ja auch, was du meinst, Chris. So eine Mannschaft, die durch Siege und Niederlagen zusammenhält, das ist schon eine tolle Sache.“

Dr. Holl verstand jetzt auch, was Chris an der Woche im Fußballcamp so begeistert hatte. Sein jüngerer Sohn war äußerst sozial eingestellt, und das Wichtigste war für ihn die Gemeinschaft mit anderen Menschen. Dass die übrigen Jungen ihn als einen der ihren akzeptiert hatten, obwohl er kein erfahrener Spieler war, musste ihm ausgesprochen gutgetan haben.

Und dass Rasmus Petersen, der Leiter, es geschafft hatte, Jungen in so kurzer Zeit zu einer Gruppe zusammenzuschweißen, sprach für seine Fähigkeiten.

Dr. Stefan Holl kannte Rasmus Petersen flüchtig, weil in der von ihm geleiteten Berling-Klinik, die sein Schwiegervater Walter Berling gegründet hatte, auch Sportuntersuchungen durchgeführt wurden.

Der junge Mann hatte sich einer Tauglichkeitsuntersuchung unterziehen müssen, wie es für Sportlehrer einmal jährlich Pflicht war. Er war gesund wie der sprichwörtliche Fisch im Wasser und hatte sich über die Vorschrift amüsiert.

„Die vielen Klagen über unser Gesundheitssystem wundern mich gar nicht mehr, wenn bei uns die Gesunden zum Arzt gehen müssen“, hatte er gesagt. „Am besten lasse ich mich gleich bei Ihnen einweisen, Herr Doktor. Dann kann ich in einem Ihrer gemütlichen Betten kerngesund eine Woche blaumachen.“

Manchmal hätte Dr. Holl Patienten wie ihn gern gewarnt: Sei dankbar dafür, dass du so kerngesund bist, und tu alles, damit es so bleibt. Regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen und Arztbesuche, sobald sich Symptome zeigten, gehörten dazu.

Der Leiter der Berling-Klinik wusste jedoch aus zwanzig Jahren Berufserfahrung, dass er sich die Worte bei Männern wie Rasmus Petersen sparen konnte. Sie waren verlorene Liebesmüh. Männer wie er, die vor Gesundheit strotzten, waren im Innersten überzeugt, das ewige Leben zu besitzen und gegen Gefahren gefeit zu sein.

Dr. Holl konnte dem jungen Lehrer nur wünschen, dass es so blieb. Trotz dessen Abneigung gegen Ärzte war Rasmus Petersen ihm sympathisch, weil ihm die Kinder und Jugendlichen, die er unterrichtete, wirklich am Herzen lagen und er zweifellos für sie durchs Feuer gegangen wäre. Er hatte Humor und sprühte vor Ideen und Tatkraft – ein Lehrer, wie Stefan Holl ihn als Junge selbst gern gehabt hätte.