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Wenn Baron Elliot Ainslie das Familienanwesen vor der Zwangsversteigerung bewahren will, muss er schleunigst seinen Roman zu Ende schreiben - oder zumindest endlich damit anfangen. Doch auf seinem Schloss findet er keine Ruhe. Da kommt die Nachricht seines alten Schulfreundes gerade recht: Dessen Hochzeit ist geplatzt, und er schlägt Elliot vor, die Hochzeitsreise über die romantischsten Flüsse Europas für ihn anzutreten. Ein Glücksfall! Doch Elliot hat nicht damit gerechnet, dass Alice Woods auftaucht - die Braut, die die Reise keinesfalls verfallen lassen will und Elliot von Amsterdam bis Budapest nicht mehr von der Seite weicht! "Wenn dieses Buch zu Ende ist, werden Sie sehr glücklich über die große Ainslie-Familie sein!” The Washington Post Spiegel-Bestseller-Autorin
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Seitenzahl: 436
Veröffentlichungsjahr: 2016
Titel
Widmung
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Die Autorin
Die Romane von Katie MacAlister bei LYX
Impressum
KATIE MACALISTER
Roman
Ins Deutsche übertragen von Theda Krohm-Linke
Dieses Buch ist Janet Avants gewidmet, die ein paar von uns dazu inspirierte, die Kirche von Jante zu gründen, sowie ihrem Mann Gary, weil er kleine Kätzchen und Hunde rettet. Aber hauptsächlich natürlich Janet, weil – hallo! Wie viele Leute erschaffen schon ihre eigene Internet-Religion? Ich knutsche euch beide.
Heutige Ausgaben
Punkt eins: Zehn Pfund
Anmerkung: Brüder sind der Fluch meiner Existenz.
»El-iiii-oooot.«
»Oh, mein Gott, nicht schon wieder!«
»El-iiii-oooot. Nach Hause telefonieren. El-iiii-oooot.«
»Gibt es nichts auf der großen, weiten Welt, was du lieber tun würdest, als mich hier zu nerven?«
»El-iiii-oooot.«
Elliott Edmond Richard Ainslie, achter Baron Ainslie und ältester Bruder von elf größtenteils adoptierten Geschwistern – hauptsächlich Brüder, da seine Mutter glaubte, Jungen seien leichter zu erziehen – lehnte sich mit leidendem Gesichtsausdruck auf seinem Bürosessel zurück. »Sehr lustig, Bertie. Fast so lustig wie die ersten tausendzweihundertzweiunddreißig Mal, in denen du mich mit diesem Filmzitat genervt hast, wobei ich noch einmal nachdrücklich darauf hinweisen muss, dass es E. T. war, der nach Hause telefonieren wollte, und nicht der Junge, der ihn gefunden hat.«
»Ach Mann, das sagst du immer, aber ich finde trotzdem nicht, dass es eine Rolle spielt. Ich meine, Elliott hätte bestimmt auch gerne nach Hause telefoniert, wenn er mit E. T. ins Mutterschiff gegangen wäre, oder?« Bertie, Elliotts jüngster Bruder, hatte es sich mit der trägen Grazie eines Siebzehnjährigen im Sessel neben Elliotts Schreibtisch bequem gemacht.
»Du verwechselst schon wieder die Filme: das Mutterschiff kam in Unheimliche Begegnung der dritten Art vor. Was bist du überhaupt plötzlich so verrückt nach Achtzigerjahre-Filmen? Ich dachte, du lernst für deine Prüfungen.« Elliott betrachtete sehnsüchtig seinen Laptop. Er musste wirklich langsam mit seinem Buch anfangen, wenn er rechtzeitig fertig sein wollte, um die Familie auf ihrer jährlichen Reise in das Waisenhaus und die Schule, die seine Mutter in Kenia gestiftet hatte, zu begleiten.
»Phh, egal.«
»Ach tatsächlich, Bertie? Deine Prüfungen sind dir egal?« Elliott schüttelte den Kopf. »Wenn das dabei herauskommt, dass wir dich nach Amerika schicken, dann muss ich mit Mum einmal darüber reden, ob wir dich im Herbst wieder hinfahren lassen.«
Bertie schnalzte abfällig mit der Zunge. Er drehte sich so auf dem Sessel, dass seine Beine über eine Armlehne hingen. »Mum lässt mich auf jeden Fall hinfahren, ganz gleich, was du sagst. Meine Leute leben dort. Das ist meine Heimat, verstehst du?«
»Deine Leute stammen aus einem kleinen Dorf dreihundert Kilometer von Nairobi entfernt«, korrigierte Elliott ihn. »Das haben jedenfalls die Leute imWaisenhaus zu Mum gesagt, als sie dich adoptiert hat, und ich sehe keinen Grund, warum sie ein kleines Dorf in Afrika mit Brooklyn in New York verwechseln sollten. Aber egal. Möchtest du etwas Bestimmtes, oder bist du nur hierhergekommen, um mir auf die Nerven zu gehen?«
»Elliott!«, erklang eine scharfe Stimme von der Tür her.
Elliott seufzte leise. Jetzt würde er heute Morgen überhaupt nicht mehr zum Arbeiten kommen.
»Sei nicht so gemein zu deinem Bruder! Er braucht deine Liebe und dein Verständnis, um sich in unsere Familie integrieren zu können. Wenn du so böse zu ihm bist, fühlt er sich am Ende noch als Fremder in einem fremden Land.« Lady Ainslie rauschte ins Zimmer, drückte Berties Kopf an ihren beachtlichen Busen und warf ihrem ältesten Sohn einen finsteren Blick zu.
»Er ist schon mit zwei Monaten zu uns gekommen, Mum. Wenn er sich wie ein Fremder fühlt, dann liegt das daran, dass er dieses Gefühl kultiviert, und nicht, weil ich böse zu ihm bin«, rechtfertigte Elliott sich.
»Du musst alle deine Geschwister lieben«, fuhr seine Mutter fort und drückte Berties Gesicht noch fester an ihren Busen. Elliott zuckte mitfühlend zusammen, als Bertie mit den Armen wedelte, um seinen Luftmangel zum Ausdruck zu bringen. »Ganz gleich, wo sie herkommen und welche Hautfarbe oder welche kulturellen Wurzeln sie haben.«
»Ich liebe alle meine Geschwister, auch wenn ich zugeben muss, dass mir die adoptierten lieber sind als die beiden leiblichen.«
»Nun ja, das kommt daher, dass dein Vater und ich Cousins ersten Grades waren«, gab Lady Ainslie zu, ungeachtet der Tatsache, dass sie gerade einen ihrer geliebten Söhne erstickte. »Ehrlich gesagt können wir uns glücklich schätzen, dass die zusammengewachsenen Zehen deiner Schwester Jane das Schlimmste sind, was dabei herausgekommen ist. Aber ich schweife ab. Du darfst nicht auf dem lieben Bertie herumhacken, sonst bekommt er noch einen Komplex.«
Berties wildes Armwedeln war mittlerweile einem schwachen Zucken gewichen, deshalb wandte Elliott ein: »Wenn du ihm weiter so die Luft abschnürst, wird das kein Problem mehr sein.«
»Was? Oh.« Lady Ainslie blickte an sich herunter und ließ Bertie los. Der sank auf den Boden und rang nach Luft. Sein dunkles Gesicht war seltsam fleckig. »Der dumme Junge hätte ja mal etwas sagen können. Nun, weswegen bin ich eigentlich hierhergekommen?«
»Ich habe keine Ahnung. Hat es etwas mit der Renovierung zu tun? Die haben doch nicht etwa schon wieder den Termin verlegt, oder?«
»Nein, nein, sie kommen am Montag, wie geplant. Es wird fürchterlich lästig sein, wenn sie während des Monatstreffens von Mütter ohne Grenzen hier zugange sind, aber es geht wohl nicht anders, wenn die Sache endlich klappen soll.«
»Ja, wenn du nicht willst, dass die Mauern um uns herum einstürzen«, erwiderte Elliott milde.
Er hatte gearbeitet, gespart und jeden Cent umgedreht, bis er nach sieben Jahren endlich genug Geld zusammengekratzt hatte, um mit der Restaurierung des Gebäudes aus dem siebzehnten Jahrhundert beginnen zu können. Es war sein Erbe, doch mit dazu hatte er einen ganzen Haufen Schulden übernommen, nicht zuletzt fraß ihn die Erbschaftssteuer auf.
Wenn sein Vater doch nur ein besseres Händchen für Geld gehabt hätte. Wenn seine Mutter nur nicht ihr eigenes bescheidenes Vermögen dafür aufgebraucht hätte, um die Stiftungen seines Vaters zu unterstützen. Natürlich war Elliott nicht gegen solche wohltätigen Zwecke – er selbst trug seinen Teil im Kampf gegen Kinderarmut und Tierquälerei bei, und er half auch brav bei der Versorgung notleidender Igel mit – doch mitunter wäre es ihm schon lieb gewesen, wenn die Unterstützung seiner großen Familie und die Instandsetzung dieses geldverschlingenden Besitzes nicht allein auf seinen Schultern gelastet hätte.
Er musste unbedingt dieses Buch fertig schreiben. Zum Teufel, er musste überhaupt erst einmal damit anfangen. Ohne das Geld, das ihm die Buchverträge einbrachten, war er aufgeschmissen. Sie alle würden am Hungertuch nagen, von seiner verschwenderischen Mutter bis hin zu Levar, seinem zweitjüngsten Bruder, der sich gerade von einer sehr kostspieligen Operation zur Begradigung eines seiner Beine erholte. »Möchtest du etwas Bestimmtes mit mir besprechen? Wenn du nämlich nur zum Plaudern hereingekommen bist, muss ich ablehnen. Ich muss endlich dieses Buch fertig schreiben. Bertie, hör um Himmels willen endlich mit diesem dramatischen Getue auf. Du liegst nicht im Sterben.«
»Ich habe farbige Punkte gesehen«, sagte Bertie, hörte aber auf, wie ein Fisch auf dem Trockenen nach Luft zu schnappen. »Ich habe ein Licht gesehen und wollte darauf zugehen.«
Elliott wollte schon sein Bedauern ausdrücken, dass Bertie das nicht getan hatte, verbiss sich aber die Bemerkung. Er liebte seine Geschwister wirklich, sogar den so sprunghaften, leichtsinnigen Bertie, der gerade von einem zweimonatigen Besuch bei entfernten Verwandten zurückgekehrt war, die vor langer Zeit aus dem kleinen kenianischen Dorf in die Vereinigten Staaten ausgewandert waren. »Gut. Was habe ich euch beiden über meine Arbeitszimmertür gesagt?«
»Wenn die Tür geschlossen ist, arbeitet Elliott«, erwiderten beide unisono.
»Und wenn ich nicht arbeite …?«
»Dann haben wir nichts zu essen«, antworteten sie.
»Und warum seid ihr beide hier, obwohl ich arbeiten will?«
»Ich brauche zehn Pfund«, sagte Bertie grinsend.
Ihre Mutter warf ihm einen strengen Blick zu. »Du hast doch gerade Taschengeld bekommen. Wofür hast du das denn ausgegeben?«
»Für Mädchen«, antwortete Bertie. Sein Grinsen wurde noch breiter. »Für drei Mädchen. Drillinge mit goldenen Haaren, goldener Haut und Titten, bei denen einem das Wasser im Munde zusammenläuft.«
»Bertie!«, sagte Elliott und wies mit dem Kinn auf ihre Mutter.
»Ach, nun«, sagte Lady Ainslie völlig unbeeindruckt von diesem Ausbruch jugendlicher Libido. »Junge Männer haben nun mal Interesse an Mädchen. Es sei denn, sie sind an Jungs interessiert, was ebenfalls absolut in Ordnung ist, ganz gleich, was Reverend Charles sagt. Und wenn er glaubt, er müsse ein Exempel an der lieben Gabrielle statuieren, nur weil sie mit seiner armen geknechteten Frau durchgebrannt ist, nun, das sollte er sich wirklich noch einmal gut überlegen! Wir Ainslies leben schon seit den Zeiten von Wilhelm dem Eroberer hier in Ainston, und ich lasse nicht zu, dass er jetzt unseren Namen in den Schmutz zieht. Ach, das bringt mich auf den Brief, den ich Charles schicken wollte nach dieser beleidigenden Predigt letzte Woche, die ja ganz offensichtlich gegen mich ging. Elliott, dein Sekretär soll einen Brief formulieren, in dem ich meiner Missbilligung Ausdruck verleihe und ihm drohe, die Spenden an die Kirche einzustellen, wenn er nicht aufhört, Predigten über Mütter zu halten, die ihre Töchter zu Lesbierinnen erziehen, die dann den Männern die Frauen stehlen.«
Seufzend blickte Elliott auf seine Uhr. »Ich habe keinen Sekretär, Mum.«
»Nein?« Vage überrascht blickte sie ihn an. »Das solltest du aber, mein Junge. Du bist schließlich ein berühmter Schriftsteller. Auf dich hören die Leute. Nun, ich würde schrecklich gerne weiter mit dir plaudern, aber ich muss jetzt wirklich gehen und meinen Artikel für die M’kula Times & Agricultural Review schreiben. Es geht um die bevorstehenden Feierlichkeiten an der Lord-Ainslie-Schule für Viehzucht. Man hat mich gebeten, bei der Eröffnung der neuen Mistanlage im nächsten Monat eine Rede zu halten, und ich möchte gerne alle unsere Freunde in Kenia auf dieses wirklich erfreuliche Ereignis aufmerksam machen. Gib deinem Bruder die zehn Pfund. Junge Männer brauchen ständig zehn Pfund.«
»Ach, apropos, hast du schon einmal über meinen Vorschlag nachgedacht?«
»Was für ein Vorschlag?« Ihr Gesicht verfinsterte sich. »Willst du wirklich auf dieser Abscheulichkeit bestehen?«
»Wenn du mit ›Abscheulichkeit‹ meinst, dass sich die Mitglieder dieser Familie einträgliche Anstellungen suchen müssen, dann ja.« Er hob eine Hand, um ihren Protest im Keim zu ersticken. »Mum, ich habe es dir schon mindestens dreimal erklärt: Ich kann nicht mehr alle meine Geschwister unterstützen. Das ist ein Fass ohne Boden, das kann so nicht weitergehen.«
»Du übertreibst«, erwiderte seine Mutter. »Sie sind deine Familie. Du bist ihnen Unterstützung schuldig.«
»In emotionaler Hinsicht, ja. Ich helfe natürlich, wo ich kann. Aber die finanzielle Situation ist nun mal so, dass nur diejenigen weiterbeschäftigt werden können, die auch wirklich für das Anwesen arbeiten. Alle anderen müssen sich einen Job außerhalb suchen. Wir können es uns nicht leisten, sie zu unterstützen, nur weil sie zur Familie gehören.«
»Du bist herzlos und grausam!«, erklärte seine Mutter und legte die Hand auf ihren gewaltigen Busen. »Dein Vater würde sich im Grabe umdrehen, wenn er wüsste, dass du alle deine Geschwister auf die Straße setzen willst, ohne auch nur einen Gedanken an ihr Wohlergehen zu verschwenden.«
»Ich mache mir sehr viele Gedanken um ihr Wohlergehen, aber ich bin auch verantwortlich für dieses Anwesen mit all seinen Angestellten und Pächtern. Mum, es tut mir leid, aber es gibt keine andere Möglichkeit. Wenn ich jetzt nicht die Reißleine ziehe, dann wird der Besitz versteigert, und ich denke, das möchte keiner.«
»Aber deine Geschwister! Was sollen sie denn tun? Wovon sollen sie leben?«
Elliott lächelte grimmig. »Genauso wie wir anderen. Sie werden arbeiten müssen.«
Seine Mutter keuchte entsetzt. »Du willst wirklich alle den Wölfen zum Fraß vorwerfen?«
»Wohl kaum. Dixons Job als Verwalter ist sicher – er nimmt mir einen Großteil der Arbeit ab. Gunner hat einen Job, um ihn brauchen wir uns keine Gedanken zu machen. Gabrielle ist großartig als Fremdenführerin und im Souvenirladen, ihr Job ist auch nicht gefährdet – vorausgesetzt, sie kommt zurück. Aber die anderen werden sich außerhalb des Schlosses Arbeit suchen müssen.«
»Du bist nicht der Mann, für den ich dich gehalten habe!« Seine Mutter warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu. »Ich wäre fertig mit dir, wenn ich nicht die Hoffnung hätte, dass du eines Tages wieder zur Besinnung kommst. Ich hoffe nur, dass du bis dahin die Familie nicht zerstört hast.«
Mit einer dramatischen Geste verließ sie das Zimmer.
»Punkt eins erledigt«, sagte Elliott seufzend. Er warf seinem Bruder einen Blick zu.
»Bei mir wird es leichter – kostet nur einen Zehner«, erklärte die kleine Nervensäge unverfroren.
Elliott verdrückte sich einen erneuten Seufzer. Gegen den Charme, mit dem dieser Gauner so viele weibliche Teenager um den Finger wickelte, war auch er machtlos. Er zog eine Zehnpfundnote aus seinem Portemonnaie. »Die muss aber länger reichen als die letzte, die ich dir gegeben habe. Ich bin kein …«
»Geldscheißer, ich weiß, ich weiß«, sagte Bertie lachend. Er steckte das Geld ein und boxte Elliott freundschaftlich an die Schulter. In einem bizarren Mix aus Hochenglisch und amerikanischem Slang sagte er: »Aber du bist der Einzige von uns, der überhaupt Kohle hat. Danke, Bruder. Du bist ein guter Typ!«
Die Tür schloss sich hinter ihm.
»Endlich al …«
»Elliott, gerade ist mir eingefallen, weshalb ich überhaupt gekommen bin, bevor du so auf deinen armen Bruder losgegangen bist.« Lady Ainslie steckte erneut ihren Kopf ins Zimmer. »Der Mann möchte mit dir reden.«
»Mann?« Elliott ging im Geiste die Liste der Männer durch, die beim Schloss auftauchen und etwas von ihm wollen könnten. »Welcher Mann? Einer der Bauleute?«
»Nein, nein, der Ire. Der, mit dem du zur Schule gegangen bist. Er ist am Telefon.«
»Patrick?« Elliott klopfte seine Taschen ab und stellte fest, dass er sein Handy nicht dabeihatte. Er folgte seiner Mutter den dunklen Flur entlang. »Mum, wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht an mein Handy gehen?«
»Aber es hat doch geklingelt, mein Junge. Und es hätte ja etwas Wichtiges sein können.«
Als seine Mutter rechts zur Küche abbog, wandte sich Elliott nach links und rannte die Hintertreppe zu dem kleinen Zimmer im Ostflügel des Hauses herunter, in den früheren sogenannten Damen-Ruheraum. Inzwischen diente er der ganzen Familie als Wohnzimmer und war mit einer bunten Mischung von Möbeln aus dem Speicher eingerichtet.
»Hallo?« Er hatte eigentlich nicht erwartet, dass die Verbindung noch aktiv war, doch er konnte Stimmen am anderen Ende hören. »Patrick?«, sagte er.
»… und vergessen Sie nicht, einen Termin mit dem Agenten zu machen. Bis März soll das Haus verkauft sein. Was? Elliott, bist du das? Mussten die dich erst aus der Mottenkiste ausgraben? Ich hab hier bald Wurzeln geschlagen.«
»Entschuldige, ich war gerade mitten in einer Auseinandersetzung. Und welchem Umstand verdanke ich die Ehre deines Anrufs? Ach je, das war unhöflich. Nimm es mir nicht übel – ich habe eine fürchterliche Laune. Die Renovierungsarbeiten hier anzuleiern ist ein Albtraum, und ich fange viel zu spät mit meinem neuen Buch an. Also noch mal von vorne: Nett, von dir zu hören, Patrick. Wie geht es dir?«
Patrick lachte. Elliott hörte, wie er leise etwas zu seiner Sekretärin über einen Termin in der kommenden Woche sagte. »Du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Genau wegen deiner schlechten Laune rufe ich nämlich an. Deine Schwester hat vor ein paar Tagen von dir erzählt, und sie hat vorgeschlagen, dass lieber du derjenige sein solltest, der die Tickets bekommt, anstatt dass meine Sekretärin versucht, sie bei eBay zu verkaufen.«
Elliott setzte sich in seinen Lieblingssessel, der mit Tintenflecken von einem lange verstorbenen Vorfahr übersät war. »Meine Schwester? Tickets? eBay? Himmel, ich klinge wie ein stotternder Papagei. Welche Schwester, und von was für Tickets redest du?«
»Die Tickets für meine vorgezogene Hochzeitsreise. Wir wollten eine Flusskreuzfahrt durch Europa bis zu dieser Stadt in Tschechien machen. Du weißt schon.«
»Prag?«
»Nein, nein, die andere. Die mit der großen Brücke, die alle kennen.«
Elliott überlegte. »Budapest?«
»Ja, genau. Die Flusskreuzfahrt geht von Amsterdam nach Budapest.«
»Budapest liegt in Ungarn, nicht in Tschechien.«
»Egal«, erwiderte Patrick unbeschwert. »Alice und ich haben uns getrennt, deshalb brauche ich die Tickets nicht mehr, und da deine reizende Schwester gemeint hat, es bringe ihr Unglück, den Platz einer Ex einzunehmen, meinte sie, du könntest vielleicht fahren. Vor allem, da ja anscheinend auf Schloss Ainslie die Hölle los ist, und natürlich auch wegen deiner prekären Lage.«
In Patricks Stimme lag ein Hauch von Befriedigung, den Elliott ignorierte. Bevor er antworten konnte, hörte er, wie jemand seinen Namen rief. Wahrscheinlich gab es schon wieder eine kleinere Krise. Er drückte sich in seinen Sessel und fragte: »Wer ist Alice?«
»Meine Ex. Es war höchste Zeit, dass ich mich von ihr getrennt habe. Du kennst ja meine Regel.«
»Mit keiner Frau länger als zwei Jahre, nicht einen einzigen Tag mehr«, erwiderte Elliott und verzog das Gesicht. Er hatte Patricks Einstellung zu Liebesbeziehungen immer besonders kaltherzig gefunden.
»Ja, genau. Ich habe diese Regel tatsächlich gebrochen und bin mit Alice drei volle Monate länger zusammen geblieben, aber was hat mir das eingebracht? Sie hat mich als Arschloch beschimpft! Sie meinte, die Wohnung gehöre zur Hälfte ihr. Und sie hat behauptet, ich hätte sie hinters Licht geführt. Ich! Es wäre zum Lachen, wenn nicht alles so verdammt unangenehm gewesen wäre. Es war ein Zeichen, das sage ich dir, Elliott, ein Zeichen, dass man nicht ungestraft die Regeln bricht. Es kommt nichts Gutes dabei heraus, wenn man sich nicht beizeiten vom Acker macht.«
»Daran muss ich meine Schwester mal erinnern«, sagte Elliott. »Und mit welcher Schwester werde ich dann wohl in zwei Jahren sprechen? Du hast doch mittlerweile alle drei kennengelernt. Bei einer konntest du allerdings so gar nicht landen, zumindest nicht in romantischer Hinsicht.«
Patrick lachte nur. »Sei nicht so ein Spaßverderber. Wer weiß, vielleicht ist Jane ja diejenige, mit der ich die Regel breche. Na ja, auf jeden Fall maile ich dir die Reise-Informationen. Alice hat gesagt, sie würde die Reise auf keinen Fall antreten, selbst wenn ich sie dafür bezahlen würde, du hast also die Kabine für dich alleine. Das Schiff legt nächsten Montag ab. Mach dir wegen Geld keine Gedanken – du weißt ja, dass es mir nichts ausmacht, und der Luxus wird dir gefallen. Du bist vierzehn Tage auf allen möglichen Flüssen unterwegs, und deine Schwester meinte, dass du dort den Frieden und die Ruhe findest, die du zu Hause nicht hast. Grüße übrigens an Lady Ainslie. Sie klang so zerstreut wie eh und je. Was ist? Ja, ja, ich nehme den Anruf an. Hier bin ich sowieso fertig. Elliott, ich muss auflegen. Jane und ich fahren morgen früh nach Paris, und ich habe einen wichtigen Kunden aus Australien in der Leitung.«
»Warte mal, was …«
Die Verbindung wurde unterbrochen, und Elliott starrte verwirrt auf sein Handy.
»Mum sagt, der Bauunternehmer braucht dich. Er will anscheinend mehr Geld.« Gunner warf Elliott einen Blick zu. »Ist alles in Ordnung? Du siehst ja noch gequälter aus als sonst.«
»Ich hatte gerade einen merkwürdigen Anruf von Patrick.«
»Von dem irischen Deppen?«, fragte Gunner. Er betrat das Zimmer und stellte den Rucksack ab, den er über die Schulter getragen hatte.
»Ja. Er würde dir allerdings wieder die Nase blutig schlagen, wenn er das hören würde.«
Gunner grinste. Er war das erste Kind, das der Baron und die Baronin adoptiert hatten, und bezeichnete sich selbst als Promenadenmischung, da seine Wurzeln von Afrika bis zum Südpazifik reichten, dazu kam noch ein slawischer Einschlag. »Das soll er mal versuchen. Ich habe ihn seit acht Jahren nicht mehr gesehen. Oder sind es sogar schon neun? Was macht er denn so? Erzähl mir bloß nicht, dass er schon wieder mit seinem Geld vor dir prahlt.«
Elliott schüttelte den Kopf, nickte dann aber doch. »Na ja, er kann wohl nicht anders. Wenn es um mich geht, hat er einen Minderwertigkeitskomplex. Aber eigentlich tut er mir einen Gefallen. Glaube ich jedenfalls.« Er berichtete seinem Bruder von der Kreuzfahrt.
»Nett!« Gunner stieß einen leisen Pfiff aus. »Ich wünschte, ich hätte einen Kumpel, der mir so eine Reise auf dem Kontinent spendiert.«
Elliott musterte den Rucksack. »Fährst du heute nicht nach Spanien?«
»Ja, aber das ist nur Arbeit. Ich werde in der heißen spanischen Sonne braten und Fotos von verlassenen Fabriken machen, während du dich auf einem Kreuzfahrtschiff vergnügst. Das Leben eines Industrie-Fotografen ist nicht besonders glamourös. Nicht wie das eines Schriftstellers.«
»Du weißt genau, wie glamourös mein Leben ist«, antwortete Elliott. »Wusstest du, dass Jane in den Staaten war? Das Letzte, was ich von ihr gehört habe, war, dass sie in Ottawa für eine Internet-Firma gearbeitet hat.«
»Nein, aber es überrascht mich nicht, dass es Patrick gelungen ist, sie zu finden und anzuwerben. Er wollte doch schon immer mal mit einem der Mädchen zusammen sein, nur um dich zu ärgern.«
»Mir ist doch egal, mit wem er zusammen ist«, protestierte Elliott.
»Du und ich, wir wissen das, aber Patrick hat offensichtlich das Gefühl, damit über dich zu triumphieren. Du hast einen Titel und eine aristokratische Familie, die ich niemals haben kann, deshalb bumse ich deine Schwester. So in der Art.«
»Ein mit Schulden belasteter Titel und eine Familie, die mich vor der Zeit in den Wahnsinn treibt.«
Gunner blickte auf die Uhr. »Das wird Patrick nie so sehen. Nimmst du die Tickets?«
»Ich weiß nicht. Ich habe dann das Gefühl, in seiner Schuld zu stehen …«
»Elliott! Komm schnell, Mum sagt, der Renovierungstyp will noch einen Scheck. Angeblich sind die Preise für Steine gestiegen.« Bertie tauchte kurz in der Tür auf. Er setzte seinen Motorradhelm auf. Wahrscheinlich war er auf dem Weg, die zehn Pfund auszugeben. »Ach so, und in einem der Treibhäuser brennt es, aber das ist das mit den Auberginen, das ist also kein Verlust. Bis später, Brüder!«
»Ich mag Auberginen«, setzte Elliott an, schwieg aber, als Gunner laut lachte.
»Klingt so, als solltest du Patricks Angebot besser annehmen, El. Wenn du die nächsten Wochen hierbleibst, drehst du durch.«
»Manchmal wünsche ich mir, direkt vor mir würde sich ein Portal öffnen und mich an einen anderen Ort versetzen, einen Ort, an dem niemand Geld verlangt, das ich nicht habe, und Zeit, die ich nicht verschwenden kann. Aber die Realität bleibt immer unerbittlich, und immer bleibe ich hier hocken.«
Gunner ergriff seine Reisetasche und warf sich den Riemen über die Schulter. »Zwei Wochen, El. Kein Telefon, keine Ablenkungen, keine endlosen Unterbrechungen, keine Forderungen nach Geld … nur die Wellen, die sanft an die Schiffswand plätschern und die Stille einer Kabine ganz für dich alleine.«
»Das klingt himmlisch.«
Aus der Ferne ertönte die Sirene eines Feuerwehrwagens. Gunner versetzte seinem Bruder einen freundschaftlichen Schlag auf den Arm und wandte sich zum Gehen. »Ich fahre nach Spanien, und danach mache ich noch einen Abstecher nach Portugal für Innenaufnahmen von einem teilweise eingestürzten Bergwerk. Möglicherweise muss ich auch noch nach Bulgarien, falls meine Auftraggeber mich in die alte Radium-Fabrik hineinschmuggeln können.«
»Gesund klingt das aber nicht.«
Gunner zuckte mit den Schultern. »Es gibt einen Interessenten für das Gebäude, aber die bulgarische Regierung ist nicht scharf darauf, es fotografieren zu lassen. Wenn ich hineinkomme, mache ich ein paar Aufnahmen. Ansonsten bin ich in einer Woche wieder zu Hause.«
Elliott winkte ihm gedankenverloren zu und traf im nächsten Moment eine Entscheidung. Er würde die Reise antreten, die Patrick ihm angeboten hatte. Eine Kreuzfahrt über Europas berühmteste Flüsse konnte auch nicht konzentrationsraubender sein als der Trubel zu Hause.
Tagebuch von Alice Wood
Mein neues Tagebuch: Tag eins
»Sag mir bitte, dass du dir von diesem Vollidioten nicht den fabelhaften Urlaub ruinieren lässt. Sag, dass du das nicht tust, Alice!«
Ich trat gegen einen leeren Pappkarton, als ich von einer winzigen Küche in ein ebenso winziges Schlafzimmer ging. Wie es sich herausstellte, war der Karton nicht leer, und so hüpfte ich mit schmerzverzerrtem Gesicht auf einem Bein weiter. »Himmelherrgottnochmal!«
»Entspann dich, Baby«, drang die leicht beleidigte Stimme einer meiner ältesten Freundinnen durch die Leitung. Hektisch hantierte ich mit dem Telefonhörer und rieb mir gleichzeitig die schmerzenden Zehen. »Ich habe nur meine Meinung gesagt. Du bist ein großes Mädchen. Wenn du wirklich vier Jahre für einen Traumurlaub sparen und den dann einfach sausen lassen willst, ist das deine Sache.«
»Entschuldigung, Helen, der Himmelherrgott galt nicht dir. Ich habe mir gerade die Zehen an einer vollen Bücherkiste gestoßen.«
»Ich dachte, du hättest schon ausgepackt?«
»Ein bisschen. Die meisten Sachen sind eingelagert, weil hier so wenig Platz ist. Ich sank auf einen alten Futon – die Polsterung war so übel wie meine Laune. »Umziehen ist die Hölle.«
»Tja, ich habe dir ja gesagt, du sollst dich gegen das Diktat des Vollidioten wehren. Ihr seid zusammen in die Wohnung gezogen, und deshalb gehört sie jetzt genauso dir wie ihm. Er hatte kein Recht dazu, von dir zu verlangen, dass du ausziehst, nur weil er durchgedreht ist und mit dir Schluss gemacht hat.«
Traurig lächelte ich auf meine Zehen herunter. Es war wirklich nett, dass Helen sich automatisch auf meine Seite schlug, nachdem meine zweijährige Beziehung zu Ende gegangen war, aber ich hatte das ungute Gefühl, dass der Fehler nicht nur bei Patrick lag. »Leider ist er der rechtmäßige Besitzer der Wohnung und hat auch die Raten gezahlt, deshalb habe ich keinen Grund, Forderungen zu stellen. Außerdem könnte ich nie mit ihm wie in einer WG leben. Das wäre wirklich zu komisch.«
»Ich sage ja auch gar nicht, dass du das sollst. Ich sage nur, du sollst nicht den Fußabtreter für ihn spielen. Und dazu gehört auch, dass du diesen Traumurlaub aufgeben willst. Du hast doch gesagt, er geht auf keinen Fall auf diese Reise, oder?«
»Er hat wortwörtlich gesagt: ›Ich würde mir lieber die Eier tätowieren lassen, als auch nur noch einen einzigen Tag Urlaub mit dir zu verbringen.‹ Das hört sich doch nun wirklich nicht danach an, dass er die Tickets benutzen will, oder?«
»Also fährst du!« Helens Stimme, die normalerweise warm und empathisch war, bekam eine leicht gereizte Färbung, als sie die Hand über die Sprechmuschel legte und ihrer Tochter hinterherbrüllte, sie solle rechtzeitig zum Abendessen zu Hause sein. »Entschuldigung, Edison ist in der letzten Zeit ungewöhnlich schwierig. Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, wenn Patrick zu Hause bleibt, dann kannst du dir doch ohne Weiteres zwei prächtige Wochen auf diesem schicken Kreuzfahrtschiff genehmigen, wo sich das Personal die Beine ausreißt und dich auf Händen trägt.«
Ich zuckte mit den Schultern, obwohl mich niemand sehen konnte. »Das erschiene mir so seltsam angesichts meiner Gefühle. Ich bin wirklich am Boden zerstört, seit Patrick mich so plötzlich abserviert hat. An einem Tag war alles noch in Ordnung, und am nächsten besteht er darauf, dass wir beide unserer Wege gehen – und schon muss ich die Koffer packen.«
»Es gibt am Boden zerstört, und es gibt am Boden zerstört«, sagte Helen. »Du hast schließlich deinen Anteil an der Reise selber bezahlt, Patrick fährt nicht, und du hast keinen Job, der dich in den nächsten zwei Wochen hier hält.«
»Ja, das ist es auch.« Ich sank zurück auf den Futon. Am liebsten wäre ich darin versunken und nie wieder aufgestanden. »Ich sollte mir einen Job suchen. Einen ohne attraktiven Chef, der mich zwei Jahre später aus unserer gemeinsamen Wohnung wirft.«
»Mmm, darüber, wie klug es ist, sich mit seinem Arbeitgeber einzulassen, reden wir später. Jetzt musst du erst einmal aufhören, in Selbstmitleid zu versinken, und deinen Badeanzug, ein schickes Kleid und ein Paar bequeme Wanderschuhe einpacken. Europa winkt. Das hat doch deine Therapeutin auch gesagt, oder?«
»Nicht direkt. Sie hat gesagt, ich solle ein Tagebuch über meine Emotionen, Gedanken und Gefühle zu … nun ja, im Grunde zu allem führen und das dann in unseren Sitzungen mit ihr besprechen. Ich muss sagen, Helen, es ist ganz schön seltsam, mit einer Fremden über deine intimsten Gefühle zu reden.«
»Seltsam gut oder seltsam seltsam?«
»Seltsam gut, glaube ich. Ich fange heute mit dem Tagebuch an. Sie meinte, es sei wichtig, dass ich mir einen Tag aussuche und ihn zum Tag eins erkläre, damit ich den ganzen emotionalen Mist hinter mir lassen und neu anfangen kann. Und heute soll es losgehen.«
»Schön für dich. Es wirkt besonders gut, wenn du beschließt, die Reise anzutreten, für die du bezahlt hast. Es wäre blöde, sie wegzuwerfen, nur weil ein Arschloch sein letztes bisschen Verstand verloren hat.«
Mit meinen schmerzenden Zehen schob ich einen Stapel Post beiseite, den ich aus meinem früheren Zuhause mitgenommen hatte, bis ich auf die Hochglanzbroschüre der zweiwöchigen Reise über Donau, Main und Rhein stieß. Ich musste zugeben, dass es verlockend war, die Reise trotz meiner Arbeitslosigkeit anzutreten. »Findest du nicht, dass das so aussieht, als sei ich verzweifelt oder so?«
»Verzweifelt?«
»Ja, du weißt schon, all die Single-Frauen, die nach Europa reisen in der Hoffnung, eine Art James Bond kennenzulernen, der ihnen mit seinem verführerischen Akzent und seinen teuren italienischen Schuhen den Kopf verdreht. Und mit seinen höflichen Umgangsformen. Die Art von Mann, der einer Frau im Kasino den Stuhl zurechtrückt und sie in winzigen Sportwagen spazieren fährt, die so viel kosten wie ein Einfamilienhaus. Obwohl, ich muss zugeben, als Eintrag in meinem Tagebuch würde sich das gut machen.«
Helen lachte. »Schätzchen, du warst wohl schon lange nicht mehr in Europa, wenn du glaubst, dass die Männer dort so sind. Ich zerstöre nur ungern deine Illusionen, aber der durchschnittliche europäische Mann trägt weder teure italienische Schuhe noch besitzt er einen schicken Sportwagen. Nein, ich finde definitiv nicht, dass du einen verzweifelten Eindruck machst, wenn du auf diese Reise gehst. Im Gegenteil, du sendest damit dem nicht näher Genannten ein deutliches Signal.«
»Vor einer Minute hast du ihn noch beim Namen genannt«, entfuhr es mir.
»Nerv mich nicht. Mach die Reise, genieße die schicke Kabine ganz für dich allein, lerne einen James Bond kennen, wenn du einen findest – obwohl die Frauen in diesen Filmen alle kein gutes Ende nehmen, wenn ich mich recht erinnere, also such dir lieber einen aus, der nicht so einen gefährlichen Job hat. Schreib alles in deinem Tagebuch auf und zeig Patrick, dass es dir nicht das Geringste ausmacht, von ihm abgesägt worden zu sein.«
»Patrick hat mich an James Bond erinnert, als ich ihn kennenlernte«, sagte ich verträumt. »Das war auf der Wohltätigkeitsveranstaltung für die Bibliothek, und alle Frauen waren verrückt nach ihm, weil er diesen sexy irischen Akzent hat, so blaue Augen und schwarze Haare und … ach, zum Teufel.« Wut stieg in mir auf, und ich setzte mich kerzengerade hin. »Er ist wirklich durch und durch ein Dreckskerl.«
»Braves Mädchen.«
»Er hat mich benutzt und dann weggeworfen.«
»Wie ein nasses Papierhandtuch!«
Ich schob ein paar Bücher beiseite, bis ich auf einen kleinen Laptop stieß. Ich würde hier und jetzt mit dem Tagebuch beginnen. »Er hat mich so mit seinem Charme eingewickelt, dass ich meinen Job in der Bibliothek aufgegeben habe und seine Privatsekretärin geworden bin. Und dann hat er mich dazu gebracht, dass ich mit ihm zusammenziehe.«
»Dafür sollte er an den Eiern aufgehängt werden!«
Ich stand auf und schüttelte aufgebracht den Laptop. »Er hat mich in dem Glauben gelassen, am Ende der Reise würden wir heiraten! Ich sollte nachschauen, welche Gesetze für Amerikaner gelten, die in Budapest heiraten!«
»An den Eiern aufhängen ist noch zu wenig für ihn. Er hat Schlimmeres verdient. Man sollte ihm den Kopf abschlagen!«
»Ich werde diese Reise machen!«, schrie ich inmitten der unausgepackten Kartons in meinem winzigen Wohnzimmer. »Und ich werde sie genießen. Sehr sogar! So sehr, dass er mit den Zähnen knirschen und sich seine schönen schwarzen Haare ausreißen wird und angekrochen kommt, um mich um Verzeihung anzuflehen.«
»Die du ihm aber nicht gewährst, weil du eine kluge Frau bist, die sich auf eine Beziehung erst einlässt, wenn sie gründlich darüber nachgedacht hat, ob er der Richtige für dich ist, nicht wahr?«
Helens Stimme klang warnend, aber ich war auf einmal in Hochstimmung, und die würde ich mir von niemandem verderben lassen. Ich blickte auf die Uhr in meinem Laptop und traf meine Entscheidung. »Oh, wie werde ich es genießen, wie er vor mir im Staub kriecht. Jetzt muss ich aber los. Der Flieger geht morgen früh, und ich habe keine Ahnung, wo meine Kleider sind.«
»Du bist doch nicht nackt, oder?«
Lächelnd stellte ich den Laptop auf den Bücherstapel. »Nein, aber ich habe immer noch die gleiche Trainingshose und das gleiche T-Shirt an, in dem ich vor drei Tagen umgezogen bin, und ich glaube, mittlerweile könnte man es als neue Lebensform klassifizieren. Umarm deine Kleine von mir. Ich schicke Fotos vom Schiff und so.«
»Viel Spaß, Süße. Aber sei vorsichtig, hörst du?«
»Ja, Mom«, sagte ich lächelnd. Helens Besorgnis rührte mich. Ständig mahnte sie, ich soll mich nicht so kopflos in jedes Abenteuer stürzen. Doch so manche bittere Erfahrung hatte mich gelehrt, dass man sich nehmen muss, was man nur kriegen kann – schließlich kann man nie wissen, wann es einem wieder genommen wird.
Wie bei Patrick zum Beispiel.
Ich schob diesen Gedanken beiseite und ließ mich von dem Adrenalinschub durch die nächsten vierundzwanzig Stunden tragen. Ich suchte nach passender Kleidung, lieh mir einen großen Koffer, um besagte Kleidung hineinzustopfen, und wuchtete mich dann mitsamt Koffer in den Flieger nach Amsterdam. Dort begann ich endlich mit meinem Tagebuch.
»Meine Kreuzfahrt geht durch Holland, Deutschland, Österreich, die Slowakei und Ungarn«, erklärte ich meiner Sitznachbarin auf dem zehnstündigen Flug von Oregon, Portland, nach Amsterdam. »Über drei verschiedene Flüsse. Schauen Sie nur: Jede Menge Schlösser und Burgen!«
Die Frau neben mir, anscheinend eine College-Studentin, die gerade Urlaub hatte, bewunderte die Hochglanzbroschüre. Manny van Bris: Reiseführer zur Prominenz. »Nun, das sieht nach jeder Menge Spaß aus.«
»Die Kabinen«, las ich ihr aus der Broschüre vor, »sind mit allen modernen Annehmlichkeiten ausgestattet und so eingerichtet, dass sich der Gast sofort zu Hause fühlt. Und ich habe eine Kabine ganz für mich allein, da … da mein Freund leider keine Zeit hat.«
»Das klingt wundervoll«, sagte die Frau und bedachte mich mit einem Blick, bei dem mir klar wurde, dass ich kurz davor stand, die Person im Flugzeug zu werden, neben der man lieber nicht sitzen möchte. Ich lächelte sie strahlend an und lehnte mich auf meinem Platz zurück. Mit den Fingern streichelte ich über das glänzende Papier.
Helen hatte recht – ich hatte Urlaub verdient, nach den jüngsten dramatischen Ereignissen. Hoffentlich erfuhr Patrick überhaupt davon, dass ich die Reise doch angetreten hatte. Ich hatte schon überlegt, ob ich ihm nicht eine Nachricht schicken sollte, falls er nicht mitbekam, wie unbeschwert ich weiterlebte, beschloss jedoch dann, dass es besser war, so zu tun, als gäbe es ihn gar nicht.
Außerdem konnte ich ja zahlreiche Fotos auf Facebook posten, um zu dokumentieren, wie toll alles war. Mit Sicherheit würden ihn dann gemeinsame Freunde darauf aufmerksam machen. Bei dem Gedanken musste ich lächeln, und ich machte mir im Geiste eine Notiz, dass auf den Bildern auch unbedingt gutaussehende Männer zu sehen sein mussten.
Das waren meine Gedanken, als ich – mit Jetlag – in Amsterdam ankam und mit einem Taxi zur Anlegestelle der Flusskreuzfahrtschiffe fuhr. Die Schiffe – lang, schlank und elegant – lagen zu zweit und zu dritt am Ufer, und lange Menschenschlangen strömten an Bord. Ich rollte mit meinen Koffer an zwei besonders eleganten Schiffen vorbei und bebte innerlich schon vor Vorfreude. Es war die richtige Entscheidung gewesen, diese Reise zu machen. Es würde Patrick definitiv zeigen, dass ich absolut über ihn hinweg war.
Die Vorfreude löste sich in nichts auf, als ich mein Schiff erblickte.
»Entschuldigung«, sagte ich zu einem Mann in Uniform, der ein Klemmbrett in der Hand hielt. Voller Entsetzen starrte ich auf das Schiff. »Ich suche den Abschnitt hier am Pier für die Manny van Bris-Flusskreuzfahrten. Können Sie mir sagen, wo das ist?«
Der Mann drehte sich um und zeigte auf das Schiff, das ich immer noch anstarrte. »Das ist Ihr Schiff, Madam.«
»Nein.« Ich schüttelte den Kopf. »Das kann nicht sein. Schauen Sie, ich habe hier eine Broschüre. Hier ist das Schiff abgebildet, und das ist offensichtlich nicht das gleiche Schiff wie dieser … dieser … Schrotthaufen.«
Der Mann bedachte mich mit einem mitfühlenden Blick, murmelte, er wünsche mir viel Vergnügen auf meiner Reise, und eilte davon, um sich um sein eigenes, glänzendes neues Schiff zu kümmern.
Mein Blick glitt über das schmale Schiff, das am Pier lag. Eine kurze, wackelige Gangway mit rostigen Ketten als Geländer führte hinauf an Bord. Das Schiff selbst war einmal rot und weiß gewesen, bestand jetzt jedoch hauptsächlich aus Rost und Weiß mit großen kahlen Flecken, wo die Farbe abgeblättert war. Vorne auf dem Oberdeck – laut Broschüre gab es drei Decks auf dem Schiff, allerdings verlor ich allmählich das Vertrauen in diese Informationsquelle – standen ein paar weiße Plastikgartenstühle.
»Das ist nicht das gleiche Schiff«, sagte ich und blickte erneut auf die Broschüre. »Das kann nicht stimmen. Dafür habe ich doch nicht vier Riesen ausgegeben. Es sieht so aus, als würde es sinken, wenn ich nur niese.«
»Alice Wood?« Eine Frau unbestimmten Alters mit aufgeplusterten blonden Haaren, die auf eine Sechzigjährige schließen ließen, kam die Gangway hinunter auf mich zu und sagte: »Sind Sie Alice Wood aus Portland, Oregon, Vereinigte Staaten?«
»Ja, ich bin Alice, aber das ist nicht das gleiche Schiff, wie hier abgebildet.« Ich hielt ihr die Broschüre hin und tippte auf das Bild.
»Das abgebildete Schiff ist nur beispielhaft, wie Sie dem Kleingedruckten entnehmen können«, erwiderte sie beiläufig. Sie packte den Griff meines Koffers und rollte ihn weg von mir zur Gangway. »Das ist unser Flaggschiff, die Manny B. Sie braucht ein paar kosmetische Auffrischungen, aber ich kann Ihnen versichern, dass Sie sich an Bord sehr, sehr wohlfühlen werden. Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, glaube ich. Ich bin Tiffany Jones, die Empfangsdame und Ihre Freundin auf dieser Reise. Wenden Sie sich bei allen Problemen an mich. Kommen Sie, Sie sind der letzte Passagier, und Kapitän Manny legt Wert darauf, vor den anderen Schiffen abzulegen.«
»Ach tatsächlich?«, sagte ich und hielt den Blick fest auf die rostige Schiffswand gerichtet, als ich vorsichtig die Gangway hinaufging. Die Planken fühlten sich nicht allzu stabil unter meinen Füßen an, aber schließlich hatte ich es geschafft, ohne ins Wasser gefallen zu sein oder Teile des Schiffs auf den Kopf bekommen zu haben. »Und warum?«
»Natürlich um die beste Position am Ufer zu bekommen.«
Ich betrachtete das Schiff. »Position? Sind sie nicht alle am Ufer?«
»Wenn Sie sich umschauen, werden Sie feststellen, dass die, die zu spät kommen, neben anderen Schiffen ankern müssen statt am Ufer. Kapitän Manny nimmt nach Möglichkeit den besten Platz für sich in Anspruch, da die anderen Kapitäne sich so niederträchtig gegenüber unserer Firma verhalten. Wirklich ein unmögliches Betragen, diese ständigen Kommentare über unsere Flotte. So, hier ist mein Empfangstisch. Haben Sie Ihren Pass dabei? Ich nehme ihn an mich, damit Sie nicht mit den zahlreichen Grenzübertritten behelligt werden. Hier ist Ihr Kabinenschlüssel.« Sie reichte mir einen kleinen Schlüssel, eilte aber weiter vor mir her. »Hier ist die untere Lounge, eine richtige Bar. Sie ist zwar jetzt leer, aber Sie werden feststellen, dass hier abends der Bär tanzt. Ihre Kabine ist hier die Treppe hinauf, den Gang entlang. Passen Sie bei den Stufen auf. Links ist die obere Lounge und rechts eine klitzekleine Bibliothek, da. So, jetzt müssen wir nur noch um die Ecke. Sie haben die Veranda-Kabine, sodass Sie von Ihrem eigenen Deckchair aus einen fantastischen Blick auf den Fluss genießen können. Wir möchten Sie nur bitten, bei Nordwind nicht draußen zu sitzen, wegen der giftigen Motorabgase. Eine Kohlenmonoxid-Vergiftung kann so unangenehm sein, nicht wahr? Und hier sind wir auch schon! Ihre Deluxe-Kabine erwartet Sie. Lassen Sie sich Zeit beim Auspacken. Um sechzehn Uhr gibt es zum Willkommen ein paar Drinks und Knabbereien in der oberen Lounge. Abendessen ist um neunzehn Uhr. Am ersten Abend wird keine besondere Garderobe erwartet. Wenn Sie Fragen haben, können Sie sich jederzeit an mich wenden.«
Als sie endlich über den schmalen Flur davonhuschte, drehte sich mir der Kopf.
»Alice, meine Liebe«, sagte ich leise. »Du bist bestimmt im Wunderland, und das war gerade das weiße Kaninchen.«
Ich blickte ihr nach. Ich hatte das Gefühl, gerade durch die Mangel gedreht worden zu sein. Dann betrachtete ich die Türen vor mir. Auf dieser Ebene des Schiffs befanden sich drei Kabinen, aber die Türen gaben nicht preis, was mich in den nächsten beiden Wochen erwartete.
»Du magst ins Wunderland geraten sein, aber du befindest dich auch auf einem Fluss«, murmelte ich und steckte den Schlüssel ins Schloss. »Wenn das Schiff tatsächlich sinken sollte, kannst du immer noch an Land schwimmen. Also entspann dich und genieße zwei selige Wochen in Europa, ungetrübt von der Anwesenheit egoistischer, narzisstischer, hinterhältiger Männer.«
Ich betrat die Kabine, blieb aber abrupt stehen, als ich einen Mann mit kastanienbraunen Haaren erblickte, der über einem Laptop gebeugt an einem winzigen Tisch hockte. Erschreckt blickte er auf und starrte mich ebenso überrascht an wie ich ihn.
»Äh …«, sagte ich.
»Äh?«, erwiderte er und runzelte die Stirn. »Begrüßt man hier so die Passagiere? Die Umgangsformen beim Service lassen heutzutage wirklich zu wünschen übrig. Aber sei es drum. Ich habe dieser äußerst gesprächigen Empfangsdame bereits gesagt, dass ich nichts benötige und nicht gestört werden möchte. Ich muss ein Buch schreiben, und dazu brauche ich Ruhe.«
Was um alles in der Welt tat dieser arrogante Kerl in meiner Kabine? Seinem Kommentar nach zu urteilen hatte er sich wahrscheinlich hier hereingeschlichen, weil er glaubte, sie sei leer, und er könne sie als Büro benutzen.
Er sprach mit einem deutlichen britischen Akzent, der mich an den Schauspieler Stephen Fry erinnerte, und er war zwar kein unangenehmer Anblick, aber definitiv nicht das, was ich in meiner Kabine an Annehmlichkeiten erwartete. »Das ›Äh‹ können Sie dem Jetlag zuschreiben. Ich bin seit vierundzwanzig Stunden auf den Beinen, und mich kümmert es einen feuchten Kehricht, ob Sie gestört werden wollen oder nicht. Sie befinden sich in meiner Kabine, und ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Ihr Buch woanders schreiben würden.«
»Ihre Kabine?«, fragte er und zog die Augenbrauen hoch.
Ich trat in den Flur und holte meinen Koffer herein. Dabei bemerkte ich, dass an der Wand neben einem der zwei breiten Betten, die den Raum beherrschten, bereits zwei kleine Reisetaschen standen.
»Da muss ich widersprechen«, sagte der Mann, der mich leicht alarmiert beobachtete. »Das ist meine Kabine.«
Ich hielt meinen Schlüssel hoch. »Beta-Deck, Kabine vier. Das steht auf der Tür, und hier hat Tiffany mich auch hingebracht. Würden Sie sich bitte einen anderen Raum zum Schreiben suchen?«
Langsam stand er auf. Seine Augen – die von einem besonders klaren Grau waren – musterten mich von Kopf bis Fuß, aber auf eine völlig unpersönliche Art und Weise. Ich gebe gerne zu, dass die Frau in mir ein wenig gekränkt war. Ich suche nicht unbedingt nach männlicher Aufmerksamkeit, aber Himmelherrgott, er brauchte mich ja nun nicht gerade anzusehen, als sei ich ein besonders unerfreulicher Anblick. »Ihr Name ist nicht zufällig Anise, oder?«
»Alice«, korrigierte ich ihn. »Wer sind Sie?«
Er wollte antworten, machte aber den Mund noch einmal zu und sagte dann: »Elliott Ainslie.« Ich wollte gerade antworten, ich sei müde und wäre ihm dankbar, wenn er verschwinden würde, als er hinzufügte: »Sie sind Patricks Ex.«
Mir lief es kalt über den Rücken, und mir wurde es auf einmal übel. »Sie kennen Patrick?«
Er nickte. »Wir sind auf dieselbe Schule gegangen. Anscheinend handelt es sich hier um ein gewaltiges Missverständnis. Patrick hat mir sein Reiseticket gegeben und gesagt, seine Ex-Freundin habe beschlossen, die Reise nicht anzutreten. Und da er Wichtigeres zu tun hat, hat er mir seine Kabine überlassen.«
»Unsere Kabine«, sagte ich empört. Am härtesten traf mich, dass Patrick offenbar so wenig an der Reise lag, auf die ich mich schon so lange gefreut hatte, dass er sie einfach einem Freund geschenkt hatte. »Wir haben uns die Kabine geteilt.«
»Ich verstehe. Sie können diese Angelegenheit wahrscheinlich mit Patrick regeln. Er wird Ihnen bestimmt die Kosten für eine andere Kabine erstatten.«
»Eine andere Kabine?« Ich ließ mich auf das Bett fallen, das dem Badezimmer am nächsten war. »Ich habe eine Kabine. Ich sehe keinen Grund, mir eine andere zu besorgen.«
»Aber ich habe diese hier bereits mit Beschlag belegt …«
»Ja, und Sie haben nichts dafür bezahlt, oder? Sie haben doch gesagt, Patrick hat Ihnen sein Ticket geschenkt. Nun, ich habe bezahlt, und zwar viel Geld, viertausend, um genau zu sein, wenn sich also jemand eine neue Kabine suchen muss, dann doch wohl Sie und nicht ich.«
Oh, das gefiel ihm gar nicht. »Nun, sehen Sie, Miss … Miss …«
»Alice Wood.«
»Sehen Sie, Miss Wood.« Er trat zu dem Bett, auf dem ich hockte wie ein schlaffes Stück Brokkoli. »Ich verstehe ja, dass Sie die Situation nicht verschuldet haben – obwohl Patrick gesagt hat, Sie hätten eindeutig erklärt, die Reise nicht antreten zu wollen –, aber es ist auch nicht meine Schuld, und da ich zuerst in der Kabine war, ist es nur sinnvoll, wenn Sie sich eine neue suchen. Sie haben ja noch nicht einmal ausgepackt.«
Ich legte mich auf das Bett, wobei ich ein wenig zusammenzuckte, weil die Matratze spürbare Löcher hatte. »Meine Kabine. Ich habe dafür bezahlt, ich bleibe hier. Außerdem, wenn Sie ein Gentleman wären, würden Sie von sich aus anbieten, sich eine neue Kabine zu suchen.«
Er fluchte leise, stampfte durch die Kabine, auch wenn man darin nicht mehr als fünf Schritte tun konnte, und marschierte dann hinaus, wobei er Wörter vor sich hin murmelte, die ich lieber überhörte.
Ich setzte mich auf und warf einen Blick auf seinen Laptop, aber bevor ich mehr tun konnte, als mich zu fragen, ob er in Kontakt mit Patrick stand, tauchte er wieder auf, schnappte sich seinen Laptop und ging wieder, nicht ohne mir einen finsteren Blick zuzuwerfen.
Ich war so erschöpft, dass ich mich kaum bewegen konnte. Aber meine Neugier war stärker als der Jetlag, und so öffnete ich die Schubladen der niedrigen Kommode, die an der Wand stand. Hemden, Hosen und Unterwäsche waren präzise gefaltet.
»Der Mann, der diese Socken gefaltet hat«, sagte ich laut und kniete mich hin, um die unterste Schublade zu öffnen, »ist geradezu krankhaft pedantisch. So ordentliche Klamotten habe ich noch nie gesehen. Du liebe Güte, er hat ja sogar ein Reisebügeleisen.«
Stimmen auf dem Flur kündeten von der Rückkehr des Eindringlings mit den grauen Augen. Ich rutschte auf den Knien zur Tür und öffnete sie. Er stritt gerade mit Tiffany. »… es tut mir sehr leid, Sir, aber ich habe Ihnen bereits dreimal gesagt, dass es einfach keine freie Kabine mehr gibt. Wir sind voll ausgebucht, und ich muss Sie leider darauf hinweisen, dass Manny van Bris-Kreuzfahrten keine Verantwortung für solche Fehlbelegungen übernehmen kann. Wir können nicht Kabinen unbesetzt lassen für den Fall, dass einer unserer Passagiere sich von seinem Partner trennen sollte und auf einmal zwei Kabinen benötigt. Oder wie in diesem Fall sein Ticket an Sie weitergibt. Ihr Freund hat die Hälfte an dieser Doppelkabine erworben, und Sie werden sich leider mit dieser Situation abfinden müssen.«
Tiffany betrachtete mich kurz. Ich hockte auf den Knien und erwiderte ihren Blick. Dabei spürte ich jede einzelne Minute der mehr als vierundzwanzig Stunden, die ich unterwegs gewesen war – zerknittert, ungewaschen und so müde, dass die meisten meiner Hemmungen bereits eingeschlafen waren.
»Dieses Schiff sieht überhaupt nicht so aus wie auf den Fotos in der Broschüre«, sagte ich zu ihr. »Und die Matratze ist auch eine Katastrophe.«
Sie wollte mir gerade antworten, als Elliott sie unterbrach: »Es muss doch noch irgendeinen Raum auf diesem Schiff geben, in dem ich schlafen kann. Ich brauche nicht viel Platz, nur ein Fleckchen, wo ich mit meinem Laptop sitzen kann, und ein Bett, auf dem ich nachts liegen kann.«
»Sie haben eine Kabine, Sir«, sagte Tiffany mit einem harten Blick auf mich. »Es gibt keine anderen Möglichkeiten.«
»Sie könnten in ein Hotel gehen«, schlug ich vor.
»Wenn Sie von Bord gehen möchten, müssen Sie das innerhalb der nächsten drei Minuten tun«, sagte Tiffany barsch. Sie klappte die Mappe, die sie in der Hand hielt, zu. »Wir legen sofort ab.«
Elliott sah so aus, als läge ihm ein schlimmer Fluch auf der Zunge, aber das musste ich ihm lassen – er biss die Zähne zusammen und schluckte seine Frustration hinunter. Er wandte sich an mich. »Ich nehme nicht an, dass Sie ein Hotel in Erwägung…«
»Keineswegs. Ich habe gar nicht genug Geld für ein Hotel, selbst wenn ich es in Erwägung ziehen würde. Was ist mit Ihnen?« Ich musterte ihn von oben bis unten. Er war lässig gekleidet, in eine dunkle Hose und ein weißes Hemd. Er sah nicht so aus, als ob seine Finanzen mit seinem Oberschicht-Akzent mithalten konnten.
Er verzog das Gesicht. »Ich ziehe es vor, meine Mittel nicht für etwas so Triviales wie Urlaub auszugeben.«
»Ach, Sie sind also auch pleite?« Ich zuckte mit den Schultern. »Das geht mir genauso. Ich musste schon meine Kreditkarte ausreizen, um ein bisschen Taschengeld zu haben. Es ist zwar nicht viel, aber schließlich kann man nicht nach Europa fahren, ohne wenigstens ein paar Postkarten und so zu kaufen, oder? Und was wollen Sie jetzt machen? Nachts in der Lounge schlafen? Tagsüber könnte ich Ihnen die Kabine zum Schreiben überlassen, wenn ich nicht hier bin …«
Er drängte sich an mir vorbei in die Kabine. »Sie brauchen sich gar nicht so viele Gedanken zu machen. Wie Sie gehört haben, bin ich im rechtmäßigen Besitz eines Tickets, das mich dazu berechtigt, die Hälfte der Kabine zu nutzen. Und das bedeutet, eine Hälfte des Tischs und ein Bett stehen mir zur Verfügung. Ich habe beschlossen, sie auch zu benutzen.«
»Aber das geht nicht! Wir kennen einander noch nicht einmal!« Der Gedanke, einen so engen, so intimen Raum mit einem völlig Fremden zu teilen, entsetzte mich. Schlimmer jedoch war die Tatsache, dass es mich tief im Inneren auch reizte. Elliott war ein Unbekannter, ein Rätsel, das darauf wartete, von mir gelöst zu werden. Und wenn ich etwas liebte, dann komplizierte Rätsel.
»Wir können uns sicher darauf einigen, wann wir die Kabine tagsüber benutzen.« Er musterte mich kühl und legte seinen Laptop wieder auf den kleinen runden Tisch. Allerdings achtete er peinlich genau darauf, nicht mehr als die Hälfte des verfügbaren Platzes einzunehmen.
»Aber Sie sind ein Mann! Wir müssen zusammen schlafen, und ganz gleich, welche schrecklichen Dinge Patrick Ihnen über mich erzählt hat, ich bin keine Nutte.«
Er starrte mich nur an.
Seufzend fügte ich hinzu: »Ich gehe nicht mit jedem ins Bett, falls er das behauptet hat.«
»Ach so. Das wollte ich in keiner Weise andeuten.« Er setzte sich erneut an den Tisch und begann zu tippen.
Ich wartete eine Minute, dann sagte ich: »Wollen Sie mir nicht versichern, dass Patrick nichts Schlimmes über mich erzählt hat?«
»Warum sollte ich?« Er blickte noch nicht einmal auf.
Ich schlug mir auf den Oberschenkel. »Weil es höflich wäre! Ich stehe hier völlig verängstigt und verletzlich, und es ist Ihre Pflicht als Gentleman und anständiges menschliches Wesen, dafür zu sorgen, dass ich mich besser fühle.«
»Ich bin eigentlich ein Adeliger, kein Gentleman.«
Das hatte ich jetzt überhaupt nicht erwartet. Ich starrte ihn an. »Was soll das heißen?«
»Hmm?« Er blickte rasch auf. Erneut stand die leichte Falte zwischen seinen Augenbrauen. »Es bedeutet, dass ich einen Titel habe. Adelige werden für gewöhnlich als Gentlemen angesehen, aber umgekehrt kann man das nicht behaupten.«
Mir fielen fast die Augen aus dem Kopf. »Sind Sie ein Prinz oder so? Gehören Sie zur englischen Monarchie?«
»Nein, ich bin kein Mitglied der englischen Königsfamilie. Aber ich bin der achte Baron Ainslie.«
»Ach, du liebe Scheiße!«
»So könnte man sagen.« Er begann wieder zu tippen.
Ich sank auf seine Bettkante und blickte ihn erstaunt an. Er runzelte die Stirn und warf mir einen Blick zu, bis ich mich auf den Stuhl am Tisch setzte. Mir schwirrte der Kopf. Ich musste ihn einfach anstarren. Ein echter britischer Aristokrat saß vor mir, in meiner Kabine, einem Raum, den wir gemeinsam in den nächsten beiden Wochen bewohnen würden.
»Meine Vorfahren haben in der Revolution gekämpft.« Mehr fiel mir nicht ein.
Verwirrt schaute er auf.
»Es tut mir leid, aus mir spricht wahrscheinlich der Jetlag.« Ich war so übermüdet, dass ich keine Kontrolle mehr darüber hatte, was ich sagte. Aber es war mir egal. »Es stimmt aber. Ich habe meinen Familienstammbaum zurückverfolgen lassen, und es hat sich herausgestellt, dass alle möglichen Großväter, Onkel und Vettern euch bekämpft haben. Wahrscheinlich Ihre Vorfahren«, fügte ich hinzu, falls ihm entgangen sein sollte, worauf ich hinauswollte.
»Das bezweifle ich nicht. Vor ein paar Jahrhunderten waren die Ainslies ein ziemlich blutrünstiges Völkchen. Er tippte ein paar Wörter, dann blickte er wieder auf. »Haben Sie vor, in den vierzehn Tagen bis Budapest pausenlos Konversation zu betreiben?«
»Konversation.« Ich musste leise kichern. Das lag definitiv am Schlafmangel. »Sie reden ja wirklich wie ein englischer Lord.«
Seufzend klappte er seinen Laptop zu. »Wollen Sie nicht ein bisschen schlafen? Sie sehen so aus, als ob Sie gleich umfielen, und Ihre Augen fallen ständig zu.«
