Beschreibung

Die Doppelgängerin May ist die Seelengefährtin des Silberdrachen Gabriel. Doch auch der attraktive Dämon Magoth gibt sich die größte Mühe, May für sich zu gewinnen. Und dieser fällt es immer schwerer, seinen Verführungsversuchen zu widerstehen. Umso erschütterter ist sie, als Gabriel sie bittet, dem Werben des Dämons nachzugeben. Was führt der Silberdrache im Schilde?

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 380


Inhalt

Titel

Widmung

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Impressum

 

Roman

Ins Deutsche übertragenvon Margarethe van Pée

 

Für Dave Morace und Aimee Schmelter. Danke, dass ihr mich in unpassenden Momenten zum Kichern bringt und dass ich euch Lintyblobs und Iddykins nennen darf.

 

1

»Innere Schönheit ist gleich äußere Schönheit; das haben sie uns bei Carrie Fay beigebracht, und wenn du mich fragst, stimmt das absolut. Ich meine, denk mal darüber nach – so jemand wie du zeigt sich doch auch nach außen, oder?«

Bevor ich mit dieser merkwürdigen Logik Schritt halten konnte, wurde mir eine kalte, feuchte Masse, die nach Erde und Mineralien roch, über den Mund geschmiert. »Mmm-hmm«, konnte ich nur noch antworten.

»Ich wische dir den Mund ab, aber du darfst nicht sprechen, Süße. Deine Lippen sollen sich nämlich nicht bewegen, während die Maske trocknet. Außerdem stimmt es tatsächlich. Sieh dich doch an, zum Beispiel!«

Die zierliche blonde Frau vor mir hatte mir eine olivgrüne Lehmmaske auf mein Gesicht aufgetragen. Jetzt trat sie einen Schritt zurück, um mich zu begutachten. In der einen Hand hielt sie eine kleine Schale mit einer klebrigen Pampe, die andere steckte in einem Latexhandschuh, der mit ebendiesem Brei überzogen war. Sie schwenkte die Schale. »Du siehst nicht im Geringsten böse aus, und doch bist du im Begriff, einen Dämonenfürsten zu heiraten.«

»Sally, ich heirate Magoth nicht …«, setzte ich an, aber sie unterbrach mich stirnrunzelnd.

»Du sollst doch nicht sprechen, Süße! Das habe ich dir doch gerade erklärt! Wo waren wir stehen geblieben? Oh ja, wie sehr die äußere Erscheinung doch täuschen kann.« Sie betrachtete mich noch eingehender, und ich wand mich auf meinem Stuhl. Ich hatte mich noch nie wohlgefühlt, wenn ich im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand … mit einer bemerkenswerten Ausnahme.

Mein Herz bebte, und ein vertrauter Schmerz stieg in mir auf, als ich sein Bild vor meinem geistigen Auge sah – ein Mann, der so fröhlich lachte, dass die Grübchen in seinem schönen milchkaffeebraunen Gesicht zu sehen waren und seine grauen Augen wie Quecksilber blitzten. Mein Herz schlug schneller, obwohl ich Gabriel seit über einem Monat nicht gesehen hatte.

»Du siehst aus wie eine normale Frau – obwohl ich sagen muss, dass diese Frisur aus den Zwanzigerjahren nicht gerade Mainstream ist. Aber abgesehen davon siehst du völlig normal aus, beinahe sogar nett, überhaupt nicht so, als würdest du Mrs Dämonenfürst.«

»Ich heirate Magoth nicht«, erwiderte ich, wobei ich mich bemühte, meine Lippen nicht zu bewegen.

»Na ja, Gefährtin, Gattin, Gemahlin … das ist doch alles das Gleiche, oder nicht? Auf deiner Stirn müssen wir noch ein bisschen nachlegen, Süße. Sie muss geglättet werden. Was hast du denn sonst immer für dein Gesicht genommen? Nein, antworte nicht, lass zuerst die Maske trocknen. Hier, möchtest du dich sehen?« Sally zog den Handschuh aus, betrachtete ihr Werk einen Moment lang bewundernd und hielt mir einen Spiegel hin.

Langsam stieß ich zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor: »Nein, danke, ich bin eine Doppelgängerin. Wir haben kein Spiegelbild.«

»Ach, nicht? Das ist mir noch nie aufgefallen.«

»Das wissen auch die wenigsten Leute.«

»Das macht es aber schwierig, wenn du dir die Augenbrauen zupfen willst.« Sie bewunderte ihr eigenes Bild im Spiegel und fuhr sich über ihre sorgsam gestylten blonden Haare. Dann legte sie den Spiegel weg und schenkte mir ein Haifischlächeln. »Aber auch ohne Spiegelbild musst du zugeben, dass das alles schrecklich romantisch ist.«

»Romantisch?« Meine Gedanken wandten sich sofort dem Drachen in Menschengestalt zu, bei dessen Anblick mir unweigerlich die Knie weich wurden.

»Ja! Schrecklich romantisch!« Der verwirrte Ausdruck in meinen Augen musste ihr aufgefallen sein, denn während sie pfundweise Kosmetik und die dazugehörigen Geräte in eine kleine rosa Tasche packte, fuhr sie fort: »Dass Magoth dich zu seiner Gefährtin macht und dich mit allem ausstattet, was zu so einer Position gehört, meine ich. Es ist so unglaublich romantisch. Er begehrt dich so sehr, dass er bereitwillig die Tatsache übersieht, wie wenig du für diese Position geeignet bist. Aber offensichtlich hat auch ein Dämonenfürst eine schwache Seite.«

Ich verdrehte die Augen. »Magoth hat keine schwache Seite, und von Begehren kann auch keine Rede sein. Und ich habe auch nicht gesagt, dass ich seine Gefährtin werde. Ich bin die Gefährtin eines Wyvern, und dort ist mein Herz, nicht hier in Abaddon bei Magoth.«

Sally fiel der Unterkiefer herunter. »Du bist die Gefährtin eines Wyvern? Eines Drachen-Wyvern? Der Anführer einer Drachensippe?«

»Genau«, erwiderte ich, immer noch, ohne den Mund zu bewegen. Je trockener die Maske wurde, desto mehr spannte sich meine Haut, was das Ganze nicht gerade einfach machte.

»Die Gefährtin eines Wyvern!« Sally betrachtete mich nachdenklich. »Was machst du denn dann hier?«

Ich seufzte. »Das ist eine lange Geschichte, zu lang, um sie dir jetzt zu erzählen. Die Kurzfassung ist, dass ich an Magoth gebunden war, als mein Zwilling mich erschaffen hat. Weil ich eine Doppelgängerin bin, musste ich für ihn Dinge stehlen, die er haben wollte. Eines Tages begegnete ich dann Gabriel – er ist der Wyvern der silbernen Drachen –, und wir entdeckten, dass ich seine Gefährtin bin. Magoth kam dahinter und verlangte von mir, ich solle ein unendlich wertvolles Artefakt, das Lindwurm-Phylakterium, stehlen. Ich weigerte mich und gab es stattdessen Gabriel.«

Ihr traten fast die schlammgrünen Augen aus dem Kopf. »Du hast dich geweigert? Du wurdest zum Dybbuk?«

Ich nickte.

»Heiliger Bimbam! Aber … du lebst ja noch. Und bist heil. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass Magoth mir gesagt hat, du hättest eingewilligt, seine Gemahlin zu werden. Warum sagt er das denn? Und warum lässt er dich leben ohne ewige Qualen, wenn du zum Dybbuk geworden bist?«

»Magoth ist eben ein bisschen … anders«, sagte ich, wobei ich ein spöttisches Lächeln kaum unterdrücken konnte. »Er weiß wahrscheinlich, dass es für mich die größte aller Qualen bedeutet, seine Gefährtin zu werden.«

»Findest du ihn denn nicht attraktiv?«, fragte sie und schüttelte ungläubig den Kopf. »Er sieht fantastisch aus!«

»Doch, er ist ausgesprochen attraktiv. Welche Frau könnte seiner dunklen Glut widerstehen? Die Frauen des letzten Jahrhunderts konnten es jedenfalls nicht. Du weißt doch sicher, dass er ein Stummfilmstar war, oder?«

»Na ja, er kommt mir irgendwie bekannt vor.« Sie überlegte einen Moment lang, dann nannte sie einen Namen.

»Das ist er. Wenn er seine Haare glatt zurückkämmt, sieht er seiner Filmfigur noch ähnlicher. Aber trotz seines attraktiven Äußeren verursacht sein Inneres mir Albträume.« Ich fasste sie am Ärmel. »Sally, ich weiß, dass du dich hier in Abaddon aufhältst, weil du dich auf die freie Dämonenfürsten-Stelle beworben hast, aber ich glaube nicht, dass du verstehst, was hier vor sich geht und wie Dämonenfürsten wirklich sind. Sie mögen aussehen wie Menschen, aber sie haben den letzten Rest an Menschlichkeit schon vor langer, langer Zeit verloren, und Magoth unterscheidet sich darin in nichts von den anderen … abgesehen davon, dass er vielleicht ein noch größerer Idiot ist.«

»Das ist schon in Ordnung.« Sie tätschelte meine Hand und wandte sich dann zu dem schwarz verhängten Spiegel in dem Zimmer, das Magoth mir (widerwillig) zugewiesen hatte. »Ich mag meine Männer ein bisschen dumm. Dann sind sie viel leichter zu handhaben.«

Ich starrte sie ungläubig an. »Ich weiß zwar nichts von dir, außer dass es dir wichtig ist – aus Gründen, die ich absolut nicht nachvollziehen kann –, die vakante Position eines Prinzen von Abaddon zu erlangen, aber abgesehen davon glaube ich, dass du Magoths wahre Natur völlig unterschätzt. Er ist manipulativ, gierig, egozentrisch, äußerst skrupellos, und er verleiht dem Wort ›diabolisch‹ eine völlig neue Bedeutung. Kurz gesagt, er ist alles Böse, was du dir nur vorstellen kannst … und noch viel mehr.«

»Meine süße May … singst du der zauberhaften Sally etwa ein Loblied auf mich? Wie liebenswürdig von dir.«

Die leicht amüsierte Stimme behagte mir gar nicht. Mit Magoth in normaler (sprich: böser) Laune konnte ich umgehen, aber der zu Scherzen aufgelegte, vergnügte Magoth war besonders gefährlich.

»Ich erzähle ihr nur die Wahrheit über dich«, erwiderte ich vorsichtig und drehte mich zu ihm um. Als Sterblicher war Magoth ein unglaublich gut aussehender Mann gewesen, mit Haaren und Augen schwarz wie die Sünde und einer verführerischen Art, der alle Frauen über die Jahrhunderte hinweg erlegen waren … sofern sie seine Aufmerksamkeiten überlebten. Dämonenfürsten konnten zwar ihre Gestalt nach Belieben verändern, aber Magoth hatte die seine immer behalten, da sie für seine Zwecke hervorragend geeignet war.

Mit lässiger Anmut lehnte er am Türrahmen, ein böses Funkeln in den Augen, die Haare zurückgekämmt, sodass er wieder aussah wie der Schauspieler, der er vor etwa neunzig Jahren gewesen war. »Darf ich eintreten?«, fragte er und zog leicht die Augenbrauen in die Höhe, weil ich so zögerlich reagierte.

»Ich glaub es nicht, er muss fragen, ob er in dein Zimmer kommen darf?« Sally blieb vor Erstaunen die Luft weg, und Magoth fühlte sich zu einer Erklärung bemüßigt.

»Das ist ein kleines Spiel zwischen meiner süßen May und mir – sie besteht darauf, dass ich ohne ihre ausdrückliche Zustimmung ihr reizendes Zimmer nicht betreten darf, und ich tue so, als ob ich mich daran hielte. Und da wir gerade von Spielen sprechen, wie wäre es mit einem kleinen Dreier?« Magoth warf sich auf mein Bett und klopfte mit einem verführerischen Blick auf mich einladend auf die Matratze. »Ich muss May den Vortritt lassen, da sie meine Gemahlin sein wird, aber du darfst deine wildesten Fantasien mit mir ausleben, Sally. May hat sicher nichts dagegen, wenn du mich wie einen Maulesel reitest.«

»Oh!« Sally warf mir einen raschen Blick zu. Ich war mir nicht sicher, ob sie der Gedanke an einen Dreier erschreckte oder die Tatsache, dass ich anscheinend nichts gegen die Untreue meines sogenannten Liebhabers einzuwenden hatte. »Ich weiß nicht … äh …«, stammelte sie.

»Sie ist genauso wenig an dir interessiert wie ich«, kam ich Sally zu Hilfe. Ich hätte am liebsten die Stirn gerunzelt, weil Magoth auf meinem Bett herumlungerte, aber die Maske war mittlerweile so fest geworden, dass sie jede Bewegung unmöglich machte … und abgesehen davon wäre es Magoth sowieso egal gewesen. »Möchtest du etwas Bestimmtes?«

»Wenn ich antworten würde ›dich‹, würdest du mir das verübeln?«, fragte er und wackelte anzüglich mit den Augenbrauen. »Und zwar deinen nackten, köstlichen Körper, mit einem Hauch von diesem essbaren Jasminöl, das ich für dich habe machen lassen.«

Ich verschränkte die Arme vor der Brust. »Wirf einen Blick auf mein Gesicht, Magoth. Was siehst du?«

»Ich sehe eine Frau, die verzweifelt versucht, sich für mich schön zu machen. Dabei finde ich dich auch so schon attraktiv. Soll ich mit dir schlafen, während du eine Gesichtsmaske aufgetragen hast? Das ist ein bisschen pervers, aber nicht annähernd so pervers wie die Vorstellung, dich mit Schweinefett einzureiben und an diese köstliche kleine Vorrichtung zu fesseln, die ich dir in meinem Spielzimmer gezeigt habe …«

Ich unterdrückte ein Schaudern. »Dein Spielzimmer ist die reinste Folterkammer, und ich werde es nie wieder betreten.«

»Aber, meine herzallerliebste May, ich versichere dir, ein wenig Strom in Klemmen, die auf gut geölten Nippeln sitzen, kann auf eine Weise stimulierend sein …«

»Hörst du jetzt auf?«, unterbrach ich ihn mit lauter Stimme, damit er sich nicht selber in Rage redete. »Ich werde nicht mit dir schlafen. Jetzt nicht und auch sonst nicht und ganz bestimmt nicht, wenn Schweinefett und Nippelklemmen im Spiel sind.«

Sally zog erschrocken die Luft ein, weil ich es wagte, so mit Magoth zu reden. »Mayling, mein kleiner Honigkuchen, du musst Rat annehmen von jemandem, der weiser und ein kleines bisschen älter ist als du – ein wenig Respekt, gepaart mit einem winzigen Hauch von Demut kann sehr hilfreich sein, wenn du es mit jemandem zu tun hast, der Macht besitzt.«

Magoth lachte und erhob sich vom Bett. Er wedelte mit der Hand, und seine Kleider fielen von ihm ab. »Vielleicht muss ich dir einfach noch einmal vor Augen führen, was du so leichtfertig ablehnst, meine Königin?«

»Ich bin nicht deine Königin«, erwiderte ich gleichmütig.

»Oh, du liebe Güte!« Sally traten fast die Augen aus dem Kopf, als sie Magoth in all seiner Pracht sah. »Du bist … äh … erregt.«

»Er ist immer erregt«, warf ich ein.

»Meine Süße spricht die Wahrheit«, sagte er und blickte stolz auf seinen Penis hinab. »Ich besitze unglaubliche sexuelle Kraft und kann stundenlang Lust schenken.«

»Stundenlang?«, fragte Sally atemlos. Ihre Augen wurden glasig, als sie ihn ausgiebig begutachtete.

»Er stellt sich unter Lust etwas anderes vor als du und ich«, sagte ich leise zu ihr.

»Woher willst du denn wissen, was ich lustvoll finde?«, gab sie zurück, und einen Moment lang stand etwas in ihren Augen, das mir erklärte, warum eine Frau, die absolut normal wirkte, plötzlich vorhatte, Dämonenfürstin zu werden.

»Das weiß ich natürlich nicht«, gab ich zu. »Aber Magoths Form von Lust hat immer einen Haken. Und manchmal ist sie tödlich.«

»Ich habe schon seit Tagen keine Frau mehr mit Sex umgebracht«, sagte er mit lüsternem Blick. Er schwenkte seine Hüfte, sodass sein Penis, den eine unglückliche Geliebte mit einem Fluch tätowiert hatte, mir zuwinkte.

Ich warf ihm einen entsetzten Blick zu. Er lachte wieder. »May, meine anbetungswürdige May, du bist Wachs in meinen Händen. Seidenhäutiges, blauäugiges Wachs zwar, aber nichtsdestotrotz Wachs. Ich nehme an, mein Vorschlag zu einem Dreier stößt nicht auf Gegenliebe?«

»Genau«, bestätigte ich seine Vermutung.

»Ah.« In gespieltem Bedauern blickte er an seinem Penis herunter. »Vielleicht ist der Dame eine andere Farbe lieber? Vielleicht entspricht dir das mehr?«

Seine Gestalt flimmerte und verschwamm leicht vor meinen Augen, und dann wurde er zu einem großen Mann mit milchkaffeebrauner Haut, schulterlangen Dreadlocks, einem gepflegten Bärtchen und Schnurrbart, die Lippen umrahmten, die fest und sensibel zugleich waren. Mein Herz machte einen Satz und klopfte wie wahnsinnig, als ich den Mann erblickte, für den ich so viel geopfert hatte. Ich ballte meine Hände zu Fäusten, um Magoth für seine Grausamkeit nicht zu schlagen, doch genau diese Reaktion wollte er ja wahrscheinlich erreichen. Es dauerte eine kleine Weile, aber schließlich hatte ich meine Emotionen im Griff und bedachte ihn mit einem kühlen Blick.

»Du bist nicht einmal andeutungsweise so ein Mann wie Gabriel«, sagte ich zu ihm.

»Ah, aber er ist doch gar kein Mann«, erwiderte Magoth und blickte an sich hinunter. Er erschauerte und kehrte zu seiner normalen Gestalt zurück, zum Glück wieder in voller Bekleidung. »Eines Tages werde ich es hoffentlich begreifen, dass du den silbernen Wyvern mir vorziehst, aber langsam frage ich mich, ob du nicht einfach nur halsstarrig bist.«

Ich holte tief Luft und fragte so gleichmütig wie möglich: »Wolltest du eigentlich etwas, von dem Dreier einmal abgesehen?«

»Wie wäre es denn mit einem dreifachen Rittberger?«, fragte er hoffnungsvoll.

Ich presste die Lippen zusammen.

»Der Drache hat dich verdorben«, sagte er und schüttelte seufzend den Kopf. »Früher warst du so lustig. Ich habe zufällig ein paar Neuigkeiten, die ich dir mitteilen …«

Den Rest des Satzes bekam ich nicht mehr mit. Sekundenlang verspürte ich am ganzen Körper ein schwaches Prickeln, dann wurde ich aus dem Zimmer gezerrt, aus Magoths Haus, aus Abaddon hinaus und landete in einem vertrauten Zimmer auf dem Boden.

Einen kurzen Moment lang sah ich alles nur verschwommen, aber dann wurde mein Blick wieder klar. Eine schwarze Frau mit einer weißen Strähne in ihrem schulterlangen Haar beugte sich vor und betrachtete mich durch eine rote Brille. »Alles in Ordnung?«, fragte sie und blickte mich aus ihren warmen braunen Augen besorgt an.

»Ich … ja. Ich glaube schon.« Ich wollte gerade fragen, wer sie war – und vor allem, wie es ihr gelungen war, mich aus Abaddon herauszuholen –, als ich aus den Augenwinkeln eine Bewegung wahrnahm. Ich fuhr herum, und beim Anblick des Mannes, der dort stand, schlug mir das Herz plötzlich bis zum Hals.

»Gabriel!«, schrie ich und warf mich in seine Arme.

 

2

»Ich wusste doch, dass du einen Weg finden würdest, um mich aus Abaddon herauszuholen«, sagte ich und überschüttete Gabriels Gesicht mit Küssen. Er verströmte ein Gefühl von Wärme und Zuverlässigkeit, und sein wunderbarer Geruch nach Wald hüllte mich ein. »Ich wusste, dass du verstehen würdest, was ich vor Magoth nicht sagen konnte. Ich habe zwar nicht geglaubt, dass du so lange brauchen würdest, um mich da herauszuholen, aber wenn man bedenkt, dass auch ich es nicht geschafft habe, mich Magoths Zugriff zu entziehen, kann ich mich nicht beklagen. Nicht, wo wir endlich wieder zusammen sind.«

Gabriels silberne Augen schienen bis in die Tiefen meiner Seele blicken zu können. Sie drangen selbst in die dunkelsten Ecken vor, und glühende Hitze schoss durch meinen Körper. »Mein kleiner Vogel, ich bin … warum ist dein Gesicht grün?«

»Oh.« Ich berührte meine Wange und zog ein Stück getrockneten Lehm ab. »Das ist eine Gesichtsmaske.«

»Ach so. Ich bin …«

Bevor er den Satz beenden konnte, wurde ich erneut aus seinen Armen gerissen und durch eine schwarze Spirale gewirbelt. Unsanft landete ich auf kaltem Marmorboden.

»Aua. Was zum …« Ich blickte auf und rieb mir die schmerzende Stirn. Ein kleiner grüner Lehmstaubkreis markierte die Stelle, an der ich aufgeschlagen war. Mein Herz krampfte sich vor Elend zusammen, als ich Magoth erblickte, der mich stirnrunzelnd musterte. Hinter seinem Rücken lugte Sally hervor.

»Wer hat dich gerufen, May?«

»Ich weiß nicht«, erwiderte ich, aber Magoth war kein Narr. Finster blickte er mich an, als ich mich aufrappelte und meine Hose abklopfte. »Du kannst aufhören, mich mit Blicken erdolchen zu wollen – ich weiß nicht, wer mich gerufen hat.« Das war die Wahrheit; ich hatte keine Ahnung, wer die Frau war, die Gabriel engagiert hatte, aber wer auch immer sie sein mochte, ich hätte am liebsten laut ein Loblied auf sie gesungen.

Magoth schätzte meine Ausflüchte nicht. »Es war dein Drache!«

»Gabriel war da, das stimmt. Aber er hat mich nicht gerufen. Drachen können Diener dunkler Herren nicht rufen, und da ich zu dieser Gruppe gehöre …«

Bevor ich den Satz beenden konnte, wurde ich durch den Stoff der Zeit wieder zurückgezerrt und landete erneut in einem vertrauten Zimmer.

»Mayling!«

»Hallo. Äh … kann ich dieses Mal hierbleiben?«, fragte ich, als Gabriel mich in seine Arme zog. »Zumindest hoffe ich das sehr, weil dieser Ausdruck in deinen Augen mich wirklich …«

Ein leises Hüsteln erinnerte mich an die Tatsache, dass wir Zuschauer hatten.

»Es freut mich, dich wiederzusehen, May, Gesichtsmaske hin oder her«, sagte eine Frau, und ich drehte mich lächelnd zu Aisling um. Sie schmiegte sich an ihren Ehemann, einen dunkelhaarigen, grünäugigen Wyvern namens Drake.

»Oh Mann, musstest du sie ausgerechnet jetzt unterbrechen? Ich hätte zu gerne gehört, was sie mit Gabriel anstellen wollte. Ich möchte wetten, dass da Zungen im Spiel waren. Und vielleicht auch Erdnussbutter. Das hoffe ich zumindest.« Der große schwarze, zottige Neufundländer, der neben Aisling saß, mochte ja wie ein ganz normaler Hund aussehen, aber ich wusste es besser.

»Leider keine Erdnussbutter, Jim. Ich freue mich auch, euch alle wiederzusehen, Aisling. Bekommst du nicht bald dein Baby?«

Seufzend rieb sie über ihren dicken Bauch. »Noch sechs Wochen, sagt die Hebamme. Ich bin es langsam leid, behandelt zu werden, als sei ich aus Glas. Drake hat mir noch nicht einmal erlaubt, dich selber zu rufen. Er hat darauf bestanden, dass meine Mentorin Nora die Aufgabe übernahm. Oh, du kennst Nora ja noch gar nicht, oder? Nora Charles, das ist May Northcott, die Gefährtin Gabriels, wie du dir wahrscheinlich schon gedacht hast.«

»Ich freue mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen«, sagte die Frau mit der roten Brille. Sie schenkte mir ein warmes Lächeln und streckte mir die Hand entgegen.

Ich wollte sie ergreifen, aber stattdessen fiel ich in eine dunkle Grube und landete krachend auf dem schwarzen Marmorfußboden von Magoths Empfangshalle.

»Was ist hier los? Wer ruft dich ständig von mir weg? Ich dulde das nicht, May! Ich dulde das absolut nicht! Du bist meine Gefährtin! Wer wagt es, dich mir zu entreißen?«, wütete Magoth.

Seufzend stand ich erneut auf und wischte mir den Rest der mittlerweile knochentrockenen Maske vom Gesicht. »Nora Charles hat mich gerufen.«

Magoth verzog verwirrt das Gesicht. »Den Namen kenne ich nicht. Wer ist diese Person?«

»Sie ist Hüterin, nehme ich an«, erwiderte ich vorsichtig. Je weniger Informationen Magoth hatte, desto besser für mich. Ich musste zwar alle seine Fragen wahrheitsgemäß beantworten, aber das hieß ja noch lange nicht, dass ich ihm alles sagen musste.

»Ach, du liebe Güte; durch das ständige Reden ist die Maske kaputtgegangen.« Sally wedelte nervös mit den Händen. »Jetzt bringt sie gar nichts mehr.«

»Meine Poren werden es schon überleben.« Ich verschwand im Badezimmer am Ende des Gangs und wusch mir rasch die letzten Überreste der Maske vom Gesicht. Magoth und Sally folgten mir.

»Ich spüre, dass du unzufrieden mit mir bist, May. Das bekümmert mich. Ich dachte, wir könnten Freundinnen werden«, sagte Sally und zupfte nervös an der hellrosa Spitze, mit der ihr pinkfarbener Pullover eingefasst war. »Ich weiß zwar, dass ich als Dämonenfürstin gar keine Notiz vom Diener eines anderen Dämonenfürsten nehmen dürfte, aber ich bin der Ansicht, dass ein bisschen Honig jede Situation versüßt, und ich hätte so gerne, dass wir Freundinnen wären.«

Wenn ich darauf etwas erwidert hätte, wäre meine Antwort sicher unhöflich ausgefallen, also schwieg ich lieber und ging in mein Schlafzimmer.

»Diese Hüterin – dein Drache hat sie bestimmt engagiert, um dich mir wegzunehmen«, sagte Magoth. »Ich hatte mir schon gedacht, dass er zu solchen Maßnahmen greifen würde, aber ich kann dem leicht ein Ende setzen. Ich werde ihm einfach sagen, dass ich dich foltern werde, wenn er es noch einmal versucht.«

Ich ignorierte das Wort »foltern« (ganz zu schweigen von dem entzückten Leuchten in Magoths schwarzen Augen) und konzentrierte mich auf das Wesentliche. »Ach ja? Und wie willst du Gabriel das sagen? Du kannst Abaddon nicht verlassen – du besitzt weder die Macht noch die Fähigkeit dazu –, und Gabriel ist sicher nicht dumm genug, hierherzukommen und sich in deine Hände zu begeben.«

Magoths Kinnmuskeln zuckten. Sally, die sich in einen Sessel gesetzt hatte und in meinen Zeitschriften blätterte, blickte auf. »In der Carrie-Fay-Akademie für Schönheit und Verzauberung haben sie uns beigebracht, nie zu sagen, dass etwas unmöglich sei. Es muss doch ganz bestimmt einen Weg für dich geben, Abaddon zu verlassen, Magoth?«

»Hmm.« Magoth überlegte.

Ich fragte mich, was wohl die Strafe dafür sein mochte, einen Anwärter auf die Stelle eines Dämonenfürsten zu erwürgen.

»Ich könnte schwören – bitte verzeih mir, wenn ich mich einfach so einmische, obwohl du mich nicht um meinen Rat gefragt hast, und Bael allein weiß, dass du über viel mehr Erfahrung verfügst als ich –, aber ich könnte schwören, dass ich in der Doktrin des Unendlichen Bewussten etwas über Methoden gelesen habe, Abaddon zu verlassen.«

Magoth starrte sie an, als seien ihr plötzlich Flügel und ein Heiligenschein gewachsen.

»Kennst du die Doktrin nicht?«, fragte sie und warf mir einen verwirrten Blick zu, bevor sie sich wieder ihm zuwandte. »Es handelt sich um die Gesetze, nach denen Abadd…«

»Ich weiß, was die Doktrin ist.« Er unterbrach sie mit einer unwirschen Geste. »Ich habe das Kapitel über geeignete Methoden zur Bestrafung von ungehorsamen Dienern verfasst, eine Tatsache, die meine süße May vergessen zu haben scheint.«

»Ich bin doch hier, oder etwa nicht?«, fragte ich. »Ich habe es nicht vergessen.«

»Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass jemand das Zusammensein mit dir als Strafe empfindet«, bemerkte Sally mit einem Lächeln, bei dem sie wesentlich mehr Zähne zeigte, als ein Mensch haben konnte. »Du bist bei Weitem der netteste aller Dämonenfürsten, die ich bisher kennengelernt habe.«

Magoth legte beide Hände auf ihre Brüste und schmiegte sich an sie. »Du verstehst nur zu gut, was es bedeutet, so zu sein wie ich, aber leider kann ich nicht mit dir schlafen, wie du es verdient hast, bis meine süße May eingewilligt hat, meine Gemahlin zu werden.«

»Wie kommst du denn darauf?«, fragte ich erstaunt.

Er zuckte mit den Schultern und hörte zögernd auf, Sallys Brüste zu kneten. Sie schien nichts dagegen zu haben, dass er sie begrapschte. »Ich umwerbe dich, damit du meine Gemahlin wirst. Und bis du einwilligst, muss ich all meine Energien auf dich konzentrieren. Aber wenn du zustimmen würdest, könnten wir uns einem köstlichen Dreier hingeben, bei dem eine von euch …«

»Ich habe dir doch bereits gesagt, dass das nicht geschehen wird«, unterbrach ich ihn, bevor er begann, in Einzelheiten zu schwelgen. Magoth liebte Details, wobei es keine Rolle spielte, ob es sich um Bestrafungen oder Sex handelte; er konnte sich in beidem stundenlang ergehen.

»Was, der Dreier oder die Gefährtin?«, fragte Sally.

»Beides.« Ich wandte mich zu Magoth. »Ich habe die Bestrafung, an deiner Seite sein zu müssen, weil ich zum Dybbuk geworden bin, akzeptiert, aber ich werde nicht deine Gefährtin werden.«

»Habe ich dir eigentlich schon gesagt, dass du in dieser Position Zugang zu meiner Macht hast?«, fragte er und kam auf mich zu. Magoth verfügte nicht über Gabriels lässige Eleganz und Geschmeidigkeit, aber ich konnte nicht leugnen, dass er dem verdammt nahekam. Er blieb so dicht vor mir stehen, dass er mich beinahe berührte. Sein Körper entzog der Luft jegliche Wärme, und ich erschauerte unwillkürlich.

»Äh … nein, das hast du nicht. Was für eine Macht?« Einen Moment lang spielte ich mit der Idee, Magoths Angebot anzunehmen, um dadurch so viel Macht über ihn zu bekommen, dass ich seinen Klauen entkommen und wieder zu Gabriel zurückkehren konnte.

»Nun …« Er lächelte und fuhr mit dem Finger über mein Kinn. Seine Berührung jagte einen eisigen Schauer über meinen Rücken. »In Abaddon wird eine Gefährtin genau wie der Dämonenfürst, zu dem sie gehört, von den anderen Fürsten mit Respekt behandelt.«

Ich überlegte einen Moment lang, wobei ich einen Schritt zurücktrat. »Besäße ich auch die Fähigkeit, dich nach Akasha zu verbannen?«

»Akasha!«, keuchte Sally. »Du würdest den lieben Magoth in den Limbo schicken? May, Liebes, ich weiß ja, dass dir das alles genauso neu ist wie mir, aber du kannst doch keine Witze über so etwas …«

»Niemand hat diese Macht«, schnitt Magoth ihr das Wort ab. Seine Augen funkelten vor Vergnügen. Er hob mein Kinn und strich mit seinem eiskalten Daumen über meine Lippen.

»Aisling doch.«

Magoth zuckte zurück und kniff die Augen zusammen. »Aisling Grey, die Fürstin?«

»Die ehemalige Fürstin«, stellte ich klar, da ich von der Geschichte gehört hatte, wie es Aisling gelungen war, ihrer ungewollten Mitgliedschaft im Club der Fürsten von Abaddon zu entkommen. »Durch einen Trick war sie dazu verleitet worden, einen von euch Dämonenfürsten zu vernichten, woraufhin Bael sie diese Position einnehmen ließ.«

»Sie wurde ausgestoßen und exkommuniziert«, antwortete er, aber seine Nüstern blähten sich, und er machte keine Anstalten mehr, mich zu berühren. »All ihre Macht wurde ihr genommen.«

»Nur die Macht als Fürstin von Abaddon. Ich weiß das, weil Aisling eine gute Freundin von Gabriel ist«, erklärte ich. »Und von mir.«

Magoth musterte mich einen Moment lang eindringlich und versuchte, all meine Schutzschichten zu durchdringen, um tief in meine Gedanken vordringen zu können, aber ich hatte in den letzten sechs Wochen, seit ich zum Dybbuk geworden war, gelernt, meine wahren Gedanken zu verbergen.

Trotzdem entspannte er sich und schenkte mir ein aufrichtiges Lächeln. »Deiner Freundin dürfte es schwerfallen, mich nach Akasha zu schicken. Ein solches Unterfangen könnte nur auf ihre Kosten ausgeführt werden, und ich glaube, der Drache, an den sie gebunden ist, würde ein solches Opfer nicht erlauben. Nein, meine süße May, ich fürchte deine Freunde nicht mehr, als ich dich fürchte.«

»Mich?« Ich stieß ein leises, bitteres Lachen aus. »Ich bin doch keine Gefahr für dich.«

»Nein, in der Tat nicht – wäre es anders, stündest du hier nicht unversehrt vor mir«, erwiderte er. Der Wahrheitsgehalt dieser Feststellung ließ mich frösteln. »Die reizende Sally hat mir jedoch etwas in Erinnerung gerufen, das ich vergessen hatte – in der Doktrin stehen viele Gesetze, die unser Dasein bestimmen, aber eines davon ist besonders zweckdienlich.«

»Welches?«, fragte ich misstrauisch.

»Oh, ich weiß!« Sally wedelte mit der Hand, um seine Aufmerksamkeit zu erlangen. »Mir ist gerade wieder eingefallen, was ich eben sagen wollte. Es steht im Abschnitt über die Gefährten: So wie der Gefährte Zugang zu der Welt des Dämonenfürsten hat, erlangt der Dämonenfürst Zugang zur Welt des Gefährten. Sozusagen ein Abkommen auf Gegenseitigkeit.«

Entsetzen überfiel mich. In den letzten hundert Jahren hatte Magoth weder die Macht noch die Möglichkeit besessen, einen Fuß in die Welt der Sterblichen zu setzen, wofür ich zutiefst dankbar war. Hätte ich auch nur einen Augenblick lang in Erwägung gezogen, seine Gefährtin zu werden, so hätte mich die Vorstellung, dass er dadurch Zugang zur Welt der Sterblichen bekam, auf der Stelle davon abgebracht.

»Genau«, sagte Magoth. Das Entsetzen, das ich verspürte, musste wohl durch die engen Maschen des Netzes geschlüpft sein, mit dem ich meine Emotionen umgab, denn er legte den Arm um mich und versuchte, mich an sich zu ziehen. »Mach nicht so ein entsetztes Gesicht, süße May! Wir werden viel Spaß miteinander in der Welt der Sterblichen haben! Chaos, Zerstörung, vielleicht sogar ein paar altmodische Vergewaltigungen … es wird sein wie früher, als ich in der sterblichen Welt nach Belieben ein und aus gehen konnte.«

»Ich kann die Götter, denen ich zu tiefstem Dank verpflichtet bin, weil du fast ein Jahrhundert lang dazu nicht in der Lage warst, gar nicht alle aufzählen«, sagte ich und löste mich fröstelnd aus seiner kalten Umarmung.

»Komm. Wir kümmern uns sofort um diese Angelegenheit.« Magoth packte mich am Handgelenk und begann, mich aus dem Zimmer zu zerren. »Wir wollen den anderen Fürsten offiziell verkünden, dass du meine Gemahlin werden wirst in … wie lange brauchst du, um dich auf die Zeremonie vorzubereiten?«

»Tausend Jahre?«, entgegnete ich. Ich spürte ein vertrautes Prickeln, das sich von meinen Zehen nach oben ausbreitete. »Ich glaube, ich werde wieder gerufen, nur damit du Bescheid weißt.«

Er ließ meine Hand los und warf mir einen freudig überraschten Blick zu. »Das ist bestimmt wieder dein Drache. Hervorragend. Du hast meine Erlaubnis, ihm von unserer bevorstehenden Vermählung zu berichten. Du kannst ihm sogar ausrichten, er sei eingeladen. Ich lade alle Drachen ein! Du hast fünf Minuten Zeit, alles zu erklären, danach erwarte ich, dass du wieder zu mir zurückkehrst. In der Zwischenzeit treffe ich sämtliche Vorkehrungen.«

Seine Gestalt flimmerte einen Moment lang, dann war er verschwunden, wahrscheinlich auf dem Weg zu dem Raum, den er als seine Bibliothek bezeichnete, obwohl er auf mich eher wie ein Porno-Museum wirkte.

»Großartig, danke«, sagte ich zu Sally.

»Oh, es tut mir leid, Süße; habe ich meine Kompetenzen überschritten?«, fragte sie scheinbar bekümmert. Aber ich ließ mich nicht täuschen.

»Du wirst eine erstklassige Dämonenfürstin, das steht fest.«

Sie lächelte mich strahlend an. »Danke, May. Es ist sehr lieb von dir, dass du das sagst …«

Sally verblasste, als ich aus Magoths Reich in die wirkliche Welt zurückgeholt wurde.

»Oh, ihr Gesicht ist nicht mehr grün. Und ich habe die Digitalkamera ausgeschaltet. Dabei wollte ich Cecile doch ein Bild schicken, damit sie einmal sehen kann, wie heutzutage die Doppelgänger aussehen«, beklagte sich eine Stimme.

»Cecile?«, fragte ich benommen. Diese Übergänge machten mich immer ganz schwindlig.

Alle standen genauso wie beim letzten Mal. Aisling schmiegte sich an Drake, Jim hockte zu ihren Füßen (mit einer Digitalkamera). Daneben stand Nora, die Hüterin, und hinter mir …

»Magoth hat mir fünf Minuten gegeben, und das sollte wohl ausreichen, um dir die Seele aus dem Leib zu küssen«, sagte ich zu Gabriel.

Er zeigte seine Grübchen und breitete die Arme aus. Ich warf mich an seine Brust, und mein Herz hüpfte vor Freude, als mich seine Wärme und sein Duft umfingen. »Nein, dazu brauchst du ein ganzes Leben lang, mein kleiner Vogel. Aber bevor du dein lüsternes Verlangen an mir befriedigst, muss ich dir erst etwas sagen.«

»Vielleicht sollten wir sie ein bisschen allein lassen«, murmelte Nora.

»Wir sind im Wohnzimmer, falls ihr uns braucht«, sagte Aisling.

»Ich will aber bleiben. Sieh doch, Gabriel hat seine Hände auf ihren Hintern gelegt, und es sieht so aus, als ob May … aua! Ich rufe gleich die Hotline für Dämonen-Missbrauch an!«

Jims Stimme wurde leiser, als Aisling den Dämon hinter sich her aus dem Zimmer zerrte.

Gabriel warf Drake, der sich nicht von der Stelle rührte, einen Blick zu. »Es dauert nicht lange«, sagte er zu ihm.

Drake zog eine Augenbraue hoch, erwiderte jedoch nichts. Er verbeugte sich vor mir und verließ das Zimmer, wobei er leise die Tür hinter sich schloss.

»Ich würde dir ja nur zu gerne widersprechen, aber ich vermute, du redest nicht davon, mit mir Liebe zu machen. Ganz davon abgesehen, dass Magoth mich zurückrufen würde, bevor wir auch nur zu irgendetwas kämen.« Ich ließ meine Handflächen über das schwarze Leinenhemd gleiten, das Gabriel trug. Obwohl die meisten Drachen in den Farben ihrer Sippe gekleidet waren, trug Gabriel außer Silber und Grau auch oft Schwarz, meiner Meinung nach ein Hinweis auf die Ursprünge der silbernen Drachen.

Gabriel warf einen spekulativen Blick auf eine Chaiselongue in der Ecke, aber er besann sich rasch und stieß einen tiefen Seufzer aus. »Ich bin schnell, aber so schnell nun auch wieder nicht. Unser Vorhaben muss warten, bis wir mehr Zeit haben, Mayling.«

»Einverstanden, obwohl du weißt, wie schnell du mich … Nein, du hast ja recht, wir warten damit, bis wir einmal nicht so in Eile sind. Was hatte es mit dem Blick zu Drake vorhin auf sich? Und wie ist es Nora gelungen, mich zu rufen? Ich bin doch kein Dämon.«

»Nein, aber eine Dienerin des Bösen, und deshalb kann man dich genauso leicht rufen wie einen Dämon, Mayling. Du hast mir gefehlt.«

Seine Lippen lagen warm auf meinen, während er sprach. Mein ganzer Körper reagierte auf das unausgesprochene Verlangen, das in seinen Augen stand. »Ich kann dir gar nicht sagen, wie sehr du mir gefehlt hast. Dabei habe ich nicht einmal dazu Zeit. In …« Ich blickte auf meine Armbanduhr. »… viereinhalb Minuten holt Magoth mich wieder zurück. Ach, zum Teufel damit. Es waren so lange sechs Wochen …«

Er hob mich hoch, damit ich ihn küssen konnte, ohne dass er sich zu bücken brauchte. Ich schlang meine Beine um seine Taille, und unsere Zungen wanden sich umeinander.

»Feuer, bitte«, flüsterte ich und knabberte ein wenig an seiner Unterlippe, um ihn daran zu erinnern, wie sehr ich das Gefühl liebte, sein Drachenfeuer zu spüren.

»Mein fordernder kleiner Vogel«, lachte er leise. Er stöhnte, als meine Hände unter sein Hemd schlüpften und über seinen Brustkorb zu seinen lang gestreckten Rückenmuskeln glitten. Er gab mir, was ich wollte, und sein Feuer breitete sich in mir aus, als er mich leidenschaftlich küsste.

Ich gab mich ihm hin, doch meine Gefühle und meine Freude wurden überschattet von dem Kummer und der Angst, dass es vielleicht keinen Weg geben würde, wieder zu ihm zurückzukommen.

»Als du mich verlassen hast, habe ich dir gesagt, dass ich niemals etwas aufgebe, was mir gehört, und du, meine Gefährtin, gehörst ganz bestimmt zu mir.« Gabriels Stimme drang leise an mein Ohr, während seine Lippen eine feurige Spur über mein Kinn zogen.

»Ich habe dich nicht verlassen«, erwiderte ich und stöhnte, als sein Mund auf die empfindliche Stelle an meinem Hals traf, die mich erschauern ließ. Ich knabberte an seinem Nacken und schob seine weichen Dreadlocks beiseite, um an seinem Ohrläppchen zu saugen, weil ich wusste, dass ihn das wild machte. »Ich habe mich für dein Glück geopfert.«

Gabriel unterbrach den Kuss und warf mir einen tadelnden Blick zu.

»Na gut«, lenkte ich ein und küsste eine seiner hochgezogenen Augenbrauen. »Ich habe mich nicht geopfert, sondern einfach getan, was getan werden musste, um uns ein wenig Zeit zu verschaffen. Da Aislings Freundin mich gerufen hat, nehme ich an, du willst mir sagen, dass du einen Weg gefunden hast, um mich aus Abaddon herauszuholen?«

»Sozusagen.« Er küsste mich erneut und ließ mich dann zögernd herunter, bis ich wieder auf meinen Füßen stand. »Ich habe alle Hebel wegen deiner Situation mit Magoth in Bewegung gesetzt. Mit Aislings Hilfe habe ich die Hüterinnen-Gilde konsultiert, zahlreiche Orakel und sogar einen Seher, und alle haben mir das Gleiche gesagt – es gibt keinen Weg, einen Dämonenfürsten zu zwingen, seinen Diener freizugeben.«

Ich schwieg, weil ich sicher war, dass er das letzte Wort noch nicht gesprochen hatte.

»Also habe ich Aisling gefragt, was sie tun würde, wenn sie an meiner Stelle wäre.«

Ein eifersüchtiger Stich durchfuhr mich. Bevor ich Gabriel kennengelernt hatte, hatte er eine Vorliebe für Aisling gehabt und angeblich sogar mit dem Gedanken gespielt, sie Drake wegzunehmen. Natürlich hatte er davon Abstand genommen, als sich herausstellte, dass Aisling schwanger war, aber ich wäre keine Frau, wenn es mich nicht ein bisschen wurmen würde, dass er sich ausgerechnet an Aisling um Hilfe gewandt hatte.

»Eifersucht steht dir gut«, stellte Gabriel fest und zeigte seine Grübchen.

»Ich würde wirklich gerne wissen, warum du meine Gedanken lesen kannst, wohingegen deine mir verschlossen bleiben«, antwortete ich und kniff ihn fest in sein attraktives Hinterteil. »Ich bin nicht eifersüchtig. Ich bin nur … Komm, lass das sein. Wir haben keine Zeit für solche Scherze.«

»Ich freue mich schon jetzt darauf, Zeit dafür zu haben«, erwiderte er. Seine silbergrauen Augen blitzten verführerisch, als er fortfuhr: »Aisling dachte ein paar Wochen über die Lage nach, kam aber nur zu einer Lösung: Du musst etwas für deine Freiheit eintauschen.«

»Eintauschen? Hoffentlich nicht das Phylakterium?«

»Nein, das nicht«, erwiderte er. »Davon würde ich mich nicht trennen. Es hat dich zu viel gekostet.«

»Gut, denn ich habe es dir nicht leichtfertig gegeben. Ich wusste, dass du es sicher aufbewahren und vor dem Zugriff von Kostya oder Magoth schützen würdest. Äh … wo ist es überhaupt?«

»An einem sicheren Ort«, antwortete er.

Ich blickte ihn forschend an, aber sein aufrichtiger Gesichtsausdruck beruhigte mich. Gabriel wusste, dass ich wegen des Phylakteriums zum Dybbuk geworden war – er würde es niemandem geben. »Weißt du denn etwas anderes, was ich dagegen eintauschen kann? Mir fällt nämlich nichts ein«, sagte ich und ging im Geiste meine spärlichen Besitztümer durch. »Wenn ich etwas Wertvolles besäße, hätte Magoth schon längst von mir verlangt, dass ich es ihm aushändige.«

Er schüttelte den Kopf. »Ich besitze viele Schätze, die der Dämonenfürst bestimmt gerne hätte, aber ich gebe nicht her, was mir gehört.« Sein Daumen glitt über meine Unterlippe, und ich biss zaghaft hinein. »Und das schließt dich mit ein, mein kleiner Vogel.«

»Womit soll ich also handeln?«

»Mit dir.«

»Mit mir?« Ein schrecklicher Gedanke durchzuckte mich.

Gabriel warf mir einen beleidigten Blick zu. »Glaubst du im Ernst, ich würde dir erlauben, deinen Körper zu verkaufen …«

»Natürlich nicht! Und tu nicht so empört! Wenn du nicht meine Gedanken lesen könntest, wüsstest du gar nicht, dass ich überhaupt daran gedacht habe. Es ist nur … was an mir soll denn Magoth ins Schwanken bringen?«

»Dein Ursprung, Mayling. Du bist eine Doppelgängerin, ja, aber du lebst in der Welt der Sterblichen. Aisling sagte mir, dass von allen Fürsten Abaddons nur einer die Fähigkeit besitzt, diese Welt zu besuchen. Sehr zum Ärger der anderen Lords.«

Mir dämmerte es auf einmal. »Agathos daimon – du willst Magoth auf die sterbliche Welt loslassen? Gabriel, das ist eine ausgesprochen schlechte Idee. Natürlich will ich unbedingt aus Abaddon heraus, aber ich möchte die Sterblichen dadurch nicht in Gefahr bringen.«

»Aber das wären sie ja auch nicht, jedenfalls nicht, wenn Magoth durch dich Zugang zur Welt bekommt. Aisling hat ein Buch, in dem die Gesetze von Abaddon stehen.«

»Die Doktrin des Unendlichen Bewussten.« Ich nickte. »Damit kenne ich mich bestens aus. Du meinst das Gesetz, das besagt, dass Magoth Zugang zu meiner Ursprungswelt bekommt, wenn ich einwillige, seine Gattin zu werden. Aber ich kann nur wiederholen: Das ist keine gute Idee.«

»Du kennst dich nicht so gut damit aus, wie du glaubst«, sagte er und zog mich an seine Brust. Sein Atem strich warm über mein Gesicht. »In dem Buch steht auch, dass die Fähigkeiten eines Dämonenfürsten eingeschränkt sind, wenn er auf diese Weise Zutritt zur Welt erhält.«

»Eingeschränkt?« Nachdenklich kaute ich auf meiner Unterlippe. Das ergab Sinn – die Fähigkeiten eines Dämonenfürsten speisen sich aus der dunklen Kraft Abaddons, deshalb waren auch nur so wenige in der sterblichen Welt vertreten. Nur der mächtigste aller Dämonenfürsten, der oberste Fürst von Abaddon, besaß die Fähigkeit, sich unter Sterblichen wie Unsterblichen gleichermaßen aufzuhalten. Die anderen tauchten ab und zu einmal kurz auf, aber nur Bael konnte hierbleiben.

»Aisling und ihre Mentorin Nora haben das Thema gründlich recherchiert, das kann ich dir versichern, und sie sind beide zu dem Schluss gekommen, dass Magoth die Welt der Sterblichen mit so geringer Macht betreten würde, dass man ihn leicht unter Kontrolle halten könnte. Und genau dafür habe ich gesorgt.«

»Aber wenn das alles nun nicht stimmt? Wenn er hier mehr Macht besitzt, als alle vermuten?«

»Wie sollte das gehen?«, fragte Gabriel.

Ich schlang meine Arme um seinen Hals und schmiegte mich an ihn. »Ich weiß nicht, wahrscheinlich gar nicht. Ich besitze keine Macht, die er teilen kann – er ist dunklen Ursprungs, also kann er auch nicht wie ich in die Schattenwelt gehen. Wahrscheinlich hasse ich einfach nur den Gedanken, ihm zu geben, was er will.«

»Das verstehe ich, kleiner Vogel, und ich wünschte, die Situation wäre nicht so. Aber mir fällt keine andere Möglichkeit ein, um dich seiner Kontrolle zu entreißen. Du musst ihm etwas geben, was er mehr will als dich.«

Was er sagte, ergab Sinn, aber es ärgerte mich trotzdem.

»Na gut«, stimmte ich schließlich zu. »Da es dich ja offensichtlich nicht stört, wenn deine Gefährtin die Gemahlin eines Dämonenfürsten wird, werde ich Magoth geben, was er will.«

Gabriel bewegte sich schneller, als ich auch nur gucken konnte. Er wirbelte mich herum, sodass sich die eiskalte Fensterscheibe gegen meinen Rücken presste. Seine Augen sprühten silbernes Feuer. »Sag so etwas nie wieder, May. Du bist mein, meine Gefährtin, die einzige Frau, die es je für mich geben wird, und ich teile nicht, was mir gehört. Aber ebenso, wie du dich geopfert hast, werde auch ich den Schmerz ignorieren, den ich verspüre, weil meine Gefährtin theoretisch die Gattin eines Dämonenfürsten ist.«

»Es tut mir leid«, sagte ich leise und strich ihm über die harte Linie seines Kinns.

Er blickte mich unverwandt mit diesem heißen Blick an, der mich über seine Gefühle nicht im Zweifel ließ, dann küsste er meine Handfläche und fuhr mit der Zunge die Umrisse einer Hand nach, die eine Mondsichel trug. Es war das Symbol der Silberdrachen, identisch mit dem kleinen Brandzeichen, das ich oben auf dem Rücken trug. »Wir waren zu lange getrennt. Es ist also nicht deine Schuld, dass du noch nicht realisiert hast, wie viel du mir bedeutest.«

»O Gott, wie sehr du mir gefehlt hast«, sagte ich und küsste ihn leidenschaftlich.

»Es gibt nichts …«

Die Welt drehte sich und riss mich aus Gabriels Armen, bevor er seinen Satz beenden konnte, und ich stürzte in einen dunklen Abgrund.

 

3

»Das ist das Aufregendste, was mir jemals passiert ist! Was meinst du, muss ich etwas sagen? Vielleicht einen Toast auf Braut und Bräutigam aussprechen?« Sally posierte vor dem Spiegel und zupfte am Ausschnitt eines pinkfarbenen Kleids herum. »Oh, Entschuldigung, ich belege den Spiegel mit Beschlag. Du willst dich ja sicher auch einmal anschauen.«

»Das ist nicht nötig«, erwiderte ich geistesabwesend und drehte ein Nichts aus Lamé und Leder in den Händen, das Magoth anscheinend für das angemessene Brautkleid hielt. »Er macht wohl Witze. Damit kann man ja nicht mal einen Hamster bedecken, geschweige denn eine Frau.«

»Na ja, du bist schon ziemlich winzig«, sagte Sally und drehte sich um, damit sie auch ihre Rückseite im Spiegel bewundern konnte. »Meinst du, die Schleife hinten ist zu viel? Ich finde ja, sie gibt dem Kleid eine flotte Note, aber wenn du sie für den Anlass unangemessen findest, dann schneide ich sie ab.«

Ich schüttelte das Brautkleid in der Hoffnung, es würde sich auf magische Weise vergrößern, stellte jedoch seufzend fest, dass es blieb, was es war: Lederschnüre, an denen an strategischen Stellen Stofffetzchen befestigt waren. »Es spielt wirklich keine Rolle. Zum Glück habe ich Gabriel nicht gesagt, dass Magoth ihn bei der Trauung dabeihaben wollte. Mir ist es wirklich lieber, wenn er mich nicht darin sieht. Dieses Mal hat Magoth es echt übertrieben.«

»Ach, so schlimm ist es sicher gar nicht«, rief Sally mir nach, als ich ins Badezimmer flüchtete, um mir das Fähnchen anzulegen. »Ich finde, er hat einen außergewöhnlich guten Geschmack. Er liebt dieses Kleid hier!«

Ich brauchte nur eine Minute, um in das hautenge Outfit aus Lederstreifen, das Magoth für mich kreiert hatte, zu schlüpfen, aber dreimal so lange, bis ich es wagte, das Badezimmer zu verlassen. Auch ohne Spiegelbild wusste ich genau, dass ich aussah wie eine Kreuzung aus einer Bondage-Prinzessin und einer Stripperin. An den Füßen trug ich Stilettos, in denen ich mir vermutlich die Beine brechen würde. Im Schritt hing ein winziges Stückchen Stoff, aber ansonsten bestand das Kleid aus nichts als Lederstreifen. »Damit ist wohl die Frage geklärt, ob Magoth einen guten Geschmack besitzt.«

»Ich überlege gerade, ob ich zu diesem Kleid lieber einen trägerlosen Büstenhalter tragen sollte«, murmelte Sally. Sie zupfte erneut an ihrem Ausschnitt herum und beugte sich vor, um das Resultat besser im Spiegel begutachten zu können. »Entschuldigung! Hast du etwas … Ach, du liebe Güte.«

»Sprich es besser nicht aus«, sagte ich zu ihr. Ich vermied es, an mir herunterzublicken. Ich wollte gar nicht wissen, ob meine Brust aus dem Lederriemen, der sie bedecken sollte, herausgerutscht war.

»Du … das ist sehr … Ach, du liebe Güte.«

»Oh, oh.« Ich ergriff ein Stachelhalsband und betrachtete es mit geschürzten Lippen. Einen Moment lang überlegte ich, ob ich das Ganze nicht besser abblasen sollte, aber dann sah ich vor meinem geistigen Auge das Bild eines silberäugigen Drachen. Ich legte das Hundehalsband an und nickte Sally zu. »In Ordnung, Ehrendämonin, dann wollen wir das mal hinter uns bringen.«