Beschreibung

Die junge Dozentin Nell Harris zögert nicht lange, als sie nach Prag eingeladen wird, um eine alte Ritterrüstung zu begutachten. Doch die Reise gestaltet sich so ganz anders als gedacht. Zuerst stolpert Nell in der Wohnung der geheimnisvollen Melissande über Kobolde, dann wird sie von einem lüsternen Geist verfolgt und schließlich lernt sie Adrian kennen, einen unfassbar attraktiven Vampir ... Erstklassige Mischung aus Humor, Erotik und Mystery! Riesenerfolg in den USA, New-York-Times-Bestseller! "Raffiniert, sexy und zum Schreien komisch!" Christine Feehan in der New York Times

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 493

oder

Katie MacAlister

Roman

Ins Deutsche übertragen von Antje Görnig und Bettina Oder

Es ist wunderbar, wenn man seine Leidenschaft für knackige, geheimnisvolle Vampire mit einer guten Freundin teilen kann, aber wenn diese Freundin von einem verlangt, eigens für sie einen Romanhelden zu erfinden (und auch noch eine Liste mit Eigenschaften vorlegt, die er haben soll), was bleibt einer armen Schriftstellerin dann anderes übrig? Diane Hall-HarrisisteinesolcheFreundin,undichwidmeihrdiesesBuch mit großer Dankbarkeit und in Erinnerung an den Spaß, den wir zusammen hatten. Außerdem möchte ich Lauren BarnholdtfürdenfantastischenTitelvorschlagdanken–Superidee, Lauren!

1

„Kobolde?“

Ich stutzte angesichts der völlig unerwarteten Frage. „Wie bitte?“

„Kobolde? Sie sind von der Koboldbekämpfung, ja?“ Die Frau, die mir die Tür zu dem noblen cremefarbenen Stadthaus öffnete, sah eigentlich überhaupt nicht verrückt aus, aber wie oft wurde man schon mit der Frage begrüßt, ob man zur Bekämpfung von Kobolden gekommen sei?

Vielleicht bildete ich mir aber auch nur ein, sie habe von Kobolden geredet. Immerhin war es sehr gut möglich, dass der Jetlag, der mich in London ereilt hatte, meinem Gehirn immer noch zusetzte. Entweder das, oder die Frau hatte ein tschechisches Wort benutzt, das nur so ähnlich klang wie „Kobolde“.

Ich schüttelte den Kopf, um die verwirrenden Gedanken loszuwerden, lächelte tapfer, wenn auch ein wenig schief, und sagte langsam: „Guten Abend. Mein Name ist Nell Harris. Ich bin mit Mrs. Banacˇek verabredet.“

„Dr. Harris?“, rief eine andere Frau und kam an die Tür. „Ich freue mich sehr, Sie endlich persönlich kennenzulernen! Ich hoffe, Sie hatten einen angenehmen Flug! Bitte entschuldigen Sie die Verwechslung – wir sind von einer wahren Koboldplage heimgesucht worden, und die arme Gertrud ist mit ihrer Weisheit am Ende.“

Die samtweiche Stimme und die kultivierte Sprechweise – mit einem ganz leichten slawischen Akzent – passten perfekt zum Erscheinungsbild der Dame. Ich löste meinen Blick von der Frau, die mir geöffnet hatte (klein, stämmig, stahlgraues Haar und eine derart strenge Miene, dass ich Mitleid mit den Kobolden bekam – wer oder was auch immer das sein mochte), und richtete meine Aufmerksamkeit auf das elegante Geschöpf, das durch den mit Marmor ausgelegten Flur auf mich zuschwebte. Melissande Banacˇek war nicht nur die schönste Frau, die ich je gesehen hatte, sondern nach ihrem luxuriösen Zuhause, der teuren Adresse im Herzen von Prag und ihrem überaus edlen Hausanzug aus purpurroter und persimonenfarbener Seide zu urteilen auch eine recht wohlhabende Zeitgenossin. Wohlhabend genug jedenfalls, um scheinbar aus einer Laune heraus eine bettelarme Universitätsdozentin für Mittelalterliche Geschichte von Seattle in die Tschechische Republik einfliegen zu lassen.

„Kobolde“, sagte ich perplex. Mit meinem gesunden Arm drückte ich meine Tasche (von der ein Bügel abgerissen war) an meine Brust (eingezwängt in einen BH, der bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit gedehnt war, um seinen allzu üppigen Inhalt fassen zu können) und wünschte wohl zum zehnten Mal, ich hätte meiner Neugier nicht nachgegeben (die mich noch in ernste Schwierigkeiten bringen würde).

„Ja! Wissen Sie vielleicht, wie man sie loswird?“, fragte Melissande und entzog ihre Hand behutsam meinem starren Griff. „Wir haben schon alles versucht, von Schwalbendreck bis Drachenwurz, aber leider ohne Erfolg! Da man der Plage offenbar nicht mit solchen Hausmitteln beikommen kann, haben wir die Koboldfänger bestellt. Kommen Sie, nach der langen Reise sind Sie bestimmt erschöpft. Kaffee oder Tee?“

„Kaffee, bitte“, sagte ich benommen. Das wurde ja immer doller! War ganz Prag mit einem Schlag verrückt geworden und ich wusste nichts davon? Oder war ich doch müder, als ich dachte?

„Und, kennen Sie ein gutes Mittel gegen Kobolde?“ Melissande wandelte graziösen Schrittes zu einer cremefarbenen Couch, die perfekt zu dem cremefarbenen Teppich und den ebenfalls cremefarbenen Satintapeten passte. Ich ließ mich vorsichtig auf das Zweiersofa sinken und fühlte mich augenblicklich wie eingebettet in einen schützenden Kokon.

„Ich weiß nicht einmal, was Kobolde überhaupt sind. Sie … Sie scherzen doch nicht, oder?“

Das Gefühl, von dem weichen Sofa umfangen zu werden, vertrieb die vage Verwirrung, die mich beim Betreten des Hauses erfasst hatte.

Melissande neigte den Kopf und sah mich nachdenklich an. Ihr silberblondes Haar fiel wie ein Seidenvorhang über ihre Wangen. „Wie dumm von mir! Ich habe doch Ihre Akte gelesen und hätte daran denken müssen, dass Sie sich in unserer Welt nicht auskennen, obwohl Sie eine von uns sind.“

Mir sträubten sich die Nackenhaare. Ich hatte weder einen Jetlag, noch war ich verwirrt. Die Frau, die mir gegenübersaß und eigentlich für die kommenden zwei Wochen meine Arbeitgeberin sein sollte, war eindeutig nicht ganz bei Trost. Es war zwar eine herbe Enttäuschung für mich, wenn ich den unter Mediävisten viel diskutierten, aber bislang unentdeckten Brustpanzer Milans nun doch nicht zu Gesicht bekam, aber wenigstens hatte ich ein Rückflugticket und genug Geld für eine Übernachtung in dem Hotel, in dem ich mein Gepäck abgestellt hatte.

Jetzt nur keine hastigen Bewegungen! Ganz langsam nahm ich meine Tasche, die ich zu meinen Füßen abgestellt hatte, und erhob mich von dem Sofa. „Ach, wissen Sie, ich habe draußen etwas vergessen. Etwas … äh … sehr Wichtiges. Am besten laufe ich schnell raus und kümmere mich darum, damit sich die Kobolde nicht darüber hermachen.“

Ein Lächeln spielte um ihre dezent geschminkten Lippen und stellte ihre leicht schräg stehenden grauen Augen noch ein bisschen schräger, sodass ihre slawischen Wurzeln nicht mehr zu übersehen waren. „Sie halten mich für verrückt! Wie erfrischend! Die Leute hier nehmen mich immer so ernst – da ist es eine wunderbare Abwechslung, wenn jemand denkt, ich sei nicht ganz richtig im Kopf.“

Nun legten die Alarmglocken, die in meinem Kopf zu läuten begonnen hatten, erst richtig los. „Wissen Sie, ich denke, wir haben beide einen Fehler gemacht, Mrs. Banacˇek. Also werde ich jetzt einfach gehen, und alle sind zufrieden.“

„Ich bin es nicht!“, rief sie mir hinterher, als ich mich im Krebsgang Richtung Haustür bewegte. „Verrückt, meine ich. Ich habe Ihnen das Thema nur nicht sehr … Oh, Achtung! Direkt hinter Ihnen! Gertrud hat gedroht zu kündigen, wenn ich noch einmal einen Kobold auf dem Teppich zertrete, und es klingt zwar abgedroschen, aber gutes Personal ist tatsächlich schwer zu finden.“

Ruckartig fuhr ich herum. Ich hatte erwartet, mich Gertrud gegenüberzusehen, bereit, mir mit einem Metzgerbeil den Kopf abzuschlagen, doch stattdessen erblickte ich ein kleines Geschöpf, das vielleicht sieben Zentimeter maß. Es war gräulich-grün und versuchte, mit zwei Händen seinen unbehaarten Schwanz unter meiner Sohle hervorzuziehen, während es mit den anderen beiden Händen gegen den Schuh trommelte.

„Quiek, quiek!“, schrie es mich wütend an.

„Iiiiiiih!“,kreischteichstatteinerAntwort,ließmeineTaschefallenundsprang,wieesmirvorkam,miteinemeinzigenriesigenSatzquerdurchdenRaumaufdasSofa.MeinschwachesBeingabnachundichdrohtegleichwiederherunterzufallen, doch ich fing mich im letzten Moment.

„Was zum Teufel ist das?“, schrie ich und hopste voller Panik auf dem Sofa herum, weil ich befürchtete, das scheußliche Ding käme hinter mir her.

„Ein Kobold“, sagte Melissande bekümmert, als das kleine grünliche Ding zornig drei von seinen vier Händen zu Fäusten ballte und eine Drohgebärde in meine Richtung machte, bevor es aus dem Raum flitzte. „Ein gemeiner mitteleuropäischer Kobold, um genau zu sein. Es gibt auch einen lateinischen Namen dafür, aber den kann ich mir einfach nicht merken. Sie sind nicht die intelligentesten Wesen, aber kein bisschen gefährlich. Es sei denn, man greift ihren König an. Dann lassen sie sich die übelsten Dinge einfallen, wenn man schläft. Das habe ich zumindest gehört.“

Ich stand immer noch auf dem Sofa. „Sie haben mich unter Drogen gesetzt, nicht wahr?“, fragte ich, während Melissande die Tür hinter dem Kobold schloss. „Sie haben auf dem Flug von London neben mir gesessen und mir irgendetwas in meine Cola getan, um mich dann durch den Zoll zu schleusen, weil sie irgendetwas Merkwürdiges mit mir vorhaben, nicht wahr? Denn andernfalls …“

„Andernfalls hätten Sie gerade tatsächlich einen Kobold gesehen und das passt nicht in Ihre Weltsicht, ich weiß. Es tut mir sehr leid, dass mir die Zeit fehlt, gründlich vorzugehen – Sie zu indoktrinieren, meine ich –, aber mein Neffe wird seit drei Wochen gefangen gehalten und nun ist auch noch mein Bruder verschwunden. Die Zeit drängt!“

„Indoktrinieren?“, fragte ich, stieg von dem Sofa und nahm meine Tasche in Empfang, die Melissande vom Boden aufgehoben hatte. Ich hielt sie auf Armeslänge von mir weg, falls eines dieser kleinen grünen Biester hineingekrochen war. „Ist das hier etwa eine Sekte? Wollen Sie mich als Nächstes einer Gehirnwäsche unterziehen? Ich sage Ihnen gleich, dass ich kein Geld habe und …“

„Nell“, unterbrach mich Melissande und reichte mir eine Tasse Kaffee.

Ich nahm sie und schnupperte verstohlen daran. „Ja?“

„Setzen Sie sich. Ich muss Ihnen eine Menge erzählen, und vieles davon werden Sie mir nicht glauben, aber wir müssen bereits in einer Stunde nach Blansko aufbrechen.“

„Sie lassen mich nicht gehen, oder?“, fragte ich. Dass meine Stimme furchtbar zitterte, war mir in diesem Moment egal. Ich hätte am liebsten mein Gesicht in einem Kissen vergraben und eine ganze Weile geheult, aber da mein Leben gerade völlig aus dem Ruder zu laufen schien, würde ich dazu wohl keine Gelegenheit bekommen.

„Ich werde Sie nicht gefangen halten, wenn Sie das meinen, aber ich möchte Sie um Hilfe bitten.“ Sie schob ein Kaffeegedeck zur Seite, setzte sich auf die Kante des Beistelltisches und wartete darauf, dass ich wieder Platz nahm. Das tat ich auch, und zwar ganz langsam – nicht so sehr aus Misstrauen ihr gegenüber (es war eindeutig, dass sie hier das Sagen hatte) als vielmehr aus Sorge um meinen Kaffee, den ich nicht auf den makellosen Teppich verschütten wollte.

„Obwohl ein Koboldfleck bestimmt viel schlechter rausgeht als Kaffee“, murmelte ich vor mich hin.

„Hundertmal schlechter, aber ich habe Sie nicht hergeholt, um Haushaltstipps mit Ihnen auszutauschen.“

IchnahmvorsichtigeinenSchluckvondemKaffeeundwarbereit,ihnsofortwiederauszuspucken,wennerauchnurimEntferntestenkomischschmeckte.Dochdastaternicht.EigentlichwarmirderleichtrauchigeGeschmacksogarsonderbarvertraut.IchzogdieAugenbrauenhoch.„FranzösischeRöstungvonStarbucks?“

„Natürlich, was sonst?“

„Die Sumatra-Mischung mag ich auch ganz gern, aber mit der Französischen Röstung kann man nichts falsch machen.“

„Sie ist perfekt. Aber finden Sie die Sumatra-Mischung nicht ein wenig zu würzig?“

„Nur nach dem Essen. Aber für Zwischendurch oder für einen Milchkaffee ist sie wunderbar.“

„Aha, für Milchkaffee habe ich Sumatra noch nie verwendet“, entgegnete Melissande nachdenklich. „Das werde ich bei nächster Gelegenheit ausprobieren.“

Von Kobolden zu Starbucks in zehn Sekunden. Ich wurde offenbar wahrhaftig verrückt. „Mrs. Banacˇek …“

„Nennen Sie mich Mel“, sagte sie. Ich sah sie erstaunt an. Niemand sah weniger nach „Mel“ aus als diese elegante, kultivierte Frau. Sie runzelte die Stirn. „Nein?“

„Äh … ich glaube nicht.“

„Wie wäre es mit Sandy? Sehe ich nach Sandy aus?“

Als ich den Kopf schüttelte, seufzte sie. „Ich wollte schon immer einen Spitznamen haben, aber mir wollte nie jemand einen geben. Dann nennen Sie mich eben Melissande, obwohl ich Lissa eigentlich recht hübsch finde.“

„Melissande“,sagteich,stelltemeineTasseabundsahdieDamedesHausesernstan.„Siehabenmichengagiert,damitichdieInschriftaufderInnenseiteeinesBrustpanzersausdemfrühen14. Jahrhundertübersetze,dernachdemheutigenStandderForschungeigentlichinsReichderSagenundLegendengehört.SiehabenmichmiteinerBeschreibungundFotosvonderRüstunggeködert,diesoverlockendwaren,dassichgarnichtanderskonnte,alsIhrAngebotanzunehmen.Siehabenmichvermutlichhergeholt,weilSiejemandenbrauchen,dersichmitalteneuropäischenSprachenauskennt,abermichbeschleichtallmählichderVerdacht,dasssiemichnochauseinemganzanderenGrundumdiehalbeWelthabenfliegenlassen.IchwäreIhnenwirklichsehrverbunden, wenn Sie mir diesen Grund nennen würden.“

Sie nickte. „Eine berechtigte Bitte. Ich begrüße Ihre Offenheit und Ihr sympathisches Bestreben, direkt zur Sache zu kommen. Wissen Sie, Sie sind eine Bannwirkerin und ich brauche ganz einfach Ihre Hilfe, um meinen Neffen und meinen Bruder zu finden.“

Ich erstarrte. Das Wort, das ihr so leicht über die Lippen kam, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Bannwirkerin. Dieses Wort hatte ich fast zehn Jahre nicht mehr gehört. Zehn lange Jahre. Ich schluckte den Kloß hinunter, den ich plötzlich im Hals hatte, doch meine Stimme klang heiser. „Ich verstehe zwar etwas von altem Brauchtum, aber an meinem Fachwissen als Mediävistin ist Ihnen anscheinend nicht gelegen?“

„Nein“, entgegnete sie ernst. „Ich brauche jemanden, der sich mit Bannen und Flüchen auskennt. Sie sind eine Bannwirkerin. Das wurde Ihnen in die Wiege gelegt, aber wie ich hörte, haben Sie seit einem Unfall in der Collegezeit keinen Gebrauch mehr von Ihrer Begabung gemacht …“

Bestürzt hob ich die Hand, um Melissande Einhalt zu gebieten. Mir war, als zöge sich ein festes Band um meine Brust, und ich bekam kaum noch Luft.

„Verzeihen Sie, Nell. Ich bedaure, dass ich diese unglückselige Sache erwähnen muss, aber es gibt einen Bezug zu meinem Problem.“

Ich schüttelte den Kopf, weil ich plötzlich die toten, leeren Augen meiner Freundin vor mir sah, und versuchte mich auf die mit teuren Kosmetika dezent betonten strahlenden silbergrauen Augen zu konzentrieren, die mich aufmerksam studierten. „Ich bin keine Bannwirkerin“, sagte ich bestimmt, doch meine Stimme klang belegt, denn ich rang mit den in mir aufwallenden Gefühlen.

MelissandeseufzteundschauteaufihreHände,dieinihremSchoßruhten.„IchhabeeinenNeffen.Damianheißter.EristzehnJahrealtundmirliebundteuer,auchwennmanmirschonvorgeworfenhat,dassichihnschamlosverwöhne.ErwurdevordreiWochenentführt.MeinBruderSaerwarzuderZeitunterwegs,aberalservonderfurchtbarenSachehörte,kamersofortnachHauseundfingan,nachDamianzusuchen.VorfünfTagenhatermichauseinerkleinenStadtinMährenangerufen,ummirzusagen,dassereinenHinweisaufDamiansAufenthaltsortgefundenhat.Ersagte,derJungeseinachEnglandgebrachtworden.SaeristHalsüberKopfabgereist,undseitdemhabeichnichtsmehrvonihmgehört.Ichbefürchte,dassauchernungefangengehaltenwird,wahrscheinlichvondemselbenWesen,dasDamianinseinerGewalthat…möglicherweiseaberauchvoneinemanderen.“

Der Schmerz, der aus ihren Augen sprach, war echt, und in diesem Moment machte Melissande auch einen ganz und gar nicht verrückten Eindruck. Zumindest glaubte ich, dass sie glaubte, was sie mir erzählte.

„Das tut mir sehr leid“, sagte ich aufrichtig. „Haben Sie die Polizei eingeschaltet?“

„Die Polizei?“ Sie sah mich überrascht an, dann schüttelte sie den Kopf. „Nein, die kann mir nicht helfen. Die Polizei kann nichts für meinen Bruder und meinen Neffen tun.“

„Das tut mir leid“, wiederholte ich und hob ratlos die Hände. „Ich wünschte, ich könnte Ihnen helfen, aber ich bin keine Privatdetektivin und habe keine Ahnung davon, wie man Leute aufspürt …“

„Ich erwarte ja auch nicht, dass Sie die beiden für mich aufspüren“, unterbrach sie mich.

„Was wollen …“

„Sie sind eine Bannwirkerin. Die Hilfe, die ich mir von Ihnen erhoffe, hat mit Ihren übersinnlichen Kräften zu tun.“

„Ich glaube nicht … ich kann nicht …“ Der Schmerz, der mich ergriff, war so groß, dass ich kaum atmen, geschweige denn sprechen konnte.

„Mein Bruder und mein Neffe sind Dunkle“, erklärte sie und holte tief Luft. „Mährische Dunkle. Ich selbst bin auch Mährin. Wissen Sie, wovon ich rede?“

Ich schüttelte den Kopf. Ich war zu verwirrt und verzweifelt, um einen klaren Gedanken fassen zu können.

„Die Dunklen bevölkern seit Menschengedenken die Erde. Vampire werden wir auch genannt, obwohl meine Leute wirklich nicht böse sind und nichts mit den schrecklichen Kreaturen gemein haben, als die sie der Volksglaube hinstellt. Dunkle werden entweder von einem Dämonenfürst erschaffen oder haben einen Vater, der unerlöst geblieben ist.“

„Unerlöst?“, krächzte ich und überlegte, ob es zu spät für mich war, den Namen Alice anzunehmen, um als Verrückte ein glückliches Leben im Wunderland zu führen.

„Für jeden männlichen Dunklen gibt es eine Frau, eine Auserwählte, die seine Seele erlösen kann. Auf diejenigen, die keine Erlösung finden, wartet ewige Verdammnis.“

IchöffnetedenMund,weilichsagenwollte,dasklingewieauseinemschlechtenRoman,dochichverkniffesmir.Esbrachtenichts,MelissandemitdemHinweisnochmehraufzuregen,dassVampire–obsienunverdammtwarenodernicht–Fantasiegestaltenwarenundgarnichtrealexistierten.

Genau wie Kobolde, warf eine höhnische Stimme in meinem Kopf ein.

Ich weigerte mich, darüber nachzudenken. „Mal sehen, ob ich das alles richtig verstanden habe. Ihr Bruder und Ihr Neffe sind also mährische Vampire, und Sie sind auch einer. Ihre Leute ernähren sich von Menschenblut, aber Sie sind nicht böse und keine Gruselgestalten à la John Carpenter. Ist das so weit korrekt?“

Melissande nickte. „Es gäbe viel mehr zu mährischen Dunklen zu sagen, als dass sie Blut trinken, aber da uns die Zeit fehlt, um uns in die Geschichte meines Volkes zu vertiefen, wollen wir uns auf das absolute Minimum beschränken.“

„Nur mal so aus Neugier – wie alt sind Sie eigentlich?“, fragte ich. „Da Vampire gemeinhin als unsterblich gelten, sind Sie es vermutlich auch, oder?“

„Nur solange ich keinem Sterblichen mein Herz schenke. Ich wurde 1761 geboren.“

„Dann sind Sie jetzt … zweihundertvierundvierzig“, sagte ich nach einer schnellen Runde Kopfrechnen.

„Dreiundvierzig. Ich habe erst im Dezember Geburtstag.“

„Aha“, machte ich und lehnte mich zurück, um mir den Rest des Märchens anzuhören. „Fahren Sie bitte fort. Ich bin ganz Ohr.“

Mein sarkastischer Unterton gefiel Melissande zwar nicht, aber sie erzählte trotzdem weiter. „Mein Neffe ist in der Gewalt eines Dämonenfürsten, der Asmodeus heißt.“

Da ich mich wieder halbwegs im Griff hatte, erstarrte ich nicht sofort zur Salzsäule, als der grauenerregende Name fiel, obwohl ich über alle Maßen entsetzt war.

„Ich werde Sie nicht mit der Frage kränken, ob Ihnen Asmodeus ein Begriff ist, denn ich weiß, dass es ein Fluch von ihm war, den Sie zu brechen versucht haben, als Sie …“ Ihr Blick fiel auf meine linke Gesichtshälfte, die sich durch ihre leicht hängenden Züge von der rechten unterschied. Ich verzog keine Miene, als Melissande mich prüfend ansah, denn ich hatte schon vor langer Zeit gelernt, dass den meisten Leuten die leichte Asymmetrie meines Gesichts gar nicht auffiel, wenn ich es nicht bewegte. „… den Unfall hatten.“

„Das war kein Unfall“, erwiderte ich langsam und mit Nachdruck.

Melissande ging nicht weiter darauf ein. „Mein Neffe und höchstwahrscheinlich auch mein Bruder werden von Asmodeus gefangen gehalten. Er hat sie mit einem Fluch an sich gebunden. Ich brauche dringend Ihre Hilfe, Nell. Sie müssen diesen Fluch brechen!“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden. Und selbst wenn ich es wüsste, könnte ich Ihnen nicht helfen“, sagte ich leise und versuchte, den Schmerz, die Angst und das Grauen zu verdrängen, die ihre Worte in mir hervorriefen.

Sie sah mich durchdringend an. „Ich verstehe, dass es Ihnen widerstrebt, sich mit einem Teil Ihres Lebens zu beschäftigen, mit dem Sie abgeschlossen zu haben glaubten, aber Sie können Ihre wahre Natur nicht leugnen, Nell. Sie sind eine Bannwirkerin. Die meisten Ihrer Art werden von Magiern und Wächtern ausgebildet und können daher nur Banne lösen und einfache Schutzzauber ausführen, aber Sie sind eine geborene Bannwirkerin. Bei Ihnen ist es anders. Sie können auch Flüche brechen.“

„Ich kann keine Flüche brechen. Ich konnte es noch nie. Das alles habe ich vor zehn Jahren hinter mir gelassen.“ Trotz meiner festen Absicht, ruhig und gefasst zu bleiben, wurde ich mit jedem Wort lauter.

Melissandes Augen leuchteten so intensiv, dass ich den Blick abwenden musste. Ich war mir vage bewusst, dass sie ihre Worte mit Bedacht wählte, um mich zu umgarnen und gefügig zu machen, aber ich würde mich nicht von ihr einwickeln lassen. Ich biss die Zähne zusammen, während sie mit seidenweicher Stimme beschwörend auf mich einredete. „Sie sind eine der wenigen, die in der Lage sind, die stärksten Fesseln zu sprengen, die es auf der Welt gibt – Sie können den Fluch eines Dämonenfürsten brechen.“

„Ich werde nichts dergleichen tun“, stieß ich hervor, und mein Zorn und meine Angst weckten in mir die Erinnerung an etwas, das ich mit großer Mühe aus meinem Gedächtnis verbannt hatte. „Nie wieder!“

„Wenn Sie mir nicht helfen, wird mein Neffe von dem Dämonenfürst vernichtet. Wissen Sie, was mit einem Dunklen geschieht, der auf diese Weise zerstört wird?“

Ich schüttelte den Kopf, obwohl ich bereits ahnte, was nun kam. Lange verdrängte Bilder aus vergangenen Zeiten suchten mich heim. Ich litt Höllenqualen und hätte am liebsten geschrien, dass es doch alles so lange her war, dass ich jung und unschuldig war und geglaubt hatte, was man mir sagte. Ich sei etwas Besonderes, hatte ich gedacht, und dass ich etwas bewirken könne. Damals war alles so klar gewesen, so aufregend, so einfach … bis Beth gestorben war.

„Seine Lebenskraft geht auf den Dämonenfürst über. Der Dunkle wird praktisch zu ihm, zu einem dieser Höllenfürsten. Ich würde Himmel und Erde in Bewegung setzen, um meinen Neffen vor diesem Schicksal zu bewahren, Nell, und ich bitte Sie, mir zu helfen, ihn wieder nach Hause zu holen!“

Ich schüttelte wieder den Kopf und griff nach meiner Tasche, während ich aufstand. „Es tut mir sehr leid für Sie, Melissande. Ich wünschte, ich könnte etwas für Sie tun, das wünschte ich wirklich, aber Sie verlangen Unmögliches von mir. Ich kann es nicht tun.“

„Sie meinen, Sie wollen nicht!“ Die Worte trafen mich wie Peitschenhiebe. Melissande baute sich vor mir auf, und ihre Augen funkelten vor Zorn. „Sie könnten mir sehr wohl helfen, aber Sie weigern sich, es zu tun!“

In mir stieg ein Zorn auf, wie ich ihn seit langer Zeit nicht mehr empfunden hatte. Er war glühend heiß und stärker als die Schuldgefühle, die mich so viele Jahre gequält hatten. „Wissen Sie, was bei dem einzigen Mal passiert ist, als ich versucht habe, einen Fluch von Asmodeus zu brechen? Sind Sie über die genauen Einzelheiten im Bilde?“

„Nein, Genaues weiß ich nicht“, antwortete Melissande und warf erneut einen Blick auf meine linke Gesichtshälfte, dann auf meinen linken Arm. „Wie man sich erzählt, sind ihre Bemühungen gescheitert. Eine Art Schutzmechanismus, den Asmodeus eingerichtet hatte, wurde wohl aktiviert, als Sie versucht haben, den Fluch zu brechen, und Sie und Ihre Kameradin wurden verletzt.“

„Das könnte man so sagen“, entgegnete ich mit rauer Stimme und musste mich zwingen, ruhig zu bleiben. „Wenn man den Tod als Verletzung ansieht. Nein, Melissande. Ich werde Ihnen nicht helfen. Sie denken, ich sei Ihre Retterin, aber ich versichere Ihnen, ich bin alles andere als das. Ich bringe nur Tod und Zerstörung, keine Rettung. Ich bin schlicht und einfach eine Mörderin.“

2

Man sollte doch meinen, es sei abschreckend genug, wenn man gesteht, jemanden getötet zu haben (wenn auch unabsichtlich), doch Melissande war leider viel härter im Nehmen, als ich gedacht hatte. Daher saß ich auch vierzig Minuten nach meiner Mitteilung, dass ich zehn Jahre zuvor meine beste Freundin umgebracht hatte, mit ihr im Auto, und wir brausten in östlicher Richtung durch die Nacht. Unser Ziel war das kleine mährische Städtchen Blansko.

Ich wusste immer noch nicht so genau, wie es ihr gelungen war, mich davon abzuhalten, gleich wieder abzureisen.

„Sie haben mich verhext“, sagte ich vorwurfsvoll. „Es gibt keine andere Möglichkeit. Ich wäre jetzt nicht hier, wenn Sie mich nicht verhext hätten!“

Sie wandte die Augen kurz von der Straße ab und warf mir einen amüsierten Blick zu. „Ich weiß doch gar nicht, wie so etwas geht!“

„Sie sind doch ein Vampir. Dann können Sie andere auch mit Blicken hypnotisieren – oder manipulieren oder wie auch immer man das nennt. Sie haben mich dazu gebracht mitzukommen, aber das wird Ihnen nichts nützen, Melissande. Ich bin nie eine Bannwirkerin gewesen, damals genauso wenig wie heute. Sie haben sich umsonst bemüht. Wie Ihnen meine tote Freundin bestimmt gern versichern würde, kann ich keine Flüche brechen.“

Melissande seufzte und schaltete in den vierten Gang, um mit ihrem kleinen schwarzen Sportwagen einen Lastwagen zu überholen. „Das haben wir doch alles schon besprochen, Nell. Ich habe akzeptiert, dass Sie sich nicht in der Lage sehen, meinen Neffen zu retten, aber Sie haben eingewilligt, mir dabei zu helfen, ihn ausfindig zu machen.“

„Ich sage doch, Sie haben mich hypnotisiert oder so. Anders ist es nicht zu erklären, dass ich Ihr Haus nicht in dem Augenblick verlassen habe, als ich diesen …“ Ich rieb mir die Stirn und starrte mit leerem Blick aus dem Fenster. Außer verschwommenen Lichtern, die hier und da in der Finsternis auftauchten, konnte ich nichts erkennen. „Grundgütiger, ich habe wirklich einen Kobold gesehen, oder? Und Sie sind wirklich ein Vampir. Ein weiblicher Vampir. Wie nennt man das? Vampirette vielleicht?“

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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