Vampire sind zum Küssen da - Katie MacAlister - E-Book

Vampire sind zum Küssen da E-Book

Katie MacAlister

4,6
8,99 €

Beschreibung

Als Physikerin glaubt Portia Harding nicht an übersinnliche Dinge, geschweige denn an Magie. Umso skeptischer ist sie, als sie auf einer Reise durch Schottland mit ihrer Freundin Sarah einen alten Hexenring entdeckt. Doch als die beiden ein Beschwörungsritual rezitieren, das Sarah im Internet gefunden hat, geschieht das Unglaubliche: Ein magisches Wesen erscheint und verleiht Portia die Fähigkeit, das Wetter zu beeinflussen. Kurz darauf versucht ein atemberaubend gut aussehender Verrückter sie zu entführen. Doch Theo North ist kein gewöhnlicher Irrer - er ist der Sohn eines gefallenen Engels und glaubt, dass Portia die Einzige ist, die seine Seele retten kann. Erstklassige Mischung aus Humor, Erotik und Mystery. Riesenerfolg in den USA, New-York-Times-Bestseller!

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 436




Inhalt

Titel

1

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3

4

5

6

7

8

9

10

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24

Danksagung

Impressum

Katie MacAlister

Roman

Ins Deutsche übertragen von Antje Görnig

1

„Oh, sieh nur, ein Kornkreis! Halt doch mal an – vielleicht werden wir ja von Aliens entführt!“

„Warum um alles in der Welt willst du dich von Aliens entführen lassen? Die verpassen einem doch nur merkwürdige Implantate und Analsonden, und das muss ich nicht haben. Unter Spaß verstehe ich etwas anderes!“

Sarah sah mich vorwurfsvoll an, als wir an dem Schild vorbeibrausten, auf dem zu lesen stand, dass man den Bauernhof mit seinen berühmten Kornkreisen gegen eine geringe Gebühr besichtigen konnte. „Du bist eine richtige Nihilistin!“

„Ganz im Gegenteil! Ich halte nichts von Attentaten und Terrorismus. Müssen wir hier abbiegen?“

Meine Freundin raschelte mit der Landkarte und warf einen Blick auf die Wegbeschreibung, die wir uns im Fremdenverkehrsbüro besorgt hatten. „Ich glaube nicht. Hier steht, das Nest heißt Newton Poppleford. Da muss erst noch eine Brücke kommen. Und du weißt ganz genau, dass ich nicht diese Art von Nihilismus gemeint habe!“

„Ah, bis Newton Poppleford ist es noch ein Kilometer“, sagte ich und nickte in Richtung eines kleinen Schildes, das zur Hälfte von wucherndem Gebüsch verdeckt war. „Du meinst also, ich wäre eine Skeptikerin?“

„Ja, das meine ich. Das kommt von dem Wissenschaftskram, den du dir ständig reinziehst.“

Ich musste unwillkürlich grinsen. „Das klingt ja, als wären Physiker und Drogenabhängige für dich das Gleiche.“

„Ganz so schlimm ist es nicht, aber die Physik macht dir definitiv das Hirn kaputt!“

„Ich bitte dich! Jetzt übertreibst du aber!“ Ich wich einem erschrockenen Kaninchen aus, das die schmale Landstraße hatte überqueren wollen, und entdeckte in einiger Entfernung eine gewölbte Steinbrücke, bei der es sich zweifelsohne um die Zufahrt zu dem kleinen Städtchen handeln musste, das Sarahs Ziel war.

„Kein bisschen! Denk doch mal daran, wie uns deine heiß geliebte Skepsis bislang die Reise verdorben hat. Zum Beispiel bei der Geisterjagd in London.“

„Bei der wir, wie ich mich anzumerken genötigt sehe, nicht einem einzigen Geist begegnet sind.“

Sarah warf mir einen vorwurfsvollen Blick zu. „Was garantiert an dir und deiner skeptischen Einstellung lag!“

„Hey, ich verlange doch nur, dass mir jemand, der behauptet, es spuke irgendwo, auch einen Geist präsentiert. Nur einen, nur einen einzigen winzig kleinen Geist! Dieser Geisterjäger hat uns nicht einmal eine Geisterhand zeigen können, geschweige denn einen kompletten Geist. Es ist ja wohl nicht zu viel verlangt, dass die Leute ihre Behauptungen mit empirischen Beweisen belegen.“

„Geister sind nicht wie du und ich! Sie treten nicht gern in Gegenwart von Ungläubigen in Erscheinung. Die ganze negative Energie ist nicht gut für sie. Wenn sie also nicht auftauchen, wenn du in der Nähe bist, hast du es dir selbst zuzuschreiben und sonst niemandem!“

Was Sarah sagte, war so lächerlich, dass ich die Augen verdreht hätte, wenn ich mich nicht auf die Fahrt über die alte schmale Brücke hätte konzentrieren müssen. Ich verzichtete darauf, meine Meinung zum Ausdruck zu bringen, denn unsere Sicherheit war wichtiger. „Ist das der Pub?“

Sarah warf einen Blick auf das rustikale Gasthaus am Straßenrand. „Nein, wir suchen das Tattered Stoat. Das hier nennt sich Indignant Widow. In der Wegbeschreibung steht, dass wir den Berg hochmüssen.“

„Okay. Hübsches Städtchen. Ich wusste gar nicht, dass es hier noch Strohdächer gibt.“

„Und dann war da noch die Mysterytour durch Edinburgh. Ich habe mich noch nie in meinem Leben so geschämt wie in dem Moment, als du dem Führer gesagt hast, die Show sei ganz schön lahm gewesen!“

„‚Lahm‘ habe ich nicht gesagt. Ich sagte vielmehr: nicht überzeugend, unfreiwillig komisch und kein bisschen furchterregend. Was die sich unter ‚unheimlich‘ vorstellen, fand ich ziemlich abgeschmackt. Die Klamotten stammten doch bestenfalls aus dem Theaterfundus. Und abgesehen davon hat der Mann gefragt, wie uns die Tour gefallen hat. Ich habe nur meine Meinung gesagt.“

„Alle anderen fanden es sehr gruselig, wie eines der Opfer der Körperfresser plötzlich vom Tisch aufsprang! Ich hätte mir beinahe in die Hose gemacht, und du hast nur gelacht!“

„Natürlich habe ich gelacht. Man muss schon extrem leichtgläubig sein, um sich in einer solchen Situation zu fürchten. Zum einen waren wir auf einer Mysterytour, bei der uns Nervenkitzel und Angstschauder versprochen wurden, und zum anderen war das Ganze kein bisschen realistisch. Tote können nicht spontan auferstehen, und sie stürzen sich schon gar nicht lauthals kreischend auf Touristen.“

„Erwähne nie wieder in meiner Gegenwart das Wort ‚spontan‘!“, erwiderte Sarah mit grimmigem Blick. „Ich werde mich wohl nie davon erholen, wie du dem Konservator des Kuriositätenmuseums einen Vortrag darüber gehalten hast, dass Spontanverbrennungen von Menschen einzig und allein auf das Rauchen von Zigaretten zurückzuführen seien.“

„Wie dokumentierte Fälle beweisen, handelte es sich bei den Leuten, die angeblich von einer geheimnisvollen Macht verbrannt wurden, um Raucher, die im Sessel oder im Bett eingeschlafen waren…“

„Verschone mich mit deinem Rationalismus, du Skeptikerin!“, rief Sarah und hob abwehrend die Hand.

„Aber deshalb hast du mich doch auf diese Reise mitgenommen – damit ich dafür sorge, dass du auf dem Teppich bleibst!“, erwiderte ich, während wir langsam durch den kleinen Ort fuhren, wobei ich immer wieder Hunden und Gänsen, aber auch den Einheimischen ausweichen musste, die die irritierende Angewohnheit hatten, mitten auf der Straße stehen zu bleiben und uns anzuglotzen.

„Ich habe dich auf meine Recherchereise mitgenommen, weil Anthony nicht auf die Exkursionen mit seinem Vogelbeobachtungsverein verzichten wollte, um – wie er sagte – ‚schon wieder Geld im Ausland auszugeben‘, und weil ich dachte, dass dir die Konfrontation mit echten übernatürlichen Phänomenen guttun würde. Du bist einfach zu engstirnig, Portia!“

„Hm-hm.“

„Du bist regelrecht halsstarrig. Du willst immer Beweise haben, bevor du irgendetwas glaubst.“

„Okay, es ist also engstirnig und keine gesunde Neugier, wenn man verstehen will, aus welchen Bausteinen sich unser Universum zusammensetzt?“

„Aber was das Wichtigste ist: Du wirst bald vierzig. Du brauchst einen Mann.“

Nun musste ich wirklich lachen. „Du schreibst Liebesromane, Sarah. Du willst, dass in deinem Umfeld alle ständig total verliebt sind, aber für mich ist das einfach nichts. Ich war drei Jahre lang mit Thomas verheiratet und habe mir wirklich Mühe gegeben, aber es hat nicht funktioniert. Ich denke, ich gehöre einfach zu den Frauen, die ohne festen Partner besser klarkommen. Zumindest, was Männer angeht. Eine Katze hätte ich sehr gern …“

Sarah taxierte mich nachdenklich mit ihren blauen Augen, während ich langsam den Berg hinauffuhr. „Nun, in Bezug auf Thomas muss ich dir zustimmen. Ich hätte nicht gedacht, dass jemand noch analytischer sein könnte als du, aber der war ja der reinste Androide!“

„Ehrlich, so wie es im Moment ist, geht es mir gut. Ich habe ein paar Bekanntschaften. Da ist zum Beispiel ein Forscher von einer Softwarefirma, mit dem ich mich ab und zu treffe.“

„Ein Sonderling.“

„Und ich bin ein paarmal mit dem Tierarzt ausgegangen, der neben mir wohnt.“

„In dem braunen Haus? Ich dachte, da wohnen Wicca-Priesterinnen?“

„Nein, auf der anderen Seite, in dem gelben.“

Sarah zog die Nase kraus. „Ach so, der. Vom Charakter her ganz nett, aber hässlich wie die Nacht.“

„Aussehenistnichtalles,dublauäugigeBlondine!Manchevon uns müssen eben mit einer bescheideneren Ausstattung auskommen. Aber da ist auch noch Derek, nur um darauf hinzuweisen, dass ich gutes Aussehen genauso zu schätzen weiß wie jede andere Frau.“

„Wer ist Derek?“

„Ein Feuerwehrmann. Wir sind im Supermarkt mit den Wagen zusammengestoßen. Die Frauen folgten ihm in einer langen Schlange durch den Laden.“

„So gut sieht er aus?“

Ich grinste Sarah an. „Oh ja! Wir haben zusammen Kaffee getrunken. Er ist ein bisschen anstrengend, aber sehr angenehm fürs Auge.“

„Hm.“ Sarah sah mich nachdenklich an, während wir den höher gelegenen Teil des Städtchens erreichten. „Aber keiner von denen reißt dich wirklich vom Hocker! Du brauchst einen gut aussehenden, flotten Mann aus dem Ausland, der dir total den Kopf verdreht.“

„Wer sagt denn, dass ich den Kopf verdreht haben will?“

„Ach, ich bitte dich, jede Frau möchte sich mal so richtig verlieben! Und jeder Mann auch! Ich meine, wer will denn nicht geliebt werden? Nicht einmal du willst den Rest deines Lebens in Einsamkeit verbringen.“

„Natürlich will ich das nicht, und ich möchte genauso geliebt werden wie jeder andere, aber ich habe nicht vor, den Kopf zu verlieren und mich vor Leidenschaft zu verzehren, wie du es in deinen Büchern beschreibst. Liebe ist letztlich nur Körperchemie. Zwei Menschen finden sich, weil sie von ihrer körperlichen Konstitution her zusammenpassen. Die Pheromone sorgen für sexuelle Erregung, beim Körperkontakt erzeugen die Endorphine Lust und Freude, und voilà, das Ergebnis ist Liebe.“

Sarah starrte mich mit offenem Mund an. „Ich kann nicht glauben, was du da sagst! Du meinst, Liebe ist nur eine … eine chemische Reaktion?“

„Natürlich. Das erklärt auch, warum die Leute sich wieder entlieben. Die anfänglichen chemischen Reaktionen bleiben aus, und die Beziehung kühlt ab. Warum sonst, glaubst du, ist die Scheidungsrate so hoch?“

„Du bist verrückt, weißt du das?“

Ich bog lächelnd nach links ab. „Warum? Weil ich dir die romantische Illusion kaputtmache, dass ich mich eines Tages bis über beide Ohren verliebe? Ah, hier ist es, das Tattered Stoat, ein echtes englisches Gasthaus mit Fremdenzimmern über dem Pub, gnädige Frau! Gib auf die Enten Acht, wenn du aussteigst. Sie scheinen sich für uns zu interessieren.“

„Diesmal bist du zu weit gegangen“, sagte Sarah und stieg vorsichtig aus, um nicht mit den Enten aneinanderzugeraten, die von einer schlammigen Wiese herbeigelaufen waren.

Ich war bereits dabei, das Gepäck aus dem Kofferraum zu holen, und hielt betroffen inne. Sarah wirkte gekränkt, und auch wenn ich immer wieder rationale Erklärungen für Dinge zu finden versuchte, die sie für unerklärlich hielt, so wollte ich doch auf keinen Fall ihre Gefühle verletzen. Sarah beharrte zwar störrisch darauf, an das Unglaubliche zu glauben, aber sie war trotzdem meine beste Freundin, und ich schätzte sie sehr. „Tut mir leid, wenn ich dir zu nahe getreten bin, Sarah. Ich weiß, du glaubst wirklich an die große Liebe, wie du sie in deinen Büchern beschreibst …“

„Nein, ich meine doch gar nicht deine fehlende Bereitschaft, dich zu verlieben.“ Sie winkte ab, doch als ich das Gepäck vor ihr abstellte, sah sie mich ernst an. „Nein, ich korrigiere mich … Die hat auch damit zu tun.“

„Womit?“

„Mit deinem mangelnden Glauben.“

Mein Rücken wurde steif wie ein Brett. Ich hob meine beiden Taschen aus dem Kofferraum, machte ihn zu und steckte den Schlüssel weg, bevor ich Sarah ins Visier nahm. „Du weißt doch, wie meine Familie war! Wie kann mir jemand, der weiß, was ich durchgemacht habe, vorwerfen, dass ich jede Religion ablehne?“

„Das wirft dir nun wirklich niemand vor – ich am allerwenigsten“, entgegnete sie sanft, fasste mich am Arm und sah mich zerknirscht an. „Ich rede doch gar nicht vom religiösen Glauben, Portia. Ich meine vielmehr den Glauben im Allgemeinen: die Fähigkeit, an etwas zu glauben, das keine feste Form oder Substanz hat – an etwas, das existiert, auch wenn man es nicht in die Hand nehmen kann.“

Ich atmete tief durch und entspannte mich wieder. „Sarah, Schatz, ich weiß, du meinst es gut, aber ich bin Physikerin. In meinem Beruf dreht sich alles darum, die Elemente zu verstehen, aus denen sich unsere Welt zusammensetzt. Von mir zu erwarten, dass ich an etwas glaube, für dessen Existenz es keine Beweise gibt … also, das ist einfach unmöglich!“

„Und was ist mit diesen winzig kleinen Dingern?“, fragte Sarah, nahm ihr Gepäck und folgte mir zum Eingang des Gasthauses.

„Mit welchen winzig kleinen Dingern?“

„Du weißt schon, diese kleinen Teilchen, die man nicht sehen kann, von denen ihr aber trotzdem wisst, dass sie da sind. Mit dem Namen, der so schön nach Raumschiff Enterprise klingt!“

Ich öffnete die Tür und schaute nachdenklich auf Sarahs Scheitel. (Abgesehen davon, dass meine Freundin immer noch sehr schlank war, obwohl sie drei Kinder geboren hatte, war sie auch gut fünfzehn Zentimeter kleiner als ich.) „Du meinst Quarks?“

„Ja, genau! Du hast doch gesagt, dass die Wissenschaftler an Quarks geglaubt haben, lange bevor man sie sehen konnte.“

„Schon, aber sie hatten den Beweis für ihre Existenz bereits im Teilchenbeschleuniger gefunden. Die Detektoren im Teilchenbeschleuniger haben die durch die Teilchenkollision entstandenen Partikel registriert.“

Sarah marschierte mit zusammengekniffenen Augen an mir vorbei ins Gasthaus. „Jetzt kommst du mir wieder mit deinem Physikergeschwätz, von dem ich immer Kopfschmerzen kriege!“

Ich folgte ihr lächelnd. „Okay, dann folgt jetzt die Erklärung für Laien: Wir wussten, dass es Quarks gibt, weil wir praktisch ihre Fußabdrücke gefunden haben. Dieser handfeste Beweis für ihre Existenz konnte selbst die skeptischsten Wissenschaftler davon überzeugen, dass es sie gibt.“

„Aber vor diesen tollen Teilchenbeschleunigern hatte niemand einen Beweis, oder?“

„Das stimmt, aber Berechnungen hatten gezeigt, dass es sie geben muss, wenn …“

Sarah blieb in der Tür zu einem mit Holz getäfelten Raum stehen. Die Frau hinter der Theke, die gerade einen Gast bediente, rief uns zu, sie komme gleich. Sarah nickte und drehte sich zu mir um. „Das ist doch gar nicht der Punkt! Sie haben an etwas geglaubt, wofür sie keinen Beweis hatten, Portia. Sie haben an die Existenz von etwas geglaubt, das sie weder sehen noch anfassen oder messen konnten. Und genau diese Art von Glauben fehlt dir. Du bist immer so versessen darauf, für alles eine einleuchtende Erklärung zu finden, dass du überhaupt keinen Raum für Magie in deinem Leben lässt.“

„Echte Magie gibt es nicht, Sarah, nur Illusion“, entgegnete ich kopfschüttelnd.

„Oh, meine Liebe, da irrst du dich gewaltig! Überall um dich herum ist Magie – du bist nur zu blind, um sie zu erkennen!“ Auf einmal begannen Sarahs Augen zu funkeln, und ihre Miene hellte sich auf. „Weißt du was? Ich hätte größte Lust … hmm.“

Ich zog nur die Augenbrauen hoch und verbot es mir nachzuhaken, obwohl Sarah mich mit ihrem angefangenen Halbsatz wirklich neugierig gemacht hatte. Stattdessen rief ich mir in Erinnerung, dass ich auf dieser dreiwöchigen Reise durch England, Schottland und Wales ihr Gast war (wobei ich aus Steuergründen als Rechercheassistentin lief) und als solcher zumindest ab und zu meine Meinung für mich behalten sollte.

Erst eine halbe Stunde später, nachdem wir die beiden Fremdenzimmer über dem Pub bezogen hatten, führte Sarah den Gedankengang fort, den sie unten im Flur begonnen hatte.

„Dein Zimmer ist schöner als meins“, sagte sie, als sie aus meinem Fenster blickte und die Aussicht auf das grüne Weideland bewunderte. Schafe und Kühe standen über die Wiesen verstreut, und die Bäume, die hier und da als Windschutz gepflanzt worden waren, wiegten sich sacht in der frühsommerlichen Brise.

„Ich habe doch gesagt, du kannst es haben, aber du wolltest das andere Zimmer.“

„Das ist Feng-Shui-technisch besser“, entgegnete sie und drehte sich zu mir um. „Ach, und übrigens: Ich habe beschlossen, dass wir ein kleines Spielchen wagen werden.“

„Tatsächlich? Gibt es hier in der Nähe ein Kasino? Du weißt, dass ich in Kartenspielen eine echte Niete bin!“

„So ein Spielchen meine ich nicht. Wir werden vielmehr eine Wette abschließen.“

„Aha?“ Ich lehnte mich gegen das Kopfteil meines Betts, und Sarah ließ sich auf den einzigen Stuhl im Zimmer fallen. „Und um was wetten wir?“

„Ich wette mit dir, dass du noch vor dem Ende dieser Reise etwas sehen wirst, das du nicht erklären kannst.“

„So etwas wie … Quarks?“, fragte ich in Erinnerung an unser Gespräch bei der Ankunft.

„Nein, an deren Existenz glaubst du ja. Ich meine etwas, an das du nicht glaubst, wie Geister, Ufos oder Feen. Ich wette mit dir, dass dir vor dem Ende unserer Reise etwas begegnet, das du nicht wieder völlig fantasielos als Heißluftballon oder Anzeichen dafür, dass ein Haus sich setzt, abtun kannst, wie du und deinesgleichen es immer tun, um das Unerklärliche zu erklären.“

Ich richtete mich auf. Nichts liebte ich so sehr wie die intellektuelle Herausforderung. „Also, das ist wirklich eine interessante Idee. Aber so ist die Wette nicht fair. Du musst auch den umgekehrten Fall zulassen.“

„Den umgekehrten Fall?“ Sarah runzelte die Stirn. „Was meinst du damit?“

„Wenn ich dich in einem Spukhaus darauf hinweise, dass die Wasserleitungen ziemlich alt sind und die angeblichen Klopfgeräusche eines Poltergeists von ihnen herrühren, darfst du dich nicht weigern, das als Erklärung anzuerkennen. Du musst gegenüber rationalen Erklärungen für deine mysteriösen Ereignisse offen sein.“

Sarah war empört. „Ich bin der offenste Mensch, den ich kenne!“

„Allerdings – du bist zu offen. Du bist eher bereit, an etwas Übernatürliches zu glauben als an etwas Reales.“

„Oh!“, machte sie und funkelte mich wütend an. „Du willst es also wirklich wissen! Die Wette gilt!“

„Von mir aus. Ich bin bereit! Ich habe zwar nicht viel Geld, aber was ich habe, setze ich gern.“

Sarah stand auf. Ich erhob mich ebenfalls.

„Dann sind wir uns also einig. Wir wetten darum, wer von uns zuerst den Beweis für ein übernatürliches Wesen oder Ereignis erbringt …“ Ich sah sie mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Oder den Gegenbeweis.“ Sie überlegte einen Moment. „Der über jeden Zweifel erhaben sein muss.“

„Genauso ist es.“ Ich schlug ein, als Sarah mir die Hand reichte. „Aber du weißt ja, ich bin auch ohne Wette skeptisch.“

„Ja, ich weiß, dass es dir Spaß macht, mir immer wieder in meine okkultistische Parade zu fahren. Aber das verleiht der ganzen Sache doch eine gewisse Würze, findest du nicht? Eine kleine Wette in aller Freundschaft.“

„Hmm. Und wie hoch ist der Wetteinsatz?“

„Oh, wir wetten nicht um Geld“, entgegnete Sarah mit einer wegwerfenden Handbewegung. „Hier geht es um die Ehre. Um die Ehre und das Recht, der anderen ein triumphierendes ‚Habe ich dir doch gesagt!‘ entgegenschleudern zu dürfen.“

Ich lachte. „Klingt gut! Bei jedem Spukhaus, das wir besuchen, bei jedem Medium, zu dem du mich schleppst, bei jedem Spinner, der behauptet, Kornkreise auf seinen Feldern zu haben, werde ich dir die Wahrheit zeigen, die unter dem Deckmantel des Übernatürlichen verborgen ist.“

Sarah lächelte vergnügt, als sie die Tür zu dem schmalen Korridor öffnete. „Wir können gleich heute Nachmittag anfangen. Diese Gegend ist die reinste Brutstätte für übernatürliche Phänomene, aber am bekanntesten ist der Feenring, der gar nicht weit von hier entfernt ist. Wirf dich in deine Feenjäger-Kluft, Portia! Das Spiel beginnt!“

2

„Also, zum Feenring, da müssense de Straße runter an Arvrights Farm vorbei – die kennse doch, oder?“

Der alte Mann nuschelte in seinem Dialekt vor sich hin, und ich musste mich schon sehr konzentrieren, um wenigstens ein paar Wörter zu verstehen.

„Ja.“

„Gut. Wennse also an Arvrights Farm vorbei sin und die Schafe sehn, biegense nach Norden ab.“ Der Alte zeigte nach Süden.

„Ist da Norden?“, fragte Sarah mich leise und blickte skeptisch in die angezeigte Richtung.

„Sei still! Ich habe schon Mühe genug, ihn überhaupt zu verstehen.“ Ich lächelte den Mann freundlich an. „Also biege ich bei den Schafen nach links ab?“

„Jenau, sach ich doch.“ Nun hatte sich der Alte offenbar warmgeredet, denn er rasselte den nächsten Satz so schnell herunter, dass ich nur noch Bahnhof verstand. Mir fiel allerdings auf, dass mehrmals die Worte „zat combe“ fielen.

Sarah kniff angestrengt die Augen zusammen. „Ich weiß nicht, ob ich … Zat combe, sagten Sie?“

Ich notierte, was der alte Mann uns erklärte, und hoffte, dass wir nicht mitten im Nichts beziehungsweise in jemandes Garten landeten.

„Jenau, sach ich doch. Aber da wimmelts nur so von Geschmeiß.“

Sarah sah mich fragend an. Ich zuckte mit den Schultern und sagte zu dem Mann: „Da gibt‘s viel davon, was?“

Sarah zwickte mich unauffällig in den Arm.

„Schlimm is das. Müsste alles ma‘ tüchtig ausgemerzt werden, aber’s kümmert sich ja keiner.“

„Ausmerzen“, wiederholte Sarah und nickte energisch, als wäre sie vollkommen im Bilde.

„Nun, das Ausmerzen von Geschmeiß ist eine große Kunst, finde ich“, bemerkte ich, während ich mir weiter Notizen machte, die keinen Sinn ergaben. „Wir müssen also irgendwie an dem Geschmeiß vorbei, und dann …?“

„Dann sinse oben auf’m Hügel.“

„Aha.“

„Ich habe gerade ein Wort verstanden“, raunte Sarah mir zu. „Ich glaube, allmählich kriege ich einen Draht zu dieser Sprache.“

„Und da ist dann der Feenring?“, fragte ich den Mann und unterdrückte ein Kichern. „Oben auf’m Hügel?“

„Jenau.“ Der alte Mann kniff die Augen zusammen und spuckte an den Straßenrand. Sarah sah ihn entsetzt an. „Aber machense da oben bloß kein Gicksgacks!“

„Nie im Leben!“, versprach ich ihm hoch und heilig.

Der Alte brabbelte noch etwas von „ganz schön verrückt“, und es klang, als wolle er uns warnen. Man treffe da oben auf nichts Gutes, sagte er, aber ich war mir nicht so sicher, ob ich ihn richtig verstanden hatte.

Sarah sah mich nur hilflos an.

Ich zwinkerte dem alten Mann zu. „Da oben passieren üble Dinge, was?“

„Jau, sach ich doch.“ Er zwinkerte zurück und spuckte abermals aus.

„Wissen Sie, es handelt sich da um einen weit verbreiteten Irrtum“, sagte ich und steckte mein Notizbuch in die Tasche. Sarah stöhnte. „Feenringe galten zwar viele Jahrhunderte lang als magische Orte, aber sie haben mit Feen eigentlich gar nichts zu tun. Sie entstehen durch die unterirdische Ausbreitung von Myzelien. Das sind die Fadengeflechte von Pilzen, wissen Sie?“

Der Mann blinzelte irritiert. Sarah zupfte mich am Ärmel und versuchte mich zu dem Wagen zu ziehen, den sie für die Dauer unserer Reise gemietet hatte.

„Ich weiß ja, dass in dieser Gegend Volksglaube und altes Brauchtum großgeschrieben werden, und es gibt bestimmt eine Menge Leute, die an die Magie der Feenringe glauben, aber die Wahrheit ist leider sehr viel unspektakulärer. Wie man herausgefunden hat, gibt es drei verschiedene Arten von diesen Ringen, und ihr Aussehen hängt von der Pilzart ab, die an dem jeweiligen Ort wächst, wobei es auch Ringe gibt, die gar nicht zu sehen sind …“

„Beachten Sie sie nicht, sie ist eine Ungläubige!“, fiel Sarah mir ins Wort und zerrte mich zum Wagen. „Vielen Dank für Ihre Hilfe! Einen schönen Tag noch!“

Der alte Mann hob seine knorrige Hand zum Gruß, spuckte noch einmal aus und hinkte gemächlich Richtung Pub.

„Du bist einfach unverbesserlich! Ehrlich, wie konntest du den netten alten Mann nur so mit diesem ganzen Pilzkram vollquatschen?“

Ich stieg ein und nahm mir einen Moment Zeit, um mich auf das englische Fahrzeug einzustellen. „Hey, du wolltest doch mit mir wetten! Ich gebe nur mein Bestes, um dir schon bald ein gepflegtes ‚Hab ich dir doch gesagt!‘ entgegenschleudern zu können. Bereit zur Abfahrt?“

„Warte mal … Oh, puh! Ich dachte schon, ich hätte sie vergessen.“ Sarah faltete ein paar Kopien zusammen und schob sie in ihre Manteltasche. „Ich bin schon wahnsinnig gespannt, welche Wirkung diese Formeln in dem Feenring entfalten!“

„Die Vernunft gebietet mir, dich darauf hinzuweisen, dass ein paar merkwürdige pseudolateinische Wörter aus einem viktorianischen Buch über Magie höchstwahrscheinlich nichts anderes bewirken, als deiner Freundin und Begleiterin einen gequälten Ausdruck ins Gesicht zu zaubern.“

Sarah setzte eine störrische Miene auf und schaute aus dem Fenster, während wir langsam durch den Ort fuhren. „Du kannst spotten, so viel du willst – diese Zauberformeln wurden von einem sehr berühmten Magier des Mittelalters verfasst und über die Jahrhunderte in seiner Familie weitergegeben. Das Buch, in dem ich sie gefunden habe, ist sehr kostbar: Es wurden lediglich fünfzig Exemplare gedruckt, und es sind nur noch einige wenige davon erhalten. Wie ich aus zuverlässiger Quelle weiß, sind die Formeln authentisch, und daher bin ich ziemlich sicher, dass du alles andere als einen gequälten Ausdruck im Gesicht haben wirst.“

„Hm-hm.“

Nachdem Sarah in die Wanderkarte geschaut hatte, die sie in London gekauft hatte, fuhren wir den Fluss entlang, der sich um den Ort schlängelte, dann über die Steinbrücke und an Äckern und Weiden vorbei auf die berühmten Harpford Woods zu.

„Linke Seite!“, ermahnte mich Sarah, als ich auf die rechte Fahrspur geriet.

„Ja, ja, ich weiß. Ich war nur kurzzeitig verwirrt. Mal sehen … An dem großen Bauernhof vorbei, dann der Straße in südlicher Richtung zu einem kleinen Wäldchen folgen. Vor dem Geschmeiß in Acht nehmen. Was, um alles in der Welt, ist wohl ein ,zat combe‘?“

„Ich habe keine Ahnung, aber es klingt unglaublich englisch. Meinst du, hier ist es?“

Wir hielten am Straßenrand an und stiegen aus, um das Weideland zu betrachten, das sich vor uns erstreckte. Es war der ideale Tag für eine kleine Wanderung: Die Sonne stand hoch am hellblauen Himmel, die Bäume erstrahlten in frischem Grün, tausende Gänseblümchen waren über die Wiesen verstreut, die Vögel zogen fröhlich zwitschernd ihre Kreise und suchten emsig Material für den Nestbau zusammen. Sogar die Schafe, die als weiße Punkte auf den Hängen zu erkennen waren, boten einen malerischen, bezaubernden Anblick – zumindest aus der Ferne.

Wir machten einen großen Bogen um sie, während wir dem Pfad, der auf der Karte als Wanderweg ausgewiesen war, über eine riesige Weide den Hügel hinauf folgten, auf dessen Kuppe sich eine kleine Baumgruppe sanft in der Junibrise wiegte.

„Das ist einfach umwerfend! Absolut idyllisch! Und die Schwingungen – mein Gott, sie sind ganz deutlich zu spüren. Wir haben es tatsächlich gefunden, Portia!“, rief Sarah und sah sich begeistert um. „Dieser Ort gibt mir ein ganz besonderes Gefühl.“

„Ja, mir auch“, entgegnete ich und blieb an einem Baumstumpf stehen, um Schafskot von der Sohle meines rechten Schuhs zu kratzen.

„Ich wusste, du würdest es auch spüren! Ich kann es gar nicht erwarten, die magischen Formeln auszuprobieren – das muss einfach funktionieren. Interessant, wie die Bäume angeordnet sind, findest du nicht? Sie bilden einen perfekten Kreis. Komm, wir sehen uns das aus der Nähe an!“

„Geh du voran, MacDuff!“ Ich folgte Sarah, als sie mit vor Aufregung glühenden Wangen in das Wäldchen vorging. Die Lichtung in der Mitte maß an ihrer breitesten Stelle knapp sechs Meter und war mit saftigem smaragdgrünem Gras bewachsen.

„Da ist er!“ Sarah streckte den Zeigefinger aus und fasste mich am Arm, dann senkte sie ehrfürchtig die Stimme. „Der berühmteste Feenring in Englands Südwesten! Er ist einfach vollkommen! Genau, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Ein heiliger Ort, findest du nicht?“

Ich ließ sie in Ruhe ihren Freudentanz aufführen und hockte mich neben den Ring aus nackter Erde, der einen Durchmesser von etwa zwei Metern hatte. Innerhalb und außerhalb dieses kahlen Rings wuchs üppiges Gras. Der Grund für dieses Phänomen war auf Anhieb nicht zu erkennen; nirgendwo wuchsen Pilze, aber ich wusste natürlich, dass sie nicht immer zu sehen waren. Ich griff in die von der Sonne erwärmte Erde und sagte nachdenklich: „Ob es wohl in der Nähe ein Labor gibt, dem ich ein paar Bodenproben schicken könnte? Dann wüssten wir, welche Pilzart diesen Ring verursacht hat.“

„Du Ungläubige“, rügte Sarah mich gelassen, klopfte ihre Manteltaschen ab und holte die Kopien mit den Formeln hervor. Dann drehte sie sich ruckartig um, wie es Frauen zu tun pflegen, die plötzlich merken, dass sie ihre Handtasche vergessen haben. „Hast du die Kamera?“

Ich zog eine Augenbraue hoch. „Du hast sie mir in Denhelm weggenommen, schon vergessen?“

„Oh, stimmt – du wolltest unbedingt Fotos von dem Bauernsohn machen statt von der Moorleiche. Dann habe ich die Kamera wohl in meiner Tasche gelassen.“

„Du musst schon zugeben, dass der Sohn viel besser aussah als diese von Motten zerfressene Mumie!“

Sarah richtete sich zu ihrer vollen Größe von nicht einmal einsfünfundfünfzig auf. „Diese Moorleiche soll von einem druidischen Opferritus stammen, weshalb es sehr gut möglich ist, dass der Geist noch … Ach, lassen wir das! Ich erkenne an deinem störrischen Gesichtsausdruck, dass du dich mal wieder allem Unerklärlichen verschließt. Gib mir den Autoschlüssel, dann fahre ich schnell zurück und hole die Kamera.“

„Ich kann das auch machen …“

Ein kleines Funkeln blitzte in Sarahs Augen. „Nein, du bleibst hier und meditierst ein bisschen. Wenn du dich der Magie dieses Ortes öffnest, erkennst du vielleicht, wie blind du all die Jahre gewesen bist! Hier, du kannst dir in der Zwischenzeit die Formeln durchlesen, aber probier sie bloß nicht ohne mich aus! Ich will mit eigenen Augen sehen, was der Ring zu bieten hat.“

Ich nahm die Kopien, die sie mir reichte, und setzte mich im Schneidersitz in die Mitte des Rings. „Also gut, wenn du sicher bist, dass du mit dem Linksverkehr klarkommst.“ Ich pflückte einen Grashalm und kaute darauf herum, während ich meine Jacke ablegte. „Ich werde ein bisschen Sonne tanken, solange du weg bist.“

„Portia!“ Sarah riss die Augen auf. „Das kannst du doch nicht machen!“

„Was kann ich nicht machen? Sonnenbaden? Ich ziehe mich doch nicht aus, ich kremple nur die Ärmel hoch“, entgegnete ich.

„Man darf nichts essen, was im Feenring wächst! Das ist … das ist ein Sakrileg! Und ich glaube, du solltest dich auch gar nicht in dem Ring aufhalten. Das wird die Feen garantiert verärgern!“

Ich verdrehte die Augen und kaute unbeeindruckt auf meinem Grashalm herum. „Dieses Risiko gehe ich gern ein. Und denk dran: Immer schön auf der linken Seite bleiben!“

Sarah machte sich eilig davon, nachdem sie noch ein paar unheilvolle Warnungen von sich gegeben hatte, was mir alles passieren könne, wenn ich so weitermachte. Ich genoss einige Minuten lang die Sonne, aber dann begann ich mich zu langweilen. Also sah ich mir das Gelände um den Ring genauer an, aber außer Bäumen, Gras, Gänseblümchen und Butterblumen und dem Wind, der durch die Blätter strich, entdeckte ich nichts Interessantes.

„Nun, eine kleine wissenschaftliche Überprüfung kann ja nicht schaden“, sagte ich laut, um die Stille zu durchbrechen. Ich setzte mich wieder in den Feenring, pflückte abermals einen Grashalm und kaute darauf herum, während ich mir Sarahs Kopien ansah. Der Text, der den Sinn und Zweck der Formeln erklärte, war in einer unfassbar obskuren Sprache abgefasst, aufgrund derer ihn leichtgläubige Menschen garantiert für echt hielten. „Um mich zu täuschen, braucht man aber mehr als diesen dürftigen Anstrich von Mystizismus“, murmelte ich und las mir eine der angeblichen Zauberformeln durch. „Magicus circulus contra malus, evoco aureolus pulvis, commutatus idem dominatio aqua … Mein Gott, was ist das nur für ein Quatsch! Das ist doch noch nicht mal korrektes Latein …“

Aus dem Augenwinkel sah ich plötzlich etwas schimmern und dachte sofort an einen Penny oder eine Glasscherbe irgendwo im Gras, aber als ich mich danach umsah, fand ich nichts dergleichen.

Plötzlich sträubten sich mir die Nackenhaare, als läge etwas Bedrohliches in der Luft.

„Ehrlich, Portia, es ist schon ziemlich peinlich, wie sehr du dich von Sarahs Geschwätz über Magie beeinflussen lässt!“ Ich rieb mir die Arme, denn ich hatte unvermittelt eine Gänsehaut bekommen, und hielt mir im Geist eine Standpauke, weil ich mir von Sarahs Spinnerei den Verstand vernebeln ließ.

Ein kleiner Lichtblitz mitten in der Luft ließ mich auffahren.

Aber da war nichts.

„Au Mann, das ist doch albern! Jetzt erschrecke ich mich schon selber mit puren Hirngespinsten! Ich habe wirklich eine äußerst lebhafte Fantasie …“

Unmittelbar vor mir glitzerte wieder etwas in der Luft, als reflektierten winzige Metallflitter das Sonnenlicht.

Zu meinem größten Erstaunen verschwand das Glitzern jedoch nicht, sondern wurde immer stärker, bis die ganze Luft zu flimmern schien. Es sah aus, als blinkten rings um mich Tausende verschwindend kleine Lichter.

„Ich halluziniere“, sagte ich und schloss die Augen. „Es muss an der Sonne liegen. Ich bin blind von der Sonne, oder ich habe einen Hitzschlag, oder die Pilzart in diesem Feenring ist halluzinogen.“

Ich öffnete die Augen wieder und hoffte, nur noch die sonnige Lichtung vor mir zu sehen, doch wie ich zu meinem Schrecken feststellen musste, bildete sich aus den glitzernden Lichtern eine Gestalt heraus.

„Dann liegt es an den Pilzen“, sagte ich, rappelte mich hastig auf und verließ den Feenring. „Sie gehören wahrscheinlich zu den Psilocyben oder so …“

Als ich zurückwich, stolperte ich über eine Unebenheit im Gras und fiel auf den Hintern. In diesem Moment setzte mein Verstand aus, denn die Gestalt nahm menschliche Züge an. „Also gut, es wird Zeit, ärztliche Hilfe zu suchen. Diese Albernheiten gehen mir allmählich zu weit!“

„Oh, na bitte!“, sagte die Halluzination, als sie sich zu mir umdrehte. „Gott sei Dank hast du mich gerufen! Aber wir haben nicht viel Zeit. Ich muss die Gabe an dich weitergeben und schnell wieder verschwinden, bevor sie mich finden.“

Die Halluzination – eine hübsche Frau, etwas kleiner als ich, mit langem schwarzem Haar und strahlend blauen Augen – stand mit den Händen in den Hüften vor mir und sah mich aufgebracht an. „Gütiger Souverän, bist du verhext?“

„Sei nicht albern“, entgegnete ich, doch mir versagte beinahe die Stimme. Ich räusperte mich. „So etwas gibt es nicht. Au Mann, was mache ich hier eigentlich? Ich rede mit einer Wahnvorstellung!“

Die Frau – sie wirkte so echt, dass ich nicht umhin konnte, sie als eine solche anzusehen – verdrehte die Augen. Dann erschreckte sie mich damit, dass sie mich am Arm fasste und auf die Beine zog. „Sag mir nicht, dass sie dich nicht vorbereitet haben. Du hast doch wohl die Prüfungen bestanden, oder?“

„Das muss eine ziemlich wirkungsvolle Pilzsorte sein“, sagte ich, klopfte mir ein paar Grashalme von der Hose und betrachtete nachdenklich den Feenring. „Ich könnte schwören, dass mich jemand angefasst hat.“

„Hallo! Kannst du mich nicht hören? Ich rede mit dir!“

„Es ist unglaublich, absolut unglaublich. Ich muss eine Bodenprobe nehmen und im nächstbesten Labor analysieren lassen. Das könnte sehr gefährlich für Kinder sein, die zufällig hier herumstolpern – wer weiß, was für Halluzinationen die erst bekommen würden!“ Ich durchsuchte meine Taschen in der Hoffnung, eine kleine Plastiktüte oder irgendein anderes Behältnis zu finden, in das ich etwas Erde abfüllen konnte. Leider hatte ich außer einer Packung Kaugummi nichts bei mir. „Verdammt. Ich muss auf Sarah warten und noch mal zurückfahren, um mir ein …“

„Bist du taub?“, brüllte mich die Frau an und fuchtelte mit den Händen vor meinem Gesicht herum. Ich beobachtete sie und amüsierte mich darüber, was sich meine Fantasie unter dem Einfluss einer halluzinogenen Droge alles einfallen ließ. Die Frau sah eigentlich ganz normal aus, sie trug eine enge grüne Hose und einen groben braun-grünen Wollpullover. Offensichtlich passte ihr irgendetwas nicht, denn sie runzelte verärgert die Stirn.

„Na ja, dann lasse ich meinem Gehirn eben seinen Willen“, sagte ich zu mir. „Zumindest bis Sarah zurückkommt. Hallo!“

„Was ist nur mit dir los?“, fragte die Frau und schlug sich wütend auf die Schenkel. „Hast du mich nicht gehört? Wir haben keine Zeit für solche Sperenzchen!“

„Verzeih mir, ich habe mich offensichtlich mit halluzinogenen Pilzsporen vergiftet. Was wolltest du wissen? Und … ich weiß, das ist albern, aber könntest du mir deinen Namen sagen, falls du einen hast?“

„Oh, um Himmels… Die hätten doch mit dir reden und dich informieren müssen, als sie dir diese Formeln gegeben haben! Also wirklich, diese geballte Inkompetenz heutzutage ist erschreckend! Man sollte doch meinen, dass sie auch mal etwas richtig machen, nachdem sie ein paar Jahrtausende Zeit zum Üben hatten. Ich heiße Hope. Und wer bist du?“

Ich lächelte die Halluzination an und gab meinem Gehirn und den Pilzen eine Eins in Kreativität. „Ich bin Portia Harding aus Sacramento, Kalifornien, und ich arbeite zur Zeit als Forscherin im Bereich Nanotechnologie in einem biomedizinischen Unternehmen. Möchtest du sonst noch etwas über mich wissen? Meine Lieblingsfarbe? Welches Parfum ich benutze? Meine Schuhgröße?“

Die Art und Weise, wie sie mich mit ihren strahlend blauen Augen ansah, ließ mich einen Moment lang vergessen, dass sie nicht real war. „Deine Schuhgröße ist irrelevant. Wir haben wirklich nicht viel Zeit, und da ich jetzt auch noch die Arbeit der anderen erledigen und dir alles erklären muss, haben wir noch viel weniger. Ich schwöre, wenn ich jemals wieder an den Hof zurückkehre, werde ich mich über diese lasche Arbeitseinstellung beschweren … Wo war ich? Oh ja, wir haben nicht viel Zeit. Hör mir gut zu, Portia Harding. Was ich dir jetzt sage, wird dein Leben verändern.“

„Oje, die Pilze richten doch hoffentlich keinen bleibenden Schaden in meinem Gehirn an?“, sagte ich und entfernte mich noch etwas weiter von dem Ring. Dann atmete ich einige Male tief durch und versuchte mich zu beruhigen. Der Feenring befand sich schon sehr lange an diesem Ort, und da war ich wohl nicht die Einzige, die ein paar Pilzsporen von einem Grashalm gelutscht hatte, oder? Wenn es wirklich gefährlich wäre, hätten die Behörden bestimmt schon längst etwas unternommen.

„Ich bin eine Tugendkraft. Ich bin in Gefahr, in großer Gefahr, und ich kann nicht bleiben, sonst wird alles zerstört. Verstehst du das? Alles! Das Leben, die Welt, wie wir sie kennen, Licht und Dunkelheit – alles wird vernichtet. Deine Bitte kam genau zur rechten Zeit.“

„Tatsächlich?“ Das Produkt meines Pilzrauschs schritt aufgeregt vor mir auf und ab. Ich fragte mich, wie lange die Wirkung wohl noch anhalten würde. „Ich stelle nur ungern dumme Fragen, aber von welcher Bitte …“

„Wir haben keine Zeit für lange Erklärungen“, entgegnete sie, ergriff meine Hand und drückte sie. Ich schaute erstaunt auf unsere Hände und wunderte mich darüber, wie real sich Hopes Griff anfühlte. Ich hätte schwören können, das Hirngespinst sei echt … aber das konnte natürlich nicht sein. „Ich muss wieder los. Da du mich gerufen hast, entspreche ich deiner Bitte: Ich vermache dir die Gabe. Geh sorgsam mit ihr um. Die Strafe, die dich erwartet, wenn du sie missbrauchst, ist so schrecklich, dass ich lieber nicht darüber sprechen will.“

Der Wind frischte auf, und ich spürte, wie meine Hand plötzlich ganz heiß wurde.

„Das ist absolut unglaublich“, sagte ich abermals und wünschte, ich hätte meinen Laptop dabei, um mir Notizen machen zu können. Die Wärme, die von Hopes Hand auf meine überging, schien meinen Arm hinaufzusteigen und immer intensiver zu werden. „Entschuldige, aber ich muss mal eben etwas ausprobieren …“

Ich versuchte, mich von ihr loszureißen, aber sie hielt meine Hand viel zu fest umklammert. Es war unmöglich.

Ihre Augen leuchteten, als sie tief in mich hineinschaute, bis in meine Seele. Ihr Blick war so durchdringend, so stechend, dass ich einen Moment lang erstarrte und mich nicht von der Stelle rühren konnte. Dann ließ sie meine Hand los, fasste mir an die Stirn und sagte: „Meine Gabe geht auf dich über, Portia Harding. Möge der Souverän dich vor denen beschützen, die dich vernichten wollen.“

Die Wärme, die meinen Arm hinaufgestiegen war, breitete sich nun im ganzen Körper aus. Mir war so heiß, dass ich mir am liebsten die Kleider vom Leib gerissen hätte und in den nächstbesten Teich gesprungen wäre. Meine Haut brannte, das Blut kochte regelrecht in meinen Adern, und alles in mir schrie nach einer Abkühlung.

„Na, großartig! Jetzt bekomme ich von den blöden Pilzsporen tatsächlich Fieber. Ich lande noch im … Dingsda … na, im Krankenhaus!“

Der Drang, das flammende Inferno in meinem Inneren zu löschen, brachte mich zusehends aus der Fassung. Ich konnte mich nicht mehr konzentrieren und dachte nur noch an die Linderung meiner Qualen. Ich gab mir alle Mühe, nicht die Kontrolle zu verlieren und langsam und tief zu atmen, bis das Schlimmste vorüber war, aber das Fieber, das mich innerlich zu verbrennen drohte, klang nicht ab. Es ergriff immer mehr von mir Besitz, und ich wurde tiefer und tiefer in die lodernden Flammen gezogen, bis ich schließlich die Arme ausbreitete und schreiend den Himmel um Erlösung bat.

Ein kalter Tropfen platschte mir auf die Stirn. Ein weiterer traf meine Wange.

„Was … ich … Regen?“, keuchte ich und beobachtete voller Staunen, wie sich praktisch aus dem Nichts Wolken über mir am Himmel bildeten. Es begann mit ein paar dunstigen weißen Fetzen, die sich jedoch rasch zu dicken Haufen zusammenballten und immer dunkler wurden. Das leise prasselnde Geräusch, das ich hörte, machte mir klar, dass der Regen, der auf meine brennende Haut traf, keine Einbildung war: Rings um mich herum regnete es in die kleine Lichtung. Die Regentropfen liebkosten mich, verschafften mir Linderung und ließen das Fieber abklingen, bis eine große Ruhe über mich kam, die das Feuer in meinem Inneren vollends löschte. Ich schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und genoss die kühlenden Tropfen. „Heiliger Strohsack, das fühlt sich wahnsinnig gut an! So etwas habe ich ja noch nie erlebt. Das ist der Himmel auf Erden!“

„Nein, das ist die Gabe. Ich danke dir für deine Hilfe. Und jetzt muss ich los, bevor sie mich finden!“

Der Regen fühlte sich so gut an, dass ich die Halluzination völlig vergessen hatte. Ich blinzelte, um zu schauen, ob sie noch da war. Der Feenring war leer, und in dem ganzen Wäldchen war niemand mehr zu sehen.

„Gut! Vielleicht lässt die Wirkung allmählich nach“, sagte ich und drehte mich im Kreis, um mich zu vergewissern, dass ich auch wirklich allein war. Dabei stellte ich etwas Merkwürdiges fest. Ich drehte mich noch einmal, diesmal langsamer, und runzelte die Stirn, als ich zu der Wolke über mir aufschaute, aus der es immer noch sachte auf mich herabregnete.

Andere Wolken waren nicht am Himmel zu sehen – nur diese eine kleine thronte über meinem Kopf.

„Du gehörst auch zu diesem Pilztrip!“, sagte ich zu ihr. „Ich bilde mir nur ein, dass du da bist, genau wie ich mir einbilde, dass ich nass bin und gerade diese seltsame Frau hier war. Oh, hurra, Sarah ist zurück! Jetzt kehrt wieder Normalität ein!“

Durch die Bäume, die rings um die Bergkuppe standen, sah ich etwas Rotes aufleuchten, das die Rückkehr meiner Freundin ankündigte. Ich war sehr erleichtert und überlegte, ob ich ihr vielleicht gar nicht erzählen sollte, dass ich versehentlich an die Pilzsporen geraten war, aber wegen meiner Sorge, eventuell bleibende Schäden davonzutragen, kam ich zu dem Schluss, dass es das Beste war, alles zuzugeben und einen Arzt zu konsultieren.

„Tut mir leid, dass es so lang gedauert hat. Ich hatte leichte Schwierigkeiten mit dem Rechtsabbiegen … Grundgütiger, was machst du denn da?“ Sarah blieb drei Meter vor mir stehen und riss die Augen auf.

„Ich halluziniere, wenn du es unbedingt wissen willst, und das ist alles deine Schuld, weil du den blöden Pilzkreis sehen wolltest. Würdest du mich vielleicht ins nächste Krankenhaus bringen? Ich stehe unter dem Einfluss von psychedelischen Pilzen, und ich glaube, ich muss irgendwo in Ruhe entgiften.“

„Du … du machst Regen!“

„Nein, das gehört nur zu den Halluzinationen.“ Ich stutzte, und mir lief es kalt den Rücken runter. „Moment mal … Soll das heißen, du kannst die Wolke über mir auch sehen?“

„Natürlich kann ich sie sehen“, entgegnete Sarah und schritt in einem großen Kreis um mich herum. „Ich müsste blind sein, um sie nicht zu erkennen. Sie ist direkt über dir, eine einzige kleine Wolke, aus der es auf dich herabregnet. Und nur auf dich. Wie um alles in der Welt machst du das?“

„Nein“, sagte ich kopfschüttelnd. Ich wollte es nicht glauben. „Sie ist eigentlich gar nicht da. Sie ist nur eine Illusion, herbeigeführt durch halluzinogene Pilze. Du warst offenbar dicht genug an dem Ring, um auch ein paar Sporen einzuatmen. Wir sollten schnell das nächste Krankenhaus aufsuchen, wenn die Wirkung derart heftig ist!“

„Erzähl doch keinen Unsinn, Portia“, sagte Sarah und blieb vor mir stehen. Vor Freude und Ergriffenheit strahlte sie über das ganze Gesicht. „Das liegt an dem Feenring! Es gehört zu seiner Magie. Obwohl ich zugeben muss, dass ich noch nie etwas von Regenfeen gehört habe. Aber trotzdem, nicht einmal du kannst bestreiten, dass dieses Phänomen weit außerhalb aller Normalität liegt!“

„Oh, ich gebe zu, dass es wirklich nicht normal ist, von ein paar Pilzsporen so von der Rolle zu sein, aber es ist garantiert nichts, das sich nicht mithilfe von Erkenntnissen aus Chemie, Medizin und Biologie erklären ließe“, sagte ich und begann zu überlegen. Mit zusammengekniffenen Augen dachte ich über eine plausible Erklärung nach. „Es könnte auch mit Hope zu tun haben.“

„Mit was?“

„Mit wem. Mit einer Frau, die Hope heißt. Vielleicht war sie ja doch echt. Es ist sehr gut möglich, dass die ganze Sache ein abgekartetes Spiel war, weißt du? Sie hat vermutlich gewusst, dass hier eine Pilzsorte wächst, die einen empfänglich für hypnotische Suggestion macht.“

Sarah sah mich verwirrt an. „Eine Frau namens Hope hat dich hypnotisiert, als ich weg war?“

„Das würde das mit der Wolke und dem Regen erklären. Und die Lichter habe ich gesehen, als das Halluzinogen auf meine Synapsen zu wirken begann. Ja. Diese Hypothese gefällt mir. Wenn Hope nicht gehört hätte, wie du den Hügel heraufgekommen bist, hätte sie garantiert versucht, mich zu beklauen. Das ist wahrscheinlich so ein Trick, um unschuldige Touristen um ihr Geld zu bringen. Das sollten wir definitiv bei der Polizei melden, natürlich nachdem wir zur Kontrolle im Krankenhaus waren.“

„Portia, was du da sagst, ergibt nicht den geringsten Sinn“, erwiderte Sarah, schüttelte den Kopf und zeigte auf die Wolke über mir, aus der es immer noch ein wenig regnete. „Ich wurde nicht hypnotisiert, und ich stehe auch nicht unter dem Einfluss irgendwelcher Drogen, weder halluzinogener noch anderer. Du hast eine Wolke über deinem Kopf, aus der es regnet. Du stehst mitten in einem sehr berühmten Feenring, und du hast etwas gegessen, das in diesem Ring wuchs.“

„Du hast recht“, sagte ich und machte einen Schritt aus dem Ring. Die Wolke folgte mir. Ich ignorierte sie, so gut es ging.

Sarah wirkte verdächtig fröhlich. „Im Ernst? Du gibst zu, dass ich die Wette gewonnen habe? Du siehst ein, dass es sich um ein richtiges übernatürliches Ereignis handelt?“

„Natürlich nicht! Ich meinte, du hattest recht mit dem Grashalm, auf dem ich herumgekaut habe. Gegessen habe ich ihn zwar nicht, aber wenn Pilzsporen daran geklebt haben und ich sie in den Mund bekommen habe, dann hatte Hope vielleicht wirklich nichts damit zu tun, und es war alles nur ein dummer Zufall.“

„Ich glaube, du erzählst mir jetzt am besten ganz genau, was passiert ist, als ich weg war“, sagte Sarah und zog ein kleines Diktiergerät aus der Tasche. „Fang mit dem Moment an, als ich gegangen bin. Äh … Die kannst du wohl nicht verschwinden lassen, oder?“ Sie zeigte auf die Wolke.

„Sie ist eigentlich gar nicht da. Sie existiert nur in deiner Einbildung. Nein, ich meine, ich bilde sie mir nur ein … Moment, das passt doch gar nicht zu meiner Hypothese …“

„Erzähl mir einfach alles von Anfang an“, unterbrach Sarah mich energisch.

Während ich ihr die ganze Geschichte schilderte, versuchte ich eine Erklärung dafür zu finden, dass auch Sarah meine Halluzination sehen konnte. „Es kann nichts anderes sein als Massenhypnose“, sagte ich schließlich und betrachtete nachdenklich den Ring. „Es gibt einfach keine andere Erklärung.“

„Die gibt es sehr wohl, aber du bist zu stur, um das zuzugeben. Oh, Portia, das ist wirklich total aufregend! Ich hätte nie gedacht, dass ich mal jemanden kennen würde, der eine richtige Fee gesehen hat, aber du bist gerade tatsächlich einer begegnet!“ Sie packte mich am Arm und platzte fast vor Begeisterung. „Du hast gesagt, die Fee hat dir eine Art Gabe überbracht? Was ist es denn?“

Ich richtete den Blick gen Himmel und betete um Geduld, aber ich bekam lediglich Regentropfen in die Augen und sonst gar nichts. „Wir müssen hier weg. Sofort! Diese Pilze vernebeln uns eindeutig den Verstand!“

Ohne auf Sarah zu warten, drehte ich mich um und marschierte auf die Bäume zu. Ich hoffte, dass die Wirkung der Pilze abflaute, bis ich die Straße erreichte.

„Ich komme sofort! Ich will nur noch ein paar Fotos von dem Ring machen!“, rief Sarah mir nach.

„Wenn du plötzlich kleine glitzernde Lichter und eine merkwürdige paranoide Frau siehst, sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt!“

Der Wind frischte auf, als ich mich den Bäumen näherte, und das Geräusch, wie er an dem kleinen, kreisförmig angelegten Wäldchen vorbeifegte, klang merkwürdig hohl und dumpf, ja beinahe klagend. Aus irgendeinem Grund machte mich dieses Heulen ziemlich nervös.

„Das liegt nur an der Droge“, sagte ich zu mir und schob einen Ast zur Seite, der mir im Weg war. Dann merkte ich, wie sich meine Nackenhaare sträubten. „Meine Fantasie geht einfach mit mir durch … grk!“

Einen Sekundenbruchteil lang glaubte ich, ein Zweig sei zurückgeschnappt und habe mich am Hals getroffen, aber als ein dunkles Gesicht vor meiner Nase auftauchte, begriff ich, dass mich ein finsterer Mann im Würgegriff hielt.

„Was hast du mit Hope gemacht?“

Ich war so perplex, dass sich mein Gehirn– statt einen Fluchtplan zu schmieden– eine Weile Zeit nahm, um festzustellen, dass die Stimme des Mannes tief und bedrohlich klang, er einen leichten irischen Akzent hatte und seine Augen, deren Blick sich regelrecht in meine einbrannte, ein bisschen schräg standen. Doch es war noch etwas anderes, das meine Aufmerksamkeit fesselte: Seine Augen waren schwarz, ganz und gar schwarz, und es war kein Unterschied zwischen Iris und Pupille zu erkennen.

Ich packte den Arm des Mannes, mit dem er mir die Luft abdrückte, mit beiden Händen, aber er hielt meinen Hals ungerührt mit stählernem Griff umklammert.

„Lass mich los!“, keuchte ich und ließ von seinem Arm ab, um in meinen Taschen nach Schlüsseln oder einem Stift oder irgendetwas anderem zu suchen, womit ich mich gegen den Angreifer zur Wehr setzen konnte.

Er drückte noch fester zu, bis kleine schwarze Punkte vor meinen Augen tanzten, und sah mich grimmig an. „Sag mir, was du mit ihr gemacht hast! Bei Gott, sonst breche ich dir das Genick!“

3

Ich wand mich im Griff des Mannes und versuchte, ihm zwischen die Beine zu treten, aber er ahnte es voraus, ließ meinen Hals los und riss mich ruckartig herum. Ich konnte einmal tief Luft holen, bevor er mich wieder am Hals packte, während er mich mit der anderen Hand am Arm festhielt. „Wo ist sie?“, fragte er.

„Sie ist weg“, stieß ich hervor, obwohl bereits wieder schwarze Punkte vor meinen Augen tanzten. Ich versuchte, irgendwie Luft in meine Lungen zu bekommen, aber sein Griff war erbarmungslos, und ich hatte das Gefühl, mein Leben hinge nur noch an einem seidenen Faden. Verzweifelt kramte ich in meinen Erinnerungen, was ich über Selbstverteidigung wusste, aber mein Gehirn arbeitete nur langsam und schien nicht recht kooperieren zu wollen.

„Wohin?“

„Ich …“, ich warf mich nach hinten, um ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen, aber es gelang mir nicht, „… weiß nicht.“

Mir wurde schlecht, weil sich alles um mich herum zu drehen schien, und als ich glaubte, jeden Augenblick in Ohnmacht zu fallen – oder zu sterben –, erschreckte ein Blitz aus heiterem Himmel meinen Peiniger, und er ließ mich los.

Ich sackte zu Boden und rollte mich heftig nach Atem ringend zusammen. Während ich begierig Sauerstoff tankte, taxierte ich den Mann, der vor mir aufragte. Er war groß, größer als ich, und kräftig gebaut. Seine Haut hatte die Farbe von Milchkaffee, und der Ansatz seines dichten schwarzen Haars lief in der Stirnmitte spitz zu. Er schaute einen Moment in den Himmel.

„Hör auf damit!“

„Womit? Mit dem Atmen? Das hättest du ja beinahe für mich erledigt, danke!“

Er sah mich wütend an, während ich weiter meinen malträtierten Hals massierte. „Hör auf mit dem Regen!“

Wenn er die Regenwolke sah, konnte er unmöglich real sein. Andererseits hatte Sarah gesagt, sie sehe sie auch. Der Mann musste also ebenfalls Pilzsporen eingeatmet haben, und sie hatten bei ihm offenbar die gleiche Wirkung wie bei Sarah und mir. „Ich würde dieser Halluzination furchtbar gern ein Ende machen, wenn ich könnte!“

„Du musst sie mit deiner Willenskraft dazu bringen zu verschwinden“, entgegnete er und kam einen Schritt auf mich zu.

Ich krabbelte rückwärts wie ein Krebs und machte mich bereit, augenblicklich davonzulaufen, sobald er mich erneut angriff. „Ich glaube nicht, dass man Halluzinationen einfach mit Willenskraft vertreiben kann, so nach dem Motto: ‚Hau ab, Regen!‘“

Die kleine Wolke über meinem Kopf löste sich auf, bis nichts mehr von ihr zu sehen war.

Der Mann schaute mich an und zog eine Augenbraue hoch.

„Das beweist nur, dass sie nicht real war“, knurrte ich, während ich ihn weiter argwöhnisch beobachtete und auf eine günstige Gelegenheit wartete, um aufzuspringen und blitzschnell davonzulaufen.

„Du bist ein sterbliches Wesen?“

Ich richtete mich langsam auf. „Wie sehe ich denn aus? Wie eine Ofenkartoffel? Natürlich bin ich ein sterbliches Wesen“, fuhr ich ihn an, doch meine Stimme war nur noch ein Krächzen, das sich fast so schlimm anhörte, wie sich meine Kehle anfühlte.

Er fluchte.

„Wenn du mich noch mal anrührst, schreie ich wie am Spieß! Meine Freundin ist gleich hinter den Bäumen dort, und sie hat einige Mühen auf sich genommen, um Pfefferspray ins Land zu schmuggeln.“